Die Templer im Schatten 2: Blutregen

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Die Templer im Schatten 2: Blutregen
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Inhalt

  Prolog

  Kapitel 1

  Kapitel 2

  Kapitel 3

  Kapitel 4

  Kapitel 5

  Kapitel 6

  Kapitel 7

  Kapitel 8

  Kapitel 9

  Kapitel 10

  Kapitel 11

  Kapitel 12

  Kapitel 13

  Kapitel 14

  Kapitel 15

  Kapitel 16

  Kapitel 17

  Kapitel 18

  Kapitel 19

  Kapitel 20

  Kapitel 21

  Kapitel 22

  Kapitel 23

  Kapitel 24

  Kapitel 25

  Kapitel 26

  Kapitel 27

  Kapitel 28

  Epilog

  Weitere Atlantis-Titel



Eine Veröffentlichung des

Atlantis-Verlages, Stolberg

Januar 2021


Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin


Titelbild: Mark Freier

Umschlaggestaltung: Timo Kümmel

Lektorat und Satz: André Piotrowski


ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-747-5

ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-764-2


Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich.


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Prolog

Robin von Locksley, der Sohn des Earls of Huntington, kämpfte sich über die unwegsame Straße voran. Seine Beine schmerzten, seine Muskeln schmerzten, seine Hände schmerzten. Wenn er es recht bedachte, dann schmerzte eigentlich alles an ihm. Selbst Körperteile, von deren Existenz er bis dato nichts geahnt hatte.

Sein Freund und Weggefährte, Will Scarlet, kramte eine alte Wasserflasche heraus und nahm einen tiefen Schluck. Robin hielt inne und klopfte sich den Staub der Straße von seinem Hemd und seinem Beinkleid. Dass der Weg zu seiner Heimstatt derart beschwerlich und vor allem dreckig war, daran konnte er sich gar nicht erinnern. Vielleicht hatten die Jahre in der Fremde auch einfach seine Erinnerung oder – noch schlimmer – seine Wahrnehmung getrübt.

Will setzte die Flasche ab und bot sie seinem Freund an, der sie mit einer lapidaren Handbewegung ablehnte. Will trat näher und verstaute die Flasche erneut in seinen wenigen Habseligkeiten.

Robin zupfte seinen über die Schulter geworfenen Bogen zurecht und musterte den langjährigen Freund, der an seiner Seite stand. Der Mann hieß nicht wirklich Scarlet. Der Name war an ihm durch seinen Kleidungsstil hängen geblieben. Er bestand darauf, ständig dieses rote Hemd, die roten Hosen und den dazu passenden Umhang zu tragen. All das tat beim Betrachten schon fast in den Augen weh. Dennoch blieb Will bei der felsenfesten Überzeugung, er sähe damit unwiderstehlich für die Frauenwelt aus. Seine Erfolge beim anderen Geschlecht blieben dabei aber eher überschaubar.

»Wir hätten doch in der Schenke einkehren sollen«, murrte Will zum wiederholten Male. »Dort könnten wir uns jetzt ein Bad und etwas zu essen leisten.« Er rümpfte die Nase. »Ersteres wäre nicht zu deinem Nachteil, mein Freund.«

Robin schnaubte. »Das musst du gerade sagen. Du duftest auch nicht unbedingt nach Rosen.« Sein Blick hob sich. Die Sonne stand im Begriff, über den Horizont zu sinken. Er schätzte, sie hatten höchstens noch zwei Stunden Tageslicht zur Verfügung. »Außerdem sind wir bald da. Es ist hinter dieser Anhöhe. Dann bekommst du dein Bad und kannst dir den Wanst vollschlagen.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, meinte Will immer noch mürrisch und setzte schleppend einen Fuß vor den anderen.

Robin schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter und verfiel neben Will unbewusst in Gleichschritt. Die beiden hatten sich vor mehreren Jahren zu Beginn des sogenannten Dritten Kreuzzuges kennengelernt. Mit diesem hatte Richard Löwenherz, König von England, das Heilige Land von den Sarazenen unter ihrem König Salah ad-Din zurückerobern wollen. Fast zehn Jahre Krieg waren die Folge, aber zu mehr als einem Patt und einem darauffolgenden unsicheren Waffenstillstand hatte es nicht gereicht. Gerüchten zufolge bröckelte auch Salah ad-Dins Rückhalt bei den eigenen Leuten aufgrund der Tatsache, dass er die Kreuzritter nicht hatte besiegen können.

Das half den christlichen Armeen im Heiligen Land nur bedingt. Die Kreuzfahrerstaaten hielten immer noch bedeutende Ländereien auf der anderen Seite des Mittelmeeres. Jerusalem befand sich jedoch weiterhin fest in Salah ad-Dins Hand. Dies hatte König Richards Mythos der Unbesiegbarkeit starken Schaden zugefügt.

Die beiden Freunde erklommen die letzte Anhöhe und verharrten schlagartig. Vor ihnen breitete sich Locksley Castle aus, die Heimstatt der Earls von Huntington seit Generationen – und Robins Geburtsort.

Es gab mit Sicherheit größere Schlösser oder imposantere Burgen in England. Für Robin gab es aber keinen schöneren Anblick. Er war zu Hause. Endlich wieder zu Hause.

Die Aussicht, die nächste Nacht im heimischen Bett zu schlafen, beflügelte Robins Schritte. Sie benötigten lediglich eine halbe Stunde, um den Schlossgraben mit der Zugbrücke zu erreichen. Die Brücke war herabgelassen, das Fallgitter hochgezogen. Das Tor stand sperrangelweit offen.

Robin wurde merklich langsamer. Er sah sich aufmerksam um. Die Jahre des Krieges hatten seine Sinne geschult. Er hatte einen sechsten Sinn erworben, der ihn vor Gefahr warnte. Nun läuteten sämtliche Glocken in seinem Kopf Sturm.

Will warf ihm einen vorsichtigen Blick zu. »Alles in Ordnung?«

Robin antwortete zunächst nicht. Er bemerkte Bewegung im Zwinger. Dort standen Soldaten mit Hellebarden auf Posten. Sie hielten sich bewusst im Schatten, wie ihm auffiel. Robin schlenderte näher und überquerte die Zugbrücke. Er musste sich anstrengen, um die Gesichter der Männer im Dunkeln genau zu betrachten. Er kannte keinen von ihnen. Die Wachen und Soldaten seiner Kindheit waren nicht zugegen. Wenigstens einige von ihnen hätten hier weiterhin ihren Dienst versehen müssen. Die Soldaten trugen das Wappen der Familie Locksley, damit endete aber auch schon jede Ähnlichkeit mit den Wachen, an die er sich so lebhaft erinnerte.

Will rümpfte die Nase. »Puh, was für ein Gestank!«

Robin stutzte. Will hatte recht. Ihm selbst fiel es erst jetzt auf. Je näher er kam, desto muffiger roch die Luft. Fast als würde hier etwas verwesen. Erinnerungen zuckten durch seinen Geist. Gedankliche Fetzen furchtbarer Schlachten, die er geholfen hatte, gegen die Untoten auszufechten. Dieser Gestank erinnerte ihn daran. Es roch wie in einem Vampirnest. Er packte die Bogensaite fester, mit der er den Bogen über seine Schulter geworfen hatte.

Robin betrachtete die Wachposten mit neuen Augen. Sie hielten sich immer noch bewusst in den Schatten. Ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit aber nicht gelb. Es handelte sich zweifellos um Menschen. Das hieß aber nicht, dass hier keine Gefahr drohte.

Sie erreichten den Innenhof. Er wirkte wie ausgestorben. Schlimmer noch, er wirkte ungepflegt. Dreck, Pferdemist und Unrat lagen achtlos herum. Hier hatte seit Langem niemand mehr gefegt oder aufgeräumt.

 

Die Sonne sank langsam über den Horizont und tauchte den gesamten Hof in Finsternis. In diesem Augenblick erkannte Robin, welch großen Fehler er begangen hatte.

Kaum war der letzte Sonnenstrahl verglüht, schlenderte eine Gestalt aus dem Haupthaus betont gelassen auf sie zu. Es handelte sich um einen schlanken, fast schon hageren Mann. Dieser blieb in etwa fünf Meter Entfernung stehen.

»Master Robin«, begrüßte er ihn.

Robin richtete sich auf und kniff die Augen zusammen. »Alexander?«

Der Mann verneigte sich steif. »Es ist schön, Euch wiederzusehen.«

»Robin?«, mischte sich Will ein. »Wer ist der Kerl?«

»Das … das ist Alexander, der Haushofmeister meines Vaters.« Robin trat einen Schritt auf sein Gegenüber zu. »Alexander? Was geht hier vor? Wo ist mein Vater?«

Alexander kicherte heiser. »Euer Vater ist … nicht zugegen. Er ist dieser Tage nicht mehr anzutreffen auf Locksley Castle. Dieses Schloss gehört jetzt … mir

Bei der Art und Weise, wie der ehemalige Haushofmeister das letzte Wort betonte, lief ein eiskalter Schauder über Robins Rücken. »Wo ist mein Vater?«, wiederholte er, diesmal drängender.

Alexander blieb betont freundlich. »Wie ich schon sagte. Er ist nicht hier.«

»Das genügt mir als Antwort nicht.«

»Es wird Euch genügen müssen. Die Zeiten, in denen ich mir von Euch verzogenem Balg etwas habe befehlen lassen, sind lange vorbei.«

In diesem Augenblick hörte Robin das Fallgitter hinter sich auf den Boden scheppern. Er wirbelte herum. Ein Dutzend Wachposten stand nun zwischen ihnen und dem ohnehin fest verschlossenen Gitter.

Robin spürte Angst in sich aufsteigen. Er verdrängte die Emotion tief in seine Eingeweide. Angst würde ihm hier nicht hinaushelfen. Eine Ahnung überkam ihn, womit er es zu tun hatte. Die Hand des Bogenschützen tastete nach dem Beutel an seiner Hüfte. Er öffnete ihn und griff hinein. Seine Finger ertasteten einen hölzernen Gegenstand.

»Du begehst einen großen Fehler, Alexander.« Er wechselte einen schnellen Blick mit Will Scarlet. Dieser hatte keine Ahnung, worum es hier ging. Er erkannte jedoch Todesgefahr, wenn sie ihm ins Gesicht blickte. Sein Schwert fuhr zischend aus der Scheide.

»Ist das so?«, meinte Alexander. Der ehemalige Haushofmeister hob den Kopf und sah Robin erstmals direkt in die Augen. Seine Pupillen leuchteten gelb. Der Vampir öffnete den Mund zu einem bösartigen Grinsen und offenbarte die langen spitzen Reißzähne, zu denen seine Eckzähne verkommen waren.

Robin wich einen Schritt zurück. »Auf meinen Reisen habe ich gegen Schlimmeres als dich gekämpft.«

Der Vampir kicherte erneut. »Es gibt nichts Schlimmeres als mich«, prahlte dieser vergnügt. Alexander bewegte sich von einer Sekunde zur anderen mit unfassbar anmutender Geschwindigkeit. Eben noch stand er Robin und Will ganz entspannt gegenüber, in der nächsten Sekunde hatte er auch schon fast den kompletten Weg zu Robin überbrückt, die Hände wie tödliche Krallen vor sich ausgestreckt, bereit, seine Beute zu zerfetzen, um an ihr Blut zu kommen.

Aber Robin war kein Prahlhans. Und seine Worte entsprachen der Wahrheit. Er hatte auf seinen Reisen an der Seite der Templer im Schatten gegen Vampire unter Frederick DiSalvatino gekämpft. Er wusste ganz genau, womit er es zu tun hatte. Und er wusste ganz genau, worauf er zu achten hatte. Aber vor allem, wusste er ganz genau, wie er einer solchen Gefahr zu begegnen hatte.

Robin hatte die subtilen Hinweise auf einen bevorstehenden Angriff erkannt – und war vorbereitet. Noch in derselben Sekunde, in der sich Alexander bewegte, riss Robin das Holzstück mit der eingeritzten Rune heraus.

Die Rune begann bei der bloßen Gegenwart eines Vampirs in heiligem Licht zu glühen. Alexander wich angstvoll zurück und verbarg sein Antlitz vor dieser unerwarteten Waffe. Er fauchte Robin zornig an.

»Das wird Euch nichts nützen, Master Robin.«

Robin fragte sich, warum der Kerl ihn immer noch mit Master ansprach. Vielleicht war es einfach die Art des Vampirs, ihn zu verhöhnen. Er ließ sich nicht ablenken und achtete peinlich genau darauf, die Rune ständig in Alexanders Richtung zu halten.

»Und wieso nicht?«, erwiderte er trotzdem.

»Sieh dich mal um, Junge«, forderte Alexander ihn auf. »Meine Wachen sind keine Vampire. Deine kleinen Zaubertricks besitzen keinerlei Einfluss auf sie. Es sind meine Blutsklaven. Gebunden an mich durch die freiwillige Einnahme meines Lebenssaftes.«

»Freiwillig wohl kaum«, knurrte Robin. »Was hast du ihnen angetan? Hast du gedroht, ihre Familien auszusaugen?«

»Und wenn schon!«, gab der Vampir freimütig zu. »Mein Blut haben sie freiwillig getrunken. Es gibt keinen Vertrag ohne eine kleine Hintertür.« Der Vampir kicherte abermals. Es war ein heiserer Laut, der an den Nerven zehrte. Plötzlich verstummte Alexander.

»Tötet sie!«, stieß er mit einem Mal aus.

Robin fluchte. Ihre Zeit lief ab. Er sah sich über die Schulter hektisch um. Die Wachen kamen drohend näher. Aus den angrenzenden Gebäuden kamen weitere.

»Will!«, fuhr er seinen Freund an. »Der Wehrgang. Hoch mit dir! Das ist unsere einzige Chance.«

Will Scarlet zögerte für einen Moment, drehte sich dann um und rannte die Treppe zum Wehrgang hoch, so schnell seine Beine ihn trugen. Robin folgte ihm bedeutend langsamer. Er achtete darauf, die Rune immer in Richtung seines blutsaugenden Gegners zu halten. Dieser rührte sich kaum von der Stelle. Robin war sich nicht sicher, ob dies aus Respekt vor dem magischen Artefakt der Fall war oder ob der Vampir einfach nur der Meinung war, sich nicht anstrengen zu müssen angesichts der Übermacht, die den beiden Kreuzfahrern gegenüberstand.

Robin hörte hinter sich das Klirren von Stahl auf Stahl. Will befand sich bereits im tödlichen Kampf mit den Wachen Alexanders. Er nahm die Rune in die linke Hand und zerrte mit der rechten das Schwert aus der Scheide.

Die Blutsklaven näherten sich vorsichtig und dennoch siegesgewiss. Sie wussten, es gab keinen Ausweg. Jedenfalls keinen, den einer von ihnen genommen hätte. Robin hatte einen Plan. Dies hier war sein Zuhause und er kannte es besser als die meisten. Ein Blutsklave schwang seine Hellebarde gegen Robins Kopf. Dieser wich seitlich aus, lenkte die gefährliche Waffe ab und führte eine Riposte, die dem Blutsklaven die Kehle öffnete. Die Augen des Mannes wurden groß, er ließ seine Waffe fallen und griff sich mit beiden Händen an den Hals. Zwischen seinen Fingern strömte der rote Lebenssaft aus seinem Körper. Er ächzte und stolperte rückwärts die Stufen hinab.

Ein weiterer Gegner griff Robin an, diesmal mit einem Schwert. Robin parierte auch diesen Hieb und trieb seinen Kontrahenten mit mehreren weit ausholenden Schwingern zurück. Robin war kein besonders versierter Schwertkämpfer, dennoch besaß er genügend Können, um den Blutsklaven auf Abstand zu halten.

Schwer atmend, erreichte er die letzte Stufe vor dem Wehrgang. Er stieß mit der Ferse gegen einen am Boden liegenden Körper. Im ersten Moment befürchtete Robin, es könne sich um Will handeln. Dann allerdings dröhnte erneut das klirrende Geräusch aufeinanderschlagender Schwerter durch die Luft.

Die Blutsklaven kamen langsam und drohend näher. Robin wagte es nicht, sich umzudrehen. Er durfte seine Gegner nicht aus den Augen lassen.

»Will?«, rief er über die Schulter.

»Ich bin noch hier«, hörte er seinen schwer atmenden Freund antworten.

»Spring!«, brüllte Robin. Für einen Moment zögerten sowohl Blutsklaven als auch Will Scarlet.

»Ist das dein Ernst?«, antwortete dieser verblüfft.

»Das ist unsere einzige Chance. Der Burggraben ist an dieser Stelle tief genug. Spring! Sofort!«

Er hörte, wie sein Freund einen wüsten Fluch ausstieß. Er wandte sich halb um und sah, wie Will auf eine der Zinnen sprang, bereit, sich in die Tiefe zu stürzen. Diese eine Sekunde der Unachtsamkeit nutzten zwei der Blutsklaven gnadenlos aus. Sie sprangen vor, packten ihn und zogen ihn von den Zinnen fort. Ein dritter entwand ihm das Schwert und schlug Will mit dem Knauf seiner eigenen Klinge auf die Stirn.

Die Bewegungen von Robins Freund erlahmten von einem Moment zum anderen. Aus einer Platzwunde zog sich ein schmaler Blutstrom über die Nasenwurzel bis hinunter zum Kinn. Selbst auf diese Entfernung erkannte Robin, dass Wills Augen glasig wurden. Der Mann kämpfte offenbar darum, bei Bewusstsein zu bleiben.

Robin warf alle Vorsicht über Bord und wirbelte mit erhobener Klinge um die eigene Achse, damit er seinem Freund und Waffenbruder beistehen konnte. Er spürte gleichzeitig, wie die Blutsklaven die Schlinge enger zogen. Der Bogenschütze eilte auf die Sklaven zu, die Will in ihrem eisernen Griff gefangen hielten.

Robin hatte sie beinahe erreicht. Just in diesem Augenblick wurden Wills Augen für den Bruchteil einer Sekunde wieder ganz klar. Der Krieger funkelte Robin an und schüttelte andeutungsweise den Kopf. Gleichzeitig holte er mit einem Fuß aus und versetzte Robin einen derart wuchtigen Tritt, dass dieser über die Brüstung des Wehrgangs und in die Tiefe geschleudert wurde.

Der Fall konnte nicht länger als ein paar Sekunden gedauert haben. Für Robin fühlte es sich aber nach einer Ewigkeit ein. Endlich traf er auf das brackige Schmutzwasser, mit dem der Graben gefüllt war. Die Wassermassen schlugen über ihm zusammen und Robin versank in Dunkelheit. Um ein Haar hätte ihm der Aufprall die Besinnung geraubt. Dann jedoch übernahmen seine Überlebensinstinkte und er begann, seine Arme und Beine zu bewegen. Wild strampelnd durchbrach er die Oberfläche.

Er schwamm mit schnellen Bewegungen an Land. Rings um seine Position schlugen Armbrustbolzen und Pfeile ins Wasser und in den schlammigen Boden am Ufer ein. Robin zog sich auf trockenes Terrain, stemmte sich in die Höhe und rannte einfach nur davon, so schnell es ihm möglich war.

Hinter sich hörte er, wie das Fallgitter hochgezogen wurde. Sie nahmen die Verfolgung auf – wenn sie auch nur entfernt ihren Sold wert waren, dann mit Pferden und Hunden.

Etwas traf ihn in den rechten Oberschenkel. Robin schrie auf und knickte ein. Sein Blick zuckte nach unten. In seinem Bein steckte ein Pfeil. Das Geschoss hatte sein Fleisch glatt durchschlagen. Die Spitze ragte vorne aus dem Oberschenkel heraus.

Robin biss mit dem Mut der Verzweiflung die Zähne zusammen und brach erst die Spitze ab, bevor er den Schaft nach hinten wegzog. Die Schmerzen waren beinahe mehr, als er auszuhalten imstande war. Angewidert warf er den Pfeil davon. Er humpelte den letzten Rest bis zur Baumgrenze. Dort hielt er kurz an, riss sich einen Stoffstreifen aus dem Hemd und band die Wunde notdürftig ab. Es war nicht viel, aber alles, was er im Moment tun konnte.

Robin hielt nach den Verfolgern Ausschau. Ein kleiner Trupp überwand gerade die Zugbrücke. Robins Blick glitt nach oben. Auf dem Wehrgang stand Alexander. Hinter ihm hielten seine Blutsklaven den halb bewusstlosen Will Scarlet fest im Griff.

Robin hielt sich verborgen und dennoch überkam ihn das unangenehme Gefühl, Alexander könne ihn ganz genau sehen.

»Willkommen zu Hause, Master Robin!«, hallte die Stimme des ehemaligen Haushofmeisters spöttisch zu ihm herüber.

Robin presste seine Kiefer so fest aufeinander, dass seine Zähne anfingen zu schmerzen. Ihm war jedoch klar, dass er hier und heute keinen Sieg erringen konnte. Ein Sieg mochte bereits darin bestehen, mit dem Leben davonzukommen. Er hörte aus der Ferne das Bellen der Jagdhunde.

Robin wandte sich um und stahl sich aus seinem eigenen Zuhause davon wie ein Dieb in der Nacht. Die Wunde würde es schwierig machen, den Hunden zu entgehen. Diese Gegend allerdings kannte niemand so gut wie er. Und er würde es schaffen. Er würde seine Heimstatt von diesem Vampirabschaum befreien und Will retten, schwor er sich. Und er würde herausfinden, was mit seinem Vater geschehen war. Sollte Alexander oder ein anderer diesem etwas zuleide getan haben, dann würden sie sich wünschen, sie hätten Robin in dieser Nacht umgebracht. Aber ein solch gewagtes Vorhaben konnte er nicht allein bewältigen. Er brauchte Hilfe, ging es ihm unwillkürlich durch den Kopf, während er durch den Wald hetzte, um Alexanders Häscher zu entkommen. Und es gab nur einen Mann, an den er sich mit diesem Anliegen wenden konnte.

Im Schloss zu Nottingham erwachte der Sheriff aus unruhigem Schlaf. In seinem Quartier war es stockdunkel und dennoch konnte er so gut sehen wie ein Mensch bei hellem Tageslicht.

 

Der Sheriff erhob sich geschmeidig, zog seine Rüstung über und öffnete die Tür. Die Wachen auf dem Korridor standen unwillkürlich stramm. Der Sheriff beachtete sie nicht. Er eilte geschwind durch das verwirrende Labyrinth völlig identisch wirkender Korridore. Seinem Zeitgefühl nach war es bereits nach Mittag. Alle Fenster waren mit Brettern verrammelt, sodass er sich schnell durch das Schloss bewegen konnte.

Er hielt erst an, als er vor einer prunkvoll geschmückten Tür ankam, vor der ein Dutzend Ritter Wache schoben. Einer von ihnen nahm bei der Ankunft des Sheriffs den Helm ab. Die gelben Augen des Ritters funkelten bösartig in der Dunkelheit. Der Vampir grinste und entblößte dabei seine messerscharfen Eckzähne.

»Er ist beschäftigt«, beschied dieser. »Kommt später wieder.«

»Geht nicht«, wehrte der Sheriff ab. »Es ist wichtig.« Ohne den Ritter weiter zu beachten, schob sich der Sheriff an diesem vorbei und hämmerte mit der Faust gegen die Tür.

Der Ritter packte ihn an der Schulter und wirbelte den Sheriff auf dem Absatz herum. »Wer zum Teufel glaubt Ihr, dass Ihr seid?«, giftete er den Sheriff an.

»Die rechte Hand des Prinzen«, gab der Sheriff unbeeindruckt zurück. Der Ritter würde ihm nichts tun. Das wussten sie beide. Sein Auftreten war bloßes Imponiergehabe und für derlei Spielchen hatte der Sheriff im Moment weder Zeit noch Geduld.

»Und du weißt sehr gut, wer hier auf Nottingham wirklich das Sagen hat. Willst du wirklich, dass ich ihn jetzt behellige?«

Der Vampirritter war schon von Natur aus kreidebleich, schien bei dieser unverhohlenen Drohung aber noch ein bisschen mehr die Farbe zu verlieren. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. In diesem Moment ging die Tür auf und ein etwas untersetzter Mann mit schütterem Haar stand nur mit einem Mantel bekleidet vor ihnen.

»Was soll denn dieser Radau?«

Der Ritter richtete sich schlagartig auf. »Verzeihung, Euer Hoheit, aber dieser … dieser Kerl hier verlangt Euch zu sprechen.«

Prinz John, Regent des Königreichs, musterte erst den Ritter abfällig und anschließend den Sheriff. Sein Blick zuckte zurück in Richtung des Ritters. »Und warum wird er dann aufgehalten?«

Der Ritter wollte etwas erwidern, besann sich jedoch eines Besseren, als ihm klar wurde, dass ihn ohnehin keine Antwort vor einer Schelte bewahren konnte. Stattdessen schluckte er schwer.

»Ich nehme an, es ist wichtig«, wollte John vom Sheriff wissen. Dieser nickte lediglich. Prinz John trat zur Seite und der Sheriff schritt durch die Tür. John musterte den Ritter noch einmal mit funkelnden Augen, die in naher Zukunft noch eine Bestrafung versprachen, und schloss anschließend die Tür.

Der Sheriff rümpfte leicht die Nase, achtete aber darauf, dass der Prinz davon nichts mitbekam. In Prinz Johns Quartier roch es nach Opium. Und zwar so stark, dass selbst der kurze Aufenthalt reichte, um dem Sheriff die Sinne zu benebeln. Er riss sich zusammen und konzentrierte sich auf den Prinzen, der zu seinem Bett zurückging und ohne Scham den Mantel ablegte. Darunter trug er nichts.

Der Sheriff wandte sich unbehaglich ab und starrte stattdessen die Wand hinter dem Bett an. Auf dem Bett des Prinzen rekelten sich vier Frauen. Zwei von ihnen hatten gelbe Augen und unterhielten sich kichernd. Die beiden anderen waren Menschen und der Sheriff war sich nicht sicher, ob sie das Bett mit dem Prinzen und seinen zwei Gespielinnen freiwillig teilten. Die beiden warfen sich immer wieder ängstliche Blicke zu.

Einer der weiblichen Vampire fasste einer der Frauen ins Haar, zog ihren Kopf zu sich herüber und gab ihr einen langen, leidenschaftlichen Kuss.

Der Sheriff empfand beinahe Mitleid mit den beiden Menschenfrauen. Er bezweifelte, dass ihr Überleben Teil der Pläne des Prinzen war. Seine zwei Gespielinnen und er würden sich mit den Frauen vergnügen, und sobald sie ihrer überdrüssig waren, würden sie ihnen das Leben entreißen und sich an deren Blut ergötzen.

Der Sheriff war ebenfalls Vampir. Natürlich. Es gab niemanden von Rang oder Einfluss am Hof von Nottingham mehr, der kein Vampir war. Aber der Sheriff hatte dennoch einen Sinn für Ehre. Und er hielt nichts davon, mit seinem Essen zu spielen.

Als er noch ein Kind – und ein Mensch – gewesen war, hatte sein Vater ihn oft mit auf die Jagd genommen. Und einer der wesentlichen Grundsätze, die er seinen Sohn gelehrt hatte, war: »Lass deine Beute niemals leiden.« Nach diesem Grundsatz lebte er immer noch.

Prinz John legte sich zwischen seine vier Gespielinnen und spielte ungeniert mit den Brüsten eines der Vampirmädchen. Diese kicherte wie ein kleines Dummchen und tat so, als würde es ihr gefallen. Dem Sheriff fiel aber auf, dass sie in Richtung ihrer Freundin entnervt die Augen verdrehte, sobald sie sich unbeobachtet fühlte.

Der Prinz hielt in seinem Tun inne, um dem Sheriff einen auffordernden Blick zuzuwerfen. »Nun? Was gibt es denn so Dringendes, dass du mein Hobby unterbrichst?«

Der Sheriff räusperte sich. »Robin von Locksley ist zurückgekehrt.«

Prinz John saß von einer Sekunde zur nächsten aufrecht im Bett. »Ist das sicher? Woher weißt du das?«

Der Sheriff tippte sich mit dem Zeigefinger vielsagend gegen die Stirn. Prinz John verstand augenblicklich. »Alexander?«, meinte er.

Der Sheriff nickte. Alle Vampire einer Gemeinschaft waren geistig verbunden und in der Lage, sich über weite Entfernungen Nachrichten zu schicken. Alexander hatte ihn mittels der geistigen Verbindung von der Rückkehr des Locksley-Erben unterrichtet.

Prinz John stand auf und ging nervös auf und ab, bevor er erneut den Sheriff musterte. Dieser strengte sich weiterhin an, die praktisch vor seinen Augen baumelnde Blöße des Prinzen zu ignorieren.

»Haben wir ein Problem?«

Der Sheriff runzelte die Stirn. »Herr?«

»Ihr habt mich schon verstanden. Haben wir ein Problem?«

Der Sheriff hob stolz den Kopf. »Es gibt kein Problem. Er ist nur ein einzelner Mann. Und soweit ich mich erinnere, ist er lediglich ein kindischer Emporkömmling ohne Sinn für Verantwortung und Ehre. Der Junge ist für uns nur von untergeordnetem Interesse.«

Der Prinz überlegte angestrengt. »Ich hoffe, Ihr habt recht«, gab er schließlich zurück. »Findet ihn und bringt ihn zur Strecke. Ich will nicht, dass unsere Pläne gestört werden. Verwandelt ihn, wenn es möglich ist. Und falls es das nicht ist … bringt ihn unter die Erde. Beides soll mir recht sein.«

Der Sheriff nickte. Die Befehle waren an Eindeutigkeit nicht zu überbieten.

Der Prinz zögerte. Er wandte sich erneut dem Sheriff zu und dieser bemerkte, wie der Adamsapfel des Adligen hüpfte. »Weiß er es schon?«

Der Sheriff stand unwillkürlich strammer als noch Sekunden zuvor. Der Prinz sprach von dem Mann, der mittlerweile auf Nottingham und im ganzen Land tatsächlich die Befehlsgewalt ausübte.

Es war nicht viel über ihn bekannt. Er war vor einigen Jahren aufgetaucht und hatte den Prinzen verwandelt und anschließend jeden, der auf Nottingham etwas zu sagen hatte. Inzwischen dienten alle nur ihm.

Es handelte sich um einen überaus mächtigen und alten Vampir, so viel war klar. Einen mächtigeren hatte der Sheriff nie gesehen oder auch nur von einem gehört. Der Ritter nannte sich selbst Bhonloch. Der Sheriff bezweifelte, dass dies dessen richtiger Name war. Es gab allerlei Gerüchte, um wen es sich bei diesem Mann wohl handeln mochte. Aber der Sheriff glaubte nicht an ein einziges davon.

Der Sheriff schüttelte wortlos den Kopf.

Der Prinz nickte aufgeregt. »Gut. Vorläufig wollen wir es dabei belassen. Es ist nicht notwendig, unseren Herrn damit zu belästigen.« Er winkte mit der rechten Hand. »Geht jetzt!«, ordnete Prinz John an und legte sich erneut zwischen die auf seinem Bett wartenden Frauen. »Wie Ihr seht, bin ich beschäftigt.«

Ohne einen weiteren Gruß verließ der Sheriff die Gemächer. Er hing seinen ganz eigenen Gedanken nach, als er den Korridor zurückging, den er gekommen war. Er hatte das Ende des Ganges noch nicht erreicht, als der von Entsetzen geprägte Schrei einer Frau aus dem Quartier des Prinzen drang und durch den Flügel hallte.

Der Sheriff hielt kurz inne und blickte zurück. Anscheinend waren die Spiele vorüber.