Dieses viel zu laute Schweigen

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Umschlaggestaltung: C. Riethmüller

Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com

EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH

eISBN 978-3-8271-8406-1

Petra Bunte

Dieses

viel zu laute

Schweigen


Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Einige Fälle, die innerhalb der Geschichte erwähnt werden, basieren jedoch auf wahren Medienberichten, wie z. B. der Fall Kitty Genovese, Dominik Brunner, Tuğçe Albayrak und weitere Beispiele, die Felix entdeckt bzw. zugespielt bekommt.

Die Texte zu den Regeln der Zivilcourage stammen mit freundlicher Genehmigung zur Verwendung von den folgenden Internetseiten:

Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

www.aktion-tu-was.de

Agentur MediaMix Bremen

www.zeig-courage.de

Außerdem wurde ich bei der Recherche unterstützt vom Bundesnetzwerk Zivilcourage, einem Zusammenschluss von o. g. und diversen anderen Vereinen und Organisationen, die sich sehr für das Thema engagieren. Weitere Infos unter: www.bundesnetzwerk-zivilcourage.de

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

(Molière)

Anna

„Hey! Bist du schon zu Hause?“, klang mir die Stimme meiner besten Freundin gut gelaunt aus dem Handy entgegen.

In einem waghalsigen Manöver versuchte ich, gleichzeitig den Anruf anzunehmen, die Tür hinter mir zu schließen und die Tasche mit den Einkäufen dabei nicht fallen zu lassen. Es war, als hätte Nele bloß darauf gewartet, dass ich in meiner Wohnung angekommen war. Wie auch immer sie das machte, denn wegen einer Baustelle fuhr die S-Bahn zurzeit so unregelmäßig, dass ich selbst kaum wusste, wann das war.

„Schon ist gut“, grummelte ich und kickte mir die Schuhe von den Füßen. „Ich bin echt froh, dass ich endlich Feierabend habe. Dieses neue Buchungsportal macht mich wahnsinnig.“

„Ach, du Arme“, sagte meine Freundin mitfühlend. „Immer noch nicht besser?“ Sie hatte sich bereits die ganze Woche geduldig mein Gemecker über die Softwareumstellung im Reisebüro angehört. Heute war es mit der Anteilnahme allerdings schnell wieder vorbei, und ohne eine Antwort abzuwarten, fügte sie unerträglich munter hinzu: „Ich wüsste da etwas, was dich sicher aufmuntern wird.“ Dabei klang sie so furchtbar energiegeladen, wie es nur Menschen sein können, die samstags nicht arbeiten müssen.

„Oh nein, lieber nicht“, erklärte ich lachend, weil ich ahnte, dass Nele damit alles andere als einen gemütlichen Abend zu Hause meinte.

Und prompt konterte sie: „Oh doch! Ich weiß, dir ist jetzt wahrscheinlich eher nach Sofa zumute, aber da kannst du hin, wenn du alt und langweilig bist. Also …“ Sie hielt kurz inne und säuselte dann mit ihrer schönsten Bettelstimme: „Allerliebste Anna-Maus, es ist mir wirklich total wichtig. Würdest du bitte heute Abend mit mir ins Old Chap gehen? Du weißt schon, das ist diese urige Kneipe in der Nähe vom Bahnhof. Ich habe einen Hinweis bekommen, dass sich der Postmann da rumtreiben soll.“

Ich stöhnte auf und war nicht sicher, ob ich lachen oder weinen sollte. So viel zum Thema gemütlicher Sofa­abend.

Meine liebe Freundin hatte es so richtig erwischt, nachdem sie neulich ein Paket bei diesem „superheißen Typen vom Postschalter“ abgeholt hatte. Seitdem bekam sie auf wundersame Weise ständig Lieferungen diverser Onlineshops, und da sie bedauerlicherweise nie zu Hause war, wenn der Paketbote kam, musste sie wohl oder übel immer wieder mit ihrem Benachrichtigungsschein an den Schalter. Doch jetzt hatte sich scheinbar eine Möglichkeit aufgetan, ihren Traumprinzen außerhalb der Post aufzuspüren. Und wenn Nele mit „allerliebste Anna-Maus“ anfing, würde es schwer für mich werden, aus der Nummer rauszukommen.

Ich fuhr mir mit der freien Hand müde durch die Haare und sagte: „Ach, Nelli. Wie zuverlässig ist deine Quelle denn? Und muss das heute sein? Ich hab wirklich keine Lust mehr auszugehen.“

„Bitte, bitte, bitte!“, bettelte sie. „Die Quelle ist absolut wasserdicht. Er hat mich nämlich selbst drauf gebracht. Aber alleine hingehen ist blöd.“

Hmmm. Das klang vielversprechend. Gleichzeitig amüsierte ich mich darüber, dass meine Freundin quengelte wie eine verknallte Sechzehnjährige, dabei hatten wir diese Zeiten seit über zehn Jahren hinter uns.

Sehnsüchtig betrachtete ich meinen E-Book-Reader auf dem Wohnzimmertisch und verfluchte die Tatsache, dass ich Nele so gut wie nie etwas abschlagen konnte. Und dass sie das genau wusste.

Ich seufzte ergeben und fragte: „Holst du mich wenigstens ab? Die S-Bahn ist im Moment eine einzige Katastrophe.“

„War das ein Ja?!“, quiekte sie begeistert. „Du bist die Beste! Aber abholen geht leider nicht, sorry. Mein Bruder hat mir grad so ein teuflisches Zeug zum Probieren gegeben, da bist du schon betrunken, wenn du nur dran riechst.“

„Und so willst du deinem Postmann begegnen?“, bemerkte ich skeptisch.

Nele lachte. „Ein bisschen Mut antrinken kann ja nicht schaden.“

Ich schüttelte belustigt den Kopf, bis mir etwas einfiel. „Und du bist wirklich sicher, dass er ausgerechnet heute da sein wird?“, vergewisserte ich mich. „Die deutsche Mannschaft spielt nachher bei der EM um den Einzug ins Achtelfinale. Da wird er doch sicherlich Fußball gucken, oder?“

„Man merkt, dass du noch ein bisschen Jan-geschädigt bist“, kicherte Nele. „Aber es kann ja nicht jeder so fußballverrückt sein wie dein Ex. Hoffe ich jedenfalls. Erinnere mich daran, dass ich ihn nachher gleich danach frage. Das gibt sonst definitiv Abzüge in der B-Note.“

„Ich fürchte, mit der Einstellung wirst du als einsame, alte Jungfer sterben“, bemerkte ich grinsend.

Meine Freundin seufzte schwermütig. „Ich weiß. Wobei … Mir fällt da grad tatsächlich jemand ein, dem dieses Gekicke völlig egal zu sein scheint. Und er sieht verdammt gut aus und ist unglaublich charmant“, schwärmte sie.

„Na, jetzt machst du mich aber neugierig. Raus damit! Wer ist es? Den muss ich mir unbedingt mal angucken.“

Nele stieß ein prustendes Lachen aus. „Erde an Anna! Du bist mir ein Herzchen. Mach mal die Augen auf! Dieses Prachtexemplar läuft doch ständig vor deiner Nase rum. Ich meine nämlich deinen süßen Nachbarn.“

„Was? Lukas?“, hakte ich überrascht nach. „Woher willst du denn wissen, dass der sich nicht für Fußball interessiert?“

„Hallo?! Er kam neulich vom Einkaufen nach Hause, während das erste Deutschlandspiel lief. Das tut kein normaler Mann, wenn es nicht um Leben und Tod geht“, erklärte sie mit ihrer eigenen unschlagbaren Logik.

„Du hast echt ’ne Macke, Nelli.“

„Was denn?“, protestierte sie empört. „Der Typ ist echt heiß, und damit erzähle ich dir ja wohl nichts Neues. Apropos …“ Sie machte eine kunstvolle Pause. „Frag doch ihn, ob er dich fährt. Und wenn er schon mal da ist, kann er auch gleich mitkommen ins Old Chap.“

„Na klar“, konterte ich und verdrehte amüsiert die Augen.

Diese alte Kupplerin! Hätte ich ihr bloß nie von Lukas erzählt. Aber seit er vor ein paar Wochen in der Wohnung nebenan eingezogen war, geisterte er mir ständig durch den Kopf. Und da ich meiner Freundin grundsätzlich nichts vormachen konnte, hatte sie natürlich sofort durchschaut, was da im Busch war. Erst recht, seit wir ihm einmal zusammen im Treppenhaus begegnet waren und sie sich selbst von seinem umwerfenden Lächeln überzeugen konnte.

Lukas war so ein Mensch, der einen Raum bloß durch seine Anwesenheit zum Strahlen brachte, selbst wenn man ihn gar nicht kannte. Groß, blond, leuchtend blaue Augen und immer ein Lächeln und einen netten Spruch auf den Lippen – wie sollte man da nicht ins Schwärmen geraten? Eine Zeit lang hatte ich sogar gedacht, dass er richtig mit mir flirtete. Aber da war wohl der Wunsch Vater der Single-Gedanken gewesen, denn nachdem ich Lukas letztes Wochenende dabei erwischt hatte, dass er mit der achtzigjährigen Frau Schulze aus dem Erdgeschoss genauso schäkerte, waren mir Zweifel gekommen. Anscheinend war das seine Art, und ich Dummerchen hatte mir eingebildet, dass sein Augenzwinkern nur mir galt. In Wirklichkeit lagen ihm die Frauen wahrscheinlich reihenweise zu Füßen, und er konnte jede haben, die er wollte. Da hatte ich, die Durchschnittsfrau von nebenan, sowieso keine Chance.

„Papperlapapp“, hatte Nele widersprochen, als ich ihr davon erzählte. „Jetzt stell dein Lichtlein mal nicht unter den Scheffel. Du siehst gut aus, bist ein intelligentes Mädchen und hast eindeutig den Heimvorteil. Also ran an den Mann!“

Bei meiner Freundin klang das immer alles so leicht. Sie hätte sicher längst bei ihm geklingelt, ihn auf eine gute Nachbarschaft zum Essen eingeladen und dabei von vorne bis hinten über sein Leben ausgefragt. Aber so selbstbewusst war ich leider nicht.

Heute Abend ging es allerdings nicht um mich, sondern um sie. Deshalb sagte ich entschieden: „Vergiss es! Ich nehme die Bahn. Nicht, dass Lukas unterwegs plötzlich doch Gefühle für mich entwickelt und wir es gar nicht erst zu dir schaffen. Dann guckst du nämlich in die Röhre mit deinem Postmann.“

Außerdem hatte Lukas gar kein Auto, aber das würde ich meiner Freundin jetzt nicht auf die Nase binden.

 

„Haha, sehr witzig“, murrte sie. „Statt dumme Sprüche zu machen, sieh lieber zu, dass du herkommst! Und für euch beide überlege ich mir etwas anderes.“

„Aye, aye, Ma’am. Und du lass in der Zwischenzeit die Finger von dem Teufelszeug!“, ermahnte ich sie grinsend.

„Ja, Mama!“, stöhnte sie. „Bis gleich.“

„Bis gleich.“

Kichernd legte ich das Handy zur Seite, brachte meine Einkäufe in die Küche und ging dann ins Bad. Der anstrengende Tag im Reisebüro hatte seine Spuren hinterlassen, die dringend kaschiert werden mussten. Man konnte schließlich nie wissen, wer einem unterwegs begegnete. Also sprang ich unter die Dusche, föhnte meine dunkelblonden Naturlocken halbwegs in Form und legte ein leichtes Make-up auf. Anschließend zog ich mich an und warf einen Blick auf die Uhr. Gleich halb acht. Die nächste Bahn fuhr um zehn vor … wenn sie denn kam.

Auf dem Weg vom Schlafzimmer in die Küche hörte ich draußen im Hausflur etwas klappern, das verdächtig nach Lukas klang, und Schritte, die im Treppenhaus immer leiser wurden.

Schade, dachte ich seufzend. Knapp verpasst. Hätte er nicht einen Moment später losgehen können? Aber bis ich meine Schuhe angezogen und die Tasche aus der Küche geholt hatte, war er sicher längst über alle Berge.

Für einen kurzen Augenblick war ich in Versuchung, aus dem Fenster zu schauen, um wenigstens einen Blick auf ihn zu erhaschen, doch dann schüttelte ich über mich selbst den Kopf. Anna, du bist echt bescheuert!

Es war nicht nur Nele, die sich wie ein verliebter Teenager aufführte. Aber allein der Gedanke an Lukas hatte mich schon in gute Laune versetzt.

Lächelnd dachte ich an eine Nacht vor etwa zwei Wochen zurück, in der wir in den frühen Morgenstunden unsanft von einem Feueralarm aus dem Haus getrieben worden waren. Zum Glück hatte es sich dabei um einen Fehlalarm gehandelt, und nachdem die Feuerwehr keinen Brand festgestellt hatte, durften wir relativ schnell zurück in unsere Wohnungen. Aber dieser Morgen würde mir für immer in Erinnerung bleiben.

Bloß mit einem T-Shirt, Jogginghose und Schlappen an den Füßen bekleidet, hatte ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestanden und ängstlich am Haus hochgeschaut, als Lukas dazugekommen war. In seiner gewohnt lockeren Art bemerkte er: „So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt, als ich diese Wohnung ausgesucht habe. Ein bisschen Action ist ja ganz schön, aber nicht um diese Zeit. Ich hoffe, das geht hier nicht öfter so rund.“

Ich brachte vor Anspannung keinen Ton raus und schüttelte nur den Kopf.

Lukas stupste mich am Arm an und sagte: „Gib’s zu, du hast heimlich im Bett geraucht und damit den Brandmelder ausgelöst.“

Seine Gelassenheit stand in so krassem Gegensatz zu meiner eigenen Angst, dass ich lachen musste, und ein selten schlagfertiger Teil von mir konterte: „Nein, bestimmt nicht. Wenn, dann muss es wohl eher der Neue gewesen sein, der die Hausregeln noch nicht kennt.“

„Würdest du mich verraten, wenn es so wäre?“, gab er mit funkelnden Augen zurück.

Ich war überzeugt davon, dass er es nicht getan hatte. Doch bei seinem neckischen Blick brachte ich ohnehin nichts anderes als ein Kopfschütteln zustande. Wahrscheinlich hätte ich in diesem Moment nicht einmal mitbekommen, wenn das Haus neben mir abgebrannt wäre.

„Hey, frierst du so?“, hörte ich Lukas plötzlich wie aus weiter Ferne sagen. Er deutete auf die Gänsehaut auf meinen Armen, die ich selbst bisher gar nicht wahrgenommen hatte. Kurzerhand zog er seinen Sweater aus, unter dem er noch ein T-Shirt trug, und sagte: „Nimm das. Mir ist warm genug.“

Auffordernd streckte er mir den Pullover entgegen und lächelte mich an.

„Danke“, murmelte ich verlegen und zog ihn mir über den Kopf. Das Sweatshirt war mir natürlich zu groß, aber seine Körperwärme steckte darin und war so angenehm, dass mir ein wohliger Schauer über den Rücken rieselte. Außerdem wurde ich in eine Wolke Lukas-Duft eingehüllt, der mich ganz schwach werden ließ.

„Besser?“, wollte er wissen.

„Ja, danke“, antwortete ich mit einem zaghaften Lächeln.

Etwa eine halbe Stunde später gaben die Feuerwehrleute Entwarnung, und wir durften zurück in unsere Wohnungen.

„Gott sei Dank“, stieß ich erleichtert hervor und merkte erst jetzt, wie angespannt ich die ganze Zeit gewesen war.

Lukas musterte mich prüfend und fragte: „Alles okay? Geht es dir gut?“

Ich nickte zaghaft. „Ja. Aber so was muss ich echt nicht öfter haben. Und mit Schlafen war es das, glaub ich, auch für heute Nacht.“

Er lächelte mitfühlend, warf einen nachdenklichen Blick über meine Schulter hinweg die Straße entlang und meinte: „Die Bäckerei da vorne macht gerade auf. Was hältst du davon, wenn wir uns was Richtiges anziehen und dann auf den Schreck zusammen frühstücken gehen?“

Ich sah ihn überrascht an, während die Schmetterlinge in meinem Bauch ein Freudentänzchen aufführten. Frühstück mit Lukas? Da sagte man doch nicht Nein! Bis ich zur Arbeit musste, war noch Zeit, und diese zwei Stunden waren jeden beängstigenden Feueralarm wert. Wir redeten, lachten, neckten uns, flirteten sogar miteinander und lernten uns um einiges besser kennen, als es bisher zwischen Tür und Angel im Treppenhaus möglich gewesen war. Die Zeit verging viel zu schnell, und ich hasste es, unser unverhofftes Date – wenn man es denn überhaupt so nennen konnte – beenden zu müssen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen.

Vor meiner Wohnungstür angekommen, brachte Lukas die Welt jedoch schlagartig wieder in Ordnung, indem er lächelnd erklärte: „Das sollten wir mal wiederholen.“

„Unbedingt“, erwiderte ich mit einem glücklichen Grinsen. „Aber bitte nicht wieder heimlich vorher rauchen, okay?“

Er lachte leise. „Na gut. Weil du es bist.“

Dann hob er plötzlich die Hand und strich mir sanft eine Locke aus dem Gesicht. Ich wagte es kaum zu atmen, während mein Herz ein paar Purzelbäume schlug. Mein ganzer Körper kribbelte in erwartungsvoller Vorfreude, dass er mich küsste. Doch Lukas lächelte nur, wünschte mir einen schönen Tag und ging.

Oh Mann! Wie sehr hatte ich in diesem Moment darauf gehofft, dass seine Blicke und dieses Necken und Flirten etwas zu bedeuten hatten und mehr daraus werden könnte. Aber seitdem hatte ich ihn kaum gesehen und wenn, dann nach wie vor nur im Vorbeigehen. Vielleicht sollte ich doch endlich meinen Mut zusammennehmen und unter irgendeinem Vorwand bei ihm klingeln. Oder ihm alternativ im Wäschekeller auflauern.

Seufzend schlüpfte ich in Schuhe und Jacke, schnappte mir meine Tasche und den Schlüssel und verließ die Wohnung.

Nachdem ich die Tür hinter mir zugezogen hatte, hörte ich von unten Schritte, die die Treppe raufkamen, und vermutete, dass es einer der Studenten aus dem Dachgeschoss war. Doch als ich um die Ecke bog, kam mir Lukas entgegen.

„Hey“, sagte ich überrascht. „Bist du nicht eben erst runtergegangen?“

Er sah mich an und lächelte auf diese hinreißende Lukas-Art, bei der ich sofort weiche Knie bekam. „Was man nicht im Kopf hat, holen die Beine nach. Aber gut aufgepasst, Frau Nachbarin“, neckte er mich augenzwinkernd. „Kann es sein, dass du mich stalkst?“

Ich schüttelte lachend den Kopf. „Oh nein. Ich kenne nur niemanden sonst, der er schafft, mit seinem Schlüsselbund so einen Krach zu machen.“

Lukas grinste ohne das geringste Anzeichen von Schuldbewusstsein. Das Thema war mittlerweile ein Running Gag zwischen uns, seit ich ihn einmal darauf angesprochen hatte, dass es ständig polterte, wenn er seine Wohnungstür aufschloss. Lukas hatte mir daraufhin einen geschnitzten Holzanhänger in Form eines Hais gezeigt, von dem er sich angeblich unmöglich trennen konnte. Mit einem zerknirschten Lächeln hatte er mir versprochen, dass er demnächst besser aufpassen würde, ihn nicht mehr an die Tür zu hauen, doch bisher hatte das nicht funktioniert.

„Ich glaube, ich schenke dir mal einen Schaumstoffanzug für deinen Hai“, sagte ich jetzt schmunzelnd.

„Selbst genäht?“, konterte er mit funkelnden Augen.

„Maßgeschneidert“, erwiderte ich mit Schmetterlingen im Bauch.

Lukas lachte und meinte: „Vorsicht! Ich könnte dich beim Wort nehmen. Wobei das seinem Image ganz schön schaden könnte. Einen Hai im rosa Flauschanzug nimmt doch keiner ernst.“

„Hab ich was von rosa gesagt?“

Wir grinsten uns vergnügt an, und wie so oft wünschte ich mir, der Moment würde nie vorbeigehen. Doch dummerweise warf Lukas einen Blick auf seine Armbanduhr und sagte: „Sorry, aber ich muss dann mal. Ich hab gleich ein Date mit ein paar Kollegen beim Public Viewing. Anscheinend hab ich die Probezeit im Team bestanden und darf jetzt auch privat mitspielen.“

Er zwinkerte mir verschwörerisch zu, und es war unschwer zu erkennen, wie er sich darüber freute, in seiner neuen Firma angekommen zu sein. Aber wer wollte einen so sympathischen Menschen wie ihn auch nicht in seiner Truppe haben?

„Herzlichen Glückwunsch“, gab ich lächelnd zurück. „Dann wünsche ich dir viel Spaß. Auch wenn du ja eigentlich gar nicht so auf Fußball stehst.“

Der letzte Satz war mir wie von selbst herausgerutscht, nachdem ich vorhin erst mit Nele darüber gesprochen hatte. Und ich hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen, als ich sah, wie Lukas für eine Millisekunde stockte. Doch er konterte wie üblich mit einem lockeren Spruch und sagte: „Jetzt wirst du mir langsam unheimlich. Hat dir das etwa auch mein Hai verraten?“

„Hmmm“, machte ich nachdenklich. „In gewisser Weise schon. Wenn dein Hai an der Tür poltert, während der Rest der Männerwelt Fußball guckt, dann ist das verdächtig.“

„Okay“, lachte er. „Du hast mich durchschaut. Aber ich werde den Abend schon irgendwie überleben.“

„Das will ich doch hoffen.“

Wir sahen uns an und grinsten.

„Also dann“, meinte er. „Dir auch einen schönen Abend, beim Fußball oder was auch immer.“

„Danke“, erwiderte ich, und im nächsten Augenblick war er die Treppe rauf verschwunden. Schade. Aber auch ich sollte mich langsam sputen, wenn ich die S-Bahn erwischen wollte.

Felix

Ich hasste diese Fortbildungen, bei denen man nichts Neues lernte, sondern bloß teilnehmen musste, um diesen oder jenen Schein für seinen Job als Physiotherapeut nachweisen zu können. An einem sonnigen Wochenende wie diesem konnte ich mir wirklich Schöneres vorstellen. Aber zumindest der Abend versprach unterhaltsam zu werden. Wir hatten uns mit einigen Seminarteilnehmern zum gemeinsamen Fußballgucken in der Hotelbar verabredet, was bei der Truppe ganz lustig zu werden schien. Ich war zwar kein wahnsinnig großer Fußballfan, aber alles war besser, als alleine auf dem Zimmer zu sitzen, wo sich meine Gedanken nur wieder in Regionen verirren würden, die ich nicht mehr betreten wollte.

Zwischen Abendessen und Anpfiff des Spiels blieb etwas Zeit, deshalb ging ich raus in den angrenzenden Park, zog das Handy aus der Tasche und rief meinen Bruder an. Wie ich Lukas kannte, würde er den Samstagabend garantiert nicht zu Hause verbringen, aber jetzt, um kurz nach halb acht, war es vielleicht früh genug, um ihn zu erreichen.

„Hey Bruderherz“, meldete er sich mit diesem unerschütterlich sonnigen Gemüt, mit dem er seine Mitmenschen gleichermaßen erfreuen als auch zur Weißglut treiben konnte. „Hast du mal wieder Sehnsucht nach mir?“

„Mal wieder ist gut“, gab ich trocken zurück. „Wenn ich nicht ab und zu bei dir anrufen würde, würde ich gar nichts mehr von dir hören.“

Ich wollte ihm eigentlich gar nicht direkt mit Vorwürfen kommen, aber mittlerweile war es frustrierend, dass er sich so rarmachte, seit er wegen des neuen Jobs knappe hundert Kilometer von mir entfernt wohnte.

Doch Lukas nahm es gewohnt locker und sagte: „Sorry. Hier ist alles so neu und aufregend, da rast die Zeit nur so dahin. Ich verspreche hoch und heilig, mich zu bessern.“

Unwillkürlich musste ich lächeln. Diese Art von Versprechungen kannte ich. Und trotzdem konnte ich ihm nie lange böse sein.

„Schon okay. Wie läuft’s bei dir? Haben sie in der neuen Firma schon bereut, dich eingestellt zu haben?“, zog ich ihn auf.

Lukas lachte. „Ja. So sehr, dass sie mich heute Abend zwingen, mit ein paar Leuten zum Public Viewing zu gehen.“

„Oh, wow, gleich die Höchststrafe. Was hast du angestellt?“

„Keine Ahnung. Vielleicht war ich ein bisschen zu nett zu den Kollegen.“

„Kollegen oder Kolleginnen?“, hakte ich grinsend nach. Ich kannte ja meinen Bruder, den Herzensbrecher, und ahnte, dass ihm nach diesen ersten sechs Wochen die Frauen in der Firma bereits sabbernd hinterherhechelten.

 

„Kollegen, du Honk! Ich hab dir doch erzählt, dass es in meiner Abteilung nicht mal die obligatorische Quotenfrau gibt. Und der Verwaltungstrakt ist leider ziemlich weit entfernt.“

„Du Ärmster“, neckte ich ihn.

Lukas schnaubte und meinte: „Gibt es eigentlich sonst noch einen Grund für deinen Anruf oder willst du dich nur über mich lustig machen? Dafür hab ich nämlich keine Zeit. Meine Bahn fährt gleich.“

„Sorry. Nee, ich wollte bloß mal hören, wie es dir geht, weil ich hier grad nichts anderes zu tun habe.“

„Du und nichts zu tun?“, fragte er ungläubig. „Wo bist du denn?“

„Bei dieser Fortbildung in Dortmund.“

„Ach ja, richtig“, erwiderte er, und ehe er es aussprach, wusste ich, was als Nächstes kam. „Und? Gibt es da auch ein paar heiße Physiotherapeutinnen?“

Ich verdrehte im Stillen die Augen. Das war typisch mein Bruder. Manchmal fragte ich mich, ob wir wirklich die gleichen Gene in uns hatten oder einer von uns nach der Geburt vertauscht worden war.

„Für dich bestimmt“, gab ich widerwillig zurück.

„Lass mich raten“, feixte Lukas. „Du hast gar nicht richtig hingeguckt, oder?“

„Du kannst mich mal.“

Er stieß einen übertriebenen Seufzer aus. „Ach, Feli, was soll ich mit dir bloß machen? Du wirst echt ein komischer, brummiger Einsiedler, wenn du so weitermachst. Fehlt eigentlich nur, dass du dich in eine einsame Hütte im Wald zurückziehst.“

„Sehr witzig“, knurrte ich. Konnte er mich nicht endlich damit in Ruhe lassen? Er wusste genau, dass ich nach der Trennung von Steffi für keine neue Beziehung bereit war. Und bloß aus Spaß durch verschiedene Betten zu hüpfen wie er, das war nicht mein Ding. Aber ob ich ihm das sagte oder mit einer Wand redete, kam bei Lukas auf dasselbe raus.

„Apropos Hütte“, lenkte ich deshalb schnell vom Thema ab. „Du denkst an den Termin nächste Woche, ja? Der Makler hat gesagt, dass er gegen elf Uhr da sein wird, und es war nicht leicht, ihn zu überreden, dass er extra am Samstag rauskommt.“

„Ich weiß. Das erzählst du mir jetzt zum dritten Mal“, erwiderte Lukas gelangweilt. „Und ja, ich werde da sein.“

Hoffentlich. Ich wusste, dass er absolut keine Lust darauf hatte, sich um den Verkauf des Hauses unserer Großmutter zu kümmern. Aber alleine würde ich es nicht tun. Wir hatten es zusammen geerbt, also war er genauso dafür verantwortlich wie ich. Fürs Erste gab ich mich jedoch geschlagen und sagte: „Wir können ja vorher noch mal telefonieren, wann du genau kommst. Ich will dich schließlich nicht länger von deinem heiß ersehnten Fußballabend abhalten.“

Ich sah direkt vor mir, wie Lukas eine Grimasse zog und mir den Mittelfinger zeigte. Er hatte mit Fußball nichts am Hut und hätte heute Abend bestimmt tausend andere Sachen lieber gemacht. Aber ich konnte verstehen, dass er diesen Anschluss an seine Kollegen auf keinen Fall verspielen wollte. Vielleicht sollte ich ein netter Bruder sein und ihm die Daumen drücken, dass Deutschland es heute nicht ins Achtelfinale schaffte. Dann bliebe ihm zumindest ein weiteres Rudelgucken erspart.

„Herzlichen Dank!“, flötete Lukas zuckersüß in den Hörer. „Ich wünsche dir auch viel Spaß bei deinem restlichen Knochenbrecher-Seminar. Und mach die Augen auf, was da für Frauenkörper um dich herumsitzen, die mal ordentlich durchgeknetet werden wollen.“

„Blödmann! Mach’s gut.“

„Du auch. Wir hören uns.“ Damit legte er auf, und ich nahm kopfschüttelnd mein Handy vom Ohr.

Wann wurde dieser Clown endlich erwachsen? Wahrscheinlich nie. Ich war nur vier Jahre älter als er, fühlte mich manchmal allerdings doppelt so reif. Und bloß weil ich nicht wie er jedem Rockzipfel hinterherlief, hieß das längst nicht, dass ich keinen Spaß haben konnte und ein komischer, brummiger Einsiedler war.

Entschlossen stand ich von der Bank auf und ging zurück zum Hotel. Schon von Weitem hörte ich das Gelächter der anderen Seminarteilnehmer in der Bar, die vergeblich versuchten, einer Kollegin zu erklären, was Abseits war. Aber sie erfüllte jedes Klischee und kapierte es nicht.

Gut gelaunt gesellte ich mich dazu, bestellte mir ein Radler und freute mich auf den Fußballabend in dieser fröhlichen Runde.

Dann wollen wir doch mal sehen, wer heute Abend mehr Spaß hat, Bruderherz!