Dem Tod davongelaufen

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SUZANNE MAUDET wurde am 10. November 1922 in Argenteuil, Département Seine-et-Oise, geboren. Sie war in der Jugendherbergsbewegung Ligue française pour les auberges de jeunesse (LFAJ) und nach der deutschen Besatzung in der Résistance aktiv. Kurz nach ihrer Heirat wurde sie am 22. März 1944 zusammen mit ihrem Mann René in Paris verhaftet und im Juni 1944 nach Deutschland deportiert. Nach kurzer Haftzeit im KZ Ravensbrück musste sie in einem Frauenaußenlager von Buchenwald in Leipzig-Schönefeld Zwangsarbeit für den Rüstungskonzern HASAG leisten. Auf dem Todesmarsch nach der Evakuierung des Lagers gelang ihr im April 1945 zusammen mit acht Mitgefangenen die Flucht. Am 2. Mai 1945 kehrte sie nach Frankreich zurück. Suzanne Maudet starb am 14. Mai 1994.

Suzanne Maudet

Dem Tod davongelaufen

Wie neun junge Frauen

dem Konzentrationslager

entkamen

AUS DEM FRANZÖSISCHEN VON INGRID SCHERF

HERAUSGEGEBEN VON PATRICK ANDRIVET & PIERRE SAUVANET


Originaltitel: Neuf filles jeunes qui ne voulaient pas mourir

© Editions Arléa, Paris 2004

Es gibt kein gemeinsames Foto der neun Frauen, von denen in diesem Buch die Rede ist. Das Titelfoto der französischen Originalausgabe, das wir für dieses Buch übernommen haben, zeigt eine Szene nach der Befreiung des KZs Bergen-Belsen im April 1945. Auch wenn es sich um andere Frauen handelt, drückt das Foto das Glück der Befreiung aus, das für den Bericht Suzanne Maudets so prägend ist.

Foto Umschlag: Wikimedia/Imperial War Museum, London

© der deutschsprachigen Ausgabe: Berlin/Hamburg 2021

Assoziation A, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin

www.assoziation-a.de, hamburg@assoziation-a.de, berlin@assoziation-a.de

Gestaltung: Andreas Homann

eISBN 978-3-86241-637-0

Inhalt

Vorwort

Flucht ist das Schönste

INGRID SCHERF

Dem Tod davongelaufen

1. Tag

2. Tag

3. Tag

4. Tag

5. Tag

6. Tag

7. Tag

8. Tag

Nachwort

PATRICK ANDRIVET & PIERRE SAUVANET

Anmerkungen

Vorwort
Flucht ist das Schönste
INGRID SCHERF

Der vorliegende Text Dem Tod davongelaufen – Wie neun junge Frauen dem Konzentrationslager entkamen handelt von der Flucht von neun jungen deportierten Frauen, die am 14. April 1945 mit Tausenden anderen in Leipzig aus einem KZ-Außenlager auf die Straße getrieben worden waren – in Fünferreihen auf einen Todesmarsch Richtung Osten.

Suzanne Maudet hat für die kleine Gruppe, die schließlich die Flucht wagte, die Erlebnisse ihres gefährlichen Wagnisses sofort nach ihrer Heimkehr nach Paris aufgeschrieben. Weil »uns das Abenteuer in jeder Hinsicht so erstaunlich erschien« und »um es unseren Kindern erzählen zu können«.

Die unmittelbare Nähe zum Erlebten verleiht dem Bericht eine bestechende, ungewöhnlich lebendige Ausdruckskraft: Was hier erzählt wird, ist – trotz aller Schrecknisse – auf ganz eigene, mitreißende Weise optimistisch.

Die jungen Frauen waren unabhängig voneinander im Sommer 1944 aufgrund ihrer Tätigkeit für die Résistance verhaftet worden. Sie wurden zunächst in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert und dann in das Außenlager Leipzig-Schönefeld des Konzentrationslagers Buchenwald zur Zwangsarbeit verlegt. Auf diesem leidvollen Weg hat ihre Freundschaft, ihre Jugend und ihre Lust zu (über-)leben sie fest zusammengeschweißt.

Die Französinnen Christine, Jacky, Mena, Nicole, Zaza und Zinka, die beiden Holländerinnen Guillemette und Lon sowie Josée, die gebürtige Spanierin, waren Neuf femmes jeunes qui ne voulaient pas mourir (Neun junge Frauen, die nicht sterben wollten) – so der Titel der französischen Originalausgabe. Sie nutzten eine Unaufmerksamkeit ihrer Bewacher und flohen im April 1945 aus der Gefangenenkolonne in einen Feldweg.

Die plötzliche, selbst wiedergewonnene Freiheit verlieh den jungen Frauen ungeheure Kraft. Sie kamen durch mit ihrem kecken Mut. Eine Woche liefen sie über deutsche Felder und durch deutsche Dörfer auf die amerikanische Frontlinie zu. Dann waren sie in Sicherheit. Die Gemütsbewegung, die sie erfasst hatte, umschrieb die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger auf ihre eigene Biografie bezogen mit dem Satz: »Die Flucht war das Schönste, damals und immer noch.«

Die jungen Frauen hatten Gewalt, stundenlanges Appellstehen, Hunger und Erschöpfung des Arbeitslageralltags überlebt. Sie hatten unter schwersten Bedingungen in Zwölf-Stunden-Schichten in der Fertigung von Munition und Granaten in der Hugo und August Schneider AG (HASAG), einem deutschen Rüstungskonzern, gearbeitet.

Sie wussten, sie würden nur zusammen überleben – das Lager, die Zwangsarbeit in der Fabrik, den Todesmarsch. Ihre größte Angst war, getrennt zu werden. Gegen ihre Solidarität aber würden die Aufseher*innen mit ihren Peitschen und Maschinengewehren machtlos sein.

Auf dem Weg in die Freiheit erinnerten sie sich immer wieder an das Erlebte, an die erfahrene Brutalität gleichermaßen wie an den Zusammenhalt und die rührende Aufmerksamkeit ihrer Mitgefangenen. Gerade durch die Beiläufigkeit, mit der die Geschehnisse im Lager, die Verbrechen der Wachmannschaften in den Bericht ihrer »schönen« Flucht einfließen, bleiben diese im Gedächtnis haften – wie das Klappern der Holzpantinen der zu Tode erschöpften Gefangenen auf dem sächsischen Pflaster: Eine Allegorie dieses letzten Marsches, der für viele den Tod bedeutete, für diese jungen Frauen die Flucht ins Leben.

Durch eine glückliche Fügung haben wir heute mehr über die neun Frauen erfahren, die in Suzanne Maudets Bericht nur mit ihren Vor- bzw. Decknamen genannt werden. Im Frühjahr 2021, fast zeitgleich mit dieser deutschen Übersetzung, erschien das Buch The Nine von Gwen Strauss. Die in Haiti geborene Autorin, deren Großvater 1934 vor den Nazis geflüchtet war, ist die Großnichte von Hélène Podliasky, alias Christine. Gwen Strauss suchte nach Spuren in Archiven, interviewte Verwandte und Freund*innen, reiste mehrere Male nach Deutschland, traf Überlebende und las Zeitzeug*innenberichte von französischen Widerstandskämpferinnen, um die Puzzlesteine der Geschichte dieser Frauengruppe zusammenzutragen und in das Zeitgeschehen einzubetten. Ihrer Recherche ist es zu verdanken, dass wir heute Näheres über die Identität und die Lebensgeschichten der Protagonistinnen dieses Buches wissen. Diese Frauen waren alle unter dreißig, als sie sich der Résistance anschlossen, Waffen schmuggelten, die Kommunikation zwischen verschiedenen lokalen Verbänden koordinierten, Fluchtrouten organisierten, Verfolgte versteckten.

Christine, so der nom de guerre von Hélène Podliasky, war eine brillante Ingenieurin und arbeitete im Nordosten von Frankreich für ein Netzwerk der Résistance. Sie war 24, als die Gestapo sie verhaftete. Nachdem sie schwer gefoltert worden war, wurde sie im Februar 1944 in einem Transport mit 200 anderen Frauen nach Deutschland deportiert. Bei der Ankunft im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück begegnete sie ihrer Schulfreundin »Zaza« Suzanne Maudet: Christine, kühl rechnend, Mathematikerin durch und durch, und Zaza, grenzenlose Optimistin, humorvoll und geduldig, waren von da an unzertrennlich. Zaza hatte erlebt, wie die Deutschen in Paris einmarschierten, sie schienen unbesiegbar. Als ersten Widerstandsakt hatte sie ASSASSIN, das heißt Mörder, auf die plakatierten Exekutionslisten geschrieben. Sie wurde zusammen mit anderen Aktivist*innen der widerständigen Jugendherbergsbewegung verhaftetet und deportiert. Da war sie 22. Auch ihr Mann René wurde nach Deutschland deportiert und im KZ Neuengamme und dessen Außenlagern inhaftiert. Nach seiner Befreiung kehrte er im Juni 1945 nach Paris zurück, wo er Suzanne Maudet wieder traf und bis zu ihrem Tod mit ihr zusammenlebte.

Mit dem Transport Ende Juni kamen die Holländerinnen »Lon« Madelon Verstijnen und Guillemette Daendels, 28 und 24, die im holländischen Widerstand Fluchtrouten für verfolgte jüdische Familien organisiert hatten und sich in Frankreich der Résistance anschließen wollten. Bereits zwei Tage nach ihrer Ankunft in Paris wurden sie verhaftet.

 

»Zinka« Renée Lebon Châtenay gehörte mit 29 zu den beiden Ältesten in der Gruppe und war wie Zaza verheiratet. Sie hatte für das Comète-Netzwerk der Résistance gearbeitet, das alliierten Soldaten – insbesondere Angehörigen der Luftwaffe – half, aus den von deutschen Truppen besetzten Gebieten nach Großbritannien zurückzukehren. Sie war festgenommen worden, als sie im Gefängnis nach ihrem verhafteten Mann gesucht hatte. In der Gestapo-Haft in Fresnes bekam sie ihre Tochter France, die ihr weggenommen wurde.

»Mena« Yvonne Le Guillou und ihr Freund Jan van Brakel waren in einer Widerstandsgruppe aktiv, die Fluchtrouten für jüdische Familien aus Holland und Belgien nach Spanien und Portugal organisierte. Sie war 22, als sie zusammen mit ihrem Freund in Paris verhaftet wurde. Jan von Brakel hat die Lagerhaft nicht überlebt.

Die Jüngste, »Josée« Joséphine Bordanava, war gebürtige Spanierin und wuchs in einer Pflegefamilie in Südfrankreich auf. Sie war 20, als sie in Marseille verhaftet wurde. Sie hatte für das Marcel-Netzwerk jüdische Kinder versteckt und Familien in der Klandestinität versorgt. Die Fluchthilfeorganisation war von der französischen Ärztin Odette Rosenstock und ihrem späteren Mann Moussa Abadi – alias Marcel –ins Leben gerufen worden.

»Jacky« Jacqueline Aubéry du Boulley und Nicole Clarence waren wenige Tage vor der Befreiung mit dem letzten Gefangenentransport im August 1944 von Paris nach Ravensbrück deportiert worden. Jacky, sie war 29 und ihr Mann war gefallen, hatte für das Brutus-Netzwerk gearbeitet – ein 1941 aufgebautes Nachrichtennetzwerk der Résistance. Nicole war u.a. Mitglied der Widerstandsbewegung Franc-Tireurs und gehörte bereits mit 22 Jahren dem Sécretariat national, dem Führungsrat, an und arbeitete für die gleichnamige Untergrundzeitung.

Die neun jungen Frauen waren politischen Gefangene und ihre Lagerausweise, die ich in den Arolsen Archives – International Center of Nazi Persecution recherchieren konnte, tragen alle das rote Dreieck.

Nach der entwürdigenden Registrierungsprozedur im Lager – Schmuck abgeben, Ausziehen, Desinfizieren, Aushändigen der Lagerkleidung inklusive Nadel und Faden, um Dreieck und Häftlingsnummer anzunähen – war ihre erste Station der Quarantäneblock. Im völlig überfüllten Ravensbrücker Frauen-KZ, einem der größten des NS-Regimes, dauerten die Morgenappelle vier bis fünf Stunden, in denen die Gefangenen gezwungen waren, zu stehen und durchzuzählen. Von 1939 bis 1945 waren in Ravensbrück 153.000 Frauen, Kinder und Männer inhaftiert: Frauen aus mehr als zwanzig Nationen, klassifiziert in »Politische«, Jüdinnen, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, vermeintlich »Asoziale«. Zehntausende Frauen, Jugendliche, Kinder und Männer haben die Befreiung des Konzentrationslagers im April 1945 nicht erlebt.

Die Neun kommen in das Arbeitslager »HASAG Leipzig«. Der Tag begann um vier Uhr früh. Wenn die in Gruppen arbeitenden Frauen ihr Soll nicht erfüllten, drohte die Selektion: der sichere Tod.

Die Nazis hatten im letzten Kriegsjahr binnen kürzester Zeit das KZ-System durch sogenannte Außenkommandos erweitert. Sie hofften, durch mehr Waffen und bessere Waffensysteme die drohende Niederlage abwenden zu können. Bis zum Kriegsende unterhielt das KZ Buchenwald bis zu 136 Außenlager, in denen Zig-Tausende Gefangene für deutsche Rüstungsunternehmen Zwangsarbeit leisten mussten. Im Zuge dessen entstand im Juni 1944 im Leipziger Stadtteil Schönefeld das erste und größte Frauenaußenlager des KZ Buchenwald mit mehr als 5.000 Gefangenen. Die HASAG mit Firmenhauptsitz in Leipzig gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den größten Rüstungskonzernen im Deutschen Reich mit Werken in Deutschland und im besetzten Polen, in denen über 60.000 jüdische Männer und Frauen, zivile Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge Munition und Panzerfäuste herstellten. Als die Rote Armee im Osten näher rückte, wurde im Sommer 1944 die Produktion aus Polen nach Deutschland verlegt.

Danach begann die SS die KZs an der Ostfront zu räumen – am 18. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz aufgelöst – und die Häftlinge wurden zum Abmarsch in Richtung Reichsmitte gezwungen. Adolf Hitler hatte angeordnet, so viele Gefangene wie möglich zu töten. Sie sollten nicht in die Hände der Alliierten fallen – als Zeug*innen der von den Nazis begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Morde fanden jetzt nicht mehr abgeschirmt hinter Stacheldraht und Wachtürmen statt, sondern vor aller Augen, auf offener Straße, in Scheunen, leeren Fabrikhallen und Straßengräben. Deshalb spricht der israelische Historiker Daniel Blatman in seinem Buch Die Todesmärsche 1944/45: Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords von einer neuen Dimension des Völkermords in den letzten Kriegsmonaten.

Am 11. April 1945 wurde die Fabrik der HASAG schwer bombardiert. Am gleichen Tag führte der Aufstand im 120 Kilometer entfernten Buchenwald zur Befreiung des Konzentrationslagers. In der Nacht des 13. April verbrannte der wegen seiner Brutalität gefürchtete SS-Obersturmführer Wolfgang Plaul, der für alle durch die HASAG betriebenen Buchenwald-Außenlager zuständig war, sämtliche Dokumente und gab den Gefangenen den Befehl, sich draußen zu versammeln. Um zwei Uhr früh am 14. April begann der Abmarsch Richtung Osten.

Die Neun wussten, es würde ein Marsch in die unausweichliche Katastrophe sein. Nur das Wagnis der Flucht konnte sie retten.

Heute beherbergt das ehemalige Fabrikgelände das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig, die erste Gedenkstätte für Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen Deutschlands.

»Ohne Hass, aber kein Vergessen« wünschte sich Suzanne Maudet als ursprünglichen Titel für den ihr aufgetragenen Zeitzeuginnenbericht, schreibt Pierre Sauvanet, ihr Neffe, in seiner Vorrede zum Text, die der deutschen Ausgabe nachgestellt ist; ebenso wie einige Anmerkungen zum historischen Kontext, die Patrick Andrivet, ein Cousin ersten Grades von Maudet, verfasste. Dieser war wie Suzanne und ihr Mann René als Aktivist in der französischen Jugendherbergsbewegung engagiert gewesen, die vielen jungen Leuten geholfen hat, sich dem Arbeitsdienst in Deutschland zu entziehen und der Résistance anzuschließen.

Maudet hatte noch 1945 mit der Niederschrift der Geschichte begonnen und sie 1946 fertiggestellt. Die schüchterne Anfrage zur Veröffentlichung bei einer Frauenzeitschrift verlief im Sande. Pierre Sauvanet nahm sich dann in den 1990ern des Manuskriptes an. Zum 60. Jahrestag von Maudets Deportation und zum 10. Jahrestag ihres Todes wurde es im Jahr 2004 im Pariser Verlag Arléa veröffentlicht.

17 Jahre später erscheint jetzt die deutsche Ausgabe. Ein Freund von mir, der Historiker Ralph Klein, der als Aktivist des »Arbeitskreises Angreifbare Traditionspflege« (AK) seit 2002 Gedenk-, Aufklärungs- und Protestveranstaltungen gegen die Traditionstreffen der Gebirgsjäger in Mittenwald mit organisierte, um auf die Kriegsverbrechen dieser Wehrmachtselitetruppe hinzuweisen, überreichte mir bei einem Besuch das schmale Bändchen Neuf femmes jeunes qui ne voulaient pas mourir mit den Worten: »Du kannst doch Französisch.«

Ich las die Geschichte, und die Unerschrockenheit, mit der die jungen Frauen ihr Leben riskierten und gleichzeitig ihre Angst mit einer unglaublichen Portion Humor verscheuchten, ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich entschloss mich, den Text zu übersetzen. Normalerweise hätte ich als Erstes einen Verlag suchen müssen; argumentieren, wie außergewöhnlich ich den Text – gleichermaßen ein Jugendbuch wie ein Buch für Erwachsene – finde. Doch ich befürchtete, jemand könnte mir mein Projekt ausreden. Irgendwann, Zeile für Zeile, begann ich an dem Text zu arbeiten.

Die fertige Übersetzung schickte ich meinen Freunden bei Assoziation A, die ich schon lange kenne. Ich hatte vor Jahren Bücher des Stadtsoziologen Mike Davis für den Verlag übersetzt. Mit engagiertem Support von Theo Bruns und Beate Kirst, meinen Lektor*innen, die die Außergewöhnlichkeit des Textes sofort erfassten, ist Dem Tod davongelaufen nun erschienen. Danke an alle, die mir bei meinem Vorhaben geholfen haben. Dank auch an die Historikerin Susanne Heim, die auf die Geschichte des NS und des Holocaust spezialisiert ist, dass sie sich die Zeit zur Durchsicht genommen und uns zur Veröffentlichung ermutigt hat.

Dem Tod davongelaufen

Karte der Fluchtroute


1. Tag
SAMSTAG, 14. APRIL 1945, LEIPZIG-SCHÖNEFELD, ZWEI UHR MORGENS.

Die tiefdunkle Nacht erfasst uns, noch halb benommen, hinter dem starken Scheinwerfer, der das Tor des Lagers ausleuchtet. Fünftausend Frauen sind, angesichts des Vormarsches der Amerikaner, in Fünferreihen von der SS auf die Straßen getrieben worden.

Zinka klammert sich an meinen linken Arm; mein rechter Arm hängt wie eine Klette an Lon. Mena hängt sich bei Lon ein, Guillemette bei Mena. Hinter uns marschieren Christine, Jackie, Nicole und Josée und noch eine weitere Frau – wir haben alle vergessen, wie sie hieß, denn wir kannten sie nicht. Es ist alles gut gegangen: Seit der Bekanntgabe des Abmarschs, seit ungefähr vier Stunden, haben wir davor gezittert, getrennt zu werden. Beim geringsten Anzeichen von Gefahr würden wir uns eng zusammenschließen, die für uns so wertvolle Reihe bilden. Klar ist, dass wir zusammen gehen würden, egal wohin, egal wie schlimm es kommen würde – und niemand weiß im Grunde, wo dieser unheilvolle Marsch hinführt –, vorausgesetzt, unsere Reihe hält, was neun Monate der Fall war, neun Monate, die wir nur durch unsere Freundschaft halbwegs überstanden haben. (Neun Monate, denen viele andere, im Gefängnis oder in verschiedenen Konzentrationslagern, vorangegangen waren, aber da kannten wir uns noch nicht.)

Deutsches Befehlsgeschrei dringt durch die Nacht. Es scheint, als komme es aus allen Richtungen: Es ist die SS (Aufseherinnen und Posten),1 die uns bewachen soll und uns mit ihrem vertrauten Zartgefühl antreibt. Der Marsch verläuft furchtbar chaotisch: die meiste Zeit langsam, unterbrochen durch abruptes Stehenbleiben und sogar Kehrtmachen – man fragt sich ständig, warum; dann von einem Moment zum anderen das Gegenteil, jetzt unter Befehlsgeschrei in schnellem Laufschritt. Aber nach ungefähr einer halben Stunde pendelt sich der Rhythmus ein und wir sind nur noch etwa zwei Mal die Stunde Kurskorrekturen ausgeliefert.

Die Kolonne zieht sich auseinander, wird länger und langsamer; Pausen sind nicht vorgesehen, das ist fürchterlich, wenn man »Pipi machen« muss. Es ist jedes Mal ein echtes Drama; du musst warten, bis die Kolonne vollkommen zum Stillstand kommt, was hin und wieder aus unerfindlichen Gründen, aber in regelmäßigen Abständen passiert. Dann musst du dich davon überzeugen, indem du die Ohren spitzt, dass der Lärm der rollenden Kieselsteine unter den Holzpantinen vorne nicht sofort wieder losgeht, denn nur in diesem Moment kannst du dir den Gürtel von deinem Arbeitsanzug – die lange Fabrikhose, die wir fast alle tragen – aufschnallen (»Ziemlich praktisch so eine Hose zum Reisen«, haben wir anfangs gesagt, wir können ja nicht an alles denken … Tatsächlich werden wir sie frühmorgens, wenn es Tag wird, sehr nützlich und trotzdem noch zu dünn finden). Aber jedes Mal in diesem kritischen Moment setzt sich die Kolonne wieder in Bewegung.

Das Wetter ist schön. Sterne sind zu sehen. Unsere Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und wir suchen begierig nach Hinweisschildern. Das erste versetzt uns in Erstaunen. Es braucht noch weitere, um uns zu überzeugen, dass wir wirklich in Richtung Dresden laufen. Wir wissen, dass die russische Front nicht weit davon entfernt verläuft und hätten gedacht, man würde uns eher in Richtung Tschechoslowakei führen, die einzig mögliche Lücke zwischen beiden Frontlinien – dachten wir, aber vielleicht war das schon längst nicht mehr der Fall?

Im Grunde genommen, so anstrengend das Gehen auf der Straße zu Anfang für unsere Beine war, weil sich wegen der kurzen Schritte die Muskeln verspannten, ist es, sobald du dich an den Marschrhythmus gewöhnt hast, nicht mehr so schlimm, ja fast angenehm: Die Nacht ist klar, eine kleine Brise weht uns durch die Haare. Wir sind so oft – in Freiheit – unter den Sternen und egal zu welcher Jahreszeit gewandert, Rucksack auf dem Rücken und Hände in den Hosentaschen. Unsere schweren Schuhe klappern auf den Wegen. Wie wir dieses Wandern lieben für all die Erinnerungen, die es uns zurückbringt. Wir sehen nicht mehr diese Schatten in Uniform auf beiden Seiten der Straße, ihre feindlichen Worte berühren uns nicht mehr und wir hören die Maschinengewehre nicht mehr ununterbrochen rattern, als wir durch die Wälder laufen. Wir marschieren wie im Traum und singen dabei aus vollem Hals unsere alten Wanderlieder. Wir vergessen, wie lange wir nicht geschlafen haben (Josée, die vorige Nacht noch in der Fabrik war, kommt zusammengezählt schon auf 36 Stunden ohne Schlaf. Ein endloser Appell morgens, stürmische Verteilung der letzten Suppe, eine sechs Stunden dauernde ununterbrochene Orchestrierung polyglotten Geschreis und Spießrutenlaufens, schließlich die Aufregung des Abmarschs, all das hat verhindert, dass jemand ein Auge zumachen konnte.) Wir marschieren immer noch, erstaunt, wie einfach es geht, und denken, das muss eine Falle sein und es wird nicht lange so weitergehen …

 

Schließlich bricht der Tag an und mit ihm kommt ein extrem eisiger Wind auf; es ist eine traurige Prozession von Frauen, in ihre Wolldecken gehüllt und doch schlotternd, die bei Tagesanbruch in einer kleinen Stadt ankommt, von der wir ganz bestimmt nie den Namen erfahren werden. Dort treibt man uns auf ein Feld am Straßenrand und es sieht so aus, als ob wirklich eine Pause gemacht wird. »Das Wichtigste ist, jetzt erst mal etwas zu essen, um sich aufzuwärmen«, sagen wir uns mit einem gewissen Hang zum Selbstbetrug, denn wir wissen nur zu gut, dass wir die ganze Zeit nichts anderes als Hunger haben werden und es zwecklos und lächerlich ist, so etwas zu sagen.

Wir haben beim Abmarsch einen überwältigenden Reiseproviant bekommen: einen Viertel Laib Brot, ungefähr 300 Gramm; die Hälfte von einem Stück Margarine, das heißt vom Volumen her etwa gleich groß wie das Brot, dazu vier Suppenlöffel einer fürchterlichen Streichwurst, die auf der Stelle gegessen werden musste, sonst drohte die sofortige Zersetzung. Da wir seit drei Tagen kein Brot bekommen hatten, mussten wir uns gut zureden, davon einen atomisierten Rest für die Reise aufzuheben, und so bestehen die zwei Brotscheiben, die wir uns zum Frühstück bewilligen, aus ungefähr zwei Millimeter Brot und eineinhalb Zentimeter Margarine. Wir trösten uns: »Glücklicherweise ist es kalt … Das ist prima, weil die Margarine dann fest ist … Gut ist auch, dass das so eklig ist, dass du gar keinen Hunger mehr hast.« Mit Magengrimmen legen wir uns, den Kopf auf unserem Gepäck, zufrieden hin. Frauen laufen um uns herum von einer Gruppe zur anderen, Frauen, die nicht müde sind und sich untereinander besuchen. Du siehst erstaunliche Dinge: Wir haben natürlich die Nacht gut überstanden, aber wir sind jung, wir sind ans Laufen gewöhnt. Doch niemand scheint wirklich müde zu sein, weder die große Raymonde, die sehr wackelig auf den Beinen ist, seit sie in einem Alptraum ganz oben vom viergeschossigen Stockbett gefallen ist, noch die arme kleine Erstsemester-Studentin, die mit einer schlimmen, schlecht ausgeheilten Bronchitis aus der Krankenstation kam, noch die alten Frauen. Trotzdem ist es außergewöhnlich: Die Berichte der anderen »Transporte«, die in den letzten Tagen im Lager zu hören waren, haben uns glauben lassen, dass es das absolute Grauen ist. Kopf hoch! Das ist doch nur Stimmungsmache …

Allerdings ist es so kalt, dass, zumal wir auf diesem Feld festsitzen, kaum an Schlafen zu denken ist und wir ungeduldig auf das Signal zum Abmarsch warten. Die SS friert genauso wie wir – es wird nicht ewig dauern. Wir marschieren gestärkt weiter und singen der aufgehenden Sonne entgegen. Mit der Zeit begreifen wir, wie unsere Bewachung organisiert ist: Der Konvoi setzt sich aus Kolonnen mit jeweils tausend Personen und einem Kolonnenchef (Maschinenpistole und Gewehr) zusammen, aufgeteilt in Untergruppen mit jeweils hundert Personen und einem Dutzend Posten (Gewehr) und einer Aufseherin (Revolver und Peitsche). Unsere hundert Personen starke Gruppe hat Glück bei der Aufteilung – außer mit einem Posten, den wir bis zum Schluss le petit salaud, den kleinen Fiesling, nennen werden. Er verteilt immer wieder Ohrfeigen und Schläge. (Nicole wird es nicht vergessen, schließlich hat sie da ihre letzten Rippenstöße von der SS bekommen.) Der andere Posten ist auch sehr jung, aber viel sympathischer; er gibt uns die wenigen Informationen, die er hat herausfinden können, weiter und macht uns Mut. Die Aufseherin, eine junge Blonde mit sportlichem Aussehen, hat ihre Peitsche beiseite getan und trägt einen langen rosafarben blühenden Pfirsichzweig in der Hand. Diese poetische Anspielung interpretieren wir als gutes Zeichen und sind ein wenig traurig, als sie den Zweig ein paar Stunden später einem Soldaten gibt, der uns auf der Straße begegnet.

Die Landschaft ist sehr flach und wirklich nicht malerisch, aber alles kommt uns so wunderbar vor: Die Bäume blühen, die Ziegen haben Zicklein wie im Bilderbuch, die Luft duftet, es ragt keine Fabrikmauer in den blauen Himmel hinein oder das Dach einer Baracke. Aus den Häuserfenstern schauen uns kleine Mädchen mit nachdenklichem Blick hinterher, kaum drei Jahre alt und schon mit langen blonden Zöpfen über den schmalen Schultern, und weißhaarige Großmütter winken uns mit fragendem und schmerzerfülltem Gesichtsausdruck zu.

Wir laufen lächelnd vorbei, manchmal sogar herzhaft lachend, weil wir etwas trunken sind von der frischen Luft, weil wir wissen, dass dieser Frühling bald uns gehören wird, denn immer wieder fahren an uns staubige Lastwagen vorbei, beladen mit Gepäck, Fahrrädern, wettergebräunten Männern mit langen Gesichtern, Frauen mit grellen Halstüchern, und wir wissen nach den Erfahrungen von 1940 nur zu gut, dass es Gesichter der Niederlage sind … und schließlich weil wir – wir, die Gefangenen – sehr oft eine kindliche Freude dabei empfinden, uns über die Aufmachung der freien Deutschen lustig zu machen, die wirklich an Stillosigkeit nicht zu überbieten ist.

Gegen zwei Uhr erreichen wir Wurzen, eine kleine Stadt an der Mulde2, der Posten (genannt le Post) hat uns bereits vor einiger Zeit angekündigt, dass wir dort wahrscheinlich Pause machen werden. Als wir in die Stadt hineinkommen, drängen sich tatsächlich auf einer riesigen Wiese am Flussufer bereits eine Menge Menschen wie wir – offenbar Männer aus Buchenwald und Frauen aus dem Außenlager Taucha3. Dieser eigentlich grauenvolle Anblick von schmutzigen und müden Menschen – erstarrt in unruhigem Schlaf, erschöpft das dürftige Gepäck, das sie mitnehmen konnten, mit ihren Armen fest umklammernd – erfüllt uns dennoch mit einem gewissen Hochgefühl. Sind die Deutschen in Bedrängnis, weil sie so große Menschenmengen von Fremden planlos auf den Straßen von einer Front zur anderen eskortieren, so wie durch die Zerstörung ihres Ameisenhaufens überraschte Ameisen hektisch Eier, größer als sie selbst, in alle Richtungen wegschleifen?

Bevor wir in der Sonne einschlafen, essen wir den Rest des Brotes und der Margarine auf, dann legen wir uns mit dem Kopf auf den Gepäckbeutel hin … (Weniger aus Bequemlichkeit als um auf den besagten Beutel aufzupassen.) Christine, die, um besser schlafen zu können, es für schlau gehalten hat, ihre Augen vor dem Sonnenlicht zu schützen, wird sich nach dem Aufwachen ziemlich über ihren merkwürdigen einseitigen Sonnenbrand wundern, der untere Teil ihrer braunen Backe glühte wie ein roter Ziegelstein, die obere Hälfte sah aus wie vorher, dazwischen verlief eine akkurate und gerade Trennungslinie – so als hätte die böse Königin von Schneewittchen ihren unheilvollen Apfel präpariert: »Mit welcher Hälfte deiner Backe willst du uns wohl vergiften?«, fragen wir sie vorsichtig.

Zwei Stunden später weckt uns ein gewaltiger Bombenangriff. Josée, die neben mir liegt, kneift wegen der Sonne ihre sanften, rehbraunen Augen zusammen und lächelt mir unter dem Maschinengewehrfeuer freundlich zu. Auf gut Glück und um nichts unversucht zu lassen, halten wir uns die Taschen über den Kopf, warten ruhig ab und stellen uns vor, wir wären ein Vogel Strauß. Natürlich ist das alles ziemlich beeindruckend, vor allem die Sirene, danach, wie abgestimmt, die Bomber im Sturzflug, gefolgt vom unerbittlichen Rattern der Maschinengewehre, aber wir können wirklich nichts anderes machen, als ruhig das Ende abzuwarten. Wir werden am Ende sehr gut gelernt haben zu warten und das in den verrücktesten Situationen … Frauen laufen panisch in alle Richtungen davon; sie haben in letzter Sekunde nichts Besseres gefunden, als sich unter die Brücke zu flüchten. Alle wissen natürlich, dass im Fall einer Bombardierung eine Brücke als letztes Ziel anvisiert wird und aufgrund dieser Tatsache den sichersten Schutz bietet.

Man weiß nicht, warum, plötzlich wird der Befehl zum Aufbruch gegeben: Eigentlich hätte die Pause laut unserem petit Post sechs Stunden dauern sollen, aber der Bombenangriff beunruhigt unsere SS sehr, die viel lieber im offenen Feld wäre als in so einer kleinen Stadt, mit ein paar Fabriken und verziert mit einer Brücke. Unter Maschinengewehrfeuer laufen wir dicht an den Mauern entlang durch Wurzen; Blut läuft die Sprunggelenke der Pferde herab, über die Wangen der Männer in den Straßen, wir sind ein bisschen blass und wir marschieren zügig voran.

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