Blüten gucken auf Malle

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Widmung 3

Prolog - Reizende alte Damen 4

1 - Unruhe 15

2 - Krankenhaus 20

3 - Neuigkeiten 27

4 - Verdächtig 35

5 - Spuren 44

6 - Vermutungen 55

7 - Seniorenresidenz 66

8 - Alte Bekannte 79

9 - Rätselhaft 93

10 - Del Inferno 105

11 - Trostlos 117

12 - Unerwartet 128

13 - Gefunden 144

14 - Sturz 156

15 - Annäherung 165

16 - Gelöst 175

17 - Ferien 193

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-586-8

ISBN e-book: 978-3-99107-587-5

Lektorat: LSM

Umschlaggestaltung und Illustration: Stefan Bachmann

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Für Mama

***

Prolog - Reizende alte Damen

Der Tag war viel zu schön für einen Mord. Außerdem fehlten noch einige Vorbereitungen. Und ihr Glücksbringer ließ auch auf sich warten.

Dann eben erst morgen!

Nach diesem Entschluss lehnte sich Elfi erleichtert zurück.

Die Sonne wärmte bereits merklich; sie musste unbedingt ihr Gesicht in den Schatten bringen, wenn sie Falten vermeiden wollte. Entschlossen lenkte sie ihren Rollstuhl unter eine dickbauchige Palme.

Das Meer glänzte vorn helltürkis und am Horizont dunkelblau. Dazwischen Grün- und Blautöne in allen Schattierungen. Durch die Pinienzweige ein Bilderbuchmotiv: blauglitzerndes Meer, gezackte Felsreihen, strahlender Himmel.

Sie genoss den Anblick, wollte ihn bewusst genießen.

Dann schloss sie die Augen. Noch ein halbes Stündchen Dösen – danach war es Zeit für den Seelentröster und den Immobilienmakler.

***

Anna-Maria hatte neue Packen Toilettenpapier, Seife und Handtücher geholt. Bevor sie sich seufzend ihrer letzten Aufgabe heute widmete, warf sie einen Blick aus dem glasumrahmten Flur des obersten Hotel-Stockwerks in den Garten.

Zwischen den Palmen sah sie am Blau der drei Pools einige farbige Flecken – Gäste, die sich in bunter Kleidung, in Bikini oder Badehose sonnten. Ein junges Paar vergnügte sich bereits im herzförmigen Whirlpool. Vier ältere Menschen spielten Mini-Golf. Irgendwo im Schatten erblickte sie die Diva; offensichtlich brauchte sie Ruhe. Denn ihre beiden ständigen Begleiterinnen fehlten, und ihr Rollstuhl verschwand fast unter dem Blätterdach einer Palme.

Am Ende des Grundstücks säuberten die Gärtner, Carlo und Juan, möglichst unauffällig die Wege. Ja, jetzt sah sie auch die beiden anderen Damen: Abuelita – Omichen – und Estrafalario – die Schrille – spazierten zwischen den weiß-rosa-rotblühenden Alpenveilchen.

Die beiden plauderten angeregt, das heißt, Omichen redete.

Die Schrille hielt den Kopf ihr zugeneigt und nickte, schaute aber unauffällig umher, ab und zu einen Schluck aus ihrer grünen Kaffeetasse nippend. Wenn es denn wirklich nur Kaffee war: Anna-Maria hegte begründete Zweifel, hatte sie doch bereits mehrmals kleinere und größere Flaschen von Jägermeister, Cognac und Sekt aus dem Zimmer entsorgt.

Offenbar stärkten sich die beiden gerade für einen längeren Ausflug; denn Kameras baumelten um den Hals, Rucksäcke hingen lose über den Schultern und feste Wanderschuhe deuteten auf größere Unternehmungen hin. Bei Estrafalario war übrigens heute nicht nur die Kaffeetasse giftgrün – alles andere war ebenfalls in Grün gehalten.

Anna-Maria seufzte bedrückt: Wieviel Geld musste man haben, damit man Rucksack und Schuhe und Kleidung täglich farblich neu aufeinander abstimmen konnte, auch wenn alle qualitativ minderwertig waren? Andererseits – wenn man die pummelige Figur und das Aussehen von Estrafalario bedachte, gab es wirklich keinen Grund, neidisch zu sein. Und dann noch deren schreckliches Verhalten!

Anna-Maria fand es einfach, Omichens Zimmer sauber zu machen – alles aufgeräumt, die Wanderbücher aufgestapelt auf dem Couchtisch, die vom Supermarkt erworbene Mineralwasserflasche über der Minibar abgestellt, die wenigen Kleidungsstücke mittlerer Qualität ordentlich im Schrank verstaut, wenige Fotos zum Abstauben.

Das Zimmer der Diva war das reinste Vergnügen: Haufen von topmodischen Pullovern, Hosen, T-Shirts, Jacken, Röcken und Blusen in allerfeinster Qualität lagen überall herum. Diese auf Bügeln im Schrank zu verteilen, machte einfach Spaß! Und die vielen luxuriösen Tübchen und Döschen und Gläschen und Fläschchen, Kämme und Spangen, duftende Parfüms und Cremes und Lotionen – für Anna-Maria war es eine Freude, diese nach dem Reinigen des Badezimmers immer wieder neu zu ordnen, nach Farben und – wenn sie Zeit hatte – auch nach Gerüchen (doch das durfte natürlich niemand wissen).

Das Zimmer von Estrafalario dagegen war eine Qual: ein einziges Chaos von ineinander geknäulter sauberer und schmutziger minderwertiger Kleidung in Übergröße, von leeren Flaschen, Haarfärbemittel, neu erworbenem Touristen-Krimskrams, billigem Nagellack, Tablettenschachteln. Einmal hatte Anna-Maria sogar eine gebrauchte Slipeinlage in all dem Durcheinander gefunden, ein anderes Mal, zu ihrer großen Überraschung, ein fein gearbeitetes Goldkettchen.

Worauf musste sie heute gefasst sein?

Vor dem Zimmer angelangt, holte sie tief Luft und öffnete vorsichtig die Tür.

***

Etwa zur gleichen Zeit ärgerte sich Miguel über den Blick des Barkeepers. Was war schon dabei, wenn er sein zweites Glas Whisky bestellte? Die Touristen tranken viel mehr um diese Zeit! Aber nein, Xavier schaute ihn seltsam an und fragte ihn obendrein, ob es ihm gut ginge.

Natürlich nicht.

Wenn alles in Ordnung wäre, brauchte er nicht morgens um elf zwei Whiskys. Aber das hatte Xavier nichts anzugehen, auch nicht als socio simpatico, Mitglied desselben Fußballvereins. Me va bien – y tu?

Er wartete Xaviers Antwort nicht ab, sondern verzog sich mit seinem zweiten Whisky sofort auf die schattige Terrasse, um in Ruhe nachzudenken. Er musste eine Lösung für sein Problem finden. Und zwar sofort. Was ihm sein englischer Freund John raten würde, wusste er, aber er sträubte sich. Fremde Reiche … Das kam überhaupt nicht in Frage. Schließlich liebte er seine Frau und seine Kinder.

Oder gerade deshalb?

Fast gegen seinen Willen scannten seine Augen den Hotelgarten. Es schien nicht allzu schwierig, es gab viele Möglichkeiten. Zum Beispiel die Blondine, deren Gesicht im Schatten der Yukkapalme einen kindlich-unschuldigen Ausdruck zeigte. Zudem brach sich die Sonne in ihrem Diamantring und spiegelte sich in ihrem goldenen Armband.

Statt wie geplant nur am Whisky zu nippen, nahm er einen tiefen Schluck und bekam einen Hustenanfall. Als er wieder normal atmen und klar blicken konnte, wusste er, dass er keine Alternative hatte. Er kippte den Rest des Whiskys hinunter, brachte das Glas zurück und orderte una botella champana y dos copas.

Es half alles nichts; und Xavier wusste es auch: Als er ihm die Flasche Sekt mit den zwei Gläsern reichte, wünschte er ihm „Viel Glück!“ – Buena suerte!

Aber er schaute ihn nicht an.

***

Im Rückspiegel sah der Taxifahrer die zwei Frauen auf sich zukommen. Die Schirmmützen über den faltigen Gesichtern, die festen Wanderschuhe und der prallgefüllte Rucksack, der baumelnde Fotoapparat auf der ebenfalls baumelnden Brust, die wadenlangen Jeans mit Ausblick auf knochige beziehungsweise runde Unterschenkel mit rauer Haut zwischen Socken und Jeansrand und der viel zu grelle Anorak über dem gewölbten Bauch – all diese Dinge wiesen sie deutlich als Touristinnen aus. Keine Spanierin würde sich so unelegant kleiden. Und dann noch alles in Giftgrün – jedenfalls bei der dickeren der beiden.

 

„Taxi?“ Er nickte.

„Nach Valdemossa?“

Er nickte wieder. Sie stiegen ein. Er informierte die Zentrale und fuhr sofort los. An einem solch strahlendblauen Tag würde die Fahrt ein Vergnügen sein.

Was ihn wunderte: Sie sahen nicht reich aus, aber keine hatte nach dem Preis gefragt. Wer würde zahlen? Die Normalgewichtige mit den grauen mittellangen Locken oder die auf jung getrimmte, rundliche Giftgrüne mit der Kurzhaarfrisur für modische Siebzehnjährige? Den flüchtigen Gedanken, es könnte sich um Zechprellerinnen handeln, verwarf er sofort. Wahrscheinlich würden sie sich die Fahrt teilen. Immerhin unterhielten sie sich auf Deutsch. Und er hatte schon viele schrullige, reiche Deutsche gesehen.

***

Plötzlich verwandelte sich Elfis sonniger Traum in ein dunkles Chaos. Alle Heiterkeit zerfloss; es herrschte ein wirres Durcheinander von Tönen, Farben, Gerüchen.

Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch sie konnte im gleißenden Sonnenlicht nichts erkennen. Jemand murmelte etwas Unverständliches. Sie wollte antworten, doch ihre Stimme versagte.

Dann legte sich ein Schatten über sie.

„Sie haben schlecht geträumt, Señora“, sagte eine angenehme Männerstimme. „Und Sie frösteln. Darf ich Sie wieder in die Sonne schieben?“

Nun taten die Augenlider ihren Dienst und sie erblickte einen sympathischen, braungebrannten Mann mittleren Alters mit nur wenig Grau im kurzgeschnittenen dunklen Haar.

Als sie nickte, schob er ihren Rollstuhl sanft neben eine Sitzecke, die etwas abseits von der Sonne beschienen wurde.

Er lächelte entschuldigend. „Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Darf ich Sie zu einem Glas Sekt einladen?“

Bevor sie sich versah, fühlte sie ein Glas in ihrer Hand. Salud! Me llamo Miguel! „Ich heiße Miguel, Prost!“

Sie wehrte ab, besann sich dann aber eines Besseren.

Was schadete es, wenn der Immobilienhändler ein bisschen wartete?

Es lohnte sich immer, mehrere Eisen im Feuer zu haben.

Und außerdem winkte ihr links aus dem Hintergrund Carlo freundlich mit einem kleinen flachen Glasgegenstand in der Hand zu.

Ihr Glücksbringer.

Langsam hob sie ihr Glas.

***

Beim Abendessen tauschten die drei ungleichen Freundinnen ihre Tageseindrücke aus. Die Giftgrüne hatte sich inzwischen hellgelb gekleidet.

„Valdemossa – ein Traum! Das Kloster von Georges Sand und Chopin und die vielen netten Geschäfte und Cafés! Und die terrassenförmige Anordnung der Stadt! Und die schönen Gärten und die freundliche deutschsprechende Bedienung!“ Und … und … und …

Die gemeinsame Begeisterung ihrer beiden so unterschiedlichen Freundinnen kannte keine Grenzen. Elfi fühlte sich zunehmend unzufrieden. Was hatte sie für diesen Tag zu bieten? Dösen im Garten, ein völlig unbefriedigendes Immobilen-Angebot? Ärger über laute und schwatzhafte Gäste? Keine Seite des Romans?

Sie versuchte, ihre Gedanken zu sammeln, doch mittendrin lenkte sie der vielversprechende Satz ab: „Wir haben eine tolle Villa für dich gefunden!“

Fotoapparate wurden hervorgezerrt. Nach einigen technischen Komplikationen sah sie sich Aug in Aug mit einem verwunschenen, großen Haus aus beigem Sandstein, berankt mit Bougainvillea, mit Orangen- und Zitronenbäumen im – natürlich terrassenförmigen – Garten und einem blauen Swimmingpool, um den ein paar Schafe und Ziegen grasten.

„Romantisch, nicht?“

„Und zu verkaufen! Wäre das nichts für dich?“

Doch – auch Elfi fand das Ambiente ansprechend und auf den ersten Blick geeignet für ihre Bedürfnisse. „Habt ihr die Adresse des Maklers notiert?“

Natürlich hatten sie das nicht.

Um abzulenken, fragten die beiden Valdemossa-Besucherinnen nach Elfis Tag. „Und du, was hast du gemacht?“

Elfi dachte kurz nach.

„Ich habe einen netten Mann kennengelernt.“

Ja, das war das einzig Schöne heute, freute sich Elfi innerlich.

Aber ihre beiden Bekannten schienen wenig begeistert.

Oh Gott, nicht schon wieder!

Die beiden warfen sich bezeichnende Blicke zu und strebten ans Büffet unter dem Vorwand, ein weiteres leckeres Dessert zu benötigen.

***

Der nächste Morgen begann perfekt mit orange-farbigem Sonnenaufgang über zartblauem Meer. Dies nahm Elfie als ein gutes Vorzeichen.

Nach dem Frühstück wurde sie von Miguel abgeholt. Sie sah mit Genugtuung im Seitenspiegel, wie eine kleine weibliche Kugel, heute ganz in Lila, neidisch dem weißen Mercedes hinterherwinkte.

Nach einem kurzen Verkehrsgewühl in Alcudia bogen sie rechts ab Richtung Ermita La Victoria. Doch auch diese kleine, ruhige Straße verließen sie bald und und fuhren erneut rechts in einen Pinienwald. Irgendwann öffnete sich automatisch ein Tor und nun schlängelten sie sich auf steinigen Wegen durch eine Landschaft mit atemberaubenden Aussichten auf blaues Wasser und einzelne Landhäuser.

„Bitte Augen schließen“, ordnete Miguel nach einer Weile sanft an. Dann stoppte er das Auto. Sie erwartete einen Kuss und presste die Augenlider fest zusammen, aber er sagte nur: „Schauen!“ Sie blinzelte in die Sonne und vor ihrem Blick erschien ein weißer maurischer Palast in einem Palmenhain, den kunstvolle Skulpturen schmückten. Sie hielt den Atem an. Das hatte sie nicht erwartet.

Aber es kam noch besser: Miguel und Elfi erhielten eine fachkundige exquisite Führung. Offenbar vom Künstler und Besitzer höchstpersönlich oder einem Nahestehenden, ganz klar war ihr das nicht. Es war auch egal. Sie genoss die Fürsorge und das Fachwissen der beiden Männer, die sie durch den sonnigen Figurenpark begleiteten. Den krönenden Abschluss bildeten die hervorragenden Kinderporträts im ehemaligen Wasserspeicher. Und so geschmackvoll präsentiert!

Als sie über die Behindertenrampe ins Freie gelangten, war sie glücklich wie schon lange nicht mehr.

Wie immer folgte dann die tiefe Enttäuschung.

Ein Taxi hielt an und entließ eine lila ältere Kugel und eine eigentlich ganz nette, graumelierte Seniorin mit mittellangen Locken.

***

Jetzt nach dem morgendlichen Ausflug hatte sich Elfi zum Schreiben an den Strand zurückgezogen. Ihr Rollstuhl stand an der Wasserlinie. Sie hoffte, dass die warme Mittagssonne und das gleichmäßige Rauschen der Wellen ihre Laune verbessern würde. Aber ihr Notizbuch war immer noch leer.

„Konzentrier dich auf dein Vorhaben!“, befahl sie sich.

Also: Tatort, Tatmotiv, Tatwaffe.

Sollte Valdemossa der richtige Ort sein? Heute Nachmittag würden sie die Villa besichtigen, deren Fotos die beiden Freundinnen ihr gezeigt hatten. Miguel kannte den Makler und hatte einen Termin vermittelt.

Zu zweit war es geplant gewesen – Miguel und sie. Der Makler, den Miguel kannte, würde nur aufschließen und erst später für ihre Fragen zur Verfügung stehen.

Aber nun würden sie zu viert fahren. Zu viert!

Sie musste sich etwas einfallen lassen, um das zu verhindern. Dennoch spürte sie den Ärger erneut in sich aufsteigen.

***

Denn das Taxi heute Morgen an der Finca La Bassa hatte alles verändert.

Die lila Kugel hatte dem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld gegeben und ihn gebeten, in zwei Stunden zurückzukommen. Sie und ihre Freundin würden sich jetzt in Ruhe in dieser vom Reiseführer empfohlenen Sehenswürdigkeit umschauen und wollten natürlich das „rein zufällig, welche Überraschung!“ getroffene Paar nicht stören.

Doch der Künstler und Besitzer (oder wer er auch war) hatte sie zu einem kleinen Imbiss eingeladen: „You and your charming friends.“

Eigentlich hatten auf der Terrasse im Schatten eines großen Oleanderstrauches nur drei Sektgläser neben dem Eiskübel auf einem hohen Bistro-Tisch gewartet und drei Teller für die appetitlich aussehenden Tapas unter einer gläsernen Haube. Nun wurde schnell weiteres Geschirr herbeigeschafft.

Das Essen verlief in Elfis Augen völlig unbefriedigend.

Der Besitzer und Künstler widmete sich mit Hingabe der lila Kugel, die sich völlig unerwartet als Kunstsammlerin auswies. Witterte er ein gutes Geschäft? Oder war er einfach nur höflich?

Und die Graumelierte plauderte auf Miguel ein. Ihr Redeschwall war nicht zu stoppen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass er im Schwarzwald als Gastarbeiterkind geboren war. „Was, in Staufen? – Das ist gar nicht weit weg von meinem Wohnort! Mein Mann liebte Staufen! Wir waren häufig dort, als er noch lebte. Das Faust-Haus! – Ach, und kennen Sie …“

Elfi selbst war abgehängt. Niemand kümmerte sich darum, ob ihr Rollstuhl im Schatten stand oder nicht. Ihr Sekt wurde warm in ihrer Hand. Sie räusperte sich. Ohne ihre Rede zu unterbrechen, reichte ihr die Graumelierte die Platte mit den Tapas, damit sie sich bedienen konnte. Es war unbequem, im Rollstuhl zu essen.

Die anderen bewegten sich plaudernd auf der Terrasse und zeigten sich gegenseitig im Stehen „entzückende Ausblicke“ aufs Meer.

Aus ihrer Rollstuhl-Position sah sie nichts.

Der Höhepunkt der Missachtung aber kam, als Miguel mit ihren beiden Bekannten verabredete, dass es doch nett sei, wenn sie alle heute Nachmittag in Valdemossa die sehenswerte Villa, die zum Kauf stand, besichtigen würden.

Über ihren Kopf hinweg!

***

In der Erinnerung an diese demütigende Szene stieg erneut der Ärger in Elfi hoch. Als er sich allmählich in giftige Wut verwandelte, spürte sie kreative Energie in sich aufsteigen.

Eigentlich war das Tatmotiv ganz einfach zu finden.

Vor ihrem geistigen Auge sah sie die Szene … und der Stift flog fast von allein über das Papier.

Als sie nach langer Zeit aufschaute, weil sich Sonne und Wind veränderten, umspielten die Wellen bereits die Räder ihres Rollstuhls. Die Flut lief immer weiter auf. Sollte sie sich selbst befreien? Nein, lieber nicht. Sie beschloss, auf Hilfe zu warten.

***

Valdemossa nachmittags verlief nach Elfis Plan, nachdem sie dem Taxifahrer mit den beiden Freundinnen, der dem Mercedes folgen sollte, eine gehörige Summe zugesteckt hatte, damit er unterwegs eine Panne bekam.

So gehörte die Villa für zwei Stunden nur ihr und Miguel und dem Makler.

Die inzwischen hellblaue Kugel kam erschöpft an, als bereits alles besichtigt war und Miguel den Makler und Elfi gerade im weißen Mercedes zurückfahren wollte.

Das letzte, was sie aus den Augenwinkeln heraus bemerkte, war, wie die nette Graumelierte versuchte, dem kugeligen Hellblau die Enttäuschung auszureden. Sie fühlte Genugtuung.

***

Elfi hatte gewonnen!

Und sie hatte Inspirationen für den Roman bekommen.

Zur Feier des Sieges in der Abenddämmerung hatte sie Champagner mit auf den Steg genommen. Die untergehende Sonne färbte die östlichen Bergzacken rosa. Auch das Meer malte sich rosig-blau. Und zu allem romantischen Überfluss segelten auch noch rosa Wölkchen am zartvioletten Himmel.

Es war doch noch ein gelungener Tag geworden.

Und sie würde wieder kreativ sein können! Sie hatte einen perfekten Plan, um das sicherzustellen.

Sie trank den Rest des Champagners aus und küsste das goldene Etikett zärtlich. Ihr Seelentröster, ihr Buddelschiff!

Danach setzte sie ihre Idee in die Tat um.

Sie hob beide Arme triumphierend über den Kopf und schleuderte die Flasche mit einer heftigen Bewegung weit ins Meer.

1 - Unruhe

Diesen Tag im Februar würde Ulla nie vergessen.

KH und sie hatten lange geschlafen an diesem zehnten Morgen nach ihrer Pensionierung. Nach einem ausgiebigen Frühstück hatte sie ein wenig Hausarbeit erledigt und war dann zum Bummeln und Einkaufen gefahren.

Als sie mit Körben beladen zurückkehrte, hatte KH sie zärtlich geküsst.

„Schön, dass ich dich schon um vier Uhr zu Hause habe“, hatte er gesagt und war sofort wieder hinter seinem PC im Arbeitszimmer verschwunden.Während sie die Einkäufe verstaute, versuchte sie, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Schließlich sollte er merken, dass sie anwesend war.

„Was gibt’s bei dir Neues?“

„Nichts, nur diese leidigen Anrufe.“

Sie kannte seine Klagen über „Dummenfang bei Rentnern“: angeblicher Gewinn in der Klassenlotterie, angeblich nicht bezahlte Internet-Rechnungen, angeblich getätigte Be-stellungen.

„Heute war jemand besonders hartnäckig. Er hat es wieder und wieder versucht. Mit dem umgekehrten Enkeltrick.“

 

„Was ist das denn – umgekehrter Enkeltrick?“

Neugierig stellte sie sich neben seinen Schreibtisch und faltete einen Einkaufsbeutel zusammen.

„Nun ja, ein sogenannter Manuel wollte dich sprechen. Im Auftrag deiner Mutter. Sie läge auf Malle im Krankenhaus. Natürlich sollst du Geld überweisen. Das hat er zwar noch nicht gesagt, aber darauf läuft es doch hinaus“. KH als eifriger Zeitungsleser kannte die Betrugsversuche an Senioren.

„Wer wollte mich sprechen?“

Die schrille Betonung des ersten Wortes und der Ton ihrer Stimme irritierten ihn.

„Ein Manuel. Wegen Mama auf Malle.“

KH sah die plötzliche Blässe in ihrem Gesicht und bemerkte, wie sie mit zitternder Hand nach dem Telefon tastete.

„Du meinst doch nicht etwa …? Liebes! Das ist doch nicht echt! Mama ist doch kerngesund!“

***

Viereinhalb Stunden später befand sich Ulla dank der Professionalität von Frau Bachlhubers Reiseboutique über den Alpen. Jedenfalls behauptete dies der Flugkapitän in seiner Zwischeninformation.

Sie sah nichts, sondern nagte an ihrem pappigen Käsebrötchen, eingequetscht zwischen zwei Mitreisenden. Zum hundertsten Mal versuchte sie, ihre Gedanken zu sortieren.

Frau Bachlhuber hatte ihr das letzte Ticket für diesen Flug besorgt und ohne Umstände eine Umbuchung vorgenommen. Genau dies hatte sie schon einmal vor vier Wochen getan, als Mama sich spontan entschlossen hatte, der Einladung ihrer angeheirateten Cousine zu folgen und vor dem gebuchten gemeinsamen Termin nach Palma zu fliegen. KH würde übermorgen wie geplant nachkommen.

Eigentlich war diese Reise zu dritt ein Weihnachtsgeschenk.

„Blüten gucken auf Malle“, hatte Mama im November auf die Frage nach einem Weihnachtswunsch geäußert. „Mandelblüte. Das kann man im Februar. Dann bist du in Pension und KH hat sowieso Zeit.“

Also lagen unter dem Weihnachtsbaum Tickets für die Flüge und zwei nette Hotelzimmer.

Aber nach Silvester hatte ETA bei Mama angerufen. Ihre Tochter Jenny werde im März eine Seniorenresidenz in Port d’Alcudia eröffnen. Sie könnten jetzt schon kostenlos probewohnen – als Test für eventuell notwendige Verbesserungen.

Warum nicht? Mama war rüstig und kam überall zurecht, wieso sollte sie nicht vorausfliegen?

Ulla hatte Bedenken.

„Du kennst ETA doch gar nicht mehr richtig. Und wie du sie immer beschreibst, hat sie sicherlich irgendeinen Hintergedanken.“

Ja klar, Mama sah das auch so. ETA würde Gegenleistungen erwarten. Aber was sollte das schon sein?

„Vielleicht, dass ich sie nett unterhalte. Oder ihr mal ein Fläschchen besorge. Oder zwischen ihr und Jenny vermittele.“

Also brach Mama auf.

Die regelmäßigen Telefonate zeigten Begeisterung über die Schönheit der Landschaft, das gute Wetter und „die netten Leute“.

Über ETA, Jenny und ETAs Söhne, Elmar und Manuel, die irgendwo auf Mallorca ein Restaurant betrieben, fielen Mamas Berichte deutlich knapper aus. Doch sie war munter und gesund.

Aber dann der Anruf heute.

Als Ulla endlich Manuel an der Strippe hatte, murmelte er nur etwas von „ernster Zustand“, „bewusstlos“ und „Unfall“. Falls irgend möglich, solle Ulla am besten sofort kommen.

Es folgten zwei hektische Stunden.

Am schwersten fiel der Abschied von KH.

„Übermorgen sehen wir uns wieder“, versuchte sie ihn zu trösten.

Seine lieben Augen blickten traurig und sie wusste, dass er sich todunglücklich fühlte.

Von jetzt an würde er unter Dauerangst leiden.

„Pass auf dich auf, Liebes!“

Sie versprach es immer wieder.

Noch vom Gate aus hatte sie ihm unzählige telefonische Anweisungen gegeben, nur damit er nicht ins Grübeln kam und sich die nächsten zwei Tage beschäftigte.

Sie versuchte, sich zu beruhigen und ein bisschen zu schlafen. Die Nacht würde lang werden. Doch ihre Gedanken kreisten.

Was wusste sie eigentlich?

ETA war eine Cousine ihres Vaters. Sie hatte nach dem Krieg einen britischen Ex-Major – Uncle Ed – geheiratet und hieß eigentlich Elvira. Weil sie „Tante Elvira“ als altmodisch empfand, hatte sie ETA erfunden.

„Ganz einfach – ElviraTAnte!“, hatte sie der kleinen Ulla erklärt, die hingerissen war von dieser Idee und dem Glamour, den ETAs Besuche in das verschlafene nordhessische Dorf brachten. Schicke Kleider, platinblonde Dauerwellen, hochhackige Stöckelschuhe und Onkel Eds Sportwagen!

Ulla hatte „Uncle Ed“ sehr gemocht; er war immer gut gelaunt, kümmerte sich um die Kinder und zeigte sich freigiebig. Sein Tod vor ein paar Jahren hatte ihr leidgetan, aber damals hatte sie die Familie schon längst aus den Augen verloren.

Eine schöne Kindheitserinnerung – ja, das war die Familie Gordon. Jenny, Manuel und Elmar waren jünger als sie. Sie hatten sich als Urlaubs-Spielkameraden gut geeignet – mehr nicht.

Oder?

Irgendetwas in ihrem Unterbewusstsein meldete sich.

War da nicht noch ein weiteres Kind? Sie versuchte, sich an die Besuche in Bonn-Bad Godesberg zu erinnern, wo die Gordons wohnten. Anspielungen von Mama fielen ihr ein, die irgendwelche tragischen Umstände andeuteten.

Plötzlich schreckte Ulla hoch; Panik überfiel sie.

Was war, wenn sie wieder ihre Pin vergessen würde und ihr Handy nach der Landung nicht mehr einschalten konnte?

Nach der Erfahrung des letzten Males hatte sie sich die Zahlen sicherheitshalber aufgeschrieben; aber wo war der Zettel?

Hektisch fischte sie unter dem Vordersitz nach ihrem Rucksack, wühlte nach der Handtasche, suchte ihr Portemonnaie. Kein Zettel. Vielleicht in der Brieftasche. Wo war die? Ach ja, vermutlich noch im Mantel oben in der Ablage. Trotz der missbilligenden Blicke ihrer Nachbarn versuchte sie, aufzustehen.

Eine Stewardess schob sie sanft, aber bestimmt zurück. „Bitte bleiben Sie angeschnallt. Wir befinden uns im Landeanflug auf Palma.“

Sie fühlte sich hilflos.