Auf Seinen Knien

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Auf seinen Knien

Copyright © 2018, Ines Johnson. All rights reserved.

Originally published by Ines Johnson, USA

Dieses Buch ist reine Fiktion. Alle in diesem Buch beschriebenen Personen, Orte und Handlungen sind frei erfunden oder werden fiktiv gebraucht.

Ohne die schriftliche Einwilligung der Autorin darf dieses Buch in keinerlei Form und auf keinem Weg weder ganz noch in Auszügen vervielfältigt oder übertragen werden. Ausgenommen sind autorisierte Händler.

© Copyright der deutschen Ausgabe 2021 by Ines Johnson

Übersetzung: Annerose Keller

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

Kapitel Eins

Das Trommeln der Hufe auf der Erde erinnerte an das Dröhnen von Artilleriefeuer – ein Geräusch, das Dylan Banks nur zu gut kannte. Die vergangenen fünf Jahre hatte er in einem Kriegsgebiet verbracht. Während dieser Zeit hatte er oft einen stahlblauen Himmel, endlose Sandhügel oder weite Felder voller Blumen in zarten Pastelltönen gesehen. Was für ein grausamer Scherz. Krieg sollte nicht schön sein.

Hier war der Himmel ebenfalls blau. Und es war nicht nur das Geräusch der trabenden und galoppierenden Pferde, das Dylan an den Krieg erinnerte. Seine Männer waren auch hier. Zumindest diejenigen, die es lebend herausgeschafft hatten.

Wer überlebt hatte, hatte viel verloren. Familie, Freunde, einen Teil seines Körpers, einen Teil seiner Seele. Doch an diesem Ort, der Bellflower Ranch, konnten sie wieder gesund werden.

Als sich Dylan umblickte, fiel ihm das Wappen der Ranch ins Auge. Es war eine purpurne Blume mit runden Blütenblättern. Die Blume erinnerte deutlich an ein Herz. In Angedenken der Narben und Wunden, die jeder von ihnen mit nach Hause gebracht hatte, nannten die Veteranen die Ranch, die zu ihrem Zufluchtsort geworden war, nur noch die Purple Heart Ranch.

Dylan trieb sein Pferd und sich selbst zu einer schnelleren Gangart an. Die süße Frühlingsluft traf ihn im Gesicht. Er zwang seinen Körper zu mehr, als er seinen Ärzten zufolge eigentlich leisten konnte. Seine Hüften mussten die Bewegungen des Pferdes abfangen und steuern. Er spürte, wie die kräftigen Muskeln des Pferdes seine eigenen stimulierten und ihm die Kraft gaben, die er brauchte, um wieder gesund zu werden.

Als er im Militärkrankenhaus aufgewacht war und festgestellt hatte, dass er kein vollständiger Mensch mehr war, hatte er nicht geglaubt, dass Heilung überhaupt möglich war. Doch auf der Purple Heart Ranch bekam er wieder einen Teil von sich zurück – so wie alle anderen hier.

Die Ranch war zu einem Zufluchtsort für Verwundete geworden. Einem Ort, an dem sie sich nicht vor ihren Albträumen – ob im Schlaf oder im Wachzustand – verstecken mussten. Dylan war seit seiner Entlassung nicht mehr gut auf Gott zu sprechen gewesen. Doch als er zum ersten Mal den Fuß auf die Ranch gesetzt hatte und auf sein erstes Pferd gestiegen war, war ihm klargeworden, dass Gott ihm einen neuen Lebenssinn schenkte.

Die Militärärzte hatten sein Leben gerettet, aber erst durch die Hippotherapie hatte er wirklich wieder angefangen zu leben. Erst das therapeutische Reiten, das oft bei Bewegungseinschränkungen eingesetzt wurde, hatte Dylan nach dem Krieg und seiner Verwundung wieder ins Leben zurückgeholt.

Er liebte das Reiten. Er liebte es, auf der Ranch zu leben. Er liebte es, dass er nicht mehr unter einem strahlend blauen Himmel nach Deckung suchen musste. Nach der Hölle, die er und die anderen Männer durchgemacht hatten, war die Purple Heart Ranch das, was für sie dem Himmel am nächsten kam.

Dylan zog an den Zügeln und das Pferd fiel in einen langsamen Trab. Sie kehrten auf den Reitplatz zurück, wo Dylan abstieg. Wo vorher ein stechender Schmerz gewesen war, spürte er nun ein deutliches Pochen, als er sein Bein über den Rücken des Pferdes schwang. Die Prothese ragte dabei steif in die Luft und die Muskeln in seinen Oberschenkeln und seinem Po fühlten sich wund an.

Mark, der Physiotherapeut, wartete. Er hütete sich, den stolzen Kämpfern seine Hilfe anzubieten. Aber er wusste auch, wann er ihren Stolz ignorieren und sie unterstützen musste.

Obwohl Dylan alles wehtat, brauchte er an diesem Tag keine Unterstützung. Vorsichtig ließ er sich auf den Boden hinab und nutzte dabei vor allem die Kraft seines Oberkörpers. Einen Moment lang stand er schwankend da, bis er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, dann nickte er Mark zu.

Der Therapeut schüttelte nur den Kopf. Er machte sich nicht die Mühe, Dylan zurechtzuweisen oder überhaupt einen Kommentar abzugeben. Das tat dafür ein anderer.

„Sie waren länger unterwegs als abgesprochen, Kamerad.“

Dylan starrte Dr. Patel von oben herab an. Doch obwohl Dylan den alten Herrn um fast einen halben Meter überragte, war Dr. Patel eine eindrucksvolle Erscheinung. Er lächelte, aber seine Augen blickten streng und durchdringend. Ihm entging nichts. Seine Stimme klang zwar tadelnd, aber mit dem leicht singenden Akzent seiner indischen Heimat auch väterlich.

„Ich schaffe das schon“, sagte Dylan, als er auf den Mann zuging. Er versuchte, sich sein Unbehagen nicht anmerken zu lassen, als seine Beinprothese ein wenig einknickte.

Doch Dylan wusste, dass er dem Psychotherapeuten nichts vormachen konnte, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ansah. „Nur weil Sie etwas tun können, heißt das noch lange nicht, dass Sie es auch tun sollten.“

Der ältere Mann macht einen Schritt auf ihn zu, doch genau wie Mark hütete Dr. Patel sich davor, seine Hilfe anzubieten, wenn es nicht unbedingt nötig war. Und Dylan achtete darauf, dass es nie nötig war. Er brauchte keine stützende Hand. Er musste nur sein Gewicht anders verlagern.

Wahrscheinlich hatte sich der Schaft seiner Prothese gelockert. Er blieb stehen und beugte sich nach vorn, um seinen Beinstumpf wieder in den Schaft zu drücken, bis er das verräterische Klicken hörte, als Schaft und Liner wieder ineinandergriffen.

„Mein alter Kumpel hier und ich kommen wunderbar miteinander aus“, sagte Dylan, als er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. Die Beinprothese machte ihn zwei Zentimeter größer. Immerhin ein Vorteil.

„Ihr Körper ist fast gesund“, sagte Dr. Patel. „Allen Männern hier geht es körperlich recht gut. Aber auch Ihr Herz muss heilen. Und die inneren Wunden heilen durch Liebe.“

Dylan hatte diese Ansprache schon früher gehört. Er hatte der Therapie für seine Seele zugestimmt. Ihm war bewusst, dass er nach allem, was er durchgemacht hatte, jemanden brauchte, mit dem er über die Schrecken des Krieges reden konnte. Doch es gefiel ihm nicht, wenn der gute Doktor sein Herz ins Visier nahm.

„Vielleicht sollten Sie Ihre Familie einladen?“, schlug Dr. Patel vor.

Dylan schüttelte den Kopf. Er hatte kein Verlangen danach, seine Familie zu sehen. Und sie hatten deutlich gemacht, dass sie nun, da er nur noch ein halber Mann war, ganz gut ohne ihn zurechtkamen.

„Oder wie wäre es mit einem Date?“, fuhr Dr. Patel fort.

Keiner der Veteranen auf der Ranch hatte Dates. Außer Xavier Ramos vielleicht. Ramos hatte noch alle seine Gliedmaßen und sah immer noch gut aus. Die Frauen, mit denen er ausging, würden seine Verwundung nicht sehen, solange er seine Kleidung nicht auszog.

„Allerdings bin ich immer noch nicht davon überzeugt, dass man dafür wirklich Apps und Computer verwenden sollte“, sagte Dr. Patel. „In meinem Land haben wir uns darauf verlassen, dass unsere Eltern gute Lebenspartner für uns finden würden.“

Dylan hatte Mrs. Patel schon mehrere Male getroffen. Ihm wurde jedes Mal warm ums Herz, wenn er das Paar zusammen sah. Sie waren so rührend aufmerksam miteinander, lächelten einander heimlich zu und machten manchmal viel Wirbel um ganz kleine Dinge.

Dylan hatte immer gedacht, was für ein Glück er doch hatte. Doch die Frau, der er seinen Ring geschenkt hatte, hatte ihn ihm zurückgegeben, noch bevor er aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Seine Verwundung hatte ihn daran gehindert, ihr hinterherzulaufen. Sein Stolz hätte das ohnehin nicht zugelassen. Und seinem Herzen war es nicht wichtig genug gewesen.

 

„Ich suche gerade nicht nach Liebe“, sagte Dylan. Der Einfachheit halber ließ er die Worte „nie mehr“ weg.

Er würde nie wieder nach Liebe streben. Wenn ihn nicht einmal seine eigene Familie lieben konnte und seine Verlobte ihn verlassen hatte, nachdem sie gesehen hatte, was aus ihm geworden war, wie sollte dann jemals eine Fremde in der Lage sein, den Mann zu lieben, der er für den Rest seines Lebens sein würde?

„Das ist der Vorteil bei arrangierten Ehen“, sagte Dr. Patel. „Da findet man zuerst den Partner. Die Liebe kommt später.“

„Wollen wir mit der Sitzung anfangen?“, fragte Dylan und deutete auf den Weg zu Dr. Patels Büro, um ihn abzulenken. „Ich habe mehrere Albträume gehabt.“

Im Gegensatz zu einigen anderen Veteranen auf der Ranch hatte Dylan nie Albträume. Sein Schlaf war dunkel und traumlos.

Auch dieses Mal ließ sich Dr. Patel nicht täuschen, aber er folgte Dylan zu seinem Sprechzimmer. Dylan wusste, dass der alte Mann es gut meinte, aber das war eine Sache, auf die er sich nicht einlassen wollte. Er war in seinem Leben schon genug verletzt worden.

Kapitel Zwei

Maggie blickte auf das schlafende Tier auf ihrem Operationstisch. Das helle Licht des Operationssaals erleuchtete den Raum und warf keinerlei Schatten auf ihre Hände. Das Skalpell in ihrer Hand würde diesmal nicht das übliche Wunder bewirken können und sie hatte keinen Trumpf mehr im Ärmel. Der Hund würde seine beiden Hinterbeine verlieren.

Obwohl das Tier narkotisiert war, zitterte seine Unterlippe, als ahnte es, was mit ihm passieren würde. Es sah aus, als würde es trotz aller Umstände versuchen, nicht die Fassung zu verlieren. Wenn jemand das verstand, dann sie. Das Leben hatte dem kleinen Kerl offenbar gehörig zugesetzt und ihn dann sich selbst überlassen.

Er hatte keine Hundemarke und kein Halsband. Irgendwann im Laufe des frühen Morgens hatte ihn jemand einfach auf der Schwelle der Tierarztpraxis abgesetzt. Als Maggie zur Arbeit gekommen war, hatte sie das blutende Tier auf den makellos sauberen Stufen gefunden. Der Hund hatte sie misstrauisch angeschaut. Er war zu erschöpft gewesen, um zu knurren. Resigniert hatte er die Augen geschlossen, während er darauf wartete, dass sie ihm etwas noch Schlimmeres antat, als ihm bisher geschehen war. Doch sie hatte ihn nur hochgehoben, in die Klinik hineingetragen und sich an die Arbeit gemacht.

Die Geschichte des Hundes hätte Maggies eigene Lebensgeschichte sein können. Obwohl sie nie körperlich geschlagen worden war, hatte sie mehr als genug seelische Schläge einstecken müssen. Als Grundschulkind war sie von ihren Eltern verlassen worden. Während sie in der Schule war. Sie hatten sie einfach dort gelassen und nie abgeholt.

Seitdem hatte sie in Pflegefamilien gelebt und auf die Rückkehr ihrer Eltern gewartet. Doch sie waren nie wieder zurückgekehrt.

Am Anfang hatte sie es als ihr Los hingenommen. Sie wusste, dass viele Tiere ihre Jungen früh sich selbst überließen. Doch dieser Gedanke hatte sie nicht lange überzeugen können, denn sie hatte weiterhin Eltern gesehen, die ihre Kinder von der Schule abgeholt, sie ins Auto gesetzt und mit nach Hause genommen hatten. Sie hatte zugeschaut, wie Geschwister und Kinder aus der gleichen Straße oder Kinder mit den gleichen Interessen Gruppen bildeten und zusammenhielten und sich gegen die wandten, welche allein waren.

Maggie war allein gewesen. Die anderen Kinder, die wie sie in Pflegefamilien lebten, hatten sie entweder nicht in ihre Gruppe aufgenommen oder waren adoptiert worden und nie wieder zurückgekehrt. Maggie hatte nie eine Herde gehabt; oder zumindest keine menschliche.

Kein Erwachsener war je für sie eingetreten. Man hatte sie einfach im System versauern lassen, da sich nie eine Familie gefunden hatte, die sie hatte adoptieren wollen. Sie war ein Pflegekind gewesen, ein anderes Wort für „willkommene Geldquelle“ oder „billige Arbeitskraft“, bis sie erwachsen geworden war und sich aus dem Teufelskreis befreien und auf eigenen Füßen hatte stehen können.

Doch dieser arme Hund hier vor ihr konnte aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr auf seinen eigenen vier Pfoten stehen. Er würde nie mehr rennen können. Niemand würde einen behinderten Hund haben wollen. Das arme Tier hatte nie jemanden gehabt, der sich für es eingesetzt hatte. Und nun würde es eingeschläfert werden.

Maggie legte das Skalpell zur Seite und nahm die Nadel mit der blauen Flüssigkeit zur Hand. Das Pentobarbital würde für das arme Tier eine Erlösung sein. Sie wusste das. Sie hatte unzählige andere Fälle gesehen, die mit einer Verletzung oder Krankheit begonnen hatten und hier auf diesem Tisch geendet waren, unter diesen Lampen, mitten in diesem Operationssaal, wo niemand mehr ein freundliches Wort oder eine zärtliche Streicheleinheit für sie übrig hatte.

„Beeil dich, Maggie. Ich habe eine Verabredung auf dem Golfplatz und muss um zwei am Abschlag sein.“

Dr. Arthur Cooper war der Eigentümer des Operationssaals, in dem Maggie gerade stand. Für ihn gab es in Fällen wie diesem ein festgelegtes Prozedere, und die Geschichte endete immer gleich.

„Jetzt setz dem Köter schon die Spritze, damit ich für heute zumachen kann.“ Während er das sagte, schaute er weder sie noch das Tier an, dessen Leben gleich zu Ende sein würde.

Ein Geräusch hinter der Tür ließ Dr. Cooper aufblicken. Er setzte sein interessiertes Gesicht auf, als eine der neueren Sprechstundenhilfen hereinkam. Natürlich lächelte er sie an. Er musste schließlich die Fassade aufrechterhalten, dass er ein anständiger Mensch war.

Einen Augenblick später verwandelte sich sein interessierter Ausdruck in ein erfreutes Lächeln, als ihm eine Kundin ihre alte, stinkende, an Arthritis leidende Katze präsentierte. Es war eine sehr gute Kundin. Sie kam zu jeder Untersuchung, die man ihr vorschlug, kaufte die teuersten Futtermarken, die er in diesem Monat besonders anpries und war immer bereit, sich die neusten Angebote der Tierversicherungen anzuschauen. Sobald die Dame und ihre Katze wieder gegangen waren, verschwand die Freundlichkeit von seinem Gesicht und wich einem angeekelten Ausdruck.

Maggie hasste den Mann. Wie konnte man nur mit Tieren arbeiten, ohne dass man sie überhaupt mochte? Für ihn waren sie nur so viel wert, wie sie ihm einbrachten. Maggie als Angestellte hingegen konnte sich den Luxus leisten, nicht so herzlos zu sein. Sie verdiente ohnehin nicht genug.

Eigentlich konnte sie sich überhaupt keinen Luxus leisten. Und sie konnte es sich ganz bestimmt nicht leisten, noch ein verletztes Tier aufzunehmen. Maggie schaute hinab auf den schlafenden Hund auf dem Tisch. Eine einzelne Träne rollte über ihre Wange. Und auf einmal wusste sie, was sie zu tun hatte.

Maggie schaute zu Dr. Cooper auf und setzte ein falsches Lächeln auf, das dem seinen Konkurrenz machte. „Wollen Sie nicht für heute Feierabend machen und gehen? Ich beende das hier und mache dann die Klinik für Sie zu.“

Dr. Cooper beäugte sie misstrauisch. Dann schaute er hinab auf den Hund. „Sie werden nicht wieder Probleme machen, oder? Sie haben mich schon einmal hintergangen. Wenn das noch einmal passiert, werden Sie entlassen.“

Das war das Problem mit Ärzten. Sie waren ziemlich kluge Menschen. Als Maggie das letzte Mal einen Hund hatte einschläfern sollen, hatte sie ihn aus der Hintertür der Klinik hinausgeschmuggelt. Er lag jetzt gemütlich in ihrer Wohnung. Vermutlich in ihrem Schrank auf einem Haufen Schuhe.

„Dieses Tier würde sowieso keine Lebensqualität mehr haben“, sagte Dr. Cooper gerade. „Es würde hunderte von Dollar pro Monat kosten, ihn zu versorgen.“

Ist ein Leben das nicht wert?, wollte sie fragen. Aber das tat sie nicht. Stattdessen sagte sie etwas, das ebenfalls stimmte. „Ja, ich verstehe. Ich habe meine Lektion gelernt. Ich brauche diese Arbeit, damit ich mich um die Tiere kümmern kann, die ich schon habe.“

Sie hatte vier Hunde, alle mit schweren Verletzungen oder Krankheiten, die sie mehr Geld kosteten als ihre Miete. Wenn sie die Stelle verlieren würde, hätte sie nicht mehr genug Geld, um alle zu versorgen oder ihre Wohnung zu bezahlen.

Maggie nahm die Spritze in die Hand und schnipste ein paar Mal mit dem Zeigefinger dagegen.

Dr. Cooper schaute auf die Uhr. Dann blickte er wieder zu ihr. Seine Golf-Verabredung gewann, wie sie es erwartet hatte. Er drehte sich in seinen teuren Schuhen aus Krokodilleder um und ging zur Tür hinaus.

Maggie atmete erleichtert auf und legte die Spritze wieder hin. Sie verband den Hund. Die Verletzung war schon länger her und hatte bereits begonnen zu heilen. Jetzt musste sie neben seinem Körper nur noch seine Seele gesundpflegen.

Sie wickelte den Hund in eine Decke und ging mit ihm nach hinten. Beinahe hatte sie die Tür erreicht, als sie um eine Ecke bog und direkt in Dr. Cooper hineinlief, der von seiner Uhr aufschaute und ihr direkt ins Gesicht blickte. Natürlich war das genau der Moment, in dem der Hund aus seiner Narkose erwachen und bellen musste.

Es war ein leises, unsicheres Bellen, das sie vielleicht noch als das Knurren ihres eigenen Magens hätte ausgeben können. Schließlich hatte sie wieder einmal das Mittagessen ausgelassen. Doch für das kleine Rinnsal, das aus der Decke heraus und direkt auf Dr. Coopers teure Lederschuhe lief, hatte sie keine Erklärung. Aber eigentlich freute sie sich sogar darüber.

Der kleine Hund war ein braves Kerlchen. Sie wusste nicht, wie sie ihn jetzt, da sie ihre Arbeit verloren hatte, ernähren und versorgen sollte, aber sie würde ihn behalten.

Kapitel Drei

Nach seiner Sitzung mit Dr. Patel ging Dylan zurück in den Stall. Der gute Doktor hatte ihn wegen der erfundenen Albträume nicht weiter gedrängt. Er hatte auch nicht direkt das Gespräch über Beziehungen weitergeführt. Was er getan hatte, war noch viel schlimmer gewesen. Er hatte Dylan in ein Gespräch über seine aufgelöste Verlobung verwickelt.

Hilary Weston war das Mädchen von nebenan gewesen. Aber „nebenan“ war in diesem Fall die Etage unter dem Penthouse in einem der exklusivsten Apartmenthäuser von New York City gewesen. Da Dylan über ihr gewohnt und immer wieder gesehen hatte, wie sie vor ihm herumstolziert war, war es unvermeidlich gewesen, dass sie eines Tages an seinem Arm landen würde.

Mit Hilary hatte Dylan viele Dinge zum ersten Mal erlebt. Zum ersten Mal verliebt zu sein. Zum ersten Mal eine Freundin zu haben. Zum ersten Mal … alles.

Sie war nicht sehr begeistert gewesen, als er ihr eröffnet hatte, dass er zum Militär gehen wollte. Mit dem Geld seiner Familie und seinem Treuhandfonds hätte Dylan sich gleich mehrere Leben lang auf seinen Lorbeeren ausruhen können. Doch er hatte sich dazu berufen gefühlt, Soldat zu werden.

Er war mit dem Versprechen gegangen, nur einen Einsatz zu absolvieren und dann zurückzukommen und sie zu heiraten – mit einer Hochzeit, die so großartig werden sollte, wie sie es sich gewünscht hatte. Sie hatten gewitzelt, dass sie die gesamte Zeit seines Einsatzes benötigen würde, um das soziale Ereignis des Jahrzehnts zu planen. Doch als Dylan verletzt und mit einem fehlenden Bein zurückgekommen war, hatte Hilary ihre Pläne geändert.

Es hatte keine Rolle gespielt, dass sie mit ihm finanziell versorgt gewesen wäre. Sie war selbst eine Erbin. Es hatte für sie auch keine Rolle gespielt, dass er ein Kriegsheld war. Sie war ein Liebling der Gesellschaft. Die Klatschpresse schrieb ständig über sie. Äußerlichkeiten waren für Hilary Weston sehr wichtig, und ein verwundeter Soldat, dem ein Bein fehlte, war kein schöner Anblick.

Sie hatte die Tür hinter sich ins Schloss geworfen, als sie das Patientenzimmer des Militärkrankenhauses verlassen hatte, sich mit einem anderen Mann verlobt und ihn geheiratet – alles innerhalb der vergangenen sechs Monate. Dylan hatte gehört, dass der Mann eine Art Reality-TV-Star war. Und nun war Hilary das auch.

Er betrachtete die Sache gern wie eine Kugel, der er gerade noch entgangen war. Aber er hatte erlebt, wie es war, echten Kugeln zu entgehen. Ihre Abweisung schmerzte.

Dieses Leben war vorbei. Das hier war jetzt sein neues Leben. Und es war eines, in dem er aufblühte.

 

Dylan wandte sich von seinen schmerzhaften Erinnerungen ab und schaute sich auf der Ranch um. Er hatte das Leben in der High Society gegen das Ausmisten von Ställen und das Pflügen von Feldern eingetauscht. Es war die beste Entscheidung seines Lebens gewesen.

Die Ranch hatte um ihr Überleben gekämpft, bevor er ihr einen kleinen Teil seines Erbes vermacht hatte. Seine Eltern hatten sich dagegen gewehrt, bis ihnen klar geworden war, dass ihnen das Arrangement im Grunde nur zu Gute kam. Ihr entstellter Sohn würde dort vor den Augen der Gesellschaft verborgen sein. Wie Hilary legten auch die Banks großen Wert auf die äußere Erscheinung. Ein mit Auszeichnungen geehrter Soldat, der seinem Land gedient hatte, machte einen guten Eindruck – aber ein Beinamputierter, der durch die Gegend humpelte, nicht.

Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde Dylan durch den Klang der Hufe an Artilleriefeuer erinnert. Doch er litt nicht an einer posttraumatischen Belastungsstörung im eigentlichen Sinne. Es war nur das durch seine Familie erlittene Trauma, das ihn belastete. Daher konnte er Sean Jeffries freundlich anlächeln, als er sah, wie der Mann im Trab auf ihn zugeritten kam.

Jeffries war mit allen seinen Gliedmaßen aus dem Krieg zurückgekehrt. Doch wie alle Männer auf der Ranch hatte er einen Teil von sich im Kriegsgebiet zurückgelassen. Sein Gesicht lag im Dunklen. Die Sonnenbrille tauchte das Antlitz des dunkelhaarigen Mannes auf dem Pferd in tiefe Schatten. Jeffries wollte nicht, dass andere Menschen die Narben in seinem Gesicht sahen.

Trotz allem saß Jeffries aufrecht und hielt seinen Kopf hoch. Das Leben sah anders aus, wenn man auf dem Rücken eines Pferdes saß. Die Therapie half ihnen nicht nur bei der Heilung ihrer körperlichen Verletzungen; dank ihr verbesserten sich auch ihr Gleichgewichtssinn, ihre Körperbeherrschung und die Koordination ihrer Bewegungen mit dem Gehirn. Ein so großes Tier steuern zu können und die Kontrolle über sich selbst zurückzugewinnen, ließ ihr Selbstwertgefühl wachsen und schenkte ihnen ein Gefühl der Freiheit.

Auf der Ranch wurde aber nicht nur Hippotherapie angeboten. Die Arbeit im Garten unterstützte ihren Fühl- und Tastsinn. Aufgaben wie das Schieben einer Schubkarre, Rechen, Hacken, Unkrautjäten, Pflanzen oder selbst das Arrangieren von Blumen halfen ihnen dabei, motorische Fähigkeiten aufzubauen oder wiederzugewinnen.

Reed Cannon lag im Garten auf den Knien. Er grub Löcher in die Erde und pflanzte in regelmäßigem Abstand zueinander Blumen. Die Finger der einen Hand arbeiteten in der fruchtbaren Erde, während die andere steif auf dem Boden lag. Er hatte die Hand bei der gleichen Explosion verloren, die auch Dylan das Bein geraubt hatte.

Dylan setzte seinen Weg durch die Gärten fort und schritt an den violetten Glockenblumen vorbei, nach denen die Ranch benannt war. Doch an diesem Ort gab es nicht nur Blumen- und Gemüsegärten. Es gab auch einen Schmetterlingsgarten, in dem die Veteranen Ruhe und Frieden genießen konnten. Sie sollten hier nicht nur körperlich und seelisch heilen, sondern auch emotional. Dylan und die anderen Männer hatten rollstuhlgängige Wege angelegt, damit der Garten für alle zugänglich war.

Auch ältere Veteranen kamen auf die Ranch, um sich helfen zu lassen. Die Kriege, die sie erlebt hatten, mochten schon länger zurückliegen, doch ihre Wunden waren immer noch frisch. Dylan hoffte, dass sie eines Tages auch eine Ranch für gefährdete Jugendliche eröffnen könnten, damit sie die Hilfe bekamen, die sie brauchten, um eine Chance auf eine gute Zukunft zu haben. Nein, er bereute es kein bisschen, die feine Gesellschaft verlassen zu haben. Das hier war die Gesellschaft, die er erschaffen wollte.

Als Dylan die Gärten hinter sich ließ, stieg ihm der Geruch des Viehs in die Nase. Francisco DeMonti stand mitten in einer Schafherde. Durch die Kleintierhaltung lernten die Männer wieder neu, Beziehungen zu anderen Wesen aufzubauen. Tiere waren dafür perfekt geeignet. Viele schenkten einem Menschen ihre bedingungslose Liebe, ganz besonders, wenn man Futter in der Hand hatte.

Fran hatte keine sichtbaren Narben. Seine Wunden waren gut in seinem Inneren versteckt, aber sie konnten ihn immer noch töten.

„Guten Ausritt gehabt heute Morgen?“, fragte Fran, als er die Umzäunung verließ und sich zu Dylan gesellte, der auf die Hauptgebäude zuging.

Dylan nickte.

„Hab einen Anruf von einem alten Freund im Veteranencenter bekommen“, sagte Fran. „Sie wollten wissen, ob wir noch ein paar Soldaten mehr aufnehmen können.“

„Wir haben genug Platz.“

Auf der Ranch gab es mehrere Unterkünfte, doch die meisten Soldaten verließen die Ranch wieder, nachdem ihre Therapie oder Reha vorüber war. Viele hatten Familien, zu denen sie zurückkehren konnten. Andere hatten festgestellt, dass das Leben auf der Ranch auf Dauer nicht zu ihnen passte. Die fünf Veteranen, die sich für ein dauerhaftes Leben hier entschieden hatten, hatten diesen Luxus nicht oder wollten nicht in ihr altes Leben zurückkehren. Für sie war nun dies ihr Zuhause.

„Wir nehmen jeden auf, der Hilfe braucht“, sagte Dylan.

Und das konnten sie tatsächlich, ohne Angst vor den Kosten haben zu müssen. Dank ihrer Kriegsveteranenrente, die sie Dylans Willen folgend nicht für die Belange der Ranch einsetzen durften, den Zuschüssen der Regierung, die Dylan dazu verwendete, den Lohn für alle Arbeiter zu erhöhen, und Dylans Treuhandfonds, durch welchen der Großteil der Ausgaben gedeckt wurde, würden sie nie jemanden abweisen müssen. Im Gegensatz dazu, wie seine Familie ihn behandelt hatte.

„Einen schönen Abend, Jungs“, rief Dr. Patel ihnen zu. Er eilte zu seinem Auto, in der einen Hand seine Aktenmappe, in der anderen Hand seine Bibel. Der Mann war nicht nur ein anerkannter Psychotherapeut, sondern auch ein Pastor.

„Auf dem Weg zur Kirche?“, fragte Fran.

„Das bin ich.“ Dr. Patel lächelte ihnen zu. „Ich habe noch Platz auf dem Beifahrersitz, falls Sie mitkommen möchten.“

„Ein anderes Mal”, sagte Fran.

Dylan blieb stumm. Seine Beziehung zu dem da oben war noch nicht wieder in Ordnung und er war nicht bereit dazu, genau jetzt damit anzufangen. Aber Dr. Patel schaute sie beide einfach mit diesem wissenden Lächeln an. Hätte Dylan den Mann nicht so sehr respektiert, hätte er sich über dessen unerschütterlichen Optimismus, seine unendliche Geduld angesichts widriger Umstände und seine stetige Gewissheit in allen Dingen geärgert.

Gerade als Dr. Patel seine Autotür öffnete, fuhr ein anderer Wagen vor. Es war ein teures Luxusmodell. Einen Augenblick lang fragte sich Dylan, ob es sein Vater wäre. Doch er wusste, dass sein Vater niemals Manhattan verlassen würde, um ihn hier mitten im amerikanischen Nirgendwo zu besuchen.

Der Mann, der aus dem Auto stieg, trug einen teuren Anzug. Das Modell war von der Stange und nicht maßgeschneidert. Sein Vater würde nie im Leben etwas anziehen, das nicht eigens für ihn hergestellt worden war. Dylan erkannte Michael Haskell, den für die Ranch zuständigen Immobilienmakler.

Haskell war nüchtern und direkt. Er verlor keine Zeit mit Smalltalk und unwichtigen Details. Dylan hatte das Land vor beinahe einem Jahr gepachtet und wartete nun darauf, dass der Kauf abgeschlossen wurde. Es fehlten nur noch ein paar kleinere Details, bevor er die Kaufurkunde in den Händen halten würde.

„Wir haben ein Problem“, sagte Haskell. „Dieses Land war ursprünglich für die Nutzung durch Familien gedacht. Solange keine Familie hier lebt, wird nichts aus dem Verkauf.“

„Diese Soldaten sind eine Familie“, sagte Dylan.

„Diese Soldaten sind eine Gruppe Männer”, erwiderte Haskell, „von denen keiner verheiratet ist.“

Dylan verstand nicht, wieso das ein Problem sein konnte. Er kaufte schließlich ein Stück Land und keinen Freizeitpark. Warum kam es darauf an, wer auf diesem Land lebte?

„Wie können wir dieses Problem lösen?”, fragte Fran, der immer praktisch dachte. „Können wir die Klausel ändern?”

„Das wird mehrere Monate dauern, und Sie müssen währenddessen das Land verlassen“, sagte Haskell. „Ich nehme nicht an, dass einer von Ihnen vorhat, demnächst zu heiraten?“