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WIR SIND FÜR SIE DA!

von Armin Möhle

Anton Bauza verspürte ein Kribbeln in der rechten Hüfte, als er sich im Bett aufsetzte. Er drehte sich herum, stellte die Füße auf dem Boden auf und erhob sich. Ein stechender Schmerz durchfuhr das rechte Bein. Ächzend ließ er sich auf das Bett zurückfallen.

Was war das? Eine Fehlfunktion der MedBots?

Er atmete tief durch und stemmte sich hoch. Der Schmerz peinigte erneut sein Bein und konzentrierte sich auf das Hüftgelenk. Anton Bauza biss die Zähne zusammen, stützte sich an der Wand ab und humpelte aus der Schlafnische in die Wohnküche. Er kniff die Augen zusammen, da sich ein dünner, wallender Grauschleier in sein Sehfeld gelegt hatte, ohne sein gewohntes Sehvermögen dadurch wieder herstellen zu können. Er verspürte ein Kratzen in der Kehle.

Anton Bauza ließ sich in den Wellness-Sessel fallen und musste zweimal niesen.

Er räusperte sich. »Ich will mit dem Gesundheitsdienst reden«, wies er die Halb-KI seines Appartements an. »Sofort!«

Bauza wusste um seine Erkrankungen, und in einem war er sich auch sicher: Er war nicht dement. Er kannte seine Ansprüche. Und als ehemaliger leitender Mitarbeiter eines großen IT-Unternehmens war es gewohnt, sich durchzusetzen. Medizinische Versorgung bis zur Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres hatte er durch seinen Rentenanspruch erworben, vier weitere Jahre hinzugekauft. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer seines Geburtsjahrgangs lag bei 87 Jahren. Es könnte also passen. Und wenn nicht … Die Euthanasie war kostenlos.

Der holografische Monitor baute sich vor ihm auf. Das Symbol des Gesundheitsdienstes erschien, ein Äskulapstab auf blauen Hintergrund, der von den Flaggen der Vereinigten Staaten von Europa linker Hand und den deutschen Republiken rechter Hand flankiert wurde.

Das Emblem verschwand und machte einer blonden Frau mittleren Alters Platz, die Bauza an seine Ex-Frau erinnerte und vor einer Karte der Vereinigten Staaten von Europa stand.

»Guten Morgen, Herr Bauza!«, sagte die Frau. »Sie können mich Emma nennen. Was kann die Deutsche Health Division für Sie tun?«

Anton Bauza räusperte sich. »Ich habe den Eindruck, dass meine MedBots ausgefallen sind. Meine Hüfte macht mir wieder Probleme, der Graue Star ist zurück und ich habe auch den Verdacht, dass ich mich mit der Grippe angesteckt habe.«

Die Frau wirkte einen Moment abwesend. »Ja«, sagte sie dann. »Ihre Herzinsuffizienz ist ebenfalls wieder aufgetreten, wie uns die Telemetrie Ihrer Med-Bots verrät.«

Die Umstellung der Sozialversicherungssysteme war in den ersten Berufsjahren Bauzas vorgenommen worden, wie er sich erinnerte. Für alle Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten von Europa – damals noch Europäische Union – war das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt worden, was klassische Alterssicherungssysteme obsolet gemacht hatte. Zum Ausgleich war die Gesundheitsfürsorge für Ruheständler den bisherigen Rentenversicherungen übertragen worden – aber nicht grenzenlos, sondern bis zu bestimmten Altersgrenzen.

»Wenn Sie wissen, wie es mir geht, werden Sie mir sicherlich sagen können, was mit den MedBots nicht funktioniert!«, fuhr Anton Bauza die Frau an. Ihm war klar, dass er es nicht mit einer menschlichen Frau, sondern mit dem Avatar einer KI zu tun hatte, sodass sein Gefühlsausbruch sinnlos war, aber zu den Methoden gehörte, mit denen er seinerzeit die ihm unterstellten Mitarbeiter angetrieben hatte.

»Wenn Sie die Nachrichten-Feeds der letzten Tagen verfolgt hätten, Herr Bauza, würden Sie wissen, dass sich auch die Vereinigten Staaten von Europa einem Angriff des hochentwickelten polymorphen Romenna-Virus – eines Computervirus, damit wir uns nicht falsch verstehen – ausgesetzt sehen«, erklärte Emma geduldig. »Nicht nur die USA, die Russische Föderation, die Zentralafrikanischen Republiken, die Südamerikanische Union, die Australische und Neuseeländische Republik, sondern auch wir. Die Regierungen vermuten das Vereinigte Groß-China als Entwickler und Verbreiter des …«

»Aber China ist auch betroffen«, wandte Bauza ein.

Die Frau lächelte. »Bedauerlicherweise sind inzwischen auch die Server der Deutschen Health Division infiziert, die die medizinischen Nanoroboter in den Körpern unserer Klienten steuern. Wir arbeiten an der Bekämpfung der Pandemie, können Ihnen aber zurzeit nicht helfen.«

Anton Bauza wurde blass und schwindelig. »Diese verdammten MedBots…«, flüsterte er. Seine Eltern hatten noch Implantate erhalten, wenn das Herz schwächelte, die Knochen spröde wurden oder die Sehkraft nachließ. Aber kontinuierlich war die Versorgung auf die MedBots umgestellt worden – es war billiger, einem Menschen mehrere Tausend NanoBots zu injizieren als einen Chirurgen an ihm herumschneiden zu lassen.

»Herr Bauza, hören Sie mich noch?«, fragte Emma besorgt.

Er atmete tief durch. »Es geht schon wieder«, antwortete er.

Emma nickte. »Gut«, sagte sie. »Ich muss Sie davon in Kenntnis setzen, dass Sie wegen der Fehlfunktion Ihrer MedBots für unbestimmte Zeit unter Quarantäne stehen. Sie dürfen Ihr Appartement nicht verlassen. Ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln wird sichergestellt, diesbezügliche Wünsche dürfen Sie gerne äußern. Wir werden Sie informieren, wenn die Pandemie eingedämmt ist. Haben Sie das verstanden?«

Anton Bauza nickte. »Ja«, presste er heraus.

Die Frau strahlte ihn an. »Sehr schön! Abschließend darf ich Sie noch darauf aufmerksam machen, dass wir auf weitere Kommunikationsanfragen in dieser Angelegenheit nicht eingehen werden. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!«

Die Holografie erlosch. Anton Bauza saß konsterniert in dem Wellness-Sessel. Früher, auch das wusste er, hatte man Schmerzmittel einnehmen können, heute aber …

Er schrak zusammen, als sich der holografische Monitor erneut aufbaute und mit einem hohen, aufdringlichen Summen auf einen Kommunikationsversuch hinwies. Sprachanruf, erschien auf dem Monitor. Und weiter: Quelle unbekannt.

Anton Bauza runzelte die Stirn. Ein anonymer Kontaktversuch? In der Datensphäre, die vielleicht in Teilen Afrikas noch Lücken und unidentifizierbare Teilnehmer aufwies, aber doch nicht in Europa …!

»Annehmen!«, befahl er mit rauer Stimme der Halb-KI.

Ein junger Mann erschien auf dem Bildschirm, mit glatt rasiertem Gesicht, gekräuselten schwarzen Haaren, der hinter einem leeren Schreibtisch saß, von der Holografie rechterhand abgesehen, deren Rückseite durch ein Schachbrettmuster für den Gesprächspartner unkenntlich gemacht worden war. Im Hintergrund erkannte Bauza einen mitteleuropäischen Wald; die sonnenbeschienenen Äste und Zweige der Bäume wiegten sich sanft im Wind. Eine Holografie, natürlich.

»Hallo!«, begann der junge Mann das Gespräch. Bauza schätzte ihn auf Ende zwanzig. »Ich bin Randy. Und ich bin kein Avatar, sondern ein echter Mensch! Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich Ihr Gespräch mit der Deutschen Health Division belauscht habe. Aber ich glaube, dass ich Ihnen helfen kann.«

Randy lächelte erwartungsvoll.

Anton Bauza lachte spöttisch. »Sie wollen das Gespräch verfolgt haben …? Wie denn, ohne dass es der Gesundheitsdienst bemerkt hat?«, fragte er.

Randy winkte ab. »Wissen Sie, Herr Bauza, die Kommunikationskanäle der Deutschen Health Division sind in der derzeitigen Situation sehr, sehr offen. Auf jeden Fall für diejenigen, die das erforderliche Know-how besitzen, um sie anzapfen zu können. Und weil wir uns dabei passiv verhalten, nicht in die Server der Deutschen Health Division einzudringen versuchen, ist es fast nicht möglich, auf uns aufmerksam zu werden.«

Bauza zuckte mit den Schultern. Die Unterhaltung amüsierte ihn. Welcher Spinner sich hier wohl in die Datensphäre eingeklinkt hatte? »Schön, schön«, antwortete er. »Und welches Angebot können Sie mir machen?«

»Wir können Ihre MedBots wieder in Betrieb nehmen, Herr Bauza!«, sagte Randy.

Bauza spürte, wie ihn die Wut zu übermannen drohte. »Treiben Sie keine Scherze mit mir«, rief er aus.

»Nichts liegt uns ferner«, antwortete Randy und schüttelte den Kopf. »Gerne will ich Ihnen demonstrieren, dass wir über die Möglichkeiten verfügen, um unser Versprechen zu halten.« Randy berührte ein paar Punkte auf der Schreibtischoberfläche vor ihm. »Wie finden Sie das, Herr Bauza?«

Anton Bauza spürte, wie der dumpfe Schmerz in seiner rechten Hüfte nachließ. Der Grauschleier vor seinen Augen verschwand.

»Und Ihr Pankreas-Karzinom können wir auch in Schach halten«, fügte Randy hinzu,

»Einen Moment«, sagte Bauza. Nach ein paar Sekunden fuhr er fort: »Dem Gesundheitsdienst muss doch auffallen, dass meine MedBots wieder funktionieren. Immerhin ist die Datenübermittlung noch intakt und …«

»Vergessen Sie das«, unterbrach ihn Randy. »Die Deutsche Health Division fährt sämtliche Server herunter, um die weitere Ausbreitung des Romenna-Virus zu verhindern. Es besteht also keine Gefahr, dass …«

»Sind Sie dafür verantwortlich?«, fragte Bauza mit schneidender Stimme. »Für das Virus, meine ich.«

»Nein, und nochmals: nein«, antwortete Randy. »Wir wissen auch nicht, aus welchem Software-Labor das Virus freigesetzt wurde. Oder ob es sich um die mutierte, gefährlichere Version eines früheren Virus handelt. Wir wollen nur helfen.«

»Nicht ohne Gegenleistung, nehme ich an«, sagte Bauza.

Randy breitete die Hände aus. »So ist das nun einmal im Geschäftsleben … Ich glaube, wir sind fair. Wir wünschen, dass Sie zwei Monate Ihrer zusätzlichen medizinischen Versorgung auf eine unserer Angestellten übertragen, die den Anspruch ihrerseits weiterverkaufen wird, versteht sich.«

 

Anton Bauza war überrascht. Nicht darüber, dass eine Forderung nach Verrechnungseinheiten ausgeblieben war – seit dem Beginn seines Ruhestandes verfügte er über keine nennenswerten finanziellen Reserven mehr –, sondern, weil nur zwei Monate seines Zusatzanspruchs verlangt wurden.

»Ich bin einverstanden«, beeilte er sich zu sagen. »Ihr Angebot ist sehr kulant.«

Randy zuckte mit den Schultern. »Wissen Sie, wir machen solche Angebote in dieser dramatischen Zeit sehr vielen Menschen, die in einer ähnlichen Lage sind wie Sie«, erklärte er. »Glauben Sie mir, da kommt einiges zusammen … Wir müssen noch die Formalitäten erledigen. Bitten signieren Sie die Übertragungserklärung mit Ihrem Identifikationscode und setzen Sie Ihren Daumenabdruck darauf.«

Die Wiedergabe des jungen Mannes rückte nach rechts, um einem Formular Platz zu machen, das Bauza überflog, bevor er es abzeichnete.

Das Formular verschwand, und Randy füllte wieder die komplette Holografie aus,

»Wie kann ich Sie erreichen, wenn es Probleme gibt?«, frage Bauza.

Randy grinste. »Herr Bauza, ich bitte Sie!«, antwortete er. »Sie können uns nicht kontaktieren. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Bleiben Sie gesund!«

Die Holografie erlosch.

Drei Monate später …

Das rechte Bein gab nach, nachdem sich Anton Bauza aus seinem Wellness-Sessel erhoben hatte, um sich ein weiteres Glas synthetischen Wodkas zu holen (der Gesundheitsdienst war großzügig, was die Versorgung mit Lebensmitteln und Getränken anging, bei Alkoholika gab es aber nur die billigsten Varianten) und er stürzte zu Boden. Die rechte Hüfte knirschte. Bauza fühlte, wie das Bein vom Hüftgelenk aus abwärts taub wurde.

Gleichzeitig verschwand die VR-Show auf dem holografischen Bildschirm, die sich Bauza leicht benommen angesehen hatte, und machte dem Symbol der Deutschen Health Division Platz. Er schob sich mit dem linken Bein vor den Sessel, griff mit den Händen nach den Lehnen, stemmte sich hoch und ließ sich auf die Sitzfläche fallen.

»Annehmen«, sagte er mit dumpfer Stimme.

Eine Frau erschien auf der Holografie, schlank, fast dünn, schwarzhaarig und mit strengen Gesichtszügen. Bauza hatte den Eindruck, dass sie seiner Geliebten ähnelte, mit der er seine Frau in den letzten Jahren ihrer Beziehung betrogen hatte.

»Hallo!«, sagte der Avatar. »Ich bin Anastasia. Ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass das Romenna-Virus vorläufig eingedämmt werden konnte. Ihre Quarantäne ist aufgehoben. Die Deutsche Health Division übernimmt wieder die Kontrolle über Ihre MedBots. Oh!«

Anastasias Gesicht wurde starr. Nach ein paar Sekunden schüttelte sie den Kopf und sah Bauza vorwurfsvoll an. »Wir registrierten eine massive Fehlfunktion Ihrer MedBots, als wir versuchten, sie mit einer neuen Firmware-Version zu überschreiben. Herr Bauza, Sie wissen doch, dass jegliche Manipulation der MedBots untersagt ist. Ich bedauere es, aber damit haben Sie den Anspruch auf die medizinische Versorgung im Ruhestand verloren.«

»Aber …«, versuchte Bauza sich zu erklären. »Ohne die MedBots hätte ich es während der Quarantäne gar nicht ausgehalten.«


Anastasia schüttelte den Kopf. »Die Bestimmungen sind eindeutig. Ich bin nicht autorisiert, davon abzuweichen«, erwiderte sie. »Vermutlich können wir Ihre MedBots so weit instand setzen, dass wir Ihnen eine Schmerzbehandlung zukommen lassen können. Diese wäre wegen Ihres Regelverstoßes befristet auf sechs Monate.«

»Sechs Monate …?«, echote Bauza.

»Ja, genau, sechs Monate. Ich habe bereits gespeichert, dass Sie unser Angebot angenommen haben«, antwortete Anastasia und lächelte. »Sie können jederzeit auf die Euthanasie zurückgreifen, die jeder Bürgerin und jedem Bürger der Vereinigten Staaten von Europa unabhängig vom Versicherungsstatus zusteht. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

ANTIVIRUS

von Bernhard Grdseloff

1

Ein scharrendes Geräusch riss Moritz Huang aus dem Schlaf. Er war Lärm nicht gewöhnt. Abgesehen jedenfalls vom vertrauten Brummen der Reinigungsmaschinen. Wegen des Gesundheitsnotstands und der Ausgangsbeschränkungen war es nachts immer sehr ruhig in der Stadt. Eigentlich auch am Tag.

Dunkelheit umgab ihn. Huang tippte den Kommunikator an seinem Handgelenk an. Der kleine Bildschirm erstrahlte fahl. Es war kurz vor fünf. Wieder durchbrachen gedämpfte Laute die Stille. Sie kamen von draußen.

Huang stieg aus dem Bett. Auf dem Weg zur Fensterfront griff er nach dem Bademantel und schlüpfte hinein: eine reine Vorsichtsmaßnahme, um einer möglichen Verkühlung vorzubeugen. Jede Schwächung des Immunsystems konnte unter den gegebenen Umständen fatale Folgen haben.

Er lugte durch die Lamellen des Vorhangs hinunter auf die Straße. Sie holten jemanden ab. Von seinem Aussichtspunkt im zweiten Stock sah er das Ambulanzfahrzeug vor dem Eingang des Wohnhauses schräg gegenüber stehen. Es parkte direkt vor dem Eingang, mit geöffneter Schiebetür. Vermutlich war Letztere die Verursacherin des Geräusches, das ihn geweckt hatte. Es nieselte leicht und der nasse Asphalt glänzte im Licht der eingeschalteten Scheinwerfer.

Vier Personen mit zwei Tragbahren verschwanden im Gebäude. Sie trugen hellgrüne Schutzanzüge, die den ganzen Körper von Kopf bis Fuß einhüllten. »Antivirus« stand in großen Lettern auf dem Rücken. Der gleiche Schriftzug prangte auf den Seiten und auf dem Dach des Fahrzeugs.

Es war Spätherbst. Zu dieser Jahreszeit brach der Tag erst später an. Trotzdem beschloss Huang, sich nicht mehr hinzulegen. Er scrollte sich am Kommunikator zur Fernbedienung des Großbildschirms. Im nächsten Augenblick leuchtete fast die volle Fläche der Stirnwand des Lofts auf. Gleichzeitig ging das Licht an und eine leise Melodie erfüllte den Raum, überlagert von Vogelgezwitscher. Sekunden später meldete sich Mireille, seine persönliche Assistentin mit französischem Akzent. »Guten Morgen Moritz, bonjour. In drei Minuten und 41 Sekunden wird das Morgenbulletin des Gesundheitsministers übertragen. Willst du es sehen, mon Chérie?«

»Selbstverständlich.« Aus den Augenwinkeln nahm Huang wahr, dass im Haus schräg gegenüber Licht hinter zwei Fenstern im dritten Stock anging.

Auf dem Großbildschirm plätscherte jetzt ein klarer Bach über eine herbstliche Wiese. Ein Rudel Wölfe mit putzigen Welpen erschien. Die Tiere näherten sich dem Wasserlauf und tranken, begleitet von einer weiblichen Stimme: »… keine Seltenheit mehr, sogar hier am Rand der Stadt. In den zwei Jahrzehnten seit der Ausrufung des Gesundheitsnotstands ist die Natur wieder zum Leben erwacht. Tiere und Pflanzen erobern verlorene Lebensräume …«

Unten auf der Straße rührte sich etwas. Huang wandte seine Aufmerksamkeit vom Bildschirm ab und dem realen Geschehen zu. Die vier in Schutzanzügen waren aus dem Haustor getreten. Auf jede der beiden Bahren hatten sie jemanden festgeschnallt. Der Größe nach handelte es sich um Erwachsene. Mehr konnte Huang nicht erkennen, weil die Erkrankten in Foliendecken eingewickelt waren und Atemmasken trugen. Wie es aussah, versuchte sich einer der beiden freizustrampeln.

Unglaublich, wie unvernünftig manche Leute waren, dachte Huang. In den QS, den Quarantänesanatorien, wurden die Patienten erstklassig medizinisch betreut und versorgt. Es ist doch nur zu ihrem Besten. Und zum Schutz der Allgemeinheit vor Ansteckung.

Die Leute von der AVS, der Antivirusstaffel, schoben die Bahren in ihr Fahrzeug und kletterten hinterher. Die Schiebetür scharrte und fiel ins Schloss. Das Elektrogefährt rollte geräuschlos davon. Drei Häuserblocks weiter verschwand es um die Ecke.

Auf der Straße herrschte wieder Frieden, als wäre nichts gewesen. Auch hinter den Fenstern im dritten Stock des Hauses gegenüber war es wieder dunkel. Nur der Regen nieselte weiter im fahlen Schein der Straßenlaternen.

Huang warf einen Blick auf den Kommunikator. Kaum drei Minuten waren vergangen, seit das Ambulanzfahrzeug vorgefahren war. »Ganz schön flott die Burschen«, sagte er in Richtung Bildschirm.

»Ja, die verstehen ihr Handwerk«, antwortete Mireille. »Erstklassig ausgebildet.«

»Wir können stolz auf unsere Antivirusstaffel sein.« Huang trat vom Fenster weg und setzte sich auf das Sofa neben seinem Arbeitsplatz. Am Bildschirm wuchs eine kugelige Gestalt aus dem Hintergrund heraus und schwoll bedrohlich an, bis sie graugrün schimmernd die ganze Wand beherrschte. Der wabernde Ball war über und über mit winzigen, braunroten Tentakeln besetzt, die sich gierig nach dem Betrachter ausstreckten. Zu dramatischer Musik baute sich in riesigen Lettern eine Schlagzeile auf:

»Schütze dich vor dem Virus.«

Eine weibliche Stimme durchbrach die Tonkulisse: »Seien Sie vernünftig. Befolgen Sie die Richtlinien der Regierung. Sie dienen ihrem Schutz und der Sicherheit ihrer Lieben. Wir danken Ihnen für Ihre Hilfe im Krieg gegen die Viren. Halten wir zusammen!«

Ein neuer Schriftzug baute sich am Bildschirm auf:

»Die Vernunft ist unsere Waffe.

Die Einsicht ist unser Schutz.

Die Einheit macht uns stark.«

Das Morgenbulletin des Gesundheitsministers brachte die aktuellen Zahlen zur Ausbreitung der Infektionen. Eine Weltkarte zeigte die Zahl der Erkrankten in den einzelnen Ländern. Verschiedene Farbtöne spiegelten die Infektionsdichte wider.

Einige geografische Gebiete, insgesamt etwa ein Viertel der Gesamtfläche der Erde, waren in Weiß gehalten und wiesen keinerlei Angaben auf. Es handelte sich um die Regionen, die nicht dem Schenzhener Abkommen angehörten. Die Konvention trug den Namen der chinesischen Stadt, in welcher nach Ausbruch der zweiten Welle von Covid-19 die große internationale Konferenz stattfand. Sie regelte die gemeinschaftlichen, weltumfassenden Notstandsrichtlinien zur Pandemiebekämpfung. Bei den Nichtunterzeichnern handelte es sich meist um Landstriche, die von Bürgerkriegen und anderen bewaffneten Konflikten heimgesucht waren. Einige Staaten weigerten sich aber auch einfach nur stur, sich dem globalen Bündnis der Vernunft anzuschließen.


Huang ging es nicht in den Kopf, wie sich manche Regierungen willkürlich auf diese Art von gesundheitspolitischem Abenteuertum einlassen konnten. Und warum ließ sich die Bevölkerung das gefallen? Warum gingen die Leute nicht auf die Barrikaden? Die Grenzen zu diesen Pariastaaten waren militärisch für jede Form von Personen- und Warenverkehr abgeriegelt. Auch Kommunikation auf elektronischem Wege fand so gut wie nicht statt. Niemand wusste, was dort vorging und welche Seuchen dort wüteten.

Verlässliche Daten gab es nur für den Schenzhenraum. Vier verschiedene Viren trieben derzeit ihr Unwesen. Die beiden länger bekannten, Bigon-37 und Lecran-38, befanden sich laut Morgenbulletin im Rückzug. Neuinfektionen in nennenswertem Ausmaß gab es nur noch in einigen Staaten Afrikas und Südamerikas.

Anders sah es mit den beiden neueren Viren aus. Feral-39 und Rabion-40 breiteten sich rapide aus. In einigen schwer betroffenen Gebieten Europas, Asiens und Nordamerikas gingen die Opfer in die Tausende. Videobeiträge zeigten die hektische Betriebsamkeit vermummter Ärzte und Pfleger in Quarantänesanatorien. Trotz aller Anstrengungen kam man mit dem Abtransport der Toten nicht nach.

Huang legte den Morgenmantel ab und schlüpfte in Trainingshose und Sweater. Im rückwärtigen Teil des Lofts standen einige Fitnessgeräte. Gleich daneben befand sich die Glastür zum kleinen Balkon. Er öffnete diese einen Spaltbreit und spürte, wie die kühle Luft hereinströmte. Sie roch nach Desinfektionsmittel. Nur nicht verkühlen.

Rasch begab er sich zum Laufband. »Langsam anfahren, Chérie, acht Stundenkilometer zum Aufwärmen.«

»Très bien«, flötete Mireille, »alles klar.«

Während Huang gemächlich dahintrabte, verfolgte er weiter das Bulletin am Bildschirm. Ein animierter Beitrag illustrierte, wie sich Rabion-40 im menschlichen Körper ausbreitete.

Die Grafik zeigte den Schattenriss eines Menschen. An der Spitze des rechten Mittelfingers begann ein grün fluoreszierendes Pünktchen zu blinken. Nach und nach nahm die Zahl der leuchtenden Tupfen in der Fingerkuppe zu, erst langsam, dann immer schneller. Sie kletterten auf verzweigten Pfaden den Arm entlang, zur Wirbelsäule und diese entlang zum Kopf.

 

Eine männliche Off-Stimme erläuterte: »Das Rabion-40-Virus kann Menschen, Tiere und sogar Pflanzen befallen. Ein mikroskopisches Tröpfchen Speichel, Schweiß oder Tränenflüssigkeit, das auf die nackte Haut gelangt, reicht zur Übertragung. Nach jüngsten Erkenntnissen können möglicherweise auch Insekten das Virus verbreiten. Der Erreger dringt in die Zellen der Nervenfasern an der Hautoberfläche ein und vermehrt sich darin. Schmerzen und später Gefühllosigkeit an der Infektionsstelle können erste Symptome sein. Nach und nach arbeiten sich die Viren über das Innere der Nervenfasern bis in das Rückenmark und von dort weiter ins Gehirn.«

Anstelle des Körpers erschienen jetzt Querschnitte durch das Gehirn am Schirm. Wie eine Invasionsarmee eroberten die fluoreszierenden Pünktchen die äußere Hirnrinde und konzentrierten sich dort besonders in der linken Hälfte.

Der Sprecher fuhr fort: »Rabion-40 greift gezielt den Neocortex an, die äußere graue Schicht der Großhirnrinde, und dort insbesondere die linke Seite. Diese Gehirnregion ist für die Vernunft, Einsicht und das logische Denken beim Menschen verantwortlich. Vom Zentralnervensystem breitet sich das Virus zu den Speicheldrüsen und Tränendrüsen aus und findet über deren Sekrete den Weg zu neuen Wirten.«

»Auf zehn Stundenkilometer steigern, und zehn Prozent Steigung«, ordnete Huang an.

»Wird gemacht«, bestätigte Mireille.

Während Huang seine Laufschritte dem neuen Tempo anpasste, vergrößerte sich am Bildschirm eine der infizierten Gehirnregionen und die Animation wurde durch die reale Aufnahme eines hochauflösenden elektronischen Mikroskops überblendet. Das Bild zeigte dicht aneinandergedrängte Gebilde, die in der Form einer Pistolenpatrone ähnelten. Der Ausschnitt zoomte sich weiter hinein, bis nur noch eine einzelne der organischen Strukturen die gesamte Wand füllte. Die äußere Hülle war von kleinen Härchen bedeckt.

»Rabion-40 gehört zur den Rhabdoviren«, erläuterte der Sprecher. »Die Härchen an der äußeren Hülle dienen dazu, in die Wirtszelle einzudringen. Der allgemein bekannteste Vertreter dieser Familie ist das Lyssavirus, das zu Gehirnschäden führt und dadurch die Tollwut auslöst. Rabion-40 weist starke Ähnlichkeiten mit dieser Gattung auf. Zugleich bestehen aber auch erhebliche Unterschiede. Tollwutviren befallen nur warmblütige Tiere, Rabion-40 dagegen auch andere Lebensformen, darunter, wie schon erwähnt, eventuell Insekten. Zudem führt die Erkrankung bei Menschen nicht zu Halluzinationen, Verwirrtheit, Angstzuständen und Wutanfällen. Die Symptome sind viel subtiler: Realitätsverlust und unvernünftiges Trotzverhalten bis hin zu selbstzerstörerischer und gesellschaftsschädigender Aufmüpfigkeit.«

»Steigung auf 20 % erhöhen«, befahl Huang. Er keuchte.

»Tempo beibehalten?«, erkundigte sich Mireille.

»Gehen wir auf 12 Stundenkilometer.«

»Der Tod«, setzte der Sprecher seinen Monolog fort, »tritt bei Rabion-40 erst Wochen oder sogar Monate nach Auftreten der Verhaltensstörungen auf, nicht schon nach wenigen Tagen wie bei der Tollwut. Das macht diese Krankheit besonders gefährlich, weil sich dadurch die Chancen einer Übertragung vervielfachen. Die Experten sind sich uneinig, ob es sich bei dem neuen Virus um eine Mutation des Tollwuterregers handelt. Fest steht, dass weder die Tollwutimpfung noch die Behandlung mit Tollwut-Antikörpern gegen Rabion-40 erfolgreich ist. Bei den wenigen Patienten, die bisher eine Infektion überlebt haben, sind schwere Gehirnschäden zurückgeblieben.«

Huangs Herz raste. »Steigung wegnehmen«, hechelte er.

»Gerne«, hauchte Mireille.

Am Bildschirm erschien eine Sprecherin mit rosigen Wangen und dunkelblonden Zöpfen. »Mehr zu diesem hochaktuellen Thema gibt es heute Abend um neunzehn Uhr dreißig im Gesundheitsmikroskop auf der Gemeinschaftswelle. Unser besonderer Gast und Gesprächspartner in dieser Sendung ist der Entdecker von Rabion-40, Moritz Huang …«

Huang sah sein eigenes Porträtbild die Stirnwand füllen und sein Herzschlag legte noch eine Spur zu.

»Gratuliere, Chérie «, flötete Mireille.

2

Nach der Dusche unterzog sich Huang der routinemäßigen Ganzkörperdesinfektion. Üblicherweise reichte eine einfache Sprühdüse in der Duschkabine für diesen Zweck. Diese gab einen feinen Nebel keimtötender Substanzen ab.

Huang gönnte sich etwas Besseres. Er besaß die neueste Entwicklung auf diesem Gebiet. Seine Desinfektionskabine ähnelte einem überdimensionierten Kühlschrank. Ein chemischer Cocktail verbunden mit exakt dosierten Ultraviolettstrahlen ganz bestimmter Wellenlängen machte Bakterien und Viren unerbittlich den Garaus. Das Gerät bezog über das Netz laufend die aktuellen Daten über das Auftreten und die Verbreitung von Infektionen im näheren Umfeld. Darauf abgestimmt stellte die Elektronik aus einer Auswahl von Wirkstoffpatronen, ähnlich den Farbbehältern bei Tintenstrahldruckern, die tagesaktuell optimale Desinfektionsmischung zusammen. Zum Abschluss der Behandlung wurde noch ein hauchdünner Film eines atmungsaktiven Sprühpflasters aufgetragen, das wie ein unsichtbarer Film die Haut am gesamten Körper bedeckte und mehrere Stunden vor Keimen schützte.

Der Desinfektor war nicht billig. Das Gleiche galt für die regelmäßig zu ergänzenden Wirkstoffpatronen. Aber wenn es um die Gesundheit ging, war Huang nichts zu teuer. Zumal er sich in weiser Voraussicht mit Aktien des Geräteherstellers eingedeckt hatte. Die Wertpapiere legten seither erklecklich an Wert zu und schütteten ordentliche Dividenden aus.

Huang stieg nackt aus dem Desinfektor und zog umgehend den Bademantel an. Er war gerade dabei, die Schutzmaske, welche Augen, Mund und Nase gegen die Strahlen- und Chemieattacke schützte, abzunehmen, als sich Mireille meldete: »Die Lieferung ist da, Chérie.«

»Ich komme schon.« Er schlüpfte schnell in die warmen Pantoffeln. Nur keine kalten Füße. Unterkühlung der unteren Extremitäten, rief er sich in den Sinn, lassen das vegetative Nervensystem die Durchblutung der Atemwege drosseln. Die Nasenschleimhäute werden kalt und trocken, was Viren den Zugang erleichtert.

Die Lieferschleuse befand sich zwischen der Balkontür und der Fensterfront. Alle Wohnhäuser waren an den Fassaden mit Sterillastenaufzügen nachgerüstet worden. Warenzusteller, inzwischen meist autonom fahrende Lieferscooter, schoben ihre Pakete unten hinein. In jeder Wohnung gab es eine Entnahmeklappe, die der Tür eines großen elektronischen Safes ähnelte.

Die Digitalanzeige über der Schleuse leuchtete noch rot. Das blieb so, solange der Sterilisationsvorgang lief. Das Paket wurde vor der Freigabe gründlich desinfiziert, was einige Minuten in Anspruch nahm. Ein gelber Balken, der nach und nach ein weißes Feld am unteren Rand des kleinen Bildschirms füllte, zeigte den Fortschritt des Vorganges an. »Bitte Geduld«, stand darüber.

Als der Balken das rechte Ende des Feldes erreichte, sprang die Farbe der Anzeige auf Grün. Mit einem metallischen Schnalzen löste sich die Verriegelung. Der Schriftzug änderte sich auf »Sicher zur Entnahme.«

Huang zog die sich auf Augenhöhe befindliche Schleusentür auf. In der etwa waschmaschinengroßen Edelstahlkabine dahinter stand eine Kunststoffbox mit dem Markenzeichen des weltweit führenden Versandhauses. Huang bestellte fast alles bei diesem. Qualität hatte ihren Preis.

»Die Lebensmittel«, kommentierte Mireille.

Das Paket wog mindestens zehn Kilo, wahrscheinlich mehr. Huang schleppte es nach hinten zur Küchentheke.

»Kann ich dir helfen?«, kicherte Mireille.

»Sehr witzig«, kommentierte Huang und ging zurück, um die Schleuse zu schließen.

Der Deckel der Box war rundherum mit einem breiten roten Klebeband versiegelt. Es trug den Aufdruck »Inhalt garantiert steril«.

Huang machte sich daran, die Kiste auszupacken. Er legte Wert auf immunstärkende Ernährung. Karotten, Blumenkohl, Kiwi, Avocados, Walnüsse und eine Papaya kamen zum Vorschein. Eine Schachtel enthielt offenbar irgendein elektrisches Gerät. Huang warf einen Blick auf die Beschriftung: »Leinsamenprozessor. Haben wir das bestellt?«