Drachengabe - Halbdunkel - Diesig - FinsterText

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Drachengabe

Halbdunkel - Diesig - Finster

Sammelband Bd. 1-3

Torsten W. Burisch


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

Alle Rechte vorbehalten.

Titelbild und Illustrationen: Torsten W. Burisch

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-96074-290-6

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Inhalt

*

Für

„annikA“

26.12.1987-10.02.2003

*

Kapitel 1

Halb dunkel und erdrückend eng zog sich der Tunnel dahin. Nur kleine, sporadisch angebrachte Luftschächte ließen ein paar wenige Sonnenstrahlen in den staubigen Gang fallen. Das gebündelt eintretende Licht verdeutlichte das Herabrieseln loser Erde von der niedrig hängenden Stollendecke. Zu einer anderen Zeit wäre selbst hier unten die Luft klar und rein gewesen, doch irgendetwas ging dort oben vor sich. Irgendetwas Großes, Schweres brachte die Erde zum Erzittern. Dröhnen und Krachen vermischten sich mit einem bedrohlichen Brüllen. Je weiter man den Tunnel entlangging, desto lauter wurde es. Und je lauter es wurde, desto deutlicher bogen sich die in regelmäßigen Abständen angebrachten Stützbalken mit äußerst beunruhigenden Geräuschen von brechendem Holz durch. Was auch immer dort vor sich ging, man war gut beraten, sich fernzuhalten.

Doch der eigene Wille war ohne Bedeutung. Es ging weiter, immer weiter, immer näher an das Nerven zermürbende Szenario heran. Der Lärm wurde so durchdringend, dass es in den Ohren schmerzte. Doch nun hörte man noch etwas anderes. Erst bruchstückhaft und kaum wahrzunehmen, dann aber zunehmend klarer und deutlicher. Es war ein Mann.

Er schrie aus Leibeskräften. Er fluchte und drohte, er schimpfte und verhöhnte. Aber in einigen unregelmäßigen Abständen unterbrach er sein Geschrei und schwieg. Kurz darauf flammte das Getöse, das sich an der Oberfläche abspielte, unheilvoll auf. Das Gebrüll war eindeutig der Ausdruck unbändiger Wut, dem jedes Mal ein Fauchen folgte, ähnlich dem einer Katze, nur weitaus lauter und bedrohlicher. Anschließend quoll ein warmer, stickiger und nach Schwefel riechender Gestank den Stollen hinauf.

Da! Ein Huschen am Ende des Ganges. Der Mann, nun laut geifernd, lief den Querstollen entlang. In dem kurzen Moment seines Erscheinens ertönte ein Schrei, lauter und schriller als alles vorher Gehörte. Es war ein Name, das war sicher, doch lagen so viel Angst und Panik in der Stimme, dass er nicht deutlich zu verstehen war. Wieder brüllte irgendetwas an der Oberfläche auf, was nun schon so nah war, dass man die in der Luft liegende Schallvibration selbst hier unten spüren konnte. Doch dieses Mal war es nicht nur ein brüllender Aufschrei vor Wut, sondern ein durch Schmerzen verursachtes klagendes Jaulen.

Nur einen Augenblick später ertönte abermals das Angstschweiß verursachende Fauchen. Nun jedoch lauter und unheilvoller als die vorangegangenen Male. Fast im gleichen Moment entstand eine kochend heiße Druckwelle, die so stark war, dass sie einen nach hinten umwarf. Für einen kurzen Moment wurde es schwarz.

Als es wieder heller wurde, war der Blick gen Stollendecke gerichtet. Die Holzstützen waren von der unglaublichen Hitze angesengt. Dünner hellgräulicher Rauch stieg aus ihnen empor. Unter größter Anstrengung tastete sich der Blick an der Tunnelwand entlang zum nun nicht mehr weit entfernten Ende. Langsam legte sich der aufgewirbelte Sandstaub und gab die Sicht auf den Quergang wieder frei.

Es war unter- sowie oberhalb der Erde ruhig geworden. Nur langsame, schlurfende Schritte durchbrachen die Stille. Eine Gestalt, gebückt gehend und mit gesenktem Kopf, erschien am Stollenende. Sie drehte sich ins Blickfeld und sah hoch. Es war ein Mann. Zumindest das, was noch von ihm übrig war. Er trug eine Rüstung vor seinem Brustkorb, die bis zum Hosenansatz ging und in zwei schmalen Streifen über den Oberschenkeln endete. Sie war völlig verformt und zerkratzt. Seine Beine und Arme waren nur mit einer dicken Lederschicht überzogen, die nun an manchen Stellen durchgebrannt war, sodass blutige Flecken darunter zum Vorschein kamen. Seine Hände und sein Gesicht aber wiesen keinerlei Art von Schutz auf. Auch der kleine Helm auf seinem Kopf hatte keinen Gesichtsschutz. Und so hing die Haut an allen Stellen, die der erbarmungslosen Hitze frei ausgesetzt gewesen waren, in verkohlten schwarzen Fetzen herunter. Zum Teil waren die Wunden so tief, dass man die Knochen hätte sehen müssen, wären nicht auch sie mit schwarzem Ruß belegt. Vom kompletten verstümmelten und geschundenen Körper stiegen dunkle Rauchschwaden auf. Es war ein Anblick des Grauens.

Der Mann sank auf seine Knie und fiel vornüber auf den sandigen Boden. Bewegungslos blieb er liegen, während der erneut aufgewirbelte Staub ihn einhüllte. In diesem Moment zerriss ein Aufschrei die aufgekommene beängstigende Stille. Er war so grell, so laut und vor allem so hoch, dass er einem durch Mark und Bein fuhr.

***

Mit einem Ruck setzte sich Dantra auf. Sein Herz raste und sein Atem ging so schnell wie der eines Hundes, der in sengender Hitze seit Stunden seinem Herrn zu Pferd gefolgt war. In seinem Kopf drehte sich alles und seine Gedanken wirbelten durcheinander.

„Was ist passiert? Wo bin ich? Wer hat da so geschrien?“ Die erleichternde Erkenntnis „Nur ein Traum. Es war nur ein Traum.“ ließ ihn wieder ruhiger werden. Nach einem weiteren kurzen Moment des Orientierens fand er zurück in seine momentane Situation. „Ach ja, sie haben mich ja in dieses ekelhafte Loch gesperrt.“ Mürrisch legte er sich wieder zurück auf das recht spärlich vorhandene Stroh, das als Bettunterlage dienen sollte, und zog sich die kratzige Pferdedecke bis über die Ohren, in der Hoffnung, so der feuchten Kälte zu entkommen.

Die Tage waren schon der Jahreszeit entsprechend warm, doch kühlte es in den Nächten immer noch deutlich ab. Und da das einzige Fenster in Form eines Oberlichtes ohne Verglasung war und es keinerlei Heizmöglichkeiten gab, war Dantra der Kälte hier unten schutzlos ausgeliefert. So war es auch kein Wunder, dass die Decke, obwohl sie stank und ihn wie ein Nadelkissen am ganzen Körper stach, zumindest für diese eine Nacht sein bester Freund geworden war.

Allerdings war es auch nicht schwer, Dantras bester Freund zu werden. Nicht etwa, weil er leicht zu beeinflussen war und er jeden, der es hätte hören wollen, als besten Freund bezeichnet hätte. Ganz im Gegenteil. Er hatte einen ausgeprägten Dickkopf, der ihm schon oft Ärger eingebracht hatte. Eine eigene, nicht gerade positive Meinung über seine Mithäftlinge, wie er sie nannte, und den Mut, auch einmal gegen einen größeren und ihm offensichtlich überlegenen Gegner die Fäuste zu erheben. Allerdings waren dies leider nicht die Tugenden, die Freundschaften förderten. Dessen war sich Dantra wohl bewusst. Aber seine Zeit hier war begrenzt, und so wollte er sich nicht verbiegen lassen, weder für eine Freundschaft, die ohnehin nicht ehrlich gewesen wäre, noch für die Zuneigung der Schwester Oberin, auch wenn ihm dadurch das Leben hier drin erheblich erleichtert worden wäre.

Das Häufchen Stroh unter ihm war kaum in der Lage, Wärme zu speichern, geschweige denn die vom Steinfußboden aufsteigende Kälte abzuhalten. Und da die Chance, nach seinem aufwühlenden Traum nochmals einzuschlafen, äußerst gering war, setzte er sich wieder auf und wickelte seinen besten Freund fest um sich. Seine Erinnerungen an das im Schlaf Gesehene verblassten, als er an die Ereignisse vom Vortag dachte. Er hatte sich wieder einmal geprügelt und sollte zur Strafe, oder wie man hier sagte, um Buße zu tun, den Rest des Tages in seiner Kammer verbringen. Eine erzieherische Maßnahme, die er bereits gewohnt war und die er in keiner Weise als lästig empfand. Ganz im Gegenteil. So musste er die Anwesenheit seiner ungeliebten Mitschüler wenigstens nicht mehr ertragen. Aber dieses Mal war es anders. Er war wesentlich aufgebrachter als sonst, nachdem Schwester Arundel, eine verbitterte alte Frau, bei der man den Eindruck hatte, sie würde jeden Tag aufs Neue ihren Eintritt in den Orden bereuen, die Tür hinter ihm geschlossen hatte. In Gedanken vertieft, flüsterte er vor sich hin: „Der Rabe. Er muss es gewesen sein.“ Urplötzlich prallte etwas mit einem lauten Klacken keine Armlänge von seinem Kopf entfernt an die Wand. Er zuckte zusammen und hob reflexartig die Hand schützend vor sein Gesicht. Noch bevor er sah, was ihn fast getroffen hätte, schimpfte er los: „Verdammt!“, gefolgt von einem gen Himmel gerichteten „’tschuldigung“. Er hasste es, wenn ihn etwas erschreckte, aber deshalb in einem Gotteshaus zu fluchen, war natürlich auch nicht richtig. Diese Einsicht half ihm jedoch wenig, wenn sein Mund mal wieder schneller als sein Verstand war, was leider sehr oft vorkam. Daher versuchte er, durch sofortige Reue Schadensbegrenzung zu betreiben.

Dantra richtete sich auf, um zu betrachten, was seinen verbalen Ausrutscher verursacht hatte. Er war für sein Alter relativ groß. Bei der letzten jährlich durchgeführten Untersuchung des Hausarztes war er auf fast sechs Fuß gekommen. Er war schlank und ohne sichtbare Gebrechen. Kurz: ein ganz normaler Junge. Er ging zu einem taubeneigroßen Stein, der zwei Schritte vor ihm zum Liegen gekommen war. Als er ihn aufhob und ansah, verengten sich seine Augen und in Richtung Oberlicht brummelte er: „Biff, du Mistkerl, auch du wirst irgendwann dein Haupt vor mir senken.“

 

Biff war sein größter Widersacher, und es war nicht selten, dass sie beide aneinandergerieten. Dantra wusste, dass er heute Morgen mit Essensdienst dran war. Diese Aufgabe verlangte unter anderem, Eier aus dem Hühnerstall zu holen, der im Innenhof stand. Die Gelegenheit, von den Schwestern unbemerkt einen Stein durch das Oberlicht zu schießen, das zum Hof hin auf Bodenhöhe gemauert war, würde sich Biff nicht entgehen lassen. Dessen konnte sich Dantra sicher sein. Denn er hätte an seiner Stelle genauso gehandelt. Charakterlich waren sie sich eben sehr ähnlich. Aber dennoch - oder gerade deswegen - hegten sie eine große Abneigung gegeneinander.

Er spürte, wie der Zorn vom Vortag erneut in ihm aufflammte. Er schloss seine Hand um den Stein und holte aus. Mit voller Wucht warf er ihn in Richtung Oberlicht. Das Geschoss streifte dummerweise während seines Flugs die Kellerdecke und anstatt des Fensters traf es nun mit einem erneuten lauten Klacken die massive Kellerwand und wurde daraufhin zurückgeschleudert.

Dantra versuchte erneut, Deckung hinter seinem Arm zu finden. Nur war es dieses Mal vergebens. Der Stein traf ihn an der Stirn, direkt über seinem rechten Auge. Der sogleich einsetzende Schmerz ließ ihn jämmerlich aufschreien. Er fasste sich an die Stirn und schaute anschließend auf seine Hand. Blut war nicht zu sehen, aber er bemerkte recht schnell, dass die Wucht des Aufpralls trotzdem Wirkung zeigen würde. Erst war die Folge seiner Torheit rot, kurz darauf wechselte sie in ein auf seine Augen farblich abgestimmtes Blau. Und das Ganze wurde außerdem durch eine buckelförmige Beule abgerundet. Diese ließ sich, zu seinem großen Bedauern, auch nicht durch seine relativ langen, struppigen dunkelblonden Haare verdecken. Beinahe wäre ihm ein weiterer Fluch über die Lippen gekommen, hätte sich nicht in diesem Moment ein Schlüssel von außen im Schloss gedreht.

Die schwere Eichentür öffnete sich mit einem leisen Kratzen und das von Falten durchfurchte Gesicht von Schwester Arundel erschien. Grimmig und verächtlich sah sie ihn an. Wenn Dantra sich nicht täuschte, konnte er heute Morgen sogar eine Spur Ekel in ihrer Mimik lesen. Sie stand gut zwei Schritte von ihm entfernt, aber dennoch fiel ihr Blick sofort auf seine Stirn. Mit einer gewollt hörbaren Schadenfreude in der Stimme lästerte sie: „Na, haste dir den Kopf gestoßen? Bei manchen Menschen muss der Herr früh anfangen, sie für ihre Sünden zu bestrafen. Denn er weiß genau, dass diese verdorbenen Kreaturen es nicht einmal in der Ewigkeit, die zweifellos auf uns alle nach unserem Tod wartet, schaffen können, für ihre vielen Missetaten zu büßen. Und nun geh und hol dir Wasser aus der Zisterne.“

Mit gesenktem Blick ging Dantra an ihr vorbei und nahm ihr dabei wortlos den Krug aus der Hand, den sie ihm entgegenhielt. Er schlurfte den dunklen, leicht moderig riechenden Kellergang entlang bis in einen kleinen Raum, der sich nach einigen Schritten zu seiner Rechten öffnete. Aus der Wand, die der Tür gegenüberlag, ragte ein kurzes Tonrohr, aus dessen Ende in Hüfthöhe Wasser in einen ummauerten Behälter plätscherte. Die aufgestaute Flüssigkeit quoll auf der anderen Seite mittels eines Überlaufes wieder heraus und wurde auf diesem Wege zurück in die Wand geleitet. Es handelte sich um kaltes, sauberes Wasser aus dem Wieselbach. Dieser hatte seinen Ursprung in der Werre, einem Fluss, der sich durch den halben Culter von Umbrarus zog.

Schon vor geraumer Zeit hatte man dort einen künstlichen Bachlauf angelegt und so die Quelle des Wieselbachs, seinerzeit hieß er noch Eberbach, geschaffen. Damit konnte sichergestellt werden, dass die Orte hinter dem Kampen ausreichend mit Trinkwasser versorgt wurden. Der kleine Bach verließ das riesige Waldareal nahe dem Ort und zog sich dann einmal quer durch ihn durch. Die Erbauer des Klosters hatten die geniale Idee gehabt, einen Teil des Wassers vom Bach abzuzweigen und es über Tonrohre in die Kellergewölbe des Wohntraktes der Schwestern zu leiten. Über ein weiteres Rohr, das wesentlich länger war und ein ganzes Stück stromabwärts wieder auf den Bach traf, wurde das nicht benötigte Wasser zurückgeleitet. Somit war das Eberbachkloster das einzige Gebäude diesseits des großen Waldes, welches mit fließendem Wasser ausgestattet war. Und soweit Dantra wusste, war es sogar das einzige Gotteshaus in ganz Umbrarus, das mit so einem Luxus versehen war. Nachdem Dantra seinen Krug gefüllt hatte, ging er zurück zu seiner aufgezwungenen Nachtbehausung, wo Schwester Arundel im Türrahmen ungeduldig auf ihn wartete. Als er vor ihr stand, giftete sie erneut los: „Du bist ein Taugenichts, Dantra. Wenn es nach mir gegangen wäre, würdest du heute noch den ganzen Tag ohne Essen und ohne Unterricht in dieser dir gleichwertigen Kammer bleiben. Aber Schwester Oberin nimmt die meiner Meinung nach veraltete Regel, nach der man einem Schüler nicht mehr als eine Mahlzeit vorenthalten darf, viel zu genau. Die Tür jedoch, die du bei deinem kleinen Wutanfall gestern eingeschlagen hast, wird vorläufig nicht ersetzt.“

„Ich habe die Tür nicht einmal berührt.“

„Schweig, deine Lügen widern mich an. Geh und mach dich fürs Frühstück fertig, bevor ich der Versuchung, die Anordnung der Schwester Oberin zu ignorieren, nicht widerstehen kann und dich doch wieder hier einsperre.“ Ohne einen weiteren Versuch, sich zu verteidigen, stieg Dantra die steinerne Wendeltreppe hinauf, der man die bereits jahrzehntelange Benutzung an den tiefen Kuhlen in den Stufen ansehen konnte. Er ging den Flur entlang, bis er zu einer Kammer gelangte, deren eigentlich robust wirkende Tür in der Mitte fast auseinanderfiel. Nur die Tatsache, dass die beiden Hälften jeweils an einem völlig verbogenen Eisenscharnier hingen, verhinderte, dass sie endgültig zusammenbrach.

Der Anblick, der sich Dantra in seiner Stube bot, war niederschmetternd. Am Vortag ging alles so schnell, dass er das Ausmaß der Verwüstung gar nicht wahrgenommen hatte.

Er stellte den Krug mit dem Wasser auf die Fensterbank und machte sich frustriert daran, die durcheinanderliegenden Kleidungsstücke und Schulsachen zu sortieren. Der Großteil seiner Einrichtung war leider durch das, was sich auch immer hier drin abgespielt hatte, unbrauchbar geworden. Egal, ob es seine Holzpritsche war, die einst mit schweren Eisenketten und Scharnieren an der Wand befestigt gewesen war, sodass man sie hochklappen konnte, und die nun nur noch an einer Stelle in ihrer Vorrichtung hing. Oder sein Schreibtisch, der mit solch einer Wucht an die hintere Kammerwand geschleudert worden sein musste, dass man ihn als solchen nur noch erkannte, wenn man wusste, dass es einmal einer gewesen war. Auch seine Waschkommode, ein kleiner Holztisch mit einem Loch in der Mitte, in das eine emaillierte Schüssel einzuhängen war, glich dem Feuerholzhaufen im Speisesaal, allerdings eher demjenigen mit den besonders kleinen Stücken zum Feuerentzünden. Einzig die aus dickem Eichenholz gefertigte Wäschetruhe war unversehrt. Sie war lediglich aufgesprungen und hatte fast ihren gesamten Inhalt ungleichmäßig in der Kammer verteilt. Ansonsten waren von der Zerstörungswucht nur noch seine Waschschüssel und sein kleiner Dreibeinschemel verschont geblieben. Eine ernüchternde Bilanz.

Aber woher kam diese unglaubliche Kraft, die man brauchte, um so eine Verwüstung anzurichten? Er versuchte, die rasend schnell aufeinanderfolgenden Ereignisse vom Vortag zu rekonstruieren. „Ich hatte gerade wieder die Oberhand im Kampf gegen Biff gewonnen und ihm einen gut platzierten Hieb auf die Leber gegeben. Dann zog mich Schwester Arundel an meinem Ohr von ihm weg, während er mich noch einmal mit einem hinterlistigen Tritt am Oberschenkel traf. Sie brachte mich zu meiner Kammer und schimpfte dabei wie eine Elster, die ihre silberne Beute verteidigt.“ Dantra war schon fast mit seinen Gedanken beim eigentlichen Vorfall auf seiner Stube angelangt, doch die Erinnerung, was genau ihn so sehr zur Weißglut getrieben hatte, stoppte seine Überlegungen. Es war nicht etwa die übertriebene Lautstärke gewesen, in der die Schwester ihn belehrt hatte. Oder die Tatsache, dass sie ihm eine feurige Zukunft in der Hölle vorausgesagt hatte. Nein. Das Problem lag vielmehr darin, dass sie die handfeste Auseinandersetzung mit Biff, bei der ihr sehr wohl bewusst war, um was es ging, als absolut sinnlos bezeichnet hatte. Und ihm stattdessen zum wiederholten Male mit gehässiger Stimme ihre Sicht der Dinge dargelegt hatte. „Sie wird ohnehin bald brennen. Das ist ihr von Gott zugedachtes Schicksal. Und das wirst auch du nicht verhindern können. Selbst wenn du dich mit jedem einzelnen deiner Mitschüler prügelst.“

Wie sehr er das hasste, wenn man ihm das für sie wohl Unvermeidliche vor Augen hielt. Er hatte sich geschworen, sie vor allen Gefahren zu beschützen, egal, was er dafür tun musste. Es war seine Pflicht, aber auch sein eigener Wille, ihr Leben zu verteidigen, und koste es sein eigenes. Nur würde er anfangs nicht die Möglichkeit haben, sich um sie zu kümmern. Und das war auch das Einzige, vor dem er wirklich Angst hatte. Seine ungewisse Zukunft, die Probleme und Schwierigkeiten, die früher oder später auf ihn zukommen würden und ihn im schlimmsten Fall sogar in Gefahr bringen könnten, all das bereitete ihm bei Weitem nicht so viel Kummer wie der Gedanke, sie für 56 Tage allein lassen zu müssen. Das war seine Achillesferse, die offene Fleischwunde in seiner Seele. Die Angst in ihm, die sich Schwester Arundel zu eigen machte, um ihn zu quälen. Sie rührte darin herum wie ein Schlachter im Schweineblut, damit es nicht gerinnt.

Und dann war da noch der Rabe gewesen! Als er vor Zorn bebend in seine Kammer getreten war und Schwester Arundel die Tür hinter ihm unsanft ins Schloss geworfen hatte, war sein Blick auf ihn gefallen. Er hatte regungslos vor seinem geöffneten Fenster gesessen und zu ihm herübergeschaut. Dantra brachte des Öfteren Brotkrümel vom Frühstück mit, um sie auf seinem Fensterbrett für die Vögel zu verteilen. Dann beobachtete er mit Freude, dass es die kleinsten Vögel waren, die den größten Mut besaßen und sich trauten, die trockenen, aber dennoch begehrten Brotreste von dem Buchenholzbrett zu holen. Es waren daher meistens Spatzen oder in Ausnahmefällen einmal eine Drossel. Aber so ein großer Vogel wie ein Rabe war noch nie unter ihnen gewesen. Und gerade in dem Moment, als seine Gedanken um den Tod gekreist waren wie ein Bussard um seine erspähte Beute am Boden, hatte ein Rabe, den man im Volksglauben auch als Vorboten des Todes ansah, auf seinem Fensterbrett gesessen und ihn mit seinen pechschwarzen Augen angefunkelt. Was dann geschehen war, wusste er nicht mehr so genau. Die Wut in ihm, nun zusätzlich gemischt mit Panik, schien zu explodieren. Die Bilder vor seinen Augen hatten sich in einem schwammigen Grau verloren, als wäre in dem Bruchteil eines Flügelschlages ein dicker, undurchlässiger Nebel vor ihm aufgequollen und hätte ihm die Sicht genommen. In seinem Kopf hatte es wie wild gehämmert. Er hatte das Gefühl gehabt, als würde jemand versuchen, von innen seine Schädeldecke mit einer Spitzhacke zu öffnen. Sein ganzer Körper hatte gekribbelt. Der kleine Funken klaren Verstandes, der noch übrig gewesen war, hatte ihm befohlen, sich zu schütteln, damit was auch immer auf ihm herumkroch und dieses Kribbeln hervorrief von ihm abfalle. Doch noch bevor er die Anweisung ausgeführt hatte, war ihm komplett schwarz vor Augen geworden. Das Letzte, was er noch gespürt hatte, war ein ungeheurer Druck gewesen, der aus dem Innersten seines Körpers zu kommen schien, genau dort, wo seine Rippen am unteren Ende auseinandergingen, um sich schließlich aus jeder Pore seines Körpers zu entladen.

Als er wieder zu sich gekommen war, hatte er am Boden gesessen, sich den immer noch dröhnenden Kopf gehalten und zu Schwester Arundel hinaufgesehen, die sich mit hochrotem Kopf vor ihm aufgebaut hatte. Sie hatte ihn an den Haaren auf die Beine gezogen und auch genau so hinter sich her. Die Augen gezwungenermaßen gen Boden gerichtet, hatte er es nur noch geschafft, einen kurzen Blick unter seinem Arm hindurch auf das hinter ihm liegende Chaos zu erhaschen. Danach hatte er Mühe gehabt, in dieser Haltung nicht die schmalen Stufen der Wendeltreppe hinunterzustolpern. Als sie ihn wieder losgelassen hatte und er sich aufrichten konnte, hatte er sich bereits in dem Kellerraum befunden, der nur für ganz besonders schwere Vergehen reserviert war. Selbst er hatte es zuvor noch nicht geschafft, in dieser kerkerähnlichen Kammer zu nächtigen. Doch was auch immer dort oben vor sich gegangen war, es hatte ihn so geschwächt, dass er sich gedankenlos auf dem mickerigen Häufchen Stroh niedergelassen hatte und sofort eingeschlafen war.

 

Das war es. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Warum seine Kammer aber nun aussah wie ein Schlachtfeld, war ihm immer noch ein Rätsel. Aber um nicht wieder Ärger zu bekommen, dieses Mal, weil er zu spät zum Frühstück erscheinen würde, beschloss er, seine Überlegungen auf später zu verschieben, und fing rasch an, sich zu waschen und saubere Kleidung anzuziehen.

Als er in den bereits von Schwestern und Schülern belagerten Speisesaal kam, verstummte das Sprachgewirr und es wurde peinlich still. Sämtliche Augenpaare ruhten auf ihm. In ihnen entdeckte Dantra die verschiedensten Empfindungen. Zum einen Angst vor dem Unerklärlichen und zum anderen Schadenfreude über seinen Wutausbruch, der ihm viel Ärger gebracht hatte und sicher auch noch bringen würde. Aber vor allem Missgunst, die ihm insbesondere von dem Tisch der Schwestern entgegenschlug. Sie waren auch die Ersten, die ihn nicht mehr beachteten. Dantras Blick schweifte über seine Mitschüler und blieb an Biff hängen. Er grinste über beide Backen, sodass sein Gesicht aussah wie ein Halbmond, der auf den Rücken gefallen war. Er starrte Dantra dabei aber nicht in die Augen, sondern auf seine Stirn, auf der sich die Beule inzwischen in ihrer ganzen Pracht darbot. Natürlich war Biff der Auffassung, Dantra hätte es ihm zu verdanken, dass er nun aussah, als hätte er mit einem Steinbock um die Gunst eines Weibchens gekämpft. Aber Dantra war das immer noch lieber, als wenn Biff wüsste, dass er sich bei dem Versuch, den Stein wieder zurück aus dem Fenster zu werfen, so dumm angestellt hatte, dass er sich die Verletzung selbst beigebracht hatte.

Dantra schenkte seinem Rivalen keine weitere Beachtung und drehte sich nach links, wo einige Schritte entfernt ein Durchbruch in der Wand war, der als Verbindung zwischen Speisesaal und Küche diente. Schwester Casale, eine etwas korpulentere, nicht allzu große, Anfang vierzigjährige Dame, die dem Titel Küchenbulle alle Ehre machte, war für gewöhnlich äußerst gut gelaunt und immer freundlich zu ihm. Aber als sie Dantra am heutigen Morgen von unten herauf ansah, verflog selbst ihr sonst anscheinend eingemeißeltes Lächeln. Sie klatschte ihm lieblos eine halbe Kelle Rührei auf den Teller und legte das knochenharte Ende eines Weißbrotes dazu. „Das dürfte wohl für dich ausreichen, groß und stark musst du ja nicht mehr werden, oder?“ Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Dantra beachtete sie jedoch nicht weiter, denn in diesem Moment erschien Tami in der Küche und schenkte ihm zur Begrüßung ein Lächeln. Egal, was er für sie durchmachen musste, dieses Lächeln war es, das ihn immer wieder dafür entschädigte. Sie hatte langes blondes, schon fast golden schimmerndes Haar. Ihre Augen waren so blau wie der Morgenhimmel über dem rauschenden Ozean, und wenn sie lächelte, bildeten sich kleine Grübchen unter ihren Augen, die einen dahinschmelzen ließen. Ihrer samtweichen Haut, ob in ihrem engelsähnlichen Gesicht oder an ihren zarten Händen, konnte scheinbar weder strenge Witterung noch harte Arbeit etwas anhaben. Sie war der Inbegriff von Schönheit. Sie war so schön, dass es einem Angst machen konnte. Und genau da lag das Problem. Dantra hatte sich auf einer der Holzbänke an dem ersten von zwei Jungentischen niedergelassen und dabei so viel Abstand wie möglich zu den anderen eingehalten. Dass seine Frühstücksportion etwas mager ausgefallen war, störte ihn wenig. Die offenen Fragen über die Ereignisse vom Vortag und die Sorge um Tami hatten ohnehin keinen Platz für Hunger in seinem Bauch gelassen. Außerdem plagte ihn ferner die bange Ungewissheit, was er noch an Bestrafung zu erwarten hatte. Denn es war doch sehr unwahrscheinlich, dass die Sache mit seinen Möbeln und der Tür mit einer Nacht in der Kellerkammer erledigt war.

Die Antwort sollte allerdings nicht lange auf sich warten lassen. Noch als er in seine Gedanken vertieft das Rührei mit der Gabel umgrub und mit der anderen Hand das Stück Brot knetete, während sein Daumen eine Kraterlandschaft darin baute, trat Schwester Arundel unbemerkt von hinten an ihn heran. Sie flüsterte ihm zwar nur leise ins Ohr, er erschrak aber trotz allem.

„Noch vor Unterrichtsbeginn findest du dich bei der Schwester Oberin ein.“ Zu ihrem Befehlston gesellten sich nun auch noch Empörung und Abscheu. „Und hör auf, mit den von Gott gegebenen Gaben zu spielen, du undankbarer Tunichtgut.“ Mit einem verächtlichen Blick ließ sie von ihm ab, machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte aus dem Saal wie ein Feldherr, dem gerade die bedingungslose Kapitulation der feindlichen Truppen übermittelt worden war.

Dantra wandte sich wieder seinem Rühreihaufen zu und stocherte weiter darin herum. Er hatte zwar jetzt Gewissheit darüber, wann das Gewitter über ihn hereinbrechen würde, aber die immer noch offene Frage, ob sich ein Sturm oder gar ein Orkan dazu gesellte, verstärkte seine Appetitlosigkeit noch mehr.

Kurz darauf stand er nervös vor der Stubentür von Schwester Burgos, die aufgrund ihrer Führungsposition von allen nur Schwester Oberin genannt wurde. Nervös wippte er von einem Fuß auf den anderen. Er hatte bereits geklopft, aber der ranghöchsten Ordensschwester im Eberbachkloster bereitete es anscheinend Vergnügen, die Leute vor ihrer Tür warten zu lassen. Dantra kam es wie eine Ewigkeit vor, bis er endlich das auffordernde „Herein!“ vernahm. Er drehte den Handknauf und drückte. Mit einem leisen Ächzen schob sich die Tür auf, in deren Inneren der ein oder andere Holzwurm ein Zuhause gefunden hatte. Schwester Burgos saß hinter einem großen dunkelbraunen Schreibtisch, der nach vorne hin mit einer Holzplatte verkleidet war, auf der wiederum ein schneeweißes Kreuz aus Elfenbein jeden Blick auf sich zog. Es lagen einige Pergamentrollen ausgebreitet vor ihr auf dem Tisch, die an den Enden mit den verschiedensten Gegenständen beschwert waren, damit sie sich nicht wieder einrollen konnten. Die noch tief stehende Morgensonne schien durch das mattglasige Fenster, das sich hinter ihr befand, und ließ sie so noch erhabener, aber zugleich auch bedrohlicher wirken.

„Komm näher und setz dich.“ Ohne aufzusehen, deutete sie auf einen einfachen Holzstuhl, der schräg vor ihrem Arbeitstisch stand. Ihre Stimme klang ruhig und wies keinen Hauch von Verärgerung auf. Dantra wusste nicht, ob ihn das beruhigen sollte oder es eher ein Anlass zur Sorge war. Nachdem er sich gesetzt hatte und noch einige Augenblicke quälender Stille vergangen waren, sah sie endlich zu ihm auf. „So, Junge, und nun sag, was hast du getan?“ Ihre Stimme war immer noch ausgeglichen und emotionslos.

Dantras Gedanken jedoch überschlugen sich fast bei dem Versuch, die richtige Antwort zu finden. „Wie meint sie das?“, dachte er. „Jeder weiß doch, dass meine Kammer einem Trümmerhaufen gleicht und jeder meint auch zu wissen, dass ich dafür verantwortlich bin. Und da ist sie wohl keine Ausnahme, sonst hätte ich die Nacht nicht im Keller verbracht. Also, was will sie von mir hören?“ Mit leicht zittriger Stimme erwiderte er schließlich: „Meine Stube ist etwas ramponiert.“

„Ich weiß, was mit deiner Stube ist.“ Dantra hatte das Gefühl, dass sie nun doch etwas missmutig klang. „Ich will, dass du mir sagst, was du getan hast.“

Wieder rasten seine Gedanken. „Was ich getan habe ... was ich getan habe ... Ich weiß doch selbst nicht, was passiert ist.“ Er merkte, wie ihr Blick ihn durchbohrte, als wollte sie sich die passende Antwort selbst in seinem Kopf suchen. Seine Hände wurden schwitzig und sein Pulsschlag beschleunigte sich kontinuierlich. Ihr zu sagen, dass er nicht wüsste, was passiert sei, war sinnlos, dessen war er sich sicher. Zugeben, dass er selbst seine Möbel und die Tür zertrümmert hatte, konnte und wollte er aber auch nicht. „Da saß ein Rabe an meinem Fenster und ...“