Bloomwell - ein recht beschaulicher OrtText

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Bloomwell – ein recht beschaulicher Ort

Ein Roman von Sandra Busch

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2020

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© JeniFoto – shutterstock.com

© Astrid Gast – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-405-6

ISBN 978-3-96089-406-3 (epub)

Inhalt:

Ich bin kein Snob. Bestimmt nicht. Ich trage nur gerne Anzüge und lege Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild. Und in dieses winzige Nest bin ich nicht freiwillig gezogen, sondern ich wurde wegen dienstlicher Diskrepanzen versetzt. Damit hat man weder mir und schon gar nicht Bloomwell einen Gefallen getan, denn ich stoße bereits in den ersten Tagen auf Ungereimtheiten in diesem recht beschaulichen Ort. Zum Glück punktet das Dorf durch seinen attraktiven Handwerker …

Sonntag, 02. Juni

Kreischend, so laut, dass es in den Ohren schmerzt, fährt der Zug an und verschwindet in der dunklen Nacht. Lediglich in Gesellschaft meiner beiden Koffer bleibe ich allein auf dem Bahnsteig zurück, denn ich bin der einzige Fahrgast, den die Bimmelbahn an dieser winzigen Station ausgespuckt hat. Eine Laterne flackert und verbreitet diffuses Licht, das die Gleise schwach beleuchtet. Die Szenerie hätte aus einem alten Gruselfilm stammen können, zumal in diesem Moment ein leichter Regen einsetzt, der meine Laune nicht unbedingt verbessert. Entgegen einer stillen Hoffnung holt mich niemand ab. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil ich viel später als geplant eingetroffen bin. Einer der Züge hatte wegen einer technischen Panne Verspätung, weswegen ich den Anschluss verpasste und drei geschlagene Stunden auf den nächsten Milchkannenexpress warten musste, der Bloomwell anfährt. Okay, eine Blaskapelle habe ich ohnehin nicht erwartet. Die Enttäuschung über das fehlende Empfangskomitee hält sich daher in Grenzen.

Mit wenig Begeisterung mustere ich die Umgebung, die sich auf den Lichtkreis der Laterne beschränkt. Eine gusseiserne, von Feuchtigkeit glänzende Bank befindet sich direkt vor mir. Daneben stehen ein Abfalleimer und eine Tafel mit dem Fahrplan und den Ticketpreisen. Ein Fahrkartenautomat rundet das Serviceangebot des Bahnhofs ab.

Wenn der Rest des Dorfes genauso trostlos ist, dann gute Nacht, denke ich niedergeschlagen. Der Regen beginnt mir aus den Haaren zu tropfen und in den Mantelkragen zu laufen. Darum nehme ich die schweren Koffer auf und marschiere entschlossen voran. Eine Wegbeschreibung zu meinem kleinen Haus sowie den zugehörigen Schlüssel habe ich vorab von dem beflissenen Immobilienmakler erhalten. Daher bin ich frohen Mutes, den Weg durch das schlafende Dorf zu finden.

Schmale Gassen mit Kopfsteinpflaster führen mich in Bloomwells Dorfmitte, wo Laternen kaltes Licht spenden und gerade noch einen klobigen Brunnen beleuchten. Auf dem Brunnenrand sitzt ein Mann mit hochgeschlagenem Jackenkragen. Er raucht. Den Regen ignoriert er dabei mit bewundernswerter Gelassenheit. Im Dunkeln ist von seinem Gesicht nicht viel zu erkennen, nur das Ende der Zigarette glüht ab und an orangefarben auf, wenn er die Lungen mit Rauch füllt.

„Guten Abend, Mr. Culpepper, Sir“, grüßt er und tippt sich dabei mit zwei Fingern gegen die Stirn.

„Guten Abend“, entgegne ich mit einiger Verwunderung, weil der Fremde meinen Namen kennt.

„Sie sind spät dran.“

„In der Tat.“

„Sie müssen sich dort drüben rechts halten, Sir.“

„Besten Dank.“ Ich nicke dem Fremden zu und marschiere weiter.

Der Weg führt mich zurück in die Finsternis zwischen den Häusern, deren Vorgärten zum Dorfrand hin größer und üppiger werden. Es platscht, wird nass und kalt. Ich stoppe abrupt und hebe leise fluchend den Fuß aus einer Pfütze, in die ich unachtsam hineingestiefelt bin. Wasser tränkt meine Socke und den Hosenaufschlag, daher krümme ich unbehaglich die Zehen. Mittlerweile ziehen mir die schweren Koffer die Arme in die Länge. Trotzig beiße ich die Zähne zusammen und schleppe sie weiter. Es bleibt mir ohnehin nichts anderes übrig.

Die schmale Gasse verwandelt sich in einen nicht asphaltierten Ziegenpfad, der zwischen Rosenhecken entlangführt. Und jetzt geht der letzte Rest meiner Laune flöten, als ich mit den teuren Lederschuhen durch den Matsch stapfen muss. Zu allem Überfluss nimmt der Regen kräftig zu.

Blöder Mist!

Mühsam unterdrücke ich einen hässlichen Fluch.

Plötzlich ertönt ein tiefes Knurren. Bei dem unerwarteten Geräusch jagt mein Puls wie eine Rakete in die Höhe. Erschrocken bleibe ich mit wild klopfendem Herz stehen, während die Hände um die Koffergriffe herum schwitzig werden. Angestrengt versuche ich, in der Finsternis etwas zu erkennen.

Da!

Ein Lichtkegel!

„Guten Abend, Mr. Culpepper.“

Aus dem Regen und der Dunkelheit schält sich die Gestalt eines älteren Mannes mit Regenmantel und Gummistiefeln. In einer Hand hält er eine Taschenlampe, mit der anderen führt er an einer Leine einen verflixt großen Mischlingshund, der weiterhin knurrt. So wie der Hund aussieht, hat er von sämtlichen Rassen das Hässlichste und Gemeinste in sich vereint.

„Kein nettes Begrüßungswetter, nicht wahr? Aber Sie haben es ja gleich geschafft.“

„Das ist korrekt. Sofern ich mich auf dem richtigen Weg befinde.“ Ich drehe den Kopf zur Seite. „Das Licht blendet.“

„Ich bitte vielmals um Verzeihung.“ Der Strahl der Taschenlampe richtet sich auf den Boden. „Sie müssen bloß ein paar Yards dort runter. Das letzte Haus ist Ihres.“

„Vielen Dank, Mr. … Äh?“

„Fairchild. Oscar Fairchild. Mir gehört der Antiquitätenladen.“

„Also vielen Dank, Mr. Fairchild. Weiterhin einen schönen Abend.“ Ich drücke mich auf dem schmalen Weg an dem Hund vorbei, was mit den Koffern kein leichtes Unterfangen ist. Zumindest hat Fairchild nicht gelogen, denn in weniger als eine Minute erreiche ich einen wackligen Gartenzaun, der sich lediglich wegen der ungehindert wuchernden Vegetation aufrecht hält. Inmitten des verwilderten Gartens liegt ein Häuschen. Es scheint sich zu ducken, als ob es keine Aufmerksamkeit erregen will. Wie heißt es so schön im Volksmund? Der erste Eindruck ist ein bleibender?

„Holy moly!“

Ich stelle einen Koffer ab, um das Gartentor zu öffnen – und lasse den zweiten fallen, damit ich das Tor auffangen kann, das mir für eine wenig zärtliche Umarmung entgegenkippt.

„Marode“, knurre ich angefressen, lehne das Tor gegen einen Strauch und nehme das Gepäck erneut auf. Langhalmiges Gras und Blumenstängel streifen meine Hosenbeine, als ich dem Natursteinweg zum Haus folge. Wie mag der Garten erst bei Tag aussehen? Die Haustür befindet sich jedenfalls im festen Griff eines Rosenstocks, sodass ich mich ducken muss, um nach dem Öffnen eintreten zu können. Endlich im Trockenen! Zur Krönung des Tages passiert nichts, als ich den Lichtschalter betätige.

„Ruhig bleiben. Ruhig bleiben.“

Die Koffer stelle ich im Flur ab und tappe wie ein Zombie mit ausgestreckten Armen langsam voran. Prompt stolpere ich über eine Türschwelle und taumle in einen Raum hinein. Es handelt sich dabei offenbar um die Küche, denn ich berühre die Knöpfe eines Backofens und den Griff an einem Kühlschrank. Im nächsten Moment ramme ich mit der Hüfte eine Tischkante.

Autsch!

Das tut weh.

„Bloody hell!“

Meine suchenden Finger gleiten über die Tischplatte, ertasten eine Öllampe und ein Feuerzeug. Zwei Sekunden später habe ich Licht und atme erleichtert auf. Neben der Lampe entdecke ich eine Papiertüte mit Sandwiches, eine Thermoskanne, einen Schlüssel und eine handgeschriebene Nachricht, die ich mir sofort greife.

Sehr geehrter Mr. Culpepper.

Ich heiße Sie in Bloomwell herzlich willkommen.

Hoffentlich hatten Sie eine angenehme Anreise.

Leider sind die Sicherungen Ihres Häuschens defekt, sodass ich Ihnen die Öllampe für diesen Abend überlasse. Gleich morgen werde ich einen Elektriker aus Doddiscombsleigh mit der Reparatur beauftragen.

Anbei ein kleiner Imbiss, der hoffentlich Ihren Geschmack trifft, und die Schlüssel für das Büro.

Ergebenst,

Oliver Bones

Bürgermeister.

Kaputtes Gartentor, schadhafte Sicherungen. Hoffentlich stürzt das Dach nicht ein. Was für ein Start ...

Ich seufze, ziehe den nassen Mantel aus und hänge ihn über eine Stuhllehne. Dabei schaue ich mich um. Die Küche in lindgrünem Landhausstil ist zweckmäßig gehalten. Neugierig auf den Rest des Hauses schnappe ich mir die Öllampe und kehre in den Flur zurück. Ein winziges Gäste-WC liegt an dessen Ende und direkt gegenüber der Küche finde ich das Wohnzimmer. Helle Stellen an der geblümten Tapete deuten darauf hin, dass dort einst Bilder hingen. Ein fadenscheiniges Sofa und ein monströser Ohrensessel rahmen einen dreibeinigen Couchtisch ein. Zusammengeknüllte Laken in einer Ecke lassen die Vermutung zu, dass die Polster zum Schutz gegen Staub abgedeckt waren. Ein kleiner Röhrenfernseher steht auf einem Schränkchen und an einer Wand befindet sich ein zerkratztes Sideboard. Das Highlight des Raumes ist eine vergilbte Häkeldecke, die die Sofalehne schmückt, sofern man vom Perserimitatteppich absieht, der den Boden bedeckt und abgetreten und alt ist. Uralt.

„Reizend. Ganz vortrefflich sogar, wenn man auf Sperrmüllschick abfährt.“

Vielleicht kann von meiner Laune noch etwas gerettet werden, nachdem ich erst einmal heiß geduscht und trockene Kleidung angezogen habe. Womöglich würde die Welt namens Bloomwell danach gleich freundlicher wirken. Außerdem lockt mich der Imbiss, von dem Bones geschrieben hat.

 

Mit der Öllampe in der einen und dem schwersten Koffer in der anderen Hand erklimme ich die knarzende Treppe ins Obergeschoss. Viele Stufen sind es nicht, die einzelnen Etagen zeichnen sich nicht gerade durch besonders hohe Decken aus. Hier oben gibt es drei weitere Räume. Etwas, das gewiss ein Büro darstellen soll, aber die Ausmaße einer Abstellkammer hat, sowie ein Bad und ein Schlafzimmer. Meine Stimmung sinkt bei dem Anblick der Räume auf den absoluten Nullpunkt. Was wird mir hier eigentlich zugemutet? Das Bett unter der Dachschräge und ein weniger wuchtiger Sessel als im Wohnzimmer sind ebenfalls mit Laken abgedeckt. Ein beinahe schwarzer, klobiger Schrank nimmt eine komplette Zimmerseite ein. Es gibt ein Nachttischchen im gleichen Stil wie Bett und Schrank und eine dazu passende schmale Kommode neben der Tür zum Bad. Zwei leere Bierflaschen wurden zu illustren Kerzenständern umfunktioniert. An ihnen lehnt ein Streichholzbriefchen. Um die Ölfunzel beim Licht spenden zu unterstützen, entzünde ich die Kerzen und hoffe, die Örtlichkeit bei hellerer Beleuchtung besser genießen zu können. Leider verschönert das weiche Licht nicht die Optik des Schlafzimmers. Der Dielenboden gehört abgeschliffen. In das innenseitige Türblatt hat jemand zwei Nägel geschlagen, die als Kleiderhaken dienen. Die Tapete war einst beige oder blassrosa mit Blümchendruck. Heute wirkt sie, als hätten schmutzige Fliegenfüße ein Muster hinterlassen. Gardinen hängen keine, allerdings sind die Fensterläden geschlossen. Ich lasse sie zu, um zu vermeiden, dass heute Nacht noch eine Scheibe aus dem Rahmen fällt. Schwere Balken ziehen sich an der Decke entlang. Ich muss aufpassen, dass ich nicht mit dem Kopf dagegenschlage. Ein Eimer und zwei Schüsseln neben meinen Füßen fangen Regentropfen auf, die durch das Dach sickern. In diesem Haus sind nicht bloß die Sicherungen defekt. Wenigstens steht das Bett trocken.

Auf weitere Katastrophen gefasst, öffne ich die Tür zum Bad. Ein schlichtes Spiegelschränkchen hängt über einem Waschbecken, das einen langen Sprung aufweist. Die Toilette besitzt keine Brille, dafür lehnt eine nagelneue Verpackung neben ihr an der Wand, die genau das fehlende Utensil verspricht. Auch ein Paket Toilettenpapier hat man mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Eine Wanne ohne Duschvorhang steht auf verschnörkelten Füßen wie verschämt an der Seite. Darin hockt eine dicke Spinne.

„Holy moly!“

Sie ist gigantisch und fällt garantiert unter die Rubrik Tarantel. Ich kann mir eine Grimasse nicht verkneifen und stelle die Öllampe ab. Angeekelt schnappe ich das zappelnde Vieh an einem der langen Beine, renne mit ihr im Dunkeln die Treppe hinunter, öffne die Haustür und schleudere sie kurzerhand in den Regen hinaus.

Zurück im Schlafzimmer ziehe ich missmutig die Laken von den Möbeln und werfe sie in eine Ecke. Die Bettwäsche riecht muffig, wie ich wenig begeistert feststelle. Heute Nacht kann ich es leider nicht mehr ändern. Fakt ist, dass ich einen großen Teil des Ersparten opfern muss, wenn ich das Haus notdürftig einrichten will. Die Blöße, heulend und jammernd bei der alten Dienststelle angekrochen zu kommen, gebe ich mir auf keinen Fall. Die Genugtuung gönne ich meinem ehemaligen Vorgesetzten nicht. Oh nein, Sir. Mannhaft werde ich die Verbannung in den hintersten Winkel der Welt ertragen und das Beste daraus machen. Trotzdem muss ich allmählich hart schlucken. Dieses trostlose Haus, das trübe Wetter, die mangelnde Begrüßung … Es setzt mir durchaus ein wenig zu. Dabei kann ich froh sein, in Bloomwell ein günstiges Häuschen gefunden zu haben.

„Kneif die Arschbacken zusammen. Alles Lamentieren ändert nichts an der Gesamtsituation“, rede ich mir tapfer ein. Als Nächstes wuchte ich den Koffer auf den Sessel und öffne ihn, um Pyjama und Morgenmantel nebst Hausschuhen herauszusuchen. Gleich darauf schlüpfe ich aus den nassen Kleidern und hänge sie zum Trocknen an die Nägel in der Tür. Die feuchten Schuhe finden einen Platz unter dem verschlossenen Fenster. Mit der Kulturtasche und einem Handtuch unterm Arm betrete ich erneut das Bad. Mein Weg führt direkt in die Badewanne. Mit der Brause in der Hand setze ich mich wegen des fehlenden Vorhangs hinein. Nachdem ich den Wasserhahn aufgedreht habe, kommt es zu einem quietschenden Ereignis.

„Iiiiiiiiek!“

Lediglich kaltes Wasser strömt aus der Leitung. Sicherlich hängt das mit dem fehlenden Strom zusammen.

„Mein Name ist Glückspilz“, grummle ich resigniert, absolviere eine Katzenwäsche und trockne mich wenig später hastig ab. Danach schlüpfe ich in die bereitgelegte Nachtwäsche und fühle mich wieder halbwegs wie ein Mensch.

Und jetzt?

Jetzt werde ich den Imbiss verspeisen, anschließend schlafen gehen und darauf hoffen, dass der Albtraum nach diesem Abend vorbei ist.

Montag, 03. Juni

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Aber muss der verdammte Vogel beim Einkaufen einen derartigen Radau veranstalten, als würden zwei gegnerische Hooliganparteien aufeinanderstoßen? Es piepst und flötet seit 04:12 Uhr, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass ich in der letzten Nacht keinen erholsamen Schlaf gefunden habe. Der muffige Geruch des Bettzeugs verbietet es, den Kopf ins Kissen zu vergraben und der lärmenden Natur vor dem Fenster zu trotzen. Ich sehne mich nach frischer Bettwäsche und dem gleichmäßigen Rauschen des vorbeifließenden Verkehrs in Salisbury. Unausgeschlafen krieche ich aus den Federn.

In der Badewanne hockt die dicke große Spinne. Fassungslos starre ich sie an und könnte schwören, dass sie zurückstarrt. Okay, ich blinzle zuerst, damit hat sie das Augenduell gewonnen.

„Habe ich dich gestern nicht rausgesetzt?“

Schweigend krabbelt die Spinne aus der Wanne und an der Wand empor, um sich in einer Ecke der Zimmerdecke zu platzieren.

„Du solltest ausziehen, oder ich mache von meinem Schuh Gebrauch“, drohe ich. Zumindest kann ich eine weitere kalte Dusche nehmen, bevor ich mich rasiere und die Zähne putze. Danach montiere ich die neue Toilettenbrille und wundere mich überhaupt nicht, dass eine der Schrauben zur Befestigung fehlt. Na fein. Bis ich einen Ersatz besorgt habe, werde ich halt aufpassen müssen, dass ich nicht von der Keramik rutsche und einen peinlichen Unfall erleide.

Gekleidet in einen dunkelbraunen Anzug, mit weißem Hemd, dezent gemusterter Krawatte und blitzblank geputzten Schuhen steige ich später die Treppe hinab und trinke den letzten Schluck Tee aus der Thermoskanne. Der Kühlschrank ist leer, was wegen des fehlenden Stroms ein Segen ist.

In der Küche gibt es eine Tür mit Glaseinsätzen, die zum Garten hinausführt. Ein Blick ins Freie zeigt, dass die Botanik dort wie vermutet fröhlich vor sich hin wuchert. Schmetterlinge trudeln von Blüte zu Blüte und das muntere Vogelvolk hopst auf der Suche nach Leckerbissen durch das hohe Gras, das sicherlich seit ewigen Zeiten keinen Rasenmäher gesehen hat. Der Garten entlockt mir ein kleines Lächeln, da mich die wild-romantische Stimmung irgendwie anspricht. Außerdem entdecke ich einen Schuppen, der flüchtig betrachtet einen recht ordentlichen Eindruck macht.

Eine dritte Tür in der Küche führt zu einer Speisekammer, in der wie im Kühlschrank gähnende Leere herrscht. Regale säumen die Wände bis hin zu einer vorsintflutlichen Kartoffelkiste.

Außer der Küche, dem Gäste-WC und der Wohnstube gibt es im Erdgeschoss noch einen Hauswirtschaftsraum, in dem ein Besen und ein betagter Staubsauger lagern. Hoffentlich erfüllt das alte Ding seinen Zweck, denn nach Feierabend werde ich dem Haus dringend eine Grundreinigung verpassen müssen, damit ich es hier aushalte. Quasi als Bonus stehen hier eine Waschmaschine, ein Trockner sowie ein Wäscheständer.

Mehr als der Zustand des Hauses ärgert mich der fehlende Handyempfang und das Telefon im Wohnzimmer ist natürlich ebenfalls stromabhängig. Aus diesen Gründen verschiebt sich der typische Ich-bin-gut-angekommen-Anruf bei den Eltern. Nun will ich zunächst meinen hiesigen Arbeitsplatz inspizieren und hinterher nach Exeter fahren, um mich dem neuen Vorgesetzten vorzustellen.

Heute scheint die Sonne, in deren goldenem Schein sich mein Häuschen präsentiert. Es ist aus grauen Schieferplatten erbaut und mit Rosen auf der einen Seite sowie Efeu auf der anderen bewachsen. Ein riesiger Rhododendron klammert sich an eine Ecke und punktet durch seine lilafarbene Blütenpracht. Die Tür ist genau wie die Fensterrahmen leuchtend blau, obwohl die Farbe an etlichen Stellen abblättert. Dafür befindet sich ein prunkvoller löwenköpfiger Türklopfer an meiner Pforte. Very nice, nichtsdestotrotz wäre mir funktionierende Elektrik lieber.

Ich weiche einigen Pfützen aus, um die Schuhe nicht erneut zu beschmutzen, und wandere den Ziegenpfad zwischen den Heckenrosen entlang in Richtung Dorfmitte. Die Häuser auf beiden Seiten sind mit romantisch verwitterten Schindeln gedeckt, die Schieferplattenfassaden ähnlich wie bei meinem eigenen Heim mit Clematis und anderen Rankpflanzen bewachsen. Allerdings bestimmen hier getrimmte Rasenflächen, sorgfältig gepflegte Blumenrabatten und akkurat geschnittene Hecken das weitere Bild. Die Türen sind in knalligen Farben gehalten und die Türklopferfraktion hat in Bloomwell eindeutig Konjunktur.

„Einen schönen guten Morgen, Mr. Culpepper!“, ruft mir eine Frau zu, die Minze aus einem Kräuterbeet erntet. Sie winkt mir munter zu.

„Guten Morgen“, erwidere ich, ohne im Schritt innezuhalten. Eine getigerte Katze kommt mir entgegen, die mich völlig ignoriert.

„Guten Morgen, Mr. Culpepper.“ Zwei Jogger nicken mir im Vorbeilaufen freundlich zu.

„Guten Morgen.“ Unwillkürlich schaue ich an mir herab. Trage ich womöglich ein Schild mit meinem Namen um den Hals? Bereits gestern Abend wusste jeder, dem ich begegnet bin, wer ich war. Zumindest scheint jedermann gefällig zu sein. Dazu brennt die Sonne vom blauen Himmel und das Dörfchen wirkt recht beschaulich. Möglicherweise ist doch nicht alles so negativ, wie es am Vortag den Anschein hatte.

Die mikrobisch kleine Zweigstelle des Exeter Criminal Investigation Department liegt genau gegenüber dem Gemeindehaus. Nachdem ich den desolaten Zustand der von mir in einer Blitzaktion erworbenen Unterbringung erlebt habe, bin ich auch hinsichtlich des Büros auf einiges gefasst. Die Realität tritt mir wieder einmal lachend in den Arsch. Zunächst entdecke ich zu meiner größten Überraschung ein Polizeisiegel an der Tür, was darauf hinweist, dass die Zweigstelle ein Tatort ist. Da ich den Auftrag erhalten habe, heute hier den Dienst zu beginnen, entferne ich das Siegel. In der nächsten Sekunde starre ich fassungslos auf einen Schreibtisch, der mit losen Papieren übersät ist. Weitere Unterlagen liegen rings herum auf dem Boden, genau wie eine Brille, die halb unter einen Aktenschrank gerutscht ist und die ich vorsorglich aufhebe, bevor sie meinen Absatz kennenlernt. Behutsam klappe ich die Bügel zusammen und deponiere die Brille auf den halbhohen Schrank. Im Papierkorb hat jemand etwas verbrannt. Neugierig spähe ich hinein, finde aber lediglich Asche und einen winzigen Schnipsel, auf dem ich die Buchstaben chester entziffern kann. Ich lege den Fetzen in die Stiftablage auf dem Schreibtisch. Danach sammle ich die einzelnen Seiten vom Boden auf. Jedes Blatt ist mit einem Namen und einem Beruf beschriftet worden: Mrs. Pratcourt – Blumenhändlerin und Mr. Almont – Post und so weiter und so fort. Da ich damit nichts anfangen kann, lege ich die Notizen auf den Papierwust, der den Schreibtisch bedeckt.

Einige beinahe leere Aktenordner fristen in dem Schrank ihr Dasein und oben drauf stehen ein Wasserkocher, eine Holzkiste mit unterschiedlichen Teesorten und vier Tassen samt Unterteller der Wedgwood Edition Arris. Ich bin nicht etwa ein Fachmann für Porzellan, sondern ich weiß darüber Bescheid, weil meine Eltern diese Edition ebenfalls besitzen. Feines Knochenporzellan mit einem goldenen Wabenmuster – unverkennbar. Zuckertüten und kleine Milchportionen ergänzen die Teeküche. Platz für eine Sekretärin gibt es keinen, daher vermute ich, dass ich zukünftig meine Berichte selbst schreiben muss. Dafür finde ich einen Toilettenraum sowie drei leere Zellen, die den Eindruck erwecken, als wären sie noch nie genutzt worden.

Aus meiner Hosentasche hole ich ein Pfefferspray, das der Dienstherr für Notfälle zur Verfügung stellt, und lege es in eine Schreibtischschublade. Dabei bemerke ich, dass am Anrufbeantworter eine rote Lampe blinkt, die anzeigt, dass eine Nachricht aufgezeichnet wurde. Ich drückte den Knopf und höre die Mitteilung an einen lieben Charlie ab, dass er an Tante Grace denken möge, die nächste Woche ihren Geburtstag feiern möchte. Die Aufzeichnung ist zwei Monate alt. Ich lösche sie und sehe auf die Uhr. Ich sollte mich allmählich auf dem Weg nach Exeter machen. An einem Haken neben der Garderobe entdecke ich einen Autoschlüssel.

 

Wunderbar!

Der muss zu meinem Dienstwagen gehören. Mit dem Schlüssel verlasse ich das Büro und drücke draußen auf den Öffner. Links leuchten auf einem Parkplatz die Lichter eines älteren 3er BMW auf. Sämtliche Reifen sind platt und der schwarze Lack hat eine Wäsche dringend nötig.

„Holy moly!“

„Guten Morgen, Mr. Culpepper. Wie geht es Ihnen?“

Intensiver Schweißgeruch weht mir entgegen.

„Gar nicht schlecht“, antworte ich automatisch und drehe mich um. Ich bin von einem Herrn angesprochen worden, der sich durch einen Wohlstandsbauch, ergrautem Schnäuzer und Schweinsäuglein auszeichnet. Er trägt einen karierten Anzug mit Weste und Taschenuhr.

„Und Sie sind wer?“, frage ich übellaunig.

„Oliver Bones, der Bürgermeister. Ich habe Sie gestern erwartet.“

Ups!

„Tut mir leid, Sir. Mein Zug hatte Verspätung, darum kam ich erst zu fortgeschrittener Stunde in Bloomwell an. Das Dorf ist recht ... dunkel.“

„Das bedaure ich.“ Bones zieht eine geknickte Miene. „Ich habe bereits einen Elektriker beauftragt, sich des Problems mit den Sicherungen anzunehmen. Sie sollten in Kürze in der Welt der Elektrizität ankommen, Mr. Culpepper. Trotz der kleinen Pannen heiße ich Sie in Bloomwell herzlich willkommen. Ich hoffe, Sie bleiben länger als Ihre Vorgänger.“

„Was ist mit denen geschehen?“

„Sie sind vor Langeweile gestorben.“ Bones lacht. „Die meisten haben sich versetzen lassen. Dieses kleine Örtchen bietet nicht genügend Kriminalität, um für Ihresgleichen attraktiv zu sein.“

„Das ist an und für sich ja nicht übel.“

„Was die Fluktuation unserer Polizei angeht, ist es nicht schön.“

Es ist müßig, Bones zu erklären, dass ich strafversetzt worden bin. So bald käme ich daher wahrscheinlich nicht aus diesem Kaff am Ende der Welt weg.

„Vielen Dank für den Imbiss. Der war eine nette Überraschung.“ Wie das undichte Dach und die schäbige Einrichtung, wofür ich den Bürgermeister allerdings kaum verantwortlich machen kann.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass dies mein Dienstfahrzeug ist?“ Ich deute auf den BMW.

„Nicht sehr einsatzfähig, nicht wahr? Sei’s drum. Ich gebe Larry von der Tankstelle Bescheid, dass er sich des Wagens annimmt. Larry Coleman. Für kleinere Touren steht Ihnen ein Fahrrad zur Verfügung. Haben Sie schon in Ihren Schuppen geschaut?“

„Noch nicht.“ Ich probiere mich an einem Lächeln. Soll das bedeuten, dass ich mit dem Rad nach Exeter fahren darf?

„Ich muss heute zu meinem Vorgesetzten.“

Bones schlägt mir kameradschaftlich auf die Schulter. „Überhaupt kein Problem. Sie nehmen meinen Wagen.“ Er deutet auf das Gemeindehaus, vor dem ein silberner Audi steht.

„Ich kann un…“

„Oh doch! Sie können. In Bloomwell helfen wir einander. Wir sind wie eine große Familie, Mr. Culpepper. Deswegen geht es hier dermaßen harmonisch zu.“

„Warum benötigen Sie in dieser Harmonie Polizei vor Ort?“

„Aus dem gleichen Grund, warum wir auch einen Arzt in unserem Nest haben. Die Menschen fühlen sich sicherer. Die Polizei hat hier gewissermaßen Tradition und die wünschen wir beizubehalten.“

Die Erklärung klingt merkwürdig.

„Kleine Streitigkeiten, hin und wieder eine Schlägerei im Wirtshaus, durchfahrende Zigeuner … So etwas kommt selbst in der friedlichsten Gegend vor und dann sind Sie gefragt.“

Das hört sich etwas plausibler an.

„Gibt es hier einen Mobilfunkempfang?“

„An den meisten Stellen nicht. Ab und an haben wir sogar Schwierigkeiten mit dem Internet, weiß der Teufel warum. Wenn ich das Chaos bedenke, als die wegen der Kabel die Straßen aufgerissen haben, bekomme ich nachträglich Hirnblutungen.“

Ich schmunzle. „Lieber nicht. Ich habe mir gerade das Büro angesehen.“

„Wir haben nichts verändert. Es ist genau so, wie Ihr Vorgänger, der arme Mr. Welsham, es hinterlassen hat. Seitdem hat niemand die Räumlichkeiten betreten.“

Ich runzle die Stirn. „Ich habe angenommen, dass es wenigstens eine Sekretärin gibt.“

„Nein, Mr. Culpepper. Notrufe gehen direkt im Exeter CID ein und werden auf ihr Handy weitergeleitet.“

„Ohne jeglichen Empfang?“

„In diesem Fall erhalten Sie jeweils eine Meldung auf die Anrufbeantworter bei Ihnen zu Hause und im Büro.“

Ich bin schockiert. „Ich hatte nicht die Absicht, den ganzen Tag über im Büro herumzuhocken.“

„Sie werden sich mit dem miesen Empfang arrangieren müssen“, erklärt Bones und zuppelt an seiner Weste herum. „Sofern Sie im Ort unterwegs sind und es Schwierigkeiten gibt, spüren wir Sie schnell auf. Und außerhalb funktioniert das Handy ja“, fügt er beinahe entschuldigend hinzu. „Sie sind sicherlich die neueste Technik und einige Unterstützung gewohnt.“

„In der Tat“, antworte ich resigniert. Ob meine alten Kollegen über die Versetzung lachen? Wahrscheinlich. Und zwar laut und anhaltend.

Bones räuspert sich, da ich in Gedanken versunken bin. Ich lächle etwas gequält.

„Warum gleich nannten Sie meinen Vorgänger den armen Mr. Welsham, Sir?“

Bones starrt mich einen Moment lang an. „Sie hören sehr aufmerksam zu, Mr. Culpepper“, sagt er schließlich anerkennend.

„Das ist mein Job. Wieso also bezeichneten Sie ihn als arm, warum erhielt Welsham einen familiären Anruf nicht und konnte vor seiner Abreise aus Bloomwell nicht wenigstens den Schreibtisch aufräumen? Und weshalb war das Büro versiegelt?“

„Weil Mr. Welsham Bloomwell in einem Sarg verlassen hat.“

Oh!

„Er ist tot?“

„Mausetot“, sagte Bones. „Hat sich aufgehängt, der bedauernswerte Mann.“ Der Bürgermeister schüttelt traurig den Kopf. „Wenn wir gewusst hätten, wie gelangweilt er war ...“

„Sie wollen mir ernsthaft erzählen, dass er vor Langeweile Suizid begangen hat?“ Mir ist nach ungläubigem Lachen zumute.

Bones nickt energisch. „Ja, so ist es. Womöglich war er depressiv. Das Büro befindet sich in Unordnung, sagten Sie?“

„In der Tat“, brumme ich.

„Das ist sehr bedauerlich. Eigentlich hätte es vor Ihrem Eintreffen aufgeräumt werden sollen. Ich frage mich, warum sich niemand darum gekümmert hat.“

Bones erscheint mir auf einmal ein bisschen gestresst.

„Okay, es gibt Schlimmeres. Es wirkt zwar wie ein Granatenwurfplatz, haut mich allerdings nicht um“, sage ich, um ihn zu beruhigen.

Bones lächelt mich liebenswürdig an. „Sofern Sie persönliche Gegenstände von Mr. Welsham gefunden haben, können Sie die mir geben. Ich leite sie an seine Familie weiter.“

„Bis auf eine Brille habe ich beim ersten Rundgang nichts entdeckt. Ist sein Tod untersucht worden?“ Ich kann es nicht lassen und hake nach.

„Selbstverständlich. Der DCI aus Exeter war persönlich hier und die Gerichtsmedizinerin schloss Fremdeinwirkung aus.“

„Der Detective Chief Inspector aus Exeter?“

„Exakt der Mann, den Sie nachher kennenlernen werden, Mr. Culpepper.“

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Von sämtlichen Seiten werde ich neugierig angestarrt, als ich durch das Großraumbüro auf die Tür meines Vorgesetzten zumarschiere. Bestimmt haben sämtliche Mitarbeiter dieser Dienststelle von meiner Versetzung gehört. Links wird leise getuschelt. Ein junger Mann mit grellroten Haaren und sehr blasser Haut hängt förmlich mit den Augen an mir. Da ich mir nichts vorzuwerfen habe, hebe ich trotzig das Kinn an und halte den Blick strikt nach vorn gerichtet. Die können mich alle mal. Endlich erreiche ich die angesteuerte Tür. Nach forschem Klopfen trete ich auf ein „Herein!“ in ein gemütliches, wenn auch schlichtes Büro.