Was ist eigentlich evangelisch?

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2. Die Wahrheit: ein Name

Erinnern wir uns noch einmal an Martin Luther. Überliefert ist die bekannte Szene, die sich im Jahre 1521 auf dem Reichstag zu Worms zugetragen haben soll. Den versammelten Fürsten samt Kaiser widersteht der kleine Mönch Martin mit den Worten: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Lassen wir einmal dahingestellt, inwieweit dieser Satz von Luther selbst gesagt oder ihm zumindest ziemlich glaubhaft in den Mund gelegt worden ist – er ist jedenfalls Ausdruck dessen, dass Luther von etwas überwältigt war. Überwältigt von einer Wahrheit, die einen unverwechselbaren Namen trägt: Jesus Christus. „Ich bin die Wahrheit“, sagt Jesus lapidar (Johannes 14,6). Nur um dieser Wahrheit willen konnte Luther „nicht anders“.

Die grundlegende Wahrheit des Evangeliums also: ein Name. Oder genauer gesagt: eine Geschichte. Die unverwechselbare Geschichte Gottes mit dem Menschen, wie sie in der Person Jesu Christi anschaulich geworden ist. Die Erkenntnis war zu Zeiten Luthers deshalb nicht selbstverständlich, weil er sich einer Institution gegenübersah, nämlich der Römischen Kirche, die von sich aus beanspruchte, die Wahrheit gepachtet zu haben, und die deshalb meinte, diese Wahrheit machtvoll und wohldosiert verteilen zu können: durch verordnetes Denken, durch Sakramentsverwaltung, durch vorgeschriebene Frömmigkeitsformen, durch repressive Bußpraktiken und einträglichen Ablasshandel. Die Kirche des späten Mittelalters war für Luther zu einem unterdrückerischen System verkommen, mit dem sie sich selbst an die Stelle der Wahrheit und also an die Stelle Christi zu setzen versuchte. Was Wahrheit zu sein hatte, war von Rom bestimmt und deshalb oft am Ende ziemlich genau das, was der Kirche ideologisch, politisch und auch materiell nützte. Dagegen Luthers grundlegende Entdeckung, wie man sie später auf die bündige Formel brachte: „Christus allein“. Lateinisch: „solus Christus“.

Christus allein. Zwei unscheinbare Wörtchen. Und doch merken wir, welch ungeheure Gewalt, ja geradezu Kampfansage seiner Zeit in ihnen steckte. Christus allein die Wahrheit, das hieß dann ja: den Wahrheits- und Machtanspruch der Heiligen Kirche in Frage stellen. Das hieß dann ja: sich auf eine Konkurrenz einlassen, sich auf einen Kampf vorbereiten. Um der Wahrheit willen Autoritäten vom Sockel stürzen. War Martin Luther besonders mutig? Wir wissen es nicht so genau. Was wir von ihm persönlich wissen, ist eher, dass er oft ziemlich verzagt und angefochten war. Die Kraft, Kaisern, Königen und Päpsten zu widerstehen, kam ihm offensichtlich nicht von einem ihm sozusagen in die Wiege gelegten Temperament her, sondern von der ihm geschenkten Gewissheit: Christus allein. Nur deshalb konnte er offenbar nicht anders.

3. Ein mitunter brisantes Bekenntnis

Welche Bedeutung hat die Erinnerung an diese grundlegende Erkenntnis der Reformation für die Evangelische Kirche heute? Für eine Kirche, die mittlerweile nun doch in einer sehr anderen Zeit lebt. Das feindliche Gegenüber zur Römischen-Katholischen Kirche ist ja – Gott sei es gedankt – lange vorbei. Auch wenn etwa Papst Benedikt XVI. noch vor nicht allzu langer Zeit der evangelischen Kirche das Kirchesein „im eigentlichen Sinn“ rundweg abgesprochen hat. Aber sonst scheint weit und breit niemand in Sicht, der die Wahrheit gepachtet zu haben meint, dem man nun also in neuer Weise das „Christus allein“ entgegenschleudern müsste. Im Gegenteil: Wir leben inzwischen doch eher in einer Gesellschaft, in der es überhaupt keine – und schon gar keine alleinige – Wahrheit mehr zu geben scheint. Was wahr und richtig ist, hat in Zeiten der Pluralisierung jeder für sich zu entscheiden. „Was Gott ist, bestimme ich“, titelte vor Jahren eine psychologische Zeitschrift.

Demgegenüber meint „Solus Christus“ schlicht und einfach: Was Gott ist, bestimme nicht ich, sondern einzig und allein Gott selbst. Und was sich als herrliche Wahlfreiheit („Was Gott ist, bestimme ich“) aufplustert, könnte sich am Ende womöglich als üble Tyrannei entpuppen, die den Menschen in eine heillose Überforderung und Einsamkeit stürzt. Es könnte doch befreiend sein zu wissen, dass die Wahrheit mir vorgegeben ist, dass ich sie gerade nicht ständig neu erfinden muss, dass ich mich auf sie verlassen kann, wie ein Kind sich auf die Liebe der Mutter verlässt, die es ja auch nicht ständig neu erfinden und für sich konstruieren muss. Nicht umsonst bezeichnet der Heidelberger Katechismus diese Gewissheit, „mit Leib und Seele im Leben und im Sterben“ nicht sich selbst, sondern einem anderen, eben Jesus Christus anzugehören, als „Trost“. Ich wüsste jedenfalls dafür weit und breit kein besseres Wort.

Wenn sich also die Evangelische Kirche auch heute noch der Wahrheit des „Christus allein“ verpflichtet weiß, dann nicht um eines Prinzips der religiösen Intoleranz willen. Sondern einzig um der Erkenntnis willen, dass es – gerade auch für den heillos und grausam auf sich selbst zurückgeworfenen modernen Menschen – im Tiefsten heilsam ist, sich einer anderen Wahrheit, einer anderen bergenden Macht, einer anderen Liebe anzuvertrauen. Mit dieser grundlegenden Botschaft wird sich die Evangelische Kirche heute sicher nicht überall Freunde machen. Aber das hatten wir ja schon einmal mit der Erinnerung an Martin Luthers „Ich kann nicht anders“. Unbeugsamkeit kann manchmal eben auch ihr Gutes haben.

Welche geradezu politische Brisanz das „Christus allein“ bekommen kann, wird an einer anderen historischen Erinnerung deutlich. Im Jahr 1934 formulierten die Mitglieder der sogenannten „Bekenntnissynode“ zu Barmen: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Diese Aussage war damals insofern besonders brisant, weil weite Teile gerade auch der Evangelischen Kirche der Meinung waren, man könne Gottes Wort und Willen auch woanders als in Jesus Christus erkennen, etwa in bestimmten geschichtlichen Ereignissen, namentlich im Aufkommen des Nationalsozialismus und in der Person des „rettenden“ Führers. Dagegen das Barmer Bekenntnis: „Jesus Christus … ist das eine Wort Gottes.“ Damals bedeutete das: den Wahrheits- und Machtanspruch „anderer Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten“, wie es in dem Bekenntnis weiter hieß, in Frage stellen. Genau diesen Anspruch erhob aber der NS-Staat. Nur so ist es überhaupt nachzuvollziehen, dass die „Bekennende Kirche“, selbst wenn sie sich politisch weithin loyal verhielt, von der Gestapo bespitzelt wurde. Manch ein treuer Prediger dieser urevangelischen Wahrheit wanderte allein deshalb hinter Gitter oder bezahlte gar mit seinem Leben.

Das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem „einzigen Trost im Leben und im Sterben“ ist mitunter doch noch etwas anderes, Brisanteres oder gar Gefährlicheres als eine heruntergeleierte religiöse Floskel. Christen im Irak, im Iran, in Syrien, Nordkorea, Eritrea oder auch nur in manchen Teilen der Türkei wissen ein leidvolles Lied davon zu singen. Ihre Gewissheit, zu Jesus Christus zu gehören, hat nun so gar nichts mit „think pink“ zu tun. Wohl aber mit einem Wissen darum, dass das „Gute“ des Evangeliums vielleicht noch woanders zu suchen ist als in jener verbreiteten Selbstverordnung, die Dinge immer und vor allem erst einmal „positiv“ zu sehen.

V. Befreit aufatmen
1. Ein merkwürdiger Eindruck

„Evangelisch“ kommt von „Evangelium“, also einer guten Botschaft. Manche übersetzen das griechische Ursprungswort „gut“ auch mit „froh“ oder gar „froh machend“. Schön, wenn sich evangelische Christinnen und Christen schon mit ihrem Namen an etwas „Gutem“, „Frohem“ oder gar „froh Machendem“ orientieren. Dass das wenig mit jenem penetranten Zwang zum „positiven Denken“ zu tun hat, haben wir geklärt. Dennoch bleibt die Frage offen, was an dem Evangelium von Jesus Christus eigentlich gut bzw. froh oder sogar froh machend ist. Zumal nicht jeder Christenmensch den Eindruck erweckt, von einer guten oder froh machenden Sache überzeugt oder gar durchdrungen zu sein. Schon vor Jahren spottete der Liedermacher Franz-Josef Degenhardt:

„Da treten sie zum Kirchgang an,

Familienleittiere voran,

Hütchen, Schühchen, Täschchen passend,

ihre Männer unterfassend,

die sie heimlich vorwärts schieben,

weil die gern zu Hause blieben.

Und dann kommen sie zurück

mit dem gleichen bösen Blick.“

Ein Konfirmand antwortet auf die Frage, was das Christentum sei: „Alles, was man nicht darf“. Wie kommt der junge Bursche dazu? Ist das Evangelium vielleicht doch gar keine so „gute“ und „froh machende“ Botschaft, wie behauptet wird? Oder liegt es nur an den unfrohen, muckerigen und zwanghaften Boten dieser Botschaft, also den Christinnen und Christen, dass jene Botschaft so unfroh „rüberkommt“? Immerhin meinte bereits der Philosoph und Sohn eines evangelischen Pfarrers, Friedrich Nietzsche, sich über die Christen seiner Zeit mit den berühmt gewordenen Worten auslassen zu müssen: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“ Christentum als großes unfrei und unfroh machendes „Muss“, eben „alles, was man nicht darf“. Norbert Alich und Jürgen Becker, zwei Kölner Kabarettisten, haben in dieser Sache zudem einen wichtigen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch ausgemacht, wenn sie zum Karneval singen:

„Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin,

die haben doch nichts anderes als arbeiten im Sinn.

Als Katholik, da kannste pfuschen, dat eine is gewiss:

am Samstag gehste Beichten und fort ist der ganze Driss!“

In der öffentlichen Wahrnehmung regiert offenbar der merkwürdige Eindruck, dass Christsein – zumal evangelisches – und Fröhlichsein doch eher zweierlei sei. „Sie sehen gar nicht wie ein Pastor aus“ – diesen Satz hörte ich in den Anfangsjahren meines Pfarrdienstes mehr als einmal bei Hausbesuchen. Abgesehen von der darin steckenden kleinen Schmeichelei lebte diese Äußerung aber vor allem von der allgemeinen Anschauung: Die Kirche hat es doch vor allem mit dem Ernsten und Schweren statt mit dem Frohen und Leichten. Als vor einigen Jahren in der Dortmunder Reinoldikirche eine große öffentliche Trauerfeier für drei im Dienst ermordete Polizistinnen stattfand, war tags darauf in der Zeitung zu lesen: „Reinoldikirche. Hierhin kommt Dortmund, wenn es trauert. Hier versucht die Kirche zu geben, was der Kirche ist.“

 

Die Kirche, so die öffentliche Wahrnehmung und Erwartung, ist doch eher an den dunklen Seiten des Lebens orientiert. Dem entspricht der gerne von politischer Seite der Kirche erteilte Rat, sie solle sich doch gefälligst auf die Seelsorge am einzelnen Mühseligen und Beladenen beschränken. Gemeint ist hier in der Regel: sich aus politischen und gesellschaftlichen Konflikten möglichst heraushalten. Die Kirche solle bitteschön nur das geben, was – angeblich – nur der Kirche ist: nämlich den Betrübten und Trauernden Trost zusprechen. Das alles klingt nicht eben nach einer froh machenden Botschaft.

Aber was mag es dann sein, das den Evangelisten Markus und mit ihm viele andere die Botschaft von Jesus Christus als „gut“ und „froh machend“ bezeichnen lässt?

2. Luthers Entdeckung

Wir erinnern uns: Martin Luthers Widerstand gegen Papst und Kaiser beruhte auf der Überzeugung, von einer anderen Wahrheit zu wissen als der, die ihm und nicht nur ihm von Seiten der damaligen Römischen Kirche entgegentrat. Vielleicht wäre die Wahrheitsverwaltung dieser Kirche für ihn noch angegangen, wenn es denn wirklich die Wahrheit gewesen wäre, die man dort zu verwalten meinte. Aber für Luther verwaltete die Kirche im Kern gar nicht die Wahrheit, sondern die Unwahrheit. Die Unwahrheit nämlich, dass der Mensch vor Gott Anerkennung fände aufgrund seiner guten Werke. Übrigens eine bis heute überaus populäre Unwahrheit, wenn man nur einmal auf das gerade in der Evangelischen Kirche so verbreitete Gutmenschentum sieht. Luther seinerzeit sah diese Unwahrheit konkret vor Augen in der Beicht- und Bußpraxis, im Ablasshandel, im Vollzug des Abendmahls als eines vermeintlichen Opfers, in der Marien-, Heiligen- und Reliquienverehrung, in Prozessionen und Wallfahrten, in Fasten und Almosengeben. Für ihn allesamt Versuche, sich vor Gott ein Verdienst zu erwerben, sich ihm gewogen zu machen, mit ihm gewissermaßen ins Geschäft zu kommen.

Dagegen Luthers Bahn brechende Entdeckung in der Bibel: „So halten wir dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Römer 3,28). Mit „Glauben“ ist dort bei Paulus nicht irgendeine Religiosität gemeint, sondern der Glaube daran, dass „wir ohne Verdienst gerecht werden aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist“ (3,24). Der Unwahrheit, dass wir vor Gott dadurch gerecht, also von ihm anerkannt und angenommen werden, indem wir uns mit guten und frommen Taten abrackern, dieser Unwahrheit tritt Luther mit der biblischen Wahrheit entgegen, dass das alles überflüssig, ja geradezu kontraproduktiv ist, weil Christus durch seine Gnade bereits dafür gesorgt hat, dass wir vor Gott gerecht dastehen, von ihm anerkannt und angenommen sind. Deshalb die spätere protestantische Parole: allein aus Gnade! Lateinisch: sola gratia. Die Gerechtsprechung des Menschen vor Gott durch Christus sozusagen „gratis“.

Eine Bahn brechende Entdeckung. Genauer: Wiederentdeckung. Denn Luther hatte diese Wahrheit ja nicht bei einer Zen-Meditation oder während eines Waldspaziergangs gemacht, sondern eben aus der Heiligen Schrift gewonnen. Eine wahrhaft andere Wahrheit mit einem völlig anderen Namen, eben: „Evangelium von Jesus Christus“. Anders deshalb, weil diese Wahrheit für ihn nun so gar nichts mehr mit Drohung, Angstmache oder „allem, was man nicht darf“, zu tun hatte. Wohl aber mit einem befreiten Aufatmen und einer „großen Freude“, wie es im Weihnachtsevangelium heißt (Lukas 2,10). „Evangelium heißt eine freundliche Lehre und eine tröstliche Botschaft“, sagt Luther. „Wie wenn ein reicher Mann einem armen Bettler tausend Gulden zusagte. Das wäre ihm ein Evangelium, eine fröhliche Botschaft, die er gern hören und von Herzen fröhlich darüber würde.“ Man geht nicht fehl, in dieser Wiederentdeckung des Evangeliums als einer rundweg guten und erfreulichen Botschaft den Anfang und bleibenden Grund der Evangelischen Kirche zu sehen.

3. Ein empfindlicher Nerv

Lange hat man gemeint, die reformatorische Erkenntnis von der Gerechtsprechung des Menschen „ohne des Gesetzes Werke“ sei etwas von vorgestern. Sei eine Wahrheit, die schon in ihrer ganzen Wortwahl so sehr dem 16. Jahrhundert verhaftet sei, dass sie deshalb dem Menschen von heute nicht mehr zu vermitteln sei. Wer glaube denn heute noch an einen zur Rechenschaft ziehenden Gott? Wer habe denn heute noch das Problem, das Luther umgetrieben habe, eben die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wer denke denn heute noch ernsthaft in den Kategorien von Schuld und Sühne, Unrecht und Rechtfertigung?

Aber Vorsicht. Nur weil uns eine bestimmte Begrifflichkeit fremd geworden ist, muss die damit gemeinte Sache noch lange nicht erledigt sein. In der Sache hat das „sola gratia“ eine erstaunliche Aktualität. Es mag sein, dass der Mensch von heute sein Leben nicht mehr wie der Mensch zu Luthers Zeiten vor Gott zu rechtfertigen versucht. Es mag sein, dass da an die Stelle Gottes inzwischen andere Instanzen getreten sind: die Gesellschaft, das Milieu, das, was „man“ zu tun oder zu lassen hat, die Erwartungen anderer oder die eigenen Moralvorstellungen oder Lebenskonzepte. Es mag da mittlerweile viele Götter und Göttinnen geben, die unser Leben bestimmen. Und auch sie fordern von uns reichlich Tribut, reichlich Opfer, reichlich „Werke“: sei es meinen sozialen Status, sei es meine bürgerliche Rechtschaffenheit, sei es mein Sympathisch-, Schön-, Gesund-, Erfolgreich-, Humorvoll- oder sonst wie Attraktivsein. Von all dem hängt doch immer noch massiv ab, ob ich anerkannt, akzeptiert, „okay“ – in der Sprache des 16. Jahrhunderts „gerechtfertigt“ – bin: vor den anderen, vor mir selbst, vor irgendwelchen Glücksmaximen oder sonst welchen Göttern, an denen, wie Luther sagt, „mein Herz hängt“.

„Sola gratia – allein aus Gnade“, das trifft einen empfindlichen Nerv des heutigen Menschen, der zuhöchst von seiner Selbstinszenierung lebt, von dem, was er eben aus sich und seinem Leben „macht“. „Sola gratia“ wirft uns zurück auf die nüchterne, aber eben vielleicht auch befreiende Erkenntnis, dass wir – nicht vor den selbstgemachten modernen Götzen, wohl aber – vor Gott präzise nichts tun müssen, um seine Gunst zu erwerben. Es ist ein tiefes, befreiendes Aufatmen, das von dieser reformatorischen Erkenntnis über die Jahrhunderte hinweg noch zu uns herüberweht. Gott sei Dank muss ich einmal nichts tun. Gott sei Dank kann ich mir einmal einfach etwas schenken lassen. Gott sei Dank bin ich den Stress los, immer gut dastehen, immer etwas vorweisen, immer etwas aus mir und meinem Leben machen zu müssen.

„Sola gratia – allein aus Gnade“ – was für eine wichtige, befreiende Botschaft, die da der christlichen Gemeinde anvertraut ist, gerade heute, in Zeiten, in denen die Parolen von einem auf Deubel-komm-raus „gelingenden Leben“, die Parolen von „Hauptsache Spaß“, „Hauptsache gesund“, „Hauptsache Erfolg“ inzwischen zu Tyrannen geworden sind, unter denen Menschen zusehends leiden, auch wenn ihre Keep-smiling-Masken etwas anderes weismachen wollen. „Sola gratia – allein aus Gnade“ – es könnte sein, dass gerade der Mensch von heute, dieser freudlose Sklave seiner eigenen Selbstinszenierung, im Tiefsten nach nichts anderem so sehr hungert und dürstet wie nach dieser Zusage: Ich bin angenommen und geliebt – „ohne des Gesetzes Werke“, ohne irgendeine Vorleistung, umsonst. Gratis. Sola gratia.

Und: Was für eine wunderbare, wichtige Aufgabe für eine evangelische Gemeinde heute, diese wahrhaft gute Botschaft mit Leidenschaft, Engagement und Fantasie unters Volk zu bringen.

VI. Einfach glauben
1. „Manche Sachen, die wir getrost belachen“

Es klingt vielleicht merkwürdig, aber die Antwort auf die Frage, wie man sich denn nun jener guten Botschaft, die einen befreit aufatmen lässt, gegenüber verhalten soll, ist: einfach glauben. Wir müssen es zunächst in der Tat so schlicht sagen. Dennoch ist es sicher ein wenig erklärungsbedürftig, zumal sofort etliche Einwände am Horizont aufflackern. Einfach glauben? Ja, was denn? Wie denn? Weshalb denn? Ist es nicht so, dass wir mittlerweile – Gott sei Dank! – gerade nicht mehr „einfach“ alles glauben, was uns von irgendwoher vorgesetzt wird? Sind wir als aufgeklärte Mitteleuropäer – Gott sei Dank! – nicht längst über den Status religiöser Unmündigkeit hinaus? Geht es nicht gerade auch in einem evangelischen Christentum, das sich doch sonst so viel auf seine Aufgeklärtheit und Rationalität zugute hält, um einen mündigen Glauben, der den vielen Fragen einer modernen Welt einigermaßen standhalten kann? Und jetzt sollen wir als Erstes nichts weiter als einfach glauben?

Gemach. Bevor wir uns in weiteren Empörungen ergehen, müssten wir uns vielleicht einmal in Ruhe über das verständigen, was wir überhaupt unter Glauben verstehen. Da gibt es ja eine Menge verschiedener Ansichten. „Ich glaube nur an das, was ich sehen kann“, lautet eine davon. Gemeint ist offenbar: Für mich ist nur wahr, d. h. real existierend, was ich sehe. Eine seltsame Ansicht, mit Verlaub gesagt. Denn nach dieser Logik müsste man sogleich etwa die Schwerkraft, den Duft einer Rose oder den Wohlklang einer Mozartsonate für nicht-existent erklären.

Halt, könnte ein anderer sagen, das „Sehen“ steht hier ja nur stellvertretend für alle sinnliche Wahrnehmung. Jener Satz meint doch im Kern: Ich halte nur das für wahr und real existierend, was ich überhaupt sinnlich wahrnehmen kann: nicht nur sehend, sondern auch riechend, schmeckend, hörend, fühlend. Biblisch befänden wir uns da übrigens in respektabler Gesellschaft. Als der auferstandene Christus erneut unter seine Jünger tritt, will einer von ihnen, Thomas, das einfach nicht wahrhaben, solange er den Herrn nicht sinnlich erfasst hat: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben“ (Johannes 20,25). Die Sache mit dem „nur glauben, was ich sehe“, gibt es also scheint’s schon länger und ist mitnichten eine ausschließliche Angelegenheit des aufgeklärten, modernen Menschen von heute.

Doch auch die Logik mit der allgemeinen sinnlichen Wahrnehmung will nicht so recht einleuchten. Kann ich etwa die Richtigkeit des Pythagorassatzes, der für die Berechnung vieler Häuser, Brücken und Maschinen elementar wichtig, also sehr real existierend ist, sinnlich wahrnehmen? Kann ich etwa die Schönheit eines Rilke-Gedichts, die Stringenz eines schlagenden Arguments oder den umwerfenden Witz einer Situationskomik sehen, riechen, schmecken, hören, tasten? Gewiss brauche ich meine Sinne, um ein Gedicht überhaupt lesen oder ein Argument überhaupt hören zu können. Aber die Schönheit eines Gedichts, die Stringenz eines Arguments, der Witz einer Situation – sie alle befinden sich doch offensichtlich noch einmal auf einer anderen Ebene. „Ich glaube nur an das, was ich sehen kann“? Da möchte man doch zunächst einfach mit Matthias Claudius antworten: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.“

Man könnte sicher noch manch andere „Sachen, die wir getrost belachen“, nur weil wir sie nicht sehen, schmecken oder betasten können, nennen. Auch die Wahrhaftigkeit einer Liebesbekundung, die Tragfähigkeit eines Vertrauensvorschusses oder die Hoffnung auf bessere Verhältnisse können wir nicht einfach sehen, schmecken oder betasten. Sind sie deshalb weniger existent? Weniger wichtig? Weniger bedeutsam für die Gestaltung unseres realen Lebens und unserer realen Welt?

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