Drachengabe - DiesigText

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Drachengabe

Diesig

Torsten W. Burisch


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

Alle Rechte vorbehalten.

Taschenbuchauflage 2017

Titelbild und Illustrationen: Torsten W. Burisch

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

Lektorat: Melanie Wittmann

ISBN: Taschenbuch 978-3-86196-680-7

ISBN: E-Book 978-3-96074-289-0

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Inhalt

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Kapitel 1

Diesig, kalt und grau. Es ist in jeder Hinsicht ein schäbiger Morgen. Denn es ist der Beginn der Verzweiflung.

„Lasst sie, bitte, lasst sie! Sie haben doch nichts Unrechtes getan!“ Ihr weinerliches Flehen lässt keine Gnade keimen. Geblendet von Angst und Hass, die durch Habgier und Neid geschürt wurden, geht es unwillkürlich weiter. „Sie sind unschuldig! Nehmt mich! Ich bin es doch, die ihr fürchtet! Die, die ihr brennen sehen wollt!“ Im Weinerlichen wächst der Zorn, die Wut.

„Ist gut, mein Kind. Unsere Zeit ist gekommen. In dieser Welt haben wir nun ausgedient. Du aber sei stark. Geh deinen Weg. Leb dein Leben.“

Die strammen Fesseln schnüren das Blut ab. Sie halten den Körper erbarmungslos aufrecht, starr und ohne etwaige Möglichkeiten zur Flucht.

„Nein, nein! Ich will das nicht! So tut doch was! Ihr verdammten Mörder! Tut doch was!!“ Die Schreie sind so laut wie die Hilflosigkeit. Doch die unzähligen Augen bleiben stumm.

„Angeklagt und verurteilt wegen Hexerei.“ Klar, laut und entschlossen zerreißt die dunkle Stimme die feige Stille. „Wegen der Aufzucht eines Dämonenkindes werden die hier stehenden Eheleute Culix Trebla und Mira Trebla sowie ihr verfluchtes Balg gerichtet durch das Feuer! Sind sie vor Gottes Augen unschuldig, so werden sie den Flammen entsteigen und es wird ihnen Gnade zuteil! Bringt die Fackeln!“

„Nein, hört mich an! Ich bin kein Dämon! Ich bin ein ...“

„Lass es gut sein, mein Schatz.“ Die ruhige Stimme soll Trost spenden, doch lässt sie nur das Mitleid ins Unermessliche wachsen.

„Aber, Vater, sollen sie es doch wissen! Sie begehen einen Fehler. Warum darf ich es ihnen denn nicht sagen?“

„Sie werden es nicht verstehen. Sie werden es nicht glauben. Sie werden eine Möglichkeit suchen und finden, dich zu quälen und zu töten. Aber in Kürze, wenn deine Fesseln den Flammen nachgeben, werden sie vor Furcht erstarren und du, mein Schatz, kannst fliehen. Dann bist du frei.“

„Und nur das ist es, worauf es ankommt. Dass du lebst!“

„Aber, Mama, Papa, wo soll ich denn hin? Ich will nicht ohne euch sein! Ich will nicht ohne euch leben!“

Das knisternde Geräusch, wenn trockenes Holz Feuer fängt, kündigt das Unabdingbare an. Der aufsteigende Rauch schnürt die Lunge zu und die aufkommende Hitze lässt die herannahenden Qualen erahnen.

„Mögen alle Einhörner Umbrarus’ dich beschützen. Und denke immer daran, wir lieben dich!“

Der Schmerz lässt keine weiteren Worte zu. Unterdrückte Schreie, brennendes Fleisch, das Schwarz des Rauches. Und Tränen. Der Mensch in ihr weint. Nach außen, nach innen. Glückseligkeit, Freude, Liebe ‒ verbrannt auf dem Scheiterhaufen.

Das Augenpaar ‒ das schon so oft gesehene Augenpaar ‒ ließ sie endlich erwachen. Es war ein Traum. Und zwar einer, den sie sehr gut kannte, obwohl er doch nur noch selten ihr nächtlicher Begleiter war. So war Akinna kurz irritiert, dass der von ihr so verhasste Traum sie wieder einmal heimgesucht hatte. Dantra wollte am Vorabend etwas über ihre Eltern erfahren. Und auch wenn sie ihn auf den heutigen Tag vertröstet hatte, so hatten ihre Gedanken noch am gleichen Abend die Vergangenheit erneut aufleben lassen.

Und Mac! Sein Tod lag gerade einmal drei Tage zurück. Drei Tage, seit sie ihn sterben gesehen hatte. Ermordet für sie. „Genau wie meine Eltern“, dachte sie. „Gestorben, damit ich leben kann.“ Sie setzte sich auf und sagte zweifelnd: „Bin ich das überhaupt wert?“

„Wie bitte?“

Akinna streifte sich ihren Umhang ab, der sie gerade noch warm umhüllt hatte. Dantra stand vor ihr und sah mit besorgtem Blick auf sie hinunter.

„Wieso bist du schon wach?“, hinterfragte Akinna sein viel zu frühes Erscheinen.

„Die Frage ist doch eher, wieso hast du heute so lange geschlafen? Oder anders: Wieso hast du überhaupt geschlafen?“

„Das muss wohl damit zusammenhängen, dass ich schon so lange in Begleitung eines Menschen unterwegs bin.“ Das war zwar nicht der wirkliche Grund, dessen war sich Akinna wohl bewusst, aber Schwäche zeigen entsprach nicht ihrem Charakter.

„Ach so“, gab Dantra spöttisch zurück. „Und wenn Mac nichts zugestoßen wäre, dann hättest du in ein paar Tagen angefangen, für uns zu kochen?“

„Sehr lustig“, murmelte Akinna.

„Hier, ich habe die Zeit, die du verschlafen hast, genutzt und draußen einige dieser herrlich duftenden Beeren gepflückt. Möchtest du ein paar?“ Kauend hielt Dantra ihr eine kleine Holzschüssel hin.

„Nein, danke. Der besagte Duft lockt Füchse an.“

„Seit wann fressen Füchse Beeren?“

„Sie fressen sie nicht. Sie markieren mit Vorliebe an ihnen ihr Revier.“

Dantra brauchte nicht lange, um zu verstehen, was Akinna ihm damit sagen wollte. Würgend spuckte er die Beeren wieder aus. „Bäh, das ist ja widerlich.“

Als Akinna die Nachtunterkunft verließ, begrüßte sie ein schöner Morgen. Die Sonne hatte bereits die ersten niedrigen Gipfel der Tronausleger des Teutogebirgszugs erklommen und der Wind zog angenehm warm von Culter herunter. Nur ein paar dünne Schleierwolken verzierten den ansonsten tiefblauen Himmel.

Dantra hatte sich ein paar neue Beeren gesucht, die sich farblich und vor allem vom Duft her von den ersten stark unterschieden. Dennoch holte er sich erst die Bestätigung von Akinna, dass sie genießbar waren und nicht von Tieren als Grenzmarkierung benutzt wurden, bevor er sie aß.

Kurz drauf packten sie ihre Sachen zusammen und gingen, ohne einen weiteren Blick auf das verfallene Haus, in dessen Keller sie letzte Nacht einen sicheren Unterschlupf gefunden hatten, zu werfen. Sie marschierten eine kleine Anhöhe querfeldein hinunter. In dem anschließenden lang gezogenen Tal lag der Fons-Dron-Kanal wie an einer Schnur gezogen und floss ruhig vor sich hin. In der Ferne nutzten einige Schiffe die Strömung oder den Wind für die andere Richtung.

Akinna und Dantra steuerten auf einen kleinen Bootsanleger zu, zu dem ein zweiter am gegenüberliegenden Ufer gehörte. Doch die Fähre, für die sie gebaut worden waren, war nicht zu sehen. Stattdessen hatte ein Frachtschiff, ausgestattet mit zwei Masten, dort angelegt. Als Dantra kurz vor ihrem Aufbruch Akinna gefragt hatte, wie das Schiff aussähe, mit dem sie weiterreisten, fiel die Beschreibung kurz, aber präzise aus.

„Es hat den Anschein, als hätte man das Falkenfängergehöft schwimmfähig gemacht.“ Das bezog sich natürlich nicht auf die Gebäude, aber auch bei dem Schiff waren angespitzte Pfosten als Palisade ringsherum angebracht. Wobei jeder zweite etwas nach oben abgewinkelt war und der jeweils andere im selben Winkel nach unten stand. Auf dem Schiff selbst war am Heck eine kleine Erhöhung angebracht, für eine bessere Übersicht beim Steuern. Ansonsten schien der überwiegende Teil des Frachters seiner Bestimmung zu gehören. Er war beladen mit einigen Fässern und unzähligen Kisten. Was dem aufmerksamen Betrachter zudem auffiel, waren die kleinen Holzkonstruktionen, die bis auf die Schießscharten ringsum verschlossen waren. Es waren auf jeder Seite des Schiffes drei angebracht und zusätzlich noch eine vorne am Bug. Was auf Dantra anfangs etwas irritierend wirkte, war die Höhe der Abwehrstellungen. Sie waren so niedrig gebaut, dass kein erwachsener Mann darin stehen konnte. Es musste äußerst schwer, wenn nicht sogar unmöglich sein, einen Pfeil von dort abzuschießen.

Als die beiden den leicht verwitterten Steg betraten, erschienen zwei junge Männer auf dem Deck und schoben eine schmale Landungsbrücke zu ihnen herüber. Akinna und Dantra balancierten zwischen den Palisaden hindurch an Deck und sogleich wurde Akinna mit freudigen Gesichtern begrüßt. Bei dem Anblick von Dantra jedoch wurden die Mienen ernster. Die gesamte Haltung der Männer wurde aufrechter und mit einem Gemisch aus Demut und Faszination senkten sie ihre Köpfe.

Dantra war von dieser Geste eher genervt als erfreut. Er wusste, dass Akinna vor zwei Tagen kurz die Gelegenheit gehabt hatte, mit Nomos, der noch immer auf dem Weg zu seiner neuen, sicheren Unterkunft war, zu sprechen. Dantra hatte sie gebeten, ihm nichts von seinem siegreichen Kampf gegen den Drachen zu erzählen. Denn gerade so ein Verhalten ihm gegenüber, wie das der zwei jungen Männer eben, wollte er vermeiden. Nichts lag ihm ferner, als dass noch mehr Menschen ihre Hoffnung auf die Befreiung von der Drachentyrannei auf ihn stützten.

 

Was im Felsenwald vor drei Tagen geschehen war, war sicherlich ein wegweisender Sieg gewesen. Aber die Annahme, dass er dieses Abwehrverhalten bei einem erneuten Angriff gegen eine oder gar mehrere dieser Kreaturen leisten könnte, war doch eher fraglich. Und wenn man es besonders kritisch sehen wollte, musste man sogar zugeben, dass er gar keinen Sieg gegen den Drachen davongetragen hatte, sondern nur ein Unentschieden erreichen konnte. Jedenfalls sah Dantra keinen Grund, schon jetzt nach so kurzer Zeit und mit so vielen offenen Fragen alle davon wissen zu lassen.

Aus einer Luke an Deck kam nun ein wesentlich älterer, bärtiger Mann heraus. Er war etwas untersetzt und von großer Statur. Seine halb zugekniffenen Augen weiteten sich erst, als er Akinna herzlichst auf seinem Schiff begrüßte. Danach sah er auf Dantra herab. Und zwar auf eine Art, die ihm vor einigen Tagen noch missfallen hätte, nun aber ein Gefühl der Erleichterung verursachte. Denn Zweifel und Unsicherheit zeichneten einige wulstige Falten auf das breite Gesicht des Mannes.

„Und du bist Dantra?“, fragte er mit rauer Stimme.

„Ja, bin ich.“

„Hast du wirklich das getan, was man mir berichtet hat?“

Nach einem bösen Blick zu Akinna, die diesen in Gleichgültigkeit umgewandelt zurückwarf, antwortete er: „Ich weiß nicht, ob meine Tat etwas ausgeschmückt wurde ...“

„Wurde sie nicht“, fiel ihm Akinna bestimmt, aber dennoch höflich ins Wort.

Dantra sah sie erneut böse an. „Nun“, fuhr er fort, „dann habe ich wohl getan, was berichtet wurde.“

„Wenn das so ist ...“ Die Miene seines Gegenübers ließ gleichermaßen Restzweifel wie auch Freude über das Gehörte erkennen. „Herzlich willkommen auf der Balaena zwei. Ich bin Kapitän Irretio. Das sind zwei meiner Söhne.“ Er deutete auf die beiden jungen Männer, die sie an Bord gelassen hatten. „Das ist Tashtego.“ Der scheinbar Ältere nickte kurz. „Und das ist Flask, mein Zweitgeborener.“ Auch er nickte. „Lasst uns unter Deck gehen. Die anderen brennen darauf, dich, Akinna, endlich wiederzusehen und dich, Dantra, kennenzulernen.“ Während sie auf die Luke zugingen, befahl der Kapitän: „Flask, mach die Leinen los. Tashtego, du hast das Kommando. Bring uns auf Fahrt.“

Beide ließen ein begeistertes „Ja, Kapitän“ hören und eilten zu ihren Positionen.

Die Treppe, die unter Deck führte, endete in einem schmalen Gang, der, wie sich später herausstellte, einmal um das ganze Schiff verlief. Alles, was von ihm aus gesehen zur Schiffsmitte hin lag, war Laderaum. Vorn im Bug führte er an drei Schlafkammern vorbei. Eine für die Jungs, eine für die Mädchen und die letzte für die Eltern. Durch die Kajüte der Jungs gelangte man in die Abwehrstellung, die Dantra vorn am Schiff gesehen hatte. Die anderen lagen direkt am Gang. Um sie zu nutzen, stieg man auf ein Podest, sodass sich nur der Oberkörper in der eigentlichen Stellung befand. Damit hatte man genug Freiheit, um mit Pfeil und Bogen Angreifer zu bekämpfen. Hinten im Heck lagen zwei weitere Räume, die mit einer zusätzlichen Tür verbunden waren. Ein kleinerer, der als Kombüse genutzt wurde, und ein größerer, der als Wohnkajüte hergerichtet war. In ihm stand ein langer Tisch mit fünf Stühlen daran. Einige Schränke standen dort und einige Regale hingen an den Wänden. In einer der Ecken war ein einladend aussehender Ohrensessel aufgestellt, vor dem weiße, warme Schafwolldecken lagen. Links von ihm stand eine schwere Eichentruhe mit Eisenbeschlägen, auf der anderen Seite ein kleiner Ofen mit einigen Holzscheiten in einem Weidenkorb. Die Bilder an den Wänden und die kleinen, gehäkelten Deckchen auf dem Tisch und auf einigen Regalböden ließen den Raum warm und gemütlich wirken.

Als Akinna und Dantra eintraten, stürmten ein Junge und ein Mädchen, die gerade noch mit kleinen Holzfiguren auf dem Bretterboden gespielt hatten, auf Akinna zu und umarmten sie herzlichst. Das Alter der Kinder schätzte Dantra auf acht oder neun Jahre. Was man aber mit Sicherheit sagen konnte war, dass sie die Geschwister der zwei jungen Männer waren, die oben an Deck ihre Aufgaben verrichteten. Die Ähnlichkeit war unübersehbar.

Aus dem Nebenraum kam eine groß gewachsene Frau mit langen, dunkelblonden, aufgedrehten Haaren. Sie trug ein Baby auf dem Arm, das genauso strahlte, als es die Neuankömmlinge sah, wie die Mutter selbst. Sie wurden auf dem Weg aus der Kombüse von einem herrlichen Duft nach gekochtem Gemüse mit Fleischeinlage begleitet. Auch die Mutter begrüßte Akinna wie einen alten, lange nicht gesehenen Freund.

Nun war er wieder da. Der Moment der bohrenden Blicke. Denn alle sahen Dantra an. Unbehagen überkam ihn wie schon auf Deck, als Tashtego und Flask ihn bewundernd und unterwürfig angestarrt hatten. Der Kapitän verscheuchte jedoch mit seiner lauten Kommandostimme schnell die unangenehme Stille.

„Dantra, das ist meine Frau Elija. Dies sind die Zwillinge Pip und Fedallah. Und die kleine Speckschwarte hier“, er deutete auf das Baby, „ist unser jüngstes Familienmitglied. Der junge Mann heißt Bymo.“

Dantra nickte verlegen, da er die Vorstellungsrunde damit für beendet hielt.

Irretio jedoch richtete nun das Wort an seine Familie und ließ damit die zuvor herrschende unangenehme Stille wieder aufkommen. „Elija, Kinder, das ist Dantra. Die wohl wertvollste Fracht, die wir je an Bord der Balaena zwei hatten.“

Als sie kurz darauf am Mittagstisch saßen und sich den kräftigen Eintopf schmecken ließen, war Dantras Unbehagen vergessen. Die Zwillinge alberten herum, das Baby kaute auf einer weichen Brotkruste und der Kapitän wie auch Elija plauderten gut gelaunt mit Akinna.

Noch während Dantra sich den letzten Löffel in den Mund schob, fragte ihn Irretio: „So, nun erzähl doch mal. Wie hast du den Drachen in die Flucht geschlagen?“ Als hätte jemand mit der Faust auf den Tisch getrommelt, ruhten Stimmengewirr und alle Blicke auf Dantra. Selbst der kleine Bymo hatte aufgehört, das Brot mit seinem zahnlosen Mund zu Brei zu zermahlen.

„Ich ... also ...“ Da war sie schon wieder, die ungeteilte Aufmerksamkeit, die auf ihm lag und von der er gerne reichlich abgegeben hätte. „Es ist nicht so, als wäre ich mit dem Vorsatz hingegangen, unbedingt mit ihm kämpfen zu wollen.“ Dantra versuchte bewusst, das ganze Szenario etwas herunterzuspielen. „Akinna und Mac waren direkt neben mir. Irgendetwas war geschehen. Doch der Drache suchte den Augenkontakt mit mir. Ich wusste, er wartet nur darauf, dass ich unaufmerksam bin und den Blick von ihm nehme, damit er mich mit seinem Feuer umbringen kann. Mir ist nur nicht klar, warum er dachte, dass er auf irgendeine Unaufmerksamkeit warten muss. Ich selbst habe nicht einmal daran geglaubt, dass meine magische Kraft ausreicht, um es mit einem Drachenfeuer aufzunehmen. Es war eigentlich eher eine Verzweiflungstat von mir, ihn in dem Glauben zu lassen, er könnte mich angreifen, indem ich einen Blick zu Akinna und Comal andeutete, um anschließend seiner Feuerwucht mit meiner Kraft entgegenzuwirken. Ich glaube, er war nicht weniger überrascht, dass das funktionierte, als ich. Und vor allem weiß ich nicht, ob es mir noch mal gelungen wäre, wenn er einen erneuten Angriff, dieses Mal womöglich aus der Luft, unternommen hätte. Ich denke daher, wir haben einfach nur sehr viel Glück gehabt.“

Die gebannte Stille hielt noch etwas, bis Elija das Wort ergriff. „Deine Bescheidenheit ist tugendhaft. Aber was geschehen ist, ist von zu großer Tragweite, als dass man es mit Glück betiteln könnte.“ Ihr Lächeln war so mütterlich sanft wie ihre Stimme.

Dantra war schon fast geneigt, ihr wider seiner Überzeugung zuzustimmen, als der Kapitän aufstand und mit tiefer Stimme erklärte: „Du hast geschafft, was niemand vor dir geschafft hat. Du hast getan, worauf wir, die freien Völker von Umbrarus, so lange gewartet haben. Du hast das Ende der Tyrannei besiegelt. Wir sind stolz auf dich. Wir kämpfen für dich. Und wir sterben für dich!“

„Aber gerade das will ich nicht!“ Dantras Ärger beruhte auf seiner Angst, all diese Menschen zu enttäuschen, wenn er versagte. „Ich weiß, dass Nomos und Akinna davon überzeugt sind, in mir den Richtigen für diese Aufgabe gefunden zu haben. Aber die Zweifel in mir selbst sind unüberwindbar. Ich habe es nicht einmal geschafft, Comal zu beschützen, wie soll ich dann ein ganzes Volk gegen ein Heer von Drachen beschützen?“

Die einfühlsame Stimme Elijas war es, die ihn wieder etwas beruhigte, und ihre Worte, die ihm viel von seiner Angst nahmen. „Es geht nicht darum, dass du die Drachen besiegst. Wenn man es genau nimmt, hast du deine Aufgabe schon erledigt. Denn den Menschen da draußen kann man über die Macht, etwas zu verändern, viel erzählen. Man kann sie beschwören und sie würden einem doch nicht folgen. Denn sie werden es nie glauben. Du aber hast es ihnen gezeigt. Du hast das Biest vielleicht nicht besiegt, aber du hast gezeigt, dass sie Schwächen haben. Dass sie nicht unbezwingbar sind. Dass es viele Opfer kosten wird, aber dass die Freiheit im vereinten Kampf gegen unsere Unterdrücker zu finden ist. Bürde dir also nicht so eine große Last auf deine Schultern. Selbst wenn der Tag kommt, an dem wir uns alle eingestehen müssen, dass du nicht derjenige warst, für den wir dich alle halten, so wird deine Tat in jedem Fall richtungsweisend sein. Und wenn wir den Sieg nicht mehr erleben, so können unsere Kinder und Enkelkinder doch aus unseren Fehlern für die Zukunft und für den Kampf gegen die Drachen lernen.“

Dies waren Worte, die in Dantra noch lange nachhallten. Die ihn nicht nur beruhigten, sondern auch zuversichtlich in die Zukunft sehen ließen. Nicht, dass er deshalb auch nur ein Stück von seinem Weg des Selbstzweifels abgerückt wäre, aber wenn seine Aufgabe nur darin bestand, Mut zum Widerstand zu zeigen, so war es wohl, wie Elija sagte, und er hatte bereits den größten Teil davon erfüllt. Und wenn er nicht einer der drei Auserwählten wäre und im Kampf sein Leben verlöre, so würde man wohl dennoch seinen Namen nicht mit Spott aussprechen, sondern ihn als Held in Erinnerung behalten. „Was will man mehr?“, dachte er und fühlte förmlich, wie der belastende Felsbrocken von seiner Seele rutschte.

Irretio und Pip lösten Tashtego und Flask an Deck ab, und während diese nun beherzt den Eintopf in sich hineinschaufelten, wiederholte Dantra auf ihr Bitten hin das im Felsenwald Geschehene. Anschließend zeigten sie ihm das Schiff und die Schlafkojen für die nächste Nacht.

Sie waren schon einige Zeit an Deck und die beiden Brüder erklärten Dantra gerade, wie man die Segel hisste, als zwei Glockenschläge ertönten. Tashtego und Flask schoben ihn daraufhin in Richtung der Luke, die unter Deck führte.

„Schnell, Dantra, schnell“, drängten sie ihn. Auch Akinna, die bei Irretio stand, eilte herbei.

„Was ist los?“, fragte Dantra, als sie unten waren, und sah dabei in zwei fast schon panische Gesichter, die ihn von der Luke fernhielten, indem sie durch diese hindurch zum Himmel starrten.

„Das war das Alarmsignal für einen Späher“, erklärte ihm Akinna.

„Ein Späher? Was für ein Späher?“

„Ein Drache, dessen Silhouette man am Himmel nicht nur vorbeihuschen sieht, sondern der wesentlich tiefer fliegt und dabei seine Kreise wie ein Raubvogel zieht.“

Dantra sah sie skeptisch an. „Meinst du, sie suchen nach uns?“

„Ich denke schon“, bestätigte Akinna knapp.

„Aber warum erst jetzt? Es ist doch schon drei Tage her, dass wir im Felsenwald waren. Warum haben wir nicht schon viel früher einen Späher entdeckt?“

Akinnas Antwort blieb zunächst aus. Das Knacken der Holzbohlen über ihnen verdeutlichte die Schritte von Irretio. Kurz darauf knallte die Lukenklappe zu. Nur noch die zwei Petroleumlampen, die in diesem Teil des Ganges an der Wand angebracht waren, erhellten ihre Gesichter.

„Nun“, begann Akinna, „wie gesagt, du bist der erste Mensch, dem es gelungen ist, einen Drachen in die Flucht zu schlagen. Ich denke, selbst solch mächtige magische Geschöpfe wie die Drachen mussten über diese Tatsache erst einmal nachdenken und ihr weiteres Vorgehen abstimmen. Ab jetzt bleiben wir besser unter Deck.“

Anfangs war Dantra nicht besonders davon angetan, die nächsten zwei Tage mit Petroleumlicht zu verbringen, anstatt die Sonnenstrahlen zu genießen. Im Nachhinein jedoch kam ihm die Zeit überhaupt nicht lange vor. Ganz im Gegenteil. Er machte dabei eine Erfahrung, die ihm noch lange ein Gefühl der Sicherheit, Wärme und Geborgenheit schenken sollte. Er dachte eine Weile über das richtige Wort für dieses Gefühl nach, am Ende jedoch lag es klar vor ihm: Familie. Er hatte nie eine gehabt. Zumindest keine, die aus Vater, Mutter und Geschwistern bestand. Eine, in der Harmonie nicht nur ein leeres Wort, sondern eine aus tiefstem Herzen entstandene Lebenseinstellung war.

 

So war es auch keine Überraschung für Dantra, dass ihm regelrecht schwer ums Herz wurde, als sie bereits am zweiten Tag ihrer Schiffsreise am späten Nachmittag von Bord gingen. Die Zeit auf dem Fluss hatte ihm eine innere Ruhe beschert, die er seit dem Aufenthalt bei E’Cellbra nicht mehr gespürt hatte. So wurden also widerwillig Hände geschüttelt, einander traurige Blicke zugeworfen und Lebewohl gesagt.

Schon nach einigen Schritten moserte Dantra los. „Warum konnten wir nicht noch eine Nacht an Bord bleiben? Heute kommen wir ohnehin nicht mehr weit.“ Seine Laune hatte, im Gegensatz zur Balaena zwei, keine Handbreit Wasser mehr unterm Kiel. Er war frustriert und im höchsten Maße gereizt.

„Glaubst du, ich verlasse gerne meine Freunde früher als nötig?“ Akinnas menschlicher Teil war nicht weniger niedergeschlagen als der Dantras. Dennoch versuchte sie, ruhig und verständnisvoll zu klingen. „Aber sie wegen ihrer angenehmen Gesellschaft und einer bequemen Nachtunterkunft in Gefahr bringen, kann doch wohl nicht in deinem Sinne sein, oder?“

„Wie gefährlich könnte es sein, hier eine Nacht vor Anker zu liegen? Die Balaena zwei ist bestens gegen eventuelle Angriffe geschützt. Und ich hätte ihnen gerne meine Dankbarkeit gezeigt, indem ich ihrem Schiff den Ruf verliehen hätte, es besser nicht anzugreifen, wenn einem das eigene Leben lieb ist.“

Akinna war stehen geblieben und sah Dantra einfühlsam an. „Ich versteh dich ja. Ein weiterer Abend mit dieser herzensguten Familie kommt einem wie ein Geschenk vor. Aber ein voll beladendes Frachtschiff, das nicht unter der Drachenflagge fährt und eine ganze Nacht im Nirgendwo am Ufer vor Anker liegt, ist mehr als verdächtig. Und selbst wenn das nur von Banditen bemerkt wird, der Ruf, von dem du gerade gesprochen hast, wäre gleichzeitig ein Todesurteil. Die Drachen würden erfahren, was für eine Kraft von dem Schiff ausginge. Sie würden natürlich sofort wissen, dass du an Bord bist oder warst.

In jedem Fall würde ein Drachenangriff folgen. Und was das bedeutet, brauche ich dir ja nicht zu erklären, oder? Also glaube mir, es ist für uns alle besser, dass wir die nächste Nacht in einem unbequemen, kalten Loch verbringen. Und das allem Verlangen nach innerer Zufriedenheit zum Trotze.“

An Dantras Schweigen und seinem resignierten Blick erkannte Akinna, dass er ihren Worten, wenn auch nur ungern, zustimmte. So gingen sie schweigend nebeneinander und mit der untergehenden Sonne im Rücken weiter.

Anfangs fiel es Dantra gar nicht auf, waren seine Gedanken doch weniger bei den Schritten, die er tat, als vielmehr bei den vergangenen zwei Tagen. Doch nachdem Akinna zum wiederholten Male die Richtung abrupt geändert hatte, weckte das seine Aufmerksamkeit. Vor allem weil sie mit jedem Blick auf die nun schon glutrote und zur Hälfte hinter dem Horizont verschwundenen Sonne nervöser wirkte. Und Nervosität, so dachte Dantra bisher, sei für sie eine lästige menschliche Last, mit der sie nichts zu tun haben wolle.

„Was ist? Haben wir uns verlaufen?“, fragte er seine Begleiterin schließlich.

„Ich verlaufe mich nie“, erwiderte Akinna gereizt.

„Ich mein ja nur ... Wenn wir sonst marschieren, geht das meistens geradeaus. Im Moment wechselst du aber so oft die Richtung, dass wir nicht wirklich vorankommen.“

Sie blieb stehen und fauchte ihn an: „Und wer ist daran schuld?“ Sie stemmte ihre Hände fordernd in ihre Hüften.

„Ich etwa?“, wunderte sich Dantra.

„Nein, ausnahmsweise mal nicht. Oder nicht direkt. Aber der Mensch allgemein! Ich schätze, hier wurde wieder einmal im Überfluss gerodet. Und nun sieht es nicht mehr so aus wie von Nomos beschrieben.“ Wieder ein Blick zur Sonne und eine weitere Sorgenfalte mehr auf ihrem sonst so feinen Elbengesicht.

„Was suchen wir denn?“, fragte Dantra, gewillt zu helfen.

„Na, unser Versteck für die Nacht. Was denn sonst?“

Auch wenn ihr Ton Dantra nicht gefiel, so wusste er doch, dass wenigstens einer von ihnen beiden die Nerven behalten sollte. „Ja, das habe ich mir gedacht“, sagte er ruhig. „Ich meine, wie sieht es aus?“

„Es ist ein Baum.“

„Ein Baum?“

„Ja, ein Baum.“

„Hier gibt es viele Bäume“, stellte Dantra fest und sah sich dabei um.

Auch wenn sie sich auf einer weiten Ebene befanden, die sich vom Fluss aus nach Lava und Dron ausdehnte, so war diese dennoch immer wieder von einzelnen kleineren Wäldchen durchzogen. Richtung Culter erstreckte sich, soweit es einsehbar war, ein schwarzer Baumwald. Auch hier, genau wie im Kampen, wie an einer Schnur ausgerichtet.

„Ich weiß, dass es hier viele Bäume gibt“, fuhr Akinna ihn erneut an. „Und ich kann nur hoffen, dass der richtige nicht auch schon einer Axt zum Opfer fiel. Nomos sagte mir, er stehe eine halbe Elbenspanne von ...“

„Was ist eine Elbenspanne?“, fiel Dantra ihr ins Wort.

„Eine elbische Maßeinheit. Aber das ist doch jetzt völlig unwichtig.“

„Wenn ich nicht weiß, wie weit eine halbe Elbenspanne ist, kann ich auch nicht beurteilen, ob wir hier richtig sind.“

Akinna funkelte ihn ungeduldig an. „Ich sagte bereits, ich verlaufe mich nie! Aber wenn du es genau wissen willst: Von der Stelle, an der wir von Bord gegangen sind, bis zu der kleinen Pappel dort vorn auf der leichten Anhöhe“, sie deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren, „ist es genau eine halbe Elbenspanne. Und hier sollte eigentlich ein kleiner Wald sein, an dessen Seite der besagte Baum steht.“

„Aber da ist doch ein kleiner Wald“, stellte Dantra fest und deutete auf eine Baumgruppe, deren dunkle Nadeln sich im Dämmerlicht kaum von dem dahinterliegenden schwarzen Baumwald abhoben.

„Es sollen etwas mehr als 200 Schritt Grasfläche zwischen ihm und dem schwarzen Baumwald liegen. Zu dem kleinen Wald da vorn sind es aber höchstens 30 Schritt. Dort kann es also nicht sein. Ich bin davon überzeugt, dass hier auch mal ein kleiner Wald war, bis ein paar Hornochsen auffiel, dass ihr Brennholzstapel etwas kleiner ist als der des Bauern drei Felder weiter. Und genau wegen solcher menschlicher Dummheiten haben wir heute Nacht keinen Schutz gegen die Späher der Drachen.“

Während Akinnas Stimme ungewohnt verzweifelt klang, zweifelte Dantra an ihrer Einschätzung der Lage. „Ich denke nicht, dass hier etwas abgeholzt wurde.“

„Ach, nein?“ Akinna wiederum schien seine Einschätzung der Lage schon zu bezweifeln, bevor er sie überhaupt kundtun konnte.

„Nein“, bestätigte er. „Siehst du hier irgendeinen Baumstumpf? Selbst wenn sie die Bäume so tief wie möglich abgeschlagen haben, ist das Gras dennoch nicht so hoch, dass die Stümpfe darin verschwinden würden. Ich denke eher, Nomos hat sich geirrt.“

„Ein Zlif irrt sich nie!“ Da war sie wieder, Akinnas eiskalte Stimme, die keinen Zweifel an ihren Worten duldete.

„Ja, ich weiß“, erwiderte Dantra nun eine Spur zu trotzig. „Aber wenn du dich nie verläufst, ein Zlif sich nie irrt und hier weit und breit kein Baumstumpf zu sehen ist ...“ Dantra machte ganz bewusst eine kleine dramaturgische Pause.

Aber noch bevor er zum Ende seiner Ausführungen über ihre momentane Situation kommen konnte, sagte Akinna: „Da vorn ist Laub“, und ging an ihm vorbei auf das kleine Wäldchen zu, das Dantra kurz zuvor als mögliches Ziel betitelt hatte.

Er murmelte einige Beschimpfungen vor sich hin, weil sie ihn einfach hatte stehen lassen, und folgte ihr dann missmutig.

Sie mussten noch ein ganzes Stück näher herangehen, bevor auch Dantra die wenigen Äste mit ihren Jahreszeit angepassten rotbraun gefärbten Blättern hinter dem kleinen Wald hervorstechen sah.

„Ist er das?“, fragte er, als sie vor einem unnatürlich groß wirkenden Baum standen, dessen wuchtiger Stamm so breit war, wie der Wagen eines Ochsengespanns lang ist. Selbst die Äste, die auf Kopfhöhe anfingen, die Baumpracht nach oben zu hieven, waren anfangs so dick wie Weinfässer.