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Regine Schneider
Paul ist tot

Witwengeschichten

Saga

Denn wir sprechen von »dem Tod«, um die Dinge zu vereinfachen, aber es gibt fast ebenso viele von seiner Art, wie es Personen gibt.

Marcel Proust

Der Tod ist kein Punkt, der Tod ist ein Doppelpunkt

Doppelt so viele Paare werden in Deutschland vom Tod geschieden wie vom Scheidungsrichter. Im Jahr 2012 zählte das Statistische Bundesamt 179 147 Scheidungen und 349 352 neu Verwitwete. Insgesamt sind in Deutschland knapp sechs Millionen Menschen verwitwet.

Witwen, vor allem junge, kommen in unserer Gesellschaft öffentlich fast gar nicht vor. Es sei denn, sie sind prominent. Die Wahrnehmung endet nach der Beerdigung. Danach verschwinden sie in der Versenkung.

Witwen orten wir bewusst sowieso nur ab dem Alter 50 plus. Wenn es halt Zeit für den Opa ist, zu gehen. Bücher, in denen jüngere Witwen ihre akute Trauerphase schildern, von Verlust und Schmerz erzählen, gibt es. Es sind in der Regel Trostbücher für Frauen, die Gleiches durchgemacht haben. Aber das ist nur eine Phase nach dem Verlust des Partners. Danach geht das Leben weiter, ob man will oder nicht. Und es will gemeistert werden.

Wir haben leider ein verzerrtes Bild davon, wie man als Witwe zu sein hat und wie Witwen wirklich sind. Was nach der Bestattung geschieht, ist nicht von öffentlichem Interesse. Da der Tod immer noch ein Tabuthema ist, hat bisher keiner nach dem ganz normalen alltäglichen Witwen-Wahnsinn gefragt. Der ist nicht nur ziemlich traurig, sondern oft genug auch ziemlich schräg, konfus, herzergreifend, böse, makaber, kurios, skurril, empörend und auf jeden Fall zutiefst menschlich. Wie das Leben.

Deshalb mag die Abbildung der Normalität in diesem Buch für manchen verstörend wirken. Das liegt aber lediglich daran, dass die Witwen-Community gemieden wird. Witwen werden nach der Entsorgung seiner Überreste ziemlich allein gelassen. Und bitte nicht zu lange die anderen mit Trübsinn belästigen.

Die Witwen, die ich interviewt habe, übrigens überwiegend relativ junge Frauen, haben alle unterschiedlich getrauert und unterschiedlich lange getrauert. Wenn die ausschließliche Trauer nur vier Wochen statt zwei Jahre dauerte, sagte das nichts über die Tiefe des Schmerzes aus. Der Schmerz bleibt. Nur jede lernt früher oder später mit ihm zu leben. Den Verlust in ihr eigenes Leben zu integrieren.

Teresa Enke, die Frau des Nationaltorwarts Robert Enke, der sich wegen seiner Depressionen in der Nähe seines Hauses vor einen Zug geworfen hat, konnte nur immer wieder unter Tränen schreien: »Oh, mein Gott, das kann nicht wahr sein, nicht Robert.« Jeder erinnert sich an die berührenden Bilder seiner Trauerfeier. Kürzlich sagte sie in einem Interview mit der Gala: »Ich gehe inzwischen offen auf alle zu. Aber ich sehe dann schon das Entsetzen in den Augen der Menschen, wenn es um meine Geschichte geht. Es kann nicht jeder so damit umgehen wie ich. Ich habe schwarzen Humor, wie mein Mann ihn übrigens auch hatte. Damit erschrecke ich manchmal mehr die anderen als die mich mit ihren Fragen.«

Prinzessin Caroline von Monaco saß beim Friseur, als sie 1990 erfuhr, dass ihr Mann Stefano Casiraghi während der Rennbootweltmeisterschaften vor der Küste Monacos tödlich verunglückt war. Sieben Monate zeigte sie sich danach nicht in der Öffentlichkeit. Wie sie ihre Trauer bewältigt hatte, ist nicht bekannt. Als man sie wieder sah, hatte sie sich gefangen.

Auch die Moderatorin und Buchautorin Bärbel Schäfer erlebte, wie ihr damaliger Freund Kay Degenhard 1998 mit seinem Auto auf der Autobahn ins Schleudern geriet und unter einen Bagger raste. Er war sofort tot. Das Paar war frisch verliebt und gerade vier Monate zusammen. Schäfer, so die Illustrierte Bunte: »Ich wurde von einer Minute zur anderen vom Himmel in die Hölle gestoßen.« Und: »Das, was mein Leben ausgemacht hat, war weg. Ich fürchtete, es würde niemals wiederkommen.« Sie bekam, so heißt es, ihr Leben durch intensive Arbeit wieder in den Griff. Zwei Wochen nach dem Unfall stand sie wieder vor der Kamera. Manche mögen das für herzlos halten, aber es war ihre Bewältigungsstrategie.

Beatrice von Keyserlingk verlor ihren Lebensgefährten, den Focus-Redakteur Christian Liebig, bei einem Reportereinsatz im Irak. Sie sagte gegenüber Bunte: »Als der Anruf kam, arbeitete ich gerade in der Schweiz. Ich hatte schlagartig das Gefühl, als hätte ich einen Eimer Säure getrunken. Ich bin einfach an der Wand zusammengesunken. Drei Tage habe ich durchgeweint und mich danach sofort in Arbeit gestürzt.« Sie hat danach die Christian-Liebig-Stiftung gegründet, mit deren Hilfe sie seine Vision von einer Hilfe zur Selbsthilfe in Afrika verfolgt. »Mein Ventil zur Trauerbewältigung.«

Andere stürzen sich in Abenteuer, ziehen sich aus dem Verkehr, suchen One-Night-Stands, machen die verrücktesten Sachen. Sie nehmen per Medium oder Pendel Kontakt mit dem Verstorbenen auf, sie verabreden sich in der Nacht mit seiner Seele, sie gehen an sein Grab und beschimpfen ihn oder halten innere Zwiesprache, sie schmeißen alles raus, was an ihn erinnert. Oder sie verkaufen oder verschenken, was sie immer gestört hat, sie erlauben sich Abenteuer, die er nie gutgeheißen hat. Manche ziehen sich auch für eine Weile völlig zurück und wollen niemanden sehen außer ihren Hund oder ihr Pferd. Andere hüten sein Arbeitszimmer im Haus wie ein Museum. Alles ist in Ordnung.

Jede, die in diesem Buch ihre Geschichte erzählt, geht anders mit dem Tod des Ehemannes oder Lebensgefährten um. Manche erzählen sehr trocken, sodass es wie eine Realsatire wirkt. Andere sind sehr tapfer, weil sie die alleinige Verantwortung für sich und ihre Kinder haben. Ältere Witwen sind gefasst und richten sich ihr Leben nun ganz so ein, wie es ihnen gefällt. Andere holen nach, was sie mit Mann nie durchgezogen haben. Egal, ob sie eine Riesenparty feiern oder in Trauer versinken, sich neue Kleidung kaufen, sich die Haare lila färben lassen oder die Wohnungseinrichtung völlig verändern. Die Erinnerung, die sie nur mit diesem einen Mann geteilt haben, bleibt. Sein Tod ist ein Wendepunkt. Irgendwann wird weitergelebt, so oder so.

Und jedem muss zugestanden werden, dass alles sein darf. Und zwar authentisch, egal ob es Wut, Erleichterung, Traurigkeit, Erlösung oder Fröhlichkeit ist. Deshalb habe ich diese alltäglichen Geschichten gesammelt und aufgeschrieben. Würde der Tod selbstverständlich ins Leben integriert, würde er sicher seinen Schrecken verlieren. Alles hat seine Zeit. Das Entscheidende, ist, den Tod des Mannes als Teil des eigenen Lebens anzunehmen.

Um ihre Anonymität zu wahren, sind Namen der Witwen, persönliche Details und Orte verändert, ihre Geschichten nicht.

Paul ist tot
Mein Cowboy ist für immer gegangen

Paul ist tot! Er wollte zu Hause sterben. Nicht im Krankenhaus und auch nicht im Hospiz. In seinem eigenen Bett. In seiner blau-weiß gestreiften Seemannsbettwäsche mit den kleinen Ankern. Seine Lieblingsbettwäsche. Hatten wir von unserer letzten Kreuzfahrt mit der Queen Mary mitgebracht. Sein letzter Wunsch.

Der Bauchspeicheldrüsenkrebs – da war nichts mehr zu machen. Die Diagnose traf uns unerwartet. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Paul wurde nach zwei OPs und drei Chemos innerhalb von zwei Jahren, die ihn nicht mehr retten konnten, palliativ optimal eingestellt, hatte keine Schmerzen. Er wurde nur schwächer und schwächer, er war sehr gefasst, ist friedlich eingeschlafen. An einem sonnigen Morgen. Die ganze Nacht hatte ich an seinem Bett gesessen, seine trockenen Lippen mit einer Honigsalbe betupft, seine Hand gehalten. Als seine Atemzüge in Schnappatmung übergingen und gegen Morgen schließlich aussetzten, wusste ich, dass es endgültig vorbei war. Ich öffnete das Fenster, um seine Seele herauszulassen, und hörte die Vögel singen. Ich sagte noch: »Paul, es war schön mit dir. Meistens jedenfalls. Gute Reise!« Dann musste ich heulen und konnte erstmal nicht wieder aufhören. Ende! Ende einer schweren Zeit. Ende einer schönen Zeit. Ende einer ambivalenten Zeit. Unweigerlich vorbei.

Ich hätte zum Beispiel auch noch sagen können: »Du warst rechthaberisch und dominant.« Aber das verkniff ich mir. Über die Toten nichts Schlechtes. Deswegen wird wohl nirgends so viel gelogen wie an Gräbern.

Paul ging nicht plötzlich, und auch nicht unerwartet. Vor seinem Tod hatte er noch alles geregelt. Berliner Testament, seine guten Signum-Hemden hatte er seit 25 Jahren nie ausrangiert, die sollte sein Freund Otto bekommen. Seine Lederhose vermachte er seinem Bruder. Eine Uhr aus seiner Uhrensammlung seiner Schwester. Er wollte eingeäschert und anschließend auf der Ostsee seebestattet werden.

Paul hatte sich sogar seinen Sarg und seine Urne selbst ausgesucht. Wir hatten uns auch zwei Krematorien gemeinsam angeschaut. Eins gefiel ihm besonders. Es war nicht nur modern eingerichtet. In der Broschüre lasen wir: »Im Vordergrund bei der Gestaltung der Trauerfeier stehen die individuelle Persönlichkeit des Verstorbenen, wie er gelebt hat und seine letzten Wünsche. Beim feierlichen Abschied können Angehörige den Verstorbenen noch einmal vor ihrem inneren Auge auferstehen lassen.« Das gefiel ihm. Auch, dass wir uns vor der Einäscherung am offenen Sarg von ihm verabschieden konnten. Das wollte er unbedingt. Neben seiner Urne sollte das Foto, Paul in Lederkluft auf seiner Harley, aufgestellt werden. Wenn er so aussah, nannte ich ihn immer meinen Cowboy.

Beim Googeln nach schönen Zitaten für eine Anzeige sprang mich zuerst eine Werbung für Vivante-Naturschuhe an. Verärgert drückte ich sie weg. Schon landete ich auf Youtube bei Star Trek: »He’s dead, Jim. He’s dead, Jim. He’s dead!« Das trieb mir wieder die Tränen in die Augen. Dann fand ich polnische Sprichwörter: »Das Ende krönt das Werk.« Auch ungeeignet. Beim nächsten Klick sprang mir eine um neun Kilo erleichterte Bärbel Schäfer ins Bild, die Werbung für Weight Watchers machte. Langsam wurde ich sauer. Was für eine Zumutung. Das nächste Zitat, das ich fand, war ein Graffiti: »Sterben ist männlich«. Schließlich wurde ich fündig und wählte ein Zitat von Marcus Aurelius: »Der Tod lächelt uns alle an, das Einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln!« Mir war nicht nach Lächeln. Aber es passte irgendwie dazu, wie Paul gegangen war. Es war annehmbar.

 

Später saßen wir dann alle in der kleinen Kapelle im Krematorium. Blumen, Kerzen, Räucherstäbchen. Dämmerlicht. Wandfarbe türkis mit Goldrand. Über uns dunkelblauer Sternenhimmel. Bevor der Sarg auf einer Schiene in den Ofen gefahren wurde, hatten wir Paul noch einmal angeschaut. Wachsbleich. Seine Gesichtszüge waren sehr verändert. Es berührte mich merkwürdig, sein Gesicht so entlebt zu sehen. Sein Körper wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Ich streichelte zum letzten Mal unter Tränen seine eiskalte Hand. Das gab mir Gewissheit: Er war nicht mehr unter uns. Das war nur seine Hülle.

Zum Abschied hatte Paul sich »He’s gone« von Grateful Dead gewünscht. Und von den Stones »Satisfaction«. Fand ich unpassend. Aber er wollte sich im Tod noch einmal ganz persönlich ausdrücken. Stimmungsvoll, authentisch und ergreifend, wie im Prospekt versprochen. Bei der Musik musste ich wieder weinen.

Seine Urne thronte dunkelblau und bauchig auf dem Altar. »Die sieht aus wie Paul«, flüsterte seine Schwester schniefend, »eine kleine dicke Kugel.« Das fand ich in diesem Moment gehässig, obwohl es stimmte. »Sei nicht so pietätlos«, zischte ich und dachte schuldbewusst: »Er war ein 1,68 Meter großes meist wonniges rundes Kerlchen.« Bei dem Bild musste ich grinsen. Doch dann übermannte mich wieder der Schmerz. »Nothin’s gonna bring him back«, sangen Grateful Dead.

Paul hatte gesagt: »Leute, haltet die Tränen zurück, wenn ich gehe. Organisiert die Seebestattung und denkt auf dem Schiff daran, das ist eure Party. Betrinkt euch, lasst euch die Schnittchen schmecken und denkt an mich. Das fände ich gut.« Wir hatten Prosecco dabei, den, den Paul am liebsten getrunken hatte.

Als wir auf dem Schiff waren, wollte meine Tochter bunte Luftballons in den Himmel steigen lassen. »Papa ist doch kein kleines Kind mehr«, protestierte ich. Ich erlaubte ihr einen mit einem Briefchen: »Hab Dich lieb, Papa.« Den ließ der Seewind in die Höhe trudeln. Die Tränen liefen, zig Tempotücher kamen zum Einsatz, als die See-Urne aus löslichem Salzkristall, in die seine Asche umgefüllt worden war, ins Wasser gelassen wurde. Außerhalb der Dreimeilenzone über rauem Grund, also da, wo nicht gefischt wird, wurde Paul nach Seemannsart dem Meer übergeben und der Kapitän in Marineuniform fand noch ein paar tröstliche Worte. Danach trank ich die letzte halbe Flasche Prosecco allein aus. Pauls Überreste waren per Paketdienst an die Reederei geschickt worden. Das sei wohl so üblich, wurde mir gesagt. Ich war nach der halben Flasche in der richtigen Stimmung, mir Paul als Paket im United Parcel Service vorzustellen. Makaber.

Es gibt kein Grab, das wir besuchen können. Ich bin jetzt Witwe und Paul lebt weiter in meiner Erinnerung. Manchmal kommen die guten Erinnerungen. Bisweilen auch die, die nicht so schön sind. Was geblieben ist, ist Ambivalenz. Trauer, Schmerz, aber auch Erleichterung und ein ganz neues Gefühl von Freiheit. Nicht sofort, aber doch bald. Vieles musste ich lernen. Allein einschlafen, allein wach werden, allein frühstücken, allein joggen, allein mit dem Hund gehen, Finanzen regeln und Nachlass ordnen. Vieles kann ich jetzt tun, was ich mit Rücksicht auf Paul nie getan habe: Laut fluchen, den Hund mit ins Ehebett nehmen, im Fernsehsessel mit Keksen herumkrümeln, das Badezimmer knallrot streichen, meine Fingernägel grün lackieren, »Bauer sucht Frau« gucken, endlich zum Dalai Lama fahren ... Natürlich gibt es auch viele Dinge, die ohne Paul keinen Spaß mehr machen. Wochenenden in unserem selbst renovierten Bauernhaus verbringen. Fahrradtouren durchs schöne flache Münsterland machen, wo wir beide herkommen und wo wir uns von unserer Kindheit erzählen. Im Regen spazieren gehen. Und so fühlt sich Witwe werden am Anfang an wie Disneyland. Eine ganz verrückte Welt. Auf und ab. Unwirklich, künstlich, blöd und komisch. Irre traurig und verzweifelt. Gewöhnungsbedürftig und fremd. Aber man verlässt diese Welt auch irgendwann wieder. Es geht weiter. Bloß ganz anders.

▸ Bestattungskultur im Wandel

Die Friedhofskultur ist im Wandel begriffen. Der Friedhof ist kein christlich umflorter Gottesacker mehr. Er ähnelt eher einem Park, einem Naturpark mit Toten, der nun der Pluralisierung der Gesellschaft Rechnung trägt. Es gibt einen Bereich für totgeborene Kinder, eine Rasenfläche für anonyme Beisetzungen, einen urwaldartigen Ruheforst mit Urnengräbern um Stieleichen, Rotbuchen und Waldkiefern. Es gibt das erste Gemeinschaftsgrabfeld von Aids-Toten genauso wie den von einem privaten Verein betriebenen »Garten der Frauen« im Geiste der Frauenbewegung, in dem prominente und nicht prominente Damen ruhen. Während Einzel- wie Familiengräber an Bedeutung verlieren und klassische Begräbnisse den immer beliebter werdenden Feuerbestattungen weichen - 54,7 Prozent der Verstorbenen werden heute bereits eingeäschert -, entstehen Begräbnisanlagen sozialer Gemeinschaften, der sich der Tote zu Lebzeiten zugehörig fühlte. Das können beispielsweise Grabanlagen von HSV- oder Schalke-04-Anhängern sein, von Kirchengemeindemitgliedern und Kegelvereinen. Die Begräbniskultur ist Ausdruck sich verändernder Lebensstile. Familien sind zersplittert, Angehörige leben oft weit voneinander entfernt, Lebensformen sind heute ganz unterschiedlich, Singlehaushalte Normalität. Trauer und Gedenken wandern wie bei Lady Diana oder Robert Enke in den öffentlichen Raum, wo sich Emotionen kollektiv entladen. Oder sie werden festgehalten in der immateriellen Ewigkeit des WWW-Gedächtnisses, wo man den Verstorbenen per »Digital-Memorial« auf virtuellen Friedhöfen kommerzieller Portale »Internet-Gedenkstätten« errichtet. Kreuze für Unfalltote an Straßen werden Mahnmale und Erinnerungsorte, wo jeder Blumen oder Stofftiere deponieren kann. Die Kirche hat ihren Alleinvertretungsanspruch auf Tod und Trauer längst eingebüßt.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich noch im Tode individuell auszudrücken und in einer bestimmten Form in Erinnerung zu bleiben:

 Weltraumbestattung

 Ballonbestattung

 Asche an individuellen Orten verstreuen

 Erinnerungsporzellan

 Waldbestattung

 Urne im Grab bestatten

 Urne aufstellen

 Kolumbarium

 Feuerwerk aus Asche der Verstorbenen

 Asche als Nährstoff für einen Baum

 Bleistifte aus der Asche der Verstorbenen

 Ascheabfüllung in ein Amulett

 Anonyme Bestattung

 Asche als Baumaterial für ein Korallenriff

 Asche in ein Memorial Piece einarbeiten

Mit dem Wandel der Bestattungskultur in den vergangenen Jahren sind in Deutschland viele neue Anlagen zur Feuerbestattung erbaut sowie staatliche Krematorien privatisiert worden. Moderne Krematorien sind Häuser der offenen Tür und alles, was dort geschieht, von der Anlieferung über das Einfahren in den Ofen bis hin zur Asche in der Urne, ist transparent. Man kann seine Bestattung vor dem Tod selber planen und alle offenen Fragen klären. Moderne Krematorien sind hell und freundlich eingerichtet. Es besteht die Möglichkeit, vor der Einäscherung eine Trauerfeier in Krematoriumsräumen in sehr individuellem Rahmen auszurichten. Besonders geschulte einfühlsame Mitarbeiter klären auch über Mythen oder Befürchtungen auf und versichern einem zum Beispiel, dass nur ein Sarg pro Ofen eingeäschert wird und die richtige Asche in die Urne kommt.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und manche Bestattung bekommt durch Musik, humorvolle Reden, Gesang und Tanz Festivalcharakter, ganz wie es der Persönlichkeit des Verstorbenen entspricht.

Bitterböse Gedanken
Nicht alle Witwen trauern

Gegen zwei Uhr morgens kam der Anruf aus dem Krankenhaus: »Aus unerklärlichen Gründen ist soeben Ihr Mann verstorben.« Ich war schockiert. Damit hatte keiner gerechnet. »Ich komme sofort.« In erster Panik versuchte ich noch, meine beste Freundin anzurufen, vergeblich um diese Uhrzeit. Ich zog mich an, lief zum Auto, fuhr los. Wie fremdgesteuert. Durcheinander. Wieso war er plötzlich tot? Im Krankenhaus angekommen fand ich keinen Parkplatz, weil überall Baustelle war. Ich parkte einfach schnell in einer Lücke zwischen einem Bauwagen und einer Absperrung und suchte dann im Dunkeln den Eingang. Alles war etwas unübersichtlich. Ich nahm den Aufzug direkt hinauf zu seiner Station. Zimmer 356, dritter Stock. Der Flur war menschenleer. Dafür standen ein paar Bahren und ein fahrbares Tropfgerät herum. Links ging es zur Isolierstation. Rechts zur Chirurgie. Ich desinfizierte meine Hände. Eigentlich Quatsch, denn infizieren konnte ich ihn ja nicht mehr. Aus einem der Krankenzimmer hörte ich ein leises, verwirrtes Rufen: »Schwester!« Die alten Menschen finden oft nicht die richtige Klingel. Oder sie wissen häufig nicht, wo sie sind. Leises Huschen auf leisen Gesundheitsschlappen über den Flur.

Vorsichtig und in banger Erwartung, was ich zu sehen bekäme, öffnete ich die Tür zu seinem Zimmer. Man hatte eine Kerze angezündet. Es roch wie Krankenhaus. Steril. Er lag noch in seinem Bett, die Augen geschlossen, als würde er schlafen. Alle Kanülen entfernt, die Bettdecke ordentlich gerade gezogen. Hände übereinandergelegt auf der Bettdecke. Mit einem Kamm war sein Haarkranz ordentlich zur Seite gelegt worden. Ich sollte wohl bei seinem Anblick keinen Schock bekommen. Ich berührte seine Wange. Sie war noch nicht ganz kalt. Die Nachtschwester kam und nahm mich in den Arm. »Embolie«, sagte sie nur. »Mein herzliches Beileid.«

Karl hatte einen Darmtumor. Im Frühstadium bei einer Darmspiegelung entdeckt. Er war nach einer Operation auf dem Weg der Besserung. Alle rechneten damit, dass er sich erholen würde. Es gab keinen Hinweis darauf, dass wir um sein Leben fürchten mussten. Der Krebs war noch nicht weit fortgeschritten, hatte noch nicht gestreut.

Ich setzte mich an sein Bett und bat die Schwester, mich mit ihm allein zu lassen. Die currygelben Vorhänge vor dem Fenster waren bis auf einen kleinen Schlitz in der Mitte zugezogen. Als ich nach der ersten Verwirrung meine Gedanken ein wenig sortiert hatte und in mich gegangen war, spürte ich nicht Trauer, sondern Dankbarkeit, dass der liebe Gott es so für mich gefügt hat. Dass diese Kampfbeziehung ein natürliches Ende gefunden hat. Nun war ich ihn endgültig los, diesen garstigen kleinen Bären, der mich tyrannisiert und meine Gefühle verletzt hatte. Ich war irritiert, dass ich so reagierte. Ich erinnerte mich an die Worte meiner Mutter: »Mein Gott, Kind, tu dir das doch nicht an. Verlass ihn. Du bist todunglücklich.« Wie recht sie hatte! Einmal sagte sie: »Ich bete jeden Tag, dass dir die Vorsehung noch einmal einen lieben Menschen schickt.« Meine Mutter hat gespürt, wie sehr Karl mich unterdrückt hat.

Bei dieser Erinnerung überkamen mich bitterböse Gedanken, und ich ließ sie kommen. Da saßen wir zwei nun im Halbdunkel bei Kerzenschein. Sein Mund für immer verschlossen. Die Verbissenheit, die ihn stets ausgezeichnet hatte, wollte selbst im Tod nicht aus seinen Zügen weichen. Seine Starre löste bei mir nur ein sachliches Registrieren aus. Ich betrachtete ihn, wie man ein totes Meerschweinchen betrachten würde. Oder eine tote Ratte. Nicht eine Träne wollte kommen. Auch kein Hass. Dafür das Gefühl der Erleichterung. Ich schämte mich nicht einmal. So also war das Ende für uns vorgesehen. Und ich war dankbar.

Er hat mich während der vielen Jahre unserer Ehe derart unter Druck gesetzt, dass ich sogar Depressionen bekommen hatte und psychologischen Beistand suchen musste, was er völlig überflüssig fand. Zeitverschwendung. Wo ich es doch so gut bei ihm hatte. Wie oft hatte ich mir vorgenommen, ihn zu verlassen. Dann traute ich mich wieder nicht. Angst vorm Alleinsein. Angst, allein zu bleiben. Aus Ängstlichkeit nimmt man so viel in Kauf. Wieder eine Gehässigkeit geschluckt. Wieder einen fiesen Satz eingesteckt. Wieder abends in den Schlaf geheult. Ins Kissen gebissen. Wenn ich allein war, habe ich manchmal Wutschreie ausgestoßen. Beim Kartoffelschälen eine Kartoffel vor die Tür gepfeffert. Weil ich nicht wusste, wohin mit meinem Zorn. Was habe ich Tränen vergossen in dieser Ehe. Für all die Demütigungen, die ich ausgehalten habe. Ihn ließen meine Tränen kalt. Nie wurde ich in den Arm genommen. Ich kann mich an kein einziges verständnisvolles Gespräch erinnern. Nur immer blöde, unpassende Kommentare. Ich habe mich auch gewehrt, für meine Rechte in der Partnerschaft gekämpft. Eigentlich bin ich eine Kämpfernatur. Habe mich ihm widersetzt. Es kam nur Spott.

 

Jetzt in der Stille der Nacht kam alles hoch. Da lag er vor mir, so wehrlos anzusehen in seinem ordentlichen hellblauen Schlafanzug, den Mutti bei C&A gekauft hatte. Karl war ein Muttersöhnchen. Einzelkind. Vater Tyrann, Mutter geknechtet. Beide ließen den Sohnemann nicht aus ihrem festen Griff. Er war 38, als er mich kennenlernte. Ich war seine erste Frau und mich wundert noch heute, dass die Eltern ihre Zustimmung zu unserer Hochzeit gegeben haben. Zumal ich geschieden war, also mit einem Makel behaftet. Heute weiß ich, sie machten gute Miene ... Schließlich sollte der Junge nicht ewig Single bleiben. »Karl soll kein einsames Leben führen, wenn wir mal nicht mehr sind«, sagte Mutti, und damit hätte sie in »Schwiegertochter gesucht« auftreten können. Loslassen wollten sie ihn aber auch nicht. Jahrzehntelang habe ich jeden Abend um Punkt 19 Uhr ihren Anruf ertragen. »Was machst du, Karl, wie war dein Tag, hat deine Frau dir was Leckeres gekocht?«

Hier in der Dunkelheit des nächtlichen Krankenhauses erstanden wieder Szenen unserer Ehe vor meinem inneren Auge. Die immer gleichen Dialoge. »Karl, bitte führe ein klärendes Gespräch mit deinen Eltern. Ich ertrage es nicht, dass sie dich jeden Abend einnorden.« – »Kommt nicht infrage. Ich bin Einzelkind. Die haben sonst niemanden.« – »Aber ich bin deine Frau und müsste dir doch näher stehen. Sind dir meine Gefühle egal?« – »Du siehst das falsch. Du müsstest viel lockerer sein.« – »Es stört mich. Es verletzt unsere Intimsphäre. Werde endlich erwachsen und löse dich von deinen Eltern.« – »Habe ich doch längst. Das stimmt so gar nicht.« – »Bin ich verkehrt?« – »Scheint so. Du machst Probleme, wo keine sind.« So war das. Ich war schuld. Ich war diejenige, die nicht richtig tickte.

Die Schwester öffnete noch einmal leise die Tür und fragte, ob ich etwas zu trinken möchte. Tee vielleicht. Ich verneinte und gab mich weiter meinen Erinnerungen hin. Mir fielen die vielen gemeinsamen Abendessen ein. Jede Woche hatte ich die beiden einmal zu Gast. Immer wurde kritisiert. Regelmäßig die Frage seiner Mutter: »Hält Karl dich zu kurz oder warum ist kein Schinken auf dem Tisch?« Seine Mutter saß am Tisch, als hätte sie einen Schraubstock in der Bluse. Sie aß in kleinen Häppchen, die sie lange kaute. Sie durfte immer nur eine Schnitte nehmen. Vati wollte das so. Nahm sie mal eine zweite, weil es ihr gut schmeckte, bekam sie von ihrem Mann einen Klaps auf die Finger: »Zu Hause isst du auch nur eine. Das reicht.« Sie zog die Hand zurück. Meine kleine persönliche Fehde war, dass ich ihr die Scheibe wieder auf den Teller legte und sagte: »Nimm ruhig, Mutti, ich sehe doch, dass es dir schmeckt.« Dafür erntete ich böse Blicke und Vati brachte es fertig, die Scheibe Brot wieder in den Brotkorb zu legen. »Mutti hat genug.« Mutti litt und sagte nichts. Waren wir eingeladen, wurden nur die beiden Männer gefragt: »Vati, möchtest du noch was? Und du, Karli, du hast doch bestimmt noch Hunger.« Ich als geduldete Beigabe wurde nicht gefragt. Wollte ich einmal einen Kommentar zu etwas beisteuern, kam ich nicht durch. Seine Eltern hatten Besitz von ihm ergriffen. Das wurde mit Erpressung untermauert. Wenn du das und das machst, bekommst du dies oder jenes. Es gab nichts ohne Gegenleistung. Sie mischten mehr und mehr in unserer Ehe mit.

Ich blickte auf Karls schmale Lippen. Ein Mund, der nicht gut küssen konnte. Nur futtern konnte er damit. Deshalb war Karl gedrungen wie Kommissar Thiel, der prollige Partner von Professor Boerne aus dem Münsteraner Tatort. Auch Karls Vater war klein und drall. Zwei knubbelige Ekelpakete. Beim Blick auf Karls hellblauen Schlafanzug fiel mir ein, wie wir für Karl eine Jacke eingekauft hatten. Ich fand es schrecklich, wie er sich anzog, und wollte ihm guten Geschmack beibringen. Seine Eltern klinkten sich selbstverständlich ein. Sie waren eingefleischte C&A-Gänger. Natürlich waren sie beim Einkauf und vor allem bei der Kaufentscheidung unverzichtbar. Meine Anwesenheit fanden sie eigentlich überflüssig. Mutti wühlte die Jacken durch. Hielt eine tannengrüne hoch: »Schau mal, Karli. Zieh die mal an, die hat Vati auch, die ist schön.« Da habe ich wieder einmal aufbegehrt: »Ich will nicht, dass mein Mann wie Vati herumläuft. Haltet euch raus!« Ich war richtig giftig. Sofort schnappten sie ein. Vati zog Mutti hinter sich her aus dem C&A raus und Mutti rief: »Dann seht mal zu, wo ihr eine Jacke herbekommt.« Karl hat sich dann beim 19-Uhr-Anruf bei Mutti und Vati entschuldigt und vorwurfsvoll zu mir gesagt: »Etwas Rücksicht ist wohl nicht zu viel verlangt. Wo sie sich schon die Mühe machen und mitkommen.« Ich erwiderte: »Ich möchte einen vernünftig angezogenen Mann und keinen, mit dem ich mich schämen muss. Außerdem kann ich alleine einkaufen.«

Bei uns im Haus gab es einen kleinen Fototisch. Darauf standen ausschließlich Fotos von Karl, Mutti und Vati. Die weitaus meisten von Mutti und Karl. Ich kam da nicht vor. Nicht einmal ein Hochzeitsfoto war ich wert. Karl hatte als Ingenieur ein gutes Einkommen. Aber er war die personifizierte Knickerigkeit. Ich habe mir während unserer gesamten Ehe Geld für mich persönlich dazu verdient. Ich wollte nicht betteln müssen, ob er mir Geld für eine Jacke oder ein schönes Kleid gibt. Karl betonte immer: »Meine Frau muss nicht arbeiten, die will unbedingt.« Vati und Mutti hatten kein Verständnis dafür. »Die kriegt den Hals nicht voll«, hieß es. Keiner verstand, dass ich mich auch beruflich entfalten wollte, nicht nur das Haus sauber halten und in der Küche stehen mochte. Obwohl Karl gut verdiente, bekam er regelmäßig Geld von seinen Eltern zugesteckt, die wohlhabend waren. Ich nie. Nicht einmal zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Ich bekam ausschließlich Geschmacklosigkeiten von »Nanu-Nana«. Karl sagte dann immer: »Wie aufmerksam! Freust du dich?« Er steckte noch mit 50 die Füße unter Vaters Tisch. Von den elterlichen Zuwendungen wurden teure Autos gekauft. Er reiste auch gern und da nahm er mich erstaunlicherweise mit.

Jeden Sonntag war Frühschoppen. Wenn er genug getrunken hatte, kam er nicht nach Hause. Einmal war ich außer mir und rief seine Eltern an. »Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss ihn verlassen.« Er kam bald darauf nach Hause, um mir zu sagen: »Dann geh!« Das war mein Stellenwert für ihn.

Das alles kam hoch in der Stille. Warum nur war ich geblieben? Natürlich hatten wir auch schöne Momente. Aber die waren verschüttet. Mir fiel an seinem Totenbett und auch später bei seiner Beisetzung nichts Schönes ein. Bis heute denke ich, die Vorsehung hat ihn sterben lassen. Die Fügung war auf meiner Seite. Sie hat mich erlöst von meinen Qualen. Am Morgen kam der Bestatter und holte ihn. Die Beerdigung brachte ich hinter mich, wie es sich gehört. Sachlich, ohne viel Tamtam. Ich riss mich zusammen. Warf ein Schäufelchen Erde in sein Grab wie alle anderen, hatte weder einen Trauerredner noch Musik bestellt. Karl ist überraschend, leise und unauffällig aus meinem Leben verschwunden. Ich hatte auch noch eine Kaffeetafel organisiert. Als alle gegangen waren, ging ich allein nach Hause und duschte ausgiebig alles ab. Den ganzen Karl und was zu ihm gehörte. Danach ging ich Eis essen. Nuss-Vanille mit Sahne und Krokant-Streuseln. Mein Lieblingseis.