Blindlings ins Glück

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And if I ever lose my eyes, if my colours all run dry,

yes, if I ever lose my eyes, oh if … I won’t have to cry no more.

Cat Stevens, Moonshadow

Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de

© 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: C. Riethmüller

Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com

EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH

eISBN 978-3-8271-8410-8

Ria Hellichten

Blindlings

ins Glück


Für Vivian, die mehr sieht als wir alle.

PLAYLIST

Ben Howard – 7 Bottles

U2 – Sleep Like a Baby Tonight

Mumford & Sons – Blind Leading the Blind

The Rolling Stones – Tumbling Dice

Cat Stevens – Moonshadow

Lady Gaga & Bradley Cooper – Shallow

Kodaline – Ready

Queen – Let Me Live

Birdy – Save Yourself

Mumford & Sons – Hold on to What You Believe

Kodaline – The One

PROLOG

Das Rattern der Jalousien durchbrach die friedliche Stille des Büros wie Kanonenschüsse. Gleißende Sonne füllte den Raum.

Tabea beobachtete, wie Barbara sich wieder vom Fenster entfernte und vor ihrem Computer Platz nahm. Die Sekretärin strich den Rock glatt und zog ihre Brille auf die Nasenspitze. Es dauerte geschlagene drei Sekunden, bis die Sekretärin bemerkte, dass alle Fenster minimiert waren und sie mit konzentriertem Blick auf das Hintergrundbild starrte: ein getigertes Kätzchen auf einer Wiese. Hektisch klickte sie auf den Maustasten herum.

Sprich ihn am besten gar nicht an, hatte Barbara gesagt. Der Vollautomat ist seit Freitag kaputt. Das macht ihn wahnsinnig und ich muss jetzt seinen Kaffee von Hand aufbrühen. Außerdem stehen die Gehaltsabrechnungen an: Die letzte Woche des Monats ist immer der Horror.

Entschlossene Schritte näherten sich vom Flur her, dann schwang die Glastür auf. Tabea wandte den Kopf. Das war also Johannes Baumann: Der maßgeschneiderte Anzug saß perfekt, genauso das unverbindliche Lächeln. Ein leichter Windzug wehte durch das gekippte Fenster und strich ihm lässig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Fehlt nur noch, dass von irgendwoher coole Musik dröhnt, dachte sie. Aber statt Rock You Like a Hurricane begleitete nur das disharmonische Surren einer Fliege den Auftritt des Personalchefs.

Baumann verschränkte die Arme vor der Brust – das Jackett war wohl doch etwas zu eng geschnitten, denn es spannte bei dieser Geste eindeutig an den Oberarmen – und blickte wortlos von Tabea zu Barbara und wieder zurück. Dabei runzelte er die Stirn und sah sie beide so finster an, dass Tabea am liebsten unter dem kleinen Behelfsschreibtisch verschwunden wäre, den man ihr ins Zimmer geschoben hatte. Stumm drehte sich ihr Chef zum Fenster um.

„Soll ich Ihnen Kaffee bringen? Schwarz, wie immer?“, fragte Barbara.

Baumann nickte seiner Sekretärin zu, stellte seine Aktentasche ab und blieb ungeduldig vor dem Fenster stehen. Es verstrichen zwei oder drei stille Minuten, bis Barbara wieder herbeieilte und ihm eine dampfende Kaffeetasse reichte. Baumann nahm einen Schluck und verzog das Gesicht, dann goss er den restlichen Inhalt der Tasse in eine schmächtige Yuccapalme auf dem Fensterbrett. War wohl nicht das erste Mal, dass er seinen Kaffee teilte.

„Haben Sie wieder vergessen, den Filter anzufeuchten? Das schmeckt ja wie Spülwasser.“

Woher er wohl wusste, wie Spülwasser schmeckte? Tabea unterdrückte ein Schmunzeln. Das hatte sie nur gedacht, oder? Puh.

Baumann ließ sich in den ledernen Chefsessel hinter dem höhenverstellbaren Schreibtisch fallen. Schließlich knöpfte er sein Jackett auf, feuchtete einen Zeigefinger an und machte sich daran, einen turmhohen Stapel an Unterlagen zu signieren. Er war schon fast bei der Hälfte des Papierbergs angekommen, als er fragte, ohne aufzusehen: „Möchten Sie sich vielleicht vorstellen oder haben Sie schlicht vor, den ganzen Tag stumm dazusitzen und mir bei der Arbeit zuzusehen?“

Barbara verschluckte sich und spuckte beinahe ihren Kräutertee über den Bildschirm. „Entschuldigen Sie, Herr Baumann“, klinkte sie sich ein. „Ich dachte, Sie wüssten Bescheid, dass heute Frau …“

Tabea unterbrach ihre halbherzig gespielte Partie Tic- Tac-Toe gegen sich selbst und stand auf. Sie gab sich keine Mühe, irgendwas glattzustreichen, denn der recycelte Baumwollstoff ihres Fairtrade-Blazers machte ohnehin, was er wollte. „Bach“, sagte sie mit fester Stimme. „Tabea Bach. Wir haben uns nach dem Bewerbungsgespräch kurz gesehen und sicher hat Ihnen Herr Döring mitgeteilt, dass ich Ihre Abteilung in den nächsten Wochen als Praktikantin unterstützen werde.“

Beim Namen seines Vorgesetzten zog Baumann unverhohlen eine Augenbraue hoch, aber noch bevor er etwas erwidern konnte, streckte ihm Tabea enthusiastisch die Hand entgegen. „Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“

Er zögerte kurz. Verdammt! Hatte sie es wieder mal übertrieben?

Aber dann griff Baumann beherzt zu, drückte ihre Finger einmal kräftig und sagte: „Ganz meinerseits.“

Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Keiner von beiden blinzelte, keiner sah weg. In Baumanns Augen lag plötzlich ein Funkeln, fast so, als wüsste er, dass er bei einer Lüge ertappt worden war. Gleichzeitig bog sich einer seiner Mundwinkel nach oben. Tabea verstand: Dieses jungenhafte Halblächeln war keine Show, das war ganz er. Für einen Moment dachte sie, Baumann wollte noch ein paar höfliche Begrüßungsfloskeln austauschen, aber alles, was er sagte, war: „Ich hoffe, Sie können Kaffee kochen.“

JOHNNY

Wie gerädert. Gehängt, gerädert und gevierteilt. Der letzte Abend der Geschäftsreise hatte ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Rest gegeben. Er wusste nicht mal, wie lange er geschlafen hatte.

Freitag war er am Flughafen Basel-Mulhouse-Freiburg gelandet, daran erinnerte er sich. Von dort aus ging es nach Hause und er hatte sogar angefangen, eine Präsentation für die nächste Woche vorzubereiten. An seinen Rausch hingegen waren ihm nur wirre Erinnerungen geblieben, die wie im Fiebertraum zusammenhanglos an ihm vorbeischwirrten, dazu ein drückendes Gefühl in der Magengegend und stechende Kopfschmerzen. Nie wieder würde er solches Teufelszeug trinken, so viel war sicher.

Am Samstag, dem Tag nach der Landung, war Johnny speiübel geworden; er hatte seine Zeit zwischen der Toi­lette und dem Sofa verbracht und war früh ins Bett gegangen. Trotzdem fühlte er sich heute nicht viel besser. Und Johnny hasste Sonntage, selbst wenn er sie nicht mit einem üblen Kater zubringen musste. Wahrscheinlich türmten sich inzwischen die Briefe auf seinem Schreibtisch und das E-Mail-Postfach quoll über.

Johnny schlug die Augen auf, aber im Schlafzimmer war es stockfinster. Er massierte die Haut zwischen seinen Augenbrauen, die sich so kalt und glatt anfühlte wie Wachs. Sicher war es schon Nachmittag, dabei musste er dringend wieder an die Präsentation. Das war gleich der erste Punkt auf der Tagesordnung, abgesehen davon, sich mithilfe eines doppelten Espressos, einer heißen Dusche und zwei oder drei Kopfschmerztabletten wieder in einen ansehnlichen, disziplinierten und motivierten Menschen zu verwandeln.

Wenigstens nahm Johnny an, dass die anderen über die Eskapaden der letzten Tage Stillschweigen bewahren würden – denn niemand legte sich freiwillig mit dem Personalchef an. Außerdem waren die meisten seiner Untergebenen verheiratet und er war nicht sicher, ob die jeweiligen Ehefrauen, die ihnen am Flughafen „Viel Spaß“ gewünscht hatten, wussten, wie richtig sie damit lagen. Als internationales Pharmaunternehmen hatte Sanacur auch eine Tochterfirma in Spanien. Und die Spanier wussten, wie man feiert.

Etwas Weiches, Warmes schmiegte sich an seine Seite. Johnny streckte den Arm aus und kraulte den Kater. Das Schnurren des Tieres hatte eine angenehm beruhigende Wirkung auf ihn. Johnny seufzte und blinzelte ein paarmal. Die Dunkelheit umgab ihn grau und dicht, durchdrungen lediglich von ein paar bunten Blitzen und schemenhaften Formen.

Allmählich kroch ein Anflug von Panik in seinen müden Gliedern hoch. Betrunken war er bestimmt nicht mehr, also konnte es wohl nur die Erschöpfung sein. Vielleicht war er langsam zu alt für diesen Scheiß. Johnnys Magen krampfte sich zusammen, die Zunge klebte ihm trocken am Gaumen und der dumpfe Schmerz hinter den Schläfen zermürbte seine sonst eiserne Selbstbeherrschung. Reiß dich zusammen, Mann, sagte er sich und drückte seinen Oberkörper mit den Ellenbogen hoch. Dann richtete er sich ruckartig auf und stolperte aus dem Bett, wobei der Kater ein protestierendes Maunzen von sich gab. Für einen Moment verlor Johnny die Orientierung, schwankte und glaubte zu fallen, bis seine Beine endlich Halt auf dem polierten Parkettboden fanden. Trotzdem blieb das beklemmende Gefühl: Er konnte nichts erkennen und ihm war, als würden die Wände auf ihn zukommen; als müsste er jeden Augenblick dagegenprallen. Als er endlich den verdammten Lichtschalter gefunden hatte, stöhnte er auf: Murphys Gesetz. Ausgerechnet jetzt war die Birne kaputt oder die Sicherung durchgebrannt oder der Strom ausgefallen … es blieb dunkel.

 

Schlaftrunken stocherte Johnny in der Luft herum, bis seine Hand das kalte Metall der Türklinke fand. Im Flur hatte er keine Rollläden und die Morgensonne würde durch das Dachfenster scheinen. Ja, selbst an einem so trostlosen Sonntag wie heute. Er öffnete die Tür, aber auch im Flur war es finster. Leise fluchte er. Vielleicht hatte ihm jemand etwas in den Drink getan? Bei diesem Gedanken schnürte sich sein Brustkorb zu, was das Atmen – und somit auch das Denken – beinahe unmöglich machte.

Es kostete Johnny alle Mühe, sich zu erinnern: Nach dem letzten Caipirinha hatte er die Bekanntschaft aus der Bar mit auf sein Hotelzimmer genommen. Er wusste ihren Namen nicht mehr, Camila oder Chiara oder so was. Sie hatte eine Flasche Schnaps dabeigehabt, die sie irgendwo aufgetrieben hatte. An alles, was danach geschehen war, konnte er sich nur vage entsinnen. Da waren zwar undeutliche Bilder von den übernächtigten Gesichtern seiner Kollegen am Flughafen und einer schier endlosen Taxifahrt, aber keine Erinnerungen an die letzte Nacht in Barcelona.

Johnny klopfte sich mit den Handflächen auf die Wangen, um sich zur Besinnung zu rufen. Er war nicht in der Lage, eine Erklärung für seine Verfassung zu finden. Sein Herz pumpte einen Adrenalinstoß nach dem anderen durch seinen Körper und auf seiner Stirn bildeten sich feine Schweißperlen, aber er musste jetzt ruhig bleiben, das Problem analysieren: Plan – Do – Check – Act. Er wiederholte diese magische Formel so lange stumm, bis sich sein Herzschlag beruhigte. Als Erstes würde er sich wieder hinlegen. In ein paar Stunden wäre alles überstanden und dieses Gift, was auch immer es war, aus seinem Organismus gespült worden. Außerdem würde er Dr. Google fragen, der ihm schon in fast jeder Lebenslage beratend zur Seite gestanden hatte.

Benommen tapste Johnny wieder ins Schlafzimmer. Er hangelte sich am Kleiderschrank entlang zur gegenüberliegenden Wand und schließlich wieder zu seinem Bett, wo er sich fallen ließ. Dann streckte er den linken Arm aus und tastete nach seinem Handy, das auf dem Nachtschrank lag. Er drückte den Homebutton, aber das Display blieb schwarz. Johnny seufzte und drückte die Taste noch einmal. Ein Piepton erklang. „Hallo, Siri“, murmelte er.

„Hallo, Johnny“, kam es blechern zurück.

„Warum kann ich nichts sehen?“

„Das. Ist. Das. Resultat meiner Websuche zu. Warum kann ich –“

Resigniert pfefferte Johnny das Telefon auf sein Kissen. Ein grauenvoller Gedanke formte sich in seinem pochenden Kopf: Was, wenn er schon tot war und das hier seine ganz persönliche Hölle? Im nächsten Moment wollte er fast lachen, so absurd erschien ihm diese Vorstellung. Er hatte wohl in der Schulzeit zu viel Sartre gelesen! Andererseits begann er allmählich, an seinem Geisteszustand zu zweifeln. Vielleicht war er ja jetzt ein körperloses Wesen, nur noch eine Seele, die im Raum schwebte – oder sogar ein Zombie? Was für ein Blödsinn. Bis auf diese leidigen Kopfschmerzen war er bei bester Gesundheit, daran bestand kein Zweifel. Montags trafen sich die Abteilungsleiter zum Jour fixe und außerdem wurde es Zeit, ein paar arbeitsmüde Kollegen abzumahnen. Ganz zu schweigen von den Stellen, die für den neuen Außendienst besetzt werden mussten. Ohne ihn ging der Laden den Bach runter, so viel war sicher. Also würde er, Johannes Baumann, Master of Arts in Human-Resources-Management, am nächsten Morgen wie an jedem Montagmorgen spätestens um viertel vor acht an seinem Schreibtisch sitzen, notfalls auch blind.

Blind? Obwohl Johnny eben noch geschwitzt hatte, lief ihm jetzt ein eiskalter Schauer über den Rücken. Das konnte nicht sein – oder doch? Sollte er sein Augenlicht verloren haben, vielleicht sogar für immer? Der grausame Gedanke erfüllte das stickige Zimmer wie eine unbestimmte, gestaltlose Bedrohung. Johnnys Nackenhaare stellten sich auf. Der Drang, wegzulaufen, war so überwältigend, dass das Blut in seinen Ohren rauschte. Aber trotz dieses animalischen Fluchtinstinkts konnte Johnny keinen Finger rühren. Er war gefangen in dieser fremdartigen Dunkelheit.

Behutsam führte Johnny seine Hände an die Augen und befühlte mit den rauen Fingerspitzen die Lider. Er übte leichten Druck auf die Augäpfel aus. Die bunten Blitze, die durch sein Sichtfeld zuckten, wurden heller und plötzlich übernahm sein Verstand wieder die Führung. Dass er noch Formen und Farben sah, war ein gutes Zeichen, oder? Er musste dringend einen Arzt aufsuchen. Wo war denn jetzt das verdammte Handy? Vielleicht könnte er heute noch einen Termin bekommen … das heißt, es war ja Sonntag. Seine charmante Hausärztin fiel also schon mal weg. Warum passierte so etwas ausgerechnet am Wochenende?

Johnny tastete mit den Handflächen über seine Satinbettwäsche. Es dauerte eine Weile, dann hielt er endlich sein Handy wieder in der Hand. Gewohnheitsmäßig glitten seine Finger über den Bildschirm. Er drückte den einzigen Knopf, den das iPhone besaß. „Siri, ruf den ärztlichen Notdienst an.“ Er hätte nie gedacht, dass er diese Worte einmal sagen müsste.

„In Ordnung“, antwortete Siri. „Starte Notruf in 3 … 2 … 1 … Tuuut.“

Nervös lauschte Johnny dem Freizeichen in der Leitung, seiner einzigen Verbindung zur Außenwelt. „Notrufzentrale, guten Tag, mit wem spreche ich?“

„Hallo, Baumann hier. Ich kann nichts mehr sehen.“ Bestürzt stellte er fest, dass seine Stimme zitterte.

„Bitte erklären Sie mir genau, was geschehen ist. Gab es einen Unfall?“

„Nein. Aber ich glaube, ich bin blind.“

Die Stimme am anderen Ende der Leitung zögerte. „Haben Sie Schmerzen im Auge oder sonstige Beschwerden?“

Johnny stöhnte. „Zählt ein übler Kater dazu?“

Die Telefonistin schien keinen Spaß zu verstehen. „Hier ist die Notrufzentrale. Wenn Sie sich nicht in akuter Gefahr für Leib und Leben befinden, wenden Sie sich bitte an –“

Allmählich war seine Geduld zu Ende. „Verdammt noch mal!“, brüllte Johnny in sein Handy. „Ich kann nichts sehen! Ich finde alleine noch nicht mal zur Toilette, okay?“

„Bitte bleiben Sie ruhig. Nennen Sie mir Ihre Adresse, dann schicke ich einen Krankenwagen vorbei.“

Johnny schluckte. Er wollte nicht mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren werden wie ein Invalider. „Haben Sie denn keinen Arzt, der Hausbesuche macht? Einen Augenarzt am besten.“

„Warten Sie einen Moment, ich verbinde Sie.“

Mit der freien Hand fuhr sich Johnny durch die Haare und wartete. Was für ein beschissener Morgen! Es konnte wohl kaum noch schlimmer kommen. Kurz darauf meldete sich eine andere Frauenstimme und Johnny musste sich anhören, dass auch der ärztliche Bereitschaftsdienst keine Hausbesuche abstattete.

„Haben Sie jemanden, der Sie ins Krankenhaus fahren kann?“, fragte die Telefonistin.

Johnny überlegte. Seine Mutter könnte ihn sicher fahren, aber da würde er lieber im Schlafzimmer krepieren. „Danke, ich komme schon irgendwie hin“, nuschelte er ins Handy. Dann legte er auf.

Was er jetzt brauchte, wäre jemand, der keine Fragen stellte. Der machte, was man ihm sagte, und über die ganze Sache morgen im Büro kein Wort verlieren würde. Morgen im Büro? Was, wenn er morgen nicht ...

Johnny wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn, wie um den Gedanken zu vertreiben, und wandte sich wieder seinem Handy zu. „Siri, ruf Babsi an.“ Babsi war seine Assistentin. Oder zumindest das, was dem in seiner Abteilung am nächsten kam.

„Ich finde keinen Bab-si in deinen Kontakten.“

„Siri, ruf BARBARA an.“ Allmählich nervte ihn die Konversation mit seinem Telefon und er freute sich da-rauf, endlich persönlich mit einem Menschen sprechen zu können – selbst wenn es nur Babsi war.

Die Sekunden, bis jemand den Hörer abnahm, zogen sich unerträglich. Na komm, Babsi, dachte er, geh ran. Was konnte sie an einem Sonntag schon vorhaben?

„Münzer?“, meldete sich eine zarte Frauenstimme.

„Babsi, haben Sie noch die alte Klapperkiste?“

„Herr Baumann, sind Sie das?“

Johnny stöhnte. „Hundert Punkte, Babsi.“

„Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass ich für Sie Barbara heiße?“

„Jaja. Also, Babsi – Barbara –, kommen Sie sofort her, ich muss dringend ins Krankenhaus.“

„Ist was passiert?“, fragte Babsi. „Ein Notfall?“ Ihre ohnehin hohe Stimme überschlug sich fast und schmerzte in seinen Ohren.

Johnny knirschte mit den Zähnen. „Ja, so ungefähr. Holen Sie mich jetzt ab?“

Babsi zögerte. „Sie wissen aber, dass heute Sonntag ist? Und Sie hören sich gar nicht krank an.“

Johnnys stechende Kopfschmerzen machten diese Diskussion noch nervenaufreibender. „Und wissen Sie, dass Ihr Gleitzeitkonto ziemlich in den Miesen ist?“

Sie schnaubte. „Es ist doch einfach nicht zu fassen –“

„Kommen Sie jetzt … bitte?“

Wortlos legte Babsi auf. Aber Johnny war sicher, dass sie genau in diesem Moment aus ihrer Wohnung stolperte und in spätestens einer halben Stunde ihren alten Golf vor der schicken Altbauvilla in der Wiehre geparkt hätte, in der seine Maisonettewohnung lag.

Barfuß schlich er über den Holzfußboden und dachte nach. Um Babsi die Tür zu öffnen, musste er die Treppe hinuntergehen, in den Flur, wo sich die Gegensprechanlage befand. Wahrscheinlich wäre es auch nicht verkehrt, wenn seine Boxershorts und das durchgeschwitzte T-Shirt nicht die einzigen Kleidungsstücke wären, mit denen er im Krankenhaus auftauchte. Er hatte eine vage Ahnung, wo sich seine Jogginghose im Kleiderschrank befinden musste. Vielleicht könnte er den dicken Sweatstoff sogar erfühlen. Aber um sicherzugehen, sollte er das lieber Babsi überlassen, die sicher nichts dagegen hätte, wenn er ihr fast so gegenüberstünde, wie Gott ihn geschaffen hatte. Na gut, Gott und das örtliche Fitnessstudio. Trotz der beängstigenden Situation, in der Johnny sich zweifellos befand, amüsierte ihn dieser Gedanke. Und obwohl er wusste, dass er es mit seiner zynischen Art manchmal übertrieb, war ihm im Moment alles recht, was die Gedanken davon abbrachte, um dieses eine fatale, unaussprechliche Wort zu kreisen.

Mit der rechten Hand fuhr Johnny sich über die Bartstoppeln am Kinn. Er war sicher, dass man ihm das wilde Partywochenende ansah. Vermutlich hatte er Augenringe und eine ungesunde Gesichtsfarbe. Er wusste zwar, dass er einer der wenigen Männer war, denen selbst ein gewisses heruntergekommenes Flair gut stand, aber trotzdem wuchs seine innere Unruhe, weil er sich nicht ausgiebig im Spiegel betrachten konnte wie an jedem gewöhnlichen Morgen.

Die Klingel ertönte und Johnny zuckte zusammen. Er hörte, wie der Kater leichtfüßig voranlief und die Treppe herunterschwebte, aber er selbst hatte Mühe, ins untere Stockwerk zu gelangen, ohne sich dabei den Hals zu brechen. Mit einer Hand umfasste er das lackierte Holzgeländer, das sich glatt und kühl anfühlte, während seine nackten Zehen vorsichtig Stufe um Stufe ertasteten. Nie im ganzen Leben hatte er sich so hilflos gefühlt. Aber der Arzt würde ihm irgendwelche Augentropfen verschreiben und in ein paar Stunden wäre der Spuk hoffentlich vorbei. Johnny arbeitete sich zur Sprechanlage vor – nicht ohne sich den Fuß kräftig an der Vitrine mit den Modellautos zu stoßen – und drückte auf den Summer. Babsis Absätze klimperten auf dem Marmorboden, als sie über die Loggia auf seine Wohnungstür zusteuerte. Dann klopfte es energisch an der Tür.

„Ist offen“, rief er.

Babsi zog die Tür auf und kam auf ihn zu. Er spürte den Luftzug, den ihre Bewegungen verursachten, und roch ihr übersüßes Parfum. Wahrscheinlich musterte sie ihn gerade mit entsetztem Blick. Auch Designer-Boxershorts ersetzten nun mal keinen Stresemann und sein Outfit wäre selbst an einem Casual Friday nicht durchgegangen.

„Um es kurz zu machen und uns die Peinlichkeiten zu ersparen, Babsi: Ich scheine da ein Problem mit meinen Augen zu haben, sicher nur vorübergehend. Sie sehen aber trotzdem bezaubernd aus, wie immer.“

Sie schnaubte.

„Tun Sie das nicht, das ist nicht sehr damenhaft.“ Er machte ein paar Schritte auf sie zu und tastete sich dabei unbeholfen an der Wand entlang.

Es dauerte einen Moment, bis Babsi antwortete. „Ist das ein schlechter Scherz? Soll das heißen, dass Sie nichts mehr sehen können?“ Sie hielt inne und er hörte, wie sie nach Luft schnappte. „Sind Sie etwa blind?“

Blind. Schon wieder dieses Wort, das ihm durch Mark und Bein ging. Zum zweiten Mal, seit er an diesem elenden Morgen aufgewacht war, drohte ihn die blanke Angst zu überwältigen. Johnny zwang sich zu einem Lächeln. „Ach, papperlapapp, jetzt machen Sie mal nicht die Pferde scheu. Wenn Sie bitte so gut wären, ins Schlafzimmer im Obergeschoss zu gehen.“ Er machte eine vage Handbewegung in Richtung der vermuteten Treppe. „Und kommen Sie bloß nicht auf falsche Gedanken: Ich möchte eine Hose an- und nicht ausziehen, also holen Sie irgendwas Bequemes aus dem Kleiderschrank.“

 

Obwohl er es nicht sehen konnte, war er ziemlich sicher, dass Babsi den Kopf schüttelte. Ihren Absätzen nach bewegte sie sich an ihm vorbei über das Parkett in Richtung Treppe. Sie würde noch seinen Boden ruinieren, dachte er und verschränkte die Arme. Als sie oben war, hörte er, wie sie etwas Unverständliches vor sich hin murmelte, dann trippelten die Absätze wieder zu ihm herunter und kurz darauf spürte er ihre Finger auf seinem Oberarm.

„Erschrecken Sie sich nicht. Ich habe hier Unterwäsche, eine Jogginghose und ein frisches T-Shirt. Ich nehme an, Sie möchten nicht im Anzug zum Arzt.“

Johnny zog einen Mundwinkel hoch und streckte die Handflächen aus. Unbeholfen nahm er das weiche Stoffpaket entgegen, das Babsi ihm reichte, klemmte es sich zwischen Ellenbogen und Körper und wankte damit in Richtung Bad. Seine Hände streckte er dabei seitlich von sich, die Finger tasteten über die Vliestapete. Obwohl er seit fünf Jahren in dieser Wohnung lebte, musste er sich konzentrieren und steuerte mit unsicheren Schritten auf die Badezimmertür zu.

„Vorsicht!“, drang Babsis Stimme plötzlich an sein Ohr, aber es war zu spät: Johnny drehte den Kopf und prallte im nächsten Moment mit der Schläfe gegen etwas Hartes. „Verdammt!“ Er biss die Zähne zusammen und hielt sich mit der freien Hand den Kopf. Leise verfluchte er sich dafür, dass er dem Kater zuliebe die Türen immer halb offen stehen ließ. Die Schamesröte stieg Johnny heiß ins Gesicht und er musste ein paarmal tief Luft holen, um sich zu beruhigen. Es nützte niemandem, am wenigsten ihm selbst, –, wenn er jetzt die Nerven verlor.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte seine Assistentin.

„Es geht schon.“ Johnny seufzte. Kaum hörbar setzte er noch einmal an: „Babsi?“

„Ja?“

„Danke.“ Etwas lauter fügte er hinzu: „Und versuchen Sie erst gar nicht, mir zu folgen. Ich höre Sie kommen!“

Johnny zog vorsichtig die Tür hinter sich zu – um sich auf dem Rückweg nicht wieder zu stoßen und nicht weil ihn Babsis Blicke gestört hätten. Er torkelte zum Waschbecken, drehte den Hahn auf und schöpfte sich das angenehm kühle Wasser ins Gesicht. Nachdem er einen großen Schluck getrunken hatte, machte er eine eilige Katzenwäsche und versuchte, mit den feuchten Fingern seine Frisur in Ordnung zu bringen. Er zog sich die Kleidung über und stellte dabei fest, dass auch sein Outfit von Freitag noch auf dem Fliesenboden lag. Erleichtert zog er sein Portemonnaie aus der Hosentasche der Jeans: Die Chipkarte der Krankenkasse würde er brauchen. Er steckte die Geldbörse ein, aber plötzlich ließ ihn etwas innehalten. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal das Haus verlassen hatte, ohne einen gründlichen Blick in den Spiegel zu werfen. Bei diesem Gedanken stieg ein beklemmendes Gefühl in Johnny auf. Er ließ die Finger in sein Gesicht wandern, um die vertrauten Konturen zu betasten. Er war immer noch der Alte. Die hellbraunen, mit ein paar Silberfäden durchsetzten Haare fielen ihm in die Stirn, weil er sie nicht geföhnt hatte, aber sie waren auch nicht lichter als gestern, da war er sicher. Er konnte die stoppelige Haut ertasten, die sich über seine Wangenknochen und sein Kinn spannte – die Rasur musste warten. Probeweise verzog er die Lippen zu einem Lächeln, obwohl ihm überhaupt nicht danach zumute war. Die Grübchen saßen an derselben Stelle wie immer. Erleichtert atmete er auf und schüttelte den Kopf über sich selbst. Er war noch genau derselbe Mann. Derselbe gut aussehende Mann, auch wenn er nicht in den Spiegel gucken konnte, um das zu überprüfen.

Was Babsi anging, hatte er ohnehin schon länger den Verdacht, dass sie mehr als nur kollegiale Gefühle für ihn hegte. So wie beinahe alle Frauen, die diese Stelle in der Personalabteilung vorher bekleidet hatten. Im Gegensatz zu Babsi war keine von ihnen lang geblieben. Diese Anziehungskraft musste wohl von der Aura der Autorität ausgehen, die ihn umgab. Trotzdem würde er niemals etwas mit Babsi anfangen: Er pflegte Berufliches und Privates zu trennen. Kein Techtelmechtel im Job. Geschäftsreisen waren die Ausnahme, denn da konnte er sicher sein, seine Begleitung der vergangenen Nacht niemals im Büro wiederzutreffen. Oder überhaupt bei Tageslicht. Die Stadt bot schließlich genügend Möglichkeiten, seine Einsamkeit zu vergessen, wenn sie ihn doch einmal überkam, was selten genug passierte.

Aber von all dem brauchte Babsi nichts zu wissen. Schließlich war er jetzt auf sie angewiesen, wenn er nicht seine Mutter – Gott behüte! – oder seinen Kumpel Dirk anrufen wollte, der irgendwie nicht mehr derselbe war, seit er in den Ehehafen geschippert war.

Johnny hörte, wie Babsi sich räusperte. „Können wir jetzt bitte los? Ich habe heute noch etwas vor.“

Johnny seufzte und schwankte ein paar Schritte durch den Flur, um ihr seine Hand entgegenzustrecken. Aber anstatt sich bei ihm einzuhaken, schloss Babsi die Finger um seinen Unterarm und führte ihn zur Wohnungstür.

„Ein bisschen sanfter bitte“, säuselte Johnny mit gespielter Entrüstung. Den langen Haarsträhnen nach, die seine Wange kitzelten, schüttelte Babsi jetzt gerade den Kopf. „Ich brauche dringend einen neuen Job“, sagte sie halb laut zu sich selbst.

„Wie war das?“ Johnny blieb stehen. „Sagen Sie so etwas nicht! Hinterher landen Sie bei irgendeinem Ekel, das es nur auf Ihren hübschen Hintern abgesehen hat und nicht auf Ihre anderen Qua–“

Johnny spürte ihren wütenden Blick. Er hatte zwar nie sonderlich feine Antennen für zwischenmenschliche Stimmungen besessen, aber hier knisterte die Luft.

„Sie können von Glück reden, dass ich so geduldig bin“, zischte Babsi. „Ich hätte nicht wenig Lust, Sie hier sitzen zu lassen, und was machen Sie dann? Es ist Sonntagabend und zu Hause wartet mein Verlobter mit dem inzwischen kalten Essen, also lassen Sie einfach die blöden Sprüche.“

Johnny erstarrte. Er konnte nicht sagen, was ihn mehr schockierte: dass es schon Abend war und er über vierundzwanzig Stunden geschlafen hatte oder dass Babsi verlobt war. Zwar war ihm nicht entgangen, dass sie in letzter Zeit irgendwie aufgeblüht war, aber ... ein Verlobter? Und er hatte nichts davon gewusst? Nicht zu fassen.

„Sie sind verlobt?“, fragte er, ohne sich Mühe zu geben, die Neugier in seiner Stimme zu verhehlen.

Babsi stieß einen langen Seufzer aus und womöglich verdrehte sie auch die Augen. „Ach, hören Sie bitte auf, sich für mein Privatleben zu interessieren, das kaufe ich Ihnen nicht ab. Wenn Sie nicht so ein –“

Johnny zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch. Vielleicht hatte er es mit seinen Provokationen diesmal doch zu weit getrieben. Keine von Babsis Vorgängerinnen hatte ihn je beleidigt.

„Wenn Sie nicht so mit sich selbst beschäftigt wären, hätten Sie das vielleicht auch mitbekommen.“

Johnny zuckte nonchalant mit den Schultern. „Spätestens wenn sich der ganze Papierkram wegen der Namensänderung auf meinem Schreibtisch gestapelt hätte, wäre es mir schon aufgefallen.“

Babsi öffnete stumm die Wohnungstür und schob ihn umständlich hindurch. Johnny schaffte es gerade noch, in einem Anflug geistiger Gegenwärtigkeit seinen Wohnungsschlüssel vom Haken neben der Tür zu nehmen und einzustecken, dann zog Babsi die Tür hinter ihnen wieder zu. „Das sind bezahlte Überstunden“, sagte sie, bevor sie auf die Ruftaste für den Aufzug drückte, die einen leisen Piepton von sich gab. Johnny überlegte kurz, was er erwidern könnte; aber hier, an der Schwelle, die von seiner gewohnten Umgebung in die ihm neuerdings fremde Welt hinausführte, verging ihm plötzlich die Lust, zu streiten.

Vor dem Aufnahmetresen des Krankenhauses ließ Babsi ihn einfach stehen. „Es tut mir leid, Herr Baumann. Ich wünsche Ihnen alles Gute, aber ich muss jetzt wirklich wieder nach Hause.“

In ihrer gereizten Stimme schwang noch ein anderes Gefühl mit, das dafür sorgte, dass Johnny sich plötzlich wieder wie ein Schuljunge fühlte, der ins Büro des Direktors gerufen worden war. Wieder und wieder huschte ihm derselbe Gedanke durch den Kopf: Scheiße. Diesmal hast du wirklich großen Mist gebaut. Verdammte Scheiße …