Mit Der Hand Auf Seinem Herzen

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Mit der Hand auf seinem Herzen

Original published under the title: Hand Over His Heart

Copyright © 2018, Ines Johnson. All rights reserved.

Originally published by Ines Johnson, Arlington VA, USA.

Dieses Buch ist reine Fiktion. Alle in diesem Buch beschriebenen Personen, Orte und Handlungen sind frei erfunden oder werden fiktiv gebraucht.

Ohne die schriftliche Einwilligung der Autorin darf dieses Buch in keinerlei Form und auf keinem Weg weder ganz noch in Auszügen vervielfältigt oder übertragen werden. Ausgenommen sind autorisierte Händler.

© Copyright der deutschen Ausgabe 2021 by Ines Johnson

Übersetzung: Annerose Keller

Lektorat: Marion Waba

Hergestellt in den USA

Erste Ausgabe 2021

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Kapitel Eins

Frans Blick folgte der Linie auf dem Monitor. Die Linie schnellte in die Höhe, als wolle sie den höchsten Berg erklimmen und stürzte dann sofort wieder in die Tiefe wie ein Fallschirmspringer, der vergessen hatte, an der Leine zu ziehen. Das Spiel wiederholte sich wieder und wieder. Wenn das keine Metapher für sein Leben war, dachte Fran.

Er beobachtete den EKG-Monitor, während sein Herz einige Male weiter schlug. Der Rhythmus war stark und gleichmäßig. Zumindest im Moment. Aber genau wie der Arzt, der gerade sein Herz untersuchte, wusste Fran, dass dieses Schlagen jeden Moment aufhören konnte.

„Offensichtlich alles beim Alten, Corporal DeMonti.“ Dr. Nelsons Stimme war gleichmäßig wie die Linie auf dem Monitor, die er beobachtete. Er kritzelte mit seinem Bleistift etwas auf seinen Notizblock, blickte dabei von einem Gerät zu dem anderen und dann wieder auf seine Uhr. Nicht ein einziges Mal schaute zu Fran.

Fran war es gewohnt, von denen übersehen zu werden, die höhergestellt waren als er. Als Corporal in der US-Armee hatte er sich um einen höheren Dienstgrad bemüht. Er war nur noch einen kleinen Schritt von der Beförderung zum Sergeanten entfernt gewesen – bis ein Einsatz schiefgegangen war.

Nein, die mangelnde Aufmerksamkeit des Arztes störte ihn also nicht. Was ihn allerdings störte, war, dass der Mann mit einem Bleistift schrieb. Das Graphit auf dem Papier war Fran nicht beständig genug. Es konnte mit dem rosaroten Gummi am anderen Ende des Bleistifts einfach wieder ausradiert werden. So, wie auch Frans Leben durch eine falsche Bewegung einfach ausradiert werden konnte. Wenn die Granatsplitter, die sich in seiner Brust festgesetzt hatten, nur wenige Millimeter nach links wanderten und sein Herz verletzten, war es vorbei mit ihm. Gelöscht von den Seiten des Lebens.

„Leider ist es immer noch zu riskant, zu operieren und die Splitter zu entfernen,“ sagte der Arzt. Er blickte auf und sah Fran endlich an. „Wir können im Moment nichts anderes tun als Ihre Therapie fortzusetzen. Und zu beten.“ Fran war jedes Mal wieder überrascht, wenn ein Arzt über das Beten sprach. Er hätte erwartet, dass ein Mensch, der sich den Naturwissenschaften verschrieben hatte, lieber greifbaren Dingen vertraute als geistlichen. Aber er hatte er sich schon mehrmals geirrt. Zumindest in diesem Krankenhaus für Veteranen. Er war hier schon vielen Frauen und Männern begegnet, die Situationen er- und überlebt hatten, in denen man das Überleben nur einer höheren Macht zuschreiben konnte. Daher scheuten sie sich nicht, den Herrn anzurufen, wenn ihr Verstand ein körperliches Problem nicht lösen konnte. Fran wusste sehr gut, dass Gott der Einzige war, der ihm noch helfen konnte. Somit hatte er auch kein Problem damit, dieses Medikament anzuwenden. Er hätte nur gern gewusst, was der Herr mit ihm vorhatte. Wollte er Fran bald zu sich holen? Oder war es sein Wille, Fran noch eine Weile auf der Erde herumlaufen zu lassen?

Fran zog es vor, einen soliden Plan zu haben. Aber er kannte auch das alte Sprichwort: Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Allerdings glaubte er auch nicht, dass Gott ihn nur zum Spaß ein bisschen zappeln lassen würde. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sich der Schöpfer einen so grausamen Scherz mit ihm erlauben würde.

Als Fran das Untersuchungszimmer verließ, lächelten ihn einige der Frauen auf den Gängen an und versuchten, seine Blicke auf sich zu lenken. Mit bloßem Auge betrachtet wirkte Fran vollkommen gesund. Er hatte weder einen Teil seiner Gliedmaßen verloren noch sichtbare Narben davongetragen, wenn man die Narben auf seiner Brust einmal außer Acht ließ. Nein, seine Verletzung lag tiefer. Tiefer als die Metallsplitter in seinem Körper. Die Wunde reichte bis in seine Seele hinein.

Es war alles seine Schuld gewesen.

Als es geschah, waren Fran und seine Abteilung gerade mit einer Arbeit beschäftigt gewesen, die das Leben der Frauen und Kinder im Kriegsgebiet hätte leichter machen sollen. Die Explosion, die die Splitter in Frans Brust zurückgelassen hatte, hatte keinem seiner Männer das Leben gekostet. Doch sie hatte sechs Menschen die Lebensgrundlage geraubt und das Leben des Selbstmordattentäters genommen, der sein Leben einer fragwürdigen Berufung geopfert hatte.

Für die Überlebenden war seitdem nichts mehr wie zuvor gewesen. Und gerade als sie angefangen hatten, ihr Leben auf der Bellflower Ranch langsam wieder in den Griff zu bekommen, hatte die nächste Bombe eingeschlagen. Nein, das konnte nicht einfach ein Scherz von Gott sein. Dafür war das alles viel zu grausam.

Fran verließ den Parkplatz des Krankenhauses und machte sich auf den Weg zur Ranch. Sein Herz wurde weit, als er die Landschaft sah, die sich vor ihm ausbreitete. Montana war einfach wunderschön.

Fran war in New York City aufgewachsen. Seine Berge waren die Wolkenkratzer gewesen, seine Wiesen der Asphalt. Aber nichts kam der majestätischen Schönheit der Natur gleich, die sich hier in den Himmel erhob.

Afghanistan hatte die gleiche Wirkung auf ihn gehabt. Das Land, das von vielen als Wüste bezeichnet wurde, war voller zerklüfteter Berge und tiefer Täler. Schnee bedeckte die schroffen Berggipfel und die Täler waren fruchtbar und ernährten Vieh und Menschen.

Fran war erstaunt gewesen, an einem Ort, der als so schlimm beschrieben wurde, so viel Schönheit und Überfluss anzutreffen. Doch die Beschreibungen zeichneten eben nicht das ganze Bild. Die guten Menschen des Landes versuchten, nicht ins Visier des Krieges zu geraten. Doch nur zu oft gelang es ihnen nicht und der Pinselstrich der Gewalt legte sich auch über ihr Leben.

Fran bog in die Ranch ein. Nachdem der ihnen übergeordnete Offizier die Ranch gekauft hatte, hatten die Soldaten sie bald in „Purple Heart Ranch“ umbenannt. Die violetten Blüten der Glockenblume, welche das Siegel der Ranch zierten, erinnerten an die Purple-Heart-Auszeichnung, die man als Soldat bekam, wenn man im Krieg durch Feindeshand verwundet wurde. Jeder Mann von Frans Truppe war verwundet worden. Und nun, da sie hierhergekommen waren, um Ruhe und Heilung zu finden, war ihnen der nächste Schlag versetzt worden.

Fran und die restlichen Männer seiner Einheit mussten innerhalb weniger Wochen heiraten, wenn sie auf der Ranch bleiben wollten, auf der ihre Wunden zu heilen begonnen hatten und die ihnen ihren Lebensmut zurückgegeben hatte. Das Problem war nur, dass nicht viele Frauen bereit dazu waren, ein Leben lang an einen verwundeten Soldaten gekettet zu sein. Und ganz bestimmt nicht an einen, der sein Herz nicht verschenken konnte, weil es jeden Moment aufhören konnte zu schlagen.

Fran würde die Ranch also bald verlassen müssen. Doch er würde erst gehen, wenn er wusste, dass die anderen versorgt waren. Schließlich war er dafür verantwortlich, dass jeder von ihnen einen Teil von sich verloren hatte. So viel schuldete er ihnen also. Er würde dafür sorgen, dass sie die Sicherheit bekamen, die sie verdient hatten. Und wer weiß – vielleicht würden sie ja sogar Liebe finden.

 

Es war ein schöner Traum. Einer, den er früher einmal auch für sich selbst gehabt hatte. Doch für ihn würde sich dieser Traum nie erfüllen, denn seine Brust war eine tickende Zeitbombe.

Kapitel Zwei

Eva atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Dann nahm sie den Stift zur Hand, der auf dem Papier vor ihr lag, schüttelte ihre verkrampfte Hand aus und versuchte es noch einmal.

Sie rechnete die Zahlen im Kopf durch. Beim Aufschreiben der Ziffern und des entsprechenden Betrags in Worten durfte sie keinen Fehler machen. Es war eine hohe Summe. Die höchste, die sie je im Leben am Stück bezahlt hatte.

Nachdem sie die Zahlen dreimal überprüft und anschließend noch dreimal durchgelesen hatte, legte sie den Stift zur Seite. Er rollte davon, aber sie ließ ihn rollen. Sie brauchte ihn nicht mehr. Das Geld war weg und ihr Konto nun leer. Aber das war es wert.

Vorsichtig riss sie den Scheck aus ihrem Scheckbuch. Es war der erste. Sie hatte noch nie zuvor einen Scheck ausgestellt. Sie hatte immer bar bezahlt. Es war ihr erstes Scheckkonto, das sie benutzte, um Schecks auszustellen und nicht, um welche einzulösen. Und es war ihr erster Scheck.

Sie reichte ihn der Frau hinter der Glasscheibe. Die Augen der Frau waren freundlich und ihr Lächeln geduldig. Sie überflog die Zahlen und Buchstaben auf dem Papier.

Eva hielt den Atem an. Hoffentlich hatte sie keinen Fehler gemacht. Sie konnte keinen einzigen Cent mehr in diesen Scheck investieren.

„Sieht alles gut aus, meine Liebe“, sagte die Frau.

Evas Schultern entspannten sich sichtlich, als sie das hörte.

„Hier ist Ihr Stundenplan.“ Die Frau von der Zulassungsstelle reichte Eva ein Blatt, auf dem Nummern von Räumen und Namen von Fächern und Professoren säuberlich aufgelistet waren. „Dann sehen wir Sie am Montag, Ms. Lopez.“

„Ja“, flüsterte Eva. „Das werden Sie.“

„Viel Spaß mit Ihren Kursen, Liebes.“

„Gleichfalls. Ich meine, danke. Haben Sie einen schönen Tag.“

Eva wandte sich vom Schalter der Zulassungsstelle ab und drückte ihren Stundenplan an die Brust. Die Schlange der Studenten hinter ihr, die sich ebenfalls anmelden wollten, war lang. Sie sahen gelangweilt und müde aus. Keiner schien so elektrisiert zu sein wie sie. Vielleicht, weil die meisten von ihnen Stipendien oder finanzielle Unterstützung bekamen oder Eltern hatten, die für ihr Studium aufkamen.

Eva hatte das alles nicht. Sie hatte jeden Cent selbst verdient, mit dem sie gerade das College bezahlt hatte. Es hatte drei Jahre gedauert, aber sie hatte es geschafft. Sie hatte genug für ihr erstes College-Semester verdient. Und zwar nicht nur für Online-Kurse. Nein, sie würde auf einem richtigen Campus unterwegs sein. Und es war auch nicht nur ein paar Kurse an einer Volkshochschule. Nein, das hier war ein richtiges College.

Sie wollte nicht etwas Besseres sein. Gut, im Grunde war sie das. Zum ersten Mal in ihrem Leben gehörte sie zur Elite. Sie wünschte sich nur, dass ihre Eltern sie sehen könnten. Irgendwie wusste sie, dass sie auf sie herabblickten und vor Stolz strahlten.

Sie hatte es geschafft. Sie hatte ihren Traum wahr gemacht. Ihre Eltern hatten ihr vom ersten Tag im Kindergarten an gesagt, dass Bildung der Schlüssel zu ihren Träumen war. Mit einer guten Ausbildung war alles möglich.

Eva wusste nicht genau, was sie mit ihrem Studium anfangen wollte. Sie wusste nur, dass sie studieren wollte. Sie liebte es, zu lernen und in einem Klassenzimmer zu sitzen, während der Lehrer vorn an der Tafel wunderbare Dinge erklärte.

Die vergangenen drei Jahre nach ihrem Schulabschluss waren ihr so trist vorgekommen. Doch bald würde sie wieder an einem Pult sitzen, wo sie hingehörte. Und dann war alles möglich.

Eva stieg in den Stadtbus und machte sich auf den Weg nach Hause. Ihr Zuhause befand sich nicht in den hübschen Stadthäusern rund um den Campus. Es befand sich auch nicht in einem der schicken Wohnungen im Geschäftsviertel. Nein, ihr Zuhause war ein heruntergekommener Wohnblock in dem alles andere als angesagten Viertel der Stadt, in dem die Menschen für Löhne arbeiteten, die oft unter dem gesetzlichen Minimum lagen.

Der Bus fuhr nicht bis zu ihrem Wohnblock. Eva stieg bei der Kirche aus. In den vergangenen Monaten, seit sie hierhergezogen war, war sie ein paarmal hier gewesen. Wo auch immer Eva hinzog, sie suchte sich stets eine Kirche in der Nähe ihrer Wohnung. Selbst wenn sie sonst niemanden in der Umgebung kannte – in einer Kirche fühlte sie sich immer zuhause.

„Guten Abend, Ms. Lopez.“

Beim Klang der bekannten Stimme drehte Eva sich um. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie den älteren Mann sah. „Hallo, Pastor Patel!“

Eva ging hinüber und um ihm die Hand zu schütteln. Doch der Pastor ignorierte ihre Hand und schloss sie herzlich in die Arme. Eva nahm dies dankbar an. Pastor Patels Umarmungen fühlten sich so an wie die, mit denen ihr Vater sie früher in die Arme geschlossen hatte.

„Ich habe Sie einige Wochen nicht gesehen“, sagte der Pastor mit leicht mahnendem Unterton.

„Ich habe ein paar Extraschichten eingelegt, um mehr Geld zu verdienen. Aber ab jetzt werden Sie mich häufiger sehen. Ich werde an den Wochenenden mehr Zeit haben. Ich habe es geschafft! Ich habe mich am College eingeschrieben.“

„Oh, meine Liebe, ich freue mich so sehr für Sie.“ Er strich ihr so liebevoll über ihre Schulter, wie es ihre Mutter immer getan hatte. „Aber ich wünschte wirklich, Sie hätten die Unterstützung von unserer Kirche angenommen.“

Eva schüttelte den Kopf. Neben der Bedeutung einer guten Ausbildung hatte ihr ihr Vater auch eingeschärft, dass man keine Almosen annahm. Wenn man etwas haben wollte, arbeitete man dafür. Was man entbehren konnte, gab man der Kirche und den noch Ärmeren. Und bei allem anderen verließ man sich auf die Familie. Das war die Philosophie, nach der ein Lopez lebte.

„Da Sie nun eine Studentin sind“, meinte Pastor Patel, „wären Sie bereit, morgen den Jugendlichen in unserer Kirche ein wenig von sich zu erzählen?“

Eva zögerte. Sie war nicht sicher, ob es schon etwas gab, was sie anderen beibringen konnte. Sie fand es schwer genug, ihre eigenen Geschwister dazu zu bringen, einen Rat von ihr anzunehmen. Doch sie wusste, dass Pastor Patel kein Nein akzeptieren würde. Also stimmte sie zu. Nach einer weiteren Umarmung ließ er sie gehen.

Mit zügigen Schritten eilte Eva die Straße hinunter. Es war offensichtlich, warum der Bus nicht bis zu ihrem Viertel fuhr. Auf der Straße lagen Glasscherben. Ein beißender Gestank drang aus einigen Gassen. Männer lungerten an den Straßenecken herum, obwohl es erst Nachmittag und noch lange nicht Feierabend war. Einer dieser Männer war ein wenig zu klein, um wirklich schon als Mann zu gelten.

„Carlos!“, rief Eva.

Der Junge drehte sich nicht um, aber sie wusste, dass er sie gehört hatte.

Eva marschierte zu ihrem Bruder hinüber. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht seine Hose hochzuziehen, die um sein Gesäß schlenkerte. Wo war der Gürtel, den sie ihm erst letzten Monat gekauft hatte? Mit einem argwöhnischen Blick drehte er sich zu ihr um. Die Jugendlichen um ihn herum begannen zu kichern.

„Ich hänge nur mit meinen Freunden rum“, sagte er.

„Schön, und jetzt kommst du mit nach Hause und machst deine Hausaufgaben.“

Die Jungen kicherten noch mehr.

„Geh nur mit deiner feinen Schwester, Kleiner. Wenn du mit deinen Hausaufgaben fertig bist, habe ich einen echten Job für dich.“

Eva schaute den Rowdy scharf an. Aber ihr böser Blick funktionierte nur bei Familienmitgliedern.

Carlos folgte seiner Schwester. Sie wusste, dass sie ihn blamiert hatte. Aber sollten diese Jungs nur denken, er sei ein Mutter- oder vielmehr Schwesternsöhnchen. Sie schädigte gern seinen Ruf, wenn sie ihn damit vor einem Leben auf der Straße bewahren konnte.

„Auf der Straße herumzuhängen, bringt dich nirgendwohin“, sagte sie, nachdem sie die Straße überquert hatten.

„Und die Schule schon? Guck dir an, wohin es dich gebracht hat.“ Carlos hob die Hände und deutete damit auf die Gegend, in der sie wohnten. Alles, was sie sah, waren verschiedene Brauntöne – von den Häusern um sie herum über die Erde auf der Straße bis zum Dreck in den Gesichtern der Kinder.

„Das wird sich bald ändern“, sagte Eva. „Ein Collegeabschluss hilft einem, hier rauszukommen. Du wirst schon sehen.“

Das Problem war, dass es mindestens zwei Jahre dauern würde, bis er sehen würde, dass sie mit ihren Argumenten recht hatte. Sie hoffte einfach, dass die Zeit ausreichen würde, um es ihm zu beweisen. Und in der Zwischenzeit würde sie nicht zulassen, dass sie ihren kleinen Bruder an die Straße verlor.

Kapitel Drei

Fran parkte den Truck vor seinem Haus. Es war ein einstöckiges Haus mit vier Zimmern, das sich in eine Ecke der Ranch schmiegte. Als er auf die Ranch gezogen war, hatte er sich hier niedergelassen. Vor einem Jahr war er als Erster hier angekommen, nachdem sie alle aus dem Dienst entlassen worden waren. Er hatte gedacht, sie würden alle zusammen in diesem Haus wohnen. Aber als nach und nach auch die anderen Männer mit ihren Schmerzen und Wunden auf der Ranch eintrudelten, wollte jeder von ihnen lieber für sich sein.

Dylan hatte das Häuschen mit den zwei Zimmern neben Frans Haus genommen. Reed, Sean und Xavier hatten sich in den kleinen Reihenhäusern am Ende des Weges niedergelassen.

Fran betrachtete das Haus, das nun ein Jahr lang sein Zuhause gewesen war. Es war ein schönes Haus, aber eigentlich viel zu groß für ihn. Er vermutete, dass einer der anderen Männer hier einziehen würde, sobald er eine Frau gefunden hatte. Ja, vielleicht würden sie sogar eine Familie gründen und all die Zimmer füllen.

Das war ein weiterer Traum, der sich für Fran nie erfüllen würde. Er konnte sich nicht vorstellen, ein Kind in diese Welt zu setzen. Nicht, wenn er nicht da sein würde, um es aufwachsen zu sehen und sich um es zu kümmern. Nicht, wenn er seine Frau mit der Verantwortung allein lassen würde. Das war einfach nicht seine Art.

Er würde bald packen müssen. Aber nicht heute. Heute musste er nur nach den anderen Männern sehen und dafür sorgen, dass sie auf dem Weg in Richtung Hochzeit unterwegs waren, damit sie auf der Ranch bleiben durften.

Die Tür von Dylans Haus öffnete sich und ein Bellen und Kläffen ergoss sich über die Schwelle, bevor ein Mensch heraustrat. Die erste, die aus dem Haus stürmte, war Star, eine Mopshündin, die auf dem Rücken mehrere kahle Stellen hatte. Die Hündin neigte dazu, seitwärts zu laufen, als wolle sie ihre Unvollkommenheit vor anderen verbergen.

Direkt hinter ihr kam Stevie, ein halbblinder Rottweiler mit einem wunderschönen schwarz-braunen Fell. Der Rüde hielt seine Nase dicht an Stars Hinterteil geheftet, damit sie ihm den Weg wies.

Sugar, der Golden Retriever, kam langsam aus dem Haus getrottet. Als er Fran wahrnahm, hob er sofort den Kopf. Auch Frans Stimmung wurde gleich besser, als er den Hund sah. Hund und Mensch eilten aufeinander zu. Von außen betrachtet wirkte Sugar wie ein völlig gesunder Hund. Doch der Goldie hatte Diabetes, wodurch er bisweilen etwas langsamer unterwegs war als die anderen.

Fran beugte sich hinunter und kraulte den Kopf des Hundes. Die beiden hatten sich in den vergangenen zwei Wochen, seit die Hunde auf der Ranch lebten, miteinander angefreundet. Diabetes bei Hunden war hart, hieß aber nicht, dass ihr Leben zu Ende war. Maggie, Dylans Frau, kümmerte sich liebevoll um ihre Hunde, von denen alle ein Handicap hatten. Daran sahen auch die Veteranen, dass ihre Wunden kein Hindernis für Liebe sein mussten.

„Da bist du ja wieder.“

Fran schaute auf und sah Dylan, der gerade die Stufen von der Veranda seines Hauses herabkam. Er hielt einen Hund in seinen Armen. Spin, ein Irish Terrier, hatte vor ein paar Wochen seine Hinterbeine verloren. Dylan setzte den Hund auf den Boden und befestigte eine Art Rollstuhl an dessen Hinterteil.

Als Dylan sich wieder aufrichtete, fiel Frans Blick auf die Beinprothese seines Kameraden. Es war ein ungewöhnlicher Anblick. Normalerweise trug Dylan lange Hosen, um das Fehlen seines Beins zu verbergen. Doch seit er geheiratet hatte und so angenommen wurde, wie er war, hatte er angefangen, kurze Hosen zu tragen, so dass seine Prothese für alle zu sehen war.

 

„Wie war‘s?“, fragte Dylan. „Was hat der Arzt gesagt?“

Bevor Fran antworten konnte, steckte Maggie ihren Kopf aus der Tür. Alle Hunde wandten sich ihr schwanzwedelnd und hechelnd zu. Auch Dylan drehte sich zu ihr um. Im Gegensatz zu den Hunden hing zwar seine Zunge nicht aus dem Mund, aber auch sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln.

„Schatz, vergiss nicht, Sugars Medikamente mitzubringen.“

Dylan schloss seine Frau in seine Arme und küsste sie irgendwo zwischen Wange und Nase. Maggie erwiderte die Umarmung lächelnd. Sie wandte den Kopf zur Seite und ihr Blick fiel auf Fran.

Fran hatte eigentlich wegschauen wollen, doch seine Augen sogen die liebevolle Geste auf, die er vermutlich selbst nie erleben würde.

„Oh, Fran, du bist zurück“, sagte Maggie. „Was hat der Arzt gesagt? Irgendeine Veränderung?“

Das war noch ein Grund, warum Fran sich nicht vorstellen konnte, in einer Beziehung zu leben. Maggie war nicht einmal seine eigene Frau, und dennoch hatte sie Hoffnung in den Augen. Die Hoffnung, dass er auf wundersame Weise geheilt werden würde. Doch es war unwahrscheinlich, dass das je passieren würde. Er konnte von Glück reden, dass er überhaupt noch lebte.

Fran schüttelte den Kopf und wappnete sich gegen ihr Mitleid und ihre gutgemeinten Bemühungen.

„Ich kenne ein paar Spezialisten“, sagte Dylan. „Wir könnten dort mal hingehen.“

„Ich bete weiter für dich“, sagte Maggie. „Wir geben nicht auf.“

Sugar lehnte sich an Frans Beine. Er beugte sich hinunter und schenkte dem Hund seine Aufmerksamkeit, während seine Freunde vergeblich weiter versuchten, sein Leben zu retten.

„Und in der Zwischenzeit“, sagte Dylan, „musst du nach einer Frau Ausschau halten. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, wenn wir alle auf der Ranch bleiben wollen.“

Fran machte sich nicht die Mühe, zu widersprechen. Dylan stand im Rang über ihm und würde nicht zögern, ihm einen Befehl zu erteilen. Allerdings war das ein Befehl, den Fran nicht befolgen würde. Also nickte er stattdessen einfach und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung.

„Reed sagt, er hätte über eine Dating-App Kontakt zu ein paar Frauen aufgenommen“, sagte er.

„Die Idee ist völlig verrückt“, sagte Dylan. „Aber verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen, stimmt’s?“

„Na, wir sehen uns später.“ Fran wandte sich ab, um zu gehen. Sugar machte Anstalten, ihm zu folgen. Fran drehte sich zu Maggie um. „Ist es okay, wenn er mitkommt?“

„Natürlich“, antwortete Maggie mit einem Lächeln. „Lass ihn einfach nicht zu sehr herumtoben. Und pass auf, dass er nichts frisst, was er nicht sollte.“

„Ich weiß, was ich beachten muss“, versicherte Fran Sugars Frauchen.

Zusammen mit dem Hund trottete er den Weg hinunter. Um sie herum breitete sich die Ranch aus. Er sah Xavier, der auf einem der Therapiepferde ritt. Die Pferde halfen den Veteranen, ihre Muskeln aufzubauen, um den Verlust von Gliedmaßen zu kompensieren. Aber schon allein, auf dem Rücken eines Pferdes zu sitzen, gab einem Mann ein Gefühl der Kraft zurück. Frans Reittag war morgen. Er wünschte, er könne auch einmal schneller unterwegs sein als nur im Trab. Doch in seiner Lage musste er vorsichtig sein.

Statt sich und sein Pferd zu verausgaben, verbrachte Fran viel Zeit im Garten. Gartenarbeit war nicht nur gut für den Körper, sondern auch für die Seele. Zu sehen, wie die Pflanzen unter seiner Pflege gediehen, tröstete ihn.

„Fran, warte!“, rief Reed hinter ihm her.

Der Mann kam gerade aus dem Speisesaal des Haupthauses, wo die Veteranen oft miteinander aßen, obwohl jedes Häuschen auch eine eigene Küche hatte. In seiner gesunden Hand schwenkte Reed ein Handy. Der Ärmel seines Hemdes war aufgerollt und dort angeheftet, wo sein Unterarm fehlte. Ein Bombenanschlag in Afghanistan hatte ihm den Arm geraubt.

„Guck dir das an.“ Reed hielt Fran sein Handy unter die Nase. „Schon fünfzig Nachrichten!“

Auf dem Bildschirm sah Fran eine ganze Palette Frauenbilder. Dr. Patel hatte ihnen von der App erzählt. Ein Verwandter des Psychotherapeuten hatte sie entwickelt und Dr. Patel hatte bei der Entwicklung des Kompatibilitäts-Algorithmus seine Hände im Spiel gehabt.

„Sind das alles Frauen, die sich mit dir treffen wollen?“, fragte Fran.

„Die wollen sich nicht nur mit mir treffen. Sie wollen mich heiraten. Und wir haben gedacht, das würde schwierig werden!“ Reed hielt das Handy in einer Hand und wischte mit dem Daumen nach links und nach rechts. Diesen Mann konnte fast nichts aufhalten oder herunterziehen, schon gar kein fehlender Arm.

„Dich heiraten? Völlig fremde Frauen wollen dich heiraten? Wissen sie, dass du …? Na, du weißt schon.“

Reed wischte hinüber zu seinem eigenen Profilbild. Es zeigte ihn deutlich. Er trug eine Uniform und ein Arm fehlte. „Das Einzige, was eine Frau noch anziehender findet als einen Mann in Uniform, ist eine verwundete Seele, die sie gesundpflegen kann.“

Fran seufzte. Nicht, weil er Reed für einen Idioten hielt. Fran wusste, dass sein Kamerad wirklich hoffte, mit dieser Tortur seine wahre Liebe zu finden. Reed war ein hoffnungsloser Optimist.

„Die App liefert 99-prozentige Übereinstimmungen. Wenn ich meine Lebensgefährtin hier nicht finde, dann gibt es sie nicht. Ich habe es auf diese fünf hier eingegrenzt. Mit einer gibt es eine 98-prozentige Übereinstimmung.“

Reed hielt das Foto einer hübschen Frau hoch. Das Foto war gestellt wie bei einem Model. Sie war blond und hatte hellgrüne Augen, trug aber für Frans Geschmack etwas zu viel Make-Up.

„Sie ist praktisch vollkommen“, sagte Reed. „Ich wollte am Wochenende etwas mit ihr trinken gehen. Aber sie ist bis zum Monatsende unterwegs.“

Fran wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er war sich nicht sicher, ob er Reed von seiner Liste der Soldaten, denen er helfen musste, streichen konnte oder ob er den Mann sogar noch besser im Auge behalten musste, um sicherzugehen, dass seine Zukunft wirklich geregelt war. Fran war entschlossen, dafür zu sorgen, dass alle Männer heiraten würden und damit auf der Ranch bleiben konnten, wenn er nicht mehr da war. Vielleicht würden diese arrangierten Ehen tatsächlich funktionieren, besonders wenn jeder im Voraus wusste, worauf man sich einließ.

Reed redete weiter und erzählte Fran von allen möglichen Eigenschaften der Frau. Doch Frans Gedanken waren anderweitig beschäftigt. Sean Jeffries erschien auf der Treppe, die zu den Sprechzimmern führte. Es war eine ehemalige Scheune der Ranch, die für Dr. Patel, die Krankenschwestern und die anderen Angestellten, die sich um die Veteranen und die Therapiepferde kümmerten, umfunktioniert worden war. Sean hielt die Tür auf und drehte seinen Kopf so, dass jeder, der ihm folgte, nur die unverletzte Seite seines Gesichts sah.

Als erstes trat Ruhi Patel heraus, Dr. Patels Tochter. Ruhi war Krankenschwester und kam oft auf die Ranch, um ihrem Vater bei den Soldaten zu helfen, die hier lebten oder hierherkamen, um sich helfen zu lassen.

In ein Gespräch vertieft, kamen Ruhi und ihr Vater die Treppe herunter. Sean blickte zu Boden. Doch Fran sah, wie er heimlich einen Blick auf Ruhi warf.

Fran seufzte. Er hatte schon lange vermutet, dass Sean eine Schwäche für Ruhi hatte. Wenn dies tatsächlich so wäre, dann wäre Sean sicher nicht dazu bereit, sich eine Frau auf einer Dating-App zu suchen. Und das würde bedeuten, dass Sean ebenfalls die Ranch verlassen musste.

Dr. Patel blickte auf und sah die anderen Männer. Er winkte sie zu sich.

„Wie ich sehe, benutzen Sie die App“, sagte Dr. Patel zu Reed.

„Ich habe nächste Woche ein Date mit einer Frau mit einer 72-prozentigen Übereinstimmung“, sagte Reed und hielt sein Handy hoch, das das Foto einer brünetten Frau mit einem runden Gesicht zeigte. Offensichtlich hatte er das Model mit den 98 Prozent ganz vergessen.

„Ich finde es ist ein Verbrechen, was Sie hier tun müssen“, sagte Ruhi. „Man kann einen Menschen doch nicht zwingen zu heiraten, damit er sein Zuhause nicht verliert.“

„Und ich dachte, Sie finden arrangierte Ehen gut“, sagte Reed.

„Aber das hier sind Zwangsehen. Das ist illegal.“

„Keiner zwingt uns“, sagte Reed. „Wir müssen nicht, wenn wir nicht wollen. Wir können auch woanders leben und nur zur Therapie herkommen.“

Sean blickte weg. Fran wusste, dass sein Kamerad keinen anderen Ort hatte, an den er gehen konnte, was bedeutete, dass in seiner Situation durchaus Zwang im Spiel war. Und auch Fran wollte nicht gehen. Er liebte es, morgens auf der Ranch aufzuwachen. Doch er hatte keine Wahl. Sein Herz ließ nicht zu, dass er blieb.

„Mein Vater versucht, jemanden für mich zu finden, seit ich ein Teenager bin“, sagte Ruhi. „Aber ich möchte keine arrangierte Ehe eingehen. Ich glaube, ich möchte nicht einmal heiraten. Heutzutage ist das doch gar nicht mehr nötig.“

Fran sah, wie es in Seans Hals arbeitete und ihm wurde klar, dass sein Kamerad Ruhi nicht nur ein bisschen mochte. Er war bis über beide Ohren in sie verliebt. Das würde ein Problem werden.

„Was ist mit Ihnen, Francisco?“, fragte Dr. Patel. „Sind Sie auf dem Heiratsmarkt?“