Die Templer im Schatten 2: Blutregen

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Kapitel 8

Die Sonne stand bereits fast im Zenit. Die Kolonne bestand aus zwei voll beladenen Fuhrwerken, einer Kutsche sowie zwei Dutzend bewaffneten Reitern.

Die Kolonne bewegte sich so schnell über die unwegsame Straße, wie es die Fuhrwerke zuließen. Die Soldaten wollten diesen Teil des Sherwood Forest raschestmöglich hinter sich bringen.

Der Anführer des Reitertrupps wurde von einem Pfeil aus dem Sattel gehoben. Es geschah derart plötzlich, dass ihm nicht einmal bewusst war, was ihn getroffen hatte. Der Soldat blieb im Gras liegen, der immer noch zitternde Schaft ragte aus seiner zerstörten rechten Augenhöhle.

»Formiert euch!«, schrie sein Stellvertreter. »Beschützt die Wagen!« Die Soldaten formierten sich in aller Eile um die Fuhrwerke sowie die Kutsche. Das Geräusch von Stahl, der blank gezogen wurde, erfüllte die Luft.

Weitere Pfeile gingen auf die Soldaten nieder. Männer schrien, Pferde wieherten. Die Soldaten wussten nicht länger, in welche Richtung sie sich wenden sollten. Sie waren umzingelt. Bereits über die Hälfte von ihnen lag am Boden und dabei hatten sie ihren Feind noch nicht einmal gesehen.

Mit einem Mal schien der Wald lebendig zu werden, als Dutzende grün gekleideter Krieger aus dem Unterholz traten. Jeder Zweite hatte einen Pfeil auf die Sehne seines Bogens gelegt. Die Übrigen waren mit einem Sammelsurium an Waffen bewehrt. Die Auswahl reichte von Schwertern bis hin zu Mistgabeln und schartigen Handäxten.

Die Soldaten des Sheriffs hielten inne. Mehr als einer von ihnen schielte in Richtung des Corporals, der sie nach dem Ableben des Sergeants nun anführte.

Dem Corporal standen dicke Schweißperlen auf der Stirn. Man merkte ihm deutlich an, dass es hinter seiner Stirn aufgeregt ratterte.

»Lasst mich Euch bei Eurer Entscheidung behilflich sein«, sprach ihn plötzlich eine unpassend heitere Stimme an. Sein Blick zuckte hoch. Über ihm auf einem Ast stand ein weiterer grün gekleideter Krieger, der ihn abschätzig musterte. »Ich weiß, was in Eurem Kopf vor sich geht«, fuhr der Krieger fort. »Ihr wollt die Wagen nicht kampflos übergeben und das ehrt Euch. Aber gleichzeitig ist Euch klar, dass die Männer unter Eurem Kommando und Ihr einen solchen Versuch nicht überleben würdet. Warum tut Ihr uns allen nicht einen Gefallen und legt die Waffen nieder? Dann muss heute niemand mehr verletzt werden.«

Der Corporal sah sich um. An seiner Mimik war deutlich abzulesen, dass er jetzt lieber ganz woanders gewesen wäre. Seine Schwertspitze senkte sich langsam gen Boden.

»Wehe, einer von euch denkt auch nur daran, sich zu ergeben!«, ging jäh eine herrische Stimme dazwischen.

Alle Augen richteten sich auf die Kutsche. Die Tür stand sperrangelweit offen und ein feister, kleiner Mann mit Hamsterbäckchen stand daneben. »Dies sind die Wagen des Prinzen auf einer Straße des Prinzen. Wer auch immer Ihr seid, Ihr werdet den Weg freigeben!«

Der Blick des Corporals schwenkte immer wieder zwischen dem Bogenschützen auf dem Baum und dem Steuereintreiber hin und her. Er schien mittlerweile eher fasziniert denn besorgt zu sein.

»Ich bitte untertänigst um Verzeihung«, entgegnete der Bogenschütze spöttisch. »Ich war so vermessen zu glauben, dies sei die Straße des Königs.«

Diese beinahe schon unverschämt hervorgebrachte Äußerung verschlug dem Steuereintreiber für einen Moment die Sprache. »Aus dem Weg, Bursche!«, hielt er den Bogenschützen erneut an.

Dieser sah sich vielsagend um. »Ich denke, Ihr seid Euch über die Lage nicht ganz im Klaren. Fragt Euren Corporal. Ihr seid zahlenmäßig unterlegen. Übergebt die Wagen. Sofort!« Die Stimme des Bogenschützen hatte indessen einen bedrohlichen Tonfall angenommen. Die Hand des Corporal verkrampfte sich um den Schwertgriff.

Der Steuereintreiber öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen. Doch ein Stab, der ihn direkt im Gesicht traf, kam ihm zuvor und kostete den Mann darüber hinaus drei Zähne. Diese landeten vor ihm im Morast der Straße.

Ein hünenhafter Baum von einem Mann baute sich neben dem gestürzten Steuereintreiber auf. Er stützte sich auf einen einfachen Kampfstab. »Noch Fragen?«, erkundigte sich der Wegelagerer beinahe freundlich.

Der Corporal sah sich noch ein letztes Mal um, schüttelte den Kopf und ließ das Schwert fallen. Nur Sekunden später folgten seine Männer dem Beispiel. Die Wegelagerer nahmen sich der Fuhrwerke an und steuerten diese gekonnt zwischen die Bäume, wo sie schon nach kurzer Zeit hinter einer Wand aus Ästen und Blättern verschwanden.

Der Steuereintreiber rappelte sich mühsam mit der Hilfe eines Soldaten wieder auf. »Davon wird Prinz John erfahren.«

Der Bogenschütze lächelte herablassend. »Das will ich doch schwer hoffen!«

»Wer seid Ihr?«, verlangte der immer noch geifernde Steuereintreiber zu erfahren. »Damit ich weiß, welcher Name auf Euren Grabstein eingraviert werden muss.«

»Ich bin Robin Hood«, entgegnete der Bogenschütze jovial, verbeugte sich galant und verschwand innerhalb eines Wimpernschlages zwischen den Bäumen.

Als Robin und seine Truppe ins Lager zurückkehrten, stand der Mond bereits hoch am Himmel. Christian war äußerst froh darüber. Vampire konnten sich zwar dick vermummt bei Tageslicht im Freien aufhalten, es war allerdings alles andere als angenehm und nicht ungefährlich. Ein freiliegender Körperteil, der dem Sonnenlicht ausgesetzt wurde, konnte sich böse Verbrennungen zuziehen. Daher zogen sie die Nacht dem Tag jederzeit vor. Christian bildete da keine Ausnahme.

Little John führte mit breitem Grinsen eines der Fuhrwerke ins Lager. Robin saß auf einer massiven hölzernen Truhe und winkte Christian aufgeregt näher.

Als der Tempelritter auf das Fuhrwerk zuging, erhob sich der Bogenschütze und hob den Deckel an. Christians Augenbrauen hoben sich beeindruckt. Die Truhe war bis zum Rand mit Münzen gefüllt.

Robin ließ den Deckel wieder fallen und setzte sich erneut darauf. »Und davon haben wir noch sechs weitere«, erklärte er nicht ohne Stolz.

Christian nickte. »Prinz John wird den Verlust spüren.«

»Ganz sicher sogar«, nickte Robin.

Christian fuhr mit seiner Hand langsam über das edle Holz. In den Rahmen der Truhe war etwas eingraviert. Es handelte sich um ein Symbol. Er war sich nicht sicher, aber es schien sich um einen Turm zu handeln, über dessen Spitze eine Art Gewitterwolke thronte. Etwas Vergleichbares hatte er noch nie gesehen. Aber über allem war wieder dieses seltsame krakelige B geritzt. Es war dasselbe Symbol, das auch das Handgelenk dieses Vampirritters geziert hatte – kurz bevor Christians Klinge ihn in Staub verwandelt hatte.

Der Vampirtempler sah auf. »Ich bin mir ganz sicher, dass wir Prinz Johns Kriegskasse geplündert haben. Er presst jede einzelne Münze aus seinem Volk. So etwas macht man nur, wenn man sich auf etwas Großes vorbereitet.«

»Oder um Bestechungsgelder zu erhalten«, hielt Alan-a-Dale dagegen. Der Barde zupfte an seiner Laute, während er sich zu den Kampfgefährten gesellte.

»Mag sein«, erwiderte Christian. »Vielleicht handelt es sich hierbei auch um eine Mischung aus beiden Gründen. Wie dem auch sei, wir haben dem Prinzen einen schweren Schlag versetzt.«

»Was machen wir jetzt mit dem Riesenbatzen Geld?«, wollte Little John immer noch grinsend wissen.

»Wir verstecken es an einem geheimen Ort«, antwortete Christian. Diese Antwort ließ das Grinsen auf Johns Gesicht etwas verblassen. Christian klopfte dem Hünen aufmunternd auf die Schulter. »Wir brauchen es schließlich. Mit diesem Geld werden wir Löwenherz freikaufen. Mit ihm an unserer Seite wird die Hoffnung endlich nach England zurückkehren.«

Robin lächelte. »Klingt nach einem Plan.«

Christian nickte. »Das war erst der Anfang. Ab morgen wird kein Steuereintreiber und kein Soldat, der unter Prinz Johns Kommando steht, den Sherwood Forest gefahrlos betreten können.« Der Vampirtempler verzog die Miene zu einem gehässigen Grinsen. »Ihr könnt mir glauben, meine Freunde. Sie werden diesen Wald gleichermaßen hassen und fürchten. Und das ist genau die Reaktion, die wir hervorrufen wollen.«

Kapitel 9

Der Corporal, der die Überreste der Eskorte zurück nach Nottingham geführt hatte, stand stocksteif im Raum. Er wagte es kaum zu atmen, geschweige denn auch nur einen Muskel zu rühren.

Neben ihm lag die Leiche des Steuereintreibers, die langsam ausblutete. Das immer noch warme Blut dampfte in der kühlen Luft, die in der Burg vorherrschte.

Der Sheriff von Nottingham ragte Unheil verheißend über ihm auf. Die gelben Augen musterten ihn bar jeden Mitleids. Mit einer lapidaren Handbewegung wischte sich der Sheriff die Reste des Blutes aus den Mundwinkeln. Seine Zunge zuckte kurz vor und leckte die immer noch blutigen Lippen sowie die Reißzähne sauber.

Nun zitterte der Corporal nahezu unkontrolliert. Die Augen des Sheriffs richteten sich auf dessen Halsschlagader. Diese pumpte ohne Unterlass das Blut durch die Venen. Sie pochte, als würde dem Soldaten jeden Augenblick das Herz durch den Hals aus dem Mund hüpfen.

Der Soldat öffnete den Mund, um etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen. Der Sheriff ließ es jedoch gar nicht erst dazu kommen. Sein Kopf zuckte mit unfassbarer Geschwindigkeit vor und die Eckzähne bohrten sich in das weiche Fleisch seines Opfers. Der Mann riss die Augen auf und stöhnte. Das war alles, was der Corporal noch an Reaktionen zeigen konnte, während der Sheriff das Leben aus ihm saugte. Zu guter Letzt, kurz bevor der Mann am Blutverlust sterben konnte, zerfetzte er mit einer entschlossenen Bewegung seines Kopfes Kehle und Adamsapfel des Mannes. Das Blut, das dabei seine Rüstung benetzte, ignorierte er großzügig. Er ließ den Soldaten los und dieser sackte neben der Leiche des Steuereintreibers zusammen.

 

Der Sheriff seufzte erleichtert und wischte sich den Mund ab. Er sah sich großspurig unter den versammelten Soldaten um, die das grausige Schauspiel mit Abscheu beobachteten. Bei etwa zwei Dritteln von ihnen handelte es sich um Blutsklaven. Der Rest war noch nicht eingebunden. Ein paar freie Menschen in ihren Diensten zu belassen, war zuweilen recht nützlich. Blutsklaven konnten leicht entdeckt werden. Sie erhielten eine Zeichnung am rechten Handgelenk, um jeden Vampir zu informieren, wem diese Menschen gehörten. Daher eigneten sich Freie am besten als Spione und Spitzel.

Leider war es von Zeit zu Zeit notwendig, ein Exempel zu statuieren, damit diese nie vergaßen, wo ihr Platz war. Der Sheriff deutete auf die beiden leblosen Körper. »Vergesst das nie! Ihr werdet eure Furcht vor dem Sherwood Forest verlieren – aber niemals eure Furcht vor mir!« Er maß jeden Anwesenden mit festem Blick. Nur die wenigsten wagten es, ihm in die Augen zu sehen.

Der Sheriff verzog angewidert die Miene und machte mit der rechten Hand eine kurze Bewegung. »Verschwindet!« Dieses eine Wort, ausgesprochen von dieser dunklen Präsenz, hatte beinahe etwas Erlösendes für die versammelten Offiziere und Soldaten. Als wären Fesseln durchschnitten oder Dämme gebrochen worden, strömten sie mit einem Mal dem Ausgang entgegen. Vor allem wollten sie dieser brutalen Zurschaustellung von Macht endlich entkommen.

Der Sheriff seufzte tief und ließ die Knöchel seiner Finger nacheinander knacken. Als er mit dem zehnten Finger fertig war, hatte er sich beinahe wieder beruhigt. Beinahe. Doch die Gedanken an die Gesetzlosigkeit im Sherwood Forest nagten an ihm. Es wäre seine Aufgabe gewesen, dies zu beenden. Dabei machte er sich keine großen Sorgen um die Reaktion des Prinzen. Mit dem fertigzuwerden, war ein Leichtes. Größere Bedenken hegte er wegen des Mannes, der hinter dem Prinzen die Fäden zog und den kleinen Emporkömmling wie ein meisterhafter Virtuose gemäß seinen Vorstellungen tanzen ließ. Der würde sehr viel schwieriger zu beschwichtigen sein.

Der Sheriff setzte sich in Bewegung. Langsam zuerst, aber mit abnehmender Distanz wurden seine Schritte schneller, entschlossener. Er hielt erst an, als er das Quartier Prinz Johns erreicht hatte. Es war unnatürlich still. Beim Prinzen war das immer ein schlechtes Zeichen. Insgeheim fragte er sich, was das kleine Frettchen jetzt wieder angestellt hatte.

Er hob die Hand, um anzuklopfen, entschied sich dann aber im letzten Moment anders und trat ohne Vorankündigung ein. Bereits als die Tür nur einen Spalt geöffnet war, umgarnte ihn der verführerische Duft von Blut. Gleich darauf mischte sich etwas anderes darunter: der Gestank von Pisse und Scheiße. Ekel erfüllte ihn. Der Sheriff stieß die Tür zur Gänze auf.

Prinz John wälzte sich mit zweien seiner vampirhaften Gespielinnen durch die Laken. Auf dem Boden vor dem Bett lagen die Überreste von drei menschlichen Spielzeugen. Allesamt Bauernmädchen und allesamt – zu Lebzeiten – recht hübsch. Das Gesicht eines jeden dieser armen Opfer war vor Angst verzerrt. Bevor sie gestorben waren, hatten sie sich vor Angst eingenässt und Schlimmeres. Die Körper waren unnatürlich verrenkt, als hätte ein wütendes Kind sie genommen und aus purem Frust und der Lust an der Zerstörung entzweigebrochen. Wie es schien, hatten der Prinz und seine Vampirschlampen ihren Spaß gehabt.

Der Blick des Sheriffs glitt zum Bett hinüber. Vielleicht war diese Einschätzung gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

Der Sheriff hatte selbst gerade erst getötet. Aber er tat es schnell, sauber. Ohne das Bedürfnis, das Leid seines Opfers mehr in die Länge zu ziehen als unbedingt nötig. Der Prinz spielte gern mit seinem Essen. Und das Ergebnis sah man hier.

Das kleine Frettchen grunzte vor Anstrengung wie ein Schwein, als es immer wieder in eine seiner Vampirschlampen stieß. Sein Gesicht war rot angelaufen und das war schon eine Kunst. Vampire neigten eher zur Blässe. Konnte der kleine Scheißer überhaupt noch peinlicher sein? Vermutlich nicht.

Der Sheriff hüstelte diskret. Die Aktivitäten auf dem Bett ließen nicht nach. Im Gegenteil hatte er sogar den Eindruck, der Prinz steuerte sich dem Höhepunkt entgegen. Der Sheriff lächelte gehässig. Genau der richtige Zeitpunkt, um sich wirklich bemerkbar zu machen.

Der Sheriff räusperte sich erneut, diesmal auf so eindringliche, übertrieben laute Weise, dass Prinz John erschrocken herumfuhr, und das mit solcher Wucht, dass sein eigener Schwung ihn aus dem Bett trug. Der Sheriff konnte den Prinzen zwar nicht sehen, wohl aber hörte er den Aufprall, als dieser auf dem Boden aufschlug.

Sein Lächeln wurde breiter. »Ich hoffe, ich störe nicht«, meinte er unschuldig.

Der Prinz rappelte sich peinlich berührt auf. »Wonach sieht es denn aus?«

»Dass ich den Damen vermutlich einen Gefallen getan habe«, gab der Sheriff süffisant zurück. Seine Mimik wurde ernst und er warf den beiden Frauen auf dem Bett einen einzelnen Blick zu, der keinerlei Spielraum für Interpretationen zuließ. »Raus!«, sagte er.

Prinz John zog seine Augenbrauen tief ins Gesicht. »Was erlaubt Ihr Euch? Ich bin noch nicht fertig.«

Das Lächeln des Sheriffs kehrte zurück, es entbehrte jedoch jeder Emotion. »Natürlich könnte ich Euch im Beisein der zwei Damen Bericht erstatten. Aber danach müsste ich sie umbringen.«

Die beiden Gespielinnen des Prinzen klaubten ihre auf dem Boden verteilten Gewänder zusammen und eilten Entschuldigungen murmelnd am Sheriff vorüber. Dieser widmete ihnen nicht einmal einen Blick.

Der Prinz beobachtete den Vorgang mit einigem Unmut, enthielt sich jedoch jeden Kommentars. Prinz John hatte hier zwar das Sagen – formal gesehen –, der Sheriff jedoch wurde gefürchtet. Das war ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Sogar der Prinz war sich dessen bewusst.

Bevor sich die Tür hinter den beiden Dirnen schloss, wandte der Sheriff den Kopf halb über die Schulter. »Und schickt in zehn Minuten jemanden, der hier aufräumt!« Die Tür fiel ins Schloss, aber er war sich sehr sicher, dass die beiden ihn gehört hatten.

Prinz John erhob sich vollends und versuchte das zusammenzukratzen, was von seiner Würde noch übrig war. »Nun? Was ist denn so dringend?«

»Es gab wieder einen Überfall«, erklärte der Sheriff ohne Umschweife. »Wir haben in beträchtlichem Umfang Vermögenswerte verloren. Außerdem musste ich ein Exempel statuieren, um die Disziplin zu wahren.«

Prinz John verzog die Miene. »Robin Hood?«

»Robin Hood«, bestätigte der Sheriff.

»Wolltet Ihr Euch dieser Plage nicht diskret annehmen?«

»Ich wollte, ich will und ich werde«, gab der Sheriff zurück. Er senkte nachdenklich den Kopf. »Aber die Angriffe sind neuerdings taktisch äußerst ausgeklügelt. Fast, als ob er Anweisungen befolgt. Von jemandem, der in der Kriegskunst sehr bewandert ist.«

Prinz John wurde hellhörig. »Seit wann ist das so?«

»Nicht lange. Ein paar Tage. Die Angriffe davor waren unkoordiniert. Wenig durchdacht. Des Weiteren gibt es Hinweise, dass Robin Hood bei einigen der ihm zugeschriebenen Überfälle nicht mal in der Nähe war. Aber die Angriffe der letzten zwei Tage haben uns extrem geschadet. Sowohl finanziell als auch in unserer Reputation. Das können wir unmöglich hinnehmen. Schwäche erzeugt Widerstand.«

Bevor Prinz John etwas erwidern konnte, klopfte es verhalten an der Tür. »Ja? Was ist denn?«, begehrte der Prinz herrisch auf.

Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit und ein verängstigter Diener streckte den Kopf herein. Ohne etwas zu sagen, übergab er dem Sheriff ein Stück Pergament und verschwand wieder.

Der Sheriff faltete es auseinander und las den Inhalt. Es handelte sich um eine einfache Anweisung. Er war kein Feigling. Aber bei dem, was da stand, lief auch ihm ein Schauder über den Rücken.

»Und?«, wollte der Prinz wissen, dem die plötzliche Änderung der Gemütsverfassung des Sheriffs nicht entgangen war.

Dieser sah auf. »Er will Euch sehen.«

Prinz John wich einen Schritt zurück. Er musste gar nicht fragen, wer mit er gemeint war. »Meint Ihr, er weiß es schon?«

Der Sheriff faltete das Stück Pergament wieder zusammen. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum er Euch sonst würde sehen wollen. Wie oft in der Vergangenheit, hat er Euch zu sich bestellt, nur um sich nach Eurem Wohlbefinden zu erkundigen?«

Prinz John entging völlig, dass es sich dabei lediglich um eine rhetorische Frage handelte. Er schüttelte fassungslos den Kopf. »Nicht einmal«, erwiderte er.

Der Sheriff rollte leicht genervt mit den Augen. Unter anderen Umständen hätte er die missliche Lage des kleinen Feiglings nur allzu gern genossen. Aber dafür war die Situation zu ernst. Wenn der Prinz in der Gunst ihres gemeinsamen Herrn fiel, dann bedeutete das Lebensgefahr für sie alle.

»Soll ich zu ihm gehen?«, bot sich der Sheriff an.

Die Dankbarkeit sprühte aus den Augen des Prinzen. Und noch etwas anderes: Verschlagenheit. Er hoffte, dass der Zorn ihres Herrn den Sheriff treffen und ihn selbst verschonen würde. »Ja, geht zu ihm. Erklärt ihm alles. Er wird es sicherlich verstehen.«

»Das können wir nur hoffen«, erwiderte der Sheriff, warf den Zettel mit der Nachricht achtlos in eine Ecke und stapfte aus dem Raum.

Er steuerte zielstrebig die nächste Treppe an, die in den größten Turm der Burg zu Nottingham führte. Währenddessen stieß er eine Vielzahl der verschiedensten Flüche aus. Auf seinem Weg begegneten ihm einige Diener mit einem kleinen Karren sowie einem Mob. Sie waren auf dem Weg zu den Räumlichkeiten des Prinzen, um die Sauerei dort zu beseitigen. Die Erinnerung daran hob auch nicht unbedingt seine Laune.

Die Treppe führte zu einer schmucklosen, gusseisernen Tür. Wobei schmucklos nicht ganz zutraf – die Tür war an den Rändern mit seltsamen Schriftzeichen sowie den Bildern längst vergangener Schlachten verziert. Unter anderen Umständen hätte sich der Sheriff sehr dafür interessiert. Aber nicht heute. Mit einem letzten entschlossenen Atemzug hob er die Hand und klopfte dreimal kräftig gegen das Metall. Das Klopfen hallte durch den düsteren Korridor und wurde als Echo zurückgeworfen.

»Kommt herein!«, forderte eine jovial klingende Stimme ihn auf.

Der Sheriff trat ein und fast völlige Dunkelheit umfing ihn. Jedes einzelne Fenster war abgedunkelt. Die Finsternis wurde nur von spärlich verteilten Kerzen unterbrochen.

Die vampirhafte Nachtsicht des Sheriffs setzte augenblicklich ein und er erkannte sofort, dass sich zwei Personen im Raum aufhielten. Der Mann, der hier etwas zu sagen hatte, trat in den Schein einer Kerze. Er war nur mit einem Handtuch bekleidet. Auf einem Gerüst an der Nordseite des Raumes hing eine edle Rüstung auf einem Gestänge. »Nach Euch habe ich nicht geschickt«, meinte er vorwurfsvoll.

Der Sheriff schluckte. »Prinz John lässt sich entschuldigen. Er fragt an, ob ich Euch unter Umständen dienlich sein kann.«

Der Ritter kicherte. »Natürlich tut er das.« Er wandte sich um. Der Sheriff folgte dessen Blick. Im Bett des Ritters lag Marian, das Mündel König Richards. Man musste kein Genie sein, um zu wissen, was die beiden gerade getrieben hatten. In diesem Fall jedoch unterließ es der Sheriff tunlichst, irgendeine Art von Kommentar abzugeben. Der Ritter hätte keine Respektlosigkeit gegenüber der edlen Dame Marian geduldet. Infolge eines solchen Affronts hätte der Sheriff seinen Kopf verloren und wäre anschließend zu Staub zerfallen. Das war etwas, das er gern vermeiden würde.

»Was meinst du dazu, meine Liebe?«, fragte der Ritter die Dame in seinem Bett. »Meinst du, der Sheriff kann uns Auskunft darüber geben, warum seine gut trainierten Elitetruppen von einigen Gesetzlosen regelmäßig vorgeführt werden?« Die Stimme des Mannes gewann mit jedem Wort an Schärfe. Der Sheriff wagte nicht einmal zu atmen. Er fürchtete, jeder Atemzug könne sein letzter sein.

Lady Marian lag auf der Seite und stützte ihren Kopf mit der linken Hand. Sie musterte den Sheriff mit funkelnden Augen. Sie erkannte, wie unwohl er sich in dieser Situation fühlte – und es amüsierte sie.

Sie erhob sich aus den Laken und kümmerte sich keinen Deut um ihre Blöße. Mit wiegenden Brüsten schlenderte sie auf den Ritter zu. Sie presste ihren Körper gegen seinen Rücken und schlang ihre Hände von hinten um seine Hüften.

Falls überhaupt möglich fühlte sich der Sheriff mit einem Mal noch um ein Vielfaches unwohler. Er wandte den Blick ab. Der Ritter lachte leise.

 

»Ich denke nicht, dass es des Sheriffs Schuld ist«, säuselte sie zuckersüß.

»Ach! Ist das so?«

Marian nickte. »Robin ist das eigentliche Problem. Beseitige den Schäfer und die Herde wird sich zerstreuen.«

Der Ritter schnaubte. »Du sagst das, als wäre ihn zu töten das Einfachste der Welt. Aber an Versuchen hat es nicht gemangelt.« Der funkelnde Blick des Ritters richtete sich auf den Sheriff. »Habe ich nicht recht?«

Der Sheriff von Nottingham nickte steif.

Die Dame Marian betrachtete den Ritter in ihren Armen mit unübersehbarer Bewunderung. Ihre Hände gingen ungeniert auf Wanderung. Mit einem Mal begann sie zu sprechen. Ihre Stimme hatte diesen unerhört melodischen Klang. Der Sheriff verstand nur zu gut, wie ihr die Männer reihenweise verfallen konnten.

»Robin ist nicht mehr als ein Junge. Er wird auch nie mehr sein. Er wird getrieben vom kindischen Wunsch, seine Liebsten zu retten. Seinen Freund Will Scarlet, seinen Vater … mich.«

»Und was willst du uns damit sagen?«, wollte der Ritter wissen.

Sie zwinkerte schelmisch. »Wirf ihm einen Knochen hin und er wird instinktiv danach schnappen. Lass durchsickern, dass Will Scarlett noch lebt und als Gefangener von Locksley Castle verlegt wird.«

Der Sheriff hätte am liebsten den Mund gehalten. Aber seine Pflicht nötigte ihn dazu, auf die Schwachstelle des Plans hinzuweisen: »Ist das nicht ein bisschen zu offensichtlich? Er wird die Falle wittern und einfach nicht kommen.«

»Doch. Er wird.« Marian lachte erneut. »Er kann nicht anders als kommen, sobald er hört, dass ich ebenfalls dabei sein werde.« Sie wirkte tatsächlich sehr amüsiert, bei der Vorstellung, ihrem ehemaligen Verlobten, eine solche Falle zu stellen. »Wie ich sagte: ein Hund, der nach einem Knochen schnappt.«

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