SKULL 5: Mit Feuer und Schwert

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SKULL 5: Mit Feuer und Schwert
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Inhalt

  Prolog Illusion der Macht

  Teil I Gegen jede Vernunft

  1

  2

  3

  4

  5

  6

  Teil II Die Belagerung von Selmondayek

  7

  8

  9

  10

  11

  12

  13

  14

  15

  16

  17

  Teil III Entscheidungen

  18

  19

  20

  21

  22

  23

  24

  25

  26

  27

  28

  29

  30

  31

  32

  Epilog Die Hoffnung erstarkt

  Weitere Atlantis-Titel



Eine Veröffentlichung des

Atlantis-Verlages, Stolberg

April 2022


Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin


Titelbild: Mark Freier

Umschlaggestaltung: Timo Kümmel

Lektorat und Satz: André Piotrowski


ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-829-8

ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-837-3


Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich.


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www.atlantis-verlag.de

Prolog
Illusion der Macht



2. April 2647

Montgomery Pendergast, frisch gewählter Präsident der Solaren Republik, hatte Schwierigkeiten, die Stufen zu erkennen, die zum Podium hinaufführten.

Das Pressezentrum innerhalb der präsidialen Residenz in Reykjavik wurde strahlend hell erleuchtet von einem Blitzlichtgewitter aus Hunderten Kameras. Jede Zeitung und Nachrichtensendung, die etwas zählte und auch nur ein wenig auf sich hielt, hatte Vertreter zu der angekündigten Pressekonferenz geschickt. Und es schien, als wollten sie den Sternen am Firmament Konkurrenz machen, wenn man all diese Lichter richtig interpretieren mochte.

Pendergast stellte sich hinter das Podium und zwang sich zu einem Lächeln. Er ließ gönnerhaft den Blick über die Versammlung schweifen, auch wenn er irgendwo anders lieber gewesen wäre als hier. Er verachtete sie – die Presse im Speziellen und die Menschen der Solaren Republik im Allgemeinen. Sie stellten für ihn nur willfährige Werkzeuge dar, mehr nicht. Menschen waren für Pendergast lediglich Stufen auf dem Weg, um seine Ziele zu erreichen.

Er achtete darauf, sein lächelndes Gesicht ständig in bestmöglicher Relation zu den zahlreichen Kameras zu halten. Die Menschen der Republik sollten überzeugt werden, dass ihr Staatsoberhaupt sich keine Sorgen machte. Das würde sich auf die Bevölkerung übertragen, so hoffte er.

Die Pressekonferenz wurde live auf eine Großleinwand vor dem Kapitol und auf einer weiteren vor der präsidialen Residenz übertragen. Vor beiden Gebäuden hatte sich eine riesige Menschenmenge versammelt, die gebannt auf seine Ankündigung wartete. Außerdem saß so gut wie jeder Bürger der Nation gerade vor dem Holo-TV, das wusste er. Die Solare Republik hing buchstäblich an den Lippen des neuen Präsidenten.

Bei dem aufbrandenden Lächeln des Mannes brachen die Massen spontan in Jubel aus. Hätten sie gewusst, welche Gedanken den Mann wirklich in seinem Inneren bewegten, sie wären wohl weit weniger begeistert gewesen. Die Menschen der Solaren Republik zu manipulieren, war schlichtweg zu einfach gewesen. Es hatte Hindernisse auf dem Weg zur Macht gegeben, ja sicher. Aber dennoch war es für seinen Geschmack viel zu simpel abgelaufen, diesen geistlosen Massen etwas vorzumachen. Das hatte dem ganzen Spiel fast die Würze genommen. Und für Pendergast war alles ein Spiel. Das Ärgernis dieser Widerstandsbewegung, die MacTavish aufgebaut hatte, die Skulls, die Liquidierung der königlichen Familie, ja sogar die als humanitäre Aktion getarnte Invasion des Königreichs: All das war für ihn nur ein Spiel. Und er hatte es gewonnen. Niemand vermochte es, ihn jetzt noch aufzuhalten.

Pendergast hob um Ruhe bittend beide Hände. Er konnte die Menschenmenge vor der präsidialen Residenz über einen kleinen Holoschirm verfolgen, den sein Assistent seitlich hatte aufbauen lassen. Die Menge kam langsam zur Ruhe.

Pendergast wurde ernst. »Meine lieben Mitbürger. Eine Zeit großer Veränderungen ist angebrochen. In den letzten Tagen wurde ich mehrfach gefragt: ›Müssen wir uns davor fürchten?‹« Pendergast schlug mit der Faust auf das Podium. »Meine Antwort lautet: Nein, natürlich nicht.« Er räusperte sich, als hätte es sich um einen spontanen Ausbruch gehandelt, den er nun bereute. »Auch andere ernst zu nehmende Fragen haben mich erreicht. Fragen von besorgten Bürgern. Man wollte wissen, was wir im Königreich zu suchen haben. Überlasst die Probleme der Aristokraten den Aristokraten. Warum sollen unsere Soldaten leiden, wenn eine andere Sternennation ihre Probleme nicht in den Griff bekommt? Sollten wir uns nicht da raushalten?« Abermals schüttelte er den Kopf. »Und genau das wäre ein fataler Fehler. Das Königreich wird von Unruhen, von inneren Konflikten, von terroristischen Aktivitäten zerrissen. Nach dem tragischen Tod der königlichen Familie ist unser Nachbar führungslos, sehnt sich nach Orientierung. Die Frage ist nicht, ob wir die Soldaten der Republik dorthin schicken sollten, um zu helfen. Die Frage muss lauten: Wie könnten wir das nicht? Wie lange würde es dauern, bis deren Probleme auf uns überschwappen? Wir haben aus der Ferne erlebt, was Führungsschwäche auslösen kann. Es öffnet Terrorismus und subversiven Elementen Tür und Tor. Aus diesem Grund hatte ich keine andere Wahl, als unsere Streitkräfte in Marsch zu setzen, um einem bedrängten, um Beistand ersuchenden Nachbarn Hilfe zu leisten. Es war ein Akt von Menschlichkeit und Nächstenliebe.«

Der Präsident der Solaren Republik machte eine dramatische Pause, bevor er fortfuhr. »Es ist mir eine große Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass die Aktion ein fast völliger Erfolg war. Die terroristische Vereinigung bekannt als das Konsortium konnte mittlerweile fast vollständig eliminiert werden. Dasselbe gilt für die Köpfe hinter der Verschwörung, den Zirkel. Unsere Streitkräfte sind derzeit dabei, die Ordnung wiederherzustellen.« Er leckte sich leicht über die Lippen. »So viel zu meiner Bekanntgabe. Ich lasse nun ein paar wenige Fragen zu.« Er deutete auf einen der Reporter, von dem er wusste, dass dieser zuvor gebrieft worden war.

 

Der Mann erhob sich, konsultierte seine Unterlagen und sah zum Präsidenten hoch. »Michael O’Herlihy von der Solar Republic Tribune«, stellte sich der Reporter vor, als ob Pendergast nicht genau wüsste, wen er da aufgerufen hatte.

»Was ist mit der Regierung des Königreichs?«, stellte O’Herlihy die vorher abgesprochene Frage.

Pendergast senkte den Blick, erweckte den Eindruck von Betroffenheit. Für all jene, die ganz genau hinsahen, verdrückte der Präsident sogar eine Krokodilsträne. »Die nach Castor Prime entsandte Flotte kam zu spät, um die beiden Prinzen zu retten. Der Einsatz von Giftgas hat auch uns überrascht. Die Geheimdienste hatten keinerlei Kenntnisse, dass der Gegner über derartige Mittel verfügt. Aber es gelang uns, einen großen Teil des Parlaments des Vereinigten Kolonialen Königreichs zu retten. Sie befinden sich derzeit in Schutzhaft an einem geheimen Ort, bis die Sicherheitslage ihre Rückkehr nach Castor Prime rechtfertigt.« Die meisten von ihnen waren bereits tot – dem Giftgasangriff zum Opfer gefallen. Das verschwieg er natürlich wohlweislich. Andere waren von seinen Todeskommandos zur Strecke gebracht worden. Es gab nur noch wenige Abgeordnete, denen es gelungen war, dem Zugriff zu entkommen und sich zu verstecken. Aber auch ihre Zeit würde kommen.

Offiziell würde das königliche Parlament weiterhin in Schutzhaft verbleiben. Irgendwann würden sie in Vergessenheit geraten und niemand würde noch nach ihnen fragen oder auch nur einen Gedanken an sie verschwenden.

Er nickte dem Reporter großspurig zu. Dieser setzte sich gehorsam. »Nächste Frage«, forderte Pendergast die versammelten Journalisten auf. Dutzende Hände gingen in die Höhe. Der Präsident sah sich um, als würde er nicht schon genau wissen, wen er aufrufen wollte.

In diesem Moment kam es zu einer Abweichung des Protokolls. Ein Reporter, der seitlich am Rand saß, sprang unvermittelt auf und grätschte mit einer tiefen, sonoren Stimme dazwischen. Damit forderte er unbedingte und sofortige Aufmerksamkeit aller Anwesenden.

»Christopfer Rawlins von Earth News Networks«, stellte er sich vor. Pendergasts Lächeln gefror von einer Sekunde zur nächsten. Der Kerl war ihm unbekannt. Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. Nicht wenn er verhindern wollte, vor der Öffentlichkeit der Republik sein Gesicht zu verlieren. Schließlich waren sie live. Er machte eine kaum wahrnehmbare Geste und pfiff damit die Secret-Service-Agenten, die sich dem unverschämten Kerl bereits näherten, zurück. Pendergast durfte sich jetzt keine Blöße geben. Er nickte dem Mann betont freundlich zu.

»Wie reagieren Sie auf die Kritik sowohl vereinzelter Sternennationen als auch führender Politiker der Solaren Republik, dies handele sich um einen nicht erklärten illegalen Krieg mit dem Ziel, das Königreich zu destabilisieren und dadurch unter Kontrolle zu bringen?«

Pendergast erstarrte. Er war sich spürbar der Aufmerksamkeit aller bewusst. Jeder einzelne Reporter im Raum schien plötzlich den Atem anzuhalten. Sie warteten auf die Reaktion des Präsidenten auf eine Frage, die man bestenfalls als Provokation interpretieren konnte.

Pendergast hätte sich um ein Haar geräuspert. Es gelang ihm, den Laut gerade noch rechtzeitig zu unterdrücken. Man hätte diesen mit Recht als Verlegenheit interpretieren können. Er zwang sich wiederum zu einem Lächeln, sein Blick spießte den Querschießer jedoch auf und versprach umgehende Vergeltung. Der Reporter war sich dessen bewusst. Pendergast vermochte, es in seinen Augen zu erkennen. Dennoch gab der Mann nicht nach.

»Nun«, begann der Präsident. »Es wird immer kritische Stimmen geben. Hätte ich nicht eingegriffen, wären ebenfalls meine politischen Gegner aufgesprungen und würden diese Entscheidung in der Luft zerreißen. Als Präsident der Solaren Republik kann ich lediglich nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Die Entscheidung, ob ich richtig- oder falschlag, überlasse ich der Geschichte. Aber lassen Sie mich Ihnen und den Bürgern dort draußen eines sagen: Es handelt sich hierbei keineswegs um einen Krieg, sondern lediglich um eine Polizeiaktion von begrenztem Umfang und mit begrenztem Mandat. Unsere Streitkräfte werden das Königreich in dem Moment verlassen, in dem ihre Anwesenheit nicht mehr vonnöten ist, um Leben und Eigentum der Menschen vor Ort zu schützen.«

Weitere Hände gingen nach oben, als die Reporter ihre Fragen stellen wollten. »Das wäre alles für heute«, entgegnete Pendergast, der seine miese Laune kaum verhehlen konnte. Er verließ das Podium. Sein Pressesprecher nahm seinen Platz ein und bemühte sich, die Wogen zu glätten.

Hinter der Bühne wurde er von seinem persönlichen Assistenten Peter Mulligan erwartet. Der Mann war ihm wärmstens empfohlen worden. Er besaß ein fast schon natürliches Gespür dafür, Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Kurz gesagt, er war genau die richtige Person für Pendergasts Ambitionen.

Mulligan reichte dem Präsidenten eine Wasserflasche, die ihm dieser aus der Hand riss. Er trank daraus, während Mulligan sich abmühte, die schlechte Laune seines Arbeitgebers zumindest ein wenig abzumildern.

»Das war gar nicht übel«, sagte Mulligan mit unechtem Grinsen.

Pendergast setzte die Wasserflasche ab, wobei er Mulligans makellosen Anzug mit einigen Spritzern benetzte. »Nicht übel ist bei Weitem nicht gut genug.«

Der Präsident setzte sich in Richtung seines Arbeitszimmers in Bewegung und ließ Mulligan kaum eine Wahl, als ihm hektisch hinterherzueilen. »Wer zum Teufel war dieses großspurige Arschloch mit Todessehnsucht?«

»Ein unbedeutender Reporter einer unbedeutenden Nachrichtensendung«, gab Mulligan an.

»ENN kann man wohl kaum als unbedeutend beschreiben«, wehrte Pendergast ab. »Es handelt sich um die wichtigste Nachrichtensendung hier auf der Erde. Was nützt es, Präsident zu sein, wenn ich nicht einmal die Medien kontrollieren kann? Bestellen Sie den Programmdirektor ein. Ich glaube, ich muss mit dem Kerl mal ein paar Takte reden. Falls er seinen Leuten keine Zügel anlegen kann, ich kann es ganz sicher. Das muss ihm klargemacht werden.«

Mulligan machte sich ein paar Notizen auf seinem elektronischen Klemmbrett. Pendergast stürmte an den Secret-Service-Agenten vorbei, die sein Büro bewachten, und öffnete die Tür. Noch im Rahmen, blieb er schlagartig stehen.

Auf seinem Stuhl – dem persönlichen Stuhl des Präsidenten – saß ein Eindringling. Ein äußerst attraktiver und äußerst weiblicher Eindringling.

Die Frau trug ein Kleid, das an der Seite bis zur Hüfte geschlitzt war. Sie rekelte sich auf seinem Stuhl, als wäre es das Natürlichste der Welt. Als würde sie dort hingehören.

Pendergast trat näher. Der Ausschnitt der Frau war verführerisch tief geschnitten und überließ nicht viel der Fantasie. Der Ausblick verfehlte seine Wirkung auf Pendergast keineswegs.

Mulligan aber sah es als seine Pflicht an, die Anwesenheit der Frau als Bedrohung zu betrachten. »Sir«, wandte er sich an den Präsidenten, »soll ich die Agenten hereinrufen?«

Pendergast ließ die Frau keine Sekunde lang aus den Augen, wenn auch aus anderen Gründen als Mulligan. Er deutete mit einem Kopfnicken auf den Assistenten. »Sie haben drei Sekunden, um mir einen Grund zu liefern, seine Frage mit Nein zu beantworten.«

Die Lippen der Frau verzogen sich zu einem strahlenden Lächeln. Es war schlichtweg hinreißend. »Ich bin keine Bedrohung, Herr Präsident. Im Gegenteil, ich bin Ihre Freundin.«

Pendergast hob eine Augenbraue. »Tatsächlich? Meine Freunde brechen für gewöhnlich nicht bei mir ein.«

»Eingebrochen bin ich keineswegs. Ich habe … bessere Methoden, um zu erreichen, was ich will.«

Pendergast grinste, während sein Blick das entblößte Bein und den Schenkel der Frau auf und ab glitt. »Das glaube ich«, gab er schließlich zu. Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Mulligan, machen Sie die Tür zu. Von außen.«

»Sir?« Sein Assistent schien fassungslos, angesichts dieses Befehls.

»Sie haben mich gehört.« Pendergast verlieh der Forderung Nachdruck, indem seine Stimme jede Emotion verlor. Aus Erfahrung wusste Mulligan, dass es besser war, den Befehlen seines Arbeitgebers Folge zu leisten. Vor allem, wenn er sich in dieser Stimmung befand. Mulligan zog sich zurück und schloss die Tür hinter sich.

»Ich bin in Hörweite«, warf er noch ein, kurz bevor die Tür ins Schloss fiel.

Pendergast schritt um den Schreibtisch und setzte sich auf die Kante. Wie selbstverständlich legte er seine Hand auf das Knie der Frau.

»Und Ihr Name ist …?«

»Deveraux«, erwiderte die Frau. »Cassandra Deveraux. Eine ehemalige Mitarbeiterin des verstorbenen Tucker Dawson.«

»Gehört habe ich schon von Ihnen. Sie waren seine Angestellte … und mehr.« Sein Gesicht zeigte nun ein anzügliches Lächeln.

Cassandra ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. »Ich bin das, was meine Auftraggeber für notwendig halten.« Sie fing an, mit einer Hand an den Hemdknöpfen Pendergasts zu spielen. »Ich hörte, Sie suchen bereits nach mir.«

»Allerdings.« Pendergast entschied, ganz offen zu sein. Es schien ohnehin sinnlos, vor dieser Frau etwas zu verbergen. Sie würde bereits wissen, wie seine Befehle ihre Person bezüglich lauteten. »Meine Männer sind gerade dabei, Tucker Dawsons Altlasten zu beseitigen.« Er schnalzte mit der Zunge. »So leid es mir tut, aber dazu zähle ich im Moment auch Sie.«

Sie kicherte leise. »Man hat mich schon vieles genannt, aber eine Altlast noch nie. Das ist neu. Sie sah zu ihm auf. Es ist vollkommen unnötig, mich umbringen zu lassen.« Sie leckte sich über die Lippen. »Es könnte so viel … befriedigender sein, mich als Freundin zu haben.« Sie öffnete einen seiner Knöpfe und begann mit den Brusthaaren darunter zu spielen. »Und ich kann eine wirklich engagierte Freundin sein.«

»Daran habe ich nicht den Hauch eines Zweifels«, erwiderte der Präsident, wobei er langsam Erregung in sich aufsteigen spürte. Das entging auch nicht der Frau auf seinem Stuhl und ihre Augen blitzten amüsiert auf.

»Sie wissen, mit welcher Aufgabe mich der so unschön aus dem Leben gerissene Tucker Dawson vor seinem Ableben betraut hat?«, wechselte sie auf einmal das Thema.

Pendergast stutzte. »Ja, das ist mir bekannt. Ich meine, in Dawsons geheimen Dateien darüber gelesen zu haben.«

»Lassen Sie mich meine Aufgabe weiterführen. Ich verspreche, Sie werden es nicht bereuen. Es könnte sich als strategischer Vorteil erweisen. Immerhin haben Sie immer noch Probleme mit den Skulls

»Vorübergehend.«

»Täuschen Sie sich nicht. Dieses Söldnergeschmeiß hat die Angewohnheit, dort aufzutauchen, wo es nichts zu suchen hat, und sich in Dinge einzumischen, die es nichts angeht. Belassen Sie mich auf meinem Posten, lassen Sie mich meine Aufgabe weiterführen und ich werde im richtigen Augenblick für Sie da sein.«

Das war ein verführerisches Angebot. Von der Seite hatte er es noch nie betrachtet. Cassandra hatte recht. Es konnte nicht schaden, einen Agenten vor Ort zu haben, der die Dinge im Auge behielt und handelte, falls es notwendig wurde.

Außerdem befand sich dieses verschlagene kleine Miststück bereits nah bei ihrem Ziel, während er selbst erst jemanden platzieren müsste. Es wäre dumm, das Angebot nicht anzunehmen. Falls sie versagte, konnte er sie immer noch in irgendeinem Straßengraben entsorgen.

»Na schön. Ich gebe Ihnen eine Chance, sich als nützlich zu erweisen. Ich pfeife meine Leute zurück. Sie gehören damit fortan zu meinem Team. Dem Team Pendergast.« Abermals grinste er. »Dem Gewinnerteam.«

»Wie erfreulich«, gurrte sie. »Und wie besiegeln wir unser neues Arbeitsverhältnis jetzt?«

Pendergast betätigte die Gegensprechanlage. »Mulligan?«

»Herr Präsident?«, erfolgte die durch das Gerät stumpf klingende Stimme seines Assistenten. Sie wirkte voller Vorfreude. Der Mann glaubte, Pendergast weise ihn nun an, die Frau kurzerhand hinauszubefördern. Die Wahrheit konnte nicht weiter entfernt liegen. »Ich will vorläufig nicht gestört werden«, wies er den Mann an und kappte die Verbindung, bevor sein Assistent die Gelegenheit erhielt, etwas zu entgegnen.

Pendergast beugte sich vor. »Ich glaube, da fällt uns was ein, Cassie«, erwiderte er auf ihre vorige Frage, während seine Hand langsam den Oberschenkel der Frau hinaufrutschte.

Teil I
Gegen jede Vernunft



1

5. April 2647

 

Dexter Blackburn hatte nie zuvor eine solche Grabesstimmung erlebt. Selbst eine Beerdigung hätte im Vergleich zu dieser Versammlung wie eine Freudenfeier gewirkt. Er musste aber zugeben, dass die neuesten Nachrichten kaum Veranlassung zur Euphorie boten.

Außer ihm selbst, Oscar Sorenson und Dimitri Sokolow befanden sich noch Melanie St. John sowie Clayton Redburn – Spitzname Red – im Besprechungsraum der Normandy. Außerdem war auch Angel im Raum. Sie stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen hinter Dexters Stuhl. Der Griff ihres Katana ragte über die rechte, der Kolben ihres Sturmgewehrs über die linke Schulter. Obwohl die Attentäterin ihre Maske nicht trug, verbreitete sie eine ernste Aura.

Sorenson hätte beinahe versucht, sie des Raumes zu verweisen, da sie keine offizielle Funktion im Widerstand gegen die solare Aggression innehatte. Nur das Wissen, dass in einem solchen Fall Blut geflossen wäre – allen voran sein eigenes –, hatte ihn davon Abstand nehmen lassen.

Dexters Vater hatte Angel mit seinen letzten Worten angewiesen, seinen Sohn zu beschützen. Und die treue Kämpferin nahm diesen Befehl aus dem Mund ihres ehemaligen Geliebten äußerst ernst. Dexter beneidete niemanden, der versuchte, an ihrem Schwert vorbeizukommen, um ihm Schaden zuzufügen.

Das gewaltige Schlachtschiff der Medusa-Klasse schwebte majestätisch über der versteckten Basis auf Bantor und überwachte mit ihrem umfangreichen Waffenarsenal die Evakuierung. Nun, nachdem die solare Republik fast das ganze Königreich überrannt hatte, war unter Umständen auch Bantor kompromittiert. Sie mussten sich genau überlegen, wohin sie sich wandten. Jede Flugrichtung konnte sie ins Verderben führen.

Sokolows Piratenflottille sicherte das äußere System, während der klägliche Rest, der von den Skull-Raumverbänden übrig war, den Planeten schützte. Es waren wenig genug.

Niemand im Raum sagte ein Wort. Sie alle starrten lediglich mit verdrießlicher Miene auf die Holoaufzeichnung, die dreißig Zentimeter über den Tisch projiziert wurde. Sie zeigte eine Gruppe von etwas mehr als dreißig königlichen Schiffen, die eine einzelne, verblüffend schwer bewaffnete und gut ausgerüstete Jacht in ihrer Mitte schützte. Der Verband trachtete danach, die sprungfähigen Lagrange-Punkte in einem der äußeren Systeme zu erreichen.

Aber es gelang ihnen nicht. Die verfolgenden Konsortiums-Schiffe holten sie ein und es entbrannte eine hitzige Schlacht. Sobald dem Verbandskommandanten klar wurde, dass ein Entkommen unmöglich wurde, ließ er seine Schiffe beidrehen und sich dem Gegner stellen. Die Jacht hingegen hielt weiterhin auf die Lagrange-Punkte zu.

Die Absicht der royalen Besatzungen war klar. Sie opferten sich für ihren Schützling. Der VIP an Bord der Jacht war den Offizieren und Mannschaften dieser Schiffe derart wichtig, dass sie ohne Zögern und ohne Bedenken ihr eigenes Leben in die Waagschale warfen, um der Jacht kostbare Augenblicke zu schenken.

Der Kampf dauerte nicht lange. Das Konsortium war gut drei zu eins in der Überzahl. Die königlichen Besatzungen wehrten sich tapfer und schossen fast die Hälfte der feindlichen Schiffe zusammen, im Gegenzug wurden sie jedoch gnadenlos überwältigt. Keines der royalen Schiffe ergab sich. Und das Konsortium schien nicht bereit, eine Kapitulation auch nur in Erwägung zu ziehen.

Nach der Zerstörung des letzten Schiffes der Colonial Royal Navy, zogen die überlebenden Konsortiums-Schiffe weiter, ihrer Beute hinterher.

Die Jacht war schnell, für ein Schiff dieser Größe und Klasse sogar außergewöhnlich schnell. Die Verfolger entsandten jedoch ihre Fregatten, die die Jacht in Rekordzeit einholten und ihr den Weg abschnitten. Das kleine Schiff musste notgedrungen die Geschwindigkeit verringern. Die Besatzung des fliehenden Schiffes verhielt sich überaus furchtlos. Sie zerstörte vier feindliche Fregatten. Der Plan des Gegners ging allerdings auf. Dem Konsortium gelang es, die Jacht lange genug aufzuhalten, damit die schweren Schiffe aufholen konnten.

Sobald drei der verfolgenden Kreuzer nah genug waren, um das Feuer zu eröffnen, verwandelten sie die Jacht in eine sich ausbreitende Trümmerwolke. Nach getanem Zerstörungswerk zogen die Konsortiums-Schiffe weiter und steuerten die sprungfähigen Lagrange-Punkte des Systems an.

Melanie hielt die Aufzeichnung an. Die abziehenden Konsortiums-Schiffe verharrten in der Luft. Im Hintergrund waren Sterne und andere stellare Objekte als Referenzpunkte ersichtlich.

Dexter sah sich der Reihe nach um. Er beugte sich vor, stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch ab und seufzte. »Wir sehen uns die Aufzeichnung jetzt schon zum vierten Mal an und sie wird mit jeder Wiederholung deprimierender.«

Sorenson nickte. »Können wir wirklich sicher sein, dass das da«, er deutete auf die Aufzeichnung im Stand-by-Modus, »echt ist? War die Königin wirklich an Bord dieser Jacht? Vielleicht ist es nur Propaganda.« Der Tonfall des Admirals wirkte, als würde sich der Mann von etwas überzeugen wollen, an das er selbst keine Sekunde glaubte.

Melanie St. John leckte sich leicht über die Unterlippe. Die Geheimdienstanalystin zögerte, bevor sie antwortete. »Nun, das sind zwei Fragen, die ich leider auch separat beantworten muss.« Auch sie seufzte. »Ich gehe zuerst auf die zweite Frage ein. Ja, Königin Samantha war tatsächlich an Bord dieser Jacht. Das wurde uns von mehreren unabhängigen Stellen inzwischen bestätigt.« Ihre Schultern sackten ein Stück weit ab. »Die Königin ist tot. Damit ist Prinz Calvin der letzte Überlebende der königlichen Familie. Sie wurden allesamt gejagt und zur Strecke gebracht. Die Königin und ihr Geleitschutz waren auf dem Weg ins Triumvirat, um dort politisches Asyl zu beantragen.« Beim Triumvirat handelte es sich um eine kleine, aber sehr wohlhabende Sternennation. Sie bestand aus lediglich drei Systemen und befand sich an der linken Flanke des Königreichs. Melanie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Auf dem abschließenden Streckenabschnitt, kurz vor dem letzten Sprung, gerieten sie in einen Hinterhalt und der komplette Geleitzug ging verloren. Das ist Fakt.«

Köpfe wurden am Tisch gesenkt. Sorenson sprach ein kurzes Gebet für die Königin. Der Admiral sah auf. »Und die erste Frage?«

Melanie zögerte erneut. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und klopfte mit den Fingerspitzen beider Hände auf die Tischplatte, ehe sie zur nächsten Erklärung ansetzte. Mit einem Kopfnicken deutete sie auf die Aufzeichnung. »Das, was wir da sehen, ist trotzdem eine Fälschung.«

Dexter riss die Augen auf. Mit seiner Überraschung stand er nicht allein da. Kollektives Keuchen machte am Tisch die Runde. »Wie meinst du das? Ich dachte, der Tod der Königin wurde bestätigt«, wollte Dexter wissen.

Melanie räusperte sich. »Das ist der Fall. Aber ich habe ernste Zweifel, ob das Konsortium dafür verantwortlich ist. Wir wissen mit fast absoluter Bestimmtheit, dass sich in einem Umkreis von fünf Parsec um den Standort der Königin keine Konsortiums-Einheiten aufhielten. Wohl aber Verbände der Solaren Republik.«

Sorenson stieß einen wüsten Fluch aus. »Also waren es Schiffe der Solarier, die das da angerichtet haben.« Er deutete auf die Holoaufzeichnung.

»Davon gehe ich in der Tat aus«, gab Melanie zurück. »Es wäre ein Leichtes für die Techniker der Republik, ihre eigenen Einheitsmarkierungen und Schiffslackierungen zu entfernen und durch die des Konsortiums zu ersetzen.« Sie nahm einige Einstellungen vor und vergrößerte einen der angreifenden Zerstörer. »Der hier zum Beispiel. Das ist ein Zerstörer der Minotaurus-Klasse. Ein Schiffstyp, den die Solarier erst vor gut zwei Jahren in Dienst gestellt haben. Wie sollte eine Söldnereinheit an ein derart modernes Schiff kommen? Das Konsortium verwendete in der Mehrzahl ältere, in manchen Fällen schon ausrangierte Schiffstypen.«

Der Admiral studierte den vergrößerten Zerstörer eingehend. Auch die Markierungen des Konsortiums unterzog Sorenson einer eingehenden Begutachtung. Schließlich nickte er. »Können wir das irgendwie nutzen? Eine Art Gegenpropaganda aufbauen zum Beispiel?«

Melanie schüttelte bedauernd den Kopf. »Schöne Idee. Kam mir zuerst auch in den Sinn. Aber ich wüsste nicht, wie. Ein Erfolg wäre mehr als zweifelhaft. Wir haben nur eine Theorie und keinerlei schlüssige Beweise.« Sie rümpfte die Nase. »Die Fälschung ist zweifelsohne gut, aber weniger erwarte ich auch nicht von einer Nation mit den technischen Möglichkeiten der Republik. Wer würde uns glauben? Außerdem fehlt uns momentan die Möglichkeit, eine entsprechende Veröffentlichung auch in adäquatem Umfang zu verbreiten, während die Aufzeichnung, in der das Konsortium die Königin jagt und tötet, von den Solariern praktisch die ganze Zeit über sämtliche Sender ausgestrahlt wird. Für einen Großteil der Bevölkerung, sowohl im Königreich als auch in der Republik, sind Konsortium und Zirkel die eigentlich Schuldigen am Zustand vieler royalen Welten und am Sturz des Königshauses. Uns kommen Berichte zu Ohren, dass vielerorts die solarischen Truppen ohne Widerstand, ja sogar mit Jubel empfangen werden.«

»Verdammte Verräter!«, zischte Oscar.

»Es sind keine Verräter«, ging Dexter sofort dazwischen. »Die Leute sind einfach kriegsmüde. Und wer könnte es ihnen schon verdenken? Nach fast zwanzig Jahren Bürgerkrieg, dann die Kämpfe unter den Söldnereinheiten, die Terrorwelle des Konsortiums und der Mord an der königlichen Familie. Die Menschen wollen einfach nur noch, dass all das aufhört. Und es kümmert sie nicht, wer dafür sorgt. Die Republik verspricht Sicherheit.«

Sorenson schüttelte den Kopf. »Sie versprechen keine Sicherheit, sie versprechen Ordnung. Das ist etwas komplett anderes. Und wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren«, zitierte er Benjamin Franklin.

»Das ist ziemlich überheblich. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Menschen im Stich gelassen wurden. Von uns allen. Sie fühlen sich allein und verloren. Ist es da ein Wunder, dass sich die Bürger an denjenigen wenden, der ihnen Hoffnung verspricht?«

Der Admiral besaß den Anstand zu erröten und wandte den Blick ab. Dexter mäßigte sich selbst. Seine eigene Unruhe drohte ihn zu übermannen. Er warf Melanie einen eindringlichen Blick zu. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Solarier überall ohne Widerstand einmarschieren. Was ist mit der CRN oder der CRA?«

Melanie zuckte die Achseln. »Navy und Army sind nach den Terroranschlägen und der solarischen Invasion in einem desolaten Zustand. Es gab tatsächlich Widerstand und es gibt ihn noch. Aber ohne Nachschub, Verstärkung und übergeordnete Strategie des nicht mehr existierenden Oberkommandos haben viele Einheiten nach anfänglichen Kämpfen kapituliert. Einige haben sich erst ergeben, als ihnen Munition und Nahrung ausgingen. Die Solarier haben sie interniert. Zu ihrer eigenen Sicherheit, wie es hieß.« Die letzten Worte wurden von Melanie in abfälligem Tonfall ausgesprochen. Jeder wusste, wie man eine solche Aussage zu bewerten hatte. »Andere Einheiten von Flotte und Bodenstreitkräften gingen in den Untergrund und verstecken sich. Die Solarier jagen alle immer noch bewaffneten Soldaten. Sie töten oder verhaften sie, wo immer die Kerle ihrer habhaft werden. Es gibt Gerüchte, dass es einige Verbände geschafft haben, das Gebiet des Königreichs zu verlassen, bevor die Grenzen dichtgemacht wurden. Sie verstecken sich anscheinend in den unbewohnten Sektoren jenseits des königlichen Raumes. Aber wie die Dinge stehen, haben wir keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren oder ernsthaften Widerstand zu formen.«