Der Bergpfarrer Classic 76 – Heimatroman

Text
Aus der Reihe: Der Bergpfarrer Classic #76
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Der Bergpfarrer Classic – 76 –

Nachdenklich betrachtete Markus Bruckner das Gelände am Rande des Dorfes. Dabei spielte ein verschmitztes Lächeln um die Lippen des Bürgermeisters von St. Johann.

»So müßt’s eigentlich gehen«, murmelte er vor sich hin und ließ sich auf eine Bank sinken, die am Wegesrand stand.

Während er die Arme verschränkte und weiter lächelte, war sein Blick in weite Ferne gerichtet. Vor seinem geistigen Auge sah er es ganz deutlich.

Diese brachliegenden Wiesen auf dem Gemeindegrund waren der ideale Ort, um sich einen Traum zu verwirklichen. Einen Traum, den der Bürgermeister träumte, seit er von einem Besuch der Partnerschaftsgemeinde, St. Ulrich im Schwarzwald, zurückgekehrt war.

Eine Delegation von zehn Gemeindemitgliedern, unter der Füh-rung Markus Bruckners, hatte sich auf den Weg gemacht, die freundschaftlichen Verbindungen in den Schwarzwald zu vertiefen. Man war herzlich empfangen worden, ordentlich untergebracht und köstlich bewirtet. Und natürlich wurde man überall herumgeführt, es gab wirklich viel zu sehen. Unter anderem waren auch Ausflüge in die nähere Umgebung organisiert, das Glottertal gehörte ebenso zu den Zielen, wie der eindrucksvolle Titisee. Was den Bürgermeister von St. Johann allerdings am meisten begeistert hatte, war ein großzügig gebautes Thermalbad, das es in der Nachbargemeinde St. Ulrichs gab. Dabei handelte es sich um ein sogenanntes Spaßbad, das alle erdenklichen Freizeitvergnügen darbot, das jährlich Tausende von Besuchern anlockte, die, da der Großteil der Anlage überdacht war, auch im Winter zum Baden herbeiströmten.

Seit Markus Bruckner Bekanntschaft mit dieser Badelandschaft gemacht hatte, stand für ihn fest: So etwas mußte auch in St. Johann gebaut werden!

Im Sommer kamen ja genug Touristen, doch in den Wintermonaten, meist schon ab dem Spätherbst, herrschte in dem Alpendorf gähnende Leere. Da konnte es doch nur wirtschaftlich klug sein, den Leuten so ein Angebot zu machen, das auch in der trüben Jahreszeit die Kassen klingeln ließ.

»Bruckner-Therme« – das wäre schon ein Name!

Aber so weit wollte der Bürgermeister dann nun doch nicht gehen, obgleich er dieses Projekt für immer mit seinem Namen verbunden sah. Aber dazu mußte er es erst einmal im Gemeinderat durchdrücken und da sah er schon ein paar Schwierigkeiten auf sich zukommen – oder eigentlich war es nur eine und die hieß Sebastian Trenker.

Mit seiner eigenen Fraktion würde der Bruckner-Markus keine Probleme haben, dessen war er sicher. Aber leider hatte sie seit der letzten Kommunalwahl nicht mehr die absolute Mehrheit, sondern war auf das Wohlwollen der anderen Ratsmitglieder angewiesen. Und das könnte in diesem Fall bedeuten, daß das Projekt »Wachnertal-Therme«, wie Markus Bruckner es insgeheim getauft hatte, schon im Stadium der Planung zum Scheitern verurteilt war.

Indes – da gab es immer etwas zu machen. Wenn man überzeugende Argumente aufführte, dann konnte man eventuell den einen oder anderen von der Fraktion des Geistlichen auf die Seite der Befürworter ziehen.

Allerdings war es noch nicht so weit. Außer dem Bürgermeister wußte noch niemand etwas von dessen Plänen, nicht einmal seine eigene Frau…

Und Pfarrer Trenker durfte schon gleich gar nix davon erfahren! Vorerst jedenfalls. Hochwürden hatte es bisher immer geschafft, Markus Bruckners ehrgeizige Pläne zu durchkreuzen, sei es das Projekt Hubertusbrunn gewesen, als der Bürgermeister aus einem alten Jagdschloß ein Spielcasino machen wollte, oder damals, als ein finanzkräftiger Bauunternehmer aus München, ein großes Ferienzentrum bauen wollte. Jedesmal, wenn die Unternehmungen Gestalt annahmen, vereitelte Pfarrer Trenker sie in letzter Minute.

Dabei wollte der rührige Bürgermeister doch nur etwas tun, um die regionale Wirtschaft anzukurbeln. Mehr Touristen mußten her, und wenn es nach ihm gegangen wäre, dann würde längst ein Skilift zum Gletscher hinaufführen und die Pisten ausgebaut, dazu Hütten, in denen die Wintersportler sich bei Jagertee und heißer Musik amüsieren konnten.

Doch das war alles am Widerstand des Geistlichen gescheitert, und der Bruckner-Markus wußte, daß er den Bau des Spaßbades nur durchziehen konnte, wenn so wenige wie möglich eingeweiht waren. Er hoffte nur, daß in dieser Planungsphase niemand dahinter kam. Allerdings bestand jetzt auch noch keine Gefahr, daß etwas an die Öffentlichkeit drang. Außer dem Bürgermeister selbst wußte nur noch ein Münchener Architekt davon. Eben dieser hatte die Anlage im Schwarzwald konzipiert und die Pläne dafür erstellt. Markus Bruckner hatte ihn gleich nach seiner Rückkehr kontaktiert und ihn gebeten, nach St. Johann zu kommen, um sich das in Frage kommende Gelände einmal anzusehen. Fabian Roloff, so hieß der Mann, hatte seine Ankunft für den morgigen Tag telefonisch angekündigt, noch am selben Tag wollte der Architekt eine Ortsbegehung vornehmen. Von seinem Urteil hing alles ab.

Aber wie gesagt, das mußte alles noch unter größter Geheimhaltung stattfinden! Der Bürgermeister konnte sich schon jetzt vorstellen, was für ein Wirbel es geben würde, wenn die Sache vorher bekannt wurde.

Wenn sie aber erst einmal stand, die Wachnertal-Therme, dann waren ihm Lob und Anerkennung sicher – und bestimmt auch bessere Wahlergebnisse.

Markus Bruckner stand auf und ging zu seinem Wagen. Eigentlich war er auf dem Weg zur Kreisstadt gewesen, wo ein Treffen von Kommunalpolitikern seiner Partei stattfand. Aber er hatte hier unbedingt noch einmal anhalten müssen, um für ein paar Minuten zu träumen.

Zufrieden stieg er ein und fuhr los.

Diesmal, Hochwürden, dachte er zuversichtlich, diesmal funken S’ mir net dazwischen!

*

Britta Anzinger schleppte den vollen Korb mit der schweren, nassen Wäsche aus der Waschküche hinaus. Auf der Wiese hinter dem Haus stellte die junge, hübsche Bauerntochter den Korb ab und holte erst einmal tief Luft.

»Hätt’st die Wäsch’ doch net allein’ schleppen müssen«, hörte sie die Stimme ihrer Mutter, die mit ein paar weiteren Teilen hinterher gekommen war.

»Ach, so schwer war’s nun auch wieder net«, gab Britta zurück und bückte sich nach einem Bettlaken und ein paar Wäscheklammern.

»Aber du sollst dich doch erst einmal ein bisserl erholen«, tadelte Maria Anzinger ihre Tochter. »Nachdem, was du alles durchgemacht hast!«

»Na ja, so’n bisserl Arbeit kann ja net schaden«, lachte das Madl. »Außerdem bin ich ja net krank, sondern hab’ nur meine Stelle verloren.«

»Was dich doch ganz schön mitgenommen hat«, meinte die Bäuerin. »Tu’ net so, als ob das spurlos an dir vorbeigegangen ist.«

Britta hielt einen Moment in ihrer Tätigkeit inne.

»Du hast’ schon recht«, sagte sie nachdenklich und fuhr sich durch die blonden Locken. »Hat ja auch niemand ahnen können, daß alles so kommt…«

Nachdem sie die Schule beendet hatte, machte die Tochter des Anzingerbauern eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau, Schwerpunkt Im- und Export. Die Firma hatte ihren Sitz in der Stadt, und Britta machte es nichts aus, tagtäglich dorthin zu fahren. Im Gegenteil, die Arbeit machte ihr Spaß, sie lernte viel und bestand die Prüfung mit besonderer Auszeichnung. Sie wurde nach der Ausbildung übernommen und machte rasche Karriere innerhalb der Firma. Und schon bald sollte sie die rechte Hand des Chefs werden. Doch der verstarb an den Folgen eines Unfalls, und seine Nachkommen, die eine Erbengemeinschaft bildeten, verkauften die Firma an einen ausländischen Konzern. Zunächst wurden fast alle Mitarbeiter übernommen, darunter auch Britta Anzinger. Doch schon ein Jahr später mußte der Betriebsrat den Kollegen mitteilen, daß der Standort aufgelöst würde, und Entlassungen drohten.

Unter den Betroffenen war auch die Bauerntochter aus dem Wachnertal. Die jetzt Vierundzwanzig­jährige konnte sich nicht entschließen, ein Stellenangebot im Ausland anzunehmen, wurde arbeitslos und hatte, da konnte sie der Mutter nur recht geben, daran schwer zu knabbern gehabt.

Jetzt war es schon bald vier Wochen her, daß sie keine Arbeit hatte, und der Angestellte auf dem Arbeits­amt konnte ihr auch keine großen Hoffnungen machen, daß sich dieser Zustand bald ändern würde.

Jedenfalls nicht, solange Britta nicht bereit war, aus der Heimat fortzugehen und irgendwo anders eine Stelle anzunehmen.

»Kommt Zeit, kommt Rat«, meinte sie und nahm einen Pulli aus dem Wäschekorb und hängte ihn auf die Leine.

»Willst’ es dir net doch noch mal überlegen und hier auf dem Hof arbeiten?« fragte ihre Mutter zwischendurch.

Britta schüttelte energisch den Kopf.

Natürlich gab es immer noch diese Möglichkeit. Aber sie hatte nicht eine Ausbildung gemacht, um als Magd auf dem Hof der Eltern zu schaffen. Ganz abgesehen davon, daß es bereits eine Magd gab. Mit dem Vater hatte es deswegen lange Diskussionen gegeben. Franz Anzinger hatte es schon seinerzeit nicht gerne gesehen, daß seine Tochter nicht auf dem Hof bleiben wollte, so wie ihr Bruder. Auch für Brittas Argumente, daß der Thomas ohnehin einmal alles erben würde und schon alleine deshalb in der Landwirtschaft arbeiten müsse, hatte der Bauer kein Verständnis gezeigt.

»Wie stellst’ dir das denn vor?« hatte Britta damals gefragt. »Eines Tages wird der Thomas sich eine Frau nehmen, und ich soll dann die Magd für meine Schwägerin sein?«

»Und wenn schon«, hatte ihr Vater darauf erwidert. »Immerhin wärst abgesichert, im Schoß der Familie.«

Na vielen Dank, hatte das Madl gedacht und entschlossen seinen Willen durchgesetzt. Allerdings sah es jetzt so aus, als würde die so erfolgreiche Laufbahn, die Britta Anzinger begonnen hatte, nicht mehr weiterführen. Sie kam sich vor wie in einer Sackgasse, aus der es keinen Weg gab, höchstens zurück. Und zurück würde sie gehen, wenn sie jetzt auf dem elterlichen Hof als zweite Magd zu arbeiten begann.

 

»Wenn’s denn gar net anders geht, dann werd’ ich mich wohl doch noch ganz woanders umschauen müssen«, erwiderte sie auf den Vorschlag der Mutter.

Maria Anzinger sah ihre Tochter ängstlich an.

»Du meinst, daß du dann ganz und gar fortgehen würdest?«

Britta zuckte die Schultern.

»Wenn alle Stricke reißen, wird mir wohl nix anders übrig bleiben.«

Die Bäuerin seufzte schwer.

»Und wenn du doch den Antrag vom Jochen Pelching annimmst?« fragte sie hoffnungsvoll. »Schau, so ein schlechter Kerl ist er doch net, der Jochen. Und eines Tages übernimmt er den elterlichen Hof, und du würdest dort Bäuerin sein. Also, ich kenn’ Madln, die’s weitaus schlechter getroffen haben.«

Das junge Madl erwiderte nichts darauf. Jedesmal, wenn sie nicht mehr weiter wußte, kam ihr die Mutter damit, den Sohn einer befreundeten Familie aus Waldeck, zu heiraten. Jochen Pelching war gewiß nicht häßlich, und die paar Male, die sie zum Tanzen ausgegangen waren, hatten gezeigt, daß er nicht nur ein geselliger Bursche, sondern auch ein hervorragender Tänzer war. Doch als Jochen um ihre Hand anhielt, da schrillten bei Britta die Alarmglocken. Denn eines wollte sie unter gar keinen Umständen werden – Bäuerin.

»Mutter, ich will net weiter darüber reden«, sagte Britta Anzinger kurz angebunden und nahm das letzte Wäschestück aus dem Korb.

Nachdem sie es aufgehängt hatte, wandte sie sich zu ihrer Mutter um.

»Zum Mittag bin ich net da. Ich fahr’ gleich noch mal zum Arbeits­amt in die Stadt. Vielleicht hat sich ja inzwischen was getan.«

Viel Hoffnung hatte sie allerdings nicht. Vielmehr ging es ihr auch darum, den Eltern zu »entkommen«, um sich nicht schon wieder anhören zu müssen, welche Vorteile es hätte, auf dem Hof zu arbeiten oder, noch besser, Jochen Pelching zu heiraten.

*

Fabian Roloff schaute neugierig aus dem Fenster seiner dunklen Limousine. Vor ihm tat sich die imposante Bergwelt der bayrischen Alpen auf. Schneebedeckte Gipfel ragten in die Höhe, saftige Almwiesen luden zum Wandern und Verweilen ein, und die hohen Tannenwipfel der Wälder schienen wie von einer Ansichtskarte abgemalt. Und über allem stand die strahlende Sonne am Himmel.

Der junge Architekt war am Morgen aus München abgefahren. Die Anfrage des Bürgermeisters von St. Johann schien ihm interessant genug, um sich selbst auf den Weg in das Alpendorf zu machen. So, wie es sich angehört hatte, schien ein lukrativer Auftrag zu winken.

Fabian fand es schon bemerkenswert, daß der Herr Bruckner sich auf das Thermalbad bezog, das er seinerzeit im Schwarzwald konzipiert hatte. Die Anlage war inzwischen sechs Jahre alt, und die Anfrage des Bürgermeisters war bereits die vierte oder fünfte gewesen. Dreimal hatte es Fabian Roloff geschafft, andere Ortsvorsteher und Investoren von seinem Konzept zu überzeugen, und er war sicher, daß es ihm auch hier gelingen würde. Vorausgesetzt, die Therme ließe sich in das Landschaftsbild integrieren. Ganz abgesehen von anderen Gesichtspunkten, die erfüllt sein mußten. Dazu gehörte nicht nur eine genau berechnete Finanzierung, ebenso mußte darauf geachtet werden, ob die Badelandschaft überhaupt den Zuspruch der Bevölkerung fand. Eine aufwendig gestaltete Therme nützte überhaupt niemandem, wenn sie leer stand, weil die Leute sie nicht annahmen und dadurch die Besucher fehlten.

Der junge Architekt passierte das Ortschild und fuhr durch das Dorf. St. Johann gefiel ihm auf Anhieb. Die Häuser, mit ihren Lüftlmalereien, strahlten Gemütlichkeit aus. Fabian hatte den Eindruck, als sei die Zeit hier stehen geblieben, denn außer einem kleinen Einkaufszentrum, sah er hier kaum moderne Bauten. Und noch etwas fiel ihm auf, der schlanke, hohe Turm der Kirche. Fabian hatte sich schon immer für Kirchenarchitektur interessiert, und daß es in Bayern mit die schönsten Gotteshäuser gab, wußte er natürlich. Er hoffte, daß er während seines Aufenthalts Zeit haben würde, die Kirche von St. Johann zu besichtigen. Doch jetzt steuerte er erst einmal den Parkplatz des Hotels an. Sechs Tage hatte er für den Aufenthalt eingeplant, wobei das Wochenende genau hinzu kam. Den Samstag und Sonntag wollte er dazu nutzen, ein wenig auszuspannen und die Umgebung von St. Johann zu erkunden. Ein bisserl Ruhe und Erholung würde ihm nach den anstrengenden Wochen, die hinter Fabian Roloff lagen, bestimmt guttun.

Sepp Reisinger, Wirt und Inhaber des Hotels »Zum Löwen«, stand selbst an der Rezeption.

»Mein Name ist Roloff, aus München«, stellte sich der Architekt vor. »Für mich ist ein Zimmer reserviert.«

»Selbstverständlich, Herr Roloff«, nickte der Hotelier. »Herzlich willkommen. Hatten S’ eine gute Fahrt?«

Fabian bejahte. Die Fahrt war wirklich problemlos verlaufen.

»Dann zeig’ ich Ihnen gleich das Zimmer«, sagte Sepp. »Wenn ich vorangehen darf.«

Das Jenneralm-Zimmer hieß so, weil man von dort aus dem Fenster einen herrlichen Blick auf die Berge und die gleichnamige Alm hatte. Fabian nickte zufrieden. Hier würde es ihm gefallen.

»Das freut mich«, sagte der Wirt und erklärte, von wann bis wann das Frühstück eingenommen werden konnte.

Außerdem vergaß Sepp nicht zu erwähnen, daß das Restaurant des Hotels bis zweiundzwanzig Uhr geöffnet habe.

»Dann reservieren S’ mir doch, bitte schön, gleich einen Tisch, für heut’ abend«, bat Fabian Roloff.

»Gern«, antwortete Sepp und verließ mit einer Verbeugung das Zimmer.

Der junge Architekt packte zuerst seine Reisetasche aus und ging ins Bad, um sich zu erfrischen. Für die Fahrt hatte er sich bequeme Kleidung angezogen. Jetzt wechselte er sie und wählte einen dunklen Anzug, dazu Hemd und Krawatte. Mit einer Aktenmappe unter dem Arm verließ er kurz darauf das Hotel und schlenderte zum Rathaus hinüber.

Im Vorzimmer des Bürgermeisters saß, wider Erwarten, keine Sekretärin, dafür stand die Tür zum Büro offen. Fabian räusperte sich vernehmlich, und gleich darauf streckte ein Mann seinen Kopf heraus.

»Herr Roloff, nehm’ ich an?«

Der Besucher nickte.

»Markus Bruckner«, rief der Mann lächelnd und reichte ihm die Hand. »Kommen S’ nur herein. Schön, daß Sie da sind. Ich hab’ meiner Sekretärin freigegeben, damit wir ungestört sind.«

Fabian folgte ihm in das Büro. Irgendwie befremdete es ihn, daß der Bürgermeister nicht wollte, daß seine Mitarbeiterin etwas von dem Besuch mitbekam. Aber er fragte nicht nach den Gründen für diese Geheimhaltung.

»Bitte schön, nehmen S’ Platz«, sagte Markus Bruckner und deutete auf einen Stuhl, vor seinem Schreibtisch.

Der Architekt setzte sich.

»Ja, ich hab’ Ihnen ja schon am Telefon gesagt, wie beeindruckt ich von der Therme bin, die Sie gebaut haben, lieber Herr Roloff«, begann der Bürgermeister das Gespräch. »Ich bin der Meinung, daß so etwas auch unserem schönen St. Johann gut zu Gesicht stehen würd’. Deshalb hab’ ich zu Ihnen Kontakt aufgenommen. Wenn ich Ihnen mal anhand der Karte zeigen darf, wo das in Frage kommende Gelände ist? Schauen S’, genau hier.«

Auf dem Schreibtisch war eine Karte von St. Johann und Umgebung ausgebreitet, die Fabian schon bei seinem Eintreten aufgefallen war. Der Bürgermeister beugte sich darüber und fuhr mit seinem Finger über eine rechteckige Fläche, die mit einem roten Stift schraffiert war.

Fabian Roloff sah sich das Gelände an. Es war gut gewählt, weil es an der Straße zur Kreisstadt lag, etwaige Besucher also nicht erst durch das Dorf fahren mußten, um zur Therme zu kommen. Außerdem führten von dieser Straße Abzweigungen zu zwei anderen Orten. Der Architekt erkannte, daß er schon auf der Herfahrt daran vorbeigekommen war. Die große, offene Fläche war ihm da bereits aufgefallen. Dennoch würde er gleich, nach diesem Gespräch, noch einmal dorthin fahren, um sich genauer umzusehen.

Im Großen und Ganzen stimmte er dem Bürgermeister jetzt schon zu. Der Platz eignete sich gut für den Bau einer Badelandschaft, und so, wie es aussah, würde man wohl ins Geschäft kommen.

»Wunderbar«, freute sich Markus Bruckner und rieb sich die Hände, nachdem sie eine knappe Stunde zusammengesessen hatten. »Dann schauen S’ sich nur um und machen S’ schon mal ein paar erste Zeichnungen.«

Fabian nickte und steckte den Vertrag, den die beiden Männer unterschrieben hatten, in die Mappe.

»Ich mach’ mich gleich an die Arbeit.«

Der Bürgermeister hob mahnend die Hand und machte dabei ein ernstes Gesicht.

»Wie ich schon bei unserem Telefongespräch gesagt hab’, Herr Roloff, es muß alles streng geheim bleiben. Bis jetzt weiß noch niemand etwas darüber, was wir hier planen, und das soll auch vorläufig so bleiben.«

»Sie können sich darauf verlassen, Herr Bruckner«, nickte Fabian. »Allerdings stell’ ich mir unsere weiteren Kontakte sehr schwierig vor, wenn niemand etwas mitbekommen darf.«

Markus machte ein nachdenkliches Gesicht. Das war ein Argument, das er nicht bedacht hatte. Aber der Architekt hatte recht.

»Am besten ist’s, wenn wir uns außerhalb des Dorfes treffen«, schlug er vor. »Ich geb’ Ihnen die Nummer meines Mobiltelefons, und Sie rufen nur darauf an. Dann kann’s auch net passieren, daß meine Sekretärin etwas davon mitbekommt.«

So recht wußte Fabian Roloff nicht, was er von dieser Geheimniskrämerei halten sollte, aber er willigte dennoch ein. Immerhin ging es um einen Auftrag, der ihm letztendlich ein stattliches Honorar einbrachte. Da war er durchaus bereit, sich den Wünschen des Auftraggebers zu fügen – solange nichts Kriminelles von ihm verlangt wurde.

Die beiden Männer verabschiedeten sich, und der Architekt verließ das Büro.

Markus Bruckner stellte sich indes an das Fenster und rieb sich die Hände.

Der erste Schritt war getan. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

*

Britta Anzinger war recht mutlos, als sie von der Stadt zurück nach Hause fuhr. Der Sachbearbeiter auf dem Arbeitsamt hatte nur bedauernd den Kopf geschüttelt, als die junge Kauffrau sich nach einem Stellenangebot erkundigte.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte der Mann. »Aber momentan tut sich da wirklich nix, Fräulein Anzinger. Die allgemeine wirtschaftliche Lage, wenn S’ verstehen…«

Betrübt war Britta in ihr kleines Auto gestiegen und hatte sich auf den Nachhauseweg gemacht. Während sie über die Landstraße fuhr, dachte sie darüber nach, daß sie sich wohl oder übel doch mit dem Gedanken vertraut machen müsse, ganz fortzugehen und eventuell woanders ihr Glück zu versuchen. Möglicherweise gab es in einer anderen Region Deutschlands eine Arbeitsstelle für eine Großhandelskauffrau mit ihrer Qualifikation.

Aber so recht konnte sie sich damit nicht anfreunden. Britta liebte ihre Heimat, fühlte sich mit den Menschen hier verbunden, und der Gedanke in einer fremden Stadt leben zu müssen, behagte ihr ganz und gar nicht.

Was blieb also?

Zwei Möglichkeiten hatte sie. Entweder als Magd auf dem elterlichen Hof zu arbeiten, mit der Aussicht, eines Tages eine Schwägerin zu bekommen, die dann die Herrschaft über den Anzingerhof übernahm. Oder den Antrag Jochen Pelchings anzunehmen und Bäuerin zu werden.

Doch dafür hatte sie nicht die Ausbildung gemacht!

Es muß doch noch was anderes geben, dachte sie, während sie, kurz vor St. Johann, in die Straße einbog, die zum Dorf führte.

Plötzlich stotterte der Motor ihres Autos, der Wagen wurde langsamer und blieb schließlich stehen.

»Du lieber Himmel, was ist das denn?« entfuhr es dem Madl.

Britta schaltete die Warnblinkanlage an und nahm den Gang heraus. Es herrschte zwar kaum Verkehr auf der Straße, aber trotzdem konnte das Auto hier nicht stehen bleiben. Durch die geöffnete Seitenscheibe lenkte sie das Fahrzeug, während sie sich dagegen stemmte, um es von der Straße zu schieben. Nur war es fürchterlich schwer.

»Warten S’, ich helf Ihnen«, hörte sie eine Stimme hinter sich.

Britta drehte sich um und mußte sich unwillkürlich ein Schmunzeln verkneifen. Der Mann, der da über die Wiese gelaufen kam, sah recht merkwürdig aus, in seinem dunklen Anzug und den Gummistiefeln, die er dazu trug.

»Was hat er denn?« fragte der Mann.

Das junge Madl zuckte ratlos die Schultern.

»Keine Ahnung, von einem Moment auf den anderen ist er stehengeblieben.«

»Na, das schau’ ich mir gleich an«, sagte der unbekannte Helfer. »Jetzt wollen wir erst mal sehen, daß wir ihn von der Straße bekommen. Setzen S’ sich hinein, ich schieb’ ihn an die Seite.«

 

Britta setzte sich hinter das Lenkrad, während der Mann nach hinten lief und schob. Es war nur ein kurzes Stück, und der Wagen stand auf dem Seitenstreifen.

»Machen S’ mal die Motorhaube auf«, bat der Mann.

Britta entriegelte die Haube, und ihr Helfer verschwand darunter.

»Das Benzin ist’s hoffentlich net?« rief er.

Die Bauerntochter war ausgestiegen.

»Nein, das kann’s net sein«, erwiderte sie. »Ich hab’ erst vorhin in der Stadt getankt.«

Besorgt schaute sie dem Mann zu, wie er im Motorraum zugange war.

»Was könnt’s denn sein?« fragte sie.

Der Mann tauchte wieder auf.

»Tja, das ist schwer zu sagen«, meinte er und kratzte sich am Kopf. »Vermutlich die Benzinpumpe. Am besten wird’s sein, wenn ich Sie abschlepp’. Bis zum Dorf ist’s ja net mehr weit. Gibt’s denn dort eine Reparaturwerkstatt?«

Britta nickte.

Sie schaute ihren Helfer genauer an. Abgesehen von der unmöglichen Kombination aus Gummistiefeln und dunklem Anzug, schaute er recht fesch aus, dachte sie. Groß und schlank, das markante Gesicht machte einen sympathischen Eindruck, die dunklen Haare waren modisch kurz geschnitten.

»Ich hab’ mich noch gar net vorgestellt«, sagte der Mann und reichte ihr die Hand. »Fabian Roloff.«

»Britta Anzinger«, erwiderte sie. »Und was machen S’ eigentlich hier in dem Aufzug?«

Diese Frage hatte sie sich nun doch nicht verkneifen können.

Fabian wußte, daß sein Aussehen zum Lachen reizen mußte. Aber seine Arbeit als Architekt brachte es nun mal mit sich, daß er immer wieder Baustellen besuchen mußte. Aus diesem Grund hatte er stets ein paar Gummistiefel im Kofferraum seines Wagens liegen. Angesichts der Wiese, über die er vorhin stapfen mußte, schien es ihm sehr angebracht, die teuren Lederschuhe zu schonen und statt dessen in die Stiefel zu schlüpfen.

Er lächelte die junge Frau an.

»Ich hab’ mich hier nur ein bisserl umgesehen«, erwiderte er ausweichend.

Er deutete zu seinem Auto hinüber, das auf der anderen Seite stand.

»Warten S’, ich hol’ den Wagen. Ein Abschleppseil hab’ ich dabei.«

Britta nickte dankbar. Während sie darauf wartete, daß Fabian Roloff sein Auto vor ihres fuhr, hoffte sie, daß die Reparatur nicht all zuviel kosten würde.

Wenn es kommt, dann auch gleich alles auf einmal, dachte sie seufzend und schaute zu, wie ihr Helfer den Kofferraum seines Wagens öffnete und ein Abschleppseil herausnahm.

»Ich weiß gar net, wie ich Ihnen danken soll«, sagte sie wenig später, als sie auf dem Hof der Werkstatt standen.

Der Mann lächelte sie an, und Britta glaubte zu spüren, daß die-ses Lächeln tief in ihr Inneres

drang.

»Das ist gar net nötig«, entgegnete er. »Es war doch selbstverständlich.«

Britta reichte ihm die Hand.

»Also, tausend Dank, Herr Roloff.«

»Bitte schön. Gern’ geschehen.«

Er sah sie fragend an.

»Die Reperatur wird ja eine Weile dauern. Kann ich Sie irgendwohin bringen?«

Britta brauchte nicht lang zu überlegen.

»Wenn’s Ihnen nix ausmacht…«

Die Aussicht, noch eine Weile mit diesem gutaussehenden Mann zusammen sein zu können, war verlockend. Gerne hätte sie mehr über ihn erfahren.

War er ein Urlauber?

Eher nicht. So wie er angezogen war, würde sie in ihm einen Geschäftsmann vermuten. Aber der lief nicht in Anzug und Gummistiefeln durch die Gegend. Irgend ein Geheimnis schien Fabian Roloff zu umgeben, und diese Tatsache machte ihn für Britta nur noch interessanter.

»Überhaupt net«, beteuerte er. »Sagen S’ nur wohin Sie wollen.«

»Nach Haus’ ist’s schon noch ein gutes Stück«, sagte sie. »Ich würd’ Ihr Angebot gern’ annehmen.«

*

»Ihren Eltern gehört also ein Bauernhof. Arbeiten S’ auch dort?« erkundigte sich der Fabian Roloff, als sie kurz darauf auf den Weg zum Anzingerhof waren.

Britta schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich bin zur Zeit arbeitslos«, antwortete sie und erzählte ihre Geschichte.

»Ja, es ist heutzutag’ net leicht, eine Arbeit zu finden und zu behalten«, meinte Fabian Roloff. »Da kann ich Ihnen nur wünschen, daß Sie net all zulang’ warten müssen, bis Sie eine neue Stelle bekommen.«

Er deutete zu den Zwillingsgipfeln hinüber.

»Sehr imposant.«

»Der ›Himmelsspitz‹ und die ›Wintermaid‹«, erläuterte Britta. »Ja, sie sind gut dreitausend Meter hoch.«

»Da kann man bestimmt gut klettern.«

»Gewiß. Sind Sie Bergsteiger?«

»Eher Wanderer«, erwiderte Fabian mit einem Kopfschütteln. »Aber leider komm’ ich net oft dazu, in die Berge zu fahren.«

»Also, wenn S’ schon mal da sind, sollten S’ sich das net entgehen lassen«, sagte die Bauerntochter und deutete nach vorne. »Da geht’s rechts hinein.«

Der Architekt bog in die Straße ein.

Da ein paar Tage für seinen Aufenthalt hier eingeplant waren, hatte er vorsichtshalber auch Wanderkleidung mitgenommen. Es war zwar ungewiß, ob er dazu kommen würde, aber wenn sich die Gelegenheit ergab, dann wollte er gerne eine Bergtour unternehmen.

»Ach, ich weiß gar net, ob ich überhaupt dazu komm’«, meinte er. »Ich bin ja net im Urlaub.«

»Was arbeiten S’ eigentlich?« wollte seine Beifahrerin wissen.

Fabian Roloff schluckte.

Seit geraumer Zeit hatte er schon mit dieser Frage gerechnet, aber die Wahrheit durfte er nicht sagen. Lügen wollte er allerdings auch nicht.

»Ach, es geht um die mögliche Erschließung eines Gemeindegrundstücks«, antwortete er ausweichend.

»Aha«, sagte Britta nur und schien sich nichts weiter dabei zu denken. »Wir sind gleich da.«

Fabian atmete insgeheim auf. Er war froh, daß die junge Frau keine weiteren Fragen zu seiner Tätigkeit stellte.

»Schön haben Sie’s hier«, sagte er, als er den Bauernhof vor sich liegen sah. »Sehr idyllisch.«

Der Anzingerhof war seit fünf Generationen im Familienbesitz. Im Lauf der Zeit war immer wieder etwas angebaut und erneuert worden, der ursprüngliche Charkter blieb indes erhalten.

»Möchten S’ vielleicht auf einen Kaffee hereinkommen?« lud Britta ihren Helfer ein.

Fabian wäre dieser Einladung gerne gefolgt. Allerdings wartete im Hotel schon die erste Arbeit auf ihn. Er wollte jetzt gleich einen ersten Kommentar zur Planung der Therme verfassen. Außerdem mußte er mit seinem Büro in München telefonieren, wo trotz seiner Abwesenheit alles weiterlaufen mußte.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, erwiderte er und schüttelte den Kopf. »Aber leider fehlt mir die Zeit, Ihre freundliche Einladung anzunehmen.«

Britta zuckte bedauernd die Schultern.

Schad’, dachte sie. Der Mann sah nicht nur gut aus. Er schien auch sonst interessant zu sein. Gerne hätte sie ihn ihren Eltern vorgestellt und noch ein Weilchen mit ihm geplaudert.

Sie haben die kostenlose Leseprobe beendet. Möchten Sie mehr lesen?