Die ersten 100 Jahre des Christentums 30-130 n. Chr.

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Udo Schnelle

Die ersten 100 Jahre

des Christentums

30–130 n.Chr.

Die Entstehungsgeschichte einer Weltreligion

3., neubearbeitete Auflage

Vandenhoeck & Ruprecht

Prof. Dr. theol. Udo Schnelle war bis 2017 o. Professor für Neues Testament an der theologischen Fakultät in Halle. Veröffentlichungen: Gerechtigkeit und Christusgegenwart. Vorpaulinische und paulinische Tauftheologie, 21986; Einführung in die neutestamentliche Exegese, 82014; Antidoketische Christologie im Johannesevangelium, 1987; Wandlungen im paulinischen Denken, 1989; Neutestamentliche Anthropologie, 1991; Neuer Wettstein II, 1996 (mit G. Strecker); Neuer Wettstein I/2, I/l.l, I/1.2, 2001.2008.2013; Einleitung in das Neue Testament, 92017; Das Evangelium nach Johannes, 52016; Paulus. Leben und Denken, 22014; Theologie des Neuen Testaments, 32016; Die Johannesbriefe, 2010; Die getrennten Wege von Römern, Juden und Christen, 2019; Aufsätze.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de

Mit 20 Abbildungen

Umschlagabbildung: Altkirchliches Christogramm; Kunstsammlung der Theologischen Fakultät Halle; Foto: Udo Schnelle

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2019, 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen

www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Printed in Germany.

Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: Brasse & Nolte Ruhrstadt Medien GmbH & Co. KG, Castrop-Rauxel

EPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

UTB-Band-Nr. 4411

ISBN 978-3-8463-5229-8 (UTB)

Vorwort

Dieses Buch will in die komplexe Geschichte des frühen Christentums einführen und wendet sich gleichermaßen an Theologen/Theologinnen und interessierte Laien. Drei Aspekte sind in den letzten zehn Jahren der Arbeit an diesem Buch in den Vordergrund getreten: 1) Das frühe Christentum war von Anfang an eine vielgestaltige, plurale Bewegung. 2) Ereignis- und Ideengeschichte bildeten mit dem Beginn des frühen Christentums eine Einheit; Ereignisse riefen theologische Deutungsleistungen hervor und Ideen machten Geschichte. 3) Erstaunlich sind die hohe Literaturproduktion der neuen Bewegung und die damit verbundenen denkerischen und kulturellen Leistungen. Man schuf Literatur und bewegte sich in Literatur, so dass das frühe Christentum auch als ein Bildungsphänomen begriffen werden muss.


Halle, im Dezember 2014 Udo Schnelle

Vorwort zur 3. Auflage

Die 3. Auflage stellt eine Neubearbeitung dar. Über den gesamten Text verteilt wurden kleinere und mittlere Abschnitte neu eingefügt und aktuelle Literatur verarbeitet. Dabei habe ich mich bemüht, das Profil der Darstellung zu schärfen: Das werdende Christentum war relativ früh eine eigenständige Bewegung, die gleichermaßen über eine charismatische und eine intellektuelle Anziehungskraft verfügte.


Süpplingenburg, im Februar 2019 Udo Schnelle

Inhalt

1. Vom Schreiben einer Ursprungsgeschichte

1.1 Geschichte als Gegenwarts- und Vergangenheitsdeutung

Interesse und Erkenntnis

Fakten und Fiktion

Das Vorgegebene

1.2 Geschichte und Methode

Quellen

Chronologischer Ansatz

Kulturelle Kontexte und Handlungsträger

Ideen- und Sozialgeschichte

Mikrogeschichte

Makrogeschichte

2. Begriff und Abgrenzung der Epoche

2.1 Urchristentum oder frühes Christentum?

2.2 Der zeitliche Rahmen

3. Voraussetzungen und Kontexte

3.1 Der Hellenismus als Weltkultur

Karte: Der Feldzug Alexanders

Griechisch als Weltsprache

Judentum und Hellenismus

3.2 Die griechisch-römische Kultur

Griechische Religion

Römische Religion

Mysterienreligionen

3.2.1 Philosophische Hauptströmungen

Kyniker

Stoa

Epikur

Skeptizismus

Mittelplatonismus

Tafel 1: Philosophische Schulen/Strömungen

3.3 Das Judentum

Der Begriff ‚Judentum‘

Die Diaspora

Die politische Situation des Judentums um die Zeitenwende

Makkabäeraufstand und Gruppenbildung

Messianische Gestalten und Bewegungen

Der jüdische Krieg

3.3.1 Die jüdische Religion

Apokalyptik

Weisheit

Tafel 2: Chronologie der jüdischen Literatur

3.4 Die politische und wirtschaftliche Situation im Imperium Romanum des 1./2. Jh. n.Chr.

Karte: Das römische Reich in ntl. Zeit

 

3.4.1 Grundzüge der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der frühen Kaiserzeit

Die Gesellschaftsstruktur

Die antike Wirtschaft

Das frühe Christentum in seinen Kontexten

Tafel 3: Chronologie Weltgeschichte/Palästina

4. Die neue Bewegung der Christusgläubigen

4.1 Die Osterereignisse

Das Begräbnis Jesu

Erfahrungen des Auferstandenen

Das leere Grab

4.2 Die Entstehung der Christologie

Jesu vorösterlicher Anspruch

Das Wirken des Geistes

Relecture der Schrift

4.3 Der neue Diskursgründer und das neue Denken

Jüdische Basissätze

Griechische Vorstellungen

Neues Denken

5. Die Jerusalemer Gemeinde

5.1 Die Anfänge

Die ersten Ereignisse

Erste Strukturen

Religiöse Erfahrungen

5.2 Gruppen und Personen

Der Zwölferkreis

Die Apostel

Das lukanische Konzept

Das paulinische Konzept

Weitere Apostelkonzeptionen

Petrus

Jakobus

Die Familie Jesu

Die Zebedaiden

Barnabas

5.3 Orte: Der Tempel

5.4 Konflikte

Die Sadduzäer als Gegner der neuen Bewegung

Paulus als Verfolger

5.5 Theologische Institutionen und Diskurse

Taufe

Herrenmahl

Neue Sozialformen?

Hebräer und Hellenisten

Stephanus und die Folgen

5.6 Texte: Die Passionsgeschichte

5.7 Die theologische Entwicklung der frühen Jerusalemer Gemeinde

Christologische Hoheitstitel

Weisheit und Präexistenz

6. Frühe Gemeinden und frühe Mission außerhalb Jerusalems

6.1 Kontexte: Mobilität und religiös-philosophische Vielfalt im Römischen Reich

Äußere Faktoren

Innere Faktoren

6.2 Personen

Philippus

Petrus

Barnabas

Paulus

Apollos

Prisca und Aquila

6.3 Gruppen: Die Jesus-Bewegung

Strukturen

Leben und Ethik

In den Konflikten der Zeit

Jesus als Wundertäter

Die Vielfalt der Jesus-Bewegung

6.4 Landschaften/Orte

Galiläa

Judäa

Samaria

Damaskus

Antiochia

Rom

Alexandria

6.5 Konkurrenten und Konflikte

Die Täuferbewegung

Die Verfolgung unter Agrippa I.

Das Claudius-Edikt

Lokale Konflikte

6.6 Die Herausbildung einer eigenen Kultpraxis und Theologie/erste Institutionalisierungen

Neue Normen im jüdischen Kontext

Neue Normen im hellenistischen Kontext

Wertegeneralisierung

6.7 Texte

Frühe Traditionen

Vorformen der Evangelien

Die Logienquelle

6.8 Die 1. Missionsreise und die beschneidungsfreie Völkermission

6.9 Die drei großen Strömungen des Anfangs

Die Jerusalemer Gemeinde

Die Jesusbewegung

Antiochia und Paulus

Pluralität von Anfang an

Exkurs: Gab es eine frühe vierte Entwicklungslinie?

7. Der Apostelkonvent

7.1 Der Ausgangskonflikt

7.2 Das Sachproblem

7.3 Der Verlauf

7.4 Das Ergebnis

7.5 Die Interpretationen des Ergebnisses

7.6 Der antiochenische Zwischenfall

Tafel 4: Chronologie des frühen Christentums bis 50 n. Chr.

8. Die eigenständige paulinische Mission

8.1 Perspektive, Verlauf und Konflikte

Die 2. Missionsreise

Die 3. Missionsreise

Missionsstrategien

8.2 Personen

Paulus und seine Mitarbeiter

Die Paulusschule

8.3 Strukturen

Hausgemeinden

Ekklesia

Gaben, Aufgaben und Ämter

Soziale Schichtung

Sklaven und Herren

Männer und Frauen

Griechen und Juden

8.4 Außen-Diskurse

Der Diskurs mit dem Judentum

Der Diskurs mit dem Imperium Romanum

8.5 Innen-Diskurse

Pneumatischer Enthusiasmus

 

‚Starke‘ und ‚Schwache‘

Das Apostelamt

Die Mission gegen Paulus und die galatische Krise

Die Kollekte und die Jerusalemer Gemeinde

8.6 Theologie in Briefform: Die Paulusbriefe

8.7 Paulus und die Herausbildung des frühen Christentums als eigenständige Bewegung

Bedingungen für die Herausbildung einer neuen Bewegung

Die Systemqualität paulinischer Theologie

9. Die Krise des frühen Christentums um das Jahr 70

9.1 Der Tod von Petrus, Paulus, Jakobus und erste Verfolgungen

9.2 Die Zerstörung des Tempels, der Untergang der Jerusalemer Gemeinde und der fiscus Judaicus

9.3 Der Aufstieg der Flavier

9.4 Evangelienschreibung und Pseudepigraphie als innovative Krisenbewältigung

Evangelienschreibung

Pseudepigraphie

Tafel 5: Chronologie des frühen Christentums bis 70 n.Chr.

10. Die Etablierung des frühen Christentums

10.1 Eine neue Gattung für eine neue Zeit: Die Evangelien

10.2 Die Synoptiker und die Apostelgeschichte als Meistererzählungen

10.2.1 Markus: Der Gottessohn für alle

10.2.2 Matthäus: Das Heil Israels für alle Völker

10.2.3 Lukas: Gottes Treue in der Geschichte

10.3 Das bleibende Erbe des Paulus

10.3.1 Die Apostelgeschichte als erste Paulusbiographie

10.3.2 Die Deuteropaulinen und die Sammlung der Paulusbriefe

Die Deuteropaulinen

Die Sammlung der Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Überlieferungskultur

10.4 Das johanneische Christentum als vierte große Strömung

10.4.1 Die Konflikte der Anfangszeit

10.4.2 Der 1Johannesbrief und der Doketismus

10.4.3 Das Johannesevangelium als erste Einführung in das Christentum

10.5 Das Judenchristentum als bleibende Kraft

10.5.1 Das Judenchristentum vor 70

10.5.2 Das Judenchristentum nach 70

Matthäusevangelium

Jakobusbrief

Hebräerbrief?

Johannesoffenbarung

Didache

Judenchristentum im Spiegel der Gegnerpolemik

Weitere Zeugnisse

10.6 Außenwahrnehmungen

11. Gefährdungen

11.1 Das Ausbleiben der Parusie

Paulus

Synoptische Evangelien

Präsentische Eschatologie

11.2 Arm und Reich

Lukas

Pastoralbriefe

Jakobusbrief

Johannesoffenbarung

11.3 Kontroversen/Falschlehren/Gegner

Konflikte in den nachpaulinischen Gemeinden

Zweite Buße und Sündenvergebung

Gegner in der Johannesoffenbarung

Orthodoxie und Häresie

11.4 Strukturen und Ämter

Paulus und Lukas

Die Pastoralbriefe

11.5 Auseinandersetzungen mit dem Judentum nach 70

12. Christenverfolgungen und Kaiserkult

12.1 Der Kaiserkult als politische Religion

12.2 Die Verfolgung unter Nero

12.3 Verfolgungen unter Domitian?

1Petrusbrief

Johannesoffenbarung

12.4 Plinius und Trajan über das Christentum

13. Das frühe Christentum als eigenständige Bewegung

13.1 Die neue Erzählung und die neue Sprache der Christen

Die Sprache der Christologie

Die Sprache des Kreuzes

Die Sprache des Glaubens

Die Sprache der geschwisterlichen Gemeinschaft

Die Sprache der Eschatologie

Neue Schriften

Kanonsbildung

13.2 Neue Gottes-Modelle

Die Attraktivität des frühchristlichen Gottesbildes

13.3 Dienen als Erfolgsmodell

Die Anfänge und Paulus

Die Evangelien

Die johanneischen Schriften

Heil und Heilung

Die spätere Entwicklung

Die alte Welt und das neue Verhalten der Christen

13.4 Das frühe Christentum als Stadt- und Bildungsreligion

Das frühe Christentum als Stadtreligion

Das frühe Christentum als Bildungsreligion

13.5 Die theologischen Hauptströmungen und Vernetzungen gegen Ende des 1. Jh.

13.5.1 Die fünf Hauptströmungen

Paulus

Die Synoptiker

Petrus

Johannes

Jakobus und das Judenchristentum

13.5.2 Vernetzungen

Paulus und Markus

Paulus und Lukas

Paulus und Matthäus

Paulus und Johannes

Die Synoptiker

Johannes und die Synoptiker

Paulus und Petrus

Paulus und Jakobus

Paulus und der Hebräerbrief

Die Johannesoffenbarung zwischen Johannes, Paulus und Jakobus

13.6 Die Verbreitung des frühen Christentums

14. Der Übergang zur Alten Kirche

14.1 Machtansprüche und feste Strukturen

1Klemensbrief

Ignatius von Antiochien

14.2 Die Herausbildung einer anderen Botschaft: Die frühe Gnosis

Quellen und Definition

Die Anfänge der Gnosis

Grundannahmen gnostischen Denkens

Die Entstehung des gnostischen Denkens

Tafel 6: Chronologie des frühen Christentums bis 130 n.Chr.

15. Fünfzehn Gründe für den Erfolg des frühen Christentums

Literaturverzeichnis

Autorenregister

Personen- und Sachregister (in Auswahl)

Stellenregister (in Auswahl)

1. Vom Schreiben einer Ursprungsgeschichte

Jesus von Nazareth ist eine Gestalt der Geschichte und die Bewegung der Christen ein Zeugnis der Wirkungsgeschichte dieser Person. Wenn auf einer solchen Basis mit 2000 Jahren Abstand eine Geschichte des frühen Christentums geschrieben wird, zeigen sich unausweichlich die Grundprobleme historischen Fragens und Erkennens. Wie entsteht Geschichte? Was passiert, wenn in der Gegenwart ein Dokument der Vergangenheit mit einem Zukunftsanspruch interpretiert wird? Wie verhalten sich historische Nachrichten und ihre Einordnung in den gegenwärtigen Verstehenszusammenhang des Historikers/Exegeten zueinander?

1.1 Geschichte als Gegenwarts- und Vergangenheitsdeutung

JOHANN GUSTAV DROYSEN, Historik, hg. v. Peter Leyh, Stuttgart/Bad Cannstatt 1977 (= Nachdruck 1857/1882). − JÖRN RÜSEN, Historische Vernunft, Göttingen 1983. − DERS., Rekonstruktion der Vergangenheit, Göttingen 1986. − DERS., Lebendige Geschichte, Göttingen 1989. − CHRISTOPH CONRAD/MARTINA KESSEL (Hg.), Geschichte schreiben in der Postmoderne. Beiträge zur aktuellen Diskussion, Stuttgart 1994. − HANS-JÜRGEN GOERTZ, Umgang mit Geschichte, Reinbek 1995. − CHRIS LORENZ, Konstruktion der Vergangenheit. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Köln 1997. − HANS-JÜRGEN GOERTZ, Unsichere Geschichte, Stuttgart 2001.

Interesse und Erkenntnis

Vergangenheit gibt es immer nur im Modus der Gegenwart des Interpreten

Das klassische Ideal des Historismus, nur zu „zeigen, wie es eigentlich gewesen“1 ist, erwies sich in mehrfacher Hinsicht als ideologisches Postulat. Die Gegenwart verliert mit ihrem Übergang in die Vergangenheit unwiderruflich ihren Realitätscharakter. Schon deshalb ist es nicht möglich, das Vergangene ungebrochen gegenwärtig zu machen. Der Zeitabstand bedeutet Abständigkeit in jeder Hinsicht, er verwehrt historisches Erkennen im Sinne einer umfassenden Wiederherstellung dessen, was geschehen ist. Vielmehr kann man nur seine eigene Auffassung von der Vergangenheit in der Gegenwart kundtun. Vergangenheit begegnet uns ausschließlich im Modus der Gegenwart, hier wiederum in interpretierter und selektierter Form. Relevant aus der Vergangenheit ist nur das, was nicht mehr Vergangenheit ist, sondern in die gegenwärtige Weltgestaltung und Weltdeutung einfließt2. Die Sozialisation des Historikers/Exegeten, seine Traditionen, sein geographischer Lebensort, seine politischen und religiösen Werteinstellungen prägen notwendig das, was er in der Gegenwart über die Vergangenheit sagt3. Geschichtsschreibung ist deshalb nie ein pures Abbild des Gewesenen, weil sie selbst immer eine Geschichte hat, nämlich die Geschichte des Schreibenden. Das Subjekt steht nicht über der Geschichte, sondern ist ganz und gar in sie verwickelt. Deshalb ist ‚Objektivität‘ als Gegenbegriff zu ‚Subjektivität‘ völlig ungeeignet, um historisches Verstehen zu beschreiben4. Vielmehr sollte von ‚Angemessenheit‘ oder ‚Plausibilität‘ historischer Argumente gesprochen werden5. Nicht das wirklich vollzogene Geschehen ist uns zugänglich, sondern nur die je nach Standort der Interpreten verschiedenen Deutungen vergangener Ereignisse liegen vor uns. Erst durch unsere Zuschreibung werden die Dinge zu dem, was sie für uns sind. Geschichte wird nicht rekonstruiert, sie wird unausweichlich und notwendigerweise konstruiert. Es gilt: „es wird Geschichte, aber es ist nicht Geschichte“6. Geschichtsschreibung geht somit über ein bloßes Vergangenheitsverhältnis weit hinaus; sie ist eine Form von Sinndeutung und Sinnstiftung, ohne die individuelles und kollektives Leben gar nicht möglich wären.

Fakten und Fiktion

Fakten und Fiktion fließen stets ineinander

Geschichte erweist sich somit immer als ein selektives System, mit dem die Interpretierenden nicht einfach Vergangenes, sondern vor allem ihre eigene Welt ordnen und deuten7. Sprachliche Konstruktion von Geschichte vollzieht sich deshalb stets auch als ein sinnstiftender Vorgang, der sowohl dem Vergangenen als auch dem Gegenwärtigen Sinn verleihen soll. Historische Interpretation heißt, einen kohärenten Sinnzusammenhang zu schaffen; mit der Herstellung historischer Erzählzusammenhänge erlangen die Fakten den Status, der ihre Bedeutsamkeit für uns ausmacht. Dabei müssen historische Nachrichten in der Gegenwart erschlossen und zur Sprache gebracht werden, so dass sich in der Darstellung/Erzählung von Geschichte notwendigerweise ‚Fakten‘ und ‚Fiktion‘8, Vorgegebenes und schriftstellerisch-fiktive Arbeit miteinander verbinden. Indem historische Nachrichten kombiniert, historische Leerstellen ausgefüllt werden müssen, fließen Nachrichten aus der Vergangenheit und ihre Interpretation in der Gegenwart zu etwas Neuem zusammen9. Durch die Interpretation wird dem Geschehen eine neue Struktur eingezogen, die es zuvor nicht hatte. Fakten muss eine Bedeutung beigemessen werden und die Struktur dieses Interpretationsprozesses konstituiert das Verständnis der Fakten. Erst das fiktionale Element eröffnet einen Zugang zur Vergangenheit, ermöglicht die unumgängliche Neuschreibung der vorausgesetzten Ereignisse.

Das Vorgegebene

Konstruktion bezieht sich immer auf Vorgegebenes

Zugleich sind Aussagen immer eingebunden in vorgegebene allgemeine Wirklichkeits- und Zeitvorstellungen, ohne die Konstruktion und Kommunikation nicht möglich sind. Es gibt zweifellos eine Realität, die vor, neben und nach, vor allem aber unabhängig von unserer Wahrnehmung und Beschreibung existiert. Jeder Mensch ist zudem genetisch vor-konstruiert und ständig sozial-kulturell ko-konstruiert. Reflexion und Konstruktion sind immer nachfolgende Akte, die sich auf etwas Vorgegebenes beziehen, so dass jede Form von Selbstgewissheit nicht in sich selbst ruht, sondern jeweils den Bezug auf etwas Vorausliegendes benötigt, das es begründet und ermöglicht. Schon die Tatsache, dass die Frage nach Sinn möglich ist und Sinn gewonnen werden kann, verweist auf eine „unvordenkliche Wirklichkeit“10, die allem Sein vorausgeht und ihm den Wirklichkeitsstatus verleiht. Grundsätzlich gilt: Geschichte entsteht erst, nachdem das ihr zugrunde liegende Geschehen erfolgt ist und in den Status gegenwartsrelevanter Vergangenheit erhoben wurde, so dass notwendigerweise Geschichte nicht denselben Realitätsanspruch erheben kann wie die ihr zugrunde liegenden Ereignisse. Nicht die Welt und das Leben sind eine Konstruktion, wohl aber unsere Anschauungen über sie; für uns ist beides aber faktisch nicht auseinanderzuhalten.

1.2 Geschichte und Methode

Gerade das unausweichliche fiktional-kreative Element jeder Geschichtsschreibung erfordert eine umfassende Einbeziehung aller relevanten Quellen, eine Berücksichtigung der zentralen kulturellen Voraussetzungen und Kontexte und eine Kombination verschiedener Fragestellungen, um so das natürliche subjektive Element vor subjektivistischen Engführungen zu bewahren11.

Quellen

Quellenvielfalt

Die Hauptquelle sind natürlich alle Schriften des Neuen Testaments; insbesondere die Paulusbriefe, die Apostelgeschichte und die Evangelien. Zudem sind das griechische Alte Testament (Septuaginta/LXX) und die gesamte jüdische Literatur von ca. 200 v.Chr.-100 n.Chr. zu berücksichtigen, sofern sie für das frühe Christentum von Bedeutung sind (s.u. 3.3.1). Hinzu kommen die Schriften des jüdischen Historikers Flavius Josephus (ca. 37/38 n.Chr. − ca. 100 n.Chr.), dessen Hauptwerke ‚Bellum Judaicum‘ (= ‚Der jüdische Krieg‘; geschr. ~ 78/79 n.Chr.) und ‚Antiquitates Judaicae‘ (= Jüdische Altertümer‘; ~ 94 n.Chr.) für das Verständnis des antiken Judentums von größter Bedeutung sind. Aus dem griechisch-römischen Bereich sind vor allem die römischen Historiker Tacitus (ca. 60–120 n.Chr./Hauptwerke: Historiae = ‚Historien‘; ~ 105 n.Chr.; Annales = ‚Annalen‘; ~ 115 n.Chr.), Sueton (ca. 70–140/150 n.Chr./Hauptwerk: De vita Caesarum = Kaiser-Viten; ~ 120 n.Chr.) und Dio Cassius (ca. 160–235 n.Chr./Hauptwerk: = /Historia romana = ‚Römische Geschichte‘, ~ 230 n.Chr.) zu nennen12. Sie hatten Zugang zu zahlreichen (heute verlorenen) Quellen und überliefern auch wertvolle Informationen über das Verhältnis des römischen Staates zum Judentum und zum entstehenden frühen Christentum. Zu beachten sind ferner einzelne außerbiblische Zeugnisse zu Jesus und dem frühen Christentum, die zeigen, wie man diese Person/Bewegung wahrgenommen hat. Eine einzigartige Quelle für die Wahrnehmung der Christen durch die Römer finden wir im Briefwechsel zwischen dem Statthalter Plinius und dem Kaiser Trajan (um 110 n.Chr.), der über die Rechtsfragen hinaus Einblick in das Denken der imperialen Führungsschicht gewährt (s.u. 12.4). Zu berücksichtigen sind auch die großen philosophischen Strömungen um die Zeitenwende herum (s.u. 3.2.1), denn im Gegensatz zu heute bestimmten philosophisch-religiöse Gedanken weite Kreise der Bevölkerung. Schließlich sind auch Inschriften, Münzen und architektonische Zeugnisse (z.B. der Titusbogen in Rom) zu berücksichtigen, wenn sie auch für das frühe Christentum aussagekräftig sind.

Chronologischer Ansatz

Grundsätzlich sollte bei jeder historischen Darstellung ein chronologischer Aufbau der erste Zugriff sein. Die mittel- und unmittelbaren Voraussetzungen müssen dabei ebenso zur Sprache kommen wie die zentralen Entwicklungslinien und wirkmächtigen Einzelereignisse. Mit der Chronologie verbinden sich die Orte des Geschehens und die dort agierenden Personen. Geographisch/lokalgeschichtliche sowie kulturell-religiöse Aspekte ergänzen sich, denn es ist in der Regel kein Zufall, dass sich relevante Entwicklungen nur oder vor allem an bestimmten Orten vollziehen.

Kulturelle Kontexte und Handlungsträger

Das frühe Christentum kann weder isoliert betrachtet noch monokausal erklärt werden, sondern seine Einbettung in die vielfältige Welt des Hellenismus ist zum Ausgangspunkt der Darstellung zu machen. Auch das Judentum als erster Bezugspunkt des frühen Christentums ist ein Teil des Hellenismus, so dass ein bewusst weiter methodischer Horizont gewählt werden muss, bei dem sich Religions- und Gesellschaftsgeschichte unter Einbeziehung von Politik, Wirtschaft und Kultur ergänzen (s.u. 3). Ebenso schließen sich individuelle und kollektive Handlungsträger bei geschichtlichen Entwicklungen nicht aus. So ist Paulus zweifellos die wirkmächtigste individuelle Gestalt innerhalb des frühen Christentums, zugleich sind aber die vielen unbekannten Gemeinden und namenlosen Missionare der Anfangszeit für die Herausbildung der neuen reichsweiten Bewegung der ‚Christianer‘ (vgl. Apg 11,26) von allergrößter Bedeutung. Ebenso kann historischen Prozessen eine plausible, folgerichtige Intentionalität innewohnen, zugleich vermögen aber auch zufällige Nebeneffekte Entwicklungen anzustoßen oder zu unterstützen.

Die Perspektive der Anderen

Das Ineinander von Einzelakteuren und Gesamtentwicklungen muss dabei um den Aspekt der Andersdenkenden (‚Gegner‘) in bestimmten Gemeinden bzw. an bestimmten Orten ergänzt werden. Sie spielten in der Geschichte des frühen Christentums eine bedeutende, zugleich aber nur schwer fassbare Rolle, denn sie lassen sich nur indirekt aus der Perspektive der später erhaltenen Literatur erschließen (s.u. 11.3). Für das Verständnis der Gesamtentwicklung des frühen Christentums sind sie dennoch unerlässlich. Theologisch aufschlussreiche und historisch notwendige Kontroversen werden nur verständlich, wenn die Positionen der jeweils Andersdenkenden in die Darstellung miteingebracht werden13.

Ideen- und Sozialgeschichte

Ideen- und sozialgeschichtliche Fragestellungen ergänzen sich

Eine rein materialistische Grundlegung der Geschichte, wonach allein die genetische Ausstattung und die soziale Realität das Denken und Handeln der Menschen bestimmt, ist ebenfalls eine Verkürzung wie das idealistische Konzept der historischen Persönlichkeit oder wirkungsmächtigen Idee/Ideologie, die den Gang der Geschichte bestimmen. Die Welt der Ideen ist ebenso ein prägendes Element der Geschichte wie die realen Verhältnisse. Deshalb sollten Ideen- und Sozialgeschichte nicht als Gegensätze begriffen werden, sondern Ideen/theologische Konzepte und ihre konkreten sozialen und literarischen Umsetzungen gehen bei einer positiven Entwicklung in der Regel ineinander. Bei den frühen Christen ist dieser Zusammenhang unübersehbar, denn der Glaube an Jesus Christus wurde in einer neuen Sozialform, der christlichen Hausgemeinde gelebt, in der Fundamentalunterscheidungen der antiken Welt aufgehoben waren (vgl. Gal 3,26–28). Das frühe Christentum war zudem gerade auf der ideengeschichtlichen Ebene eine höchst kreative Erscheinung (s.u. 13), denn es entwickelte zukunftsweisende Gottes- und Weltdeutungen, eine einzigartige Sprache des Glaubens, eigene Literaturformen und neue Lebensformen, die offenbar als attraktiv empfunden wurden, selber Geschichte machten, den Erfolg der neuen Bewegung maßgeblich begründeten und insofern in die Darstellung dieser Geschichte hineingehören.