Märchenhaftes überall

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Märchenhaftes überall
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Impressum

Copyright: Sonja Pistracher

Jahr: 2022

Auflage 2

ISBN: 978-9-4036-4399-1

Lektorat/ Korrektorat: Ralf Blaschke

Illustrationen: Katja Berndt

Verlagsportal: MEINBESTSELLER.DE

Gedruckt in Deutschland

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.

Nachdruck und Vervielfältigung jeder Art, auch auf Bild-, Ton-, Daten- und anderen Trägern, insbesondere Fotokopien, sind (außer zum privaten Gebrauch unter Angabe der Autorin) kommerziell nur nach Absprache mit der Autorin erlaubt und möglich.


Vorwort

Seit ich zurückdenken kann, schwirren mir die abenteuerlichsten Geschichten durch den Kopf, und bereits als Kind im Alter zwischen 8 und 9 Jahren schrieb ich mein erstes Märchen. „Die Zauberhexe” hieß es. Ich durfte es am Muttertag vor vielen Müttern, Omas, Vätern und anderen Kindern vorlesen und hatte das Gefühl, wahrhaftig alle verzaubert zu haben. Dieses Gefühl ist mir bis heute geblieben. Denn immer dann, wenn ich vor Menschen lesen darf, erfüllt mich diese Freude der Erwartung, des Verständnisses und der Faszination in den Augen der Zuhörer.

Vielleicht ist es für euch Kinder, die ihr die Märchen in diesem Buch lesen werdet, ein Ansporn, Gedanken umzusetzen und ihr horcht einmal in euch hinein, ob da nicht auch ein geheimes Depot an Buchstaben ist, das geordnet, aufgeschrieben und erzählt gehört. Es wirkt oft befreiend und erlösend, ein vorhandenes Problem oder aber auch eine Freude über eine Erzählung ans Licht zu holen, um sich damit auseinanderzusetzen.

Als ein sehr fröhlicher, lebensbejahender und positiv eingestellter Mensch, der mit dem Herzen auf sein Gegenüber eingeht und dem die Sorgen und Nöte der Menschen sehr wichtig sind, möchte ich Wegbereiter vor allem für Kinder sein, die ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben sind. Kindern und Enkelkindern soll Geborgenheit, Liebe und Vertrauen eine Sicherheit fürs Leben vermitteln. Das ist mein tägliches Ziel. Mit allen Sinnen möchte ich für euch da sein, um diese Welt zu einem Erlebnis zu machen. Sollte es auf diesem Weg Stolpersteine geben, Rückschläge, Negativerfahrungen oder Ängste, dann möchte ich da sein. In diesem Buch wird auf spielerische Art und Weise Hilfe angeboten. Selbst mancher Erwachsene wird sich in den dunklen und hellen Schatten so mancher Zeile wiederfinden, wobei das Ende jeder Geschichte der Anfang für ein befreites Leben in Zukunft sein soll. Das wünsche ich allen, denen ich meine Märchen von Herzen widme.

Inhalt:

Cover

Titel

Impressum

1. Vorwort

2. Die Eisbärfamilie

3. Die vergessenen Namen

4. Das Glück, verschieden zu sein…..

5. Utopie zwischen Himmel und Erde!

6. Marie und ihr Großvater

7. Das verträumte Mädchen

8. Mamuri, der Zwerg

9. Die Eselsbrücken

10. Märchenhaftes im Wald?

11. Das große Weihnachtsmärchen „Das Mädchen und Benjamin“ in 24 Teilen


Die Eisbärfamilie

Es war einmal eine Eisbärmama. Sie lebte ganz hoch im Norden, wo es noch riesige Eisgletscher gibt, wo das Wasser so kalt ist, dass kein Mensch darin baden kann, weil er sonst gleich erfrieren würde. Überall ist Eis und Schnee und die Sonne scheint darauf, ohne dass auch nur eine einzige Schneeflocke davon schmelzen könnte. Die Luft ist klar und der Himmel blau. Das Eis und der Schnee glitzern so sehr im Sonnenlicht, dass die Eisbärmama fast schon eine Sonnenbrille bräuchte.

Die Eisbärmama hat natürlich ein paar Eisbärkinder. Eisbären macht es ja nichts aus, wenn es kalt ist. Im Gegenteil – sie brauchen es sehr kalt. Die Eisbärkinder laufen und rutschen, quietschen und purzeln den ganzen Tag im Schnee herum. Dazwischen sieht man in das glitzernde Eismeer und die Eisbärmama passt ganz genau auf, dass ja keines der Eisbärkinder ins Wasser fällt. Zumindest solange sie noch nicht gut schwimmen können. Aber selbst wenn einmal eines hineinfällt, dann holt sie es mit ihren großen Tatzen sofort wieder heraus. Dann schüttelt sich der kleine Eisbär, dass die Tropfen in alle Windrichtungen davonfliegen und wie Kristalle auf der Schneedecke hängenbleiben.

Der Eisbärpapa ist meistens unterwegs. Er muss für die Familie Fische fangen oder er ist mit Eisbärfreunden schwimmen. Manchmal ist er ganz lange fort. Aber das macht nichts. Die Eisbärmama kann dann in Ruhe Futter suchen, schlafen, spielen und sich um die Kinder kümmern. Der kleinste Eisbär heißt Frostian. Frostian liebt den Schnee, die Kristalle, das Eis und auch das Eiswasser. Manchmal liegt er am Rücken und blinzelt in die Sonne. Dabei entdeckt er die Wolken am Himmel und springt in die Luft, weil er glaubt, sie fangen zu können. Dann überschlägt er sich und macht Purzelbäume. Wenn der Papa wieder einmal da ist, kraxelt er auf seine großen Tatzen und lässt sich herumtragen. Frostian hat aber auch eine Freundin. Er trifft sich jeden Tag mit Pinguna. So heißt die Freundin. Sie ist ein Pinguin. Mama kennt sie fast nicht, denn sie sagt immer “Ach diese Pinguine, so klein und zart, einfach nicht richtig zum Anfassen – und dieses Watscheln! Können einfach nicht gescheit laufen.

Weil sie so stolz sind und nur auf den Hinterbeinen herumwatscheln.” Papa würde Frostian schon verstehen. Vielleicht erzählt er ihm nächstes Mal von seiner Freundin Pinguna.

Manchmal versucht Frostian auch – wie Pinguna – auf den Hinterbeinen zu gehen, aber das ist sehr schwierig für einen Eisbären. Meistens liegt er dann gleich am Rücken, und Pinguna lacht dann so viel, dass sie selber vornüberkippt und auf dem Bauch landet. Darum verstehen sich die beiden so gut. Sie können über alles so herzlich lachen. Pinguna findet es so lustig, dass Frostian fast gleichzeitig traurig und fröhlich sein kann.


Pinguna hat eine sehr liebe Mama. Wenn sie nicht da ist, dann ist ihr Papa da. Pinguna ist nie alleine. Wenn es ganz besonders kalt ist, darf sie sich bei den Eltern vorne in die kleine Bauchtasche hineinkuscheln, und dann schaut von Pinguna nur noch der Schopf heraus. So schläft sie am besten.

Eines nachts – Frostian schläft eng an seine Mama und die Geschwister gekuschelt – gibt es ein fürchterliches Donnergrollen. Als ob etwas Großes zerbrechen würde. Frostian merkt, dass sich unter ihm der Schnee bewegt und piepst angstvoll, während er sich noch enger an seine Mama drückt. Irgendetwas wackelt doch, bewegt sich.

Frostian traut sich nicht, die Augen aufzumachen. Alle anderen schlafen weiter und bemerken nichts. Erst als der Boden unter ihnen gefährlich zu schaukeln beginnt, wird die Eisbärmama munter. Sie setzt sich etwas auf, und ihre Eisbärohren drehen sich in alle Richtungen.

Es ist stockdunkel und man kann nichts erkennen. Es ist aber total ruhig. Langsam steht die Eisbärmama auf.

Als Mama ein paar Schritte macht, schwankt der Boden gefährlich. Ganz langsam begreift auch Frostian, was passiert ist. Er sieht rundherum nur noch Wasser; sie treiben auf einer einsamen Eisscholle und entfernen sich schnell vom vertrauten Land. Die Freundin von Frostian ruft von Weitem: “Frostian, Frostian!!“ Dieser fängt zu weinen an, denn er fürchtet sich vor dem Wasser.

Mama wollte ihm schon öfter das Schwimmen lehren, aber er wollte nie ins Wasser.

 

Die anderen Geschwister krabbeln nun auch herum und die Eisscholle schaukelt immer mehr. Die Eisbärmama bleibt ganz ruhig und brummt beruhigend vor sich hin. Plötzlich gleitet sie ins Wasser.


Das macht schon einen richtigen Plumpser und die Eisscholle schaukelt ganz wild hin und her. Die kleinen Eisbären können in der Finsternis fast nichts sehen.

Wo ist Mama? Da sehen sie eine Tatze. Mama deutet dem ältesten Kind, auf ihren Rücken zu kraxeln und sich am Fell festzuhalten.

Aufgeregt hüpfen die kleinen Bären herum. Die Eisscholle wackelt dabei bedenklich. Die Eisbärmama brummt etwas streng: „Sitzenbleiben, nicht bewegen; komm mein Großer, steig auf meinen Rücken!“

Kaum ist sie ein paar Meter entfernt, sehen sie die anderen Eisbärkinder nicht mehr.

Alle fangen laut zu schreien an. Das hört man sicherlich bis weit ins Land hinein.

Plötzlich ist Mama wieder da. Das nächste mutige Eisbärbaby klettert zitternd auf Mamas Rücken und schwimmt mit ihr davon. Nacheinander bringt sie alle Eisbärkinder an Land. Nur Frostian sitzt noch zitternd auf der Eisscholle und bewegt sich nicht. Als er dran ist, will er nicht auf Mamas Rücken kraxeln. Er nimmt zwar Anlauf, rutscht aus, kullert an den Rand und schreit fürchterlich. Seine Mama stupst ihn wieder in die Mitte der Eisscholle. Sie ist schon sehr müde. Sie kann unmöglich auf die Eisscholle zu Frostian kraxeln.

Frostian muss sich entscheiden. Das will er aber gar nicht. So sitzt er alleine in der Mitte der Eisscholle, das Gesicht mit den Pfoten bedeckt, zusammengerollt wie ein Wurm und zittert.

Fällt dir dazu jetzt etwas ein? Wie könnte man Frostian helfen?

Was soll er tun?

Was würdest du tun?

Nur wenn dir gar nichts einfällt, dann suche dir aus den drei folgenden Varianten eine aus, die dir am besten gefällt!


Variante 1

Mutter Eisbär taucht unter die Eisscholle, stupst diese ganz fest an, und als der kleine zitternde Frostian ins Wasser fällt, taucht sie unter ihm durch und genau dann auf, dass er auf ihrem Rücken zu liegen kommt. Mama Eisbär hat einen breiten Rücken. Frostian ist so überrascht, dass er sich in seiner Verzweiflung an den Eisbärhaaren von Mama festkrallt, und schon schwimmen sie in Richtung Ufer. Mama Eisbär lässt aber Frostian ein paar Meter vom Ufer entfernt ins Wasser fallen.

Er prustet, spuckt, schreit und schlägt um sich. Mama Eisbär stupst ihn immer wieder an und sagt ganz ruhig: „Benütz deine Pfoten, mach langsame Bewegungen – hör auf zu zappeln!“ Die Stimme von Mama beruhigt Frostian. Er versucht es einmal langsamer und wirklich: Wenn er die Pfoten gleichmäßiger bewegt, dann geht er ja gar nicht gleich unter! Obwohl er natürlich noch immer ziemlich tollpatschig ausschaut, wie er so mit den dicken kleinen Pfoten ins Wasser patscht, könnte man das trotzdem irgendwie „schwimmen“ nennen.

Am Ufer angekommen, schüttelt er sich, hüpft herum und schwärmt, dass er der beste Schwimmer der Welt sei. Mama Eisbär sieht gerade Papa Eisbär kommen und beide schmunzeln, weil sich Frostian überhaupt nicht mehr einkriegt.

Frostian läuft zu seiner Freundin Pinguna. Diese schaut noch immer ganz erschrocken, aber ist total stolz auf Frostian, weil er jetzt schwimmen kann. Und Pinguna sagt, dass Frostian stolz darauf sein kann, so eine starke Mama zu haben, denn ihre Eltern könnten sie nicht so weit im Wasser tragen.

Frostian erzählt nun Papa von seiner Freundin Pinguna, die nicht nur watscheln kann, sondern sich auch so herrlich um ihn Sorgen macht. Genauso, wie sie sich mitfreut, weil ihm nichts passiert ist.

Selbst Mama sieht Pinguna nun mit ganz anderen Augen.

Aus Lebensfreude über diesen wunderbaren Tag schlägt Frostian einen Purzelbaum, rollt sich im Schnee und lässt sich ganz plötzlich ins Wasser fallen, dass alle rundherum bis zu den Ohren hinauf nass sind. Die Wassertropfen bleiben wie kleine glitzernde Sterne an ihrem Fell hängen.



Variante 2

Während die Eisbärmama immer wieder auf Frostian einredet, gleiten vom Ufer Pinguna und alle ihre Verwandten und Freunde ins Wasser. Eine unüberschaubare Zahl von Pinguinen schwimmt auf die Eisscholle zu, auf der Frostian sitzt. Die Eisbärmama merkt es erst, als sie bereits von den durcheinanderschnatternden Pinguinen eingekreist sind.

Verwundert und um Frostian zu verteidigen, will sie alle verscheuchen und hat Angst, dass Frostian von der Eisscholle rutscht, wenn alle Pinguine auf diese hinaufkraxeln würden. Dabei schlägt sie wild um sich und dies schlägt so hohe Wellen, dass die Pinguine wegtauchen müssen, damit sie nicht von den großen Pranken der Eisbärmama erwischt werden. Erst schön langsam merkt diese, dass sich alle Pinguine auf der dem Ufer abgewandten Seite der Eisscholle formieren; die ersten lehnen sich mit dem Rücken an die Eisscholle, die zweite Reihe lehnt sich wiederum mit ihren Rücken an die Bäuche der ersten Reihe und so weiter. Eine richtige Flotte entsteht und die Eisbärmama kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Schön langsam merkt sie, dass diese vielen Pinguine die Eisscholle ans Ufer schieben wollen.

Nur Pinguna ist auf die Eisscholle gekraxelt und beruhigt Frostian. Dabei legt sie ihre kleinen Pinguinflügel auf seinen Kopf und stupst ihn liebevoll an. Frostian schaut vorsichtig zwischen ihren Flügeln hervor und kann es gar nicht fassen, was gerade passiert. Seine Mama hat fast Tränen in den Augen, was man zum Glück wegen des vielen Wassers rundherum nicht erkennen kann. Sie lässt sich ins Wasser plumpsen und verstärkt die Pinguinflotte von der Seite.

Was keiner für möglich gehalten hätte, die Eisscholle bewegt sich zuerst ein bisschen und dann immer noch ein bisschen mehr.

Frostian fühlt sich unglaublich beschützt. Plötzlich geht ein Ruck durch die Eisscholle und diese wird schneller und schneller. Wie ein richtiges Boot rast sie auf das Ufer zu. Die Pinguine geben auf. Und schon wird die Eisscholle über das Ufer hinausgeschoben und bleibt schief wackelnd dort liegen. Da taucht aus dem Wasser ein großer Eisbärkopf auf. Frostian ruft „Papa, Papa!“ Deshalb ging es auf einmal so schnell dahin. Weil der Papa von Frostian unter die Eisscholle geschwommen ist.

Die Eisbärmama sitzt nun ebenfalls erschöpft am Ufer und brummt dauernd „Danke, danke, danke“, während alle Pinguine wieder zu ihren Nist- und Schlafplätzen watscheln. „So was“ sagt die Eisbärmama, „diese Pinguine sind zwar einzeln ohne Kraft, aber miteinander – einfach nicht zu glauben, unglaublich, ich glaube es nicht!“

Erst nach einigen Minuten läuft sie zu Frostian und seinem Papa und drückte beide an ihr zotteliges Fell. Glücklich hört sie sich seine fröhlichen Erlebniserzählungen an, wie er über das Meer gesegelt ist. Pinguna darf ab diesem Tag immer mit Frostian spielen. Und die Eltern erlauben es sogar, dass sie Frostian das Schwimmen noch besser beibringen darf.

Welch schöne Tage im glitzernden schneebedeckten und so klirrend schönen kalten Norden.


Variante 3

Mama Eisbär verlassen die Kräfte, nachdem sie alle anderen Eisbärkinder schon an Land gebracht hatte. Um nicht unterzugehen, muss sie an Land schwimmen. Sie verspricht Frostian, am Morgen gleich wiederzukommen, er solle einfach nur ruhig liegen bleiben.


Frostian ist ganz traurig. Die Eisscholle wird von der Strömung immer weiter aufs offene Meer hinausgetrieben. Da es noch finster ist, merkt das Frostian nicht. Er schläft vor Angst und Erschöpfung ein. Die ersten Sonnenstrahlen wecken ihn wieder. Er sieht nirgends mehr Land. Laut heult er auf. So weit kann seine Mama ja gar nicht mehr schwimmen. Nun ist er ganz allein.

Plötzlich hört er ein Motorengeräusch – was ist das? Vorsichtig dreht er sich im Kreis und entdeckt ein kleines Boot, das genau auf ihn zusteuert. Er möchte sich verstecken, aber das kann er ja nicht. Frostian zittert. Er weiß von Mama, dass er Menschen immer aus dem Weg gehen muss. Aber wie soll er das denn jetzt machen? Er hört eine strenge laute Stimme, die ihn zusätzlich total verschreckt. Die zweite Stimme lacht auch laut und unfreundlich. Frostian rollt sich ein und deckt seinen Kopf mit den Pfoten zu. Aber es hilft nichts. Das Boot mit den zwei Männern kommt immer näher. Er merkt, dass die Eisscholle schaukelt, weil das Boot angestoßen ist. Nun rutscht er ausgerechnet und unweigerlich auf das Boot zu, in dem die zwei Männer sitzen; außerdem spürt er nun ein Seil an seinem Hals und kann sich gar nicht mehr wehren.

Als er aufschaut, sieht er, dass diese Männer Fellhauben auf dem Kopf haben – wahrscheinlich von Eisbären denkt er sich. Frostian jammert fürchterlich vor Angst. Der Motor des Bootes heult auf, ebenso wie Frostian und braust mit ihm davon.

Frostian ruft nach seiner Mama und nach Pinguna. Keiner ist da, der ihm helfen könnte. Als sie dann endlich an Land kommen und Frostian aus dem Boot gezogen, dann gestupst, dann getragen wird, ist er zwar froh, wieder an Land zu sein, aber er will umgehend nach Hause.

Ein kleiner Bub mit einem Wuschelkopf, roten Wangen und großen braunen Augen läuft auf Frostian zu, umarmt ihn, springt herum und möchte, dass Frostian mit ihm spielt. Aber Frostian stellt sich tot. Dabei piepst er allerdings. Der kleine Bub legt sich zu Frostian in den Schnee und umarmt ihn. Das tut schon sehr gut. Der Bub redet auf ihn ein, aber Frostian versteht ja kein Wort. Eigenartige Töne, denkt er sich und will davonlaufen. Aber der kleine Bub hat die Leine in der Hand und daran hängt Frostian fest. Ein paar Leute bringen ihm ein Essen, aber das will Frostian jetzt auch nicht. Er verweigert alles.


Frostian sehnt sich nach seiner Mama, ihrem Geruch, ihrem Fell, und er will nur mehr bei Mama Milch trinken, sonst nichts. Den ganzen Tag über bleibt Frostian liegen und rührt sich nicht.

Auch am nächsten Tag geht das so. Der kleine Bub lacht nicht mehr. Er ist schon ganz traurig. Als es wieder finster wird, kommt plötzlich der kleine Bub zu Frostian gelaufen, flüstert ihm etwas zu und zerrt an dem Seil. Frostian ist schon ganz geschwächt, aber er merkt, dass er jetzt all seine Kräfte zusammennehmen muss. Langsam schlurft er hinter dem Buben her und weiß gar nicht, wo es hingeht. Plötzlich hört er Geschnatter, das immer lauter wird, und auf einmal findet er sich mitten unter vielen Pinguinen wieder. Der kleine Bub strahlt und zieht Frostian weiter. Plötzlich wird Frostian aber ganz steif und still. Denn er hat unter all den Schnatterstimmen eine einzige Stimme herausgehört.


„PINGUNA!“ – „PINGUNA!“,

ruft er, und plötzlich fangen seine Tatzen zu laufen an, dass der kleine Bub nicht mehr mithalten kann. Er gibt Frostian noch schnell einen Kuss auf die Ohren und dann nimmt er dem aufgeregten Frostian das Seil ab.

Frostian überschlägt sich vor Freude, läuft und läuft, bis er mit Pinguna zusammenstößt und beide im Schnee landen. Die Freude ist riesengroß.

Alle anderen Pinguine begleiten nun den kleinen Buben zurück ins Lager seiner Eltern, drehen aber kurz vor deren Häuser wieder um.

Unter Lachen, Umarmen und Erzählen bringt Pinguna Frostian zu seiner Mama, die seit zwei Tagen nach Frostian suchte und mittlerweile auch nichts mehr isst und nur traurig ist.

 

So eine Wiedersehensfreude – Papa ist auch da und alle freuen sich so sehr darüber, dass Frostian noch lebt, dass Pinguna von Mama Eisbär, von Papa Eisbär und von allen anderen abgebusselt wird. Ein bisschen Angst hat sie dabei schon, denn die Zungen der Eisbären kratzen ganz schön.

Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben alle Eisbären noch immer glücklich im nördlichen Eismeer.


Die vergessenen Namen

Es waren einmal drei Kinder. Das Älteste war ein Mädchen mit blondem, feinem, langem Haar, großen blauen Augen, einer kleinen Stupsnase und einem meist sehr ernsten Gesicht, das fragend in die Welt hinausblickte. Das etwas jüngere Kind war ein Bub, der mit seinen großen dunklen Augen und seinem Lachen die Aufmerksamkeit sogleich auf sich zog und durch sein schelmisches Auftreten alle Herzen im Sturm eroberte. Das jüngste Kind war wieder ein Mädchen, mit gutmütigen Augen, einem leicht frechen Zug um den Mund, aber mit einem ans Herz gehenden Leuchten von innen.

Du willst wissen, wie diese drei Kinder heißen? Genau das ist das Problem. Keiner weiß, wie diese drei Kinder heißen. Darum hat das älteste Kind meist ein ernstes Gesicht, darum blicken die großen dunklen Augen des Buben oft sehr traurig und darum überspielt das dritte Mädchen diesen Umstand mit einem frechen Lachen. Den Buben können die Schwestern ja leicht rufen mit „Hallo Bub!“, und er weiß sofort, dass er gemeint ist. Aber wenn das große Mädchen das kleine Mädchen rufen will, dann sagt es meistens „Du, hallo, du!“ und zupft die Schwester am Ärmel. Das mag aber das kleine Mädchen nicht. Sie ruft dann „Lass mich doch, ich will das nicht! Warum haben wir nur keine Namen wie all die anderen Kinder auf dieser Welt? Warum hat man darauf vergessen, uns beim Namen zu nennen? Ich könnte ja Ameli heißen oder Marina oder …..?“


Du willst auch wissen, wo denn die Mama und der Papa von den drei Kindern sind? Die sind eh zu Hause. Mama ruft immer „Butzilein!“, wenn sie das kleine Mädchen meint. Papa ruft „Mein Baby“! Wenn sie den Buben rufen, dann heißt es immer „Hallo kleine Nuss!“ oder „Lustiger, zeig uns, was du kannst!“ Ganz schlimm ist es aber bei der Großen. Du willst wissen, wie sie zu ihr sagen? „Große – das musst du verstehen“, „Große – du musst nachgeben“ und so weiter. Wo sind nur die Namen geblieben? Irgendwann haben auch Papa und Mama vergessen, welche Namen ihre Kinder wirklich haben. Dabei haben sie ihre Kinder so lieb. Sie machen sich nichts daraus, dass sie die Namen nicht mehr wissen. Es geht ja auch so. Und sie können sich jeden Tag neue Kosewörter ausdenken.


Das große Mädchen nimmt die beiden Kleinen – denen Tränen über die Wangen kullern – in den Arm und drückt sie ganz fest. Sie denkt intensiv nach, was sie nur tun könnte. Sie haben ja schon einen Brief an das Christkind geschrieben, aber das hat letztes Jahr leider auch nichts gebracht. Vielleicht wüsste Oma noch, wie sie heißen. Aber sie ist leider vor ein paar Jahren gestorben und im Himmel.

Über all das denkt das große Mädchen nach, und jetzt rinnen auch ihr ein paar Tränen über das ernste Gesicht. Ihre Tränen tropfen auf die Köpfe von den zwei kleinen Kindern, die inzwischen auf ihrem Schoß eingeschlafen sind.

Weißt du auch, dass der liebe Gott über alle Menschen wacht und über kleine Kinder ganz besonders? Bis jetzt hat er völlig übersehen, dass es diese drei traurigen Kinder auf der Erde gibt. Er hat ja so viel zu tun. Dauernd passiert auf der Erde etwas und er muss dann schnell retten, aufhalten, beruhigen, horchen, lieben, drücken, organisieren. Und wenn er einmal zu spät kommt, dann holt er sich diese Menschen in den Himmel und richtet ihnen ein schönes Zuhause ein. Jedes Zuhause hat ein Fenster auf die Erde hinunter und all diese Himmelsmenschen bekommen eine besondere Eigenschaft. Sie können auf ihre zurückgebliebene Familie und ihre Freunde aufpassen.

Die Oma der drei Kinder ist auch im Himmel. Sie schaut aber fast nie aus dem Fenster, weil sie für die Engel Decken und Tischtücher häkelt, die Flügel immer neu erstrahlen lässt und allen im Himmel hilft. Nur heute sitzt sie am Fenster und ist sehr nachdenklich. Sie spürt, dass sie einmal auf die Erde blicken sollte. Oma öffnet das Fenster ganz weit und schaut auf die Welt hinunter. Zu ihrer Freude entdeckt sie sofort ihre Enkelkinder, wie sie auf der Stiege vor dem Haus sitzen. Die beiden Kleinen dürften am Schoß der Großen schlafen. Die Oma lächelt. Im nächsten Moment fallen der Oma große salzige Tropfen auf den Kopf. Oma zieht sofort den Kopf zurück ins Zimmer, aber das Fenster lässt sich nicht mehr schließen. Auch im Zimmer hängen überall Tropfen. Von der Lampe, vom Bettrand, am Sessel, vom Tisch. Oma schaut sich die Tropfen ganz genau an, kostet und erkennt, dass es die Tränen ihrer Enkelkinder sind.

Entsetzt läuft sie wieder zum Fenster und beim genauen Hinsehen auf die Erde erkennt sie, dass alle drei Enkelkinder weinen. Oma fragt die Tränen „Was ist denn los – warum sind meine Enkelkinder so traurig?“ Sofort erfährt sie, dass auf der Erde die Namen der drei Kinder vergessen wurden, weil sie durch Kosenamen ersetzt wurden. Oma weiß natürlich die Namen noch, aber wie soll sie diese den Kindern denn sagen? Sie kann ja nicht auf die Erde zurück. Schnell schickt Oma einen Engel zum lieben Gott, damit er ihr hilft. Und schon steht der liebe Gott im Zimmer von Oma und fragt, was denn los sei.

Oma zeigt aus dem Fenster und erzählt ihm die Sorgen ihrer Enkelkinder. Der liebe Gott sagt: „Da müssen wir ja sofort etwas unternehmen und ich weiß auch schon, was!“


Am Weihnachtsabend sind die drei Kinder aufgeregt. Die Große hofft noch immer auf ein Wunder. Als endlich die Glocke läutet, die Türe aufgeht und der Christbaum erleuchtet vor ihnen steht, schauen alle drei Kinder wie gebannt auf einen eingerollten Zettel, der an der Spitze des Christbaums flattert. Die Eltern schauen sich fragend und verwundert an, und der Papa nimmt den Zettel in seine Hände und liest:


ALINA fängt zu lachen an und drückt ihre Geschwister ganz fest. Klaus ruft immer wieder „Ich heiße KLAUS und habe zwei Schwestern, die LARA und ALINA heißen!“ ALINA hüpft herum und singt „Alina, Lara, Klaus – wohnen in diesem Haus!“

Mama und Papa fallen einander überglücklich in die Arme und freuen sich ebenso. „So ein Wunder, so ein Wunder“. Als keiner bemerkt, dass die Haustüre offen steht, läuft Lara hinaus, blickt zum Himmel und kann sofort zwischen den Wolken ein Leuchten wie aus einem Fenster erkennen. Aus diesem Wolkenfenster blickt ihr direkt Oma mit einem verschmitzten Lächeln entgegen. Hinter Oma steht ein Mann mit einem langen weißen Bart und dreht sich langsam zu Lara um. Lara reibt sich die Augen und als sie wieder zum Himmel blickt, kann sie nur noch einen leuchtenden Stern erkennen, der – das kann doch nicht wahr sein – soeben gezwinkert hat.