Dr. Sonntag 17 – ArztromanText

Aus der Reihe: Dr. Sonntag #17
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Dr. Sonntag – 17 –

Eigentlich ein dicker Hund, finden Sie nicht, sehr verehrte Leserin, sehr geehrter Leser? Dieser Esfandar! Ein Tunichtgut, wie er im Buche, Pardon, im Heftroman steht! Dagmar hat er vermutlich mit seinem Kind ins Unglück gestürzt – falls Sie es nicht verliert –, und Schwester Maria dürfte gerade auch nicht wirklich begeistert von ihm sein!

Auf der anderen Seite: Er ist jung. Eine Kirsche in Nachbars Garten. Er hat, wie bereits gesagt, das Talent, Frauen glücklich zu machen. Er ist ungebunden. Und er sieht fantastisch aus. Wäre er nicht ausgesprochen dämlich, ergriffe er nicht jede fröhliche Möglichkeit, die sich ihm bietet? Nur: Was wird denn jetzt aus Maria und ihrem Tassilo?

Ach, Leute! Das ist wirklich ärgerlich! Kann mal bitte jemand den beiden Streithähnen in der Notfallambulanz erklären, dass diese Zwistigkeiten wirklich unwürdig sind? Man muss doch bei Ärzten so etwas wie Bildung unterstellen, oder? Und trotzdem belauern die beiden sich und passen darauf auf, ob der andere sich eines Fehlers schuldig macht. Wie meinen Sie? Ärzte sind auch nur Menschen? Ja, das ist nicht ganz falsch. Aber trotzdem kann man sich zusammenreißen, oder? Also, wenn ich Egidius wäre, dann würde ich die beiden ganz gehörig … warten wir es ab!

Haben Sie eigentlich etwas von Chris und Philipp gehört? Nein? Ich auch nicht. Ich denke, dass das ein gutes Zeichen ist. Je weniger Menschen von sich reden machen, desto besser geht es ihnen meist. Zudem werden sie gerade Vater. Und müssen ein Auge auf Hannes haben, der – im Rahmen seiner Möglichkeiten – für die kleine Felicitas schwärmt. Ist der Junge eigentlich aufgeklärt?

Chris kommt gerade nach Hause. Er hatte Frühschicht und ist mit dem Kochen dran. Philipp kommt in vier Stunden heim. Bis dahin wird er etwas Schmackhaftes zubereiten! Er betritt den Flur. Warum bekommt der Postbote es eigentlich nicht gebacken, die Briefe komplett in den Hausbriefkasten zu stecken? Immer ragen sie zur Hälfte heraus!

Na reizend! Ein Strafzettel. ›Sie überschritten die zulässige Höchstgeschwindigkeit um 8 km/h.‹ Na klar. In Aurach. Wegelagerei, wirklich!

Die Rechnung für das ›Schicker Wohnen‹-Abo. Hatte Philipp das nicht abbestellen wollen? Eine Ansichtskarte von Tante Resi. Meran! Da müsste man auch mal wieder hin! Hahaha! Ansichtskarten! Heute macht man ein Foto und postet das auf Insta oder Facebook, liebe Tante!

Und was war das? Ein Brief aus der Klinik St. Bernhard? Was sollte das denn? Personalärztlicher Dienst? …

Nicht zu alt

Der Glaube an Vorahnungen gleicht ein wenig dem Lesen von Horoskopen. Meist bildet man sich nur ein, dass sich eine vage Idee, eine unbegründete Sorge dann doch erfüllt hätte. Sie alle kennen die Geschichte von dem Mann am Flughafen, der plötzlich das Gefühl hat, steig’ nicht ein, in diese Maschine. Er bleibt am Boden, und richtig, das Flugzeug stürzt ab. Na bitte. ( Man muss allerdings dazu sagen, dass ich zum Beispiel dieses Gefühl bei jeder Maschine habe, weswegen ich Ziele bevorzuge, die ich mit der Bahn erreichen kann. )

Chris jedenfalls hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend, als er den Brief aufriss. Was las er da?

… besteht der dringende Verdacht auf einen Typ II-Diabetes. Wir empfehlen weitere Untersuchungen. Zum Zweck der Terminvereinbarung setzen Sie sich bitte …

Jetzt erst entdeckte er, dass dieses Schreiben gar nicht an ihn adressiert war, sondern an seinen Mann. Sogar der Zusatz ›Persönlich-Vertraulich!‹ stand unter Philipps Namen. So was Dummes! Das hatte er völlig übersehen!

Warum hatte Philipp nichts davon erwähnt? Hatte er denn kein Vertrauen mehr zu ihm? Er wäre sofort mit einem Befund wie diesem zu ihm gegangen! Warum hatte die Untersuchung überhaupt stattgefunden? Für die personalärztliche Routineuntersuchung war es doch noch viel zu früh! Hatte es einen Anlass gegeben? Philipp hatte mit keinem Wort erwähnt, dass ihm irgendetwas fehlte. Und ihm selbst war nichts aufgefallen.

Nichts? Na gut. Philipp war etwas müde gewesen in letzter Zeit. Etwas abgekämpft. Schlafstörungen. Das hatte er auf die Arbeit geschoben. Moment! Einige Male hatte er den Eindruck gehabt, dass der Stationsarzt sehr – naja, in sich gekehrt war. Melancholisch. Fast schon depressiv. Aber das hatte sich immer sehr schnell wieder gelegt, und er, Chris, hatte dem keine große Bedeutung beigemessen.

Verflixt! Er musste doch kochen! Wo war er bloß mit seinem Kopf? Nachdenklich briet er das gemischte Hack an, bestreute es mit den Röstzwiebeln und dem Ingwer. Dann begann er, den Weißkohl in feine Streifen zu verwandeln. Der peinliche Geruch von Kohl verbreitete sich blitzschnell in der ganzen Wohnung. Großzügig verteilte er Soja-Sauce in der Pfanne.

*

»Guten Abend, Schatz! Wie war dein Tag?« So. Philipp war schon mal da. Jeden Moment musste Hannes aus der Schule kommen.

»Ich weiß, was es gibt!«, lachte Philipp gutgelaunt. »Mein Leibgericht!«

»Also, als Doktor könntest du wirklich einen extravaganteren Geschmack haben! Getrüffelte Pastete zum Beispiel. Oder Seezunge nach Art der Müllerin!«, tadelte Chris ihn.

»Lass mich doch«, verteidigte Philipp sich heiter. »Mir schmeckt es eben! Und wenn’s wieder aufgewärmt wird, sogar noch um Längen besser! – Außerdem bevorzuge ich Seezunge nach Art des Krankenpflegers, wie du weißt! Die Müllerin kann mir gestohlen bleiben!«

»Kohl ist für Diabetiker geeignet. Kaum Kohlenhydrate!«, erwähnte Chris so beiläufig wie möglich.

Das Lächeln in Philipps Gesicht erstarb.

»Wieso sagst du das, Chris?«

»Philipp, es tut mir leid, wirklich! Ich wollte nicht schnüffeln! Ich habe wirklich nicht gesehen, dass der Befundbericht …«

»Seit wann machst du meine Post auf?«

»Es war doch ein Versehen! Bitte glaube mir!«, flehte Chris.

Philipp war blass vor Zorn.

»Glaubst du nicht, dass ich es dir gesagt hätte? Ich muss doch erst einmal selbst fertig werden mit so einer Diagnose! Chris, ich – ich bin wirklich enttäuscht. Enttäuscht und ärgerlich.«

»Ich weiß doch!« Chris sah wie ein Häufchen Elend aus.

»Ach, Chris! Du bist ein Depp!« Das klang nicht mehr so wütend.

»Kannst du jetzt bitte etwas weniger böse auf mich sein? Der Junge kommt gerade die Treppe herauf! Ich will nicht, dass wir uns vor ihm streiten!«

»Woher weißt du, das er das ist?«

»Ich weiß es eben!«

In der Tat. Der Schlüssel klapperte an der Tür.

»Fein. Kohl!«, äußerte der junge Mann.

»Und? Wie war es in der Schule?«

»Ganz gut! Eine Zwei in Geschichte!«

»Dein Referat über die deutsche Reichsgründung?«

»Jup!«

»Englisch müsstet ihr doch auch zurück haben, oder?«

»Gestern schon! Eine gute Zwei!«

»Du Streber!«, lachte Chris.

»Gar nicht!«, wehrte sich Hannes, und streckte Chris die Zunge heraus.

Chris jagte Hannes lachend um den Wohnzimmertisch. Der Junge quietschte und kicherte.

»Los jetzt! Ich habe Hunger! Händewaschen, Hannes! Und dann zu Tisch, bitteschön!«

Nach Tisch zog Hannes sich in sein Zimmer zurück, die beiden Herren retteten ihre Gläser für den Weg zum Wohnzimmer, in dem sich jeder auf seinen Lieblingsplatz lümmelte.

»Ich glaube, dass ich dir eine Erklärung schuldig bin«, startete Philipp.

So konnte man das also auch sehen! Donnerwetter, dachte der Krankenpfleger Philipp sucht die Schuld auch bei sich! Diese Möglichkeit hatte er noch gar nicht in Betracht gezogen!

»Ja, das finde ich allerdings auch!«, erklärte er beherzt.

»Erinnerst du dich, dass ich mir bei der Pediküre eine Verletzung an der Fußsohle zugezogen habe, die nicht heilen will?«

»Was? Die blöde Stelle ist immer noch nicht zu?«

»Im Gegenteil. Sie ist größer geworden, und ich habe mich damit Egidius vorgestellt. Er hat mich auf die Idee mit der Zuckerkrankheit gebracht. Es hat auch gepasst. Nachts mit Durst aufstehen, zum Beispiel. Oder diese unerklärliche, bleierne Müdigkeit, die mich ab und zu überfällt, besonders nach den Mahlzeiten. Deswegen bin ich zum Personalarzt gegangen. Das Ergebnis kennst du.«

»Das heißt, dass du Diabetiker bist? So richtig mit Blutzuckerstix und Insulinspritzen und allem?«

»Das volle Programm, ja. Wobei ich insgeheim hoffe, dass ich im Augenblick noch um die Spritzen herumkomme. Es gibt ja auch ganz gute orale Antidiabetika!«

»Ist Insulin nicht besser?«

»Vielleicht. Aber – ich habe Angst vor Spritzen.«

»Philipp Angerer, du willst mir damit nicht sagen, dass – hey! Das sind winzige Nadeln! Subkutan! Kann es sein, dass du dich nur anstellst?«

»Ja, das kann sein. Aber das Wissen um meine Feigheit ändert nichts an meiner Einstellung Spritzen gegenüber. Ich habe Angst vor ihnen, und ich könnte mir nie selbst eine Nadel unter die Haut bohren! Ich verstehe gar nicht, wie Drogenabhängige das schaffen!«

»Wie willst du die Injektion verhindern?«

»Mit einem Pen, wenn Insulin nicht zu vermeiden ist. Den setzt man nur auf, und drückt auf einen Knopf. Das geht. Denke ich.«

»Ich kapier’ das nicht. Du nimmst ständig Blut ab. Legst Infusionen. Gibst wildfremden Menschen Spritzen. Und bei dir hast du Angst?«

»Ja.«

»Da ist man fassungslos. Wirklich fassungslos.«

»Übrigens«, ergänzte der Internist, »wenn die Stelle nicht abheilt, könnte mir eine Vorfuß-Amputation drohen.«

»Oh!«

»Mehr hast du dazu nicht zu sagen? ›Oh?‹ Einfach nur ›oh‹?«

»So etwas kann man doch mit einem Schuh ausgleichen, oder? Oder brauchst du dann eine Prothese?«

 

»Die Prothesen sind wie ein Schuh konzipiert. Aber ich wäre dann verstümmelt, hast du dir darüber schon mal Gedanken gemacht? Dein Mann wäre ein Krüppel. Behindert. Hässlich. Vielleicht ekelst du dich dann vor mir.«

Chris sah Philipp fassungslos an.

»Philipp, das … das ist entsetzlich! Wirklich. Fürchterlich! Ganz schrecklich!«

»Siehst du?«

»Nix ›siehst du‹! Es ist schrecklich, dass du zu glauben scheinst, dass ich so oberflächlich bin! Wofür hältst du mich? Glaubst du im Ernst, dass ich mich von dir abwende – wegen einer solchen Lappalie?«

Philipp sah zu Boden.

»Immerhin«, flüsterte er traurig, »hast du einen halbwegs attraktiven jungen Arzt geheiratet. Und jetzt sitzt du vielleicht mit einem verstümmelten alten Krüppel da!«

Chris richtete sich auf.

»Du hast Glück, dass ich Gewalt verabscheue. Sonst würde ich dir jetzt eine reinhauen, glaub mir. Erinnerst du dich noch, was wir gesagt haben? Wir wollten miteinander alt werden, oder? Und zusammenbleiben. In guten wie in schweren Tagen. Ich bin nie davon ausgegangen, dass wir immer jung, frisch und knackig bleiben. Hey! Irgendwann wird man alt, das Bindegewebe schlaff, die Haare fallen aus.«

»Bei mir nicht. Die Haare auf dem Fußboden im Bad stammen von dir!«, stellte Philipp zwinkernd fest.

»Siehst du? Ist das für dich ein Grund, unsere Beziehung infrage zu stellen? Oder gar zu beenden?«

Keiner von beiden hatte mitbekommen, dass Hannes plötzlich in der Tür stand.

»Ihr wollt euch trennen? Und was mach’ ich dann?«

»Wie lange stehst du schon da, um Himmels willen?«, rief Chris entsetzt. »Nein, du Schäfchen, natürlich werden wir uns nicht trennen. Philipp ist der Geruch des Kohls zu Kopf gestiegen!«

Der Junge zitterte vor Angst und Schrecken.

»Ihr dürft euch nicht trennen! Das dürft ihr nicht!«, brüllte er voll Verzweiflung.

Philipp ging eilig auf ihn zu, kniete vor ihm nieder und legte seine Arme um ihn.

»Wir haben dich doch lieb, du Dussel. Allein schon deswegen bleiben wir zusammen. Weil wir doch eine Familie sind. Und Familien, die sich lieb haben, trennen sich nicht. Niemals.«

»Aber warum sagt ihr denn sowas?«

»Was?«

»›Ist das für dich ein Grund, unsere Beziehung infrage zu stellen? Oder gar zu beenden?‹«

Woher hatte der Junge bloß dieses Gedächtnis?

»Das war doch nicht ernst gemeint«, beruhigte Chris das aufgeregte Kind.

»Man redet nicht so, wenn man es nicht meint!«, schimpfte Hannes streng. »So redet man nicht!«

»Du hast recht, Hannes«, lenkte Philipp ein. »Ich bitte dich, auch im Namen von Chris, um Entschuldigung. Wir haben dir Angst und dich traurig gemacht. Das tut mir wirklich leid!«

»Okay«, erklärte der Knabe großzügig. »Dafür müsst ihr mir aber heute beide was vorlesen! Jeder ein Märchen!«

»Bist du dafür nicht schon zu alt?«

»Nein«, erklärte der Junge nüchtern. »Bin ich nicht.«

*

Hannes hatte Philipps Lesung verfolgt, war aber während Chris’ Geschichte eingeschlafen. Dieser klappte das Buch leise zu. Beide Männer saßen eine Weile schweigend da und betrachteten das Kind, dass gerade sein Kopfkissen vollsabberte. Chris ergriff Philipps Hand.

»Weißt du: Manchmal kann ich es kaum fassen, was für ein Glück ich habe mit unserer kleinen Familie. Findest du nicht auch? Gerade jetzt! Das ist … irgendwie … so groß … hier drin …« – er klopfte mit der freien Hand auf seine Brust – »… so riesengroß, dass ich kaum atmen kann!«

Seine Augen füllten sich mit Tränen.

»Du hast nicht mal ansatzweise eine Ahnung davon, wie sehr ich dich liebe, oder?«, fragte er Philipp.

Dieser sah ihm in die Augen.

»Danke!«, antwortete er.

Hauptsache höflich

Es dauerte eine Zeit lang, bis sie begriff, wo sie war. Über ihr strahlte etwas Helles. Sie blinzelte vorsichtig. Der Raum war gekachelt. Sie selbst lag auf einem Untersuchungsstuhl, war untenherum unbekleidet, und irgendjemand untersuchte sie an ihren allerzartesten Stellen.

Wie im Reflex zog sie erschrocken ihre Oberschenkel zusammen.

»Ruhig, Frau Kollegin, nur ruhig! Ich bin Kollege, Frauenarzt! Sie hatten eine kräftige vaginale Blutung! Das sie schwanger sind, ist Ihnen vermutlich bekannt!«

Sie versuchte, sich zu erinnern. In diesem Raum hatte sie doch eine Patientin untersucht – Schwester Maria! Und im Mikroskop hatte sie – Sepandar! Richtig! Dieser Hefepilz! Darüber hatte Sie sich aufgeregt, und dann … Was war dann passiert? Jemand hielt ihre Hand und streichelte ihre Stirn. Sie drehte den Kopf. Eine der Schwestern von der Crew. Sie lächelte diese etwas gequält an.

»Als sie zusammenbrachen, haben wir die Passagierlisten nach einem Arzt durchsucht. Herr Dr. Butenschön hier ist Frauenarzt aus Hamburg!«, erklärte diese. Es klang wie eine Entschuldigung.

»Zusammenfassend lässt sich sagen, dass kein Schaden entstanden ist, Frau Schattenhofer. Durch die Blutung sah es schlimmer aus, als es war. Eine Praevia konnte ich nicht diagnostizieren. Ich würde Ihnen trotzdem raten, sich zurück in die Heimat und in die Hände ihres Gynäkologen zu begeben. Ich denke, dass der Dienst hier an Bord zu hart ist, und eine Fehlgeburt wünsche ich Ihnen natürlich nicht. Sie sind Primipara?«

Dagmar nickte.

»Sehen Sie, Frau Kollegin! Wir wollen doch ihrem ersten Kind eine Chance geben! Die Reederei soll sich um Ersatz kümmern, und ich bin gern bereit, sie zu vertreten, bis ein neuer Kollege für Sie den Dienst übernimmt! Ich bin zwar nur Gynäkologe, aber durch den ärztlichen Notdienst kenne ich mich auch ein wenig in der Allgemeinmedizin aus!« Er lachte amüsiert.

»Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Kollege!«

»Aber ich bitte Sie! Selbstverständlich! Ich freue mich, dass ich Ihnen helfen konnte!«

Dr. Butenschön zog sich zurück. Die Schwester half der Ärztin, sich anzukleiden.

»Ich war in Ihrer Kabine und habe eine Jeans geholt«, erklärte diese und zeigte als Begründung für diese Eigenmächtigkeit die weiße, in der Mitte blutdurchtränkte Klinikhose, die Dagmar getragen hatte. Die ärztlich Patientin nickte.

»Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar, Schwester. Sie haben alles richtig gemacht.«

Aus der Traum vom Jahr an Bord. Eine Risikoschwangerschaft. Sepandars Kind. Nein! Esfandars Kind! Es fandar, auf den sie ganz offensichtlich keine Exklusiv-Rechte hatte … oder woher sollten Maria und er den gleichen Hefepilz haben? Wie sollte sie das bloß Anton beibringen? Vermutlich hatte sie alles kaputtgemacht!

*

Wie sollte sie das bloß Tassilo beibringen, dachte Schwester Maria. Irgendwann würde der Film fertiggestellt, und sie würde an seiner Seite unglücklich sein. War sie – sexsüchtig? Bedeutete Tassilo ihr so wenig? Weniger als Esfandar, der mit ihr Dinge angestellt hatte, von denen sie bis zu dem Zeitpunkt gar nicht geahnt hatte, dass das möglich und erlaubt war? Der ihren Körper erweckt und sie zur höchsten Lust geführt hatte? Und der ihr das Gefühl gab, eine hinreißend schöne, begehrenswerte, anbetungswürdige Frau zu sein?

Nein, nein. Sie war keine Träumerin. Am Ende dieser Reise würden sie sich trennen müssen. Bitte! Was sollte sie mit einem derartig jungen Mann? Esfandar hätte ihr Sohn sein können! Gut, das war übertrieben. Aber eine Art kleiner Bruder! Er war jung und leichtsinnig. Sicherlich nicht in einem Alter, in dem man sich nach der Frau fürs Leben umsieht und sesshaft wird. Sie konnte keine Exklusivrechte an ihm geltend machen.

Aber er hatte ihr gezeigt, wie sensationell Sex sein kann. Wenn sie nur daran dachte, bekam sie Appetit auf einen Nachschlag! Zwar war sie streng katholisch erzogen worden. Die Begegnung zwischen Mann und Frau diente der Reproduktion. Der Mann war der, dessen Bedürfnis gestillt werden musste, die Frau hatte keine Befriedigung zu erwarten, und wenn, dann war sie eben eine schlechte Frau, eine Sünderin, eine Hure gar. Mannstoll, verdorben, entartet, pfui!

Jedoch: Katholisch hin oder her: Sie wollte Sex! Guten Sex! Am liebsten mehrmals am Tag! So! Da durften sich nun gern alle drüber aufregen! Sie war nur einmal jung! Ihre Lebenszeit sollte nicht verstreichen, ohne dass sie … nein! Das kam für sie nicht mehr in Betracht! Hefepilz hin oder her: Sie musste Esfandar finden.

*

Dagmar entschied sich, nicht zuletzt nach einer abermaligen Beratung mit Dr. Butenschön, die Heimreise anzutreten. Schweren Herzens zwar, aber das Risiko erschien ihr einfach zu hoch. Noch von Bord rief sie in der Klinik an, um ihre Rückkehr anzukündigen.

»Da wird sich aber der Professor sehr freuen«, brüllte Frau Fürstenrieder in die Sprechmuschel.

»Nur der Professor?«, erkundigte sich Dagmar mit neckischem Unterton.

»Aber Frau Doktor!«, rief die Chefsekretärin vorwurfsvoll. »Sie wissen doch, wie ich das meine!«

»Schon recht, liebe Frau Fürstenrieder! Aber sagen Sie mir: Warum schreien Sie so?«

»Ich … ich dachte nur, Sie sind so weit weg vom Schliersee! Können Sie mich denn hören!«

»Klar und deutlich. Als ob Sie neben mir ständen!«

Ab diesem Punkt sprach Frau Fürstenrieder in normaler Lautstärke.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Dr. Schattenhofer, informiere ich auch Ihre Frau Mutter. Und Ihren Gatten!«

Von Dagmars Seite kam kein Einwand. Allerdings hatte das Telefonat ihr vergegenwärtigt, dass nicht nur heitere Stimmung und Applaus sie bei ihrer Rückkehr willkommen heißen würden. Es warteten auch Probleme auf sie. Probleme, die ihr Leben nachhaltig verändern könnten. Ach Gott, warum war sie nur so dumm gewesen?

*

Schwester Maria hatte erneut das hübsche Kleid aus dem Schrank genommen. Das, in dem sie gestern von Esfandar zu Tisch geführt worden war. Das, in dem sie von Esfandar … Sie errötete und kicherte. Dieser Gedanke würde vermutlich für immer mit diesem Kleid verbunden bleiben. Sie presste den zarten Stoff mit beiden Händen an ihr Gesicht. Er duftete nach Esfandar, und er brachte den gestrigen Abend zurück, so deutlich, dass ihre Hormone schlagartig anfluteten und erneut dieses Gefühl in ihr aufstieg, diese atemberaubende, prickelnde Empfindung, die diesen angenehmen Schwindel verursachte, die weichen Knie, und die sie jetzt zwang, sich an einer Stuhllehne festzuhalten und zu warten, bis die Hitze gewichen und nur die Rötung der Haut, die sich von der Brust über den Hals zum Gesicht ausgebreitet hatte, übrig geblieben war.

*

Sie begab sich zum Restaurant in der Hoffnung, dass sie dort auf ein wohlgekanntes Gesicht treffen würde. Sie wurde nicht enttäuscht – zumindest vom Bekanntheitsgrad der Erscheinung. Tassilo und einige Kollegen saßen um einen etwas abseits liegenden Tisch herum und fachsimpelten anhand des auf einigen Tablet-Computern gespeicherten Storyboards. Das hatte sie auch schon zu Gesicht bekommen. Tassilo benutzte es gern, um anhand des Animationsprogramms die verschiedenen Beleuchtungseffekte der Scheinwerfer zu testen. Dann näherte sich der Regisseur in Begleitung des Schauspielers, mit dem sie zu Beginn aneinandergeraten war, und der Hauptdarstellerin.

Maria nahm in Sicht- und Hörweite des großen Stars Platz. Sie hatte die Dame mal in einer Talkshow erlebt und war zutiefst beeindruckt von deren Lebensgeschichte. Sie stammte demnach aus kleinen Verhältnissen und hatte sich alles, was man erreichen konnte, hart erarbeitet. Eine besondere Auszeichnung verdiente sie sich durch ihr soziales Engagement. Keine Charity-Gala, auf der sie nicht auftauchte. Sie lebte in einem fast armselig zu nennenden Häuschen bescheiden am Rand ihres Heimatortes, mit einem aufmerksamen Mann, zwei zauberhaften Kindern und einer Reihe von drolligen Tieren, die beim Veterinär hätten eingeschläfert werden sollen, wäre da nicht die prominente Wohltäterin gewesen, die ihnen das Gnadenbrot zubilligte.

»Das kommt überhaupt nicht infrage!«, schimpfte die bekannte Wohltäterin. »Wenn das fucking Licht in der dreimal gottverfluchten Scheiß-Szene nur auf ihm liegt, könnt ihr die Passage direkt streichen. Da mache ich nicht mit! No way! Immerhin bin ich hier der Star!«

»Schätzchen, bitte! Dein Gesicht muss aus künstlerischen Gründen im Halbschatten liegen! Als Symbol für den Schatten, der auf Deiner Seele liegt, verstehst du?«

»Völlig egal. Die Leute wollen mein Gesicht voll ausgeleuchtet. Scheiß auf Seele. Wer von den Fernsehzuschauern merkt schon was von Symbolik, während die ihre Chips fressen und ihr Bier saufen?«

»Christine, Darling! Ich glaube, dass du das falsch siehst! Wir produzieren hier zwar die Sonntagabend-Schmonzette, aber in der Primetime sehen auch Kritiker zu, und denk bitte an die Quoten!«

 

»Pah, Quoten!«, bemerkte der Star verächtlich. »Die Leute schalten sowieso nur meinetwegen ein! Oder glaubt ihr, wegen des abgefackten Alkoholikers hier zu meiner Linken?«

»Also, ich muss doch sehr bitten!«, empörte sich der derart Erwähnte. »Du bist ja wohl auch lange nicht mehr gef …«

»Schluss! Aus!«, unterbracht der Regisseur mit einiger Lautstärke, in der die Obszönität des Schauspielers glücklicherweise unterging.

»Ich habe hier das Sagen! Und es wird so abgedreht, wie ich es will!«

»Regisseur? Dass ich nicht lache! Du hast dich auch nur hochgeschlafen! Aber du hattest ein gutes Händchen bei der Wahl der Damen und Herren, mit denen du es getrieben hast! – Also, bei einem Flop mache ich gar nicht erst mit! Solltet ihr euch das mit dem Licht überlegen, dürft ihr noch einmal bei mir anfragen! Aber höflich, wenn ich bitten dürfte! Ich bin dann mal in meinem Boudoir!«

»Hoffentlich hast du Geld genug, um die Konventionalstrafe zu bezahlen!«, brüllte der Regisseur hinter ihr her. Ohne sich umzudrehen, hob die Dame die rechte Hand und reckte den Mittelfinger in die Höhe.

»So viel zu den Themen Bescheidenheit und soziales Engagement«, murmelte Maria halblaut. Sie hatte insgeheim gehofft, von dem Star etwas lernen zu können. Sie war immer umgeben von einem ganz gewissen Fluidum, einem Charisma, einem je ne sais pas quoi, das ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit einer größeren Menschenmenge garantierte, wenn sie irgendwo auftrat. Dabei war sie nichts weiter als eine Spinatwachtel. Eine missgelaunte, unhöfliche Spinatwachtel mit Gossen-Jargon, deren beste Rolle vermutlich die bescheidene, engagierte liebevolle Frau und Mutter war.

In diesem Moment trat jemand an ihren Tisch.

»Meine Dame, willkommen in unserem Restaurant! Wie kann ich Ihre wundervollen Augen zum Leuchten bringen?«

»Also … Ich hätte da einen Vorschlag«, erwähnte Maria möglichst beiläufig.

»Du weißt, dass ich gerade in Behandlung bin …«

»Ich auch. Wäre mir aber auch egal!«

Esfandar entblößte anläßlich eines Lächelns einen Großteil seiner perfekten, weißen Zähne.

»Ich darf die Dame darauf hinweisen, dass meine Mittagspause vor drei Minuten begonnen hat!«

»WAS? Drei Minuten haben wir schon vergeudet? Du weißt, wo du mich findest!«

Maria sprang auf und verließ die Örtlichkeit im Geschwindschritt.

Entscheidung zur Abendstunde

Theres saß in dem bequemen roten Ledersessel, den Egidius und Lukas von seinem Stammplatz im Wohnzimmer in das Gästezimmer geräumt hatten. Sie hatte sich ihr Lieblingskissen, das sonst auf ihrem Kopfkissen im Bett lag, ins Kreuz gestopft, und eine Wolldecke über die Knie gelegt. Auf dem Tischchen neben ihr standen ein Stövchen mit einer tönernen, kugelrunden Teekanne, ihrer Tasse und der Schale mit einer Auswahl an Keksen.

Auf diesem Tisch deponierte sie das Heft, in dem sie gerade las, als ihr Sohn, dessen Gattin, ihr Enkel und ihr ›Stiefenkel‹ Max den Raum betraten.

»Ein spannender Roman, Mama?«, erkundigte Egidius sich neugierig.

»Sehr spannend«, bestätigte Theres. »Von einem begnadeten neuen Autor, Daniel Berger, der eine Krankenhausserie schreibt. Eigentlich sind Arztromane nichts für mich, aber das hier ist ganz spannend, mit einer Prise Humor. Vor allem habe ich den Eindruck, dass es sich um eine realistische Schilderung handelt, und nicht nur um Kitsch – obwohl Kitsch ja auch eine Berechtigung hat, weil er die Seele streichelt!«

»Ich bin mit Daniel gut befreundet, Theres«, freute sich Corinna. »Er hat sich die Geschichte und Geschichten von St. Bernhard zum Vorbild genommen!«

»Ach! Siehst du? Das habe ich mir gedacht! Sein Chefarzt gleich meinem verehrten Herrn Sohn aufs Haar!«

»Steht da auch was über mich drin?«, wollte Lukas wissen.

»Nun, ein Enkel, der seine liebe Großmama permanent als ›Oma‹ bezeichnet, kommt auch darin vor«, lächelte die alte Dame fein. »Ich habe alle Hefte dieser Reihe gelesen, und – ja, für mich sind sie so eine Art Ratgeber. Gerade, was die Figur der Großmutter angeht …«

*

»Gerade, was die Figur der Großmutter angeht, war ich lange unschlüssig«, bekannte Daniel, der sich einen Löffel voller Zitroneneis in den Mund schob und Sekunden später aufstöhnte, um sich die Schläfen zu massieren.

»Aua, aua, aua! Kälteschock!«

»Du bist wirklich unvernünftig, Daniel! So viele Eisbecher, wie wir beide schon miteinander verputzt haben! Und dann passiert dir immer noch so etwas Dummes, als seist du Laie oder blutiger Anfänger!« Corinna schüttelte indigniert den Kopf.

Der Bestsellerautor ächzte erleichtert.

»Zum Glück! Jetzt wird’s besser! Wunderbar, wenn der Schmerz nachlässt! – Was wollte ich eigentlich gerade erzählen?«

»Du warst bei der Figur der Großmutter. Und dass du unschlüssig warst.«

Daniel schlug mit der flachen Hand auf seine Stirn.

»Richtig, ja! Kinder, Kinder! Selbst diese Köstlichkeit hier birgt Gefahr!«

Was ihn allerdings nicht hinderte, sich erneut einen Löffel Eis in den Mund zu schieben.

»Theres wird über kurz oder lang die Welt verlassen. Ihre Geschichte ist beinahe zu Ende erzählt. Allerdings möchte ich ihr noch etwas Zeit mit ihrem Enkel lassen. Ich möchte zeigen, dass man alte oder sterbende Menschen nicht unbedingt in ein Heim, Hospiz oder in eine Klinik abschieben muss, weil man sich vor dem Tod als Thema fürchtet. Er gehört ja zum Leben dazu und ist eine völlig normale Angelegenheit.«

Corinna hielt den Kopf schräg und schaute den Schriftsteller an.

»Darf man denn nicht traurig sein?«

»Doch, selbstverständlich! Trauer gehört dazu! Man verliert nicht gern Menschen, die man lieb hat! Auf der anderen Seite denke ich auch, dass man einem Menschen, der alt oder krank ist, ruhig einmal gönnen kann, dass er sich ausruht von den Widrigkeiten des Lebens. Stell’ dir vor: Jemand leidet wegen seiner Erkrankung unter heftigen Schmerzen. Er hat Angst vor allem: Dass die Schmerzen schlimmer werden. Dass er durch seine Krankheit seine Mitmenschen unglücklich macht oder zu sehr beansprucht. Dass er unselbstständig wird, angewiesen auf Pflege ist, und für jeden Schluck Wassers bitte und danke sagen muss. Ist da der Tod nicht ein guter Freund, der einem Angst und Schmerzen nimmt?«

»Aus dieser Perspektive betrachtet, hast du sicher recht, Daniel.«, erwiderte Corinna.

»Eben. Aber: Ich glaube auch, dass die junge Generation, also Max und vor allem Lukas, von der Weisheit der Großeltern profitieren könnte. Außerdem besteht ja zwischen Großmutter und Enkel eine ganz besondere Beziehung. Deswegen habe ich es für richtig gehalten, …«

*

»Und deswegen halte ich es für richtig, dass ich nachgebe und diese fürchterliche Therapie auf meine schmalen Schultern nehme. Ich handele gegen meine Überzeugung und wider besseres Wissen. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht.«

Lukas brach in Tränen aus.

»Lukas, mein Junge«, sagte Egidius besorgt, »hast du nicht verstanden? Deine Großmutter stimmt der Chemotherapie zu!«

Der Junge nickte und schniefte laut.

»Ich freu’ mich doch bloß so! Ich hab’ so Angst gehabt …« Der Rest dessen, was er zu sagen geplant hatte, versank im Schluchzen.

Die Erwachsenen begriffen, unter welcher Anspannung Lukas gestanden hatte. Das alles fiel in diesem Moment von ihm ab.

»Du weißt aber schon, Lukas, dass aufgeschoben nicht aufgehoben bedeutet, oder?«, lächelte seine Großmutter. »Das gilt übrigens für das Leben im Allgemeinen. Glaub mir, mein Junge: Wir alle möchten unsere Kinder beschützen. Mithelfen, dass sie glücklich werden. Unsere Enkel und Ur-Enkel sehen und sie begleiten, mit Rat und manchmal auch Tat. Aber leider müssen wir sie irgendwann allein ins Leben gehen lassen. Alles, was wir tun können, ist, eine Ausgangsposition zu schaffen und sie nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen, dass sie selbstständig den Fährnissen gegenübertreten und Hindernisse überwinden können.«

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