Heimat-Heidi 43 – HeimatromanText

Aus der Reihe: Heimat-Heidi #43
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Heimat-Heidi – 43 –

»Hast den Lehner-Schorschi drinnen in der alten Gaststub’ gesehen?« Heidi stellte ein Tablett Gläser auf den großen Tisch in der Küche und begann sie in die Spülmaschine zu räumen.

»Nein«, Luise schüttelte den Kopf, »wie denn? Ich komm’ doch aus der Küche net heraus. Net einmal gewußt hab’ ich, daß der Schorschi da ist. Schon ewig hab’ ich ihn nimmer gesehen. Früher, als seine Großeltern noch gelebt haben, bin ich öfter bei ihnen gewesen. Aber jetzt schon jahrelang nimmer.«

»Du bist doch sogar verwandt mit ihm, oder?« Heidi sah ihre Schwiegermutter fragend an.

Die winkte ab. »Ja, aber über viele Ecken.«

»Wenn du die Gelegenheit wahrnehmen willst, den Schorschi zu sehen, dann kannst ja mal in die alte Gaststub’ gehen, ich bin mir sicher, daß er sich freut.«

Da wischte Luise sich die Hände ab. »Ich hab’ zwar keine Zeit, aber für den Schorschi nehm’ ich sie mir. Sind noch andere Gäst’ dort«

Heidi schüttelte den Kopf. »Nein, keine, der Schorschi hockt ganz alleine da.«

Georg Lehner sah nicht auf, als Luise die alte Gaststube betrat. Er hockte da und sah vor sich auf die Tischplatte, es sah aus, als sei er tief in Gedanken versunken.

»Servus, Schorschi…!« Luise lachte den jungen Burschen freundlich an. »Dich hab’ ich eine Ewigkeit schon nimmer gesehen. Wie kommt’s, daß du heut’ da bei uns auftauchst?«

Es dauerte eine Weile, bis der Schorschi überhaupt den Kopf hob. Dann sah er Luise an, schließlich lächelte er.

»Du schaust allweil gleich aus«, sagte er. »Respekt…!«

Luise lachte. »Und du kannst Komplimente machen wie eh und je, grüß dich, Schorschi.« Dann gab sie ihm die Hand und setzte sich zu ihm an den Tisch.

»Servus, Luise…!« Georg Lehner sah sehr fesch aus, hatte brünette Haare, war groß, sportlich gebaut, hatte eine schmale Nase und ein sehr sympathisches Lächeln.

Luise lächelte. »Schad’, daß wir uns nimmer so oft sehen, Bub. Es war immer schön, wenn du früher mit deinen Spezln hier warst. Wie geht’s der Mizzi? Ich hab’ gehört, ihr wollt jetzt irgendwann heiraten? Es wird ja auch Zeit, ihr seid lang’ genug beisammen und wißt inzwischen, ob’s gutgeht mit euch oder net.«

Da lachte der junge Bursche hell auf. »Das war einmal.«

»Was war einmal?«

»Das mit der Mizzi und mir.«

»Das versteh’ ich jetzt net. Was heißt, wenn du sagst, das war einmal? Habt ihr die Hochzeit verschoben?«

Diesmal lachte Georg nicht. Vielmehr schüttelte er tieftraurig den Kopf.

»Wenn’s das wär’«, murmelte er, »damit könnt’ ich leben.«

»Ja, Herrschaftseiten, was ist es denn?«

»Sie will mich nimmer, die Mizzi«, murmelte Georg, den seine Spezl Schorschi nannten, »sie hat mir, wie man so schön sagt, den Laufpaß gegeben.«

Luise starrte den jungen Burschen an, als zweifle sie an seinem Verstand.

»Was du da gesagt hast«, erwiderte sie, »das glaub’ ich net. Die Mizzi, dieses liebe Madel? Sie soll dir den Laufpaß gegeben haben? Jetzt hörst auf mit dem Gered’, jetzt sagst, was Sache ist.«

Georgs sportliche und große Gestalt rutschte immer mehr in sich zusammen. Einen Augenblick sah es sogar so aus, als würde er zu weinen anfangen, aber so weit kam es nicht.

»Vor anderthalb Monaten«, begann er zu erzählen, »da hat es angefangen.«

»Was hat angefangen?«

»Daß die Mizzi plötzlich anders geworden ist, als sie sonst immer war.«

»Und wie ist sie anders geworden?«

»Sie hat schon mal ein bisserl gespöttelt«, antwortete Georg, »dann war sie wieder nett. Dann ist sie nimmer mit mir wohin gegangen, sondern mit drei oder vier Madeln sind sie nach Kempten gefahren. In eine Disco, oder in ein Weinlokal, oder was weiß ich.«

»Oje«, murmelte Luise, »das kenn’ ich. Bei der Traudl vom Pregartner-Hof, da ist es ähnlich gewesen. Die hat genauso reagiert, als sie damals heiraten wollt’. Das heißt, sie wollt’ halt noch net, sie sollt’ heiraten. Ihre Eltern hatten das quasi gefordert.«

Georg dachte einen Moment nach, dann schüttelte er den Kopf.

»Das war bei uns ganz anders«, sagte er, »den Anstoß zu heiraten, hat die Mizzi selbst gegeben. Sie hat unbedingt zum Standesamt wollen. Ich hätt’ noch ein bisserl Zeit gehabt damit.«

»Wie ist’s denn dann weitergegangen mit der Mizzi und dir?« brachte Lena das Gespräch auf den Kern zurück.

»Tja, wie ist’s weitergegangen«, murmelte Georg, »die Mizzi hat dann nimmer gespöttelt, sondern regelrecht gespottet, vor allem, wenn andere dabei waren. Irgendwann hat sie dann gesagt, daß sie nimmer mag.«

»Was heißt nimmer mag?«

»Das es aus ist zwischen uns. Net nur keine Hochzeit, nein, das Paar, oder die Beziehung, nenn’s wie du willst, zwischen Mizzi und mir, gibt’s nimmer. Sie ist einseitig aufgekündigt worden. Von ihr. Und ich hock’ jetzt da und weiß nimmer weiter. Weil ich mein Leben doch eingerichtet hab’ auf die Mizzi.«

»Wann hat sie denn die Beziehung aufgekündigt?« wollte Luise wissen.

»Gestern«, antwortete Georg, »gestern abend. Sie hat sich mit mir in Vorderstein verabredet. Beim Kirchenwirt. Um siebene sollt’ ich da sein. Ich hab’ gemeint, ich würd’ schweben, weil ich dacht’, es wär’ alles wieder gut.«

»Und…?«

Georg lachte kurz auf. »Die

Mizzi ist bei anderen am Tisch gesessen, als ich gekommen bin. Da hat sie zu den anderen kurz was gesagt, sie ist aufgestanden und zu mir gekommen und bevor ich nur ›Grüß Gott‹ hätt’ sagen können, erklärt sie mir, daß alles aus ist. Ich hab’ geschaut wie ein Ochs’, da bin ich mir sicher, weil ich ja mit ganz was anderem gerechnet hab’. Ich hab’ dann was sagen wollen, doch auch dazu ist’s nimmer gekommen. Die Mizzi hat mir nämlich rasch alles Gute für mein weiteres Leben gewünscht, und das war’s dann, aus und vorbei.«

Luise starrte Georg an, er war der Enkel einer Cousine und sie kannte ihn seit seiner Geburt. Wenn es oft auch nicht den Anschein hatte, Georg war immer schon ein ›Sensiberl‹ wie man sagte, gewesen. Der Bub, wie Luise ihn meistens nannte, hatte immer empfindlich reagiert und war nie als prahlhanserischer Schreihals, die in den Wirtshäusern das große Wort führten, aufgetreten.

Georg arbeitete als Techniker für ein Münchener Unternehmen, dessen Sonthofener Filiale er als stellvertretender Leiter vorstand. Daneben bewirtschaftete er, mehr oder weniger hobbymäßig, nebenher den Hof, den seine Eltern ihm hinterlassen hatten. Fürs Weiterführen halt und für die Arbeiten ums Haus herum war Lena, eine weitläufige Verwandte von Georgs Eltern, zuständig, die auch darauf achtete, daß es ihrem erklärten Schützling gutging.

Ihr war natürlich nicht verborgen geblieben, daß es in der Beziehung Georgs zu Mizzi kriselte, und sie hatte die Welt nicht mehr verstanden, denn Mizzi war fast wie eine Tochter oder Enkelin für sie gewesen.

»Ich weiß jetzt gar net, was ich sagen soll«, murmelte Luise, die regelrecht geschockt war. »Ich weiß nur, daß auch für dich wieder schöne Tage kommen, da bin ich ganz sicher, mehr kann ich dir momentan net sagen, Bub.« Dann fuhr sie ihm mit einer unendlichen zärtlichen Geste über die ein bisserl wirr um den Kopf stehenden Haare, dabei versuchte sie zuversichtlich zu lächeln, was ihr aber nicht recht gelang.

*

»Ich kann tun und lassen was ich will…!« Mizzi Kleiners Augen blitzten ihre Mutter zornig an. »Und wann begreifst du endlich, daß ich an keinem Gängelband mehr häng’? Ich komm’ in Zukunft bei mir ganz vorn, und dann kommen erst die anderen.«

Magda Kleiner verstand die Welt nicht mehr. Seit einigen Wochen schien ihre Mizzi ein ganz anderes Madel zu sein. War sie früher eher zurückhaltend gewesen und hatte sie ihre eigene Meinung eher schüchtern vertreten, war sie, was dies betraf, wie ausgewechselt.

Alles was man sagte, war nicht richtig, Mizzi akzeptierte keine andere Meinung mehr, an allem hatte sie was auszusetzen, und wie sie mit ihrem mehrjährigen Freund Georg umging, war eine Schande.

»Du machst noch solang’«, erwiderte Magda Kleiner, »bis du dich bei allen und jedem ins Abseits gestellt hast. Den Georg behandelst in den letzten Wochen doch wie den hinterletzten Dreck. Bis er es satt hat und dir den Laufpaß gibt.«

Da lachte Mizzi. »Du bist gut.«

»Was gibt’s denn da zu lachen?« Magda Kleiner sah ihre Tochter zornig an.

»Der Schorschi kann mir gar keinen Laufpaß geben«, erwiderte Mizzi.

»Und warum net?«

»Weil ich ihm schon den Laufpaß gegeben hab’.« Mizzi lachte erneut. »Der hat vielleicht dumm geschaut. Aber jetzt ist’s durch. Aus und vorbei. Auch der Schorschi wird sich wieder einkriegen.« Dann sah sie auf die Uhr. »Ich muß mich übrigens tummeln. Ich will nämlich noch nach München, ein paar Klamotten einkaufen.«

Magda starrte ihre Tochter total irritiert an. »Du fährst extra nach München, um dir was zum Anziehen zu kaufen?«

Mizzi nickte. »Ja, und ich freu’ mich schon riesig drauf.«

»Aber in Kempten…!«

Mizzi winkte lachend ab. »Hör auf, Kempten ist Provinz. Außerdem bleiben wir auch über Nacht in München.«

Magda Kleiner schluckte. »Wer ist wir?«

»Jan und ich, möglicherweise auch Ulrike«, antwortete Mizzi.

»Wer ist Jan?« fragte ihre Mutter.

»Jan Kalding«, erwiderte Mizzi, »du weißt doch, der Junior aus dem Optikerladen in Oberstdorf.«

»Was hast du denn mit dem zu tun?« Plötzlich ahnte Magda, woher der Wind wehte.

»Jan ist nur ein Freund«, antwortete ihre Tochter.

»Und mit diesem Freund fährst du nach München, um dir was zum Anziehen zu kaufen und um in München zu übernachten?« Magda ließ ihre Tochter nicht aus den Augen.

 

Die erwiderte den Blick ihrer Mutter und nickte. »Genau so ist es.«

»Aber… aber der Schorschi«, murmelte Magda, »was ist denn mit dem Schorschi? Der Bub, wenn er das erfährt, dann dreht er durch. Der hängt doch mit allem an dir, was er hat. Du bist dem Schorsch sein ein und alles. Du kannst doch net…!«

»Ich kann was ich will«, erwiderte Mizzi selbstbewußt.

Magda Kleiner wußte nicht, was sie darauf noch erwidern sollte. Sie starrte Mizzi an, doch die störte sich nicht an der offensichtlichen Verwirrtheit ihrer Mutter.

»Was… was ist mit diesem Jan?« fragte sie erneut. »Man fährt net mit wem einkaufen nach München und vor allem man übernachtet net mit wem in München, wenn man nur befreundet ist mit ihm.«

Daraufhin strahlte Mizzi. »Dann wirst du mir sicher sagen können, was man tut, wenn man befreundet ist.«

»Mar’ und Josef, Kind«, murmelte Mizzis Mutter, »ich erkenn’ dich net wieder.«

»Tja«, Mizzi zuckte mit den Schultern, »so ist das nun mal, aus Kindern werden Leute.«

Bisher hatten die beiden in der Küche am Tisch gesessen. Jetzt stand Mizzi auf und lächelte ihre Mutter freundlich an.

»Ich werd’ mich jetzt ein bisserl herrichten«, meinte sie, »dann werd’ ich zuerst nach Oberstdorf fahren, später fahren wir dann nach München. Rechne heut’ abend net damit, daß ich nach Hause komm’. Wie gesagt, wir übernachten in München. Wenn was Wichtiges ist, meine Handynummer hast ja.«

Magda Kleiner reagierte nicht mehr darauf, was sie vor einer halben Stunde noch getan hätte. Sie sah ihre Tochter lediglich an, zuckte dann mit den Schultern, stand ebenfalls auf und während Mizzi die Küche verließ, ging sie zum Herd, setzte Kaffeewasser auf und schnitt den Kuchen an, den sie am gleichen Tag gebacken hatte.

Dann trank sie den Kaffee und aß das Stück Kuchen, wobei sie intensiv nachdachte. Dann räumte sie das Kaffeegeschirr weg und verließ noch vor ihrer Tochter das Haus. Sie setzte sich in ihren Wagen und fuhr in Richtung Vorderstein, bog aber kurz vor dem Ortsschild in eine Auffahrt ein, um nicht viel später den Wagen vor einem sehr schönen kleinen Hofgebäude abzustellen. Sie stieg aus und im gleichen Moment kam eine ältere, ein wenig abgespannt ausschauende Frau aus dem Haus.

»Ach, du bist’s«, sagte Lena Taucher, wobei ihre Stimme enttäuscht klang, offensichtlich hatte sie wen anderen erwartet. »Ich hab’ schon gemeint, deine Tochter würd’ kommen. Den Wagen hat sie ja auch schon mal benutzt.«

Lena Taucher war die Wirtschafterin Georg Lehners, das war sie auch schon bei seinen Eltern und Großeltern auf dem kleinen Hof gewesen, Georg war wie ein Sohn für sie.

Lena war natürlich nicht verborgen geblieben, daß es zwischen Georg und Mizzi schon seit längerem nicht mehr so klappte, wie es das jahrelang getan hatte, doch sie hatte sich nie in die Belange der beiden gemischt.

Erst in den letzten Tagen, als sie mitbekommen hatte, wie nervös und niedergeschlagen Georg gewesen war, hatte sie sich vorgenommen, mit ihm und wenn irgend möglich, auch mit Mizzi zu reden, schließlich hatten die beiden schon von Heirat gesprochen.

Ein wenig widerwillig bat Lena Mizzis Mutter ins Haus, denn es war klar, warum die gekommen war, dabei mochte Lena nicht mit anderen über Georg und Mizzi reden.

Erst als Magda Kleiner meinte, sie sei in großer Sorge wegen der Beziehung der beiden, wußte Lena, daß sie möglicherweise eine Verbündete gefunden hatte.

»Ich hab’ keine Ahnung was vorgefallen ist, und es ist im Grund genommen auch wurscht, aber mich würd’ interessieren, inwieweit du informiert bist«, sagte Magda. »Meine Tochter hat mir vorhin gestanden, daß sie Georg den Laufpaß gegeben hat, und jetzt weiß ich nimmer ein noch aus.«

»Die Mizzi hat dem Buben den Laufpaß gegeben?« Lena wirkte plötzlich noch blasser als vorher. »Das kann net sein. Die Mizzi selbst hat doch vor gar net allzulanger Zeit davon geredet, daß sie heiraten wollt’.«

Magda Kleiner nickte. »Ich weiß, mit mir hat sie auch darüber gesprochen. Wie sehr sie sich auf die Hochzeit freut und dergleichen.«

»Und jetzt soll alles aus sein?« Georgs Wirtschafterin schüttelte den Kopf. »Das gibt’s einfach

net.

»Es ist aber so«, murmelte Magda Kleiner. »Und ich befürcht’ darüber hinaus auch noch mehr.«

»Was denn noch?« wollte Lena wissen. »Mehr als wen wegschicken kann man doch net. Einen tieferen Schmerz gibt’s doch gar net für den Schorschi.«

»Möglicherweise doch…!«

»Und wie soll der Schmerz zustandekommen?« Lena sah Mizzis Mutter fragend an.

»Indem die Mizzi bereits einen anderen hat«, antwortete die.

»Wie bitte?« Lena war plötzlich weiß wie die Wand.

Magda Kleiner zuckte mit den Schultern. »Schau net so vorwurfsvoll, ich kann’s net ändern.«

»Hat die Mizzi einen anderen?«

»Wie’s ausschaut ja«, murmelte Magda Kleiner. »Wenn du wüßtest, wie peinlich mir das dem Schorschi gegenüber ist. Der war immer ein so netter und lieber Bursch’.«

»Vielleicht war er ja zu nett und zu lieb«, erwiderte Lena. Dann nickte sie gedankenverloren. »Ganz genau, der Bub war immer zu rücksichtsvoll. Er hätt’ schon mal mit der Faust auf den Tisch hauen sollen. Dann hätt’ die Mizzi auch Respekt vor ihm gehabt. So denkt sie, sie könnt’ mit ihm umspringen, wie sie will, Güte und Nettigkeit wird heut’ meistens falsch verstanden…!«

*

Luise klopfte an die Tür und betrat dann Heidis kleines Büro.

»Sag mal, sollt’ das Madel vom Hieblerwirt net längst da sein?« fragte sie dann. »Net, daß nachher noch was passiert ist. Die Mutter hat eben schon wieder angerufen und hat wissen wollen, ob die Katrin endlich angekommen wär’?«

Heidi saß am PC und kontrollierte Rechnungen, gab noch einige Daten ein, dann wandte sie sich ihrer Schwiegermutter zu.

»Die Katrin ist momentan drüben beim Tischlerwirt«, sagte sie, »sie kennt das dortige Madel, in einer halben Stund’ wird sie sicher da sein.«

»Aha«, murmelte Luise, »wenn sie da ist, dann soll sie aber gleich zu Haus’ anrufen.«

»Ich sag’s ihr«, erwiderte Heidi, dann wollte sie sich wieder dem PC zuwenden.

Doch vorher kam Luise, die bis dahin in der Tür stehen geblieben war, ins Büro und setzte sich an den Tisch Heidi gegenüber.

»Ein Momenterl hast vielleicht noch Zeit«, sagte sie dann.

Heidi nahm den Blick vom Bildschirm, lächelte Luise an und nickte. »Aber sicher. Um was geht’s denn.«

»Um das Madel, diese Katrin«, antwortete Luise.

Heidi hörte sofort den Unterton heraus, irgendwas paßte ihrer Schwiegermutter nicht recht.

»Was ist denn mit dem Madel?« fragte sie deshalb.

»Kennst du die Hieblerwirtin?« erwiderte Luise.

Heidi nickte. »Sicher kenn’ ich sie, du doch auch.«

»Ja, aber du kennst sie net so gut wie ich«, sagte Luise.

»Du willst mir doch was sagen, oder?« Heidi sah ihre Schwiegermutter fragend an.

Die nickte. »Ja, das will ich.«

»Und was willst mir sagen?«

»Daß die Hieblerwirtin net so ohne ist.«

»Was heißt, daß sie net so ohne ist?«

»Daß sie mit Vorsicht zu genießen ist.«

»Und warum ist sie mit Vorsicht zu genießen?«

»Weil sie viel redet, und davon vieles Unsinn ist«, antwortete Luise.

»Und was hat das mit dem Madel zu tun?« wollte Heidi wissen. »Du hast die Katrin doch kennengelernt, als sie sich vorgestellt hat und…!«

»Eben net«, sagte Luise, »ich war doch net da.«

»Ach so«, Heidi lächelte, jetzt verstand sie, was ihre Schwiegermutter wollte, »du meinst also, das Madel wär’ möglicherweise wie die Mutter, und da hättest du dann Bedenken.«

Luise nickte befreit auf. »So ist es.«

»Also, du mußt dir keine Gedanken machen«, sagte Heidi, »die Katrin ist ein ganz und gar patentes Madel.«

»Aber noch so jung«, versuchte Luise weitere Bedenken loszuwerden.

Heidi lachte. »Seit wann ist Jungsein ein Problem?«

»Wir hatten schon mal ein so junges Madel«, erwiderte ihre Schwiegermutter, »und da hatten wir auch nichts als Schwierigkeiten.«

»Wen meinst du denn?« fragte Heidi.

»Die Elfi…!«

Heidi winkte ab. »Also, die beiden kannst net miteinander vergleichen. Und bei der Elfi lag’s auch net an ihrer Jugend, sondern an ihr. Ob sie zwanzig oder dreißig war, das war bei der Elfi wurscht.«

Luise zuckte mit den Schultern und stand dann auf. »Ich hab’ dir meine Bedenken jedenfalls gesagt. Net daß du nachher kommst und sagst, ich hätt’ dich früher warnen sollen.«

»Ist schon recht«, erwiderte Heidi, »ich werd’ aufpassen und dir, falls es schiefgeht, keine Vorwürf’ machen. Aber ich kann dir versichern, daß die Katrin ein ganz und gar nettes und anständiges Madel ist. Ich hab’ zwar erst zweimal mit ihr geredet, aber sowas erkenn’ ich schon.«

»Na ja«, murmelte Luise, »dann ist ja alles in Ordnung.«

Heidi widmete sich gerade wieder den Rechnungen und deren ordnungsmäßiger Verbuchung, da klopfte es schon wieder an die Tür des Büros.

»Heidi«, sagte Gerti, die langjährige Bedienung des Bergerhofs, »da ist ein Madel, Katrin Strallegger heißt sie. Sie wär’ mit dir verabredet.«

Heidi stand auf. »Ja, das stimmt, ist sie endlich da, die Katrin. Ja, sie ist mit mir verabredet. Sie wird ein vierteljähriges Praktikum da bei uns machen. Du kannst sie zu mir hereinbitten.«

»Ach, sie ist die Neue?« Gerti tat erstaunt.

»Ja, wenn du so willst, dann ist sie die Neue«, antwortete Heidi. »Wo ist sie denn? Ich kann auch zu ihr gehen, das ist vielleicht angebrachter.«

»In der alten Gaststub’ sitzt sie«, antwortete Gerti. »Sonst ist niemand dort.«

Kurz darauf betrat Heidi die alte Gaststube und lächelte ein ausgesprochen hübsches, sehr jung ausschauendes Mädchen an.

»Hallo, Katrin«, begrüßte Heidi die Tochter des Hieblerwirts aus der Füssener Gegend, »es ist schön, daß du da bist, deine Mutter hat wohl schon einige Male angerufen. Sie hat wohl ein bisserl Angst um dich.«

»Grüß Gott…!« Katrin strahlte übers ganze Gesicht. »Die Mutti sorgt sich um alles und jeden. Daß sie jedoch anruft, also, das hätt’ ich jetzt net gedacht.«

»Willst sie zurückrufen?« fragte Heidi. »Net, daß sie sich weiter sorgt. Ich glaub’, sie wollt’ nur wissen, ob du gut angekommen bist.«

Katrin schüttelte den Kopf. »Wenn sie was von mir wollt’, dann hätt’ sie mich auf dem Handy erreichen können. Ich schätz’ mal, sie will sich nur wichtig tun, das liegt ihr nämlich.«

»So. Na ja, das mußt du wissen«, murmelte Heidi. Dann lächelte sie, gab Katrin die Hand und hieß sie willkommen. »Es ist schön, daß du da bist. Ich freu’ mich und hoff’, daß du eine gute Zeit bei uns hast.«

»Das hoff’ ich auch«, antwortete Katrin. »Ich find’s super hier. Und was ich gesehen hab’, ist ja allerhand los, ich mein’ jetzt gästemäßig.«

Heidi nickte. »Ja, schließlich ist jetzt Saison. Wenn, dann verdienen wir jetzt unser Geld.«

»Dann kann ich ja gleich loslegen«, sagte Katrin. »Ich werd’ mich rasch umziehen und dann müssen S’ mir sagen, was ich tun soll.«

Heidi sah das junge und ausnehmend hübsche Mädchen einen langen Augenblick an, dann sagte sie: »Also, wir duzen uns hier alle. Das heißt, mich kannst ruhig beim Vornamen nennen und du sagen. Ich find’, daß das mehr Nähe schafft. Andere sehen das zwar anders, aber hier ist es halt so.«

»Das gefällt mir«, erwiderte Katrin, dann wollte sie wissen, wie sie sich umziehen soll? »Ich mein’ jetzt, soll ich gleich bedienen helfen, in der Küche arbeiten, oder soll ich was Verwaltungsmäßiges tun?«

»Kannst du denn bedienen?« fragte Heidi.

Katrin lachte. »Klar kann ich bedienen. Oder meinst, meine Mutter hätt’ mir erlaubt, mich aufs Ohr zu legen, während die Gaststuben vollgesessen sind?«

»Ihr habt ein großes Gasthaus, oder?«

Katrin nickte. »Ein Ausflugs- und Touristiklokal. Manchmal ist da die Hölle los, sag ich dir.«

»Na, dann macht dir’s Bedienen sicher nix aus«, erwiderte Heidi. »Hast denn kleidungsmäßig was mit, um bedienen zu können?«

Katrin nickte heftig. »Klar, ich bin für alle Fälle gerüstet. In einer halben Stund’ bin ich frisch geduscht da. Ich müßt’ jetzt nur noch wissen, wo ich logier’.«

»Komm«, sagte Heidi, »ich zeig’ dir dein Zimmer. Es ist ganz oben unter dem Dach, ist aber urgemütlich und hat alles, was man braucht.«

»Auch eine eigene Dusche?«

»Bad, Dusche, Toilette…!«

 

Katrin sah Heidi an, dann lächelte sie. »Net daß es mir so gut gefällt, daß ich ganz da bleibe.«

»Wart ab, bis du heut’ bedient hast«, erwiderte die Bergerhof-Heidi, »danach sprechen wir uns wieder.«

»Kein Problem«, sagte Katrin, »ich freu’ mich jedenfalls, daß ich da bin.«

*

Jan Kalding zupfte am Knoten seiner Krawatte, bis sie so saß, wie er es sich vorstellte, dann drehte er den Kopf, sah sich dabei im Spiegel an, korrigierte seine Frisur ein paarmal, bis er zufrieden war und eine Jacke überzog.

Er ging in die Garderobe, überprüfte durch einen Blick in den dortigen Spiegel den Sitz der Jacke, und als er auch hier zufrieden war, verließ er das Haus seiner Eltern durch den Keller, betrat die Garage, wo sein Porsche stand, auf den er überaus stolz war.

Er öffnete das Garagentor per Fernbedienung und als genug Tageslicht in die Garage fiel, unterzog er seinen Wagen ebenfalls einer gründlichen optischen Überprüfung.

Als auch das zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war, nahm er hinter dem Steuer des silbermetallicfarbenen Wagens Platz, schaltete den Motor ein, hörte einen Moment dessen Klang zu und fuhr schließlich langsam aus der Garage, deren Tore er hinter dem Wagen wieder per Fernbedienung schloß.

Er fuhr durch Oberstdorf und steuerte am Ortsausgang in Richtung Fischen einen Hof an, wo er seinen Wagen abstellte. Er sah ihn sich zufrieden an, ging zum Haus, läutete, und wartete, daß man ihm öffnete.

»Grüß dich, Jan.«

»Hallo, Hiltrud«, erwiderte der Optikersohn, »ist Mizzi schon da?«

Hiltrud Winter nickte. »Sie sitzt drinnen und wartet bereits.«

»Fährst du mit nach München?« Jan sah die schmale, hoch aufgeschossene junge Frau fragend an.

Die lächelte. »Soll ich mitfahren?«

»Das liegt bei dir.«

»Oje«, erwiderte Hiltrud, »wenn ich sagen würd’, daß ich mitfahr, könnt’ ich mir vorstellen, daß es dir nicht recht wär.«

»Wieso nicht?«

»Wenn du weiterhin so tust, als hättest du keine Ahnung, dann fahr’ ich echt mit nach München«, erwiderte Hiltrud. »Und ich nehm’ mir nachher ein Hotelzimmer zusammen mit Mizzi.«

Zuerst lächelte Jan dünn, dann griff er nach Hiltruds Händen.

»Du kennst mich doch noch von allen am besten«, sagte er, »es wär’ wirklich schön, wenn… wenn du diesmal darauf verzichten würdest, mit nach München zu kommen.«

»Fahren wir beide auch wieder mal nach München?« fragte Hiltrud.

»Ist schon versprochen.«

»Wir beide alleine?«

»Wir beide alleine.«

»Und wir übernachten dann in…!«

»… in den vier Jahreszeiten«, antwortete Jan Kalding, »auch das ist versprochen.«

Hiltrud küßte Jan rasch auf den Mund. »Dann wünsche ich dir und Mizzi einen schönen Tag und eine noch schönere Nacht. Ich hoffe, du bekommst, wonach du ständig suchst.«

Dann betraten sie das Zimmer, wo Mizzi bereits ungeduldig auf Jan wartete.

Der ging auf sie zu, begrüßte sie mit Küssen auf beide Wangen und sah demonstrativ auf die Uhr.

»Wir sollten keine Zeit mehr verstreichen lassen«, sagte er, »trotz des Porsches haben wir eine gewisse Fahrzeit einzukalkulieren.«

»Fährst du nicht mit?« Mizzi sah Hiltrud fragend an.

Die schüttelte den Kopf. »Leider nein. Ich hab’ noch einiges zu tun. Vor allem morgen in der Früh muß ich zeitig parat sein, und wenn übernachtet wird«, sie zuckte mit den Schultern, »kann ich es vergessen.«

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