Das Glaubensbekenntnis

Text
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Und dann könnte es sein, dass daraus so etwas wie eine lebenslange Neugier wird. Denn niemand wird behaupten, dass man mit einem einmaligen Unterricht allen Tiefen und Untiefen der biblischen Botschaft schon auf die Spur gekommen ist. Gewiss ist und bleibt das Vertrauen der erste Schritt. Es könnte aber sein, dass dann das Abenteuer des Glaubens erst richtig beginnt. Wenn man denn Glauben nicht so sehr als einen festen Standpunkt, sondern – mit Abraham und den vielen anderen – mehr als ein Unterwegssein versteht.

Innehalten, Nachdenken und Fragen ausdrücklich erlaubt.

III. „DEN VATER“

Heilsame Irritation

1. Von stumpfen Nasen, blauen Augen, Rossen und Rindern

An das Foto kann sich Georg noch gut erinnern. Jahrelang hing es seinerzeit in der Wohnstube neben der Anrichte. Schwarz-weiß in schmalem Goldrahmen. Ein junger, ernst dreinblickender Mann in Wehrmachtsuniform, den Kopf leicht geneigt. „Dein Vater“, sagte seine Mutter manchmal und blieb dann vielleicht für einen Moment in der Mitte des Zimmers stehen. „Er ist im Krieg geblieben.“ Obwohl Georg seinen Vater nie zu Gesicht bekommen hatte, war ihm zeit seiner Kindheit sein Vater immer gegenwärtig gewesen. „Dein Vater …“, so begannen manche Erzählungen der Mutter. Geschichten, die sich wiederholten und die Georg im Laufe der Jahre fast auswendig kannte. „Dein Vater hat immer so gerne Grünkohl mit Speck gegessen.“ Oder: „Dein Vater konnte ja so furchtbar laut lachen.“ Mitunter auch, wenn sich die Gelegenheit bot: „Was dein Vater ja nun so gar nicht leiden konnte, das war Unpünktlichkeit.“ Wenn Georg später einmal etwa mit einem „Gut“ aus der Schule nach Hause kam, schien ihm das größte Lob, das seine Mutter zu vergeben hatte, zu sein: „Darüber hätte sich dein Vater aber gefreut.“ Gerne sah ihn die Mutter auch ein bisschen länger von der Seite an: „Deine Nase, Georg. Genau wie dein Vater.“

Was ein Vater ist, weiß jedes Kind. Ganz einfach, weil jeder Mensch neben einer Mutter eben auch einen Vater hat. Unabhängig davon, welche Erfahrungen wir im Einzelnen mit ihm gemacht haben. Gute oder weniger gute. Auch Georg, der seinen Vater nie wirklich erlebt hat, hat einen Vater. Und auch die vielen Kinder, deren Väter sich irgendwie aus dem Staub gemacht haben, haben einen Vater. Selbst wenn dieser vielleicht nur noch als Abwesender präsent ist. Zudem gibt es immerhin noch genügend andere Familien, in denen Väter anzutreffen sind. Nein, was ein Vater ist, muss man niemandem lange erklären.

Insofern scheint es auf den ersten Blick keiner näheren Erläuterung bedürftig, wenn das Glaubensbekenntnis Gott „Vater“ nennt, eben weil bereits jedes Kind weiß, was unter einem „Vater“ zu verstehen ist. Doch was ist, wenn das eine Kind solche und ein anderes Kind eine völlig andere Vatererfahrung in seinem Leben gemacht hat? Es sind ja wahrhaftig nicht alle Väter gleich. Da mag es liebevolle oder tyrannische, fürsorgliche oder gleichgültige, strenge oder tolerante, zärtliche oder zur Gewalt neigende geben. Welche dieser verschiedenen Vatererfahrungen soll denn nun maßgeblich sein, wenn es darum geht, das Bekenntnis zu Gott als „dem Vater“ zu verstehen?

Das Wort „Vater“ ist ein Beziehungsbegriff. Ohne Kind kein Vater. Die besondere Beziehung eines Vaters zu seinem Kind zeigt sich, folgen wir etwa den Erkenntnissen des Sozialpsychologen Erich Fromm, vor allem an der besonderen Art, sein Kind zu lieben. Während die Mutterliebe, so Fromm, „ihrem Wesen nach an keine Bedingung geknüpft“ ist, so ist es bei der Liebe des Vaters zu seinem Kind gerade umgekehrt: „Ich liebe dich, weil du meinen Erwartungen entsprichst, weil du deine Pflicht erfüllst, weil du mir ähnlich bist.“ Unschwer fühlt man sich an Franz Kafkas erschütternden „Brief an den Vater“ erinnert. Voller Bitterkeit beschreibt er darin, wie er zeitlebens vergeblich um die Aufmerksamkeit und Zuneigung seines Vaters gebuhlt habe. Zum Glück gibt es aber natürlich auch andere Väter. Heutzutage nicht wenige, die sozusagen auch die „mütterliche Seite“ an sich entdecken. Mittlerweile sind die Vatererfahrungen überaus vielfältig. Das mag ein Fortschritt sein. Wenn es allerdings darum geht, nun auch Gott als einen „Vater“ zu begreifen, mag es auch ein Problem sein.

Denn solange wir es in unserem Leben vor allem mit einem liebevollen und fürsorglichen, mit Erich Fromm gesprochen: „mütterlichen“ Vater zu tun gehabt haben, mag es für die meisten Menschen mit der Vorstellung von Gott als „Vater“ ja noch hingehen. Wer glaubte nicht gerne an einen liebevollen, umsichtigen und beschützenden „Vater im Himmel“? Zahllose fromme Erzählungen, Bilder, Kindergebete und Lieder zeugen davon, wie etwa das alte Abendlied von Nikolaus Herman:

„Dir sei Dank, dass du uns den Tag

vor Schaden, G’fahr und mancher Plag

durch deine Engel hast behüt’

aus Gnad und väterlicher Güt.“ (EG 467,2)

Doch was ist, wenn ich in meinem Leben eine ganz andere Vater­erfahrung gemacht habe? Wenn mein leiblicher Vater vielleicht ein egozentrischer, despotischer und gewalttätiger, sozusagen „kafkaesker“ Haustyrann war? Soll ich mir dann auch Gott, den „Vater“, als einen finsteren, strafenden und brutalen Gesellen vorstellen? Und ist es nicht zumindest nachvollziehbar, wenn Menschen mit bedrückenden Vatererfahrungen das Bekenntnis zu Gott als dem „Vater“ nur schwer über die Lippen kommen will? Selbst der gelegentlich gemachte Vorschlag, in einem solchen Fall, Gott einfach nicht „Vater“, sondern „Mutter“ zu nennen, löst das Problem ja nicht wirklich. Zumindest solange es eben auch Mütter gibt, die einem nicht immer nur guttun.

Schon mit dem scheinbar so einfachen, jedermann unmittelbar zugänglichen Wörtchen „Vater“ sind wir also bereits mit einem überaus schwierigen Problem konfrontiert. In der Theologie wird dieses meist unter dem Stichwort „Anthropomorphismus“ („Menschengestaltigkeit“) verhandelt. Gemeint ist damit der Vorgang, bei dem man das Wesen und Wirken Gottes mit menschlichen Eigenschaften, menschlichen Funktionen oder Tätigkeiten beschreibt. Die Bibel ist voll von solchen Anthropomorphismen, also voll von sehr menschlich klingenden Aussagen über Gott. Er kann dort eben nicht nur als „Vater“, sondern auch als „Mutter“, „König“, „Hirte“, „Richter“, „Arzt“, „Wächter“ oder „Freund“ bezeichnet werden. Er kann dort „lieben“ oder „zürnen“, „ruhen“ oder „wachen“, kann „eifersüchtig“ oder „enttäuscht“ sein, kann „strafen“ oder „es sich gereuen lassen“. Es kann dort von seinem „Herzen“ oder seinem „Mund“, von seinen „Augen“, seinen „Ohren“, „Armen“ oder „Händen“ die Rede sein. Allesamt Begriffe, die gefüllt sind mit menschlichen Erfahrungen. Die Frage, die sich hier aufdrängt: Kann ein Gott, der mit so vielen menschlichen Attributen beschrieben wird, überhaupt noch etwas anderes sein als das Produkt menschlicher Vorstellungen?

Man muss übrigens kein christlicher Theologe sein, um die Problematik von Anthropomorphismen zu erkennen. Bereits der griechische Dichter Xenophanes (6./5. Jahrhundert v. Chr.) brachte es in einem anschaulichen, fast humorvollen Gedicht auf den Punkt:

„Stumpfe Nasen und schwarz:

so sind Äthiopias Götter.

Blauäugig aber und blond:

so sehn ihre Götter die Thraker.

Aber die Rinder und Rosse und Löwen,

hätten sie Hände,

Hände wie Menschen zum Zeichnen,

zum Malen, ein Bildwerk zu formen,

Dann würden die Rosse die Götter gleich Rossen,

die Rinder gleich Rindern

Malen, und deren Gestalten,

die Formen der göttlichen Körper,

Nach ihrem eigenen Bilde erschaffen:

ein jedes nach seinem.“

Während man aus diesem Gedicht noch einen leicht spöttischen Unterton über die Naivität menschlicher Gottesvorstellungen heraushören kann, erkennt hier die Bibel allerdings ein sehr ernstes Problem. Unerbittlich heißt es bereits im zweiten Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (2.Mose 20,4f) Wie bekommen wir das nun einigermaßen zusammen: das Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen – und dazu gehören ja auch die vielen Bilder unserer Sprache –, und die Tatsache, dass die Bibel selbst voll ist von menschlichen Bildworten über Gott? Ist das Bekenntnis zu Gott als „Vater“ am Ende geradezu eine Versündigung gegen das Bilderverbot? Oder das Wort der Bibel einfach nur ein Widerspruch in sich? Alles Fragen, die einen schlichten Christenmenschen, der womöglich nur einmal in Ruhe z. B. das Vaterunser beten möchte, schon beschäftigen können.

2. Ein anderer Vater

Vielleicht hilft an dieser Stelle eine interessante Beobachtung weiter, die wir an einigen Texten der Bibel selbst machen können. Wenn man sich die dortigen Anthropomorphismen, also die menschlichen Sprachbilder von Gott, einmal im Einzelnen anschaut, so stellt man häufig fest, dass sie einerseits in der Tat auf menschliches Erfahrungsmaterial zurückgreifen, es dabei andererseits aber häufig zu Überraschungen, zu deutlichen Korrekturen, wenn nicht gar ganzen Brechungen solcher Erfahrungen kommt. Hagar z. B., eine ägyptische Sklavin in Diensten von Sara und Abraham, sagt von Gott: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1.Mose 16,13) Dass Gott – menschlich gesprochen – „sieht“, ja womöglich sogar alles sieht, gehört zunächst einmal zum üblichen Repertoire menschlicher Gottesvorstellungen. Bis hinein in unsere Kinderlieder und die damit verbundenen Erziehungsprinzipien:

„Pass auf, kleine Hand, was du tust!

Pass auf, kleine Hand, was du tust!

Denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich,

drum pass auf, kleine Hand, was du tust!“

Der liebe Gott als Alles-Seher. „1984“ lässt grüßen: „Big brother ist watching you.“ Wie vielen Generationen von Kindern ist mit solch einem Gottesbild nicht schon Angst gemacht worden. Doch jener biblische Text, der von einem „sehenden“ Gott spricht, ist genau das Gegenteil von Angstmache. Es geht darum, dass Gott einen völlig verlorenen und verzweifelten Menschen nicht vergessen hat. Der „sehende“ Gott – für die auf der Flucht befindliche Hagar nicht unerträgliche moralische Kontrolle, sondern Rettung aus Lebensgefahr. Sehen und sehen ist offenbar zweierlei. In diesem Text geht es um das Sehen Gottes, das anders ist. Lebensrettend.

 

Für diesen Vorgang, nämlich dass in menschlichen Worten und Vorstellungen noch etwas anderes als nur Menschliches zum Ausdruck gebracht wird, gibt es mancherlei weitere biblische Beispiele. Etwa den Weinbergbesitzer, der allen seinen Arbeitern trotz extrem unterschiedlicher Arbeitsleistungen den gleichen vollen Lohn zahlt (vgl. Matthäus 20,1-16). Ökonomischer Wahnsinn. Oder den müde von einer Hochzeit heimkehrenden Hausherrn, der seine Knechte damit überrascht, dass er sie noch zu später Stunde zu Tisch bittet. Ein eigentlich undenkbarer Vorgang (vgl. Lukas 12,35-38). Oder den Hirten, der – bar jeder menschlichen Vernunft – „sein Leben für die Schafe lässt“ (Johannes 10,11). Nicht zuletzt den König, dessen Krone nicht aus Gold und Edelsteinen, sondern aus einem Folterinstrument besteht (vgl. Matthäus 27,29). Überall zunächst das Aufgreifen menschlicher Vorstellungen – ob von einem Weinbergbesitzer, einem Hausherrn, einem Hirten oder einem König –, die dann jeweils doch eine überraschende Wendung oder gar Verkehrung erfahren, die so in den bisherigen Vorstellungen nicht vorgesehen waren. Und die gerade auf diese Weise etwas von Gott erzählen. Von einem Gott, der offensichtlich anders ist als unsere Gottesvorstellungen. Sich „kein Bild von Gott machen“, hieße dann, dass wir bei unserem Reden von Gott – auch da, wo wir es mit menschlichen Mitteln tun – unsere Erfahrungen und Vorstellungen nicht zum Maßstab machen. Hieße, vor allem darauf hören, was die häufig überraschenden biblischen Gottesbilder von sich aus über Gott sagen wollen.

Und das gilt nun sicher auch, wenn wir von Gott, so wie es das Glaubensbekenntnis ja vorsieht, als einem „Vater“ reden. Sicher weiß jedes Kind, was ein Vater ist. Aber ist damit auch bereits alles über den „Vater im Himmel“ gesagt? Sich kein Bild von Gott machen, hieße also auch hier, dass wir angehalten sind, einmal von unseren eigenen – so oder so gemachten – Vatererfahrungen abzusehen. Hieße, sich vielleicht einmal auf eine ganz neue Vatererfahrung einlassen. Hieße also konkret, zunächst einmal in Ruhe auf das achten, was die Bibel sagt, wenn sie von Gott als dem „Vater“ spricht.

Dazu müssen wir uns allerdings für einen Moment in die Gedanken- und Vorstellungswelt einer vergangenen Zeit hineinversetzen. Es wird gewiss nicht das letzte Mal sein. In der antiken „patriarchalen“ Gesellschaft spielte der natürliche Vater eine überaus dominante Rolle. Das hatte verschiedene Gründe. Der wichtigste war womöglich ein biologisches Missverständnis. Man war allgemein der irrigen Meinung, dass das männliche Sperma der ausschließliche Träger des Lebens sei. Bei der Zeugung stellte die Frau ihren Leib dem Samen des Mannes gewissermaßen nur als einen „Acker“ bzw. als ein „Gefäß“ zur Verfügung. Bevor wir uns nun allerdings darüber lustig machen, sollten wir uns klarmachen, dass diese medizinische Sicht der Dinge noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Geltung hatte. Erst 1841 wurde die weibliche Eizelle entdeckt, und zwar zunächst bei Säugetieren. Galt der Mann – aus jenem biologischen Missverständnis heraus – als der eigentliche Träger und Weitergeber des Lebens, so war eine entsprechende gesellschaftliche Stellung nicht mehr weit. Der Vater war das unhinterfragte Oberhaupt, der „Patriarch“ von Familie und Sippschaft.

Wenn nun in der Bibel an nicht eben wenigen Stellen Gott als „Vater“ bezeichnet wird, so lautet die Botschaft – im Denken der damaligen Zeit – zunächst ganz schlicht, dass Gott der Urheber des Lebens ist. Eine Aussage, die immerhin bedenkenswert ist und uns sicher noch etwa beim Thema „Schöpfung“ näher beschäftigen wird. Im Denken der damaligen Zeit bedeutete das aber auch den unbedingten Herrschaftsanspruch Gottes. So wie eben der Vater im Verbund von Familie und Sippe das unbedingte Sagen hatte, so auch Gott im Hinblick auf die Seinen. Auch dieser Gedanke ist uns nicht fremd, wenn wir allein an das unüberhörbare „du sollst“ der Zehn Gebote denken oder daran, dass etwa Jesus immer wieder vom Willen des Vaters spricht, der zu befolgen sei. Insofern knüpft die Rede von Gott als „Vater“ zunächst durchaus an die (damalige) menschliche Erfahrungswelt an.

Doch gerade dieses scheinbar so bruchlos aus der menschlichen „Vater“-Vorstellung abgeleitete Vatersein Gottes erfährt immer wieder erstaunliche Überraschungen, Brechungen oder gar Gegenbewegungen. So wird Gott z. B. als „Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen“ bezeichnet (Psalm 68,6). Ein anderer Psalmsänger lobt ihn mit den Worten: „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten“ (Psalm 103,13). Das ist offensichtlich eine sehr andere „Furcht“ als die, die der kleine Franz Kafka vor seinem herrischen, angsteinflößenden Vater haben musste. Und die „Furcht“ dieser Kinder ist deshalb eine andere, weil sie es eben mit einem sehr anderen Vater zu tun haben. Vielleicht sollte man hier besser von „Ehrfurcht“, von „Achten“ oder gar „Vertrauen“ reden.

In Gottes Vatersein geht es um ein väterliches Verhalten, das Jesus z. B. in dem bekannten Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ beschreibt. Den heruntergekommenen, „verlorenen“ Sohn empfängt der Vater nicht etwa mit einer herrscherlichen – sei’s vorwurfsvollen, sei’s gnädig herablassenden – Geste. Es heißt vielmehr: „Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lukas 15,20). Für einen Patriarchen der damaligen Zeit ein völlig unangemessenes, geradezu würdeloses Verhalten. Die Botschaft: Gottes Vatersein ist anders. Kein Wunder, dass nicht wenige Künstler genau diese Szene festgehalten haben, allen voran Rembrandt in seiner berühmten Radierung von 1636. Der Sohn, ausgemergelt und elend, hingestolpert auf den Stufen des Hauses: ein Bild des Jammers. Und der Vater mit einem etwas überzeichnet großen Gewand über ihn gebeugt, ihn schützend, ihn bergend: ein Bild überströmender Liebe.

Dieses „andere“ Vaterbild begegnet uns vor allem in Jesu eigenem Verhältnis zu seinem himmlischen Vater. Es ist – auch das ungewöhnlich für die damalige Zeit – ein überaus inniges. Erstmals spricht er überhaupt von „meinem Vater“. Mehr noch, er ruft ihn in der Stunde höchster Bedrängnis mit „Abba“ an (Markus 14,36). Im Aramäischen, dem hebräischen Dialekt, den Jesus gesprochen hat, bedeutet „Abba“ so viel wie „Papa“. Geht es vertraulicher? In dieser Weise nicht nur von, sondern auch zu Gott zu reden, war in der damaligen Zeit zumindest höchst ungewöhnlich. Aber es geht noch weiter. Etwa im „Vaterunser“ ermuntert Jesus dann auch die Seinen, es ihm nachzutun, also Gott als den „anderen“, eben als den uns entgegen kommenden, den barmherzigen und vergebenden Vater anzurufen, auf dass wir also durch Christus selber Kinder dieses „anderen“ Vaters werden. Später greift der Apostel Paulus diesen Gedanken noch einmal auf, wenn er der Gemeinde in Rom schreibt: „Ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ (Römer 8,15).

Wenn man die Bibel aufschlägt, merkt man bald, dass es also nicht so einfach geht, seine menschlichen Vatererfahrungen mir nichts, dir nichts auf Gott zu übertragen. Die biblischen „Vater“-Texte sprechen eine eigene Sprache und haben eine eigene Botschaft. Wohl aber sind wir angehalten, im Gehör auf diese „anderen“ Vateraussagen vielleicht noch einmal unsere eigenen Vorstellungen von Gott ganz neu zu überdenken.

3. Widerstand gegen alle Kafka-Väter

„Das entspricht überhaupt nicht meinem Gottesbild.“ Wie oft habe ich in den letzten Jahren diesen Satz gehört. Meist waren wir gerade dabei, einen etwas sperrigen Bibeltext zu erarbeiten. Einen Text, in dem vielleicht von Gottes „Zorn“ oder „Gewalt“ zu lesen war oder davon, dass er Menschen „prüft“ oder gar „in Versuchung führt“. Dass er „eifert“ und bestimmte Sünden „nicht ungestraft lässt“. Dass er sogar ein „rechter Kriegsmann“ ist, der „Ross und Mann ins Meer stürzt“. Es ist wahr: Da gibt es schon die eine oder andere biblische Aussage, die einem zu schaffen machen kann. Verständlich, wenn einem dann rasch ein „Das entspricht überhaupt nicht meinem Gottesbild“ herausrutscht.

Das Wort „Gottesbild“ scheint sich ja immer mehr einzubürgern. Ganze Doktorarbeiten gibt es inzwischen über die verschiedensten „Gottesbilder“ etwa von Frauen und Männern oder Mädchen und Jungen. Gottesbilder in unterschiedlichen Kulturen oder sozialen Milieus. Manche Gemeinde hat schon ein buntes Bilderbuch erstellt, gemalt von Kindern: „Wie ich mir Gott vorstelle.“ Vom Raumschiff über Sonnenblumen bis hin zu dem klassischen Opa mit Bart gibt es da durchaus Interessantes zu sehen. Interessant vor allem deshalb, weil diese Bilder interessante Dinge über die jeweiligen Menschen erzählen. Xenophanes lässt grüßen. Denn genau genommen kommen wir mit unseren Gottesbildern immer gerade nur so weit, wie unser begrenzter Erfahrungshorizont nun einmal reicht. Bis dahin, dass man sich Gott blauäugig und blond vorstellt, weil man als Thraker nun einmal selber blauäugig und blond ist. Auch wir haben am Beispiel des „Vaters“ gesehen, dass wir, wenn es um Gott gehen soll, mit unseren Bildern und Vorstellungen nicht besonders weit kommen.

Demgegenüber ist uns beim Aufschlagen der Bibel noch etwas anderes begegnet als nur das, was wir vorher schon wussten. Wohl spricht sie, wenn sie Gott „Vater“ nennt, in menschlichen Worten zu uns und knüpft damit zunächst einmal an unsere menschlichen Erfahrungen an. Das allein sollte uns schon aufmerken lassen. Denn es ist doch alles andere als selbstverständlich, Gott „Vater“ zu nennen und etwa im Vaterunser auch so anzureden. Es ist doch vielmehr eine große und erstaunliche Erlaubnis, sich Gott, dem Ewigen und Erhabenen, überhaupt so „menschlich“ nähern zu dürfen. Und vielleicht sollten wir, wenn uns etwa im Gebet das „lieber himmlischer Vater“ ein bisschen flott über die Lippen geht, einfach einmal innehalten und allein über dieses besondere Wunder der Menschwerdung Gottes ins Staunen kommen. Wir werden ganz menschlich angesprochen und begegnen darin etwas Neuem, etwas Anderem. Einem Anderen. Gott.

Denn gleichzeitig werden unsere menschlichen Vater-Erfahrungen in den biblischen „Vater“-Aussagen über Gott ja nicht einfach bestätigt, sondern eher korrigiert, wenn nicht mitunter sogar durchkreuzt. Bei dem einen oder anderen, was dort über Gott als „Vater“ gesagt wird, ist man, gelinde gesagt, doch ein wenig irritiert. Genau genommen: heilsam irritiert. Und diese heilsame Irritation war dem Glaubensbekenntnis offenbar so wichtig, dass sie das „Ich glaube an Gott, den Vater“ gleich an prominenter Stelle positioniert hat.

Denn wer Gott als „Vater“ bekennt, darf sich logischerweise selbst als „Kind“ verstehen. Und auch hier tun wir gut daran, nicht gleich mit unseren – so oder so gemachten – Kind-Erfahrungen zu kommen. So als würde die Vorstellung von Gott als „Vater“ den Menschen automatisch infantil und unmündig halten. Dieses – angeblich christliche – Menschenbild hat, wie wir wissen, schon mancherlei Schaden angerichtet. Hat Menschen geprägt, die meinen, dass es besser sei, aus vermeintlich frommen Gründen nicht den eigenen Kopf zu gebrauchen, nicht aufzubegehren und gegebenenfalls die Widrigkeiten des Lebens eher klaglos hinzunehmen. Der Apostel Paulus nennt das einen „knechtischen Geist“. Doch er hält dagegen: „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen.“ (Römer 8,15) Ein Kind dieses Vaters ist also grundsätzlich ein Kind der Freiheit.

Man wünschte manch einem kleinen oder auch großen Franz wahrhaftig endlich einen Vater, vor dem er sich nicht „abermals fürchten müsste“. Man wünschte manch einem bedrückten Menschen, dass er – gerade im Glauben an „Gott, den Vater“ – zu einem „aufrechten Gang“ (Ernst Bloch) und „aufgerichteten Haupt“ (Heidelberger Katechismus) finden möchte. Man wünschte nicht zuletzt manch einem Kind Gottes, dass es voller Vertrauen in jenen „anderen“ Vater Mut zum Widerstand fassen könnte – gegen alle kleinen und großen Kafka-Väter dieser Welt.

IV. „DEN ALLMÄCHTIGEN“

Bollwerk gegen Omnipotenzphantasien

 

1. „Papa kann alles“

„Mein Papa kann Pizza backen.“ Stolz trompetet Torben seine Botschaft in die Kita-Morgenrunde. „Und mein Papa kann ein richtiges Vogelhäuschen basteln“, berichtet Sinja. Nun ist Melvin an der Reihe. „Mein Papa kann alles.“ Upps! Torben und Sinjas Papas können ja schon ziemlich tolle Sachen. Aber alles? „Kann dein Papa denn auch Ballett tanzen?“, will Sinja nun doch wissen. Bevor Melvin zu einem längeren Bericht anhebt, ist Heidrun, die erfahrene Erzieherin, zur Stelle und kann die Dinge pädagogisch ein wenig geraderücken: „Schön, wenn der Papa vieles kann. Aber ich glaube, auch wir können eine ganze Menge. Wer von euch kann denn zum Beispiel … singen?“ „Iiich!“, schallt es durch den Raum. Na bitte. Zufälligerweise hat Heidrun ihre Gitarre dabei. Der Rest ist fröhlicher morgendlicher Gesang: „Er hält die ganze Welt in seiner Hand …“

Dass der Papa vieles oder gar „alles“ kann, gehört wohl zur Grundausstattung eines jeden frühkindlichen Gemüts. Vielleicht ist es auch nur der Ausdruck einer großen Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Schutz und einem guten Aufgehobensein. Die Sehnsucht nach einer Macht, die größer ist als ich, die – komme, was da wolle – zu mir hält und die gegebenenfalls auch einmal für Recht und Ordnung sorgt. Wohl dem Kind, das solch eine Erfahrung machen kann, bevor dann irgendwann eine unerbittliche Aufklärung das Regiment übernimmt und man mehr und mehr gewahr wird, was der Papa tatsächlich kann und vor allem, was er alles nicht kann.

Ist der Glaube, wenn er sich zu Gott nicht nur als „dem Vater“, sondern im gleichen Atemzug auch zu ihm als „dem Allmächtigen“ bekennt, auch so eine Art frühkindliche, voraufgeklärte Sehnsucht? Eine bloße Wunschvorstellung, die dann natürlich alle möglichen Phantasien freisetzt? Im Alter von vier Jahren habe ich meiner Mutter einmal folgende Frage gestellt: „Ma, kann Herr Jesus auch mal auf dem schmalen Bilderrahmen da balancieren?“ „Natürlich kann er das“, antwortete meine Mutter. „Aber das ist doch gar nicht nötig, meinst du nicht?“ Ob diese theologisch korrekte Antwort, wonach Gott noch längst nicht alles tut, was er kann, den damaligen Wissensbedarf befriedigt hat, ist nicht überliefert. Immerhin sind wir jetzt schon einmal beim Thema. Es lautet: Was meinen wir eigentlich, wenn wir Gott „allmächtig“ nennen?

Dass das Bekenntnis zu dem „Allmächtigen“ dem Bekenntnis zum „Vater“ auf dem Fuße folgt, ja an späterer Stelle zu einem „allmächtigen Vater“ geradezu zusammengeschmolzen erscheint, lässt einen doch stutzen. Denn wie mag sich das, was wir uns über den „anderen“ Vater klargemacht haben, mit einem Gottesbild zusammenreimen, das nun doch wieder sehr herrscherliche Züge zu tragen scheint? Zumal nicht nur von „Macht“, sondern sogar von „Allmacht“ die Rede ist. Man muss leider feststellen: Auch Adolf Hitler glaubte, wie er verschiedentlich behauptete, an „den Allmächtigen“ oder an das, was er dafür hielt, nämlich eine quasi-religiöse Legitimation seiner eigenen Allmachtphantasien. Trotz eines solch schrecklichen Missbrauchs muss für uns dennoch die Frage erlaubt sein: Kann Gott wirklich „alles“? Und wenn ja, warum tut er es dann nicht?

Es gibt nicht wenige Menschen, die an der Allmacht Gottes zweifeln, wenn nicht gar verzweifeln. Wie kann ein Gott, der nicht nur „Vater“, sondern angeblich eben auch „allmächtig“ ist, es zulassen, so fragen sie, dass Menschen leiden, dass unschuldige Kinder sterben, dass allenthalben auf der Welt so unendlich viel Unrecht geschieht? Wie kann er den vielen Naturkatastrophen so tatenlos zusehen? Ist er vielleicht gar nicht so väterlich? Und wenn er es für diesen oder jenen sein sollte, vielleicht gar nicht so allmächtig, wie behauptet? Ja sollte man angesichts des vielen Leids in der Welt nicht am Ende ganz davon Abstand nehmen, von Gott zu reden?

Wir sind übrigens bei Weitem nicht die Ersten, die solche kritischen Fragen stellen. Von Epikur (341–271 v. Chr.), einem anderen griechischen Philosophen der Antike, ist uns ein scharfsinniger Gedankengang überliefert, der sinngemäß so geht: Entweder will Gott das Leid beseitigen, aber er kann es nicht. Dann wäre er nicht allmächtig. Oder er kann das Leid beseitigen, aber er will es nicht. Dann wäre er, wie Epikur es nennt, „missgünstig“. Davon ist aber nicht auszugehen. Oder aber er kann es nicht und will es auch nicht. Dann aber wäre er gar nicht Gott. Muss man sich wundern, wenn durchaus nachdenkliche Menschen mit ihrer Grübelei über Gott am Ende im Atheismus landen?

So sagte der ehemalige Bundesligatrainer Udo Lattek nach dem Tod seines 15-jährigen Sohnes, dass er mit einem Gott, der einen unschuldigen Menschen so leiden lasse, nichts mehr zu tun haben wolle. Und die Theologin Dorothee Sölle war immerhin der Meinung, „seit Auschwitz“ nicht mehr „Lobe den Herrn, der alles so herrlich regieret“ singen zu können. Angesichts des vielfältigen Leidens in der Welt könne man heute nur noch, wie sie es nannte, „atheistisch an Gott glauben“. Wenn überhaupt, so müsse man in Zukunft völlig anders von Gott reden. Aber jeder Seelsorger, der mit menschlichem Leid konfrontiert wird, weiß, dass sich die quälende Frage nach dem „Warum?“ nicht so leicht theologisch beruhigen lässt. Kein tödlicher Verkehrsunfall, kein mörderischer Anschlag, kein verheerendes Erdbeben, bei dem nicht ein bohrendes „Wie kann Gott das zulassen?“ wie ein schwarzer Schatten über uns schwebte.

Traditionell wird diese Frage gewöhnlich unter dem Stichwort „Theodizee“ verhandelt. Der Begriff stammt von dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) und bedeutet wörtlich „Rechtfertigung Gottes“. Gemeint ist: Wie lässt sich angesichts des nun einmal nicht zu leugnenden Leids in der Welt der Glaube an Gott überhaupt „rechtfertigen“? Leibniz’ Antwort: Was wir als Widerspruch empfinden, erklärt sich aus dem grundsätzlichen Unterschied zwischen Gott und Mensch. Gott ist ewig, der Mensch endlich. Gott ist vollkommen, der Mensch unvollkommen. Erst als Teil eines übergeordneten, gewissermaßen „harmonischen“ Ganzen bekommen das Unvollkommene und so auch das Leid einen Sinn. Einen Sinn, der allerdings nicht immer zu erkennen ist. „Wer weiß, wofür et jot es“, würde der Rheinländer sagen. Aber ob eine solche Antwort Eltern, die gerade ihren jungen Sohn verloren haben, weiterhilft?

Überhaupt ist über das Thema der göttlichen Allmacht von philosophischer Seite immer wieder heftig spekuliert worden. Ist nicht allein der Gedanke daran, so die häufig gestellte Frage, ein Widerspruch in sich? Wenn Gott alles könne, so könne er ja beispielsweise auch einen Stein erschaffen, den er selbst nicht zu heben imstande sei. Und wenn er diesen nicht zu heben vermöge, so könne er eben nicht alles. Dasselbe Gedankenspiel kann man auch an dem Motiv einer göttlichen Allwissenheit durchexerzieren. Wenn Gott alles wisse, so müsse er ja auch etwa ein Rätsel kennen, dessen Lösung ihm wiederum nicht bekannt sei. Kenne er solches nicht, so sei er eben auch nicht allwissend. Absurd? Immerhin ist Denken nicht verboten, auch wenn es noch so abstrus erscheint.

2. Sich Gott in die Arme werfen

Wenn wir nun die Frage nach der Allmacht Gottes an die Bibel herantragen, so fällt zunächst einmal auf, dass das Thema dort offensichtlich keine zentrale Rolle spielt. Das, was in der Geschichte des Glaubens und Denkens bis in unsere Tage hinein immer wieder ein so großes Gewicht hat, dass sich daran für manche Menschen sogar die Alternative „Glaube oder Nichtglaube“ entscheidet, das findet in den biblischen Texten – man muss es so nüchtern feststellen – allenfalls am Rande Erwähnung. Schon gar nicht beteiligt sich die Bibel an irgendwelchen wilden Spekulationen: Was wäre, wenn … Die biblischen Texte kreisen vielmehr in erster Linie, um es mit ihren eigenen Worten zu sagen, um „die großen Taten Gottes“ (Apostelgeschichte 2,11; vgl. Psalm 106,2), kreisen um Schöpfung und Befreiung, um Gottes Reich und um die Aussicht auf einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ und infolgedessen um ein verantwortliches menschliches Verhalten in einer noch nicht erlösten Welt.