Dieses viel zu laute Schweigen

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„Nein.“ Sein Gesicht verdüsterte sich und war Antwort genug. Es war, als wäre eine Klappe heruntergefallen, auf der stand: heute keine Sprechstunde. Ich war mir ziemlich sicher, dass er im Gegensatz zu seinem Bruder sehr wohl der Typ für eine feste Beziehung war. Aber wie es aussah, hatte ihm jemand das Herz gebrochen. Da war ich ja schön ins Fettnäpfchen getreten. Vielleicht sollte ich auch lieber den Mund halten.

Eine Weile aßen wir schweigend unseren Auflauf, bis Felix nur noch in seinen restlichen Nudeln herumstocherte, schließlich die Gabel zur Seite legte und sagte: „Tut mir leid. Ich schaffe nicht mehr.“

„Ist schon okay.“

Wir sahen uns an, und in meinem Bauch fing es an zu rumoren. Ich hätte allerdings nicht sagen können, ob es an meinen Schuldgefühlen, an seiner Ähnlichkeit zu Lukas oder diesem herzzerreißend melancholischen Blick lag. Vermutlich alles zusammen.

„Also dann.“ Felix räusperte sich und rückte seinen Stuhl nach hinten. „Danke für das Essen. Ich fahre jetzt noch mal in die Klinik. Zu Luka, und weil ich den Ärzten ein paar Unterlagen bringen muss.“

Mit einem stummen Nicken beobachtete ich, wie er aufstand, und folgte ihm in den Flur. Ich wusste nicht, was für Unterlagen er meinte, doch es musste etwas Bedeutsames sein, denn ich spürte, wie sehr er sich dagegen sträubte.

An der Wohnungstür blieb Felix stehen, schien über etwas nachzudenken und drehte sich noch einmal zu mir um. „Der Überfall …“, sagte er zögernd. „Ich würde mir gerne angucken, wo das war. Kannst du mir vielleicht zeigen, wie ich da hinkomme?“

„Ja … klar“, antwortete ich, schließlich hatte ich mir die Karte von dem Tatort im Internet so oft angesehen, dass sie sich schon auf meiner Linse festgebrannt hatte. „Das ist eigentlich ganz leicht zu finden“, fügte ich hinzu. „Mit der Bahn jedenfalls. Oder willst du lieber mit dem Auto hin?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn es mit der Bahn einfacher ist, mache ich das.“

„Okay. Also, dann nimmst du …“

„Anna?“, unterbrach er mich.

„Ja?“

Felix schaute mich an, und ich sah, dass in seinen Augen ein wahrer Kampf tobte. Er wollte anscheinend etwas loswerden, rang jedoch mit sich, ob er es wirklich wagen konnte, mich darauf anzusprechen. Es war bloß ein kurzer Augenblick, aber mir kam es vor wie eine Ewigkeit, denn je länger sein Schweigen andauerte, umso mehr beschlich mich eine dunkle Vorahnung, und mein Herz fing an zu rasen. Er wollte doch wohl nicht, dass ich …

„Würdest du mitkommen?“

Oh nein, bitte nicht! Ich hatte es kommen sehen, und trotzdem riss mir seine Frage den Boden unter den Füßen weg. Ausgerechnet ich sollte mit ihm zum Berliner Platz fahren, wo sein Bruder fast totgeprügelt worden war? Ich hätte an dem Abend dorthin fahren sollen, dann wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen! Stattdessen stand ich jetzt hier und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Alles in mir schrie Nein, weil ich Angst vor meiner eigenen Reaktion hatte, wenn ich mit dem Schauplatz des Überfalls konfrontiert wurde. Mal abgesehen davon, dass ich, um dorthin zu kommen, zunächst mit Felix zusammen zur S-Bahn-Station musste. Es war so schon schwer genug, jeden Tag wieder an den Bahnsteig zu kommen, die Szene vor mir zu sehen, wie diese Pöbeltruppe Lukas vor die Brust stieß, und nicht von meinem schlechten Gewissen erdrückt zu werden. Und das ausgerechnet mit Felix zusammen? Nein!

Doch dann machte ich den Fehler und schaute Felix in die Augen, und diese quälende Angst und Ungewissheit darin zwangen mich in die Knie. Ich merkte, dass ich nickte, ehe ich weiter darüber nachdenken konnte.

„Passt es dir vielleicht morgen?“, fragte er zögernd.

„Ja. Aber erst abends“, hörte ich mich sagen. „Ich bin so gegen sechs zu Hause, dann könnten wir gleich los.“

„Danke.“ Ein leichtes Lächeln zuckte um seine Lippen. Dann drehte er sich um und ging.

Felix

Zurück in der Wohnung meines Bruders, fühlte ich mich plötzlich schrecklich einsam. Seit Steffi nicht mehr bei mir war, war ich es gewohnt, alleine zu leben, aber hier war es viel zu still, und in jeder Ecke lauerten die Gedanken an Lukas und das, was passiert war.

Nachdenklich betrachtete ich die Wohnzimmerwand und wünschte, ich könnte durch sie hindurchgucken. Was Anna jetzt wohl machte? Einerseits wäre ich gerne bei ihr geblieben. Andererseits war ihre Verzweiflung mehr, als ich ertragen konnte. Ich fragte mich, ob sie sich tatsächlich so hoffnungslos in meinen Bruder verliebt hatte oder ob sie bloß ein sehr empathischer Mensch war, dass ihr seine Geschichte so naheging. Wahrscheinlich beides. Ich hatte mich wirklich zusammenreißen müssen, um sie nicht tröstend in meine Arme zu ziehen und festzuhalten. Vielleicht auch, um selbst etwas Halt bei ihr zu finden. Aber ich wusste, dass es ein Fehler wäre. Sie war schließlich nur die Nachbarin meines Bruders und eine völlig Fremde für mich. Es hatte gutgetan, mit jemandem reden zu können, aber alles Weitere würde die Sache unnötig verkomplizieren. Ich musste mich auf Lukas konzentrieren und brauchte meine gesamte Kraft für ihn. Da konnte ich es mir nicht leisten, mich darüber hinaus um die Gefühle von jemand anderem zu kümmern. Es hatte mal eine Zeit gegeben, in der ich davon überzeugt gewesen war, dass geteiltes Leid halbes Leid sein könnte. Doch diese Illusion wurde auf brutale Weise zerstört, und ich würde einen Teufel tun, mich ein weiteres Mal auf so etwas einzulassen.

So weit die Theorie. In der Praxis ging mir Anna allerdings nicht aus dem Kopf. Immer wieder sah ich ihren verschreckten Blick vor mir und hörte ihr Weinen durch die Badezimmertür. Oh Mann! Das musste dringend aufhören!

So abgelenkt, verpasste ich auf dem Weg zum Krankenhaus die richtige Kreuzung und musste eine extra Runde um den Block fahren, wobei ich mich im Gewirr einiger Einbahnstraßen verfranste und tatsächlich mein Navi brauchte, um wieder zurückzufinden. Zähneknirschend lenkte ich meinen Wagen schließlich auf den Parkplatz und bemerkte, dass ich an genau derselben Stelle stand wie heute früh. An dem Morgen, an dem ich noch nichts von Lukas‘ heldenhaftem Einsatz und der Angreifergruppe an der S-Bahn gewusst hatte. Oder davon, was für eine unglaublich nette und gefühlvolle Nachbarin hinter seiner Wohnzimmerwand lebte. Es hatte ein bisschen was von dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier. Ich drückte im Kopf auf den imaginären Repeat-Knopf und überlegte, in welcher Situation ich etwas anders machen könnte, wenn ich die Chance dazu hätte. Wahrscheinlich an dem Punkt, an dem ich nach dem Telefonat mit der Polizei einfach weggelaufen war, statt bei Lukas zu bleiben.

Im selben Moment fiel mir siedend heiß ein, dass ich seitdem nicht ein Mal auf mein Handy geguckt hatte und es seit dem Nachmittag auf lautlos gestellt war. Was, wenn das Krankenhaus in der Zwischenzeit versucht hatte, mich zu erreichen, weil etwas mit Lukas war? Ich verdammter Idiot!

Hektisch zog ich das Smartphone hervor und warf einen Blick auf das Display. Drei WhatsApp-Nachrichten, zwei E-Mails, fünf entgangene Anrufe. Shit! Ich war drauf und dran, sofort zur Intensivstation loszurennen, tippte dann aber doch erst das Telefonprotokoll an und sah, dass es mein Chef war, der versucht hatte, mich zu erreichen. Gott sei Dank!

Erleichtert atmete ich auf und wartete darauf, dass sich mein Puls wieder normalisierte. Es war allerdings einiges an Adrenalin, das mein Kreislauf verarbeiten musste. Und ich schwor mir, mein Handy ab sofort keine fünf Minuten mehr aus den Augen zu lassen.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, rief ich trotz der späten Stunde meinen Chef zurück, der eine dringende Frage zur Rezeptabrechnung einer meiner Patientinnen hatte. Anschließend redeten wir über Lukas und den Überfall und wie ich mir das Ganze in den nächsten Wochen vorstellte mit der Arbeit und dem Krankenhaus. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber Thomas versprach, sich etwas zu überlegen, und wünschte mir bzw. Lukas alles Gute. Ja, das konnten wir brauchen.

Ich steckte das Handy weg und griff schweren Herzens nach dem Umschlag auf dem Beifahrersitz. Ob ich wollte oder nicht, ich musste den Ärzten diese ganzen Vorsorgeunterlagen übergeben. Was auch immer danach passierte.

In der Zwischenzeit hatte es erneut angefangen zu regnen, und als ich aus dem Auto stieg, überfiel mich prompt die Erinnerung an Anna und daran, wie wir uns vor ein paar Stunden zusammen unter ihren Schirm gedrängt hatten. Unwillig schob ich den Gedanken zur Seite, brachte den Umschlag unter meiner Jacke vor dem Regen in Sicherheit und lief mit eingezogenem Kopf auf das Klinikportal zu.

Entgegen meinen Befürchtungen war Lukas‘ Zustand unverändert, was paradoxerweise gut war. „Nicht schlechter“ war in seiner Situation offenbar das neue „Gut“. Ich war eigentlich ein ziemlich geduldiger Mensch, aber ich ahnte, dass mir dieses untätige Warten auf Besserung alles abverlangen würde. Und tatsächlich musste ich allmählich anfangen, darüber nachzudenken, wie ich diesen Spagat zwischen Job und Krankenhaus schaffen sollte. Hundert Kilometer waren zu weit, um täglich hin und her zu pendeln, vor allem da ich dienstags und donnerstags bis in den späten Abend hinein zwei Therapiegruppen leitete. Das konnte man vielleicht eine Woche lang machen oder zwei, bevor man selbst auf dem Zahnfleisch ging. Aber die Ärzte hatten unmissverständlich erklärt, dass das hier weitaus länger dauern würde. Und eine Verlegung kam nicht infrage. Erstens war Lukas bisher nicht transportfähig, und zweitens gab es keine vergleichbar geeignete Klinik in meiner Nähe.

Ratlos fuhr ich mir mit den Händen übers Gesicht und wünschte, ich hätte eine große Familie, um wenigstens ein bisschen von dieser Sorge und Verantwortung abgeben zu können. Stattdessen war ich seit vielen Jahren Waise und im schlimmsten Fall demnächst Einzelkind. Von meinem Singledasein ganz zu schweigen. Wie schön es doch wäre, wenn da jedes Mal beim Nachhausekommen jemand warten würde, mit dem man zusammen essen und reden konnte wie vorhin mit Anna. Obwohl sie mich überhaupt nicht kannte, hatte sie mich spontan zu sich eingeladen, sich um mich gekümmert und unglaublich viel Verständnis gezeigt, auch wenn sie selbst mächtig unter der Situation litt. Nach meiner Erfahrung gab es wenige solcher Frauen. Und dann musste sie ihr Herz ausgerechnet an meinen Bruder verlieren.

 

„Weißt du Depp eigentlich, was du dir mit deiner Nachbarin entgehen lässt?“, flüsterte ich Lukas über das Piepen der Maschinen hinweg zu. Doch auf eine Antwort oder sonstige Reaktion hoffte ich vergeblich.

Und letztendlich landete ich wieder bei der Frage, wie das alles passieren konnte und wer ihm das angetan hatte. Vielleicht würden wir es nie vollständig erfahren. Aber ich wollte so viel wie möglich darüber wissen und war froh, dass Anna morgen mit mir zusammen zum Tatort fahren würde. Natürlich hatte ich ihr Zögern bemerkt und wusste, dass ich sie mit der Frage ziemlich überrumpelt hatte. Umso dankbarer war ich ihr, dass sie sich trotzdem dazu bereit erklärt hatte und ich mir das nicht alleine antun musste. Es war feige. Und es war nicht fair, sie weiter mit in meinen Sumpf reinzuziehen. Aber ich würde es wiedergutmachen. Wie auch immer.

Anna

Oh Mann, worauf hatte ich mich da nur eingelassen?! Das hatte ich jetzt von meiner blöden Hilfsbereitschaft, dass Felix ausgerechnet mich dabeihaben wollte, wenn er sich anguckte, wo das Drama um seinen Bruder seinen Lauf genommen hatte. Aber vielleicht war ja genau das meine gerechte Strafe. Schließlich war ich allein für diese Misere verantwortlich. Hätte ich bloß sofort etwas gesagt, auch auf die Gefahr hin, den Zorn der Pöbeltruppe auf mich zu ziehen. Oder spätestens bei der Polizei, nachdem ich von dem Überfall erfahren hatte, selbst wenn die mich zurechtgewiesen hätten, warum ich nicht gleich eingegriffen hatte. Nichts von alldem hätte schlimmer sein können als das, wo ich jetzt drinsteckte.

Andererseits war der gemeinsame Ausflug eine Gelegenheit, Felix endlich alles zu gestehen. Auf neutralem Boden sozusagen. Oder zumindest außerhalb meiner heimeligen vier Wände, denn weniger neutral konnte ein Ort in diesem Fall kaum sein.

Als ich am Donnerstag Feierabend hatte und nach Hause fuhr, wurde mir mit jedem Meter elender zumute, und auf dem letzten Stück zu Fuß war mir so schlecht, dass ich überlegte, Felix abzusagen. Wenn ich so aussah, wie ich mich fühlte, würde er mir garantiert abnehmen, dass ich krank war.

In meiner Verzweiflung rief ich Nele an, doch sie blieb wie immer gelassen.

„Felix wird dir schon nicht den Kopf abreißen“, versuchte sie mich zu beruhigen. „Klar wird er erst mal nicht begeistert sein, dass du es ihm nicht sofort gesagt hast. Aber der kriegt sich bestimmt auch wieder ein. Und wenn nicht … was soll’s? Es geht doch um Lukas und nicht um Felix, oder?“

Ich stieß ein humorloses Lachen aus. „Ja. Aber glaubst du etwa, dass die beiden nicht darüber reden, sobald Lukas wieder ansprechbar ist?“

„Natürlich werden sie das. Aber ich glaube auch, dass Mister Sonnenschein nicht unbedingt der nachtragende Typ ist“, erklärte sie. „Und so optimistisch, wie Lukas laut deiner Aussage durchs Leben stiefelt, wird er wahrscheinlich froh sein, dass du überhaupt geredet hast. Du weißt schon, diese Sache mit halb voll statt halb leer.“

„Hmmm“, murmelte ich wenig überzeugt. „Dein Wort in Gottes Ohr.“

„Ach, Anna-Maus“, seufzte Nele. „Das wird schon. Also, schwing deinen Hintern zu ihm rüber und rede Tacheles mit ihm. So wie du Felix beschrieben hast, ist er doch ein ganz Lieber.“

Wie von selbst verzogen sich meine Lippen zu einem kleinen Lächeln. Ja, das war er, soweit ich ihn bisher kennengelernt hatte.

Ich atmete tief durch und sagte: „Gut. Dann geh ich mal. Ich melde mich später.“

„Ich bitte darum!“, gab sie empört zurück, als wäre das jawohl eine Selbstverständlichkeit.

Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, griff ich nach meiner Jacke, Handy und Portemonnaie und machte mich schnell auf den Weg, bevor die Zweifel zurückkehrten. Felix und ich hatten nicht verabredet, wer bei wem klingeln würde, also konnte ich genauso gut die Erste sein. Entschlossen öffnete ich meine Wohnungstür und wäre fast in Felix reingelaufen, der soeben auf meine Klingel drücken wollte. Nach einer Schrecksekunde mussten wir beide lachen.

„Du bist aber schwungvoll heute“, meinte er, während mein Blick fasziniert an seinen Grübchen hängen blieb. Sie erinnerten mich schlagartig an Lukas, doch genauso schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder.

„Ich … ähm … Ich hab dir eine Kleinigkeit mitgebracht. Als Dankeschön für gestern Abend und … für gleich“, sagte er in mein Schweigen hinein und reichte mir schüchtern einen kleinen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen.

„Oh“, machte ich wenig einfallsreich. Schlagartig schnürte sich meine Kehle zu, und ich brachte nur mit Mühe heraus: „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“

Was ich eigentlich meinte, war: Nein, lass, das hab ich nicht verdient!

Felix zuckte mit den Schultern und vergrub die Hände verlegen in den Hosentaschen.

„Danke.“ Ich wandte mich schnell von ihm ab und ging zurück in die Küche, um die Blumen ins Wasser zu stellen. In mir tobte ein Sturm an Gefühlen. Diese kleine Geste war wirklich süß von ihm und lieferte den besten Beweis für das Gespräch mit Nele vorhin: Er war ein ganz Lieber. Unter anderen Umständen hätte ich ihn so gerne näher kennengelernt und mehr Zeit mit ihm verbracht. Doch gleich musste ich ihm leider das Herz brechen. Das Geständnis, was für eine miese Heuchlerin ich war, kitzelte mich in der Kehle und wollte raus, ohne dass mein Kopf noch Einfluss darauf gehabt hätte. Trotzdem hielt ich mich zurück, bis wir alleine waren, denn im Haus ging es mal wieder zu wie in einem Taubenschlag. Erst polterten zwei der Studenten an uns vorbei die Treppe runter, und unten vor der Tür trafen wir auf Frau Schulze, die sich von Felix haarklein berichten ließ, wie es Lukas ging.

Unverändert schlecht. Punkt. Konnten wir jetzt weiter?

Doch Felix war genau wie sein Bruder zu nett für solch eine knappe Abfuhr und redete, bis Frau Schulze zufrieden war und mit ihrem Rollator davonzog.

Endlich draußen angekommen, atmete ich tief durch und schlug den Weg zur S-Bahn-Station ein. Unterwegs überlegte ich fieberhaft, wie ich anfangen sollte, um nicht allzu brutal mit der Tür ins Haus zu fallen, als Felix neben mir plötzlich sagte: „Anna, du musst das nicht tun, wenn du nicht willst. Du kannst mir auch einfach sagen, wo es langgeht.“

Ich presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. „Ist schon okay.“

„Wirklich?“

„Hmhmm.“

In das anschließende Schweigen hinein bemerkte er: „Eure Nachbarin will es immer ganz genau wissen, was?“

Ich lachte leise. „Allerdings. Sie ist besser als jeder Wachhund. Lukas hat mich sogar mal gefragt, ob sie eigentlich Buch darüber führt, wer wann das Haus verlässt oder betritt.“

„Und? Macht sie?“

„Vermutlich schon.“

Wir warfen uns einen schnellen Seitenblick zu und lächelten. Dann hatten wir die Haltestelle erreicht und verstummten beide wieder. Meine Füße waren auf einmal bleischwer und wollten sich weigern, weiterzugehen. Felix lief zum Glück vor mir und bemerkte nichts davon. Er stieg die Stufen hoch, blieb stehen und schaute sich um.

Es war ruhig um diese Zeit. Am anderen Ende des Bahnsteigs standen zwei Jungs, die ihrem Aussehen nach zum Sport wollten, und eine Frau, die ununterbrochen auf ihr Handy eintippte. Doch Felix schien sie gar nicht wahrzunehmen. „Hier hat also alles angefangen?“, bemerkte er leise.

„Ja.“ Ich beobachtete ihn einen Augenblick lang still und sah, wie sich seine Miene verfinsterte.

„Felix, ich muss dir etwas erklären“, wollte ich gerade anfangen, doch er war schneller und sagte: „Ich fühle mich wie in einer beschissenen Folge von Aktenzeichen XY. Nur dass es gleich zwei Fälle in einem sind.“

Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete, weil ich die Sendung dafür zu wenig kannte. Es war mir zu gruselig, solche Gewalttaten vor dem Schlafengehen zu gucken und zu wissen, dass es echt passiert war. Welche Ironie des Schicksals, dass ich jetzt mittendrin steckte.

„Wie meinst du das?“, hakte ich nach, als Felix keine Anstalten machte, von selbst weiterzureden.

„Na ja. Lukas‘ Zivilcourage, als diese Typen die junge Frau belästigt haben, wäre wohl eine Nominierung für den XY-Preis wert“, erklärte er. „Aber das danach … Es fehlen eigentlich bloß ein paar Schauspieler, die die Szene nachspielen. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie das hier abgelaufen sein könnte, aber anscheinend fehlt mir dafür die kriminelle Energie.“

Ich trat einen Schritt näher an ihn heran und schluckte schwer. Jetzt oder nie!

„Stell dir vor, dass ungefähr dort an der Bahnsteigkante die Pöbeltruppe steht und diese junge Frau belästigt“, griff ich den Faden auf und hoffte, dass er verstehen würde. „Die anderen stehen da drüben, rauchen, lesen, starren auf ihr Smartphone, was auch immer, und tun mehr oder weniger so, als hätten sie nichts bemerkt. Dann kommt Lukas die Treppe rauf, sieht, was da läuft, und geht auf die Gruppe zu, um zu helfen. Die junge Frau … sie kann im Moment der Ablenkung fliehen, und plötzlich ist er es, auf den es die Pöbeltruppe abgesehen hat. Aber wieder reagiert keiner der anderen. Bis zum Glück die Bahn kommt und dem Spuk ein Ende macht.“

Ich starrte in meine Erinnerungen versunken auf den Schauplatz des Ganzen und wagte es weder zu atmen noch Felix anzusehen. Doch er schien so sehr in seine eigenen Gedanken vertieft zu sein, dass ich nicht sicher war, ob er mir überhaupt zugehört hatte. Vorsichtig blickte ich zu ihm rüber und sah, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. Auf seiner Stirn hatte sich eine tiefe Furche gebildet. Wahrscheinlich würde er sich jeden Moment auf mich stürzen und mich wutentbrannt fragen, woher ich das so genau wusste. Doch nichts dergleichen geschah. Die Wut war zwar da, aber sie richtete sich nicht gegen mich. Jedenfalls nicht direkt.

„Ich wünschte, nur einer von denen wäre jetzt hier“, stieß Felix verächtlich hervor. „Ich weiß, dass das eine vielleicht gar nichts mit dem anderen zu tun hat. Und trotzdem würde ich ihnen jede einzelne Verletzung von Luka vor die Füße schleudern, damit sie kapieren, was passiert, wenn man wegguckt.“

Ich bin doch hier, dachte ich verzweifelt, aber das hatte er leider nicht verstanden. Oder er wollte es nicht begreifen, weil er nur das Gute in mir sah. Verdammt, wie konnte man bloß so naiv sein? Er kannte mich doch überhaupt nicht. Also warum kapierte er nicht, was ich ihm hier gerade sagen wollte? Dass ich, Anna Seewald, dabei gewesen war. Dass ich nur zugeguckt hatte. Und dass ich es bis jetzt einfach nicht übers Herz gebracht hatte, ihm davon zu erzählen.

„Felix, ich …“, setzte ich an, doch er war noch nicht fertig mit seinem Wutausbruch.

„Jede Wette, dass die sich nicht einmal jetzt rühren, nachdem die Polizei einen weiteren Zeugenaufruf gestartet hat“, schnaubte er. „Weißt du, wie sehr mich so etwas ankotzt? Es muss echt niemand den Helden spielen und sich selbst in Gefahr bringen. Aber einfach gar nichts tun? Das geht gar nicht, und ich wünsche diesen verdammten Feiglingen, dass sie selbst mal in eine solche Situation geraten und ihnen niemand zu Hilfe kommt.“

Felix hatte sich in Rage geredet, und seine Worte prasselten wie ein Gewehrfeuer auf mich ein. Jede Kugel ein Treffer.

Ich musste ihn ziemlich verschreckt angeguckt haben, denn als sich unsere Blicke trafen, wurde Felix schlagartig ruhig und machte ein zerknirschtes Gesicht.

„Oh, shit“, flüsterte er mit sichtlich schlechtem Gewissen. „Tut mir leid, Anna. Ich hab wohl ein bisschen die Kontrolle verloren.“

„Nein“, erwiderte ich leise. „Du hast ja recht.“

Ich hätte ihm so viel mehr sagen sollen, doch sein Ausbruch hatte mich völlig aus der Fassung gebracht. Deshalb zog ich fürs Erste wie eine Schildkröte den Kopf ein und hoffte, dass sich später eine Gelegenheit finden würde, in Ruhe mit ihm zu reden. Außerdem fuhr in diesem Moment die Bahn an die Haltestelle heran.

„Alles okay?“, fragte Felix sanft, als wir nebeneinander im Waggon saßen und ich mir verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischte.

 

Nein, nichts war okay, denn die letzten Minuten hatten mich schon fertiggemacht, obwohl mein Geständnis so grandios gescheitert war. Doch alles, was ich idiotischerweise von mir gab, war: „Du hast kein Ticket.“

Er lachte überrascht auf. „Nein. Aber du hast keine Ahnung, wie egal mir das ist.“

Ich lächelte schwach und starrte gedankenverloren aus dem Fenster, bis wir an der Haltestelle Berliner Platz ankamen. Mir war bewusst, dass Felix mich beobachtete, und ich fragte mich, was er sah. Anscheinend alles, außer der Wahrheit.

Draußen auf dem Bahnsteig zögerte ich kurz, obwohl ich genau wusste, wo es langging. Aber in diesem Augenblick brach die Erinnerung an Lukas über mich herein. Ich sah ihn vor mir, wie er mich am Samstagabend durch das Fenster angelächelt hatte und dann unbeschwert zum Public Viewing davongegangen war – nicht ahnend, was ihn in dieser Nacht erwartete.

Ich schüttelte mich innerlich und atmete tief durch. „Da lang“, sagte ich zu Felix und deutete auf die gegenüberliegende Straße. Mit schweren Schritten lief ich neben ihm her, für meine Verhältnisse ungewöhnlich langsam, als würde es irgendetwas bringen, den Moment hinauszuzögern, an dem wir den Tatort erreichten.

Und dann war es so weit. Schon aus der Ferne erkannte ich die großen Häuserblocks, nicht weit entfernt von dem Platz, auf dem das Public Viewing veranstaltet wurde. Die Gebäude lagen ein Stück von der Straße zurück, und davor gab es hinter einer Hecke verborgen eine Art Schuppen und eine Reihe von Müllcontainern. Von außen war die Ecke so schon kaum einsehbar, geschweige denn nachts im Dunkeln. Kein Wunder, dass Lukas erst Stunden später gefunden wurde.

Wir gingen die Hofeinfahrt hinauf bis zu dem Schuppen. Keiner von uns hatte seit der Haltestelle ein Wort gesagt. Ich blieb stehen, während Felix zwei Schritte weiterging und sich tief in Gedanken versunken umschaute, von den Containern rüber zur Straßenseite, an der Häuserfassade hoch und wieder zurück. Schließlich blieb sein Blick auf einem Punkt am Boden hängen und verharrte dort. Hatte er etwa Spuren von der Prügelei entdeckt? Da war doch hoffentlich kein Blut mehr, oder? Das konnte nicht sein. So stark, wie es gestern geregnet hatte, musste mittlerweile alles weggespült sein. Trotzdem machte ich unwillkürlich einen Schritt rückwärts. Ich hatte normalerweise kein Problem damit, Blut zu sehen, aber ich wusste, dass mir das hier in dieser Situation den Rest geben würde. Meine Kehle war ohnehin so zugeschnürt, dass ich kaum Luft bekam. Ich wünschte, Felix würde sich umdrehen und sagen, dass wir wieder gehen konnten, weg von diesem schrecklichen Ort. Und dann würde ich ihm endlich alles erklären. Doch er rührte sich nicht vom Fleck. Stattdessen sah ich, wie seine Schultern anfingen zu beben.

Oh mein Gott. Er weinte doch nicht etwa? Scheiße!

Ich gab es auf, gegen meine eigenen Tränen anzukämpfen, und ging zu ihm, aber er war vollkommen in sich selbst versunken und bemerkte es nicht einmal. Zögernd streckte ich die Hand nach seiner aus und berührte ihn sanft, um ihm zu zeigen, dass er nicht alleine war.

Felix blickte nicht einmal auf, doch wie von selbst verschränkten sich seine Finger mit meinen, als wäre es das Natürlichste der Welt. Ich betrachtete unsere verflochtenen Hände und dann sein Profil, das seitlich-schräg von hinten so sehr dem von Lukas glich, dass mir ganz schummerig wurde. Mein Herz schlug auf einmal ein paar Takte schneller, während mein Kopf versuchte, sich vorzustellen, wie es wäre, jetzt mit ihm hier zu stehen. Mit einem Lukas, dessen Verletzungen verheilt waren und der mit eigenen Augen den Ort des Geschehens sehen wollte. Der wusste, was ich getan bzw. nicht getan hatte, und mir trotzdem nicht böse war. Nur leider waren wir davon meilenweit entfernt.

„Wer tut so etwas?“, hörte ich Felix neben mir leise fragen. „Und vor allem warum?“ Seine Stimme klang brüchig und belegt und brachte mein Herz dazu, sich schmerzhaft zusammenzuziehen.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte ich hilflos, und zumindest für den zweiten Teil seiner Frage war es die Wahrheit.

Er hob den Kopf und sah mich an. Wider Erwarten weinte er nicht, aber seine Augen waren rot unterlaufen, und es brannten tausend Emotionen und Fragen darin. Seine Hilflosigkeit und Verzweiflung waren kaum zu ertragen, und dennoch schaffte ich es nicht, den Blick abzuwenden. Sekundenlang schauten wir uns bloß an und versanken auf eine seltsame Art und Weise ineinander, bis meine Schuldgefühle das Kommando übernahmen und mich daran erinnerten, was ich zu erledigen hatte. Doch ehe ich nur ein Wort herausgebracht hatte, zog Felix mich plötzlich in seine Arme.

Oh … ähm … das …

Völlig überrumpelt reagierte ich im ersten Moment gar nicht. Dann schlang ich zögernd die Arme um seinen Rücken und hielt ihn fest. Ich war nie zuvor einem praktisch Fremden so nah gekommen, und doch fühlte es sich genau richtig an. Er brauchte das jetzt, und wenn ich schon für nichts anderes zu gebrauchen war, dann wollte ich ihm wenigstens das geben.

Oh nein!, protestierte eine empörte Stimme in mir. Du machst es bloß schlimmer damit! Das ist doch eindeutig ein Zeichen, dass er dir vertraut. Ausgerechnet dir!

Unwillkürlich versteifte sich mein Körper, was Felix prompt fehlinterpretierte. Er löste sich von mir, wich meinem Blick aus und sagte: „Tut mir leid. Ich … Da ist wohl irgendwas mit mir durchgegangen.“

„Ist schon okay“, gab ich leise zurück und wagte es ebenfalls nicht, ihn anzuschauen. Ein verlegenes Schweigen breitete sich zwischen uns aus, das allerdings jäh unterbrochen wurde.

„Entschuldigung! Was machen Sie denn da?“, rief jemand hinter uns. Ein Mann kam vom Haus her auf uns zu und musterte uns so kritisch, als hätten wir vor, ein paar wertvolle Müllsäcke zu klauen.

Felix hielt seinem Blick unbeirrt stand und erklärte überraschend gefasst: „Ich wollte mir kurz anschauen, wo mein Bruder Sonntagmorgen gefunden wurde. Sie haben das mit dem Überfall ja sicher mitbekommen, oder?“

Er klang dabei relativ neutral, aber als ich ihm einen kurzen Seitenblick zuwarf, sah ich, dass er sich mühsam beherrschen musste, um nicht etwas anderes zu sagen.

„Ach so. Ähm … ja, na klar“, sagte der Mann auf einmal recht kleinlaut. „Eine schlimme Sache. Wie geht es ihm denn?“

„Schlecht.“

Nur dieses eine Wort, mehr nicht. Felix strahlte ihm gegenüber etwas aus, für das ich keine Beschreibung fand, aber es machte mir Angst. Konnten wir jetzt bitte gehen?

„Wohnen Sie hier?“, hörte ich Felix fragen.

„Ja.“

„Waren Sie am Samstagabend zu Hause?“

„Ja.“

Ich schaute überrascht zwischen den beiden hin und her. Es klang wie ein Verhör. Und ehe er es aussprach, dämmerte mir, worauf Felix hinauswollte.

„Und Sie haben nichts von dem Überfall mitbekommen?“

Der Mann zögerte, deshalb legte Felix nach: „Das muss ein ziemlicher Radau gewesen sein. So wie Lukas zugerichtet wurde, muss er um sein Leben geschrien haben. Und das will hier niemand gehört haben?“

Sein ganzer Körper war angespannt, während er wachsam jede winzige Regung seines Gegenübers beobachtete. Der Mann fühlte sich sichtlich in die Ecke gedrängt. Die Luft zwischen den beiden vibrierte geradezu. Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch wie Felix so aggressiv sein konnte, aber anscheinend hatte ich mich geirrt.

„Hier sind doch ständig Jugendliche unterwegs, die in ihrem besoffenen Kopf rumschreien und randalieren“, versuchte sich der Anwohner zu verteidigen. „Außerdem war der Müller aus dem dritten Stock auch da mit seinem Hund. Der war viel näher dran, und ich dachte, der vertreibt sie schon, so wie er es sonst immer tut.“