Der Ruul-Konflikt 3: In dunkelster Stunde

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Aus der Reihe: Der Ruul-Konflikt #3
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Der Ruul-Konflikt 3: In dunkelster Stunde
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Inhalt

  Kapitel 1

  Kapitel 2

  Kapitel 3

  Kapitel 4

  Kapitel 5

  Kapitel 6

  Kapitel 7

  Kapitel 8

  Kapitel 9

  Kapitel 10

  Kapitel 11

  Kapitel 12

  Kapitel 13

  Kapitel 14

  Kapitel 15

  Kapitel 16

  Kapitel 17

  Kapitel 18

  Kapitel 19

  Kapitel 20

  Kapitel 21

  Kapitel 22

  Kapitel 23

  Weitere Atlantis-Titel



Eine Veröffentlichung des

Atlantis-Verlages, Stolberg

Oktober 2021


Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin


Titelbild: Thomas Knip

Lektorat und Satz: André Piotrowski


ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-006-3

ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-052-0


Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich.


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Kapitel 1

Leuchtspurgeschosse, brennende Gebäude und Explosionen erhellten den nächtlichen Himmel. Dicht über den überfüllten Straßen flogen Schwärme von Helikoptern in Richtung Raumhafen. An Bord drängten sich die Bewohner der kleineren Ortschaften rund um die planetare Hauptstadt, die das Glück gehabt hatten, dass man sie noch hatte evakuieren können, bevor der Feind anrückte.

Justin Hazard presste seinen Körper eng an die Hauswand, in dem vergeblichen Versuch, die endlosen Flüchtlingsströme vorbeizulassen. Alles, was laufen konnte, war heute Nacht auf den Beinen. Einige drückten sich die wenigen Habseligkeiten, die sie aus ihren Häusern retten konnten, an ihren Leib, als wären sie aus purem Gold. Die weitaus meisten führten aber lediglich mit sich, was sie am Leib trugen. Oft sogar nur ein altes Nachthemd, einen verknitterten Pyjama oder ein eilig aus einem Wäschestapel gefischtes T-Shirt. Und alle bewegten sich in dieselbe Richtung.

Die Straße führte zum einzigen Raumhafen des Planeten und war breit genug, dass zwei große Busse bequem aneinander hätten vorbeifahren können. Doch die Menschenmassen drohten sie vollkommen zu verstopfen. Sollte es so weit kommen, würde es den Slugs die Einnahme der Kolonie nur noch leichter machen.

Plötzlich schrie jemand in der Menge schrill auf und zeigte zum Sternenhimmel. »Da oben! Da oben!«, brüllte er immer wieder in Panik. Seine Stimme nahm einen fast weinerlichen Tonfall an. Die Menschen in seiner Umgebung folgten seinem Wink. Pupillen weiteten sich voller Angst. Bewegung kam in die Menge. Erst versuchten einzelne und schließlich ganze Trauben von Flüchtlingen, sich mit Ellbogen und Fäusten einen Weg aus der Umklammerung der Masse zu bahnen.

Justin sah nach oben, um herauszufinden, was die Leute so in Aufregung versetzt hatte. Er brauchte nicht lange zu suchen. Aus der Raumschlacht über der Kolonie hatte sich ein dichter Schwarm kleiner Objekte gelöst, die schnell größer wurden. Es wirkte fast, als wären einige Sterne am nächtlichen Firmament lebendig geworden und fielen vom Himmel.

Wenn dem nur so wäre, dachte Justin, unfähig, etwas gegen das drohende Unheil zu unternehmen. Er musterte die in Panik geratene Menge in dem Wissen, dass es kein Entkommen geben würde. Nicht zu Fuß. Nicht mit den wenigen Waffen, die sie hatten. Die Wahrheit war weitaus schlimmer.

Die Reaper stürzten wie eine Meute hungriger wilder Hunde vom Himmel und eröffneten sofort und ohne Mitleid das Feuer in die Menge. Der Angriff hatte keinerlei militärischen Sinn und war von jedwedem Standpunkt nur als barbarisch zu bezeichnen. Aber Justin war durchaus klar, der Angriff diente auch nur einem einzigen Zweck, nämlich die ohnehin schon bestehende Panik der Bevölkerung noch zu verstärken.

Bei dieser dichtgedrängten Menge mussten die Slugs nicht mal zielen. Die Laserwaffen der Ruul leisteten ganze Arbeit. Sie fuhren wie Sensen aus tödlicher Energie unter die Menschen und mähten sie reihenweise nieder. Nach wenigen Sekunden schon war die Luft erfüllt von Schmerzens- und Todesschreien. Es stank nach Ozon, Blut und purer Angst.

Zwei der Helikopter wurden getroffen. Der erste wurde praktisch glatt wie mit einem Skalpell in der Mitte in zwei Teile geschnitten. Die Bruchstücke krachten auf das Pflaster und gingen sofort in Flammen auf. Die Menschen an Bord hatten nicht den Hauch einer Chance.

Der zweite verlor den Heckrotor durch einen direkten Treffer. Der Hubschrauber drehte sich trudelnd um die eigene Achse, während aus seinem Heck Feuer und Qualm brachen. Durch die entstehende Fliehkraft wurden Menschen aus dem geöffneten Mannschaftsabteil durch die Luft geschleudert.

Die Maschine drehte sich noch dreimal und geriet dabei hinter einige Gebäude und außer Sicht, doch Justin hörte gleich darauf einen dumpfen Aufprall und eine Explosion, die vom schnellen Ende des Helikopters zeugte.

Die übrigen Hubschrauber beeilten sich, so schnell wie möglich in die temporäre Zuflucht der Luftabwehr rund um den Raumhafen zu gelangen. Nur eine der Maschinen – ein Nachzügler – eröffnete knatternd aus einem schweren MG, das aus dem Mannschaftsabteil ragte, das Feuer auf die Slug-Jäger. Es war eine Verzweiflungstat. Der Schütze hatte keine Chance, die Reaper zu treffen. Sie waren schlichtweg viel zu schnell. Zum Glück für den Helikopter und seine Insassen waren die Slug-Piloten gerade anderweitig beschäftigt. Sie säten Tod und Zerstörung unter die panikerfüllten Menschen.

Justin gönnte dem abgestürzten Wrack des Helikopters nur einen beiläufigen Blick und verdrängte die Frage, wie viele Menschen die beiden Hubschrauber wohl befördert hatten.

Mehrere Gebäude entlang der Straße wurden von Laserfeuer getroffen und ganze Hausecken explodierten unter dem Beschuss oder brachen einfach weg. Das Haus, das sich Justin als Deckung ausgesucht hatte, wurde ebenfalls getroffen und überschüttete ihn mit einem Schwall Mörtel, Steinsplittern und Staub. Abwesend klopfte er sich die Uniform ab, wobei er die Umgebung keine Sekunde aus den Augen ließ.

Einer der Soldaten in seiner Begleitung – er war noch ziemlich jung, im Höchstfall gerade zwanzig – ließ sich von der allgemeinen Panik anstecken. Sein unsteter, angsterfüllter Blick schoss von einer Seite zur anderen. An dessen Haltung erkannte Justin, dass der Junge kurz davorstand, seine Waffe wegzuwerfen und davonzurennen.

»Wenn du das machst, bist du tot«, flüsterte Justin ihm so ruhig er konnte zu. Der Kopf des Jungen fuhr überrascht zu ihm herum.

»S… Sir??«

»Mit Bewegung machst du sie auf dich aufmerksam«, erläuterte er dem verdutzten Frischling. »Wenn du wegrennst, knallen sie dich ab. Bleib ganz ruhig. Die Slugs werden gleich wieder abdrehen.«

»W… Woher wissen Sie das?«

»Standard-Taktik der Slugs für Luftangriffe«, erklärte Justin. »Ihre Jäger greifen weiche Ziele nie länger als fünfzig Sekunden an. Weiß der Teufel, wieso das so ist, aber in der Vergangenheit haben die Slugs das immer so gehandhabt. Sie werden gleich wieder an Höhe gewinnen und dann vergehen ein paar Minuten, bis sie uns die nächsten Jäger auf den Hals hetzen.«

Justin betrachtete Uniform und Rangabzeichen des jungen Soldaten. Er nickte wissend. »Private bei den 3. Pionieren. In Morrisons Kompanie, wenn ich mich nicht irre.«

Der Junge starrte ihn erstaunt an. »J… Ja, bin erst vor zwei Tagen eingetroffen. Frisch von der Erde.«

»Wärst jetzt sicher lieber wieder dort, nicht wahr?!«, erwiderte er mit mehr als nur einem Hauch Zynismus.

 

Dem Jungen entging die in den Worten enthaltene bittere Ironie und er nickte nur müde. »Und Sie sind …? Wenn ich fragen darf?«

Justin wunderte sich, ob die Ausbilder auf der Erde nachgelassen hatten oder ob einfach die Rekruten dümmer waren als zu seiner Zeit. Noch vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Rekrut nicht die Ränge zu unterscheiden wusste und einen höherrangigen Offizier auf diese Weise ansprach. Sein Blick glitt nach unten und er entdeckte die Erklärung für das sonderbare Verhalten des Jungen.

Seine Uniform war zerrissen und von Ruß und Dreck verschmutzt. Dort, wo am Kragen eigentlich stolz seine Rangabzeichen hätten prangen sollen, zierte nun ein ausgefranstes Loch seine Uniform. Die Abzeichen musste er irgendwo auf seiner überstürzten Flucht aus Versehen abgerissen haben.

»Major Justin Hazard, 2. Bataillon der 1. Ursus-Rangers.«

Dem Jungen verschlug es glatt die Sprache. Ihm wurde klar, er stand einem waschechten Bataillonskommandeur gegenüber. Die rechte Hand fuhr nach oben zur Karikatur eines Saluts. Die Szene hätte einer gewissen Komik nicht entbehrt, wäre sie nicht dermaßen ernst gewesen.

»Private Lance Stollner«, stellte sich der Junge nun endlich vor. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, Major. Ich … ich …«

Justin winkte nur ab. »Schon gut. Ich kann schon verstehen, dass sie verwirrt sind. Wenn ich mich so ansehe, glaube ich, selbst meine eigene Mutter würde mich im Augenblick nicht erkennen.«

Justins Blick glitt über die anderen Männer und Frauen in seiner Begleitung. Es waren im Ganzen etwa zwei Dutzend, wobei er selbst den höchsten Rang innehatte. Allesamt gut ausgebildete Männer und Frauen. Trotzdem drängten sie sich schutzsuchend aneinander, als könnte die gegenseitige Nähe sie vor den angreifenden Reapern beschützen.

Sie stammten aus den verschiedensten Waffengattungen. Kaum zwei von ihnen trugen die gleiche Uniform. Artillerie, Infanterie, motorisierte Infanterie und sogar zwei Panzerfahrer waren dabei. Teilweise trugen sie Uniformen von Einheiten, die bereits seit Stunden nicht mehr existierten – so wie sein eigenes Bataillon.

»Mein Gott«, flüsterte er niedergeschlagen. »Wie konnte es nur so weit kommen?«

Dass er laut gesprochen hatte, bemerkte er erst, als Stollner ihn fragend aus großen Augen ansah.

»Sir?«, hakte er nach. Unschlüssig, ob Justin mit ihm gesprochen hatte.

»Nicht so wichtig«, wehrte er ab.

Ein Staff Sergeant schob sich an Stollner vorbei, ohne den Private zu beachten, und zeigte nach oben. »Sie ziehen ab. Wir sollten weiter.«

Die Reaper drehten tatsächlich ab. Ganz so, wie er es prophezeit hatte. Der Angriff endete so unvermittelt, wie er begonnen hatte. Zurück blieben Berge von Leichen, Ströme von Blut und furchtbares Leid. Die Straße war durch das Laserfeuer an vielen Stellen aufgebrochen oder geschmolzen. Verbrannte Leiber lagen überall. Einige bewegten sich noch schwach. Gebäude waren in Brand geschossen worden oder nur noch Ruinen. Es war kaum zu glauben, dass dies gestern Abend noch ein ruhiges Wohngebiet gewesen war.

Den Menschen wurde langsam bewusst, dass der Beschuss vorläufig aufgehört hatte. Vorsichtig wagten sie sich aus ihren Löchern und hinter ihren Verstecken hervor, packten ihre wenigen Habseligkeiten erneut zusammen und marschierten weiter. Wer sich in der Mitte der Straße eingekeilt in die Menschenmenge befunden hatte, hatte kaum eine Chance gehabt. Dort war das Sterben am schlimmsten gewesen.

»Wir müssen hier weg«, drängte der Staff Sergeant.

Justin nickte abwesend. »Dann los, Carson.«

Der Jägerangriff hatte zumindest einen Vorteil gehabt. Die Straße war nun nicht mehr verstopft und sie kamen wesentlich schneller voran. Der Raumhafen war nur noch eine Meile entfernt. Sie mussten ihn erreichen, wenn sie den Planeten verlassen wollten. Die Evakuierung lief bestimmt schon auf Hochtouren.

Er bemerkte, dass Stollner ihm nicht von der Seite wich. Als würde seine Gegenwart Schutz vor dem Wahnsinn bieten, der die Ursus-Kolonie befallen hatte.

»Sir?«, wagte Stollner zu sagen, während sie die Straße entlangeilten. Vorbei an Tausenden von verängstigten Menschen.

»Ja?«

»Darf ich etwas fragen? Was ist passiert? Wie konnten die Slugs uns das nur antun? In der Ausbildung wurde uns immer wieder gesagt, wir wären den Slugs technologisch um etliche Jahre voraus. Und jetzt das.«

Justin dachte gründlich über die Frage nach. Seine Gedanken glitten fast einen ganzen Tag zurück. Er hatte dienstfrei gehabt, als der Alarm losging. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich in einem Restaurant in Lacross befunden, der planetaren Hauptstadt von Ursus. Zusammen mit einigen Freunden, um den Geburtstag seines Cousins zu feiern, der ebenfalls Offizier bei den 1. Rangern war.

Gewesen war, verbesserte sich Justin voller Trauer. Denn sein Cousin Joseph war inzwischen tot. Die Freunde hatten sich sofort auf den Weg zurück zu ihren Kasernen gemacht. Ob von ihnen überhaupt noch jemand am Leben war, wusste Justin nicht. Er konnte es nur hoffen.

Einzelne Bataillone waren noch in derselben Stunde ausgerückt. Sein eigenes 2. Bataillon hatte nicht dazugehört. Informationen waren zu diesem Zeitpunkt Mangelware gewesen. Man wusste nur, dass eine ruulanische Streitmacht gelandet war, man die Situation aber im Griff hatte. Er schnaubte kurz und humorlos auf. Die Wahrheit hätte nicht weiter entfernt sein können.

Nur eine Stunde später war Generalalarm ausgelöst worden und sämtliche auf Ursus stationierten Truppen hatten ausrücken müssen. Dann war der Wahnsinn erst richtig ausgebrochen. Die Frontlinie befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits weniger als zehn Meilen vor der Stadt. Sein Bataillon hatte sie nicht erreicht. Über die Hälfte des Weges lag noch vor ihnen, als die Ruul sie zuerst erwischten.

An die Einzelheiten des Kampfes konnte sich Justin kaum noch erinnern. Es wirkte alles wie ein weit entfernter Traum, den man schon fast vergessen hatte, sobald man aufwachte. Nur eins wusste er noch: Die Ruul hatten ihnen furchtbar zugesetzt. Und am Ende des Gefechts war sein Bataillon aufgerieben worden. Die wenigen Überlebenden waren geflohen in dem Versuch, wenigstens das nackte Leben zu retten.

Bruchstücke des Kampfes kamen ihm in den Sinn. Klobige, ruulanische Panzer, die aus dem Hinterhalt das Feuer auf seinen Konvoi eröffneten, hundeähnliche Kreaturen mit sechs Beinen und spitzer Schnauze, die über seine Leute herfielen und sie in Stücke rissen. Die Schreie seines Adjutanten, der neben ihm verblutete. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Vielleicht war es besser, sich nicht an alles zu erinnern.

»Ich weiß es nicht, Lance«, erwiderte er wahrheitsgemäß. »Ich weiß es einfach nicht.«

Justin war nicht der Einzige, der beobachtete, wie die drei Reaper wieder an Höhe gewannen. Nur zwei Häuserblocks entfernt verfolgte Sergeant Major Hank MacIntyre von der planetaren Ursus-Miliz den Steigflug der feindlichen Jäger.

Der Zigarrenstummel in seinem Mundwinkel verströmte einen widerlich abgestandenen Geruch in dem kleinen Raum. Aber die anderen sechs Männer – alle in der matt grauen Uniform der Miliz – versuchten, den Gestank zu ignorieren, der von der Zigarre ausging. Keiner kam auf die Idee, den Sergeant Major zu bitten, das ekelhafte Ding wegzuwerfen.

MacIntyre verzog seine spröden, aufgesprungenen Lippen zu einem zufriedenen Grinsen. Die Reaper wussten es noch nicht, doch ihr Steigflug würde ein jähes Ende nehmen. Er richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf und tätschelte fast liebevoll den Geschützlauf neben sich.

Irgendein Scherzkeks hatte die Karikatur einer Frau daraufgemalt und darunter den Schriftzug Die heiße Betty geschrieben. Na ja, wem so etwas gefiel?! MacIntyre quetschte seine bullige Gestalt, die mehr an einen Wrestler denn an einen Soldaten erinnerte, an zweien seiner Untergebenen vorbei und setzte sich auf den Sitz der Flakbatterie.

»Fletcher, Debrovskaja. Ihr müsst mir Geschwindigkeit und Entfernung angeben. Wenn die erste Salve nicht hundertprozentig sitzt, haben wir danach ein ernstes Problem.«

»Geht klar, Sarge«, erwiderte Fletcher mit mehr löblichem Eifer. Debrovskaja sagte gar nicht dazu, sondern stellte sich einfach neben das Geschützrohr und beobachtete an dessen Lauf entlang das Trio sich schnell entfernender Jäger.

MacIntyre musste kein Gedankenleser sein, um zu erkennen, was in den Köpfen seiner Leute vor sich ging. Sie fragten sich, warum sie nicht längst auf dem Weg zum Raumhafen waren, anstatt hier in einer sinnlosen Geste eines zum Scheitern verurteilten Widerstandes einige ruulanische Jäger abzuschießen.

Aber MacIntyre wollte verdammt sein, wenn er die Slugs so einfach davonkommen ließ. Vorher wollte er ihnen wenigstens noch eine blutige Nase verpassen. Zum Glück hatte er auf dem Rückzug diese verlassene Geschützstellung entdeckt. Man hatte sie in einem leeren Gebäude eingerichtet. Das Dach war abgedeckt und durch eine einfach Plane mit der grauen Tarnbemalung für Stadtkämpfe ersetzt worden. Und die Ruul hatten sie tatsächlich nicht entdeckt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Luftabwehrstellungen, die in der Zwischenzeit identifiziert und zerstört worden waren. Die frühere Besatzung dieser Stellung allerdings musste beim ersten Anzeichen des Angriffs geflohen sein.

Verfluchte Feiglinge!, wetterte er in Gedanken.

Aber zumindest hatten sie das Geschütz intakt zurückgelassen. Sogar bereits geladen und feuerbereit. Dadurch ergab sich die Chance, noch einmal etwas zu bewirken. Er bezweifelte, dass je jemand etwas davon erfahren würde, dass eine kleine Handvoll Milizionäre ein paar Jäger abgeschossen hatte. Egal ob Freund oder Feind. Aber er würde es wissen, und das genügte schon.

»Also«, forderte er seine Leute auf. »Sagt an.«

»Entfernung etwa fünfzehn Meilen und nimmt schnell zu«, begann Fletcher. »Sie müssen etwas vorhalten, sonst erwischen Sie sie nicht.«

»Alles klar. Debrovskaja?«

»Geschwindigkeit etwa dreihundert würde ich schätzen.«

»Gut, gut.«

MacIntyre richtete das Geschützrohr aus und zielte gemäß Fletchers Vorschlag ein wenig vor die drei Reaper. Die vier Männer, die nicht am Vorgang des Feuerns beteiligt waren, warteten unbehaglich in einer Ecke. Wie bestellt und nicht abgeholt.

»Jaaa … So ist es richtig.« Die Reaper gewannen weiterhin schnell an Höhe. Nicht mehr lange und sie waren außer Reichweite. Wenn er etwas unternehmen wollte, musste es jetzt geschehen. Er atmete noch einmal tief durch und drückte dann beide Auslöser bis zum Anschlag durch.

Das Geschütz röhrte einmal verächtlich und ein Zittern durchlief die Konstruktion. MacIntyre befürchtete schon, sie hätten beim Ausrichten etwas falsch gemacht, da die Batterie keine Anstalten machte zu feuern. Doch dann stieß der Lauf in schneller Folge Granaten aus. So schnell, dass die Projektile nur als schemenhafte Objekte wahrgenommen werden konnten.

MacIntyre hatte alle Hände voll zu tun, um das Geschütz auf die Reaper gerichtet zu halten. Der Rückstoß war gewaltig und auch für jemanden mit seinem Körpermaßen nicht unbedingt ein Kinderspiel. Das Ergebnis konnte sich jedoch sehen lassen.

Der Reaper auf der rechten Seite wurde voll getroffen und zerfetzt. Der linke hatte etwas mehr Glück. Falls man in diesem Zusammenhang von Glück reden konnte. Beide Tragflächen wurden abgerissen und die Maschine trudelte Richtung Oberfläche zurück. Der Pilot hatte keine Chance, den Fall abzufangen, und konnte nur hilflos abwarten, bis der Jäger aufschlug.

Der Ruul am Steuer des führenden Reapers allerdings musste ein geübter und erfahrener Pilot sein. Bereits als der erste Jäger explodierte, begann der Reaper ein kompliziertes Ausweichmanöver, wobei er seinen anderen Flügelmann sogar als Deckung benutzte.

Das Geschützrohr verstummte. Die Munition war verschossen. MacIntyre verfolgte die Flugbahn des überlebenden Jägers, der nur als kleiner Lichtpunkt am Himmel erkennbar war.

Dem Slug musste ebenfalls aufgefallen sein, dass der Beschuss aufhörte, denn plötzlich ändere er die Richtung.

»Oh, Scheiße!«

MacIntyre sah in die Runde, aber seine Leute waren vor Angst wie erstarrt. Sie hatten nur Augen für den sich nähernden Tod aus den Wolken.

»Bewegt euch, verdammt!«, fluchte der Sergeant Major. »Sonst sind wir alle erledigt.«

Als hätte diese Ankündigung den Bann gelöst, fanden Fletcher und Debrovskaja ihren eigenen Willen wieder. Fletcher öffnete die Abdeckung an der Oberseite der Flakbatterie, während sein Partner ins Nebenzimmer eilte und mit einem weiteren Munitionsstreifen zurückkehrte.

 

Gemeinsam fummelten sie an der Flak herum und versuchten unter Aufbietung all ihrer Kräfte, den Munitionsstreifen in die schmale, dafür vorgesehene Öffnung zu pressen. Unterdessen ließ MacIntyre den angreifenden Reaper nicht aus den Augen.

Mit einem metallischen Klicken gelang es den Milizionären endlich, die Munition einzuführen und die Abdeckung wieder zu schließen.

»Geschafft!«, verkündete Fletcher triumphierend.

Aber MacIntyre wusste, dass es bereits zu spät war. Der Reaper eröffnete aus seinen Bordwaffen das Feuer auf die ungeschützte Stellung.

Die pure Wucht des Angriffs riss die Flakbatterie aus ihrer Verankerung und schleuderte MacIntyre davon. Sein Flug durch den Raum konnte nur Sekundenbruchteile gedauert haben, doch ihm kam es wie eine Ewigkeit vor. Er prallte gegen etwas Hartes und der Aufprall trieb ihm sämtliche Luft aus den Lungen. Der Sergeant Major japste, doch der Sauerstoff war jetzt mit Mörtel, Staub und kleinsten Partikeln angereichert und er hustete würgend. Außerdem war die Luft nun so heiß, dass er sich beim Einatmen die Luftröhre versengte.

Zwinkernd versuchte er, etwas in seiner Umgebung zu erkennen. Keine einfache Aufgabe, da der ganze Raum von aufgewirbeltem Staub und Dreck verdunkelt wurde. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse. Was er sah, war jedoch nicht wirklich ermutigend.

Das Flakgeschütz lag auf dem Rücken. Das Rohr war verdreht und von Hitze geschwärzt. Von Debrovskaja war nur noch eine verrenkte, schwarz verbrannte Gestalt übrig.

Seine vier Leute, die in der Ecke gestanden hatten, waren nicht mehr da. Einschließlich der ganzen Zimmerecke. Der gesamte Bereich war einfach verschwunden. Nur Brandflecken zeugten davon, was mit seinem Männern geschehen war.

MacIntyre versuchte, sich aufzurichten, aber stechender Schmerz ließ ihn zusammenzucken. Vorsichtig betastete er seine rechte Seite und kam zu dem Schluss, mindestens eine Rippe war gebrochen. Zwar hatte er Schmerzen beim Atmen, aber soweit er das beurteilen konnte, rasselte seine Lunge nicht bei den einzelnen Atemzügen. Dies ließ ihn hoffen, die gebrochene Rippe hatte nicht seinen Lungenflügel perforiert.

Vorsichtig, seine rechte Körperseite schonend, kroch er näher. Das Geschütz hatte sein letztes Gefecht erlebt. Der Reaper hatte längst wieder abgedreht. Der Pilot war wohl zufrieden mit sich und seiner Arbeit. Wäre die Munition im Nebenraum getroffen worden, wäre die Arbeit in der Tat perfekt gewesen. Dann würde er jetzt nicht mehr hier sitzen.

»Es tut mir leid«, flüsterte er leise in den Raum hinein. Er war für seine Leute verantwortlich gewesen, hätte sie in Sicherheit bringen müssen. Und nun waren sie tot. Geopfert in einer sinnlosen Geste. »Es tut mir so unendlich leid.«

Ein kurzes Stöhnen ließ ihn aufhorchen. Nichts. Er glaubte schon, sich getäuscht zu haben. Doch dann stöhnte wieder jemand. MacIntyre biss die Zähne zusammen und unterdrückte den Schmerz, während er das zerstörte Geschütz umrundete.

Auf der anderen Seite, halb unter dem verdrehten Lauf eingeklemmt, lag Fletcher. Schwer verletzt, aber noch am Leben.

»Fletcher?!«, MacIntyre konnte es kaum glauben und sank vor dem verletzten Kameraden auf die Knie. »Fletcher? Können Sie mich hören?« Nur halb benommenes Stöhnen war die Antwort.

Ohne auf seine eigenen Schmerzen zu achten, griff der Sergeant Major nach dem zerstörten Geschütz und stemmte sich mit allen seinen nicht unbeträchtlichen Kräften dagegen. Dicke Schweißperlen rannen ihm aus allen Poren und durchtränkten die Reste seiner Uniform. Der Schmerz in seiner Seite war unbeschreiblich, aber er konnte nur daran denken. Fletcher zu befreien.

MacIntyre konnte später nicht mehr sagen, wie er es geschafft hatte, das Bewusstsein nicht zu verlieren, geschweige denn die Flak von Fletcher herunterzuhieven. Aber es gelang ihm irgendwie. Mit letzter Kraft lud er sich den verletzten Kameraden auf die Schultern und machte sich auf den langen Weg zum Raumhafen. In der zweifelhaften Hoffnung, dass es für zwei abgehalfterte Milizionäre noch einen Platz auf einem der Fluchtschiffe geben würde. Diese kleine Hoffnung war alles, was MacIntyre noch auf den Beinen hielt.

Die Luft in dem provisorischen Zelt war zum Schneiden dick. Es roch nach Schweiß und nach Uniformen, die zu lange nicht gewechselt worden waren. In der Mitte des Zelts standen um einen kleinen Kartentisch drei Männer, von denen nur einer sich sein Unbehagen nicht anmerken ließ.

Lieutenant Colonel Ibrahim Karalenkov vom Marine Corps des Terranischen Konglomerats stand stocksteif und hoch aufgerichtet im Raum. Für einen Marine war er relativ schmächtig. Eine körperliche Eigenart, die er durch die Präsenz seiner Persönlichkeit wieder wettmachte. Sein Ego füllte dafür fast jeden Zentimeter des Raumes aus.

Sein markantes Gesicht mit dem arabischen Teint und dem beginnenden Dreitagebart war in tiefe Sorgenfalten gelegt. Die Mundwinkel hingen vor Enttäuschung etwas nach unten. Er war dabei, die Schlacht um Ursus zu verlieren. Und verlieren war etwas, das er nicht gewohnt war.

Jeder der beiden anderen im Raum anwesenden Männer war ranghöher als Ibrahim. Trotzdem bestand kein Zweifel daran, wer hier im Endeffekt das Sagen hatte.

Der Mann, der ihm gegenüberstand, war Lieutenant General Edwyn Nyssa, der Kommandeur der planetaren Miliz von Ursus. Und in dieser Funktion war er zugleich der Befehlshaber der örtlichen Infanterieregimenter der Terranischen Konglomerats-Armee, kurz TKA. Aber so, wie es aussah, schwand mit jeder Minute mehr der Einfluss, den Nyssa auf die Situation hatte, da seine Leute mit erschreckender Geschwindigkeit und Effektivität abgeschlachtet wurden.

Ibrahim verzog das Gesicht zur bitteren Karikatur eines Lächelns. Er hielt für gewöhnlich nichts von Milizen. Die meisten wurden überhaupt nur in Kriegszeiten mobilisiert und gingen ansonsten ganz normalen Berufen nach. Freizeitsoldaten, die man besser dazu einsetzte, den Verkehr zu regeln, als gegen den Feind zu kämpfen. Meistens waren sie schlecht ausgebildet und stellten für eigene Truppen eine größere Bedrohung dar als für den Gegner.

Nur konnte er ihnen hier und heute keinen Vorwurf machen. Seinen eigenen Truppen erging es nicht viel besser. Die Ruul drehten sie allesamt durch den Fleischwolf.

Der feiste Milizgeneral mit den Pausbäckchen, dem Wanst, über den sich eine Uniform spannte, die mindestens eine volle Nummer zu klein war, und der Halbglatze zog ein Taschentuch aus seiner Hose und wischte sich über die glänzende Stirn. Im Grunde seines Herzens tat ihm der Mann sogar leid. Nyssa war Zahnarzt im Zivilleben und mit dieser Krise deutlich überfordert.

Der andere Mann, der rechts von Ibrahim stand, war Sandro Meskalla, der Gouverneur von Ursus. Der mit einem Meter sechzig sehr kleine Meskalla war einer der Ersten gewesen, der sich mit seiner Familie am Raumhafen eingefunden hatte. Nur für den Fall, dass die Evakuierung unvermeidlich wurde.

Für Ibrahim, der mit Begriffen wie Ehre und Pflichterfüllung aufgewachsen war, ein eindeutiges Zeichen von Feigheit, das den Gouverneur in seinen Augen nicht unbedingt an Respekt gewinnen ließ.

Ob Feigheit oder nicht, die Entscheidung, den Raumhafen aufzusuchen, mochte von Meskallas Standpunkt aus äußerst klug gewesen sein. Denn er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits erkannt, was den beiden anderen Männern damals noch verborgen blieb. Der Planet war verloren. Es gab nichts, das er oder sonst jemand tun konnte, um das zu verhindern.

»Und nun?«, fragte der Gouverneur. Wohl mehr um die Stille zu vertreiben, als dass er wirklich auf eine sinnvolle Antwort gehofft hatte. Meskalla sah dabei demonstrativ Nyssa an, der unter dem Blick des Gouverneurs anfing, noch heftiger zu schwitzen.

»Zunächst ist es wichtig, dass wir unsere Stellung sichern«, begann der General, wobei er Hilfe suchende Blicke in Ibrahims Richtung warf. »Colonel? Wären Sie so freundlich, uns einen kurzen Bericht zu geben?«

Ibrahim unterdrückte nur mit Mühe einen genervten Stoßseufzer, aber technisch gesehen war Nyssa tatsächlich ranghöher. Auch wenn er über die bessere Ausbildung und die weit höhere Erfahrung verfügte. Jedoch war er Soldat genug, um zu wissen, dass die militärische Rangfolge gewahrt werden musste. Selbst wenn dies für ihn hieß, vor Nyssa zurückzustecken.

»Das 1. Bataillon meiner Marines hat einen Kordon um den Raumhafen etabliert. Unterstützt werden meine Leute durch vier verstärkte Schützenkompanien der Miliz und zwei weitere Bataillone, die aus den Überresten dreier Regimenter der TKA zusammengelegt worden sind. Das ist im Augenblick alles an Truppen, was wir zur Verfügung haben, um den Raumhafen zu verteidigen.«

»Im Prinzip also vier Bataillone?«, murrte Meskalla erschüttert. »Gestern hatten wir noch das Äquivalent von neun verschiedenen Regimentern auf dem Planeten. Die Marines nicht mitgerechnet. Was zum Teufel ist mit denen passiert?«

»Die Ruul sind passiert«, erwiderte Ibrahim, bevor Nyssa Gelegenheit erhielt, auf die Frage zu antworten. »Die schlimmsten Verluste haben wir hier erlitten.« Er deutete auf einen Punkt auf der Karte, der einen Ort etwas östlich von Lacross darstellte. »Dort liegen jetzt die meisten Ihrer neun Regimenter.« Seine Stimme wurde etwas weicher. »Genauso wie die meisten von meinen Jungs.«

»Und was tun wir jetzt?«, wiederholte der Gouverneur seine Frage.

»Wir halten den Raumhafen so lange wie möglich. Wie bereits erwähnt, haben unsere verbliebenen Truppen einen Sicherheitsbereich eingerichtet, in den nichts und niemand eindringen kann. Von hier aus koordinieren wir die Evakuierung.« Er seufzte schwer. »Bis uns die Transporter ausgehen.«