Wo das Leben entspringt

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Inhalt

Vorwort

Wie eine Überschrift – so steht die Jahreslosung über einem Jahr, so steht der Monatsspruch über einem Monat. Wie wäre es, auf dem Weg durch das Jahr 2018 mit seinen einzelnen Monaten das, was einem begegnet, in Verbindung zu diesen Überschriften zu setzen?

Sich auf diese Weise von den biblischen Versen inspirieren, befragen, provozieren, begleiten und leiten zu lassen: Dazu möchte dieses Buch anregen.

Manche Texte erzählen von alltäglichen Begebenheiten, andere beziehen sich auf Gelesenes, manche auf Bibelstellen, die ich in einem Zusammenhang sehe, andere auf Themen, die im jeweiligen Monat wichtig sind.

Manchmal ist die Bindung an den Monatsspruch in den begleitenden Texten lose. So möchte ich Assoziationen wecken und die Fantasie anregen, das weite Feld des Textes und auch des Lebens zu erkunden.

Ich bin überzeugt davon, dass Gott Entwicklung gutheißt. Sein Wort lässt sich auf vielfältige Weise verstehen und auslegen. Es gewinnt an Aktualität, wenn wir es mit unserem Alltag und seinen Themen verbinden.

Ausdrücklich sind auf diesem Weg Fragen erwünscht und Zweifel erlaubt. Denn ein glaubwürdiger Glaube behauptet nicht, sondern geht dem, was ist, auf den Grund.

Wichtiger als das Dogma ist darum das Gespräch, in dem jede Frage gestellt und jeder Zweifel geäußert werden darf.

Vielleicht entfalten sich gerade auf diese Weise fragile Wahrheiten, die Bedeutung für das Leben gewinnen und es verändern.

Hameln, im April 2017

Tina Willms

Jahreslosung
Lebendiges Wasser, umsonst
Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Offenbarung 21,6 (L)
Lebendiges Wasser im wüsten Land

Ohne Wasser kein Leben. In der Wüste sieht man das. Da ist nichts als Staub und Stein. Über dem Boden flirrende Hitze, die alles verbrennt. Kein Raum, in dem man sich entfalten könnte.

Doch dann regnet es, Tropfen fallen vom Himmel, spielen eine Melodie auf dem Boden. Sie sammeln sich zu kleinen Rinnsalen, in den Vertiefungen bilden sich Pfützen, sie fließen über, werden zu Bächen, die die trockenen Flussläufe füllen.

Und die Wüste blüht auf. Sie explodiert, nicht laut, sondern ganz still. Keime kriechen aus dem Boden, Stängel recken sich ins Licht, Blätter bilden sich, Blüten platzen auf.

Manchmal bin ich selbst das Land. Wüst. Ausgebrannt und leer. Da ist wenig, was wächst, das Leben liegt brach.

Manchmal bin ich selbst Stein und Staub: Sehnsüchtig nach Wasser, das mich lebendig macht. Durstig nach frischer Kraft, Fantasie, Aufbruch und Lebenslust.

Und dann höre ich feine Töne, die mich ins Leben locken. Segenstöne, die wie Regentropfen in mich fallen: Ich bin bei dir. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Ich gieße Ströme von lebendigem Wasser über dir aus.

Das sind Laute, die mich lebendig machen: Gottes Melodie, die mich hineinnimmt in sich. Sie lässt mich singen, schwingen, tanzen, lachen und leben.

Gott beschenkt mich mit seiner Kraft. Er gießt seinen Segen über mir aus. Dann darf wachsen, was in mir geschlummert hat, dann bricht sich leise, doch unaufhaltsam das Leben Bahn.

Und manchmal stehe ich da und staune.

Lebendig sein

Den Herzschlag spüren,

Rhythmus und Takt,

in dem ich lebe.

Dem Gegenüber

ein Lächeln schenken.

Zärtlich sein.

Den Wolken zuschauen.

Ihnen hinterherdenken.

Auf Reisen gehen.

Musik hören.

Ein Lieblingslied singen.

Tanzschritte wagen.

Danke sagen.

Andere loben.

Lebendig sein.

Eine Vision durchwandert die Zeiten

Der Seher Johannes schreibt das Buch der Offenbarung gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus auf der Insel Patmos nieder. Er selbst ist dorthin verbannt worden.

Nun wendet er sich an die verfolgten Christen in Kleinasien. Kaiser Diokletian droht sie zu töten, wenn sie sich weigern, ihn als Gott zu verehren.

Johannes verschlüsselt seine Worte mit Bildern der jüdischen Apokalyptik. Diese beschreiben einen Kampf zwischen Gott und satanischen Kräften, den Gott am Ende gewinnen wird.

Durch alle Zeiten bis heute wurden die ausgemalten Szenen dazu benutzt, die jeweilige Gegenwart endzeitlich zu deuten; oft wurden die Aussagen und Bilder der Offenbarung von Menschen oder auch Gruppen instrumentalisiert, um anderen zu drohen oder eigene Machtinteressen durchzusetzen.

Johannes ging es damals zuerst darum, die Christen in Kleinasien zu ermutigen, am Glauben festzuhalten:

Gott wird die Standhaften sogar durch den Tod hindurch retten und sie aufnehmen in eine andere, heile Welt. In den beiden Schlusskapiteln der Offenbarung wird eine Vision dieser anderen Welt beschrieben. Besonders Offenbarung 21,1-7 zeichnet sie mit dem Bild eines neuen Jerusalems anschaulich vor Augen.

In dieser neuen, künftigen Stadt scheint Gott sich geradezu abzugrenzen gegen Gewalt.

Leid und Geschrei lässt er verstummen, statt es hervorzubringen.

Er selbst wischt den Menschen die Tränen ab, statt ihnen Schmerzen zuzufügen oder sie gar zu quälen.

Er gibt den Durstigen aus der Quelle zu trinken, die das Dasein selbst hervorsprudeln lässt.

So erschafft er das Leben, statt es zu zerstören.

Johannes nimmt für sein Buch Bilder der jüdischen Tradition auf (Jesaja 65,17 ff., Jesaja 55,1 ff.) und verwandelt sie in etwas Eigenes.

Eingefügt in den biblischen Kanon wird die Offenbarung des Johannes zum christlichen Traditionsgut und wandert nun selbst durch die Zeit.

Wie viele Menschen mag die Vision des neuen Jerusalem gestärkt und getröstet haben, durch die Jahrhunderte hindurch, an allen Ecken und Enden der Erde?

Zuerst die vom Tode bedrohten Christen in Kleinasien, später andere Menschen, die geschunden und gequält wurden. Die Perspektive eines neuen, heilen Lebens in Gottes Nähe: Sie gilt ja zuallererst denen, die auf der Erde zu kurz kommen.

Ich selbst habe diese Vision auf vielen Trauerfeiern gehört. Ich habe sie anderen vorgelesen und die innere Kraft ihrer Bilder gespürt. Am Ewigkeitssonntag, wenn wir an die Verstorbenen eines Jahres erinnern, erklingt sie im Gottesdienst.

Ihre Bilder wischen den Verlust nicht weg und übergehen die Trauer nicht. Sie weiten aber die Perspektive und wecken die Hoffnung: Einmal wird der Tod nicht mehr sein. Gott wischt den Menschen die Tränen ab und stillt ihren Durst mit Leben.

Mein Atem wird ruhiger, wenn ich solche Bilder vor mir sehe. Ich vertraue mich einem Größeren an. Meine Ängste lege ich in seine Hoffnungsvision. Meine Sehnsucht gebe ich in seine Hände. Und berge mein Leben in sein Versprechen: Siehe, ich mache alles neu!

Segenswunsch: Quelle

Ich wünsche dir

einen Platz bei dem,

der die Quelle des Lebens ist.

Er ist da,

näher als gedacht.

In der Stille

hörst du ihn:

Da lässt er das Leben sprudeln,

klar und kühl, fröhlich und leicht

wie eben entsprungenes Wasser.

Forme deine Hände

zu einer Schale

und schöpfe aus dieser Quelle,

die dich erfrischt und beschwingt

und deinen Durst stillt

mit Leben.

Über die Talente

(Zu Matthäus 25,14-30 in der Einheitsübersetzung.

In der Lutherbibel wird „Talente“ mit „Zentner“ übersetzt.)

„Umsonst“ gibt Gott das lebendige Wasser.

Doppeldeutig ist dieses Wort in der deutschen Sprache.

„Umsonst“, das bedeutet einerseits „vergeblich“. Ich habe mir Mühe gegeben. Am Ende ist nichts dabei herausgekommen. Ich habe gehofft, doch die Hoffnung hat sich zerschlagen. Es war umsonst.

„Umsonst“, das bedeutet andererseits „ohne Bezahlung“. Der Optiker hat eine Schraube an der Brille festgezogen. Nun putzt er die Gläser noch blitzblank. „Was bekommen Sie dafür?“, höre ich den Kunden fragen. Die Antwort: „Das machen wir umsonst.“

Angewandt auf ein Gleichnis, das mit der Metapher des Geldes arbeitet, beginnen die Facetten des Wortes „umsonst“ zu schillern.

Ein Hausherr gibt seinen Knechten Geld, um damit zu arbeiten. „Talente“ heißt dieses Geld im Gleichnis, ein Talent war eine Gewichtseinheit, mit der z. B. Silbergeld gewogen wurde. In unserem Sprachgebrauch lässt sich das Talent auch als ein Schatz im übertragenen Sinne verstehen, als eine Begabung.

 

Nicht allen seiner Bediensteten vertraut der Hausherr gleich viel an. Der erste Knecht erhält fünf Talente Silbergeld, der zweite Knecht bekommt drei Talente und der dritte eins, jeder – so das Gleichnis – nach seinen Fähigkeiten.

Dann begibt sich der Hausherr auf eine lange Reise.

Und die Knechte? Die ersten beiden beginnen sofort, das anvertraute Gut einzusetzen und zu vermehren. Beide verdoppeln im Laufe der Zeit das, was der Hausherr ihnen gegeben hat. Der dritte aber vergräbt sein Talent.

Auch ich begebe mich nun auf eine Reise und wandere vom Damals des Gleichnisses ins Heute, um zu sehen, wie es hier um Talente bestellt ist:

In der Zeitung lese ich, dass die acht reichsten Menschen zusammen mehr besitzen als die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Was machen diese Menschen mit so viel Geld, frage ich mich.

Vermehrtes Vermögen, vermutlich. Und doch scheint es mir im Sinne des Gleichnisses auch ein vergrabenes Talent zu sein, wenn es nicht eingesetzt wird im Sinne dessen, von dem es geliehen ist.

Ein so großes Vermögen, das in erster Linie für einen selbst arbeitet, ist es nicht in gewisser Weise umsonst, vergeblich?

In der mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Reportage „PanamaPapers – Im Schattenreich der Offshorefirmen“

(http://www.ardmediathek.de /tv/Reportage-Dokumentation/PanamaPapers-Im-Schattenreich-der-Offs/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=34494244, Zugriff am 19.4.2017)

wird aufgedeckt, wie ein einzelner Mensch das afrikanische Guinea, eines der ärmsten Länder der Welt, mittels Bestechung um seine Eisenerzvorkommen betrügt. Er macht dabei einen Gewinn von 2,5 Milliarden Dollar.

Warum tut jemand das? Vermittelt es ihm das Gefühl, in einem Wettbewerb gesiegt zu haben?

Was nützt einem ein Weltmeistertitel, wenn er in der Kategorie „Bosheit“ gewonnen wurde?

Und was bleibt dabei in der Vielfalt der eigenen Persönlichkeit auf der Strecke, die zu Gutem fähig ist?

Auch hier: Vermehrtes Vermögen, ja. Auf Kosten anderer vermehrt. Ein vielleicht nicht nur vergrabenes Talent, sondern ein verschleudertes, denke ich.

Man darf, ja, mir scheint sogar, man muss auf solche Nachrichten zornig reagieren und sich empören. Was lässt sich tun gegen solche Verhältnisse? Wo ist es möglich, Einfluss zu nehmen, damit der Reichtum der Erde gerecht verteilt wird und – so die Vision – möglichst allen Menschen zugutekommt?

Über die Empörung hinaus aber möchte ich auch einen zweiten Schritt machen und mich selbst fragen, wie es um die eigenen Talente steht.

Gebe ich, was ich geben kann? Nicht nur, wenn ich eine Gegenleistung dafür erhalte, sondern auch umsonst? Talente vermindern sich nicht, nein, sie entfalten und vervielfältigen sich, wenn ich sie verschenke. Vielleicht mehren sie nicht den materiellen Reichtum, wohl aber den, der Lebenssinn heißt. Nicht nur den eigenen, sondern auch den anderer Menschen. Was ich umsonst gebe, ist gerade nicht vergeblich.

Das Gleichnis endet mit der Rückkehr des Hausherrn und der Abrechnung. Die ersten beiden Knechte werden gelobt, dem dritten jedoch wird sein Talent genommen; er wird vom Hausherrn verstoßen. Ja, der gibt das eine Talent sogar dem, der aus seinen fünf Talenten zehn gemacht hat.

Die Drohgebärde, die mit diesem Schluss verbunden ist: Ich habe oft gegen sie rebelliert, ich wünschte mir einen anderen Schluss, bei dem es versöhnlich und gut ausgeht für alle.

Vielleicht wäre diese Gebärde nicht nötig, denke ich mir, wenn uns bewusst wäre, dass alles, was wir haben, geliehen ist.

Auch Menschen, die bereit sind, die innere Instanz ihres Gewissens empfindsam zu halten, brauchen die Drohung von außen nicht. Wer in der Lage ist, die Perspektive zu wechseln und sich in andere einzufühlen, wird sich selbst wohl kaum auf deren Kosten bereichern.

Wie wäre es, mich stattdessen zu freuen über das, was mir anvertraut ist, und es mit anderen zu teilen? Und den Reichtum zu entdecken, der entsteht, wenn ich meine Talente für andere einsetze und mich selbst verschenke.

Damit es gut ausgeht. Nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen.

Mitmachen erwünscht

Umsonst: Gott verschenkt sich. Aus der Quelle seiner selbst schöpft er Leben und reicht es weiter: Nehmt und trinkt.

Eine Gegenleistung ist nicht erforderlich. Kein Geld, das über den Ladentisch wandert. Keine Rechnung, die zu begleichen wäre. Das Leben, das Gott uns gibt, ist geschenkt.

Wie wäre es, das kleine Wort „umsonst“ weiterzureichen?

Den Ladentisch beiseitezuräumen. Die Rechnung zu zerreißen. Zeit und Geld, Begabungen und Wissen, Liebe und Leben aus den Gesetzen des Marktes zu befreien.

Stunden in den Wind streuen, den Tag durchschlendern, das Leben feiern. Im Wolkenkuckucksheim wohnen, sich einen Herzenswunsch erfüllen, neugierig sein.

Sich beschenken lassen mit Leben.

Kindern vorlesen, Rollstühle schieben, anderen Herzenswünsche erfüllen. Spendenkonten anreichern, Fremde willkommen heißen.

Sich selbst verschwenden an andere.

Das kleine Wort „umsonst“ hat viele Spielarten. Vielleicht ist es kraftvoll genug, um eine Kultur des Schenkens zu begründen.

Mitmachen erwünscht.