Lachen, Weinen, Hoffnung schenken

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PAUL CHAIM EISENBERG

LACHEN, WEINEN, HOFFNUNG SCHENKEN

Wenn der Rebbe vom Leben erzählt


EINLEITUNG

WENN DER REBBE SCHABBES MACHT

WENN DER REBBE SINGT

WENN DER REBBE WEINT

WENN DER REBBE TRÄUMT

WO DER REBBE HERKOMMT

WENN DER REBBE LERNT

WENN DER REBBE EINE FAMILIE HAT

WENN DER REBBE FUSSBALL SPIELT

WENN DER REBBE HERUMFÄHRT

WENN DER REBBE HILFT

WENN DER REBBE AUSNAHMEN MACHT

WENN DER REBBE DAS BUCH FERTIGSCHREIBT


KÜRZLICH FRAGTE MICH JEMAND: „Wie geht das eigentlich, ein Buch schreiben? Das muss doch wahnsinnig schwer sein. Wie kommst du auf all die Ideen, die du dafür brauchst?“

Das gab mir zu denken.

Aber dann fiel mir folgende Antwort ein: „Ich habe einen Partner, einen Helfer beim Schreiben des Buches. Die erste Hälfte des Buches schreibe nämlich gar nicht ich: Die schreibt der liebe Gott. Er bringt mich in Situationen oder schafft die Koordinaten, und ich muss dann daraus die fertige Formel, das Buch, machen.“

Genau auf diese Weise hat mich der Ewige in eine Situation gebracht – sie ist in diesem Buch beschrieben –, in der ich das berühmte chassidische Lied „As der Rebbe lacht“ ein wenig abgewandelt habe, um die Anwesenden hoffentlich zu einer guten Tat zu inspirieren. Davon später.

Diese Situation hat aber nicht nur die anderen inspiriert, sondern in erster Linie mich selbst: Denn mir kam dabei neu zu Bewusstsein, wie wunderbar der Text dieses Liedes die innige Beziehung zwischen einem Rabbi und seiner Gemeinde beschreibt („Un as“ ist Jiddisch und bedeutet auf Deutsch „und als“):

Un as der Rebbe lacht, un as der Rebbe lacht,

lachen alle Chassidim, lachen alle Chassidim:

Ha-ha-ha-ha-ha, ha-ha-ha-ha-ha,

lachen alle Chassidim.

Un as der Rebbe singt, un as der Rebbe singt,

singen alle Chassidim, singen alle Chassidim:

Tra-la-la-la-la, tra-la-la-la-la,

singen alle Chassidim.

Un as der Rebbe tanzt, un as der Rebbe tanzt,

tanzen alle Chassidim, tanzen alle Chassidim:

Hoppa, hoppa hej, hoppa, hoppa hej,

tanzen alle Chassidim.

Un as der Rebbe weint, weinen alle Chassidim …

ojojojojojoj …

Un as der Rebbe schluft (schläft)

schweigen alle Chassidim …

(damit sie ihn nicht aufwecken).

Mir ist aufgefallen, dass ein Rabbiner noch vieles macht, was die Chassidim, seine Anhänger, mitmachen können. Und so habe ich in letzter Zeit einige zusätzliche Strophen erfunden. Zwei davon lauten:

Un as der Rebbe helft (hilft),

helfen alle Chassidim.

Un as der Rebbe lehrt,

lernen alle Chassidim.

Fast alle Kapitel dieses Buches habe ich deswegen mit einer Tätigkeit des Rabbiners bezeichnet, die zum Teil von der Gemeinde nachgemacht werden kann, zum Teil aber auch nicht. Denn ich finde, das ist eine gute Beschreibung des Verhältnisses zwischen Rabbi und Gemeinde sowie der Art und Weise, in der er sie leitet, ihr Vorbild ist. Dieses Lied ist ein Volkslied und wird von manchen Gegnern der Chassidim als Schmählied gegen den Rabbi und gegen die Chassidim interpretiert. Nach Meinung dieser Kritiker soll das Lied darstellen, dass die Chassidim den Rabbi nur nachäffen. Das wäre natürlich kein besonderes Lob.

Man kann es aber auch so sehen (und ich ziehe diese Interpretation entschieden vor): Der Rabbi ist ein Vorbild, und man kann vom Rabbi lernen, wie man inbrünstig betet, wie man klug spricht und wie man sein Leben richtig führt.

Wenn aber ein Chassid sagt: „Der Rabbi hat sich an dieser Stelle des Gebets die Nase geschnäuzt, das muss etwas bedeuten, also werde ich immer, wenn ich an dieser Stelle ankomme, mir die Nase schnäuzen“, dann wäre das natürlich dumm. Diese Art der Nachahmung sei keinem empfohlen!

Ich möchte die Vorbildwirkung des Rabbiners nicht wörtlich und buchstabengetreu, sondern dem Geiste nach verstanden wissen. Ein wenig so wie in der Geschichte von den Chassidim, die ihrem Rabbi vor zweihundert Jahren die allerneueste Erfindung, eine Dampflokomotive, präsentieren wollten und ihn baten, sich diese am Bahnhof anzuschauen. Der Rabbi ging mit seinen Chassidim zum Bahnhof und sah, wie der Heizer Kohlen in den Ofen der Lokomotive schaufelte, sodass die Lokomotive viele Waggons ziehen konnte. Da sagte er: „Das ist doch nichts Neues. Mir war schon immer bekannt, dass einer, der Feuer hat, viele andere mitziehen kann.“

Nun muss ich euch, liebe Leserinnen und Leser, noch etwas gestehen: Ich bin eigentlich mehr ein Erzähler von Geschichten als ein Schreiber von Geschichten. Vor meinem ersten Buch hatte ich so viel Respekt vor dem geschriebenen Wort, dass ich es lieber gar nicht versuchen wollte. Aber, weil ein Rabbiner diese Welt nicht verlassen sollte, ohne etwas Bleibendes zu hinterlassen, habe ich mich letztlich doch dazu durchgerungen, vom gesprochenen zum geschriebenen Wort zu wechseln. Auch hat Verlagschef Nikolaus Brandstätter mich dazu ermutigt. Bei der Präsentation meiner Bücher habe ich dann wieder mehr geredet und manchmal auch gesungen. Dass mein Geschriebenes deshalb oftmals nahe am Gesprochenen angesiedelt ist, besonders, wenn es sich um eine Anekdote handelt, rührt ebendaher – und ich halte das nicht für einen Makel.

NACHDEM ICH MICH in meinen bisherigen Werken mit jüdischer Weisheit und jüdischem Humor beschäftigt habe, handelt das vorliegende Buch aber von etwas gänzlich anderem: nämlich von meinem Leben. Mein Verlag wollte von mir eine Autobiografie – mir gefällt das Wort Memoiren besser. Aber da gab es auch noch meinen oben erwähnten Co-Autor, der von keinem Verlag zu bändigen ist. Er brachte und bringt mich immer wieder dazu, mein eigenes Leben wie jenes der anderen Menschen nicht nur als eine beliebige Serie von Ereignissen zu betrachten, sondern auch nach den Zusammenhängen und den Lehren zu forschen, die diese Erlebnisse enthalten. Die Erzählweise ist dabei nicht zwangsläufig chronologisch und vor allem nicht erschöpfend, sondern orientiert sich an der Methode, die die Bibel verwendet. In ihr wird viel über das Leben Abrahams erzählt. Die Tora schreibt, dass der Ewige von Abraham verlangt, er möge ihm am nächsten Morgen seinen Sohn Jizchak opfern. Würde dort alles chronologisch erzählt, müsste der nächste Tag folgendermaßen beschrieben werden: „Abraham putzte sich in der Früh die Zähne, dann aß er ein Butterbrot mit Eierspeis, dann las er die Zeitung und erledigte noch drei Anrufe mit seinem Handy, bevor er sich auf den Weg machte, um dem Wunsch Gottes zu entsprechen.“ So ist es aber nicht: Die Tora beschränkt sich auf das Wesentliche.

Mein Buch ist zwar keine Bibel, aber auch ich bringe nur die wesentlichen Storys. Auch bleibe ich trotzdem bei meinem Metier, jüdische Weisheit und jüdischen Humor mit meiner Familiengeschichte zu verbinden. Wäre es anders, dann wäre es nicht mein Buch.

WENN DER REBBE SCHABBES MACHT

FÜR UNS JUDEN ist der wöchentliche Schabbat, im Volksmund Schabbes genannt, bekanntlich nicht nur ein Ruhetag, sondern ein heiliger Tag mit vielen Bräuchen. Im Schtetl haben Juden unter der Woche oft fast nur Brot und gekochte Kartoffeln gegessen, damit sie für den Schabbat, einmal die Woche, etwas Besseres einkaufen konnten.

In meinem Elternhaus gab es wochentags Butter aufs Brot und Eierspeis auf die Kartoffeln, aber das Schabbatmahl war auch bei uns etwas ganz Besonderes: Meist gab es Fisch, Suppe, Fleisch mit Beilagen und als Nachspeise einen guten Kuchen mit Kompott.

Besonders war auch, dass nur am Schabbat nicht in der Küche, sondern im Speisezimmer serviert und gegessen wurde, auf einem blütenweißen Tischtuch, von einem Schabbat-Geschirr und mit versilbertem Besteck neben den leuchtenden Kerzen, die meine Mutter vor Schabbat entzündet hat.

 

Im Schtetl war es trotz der bedrückenden Armut üblich gewesen, zum Schabbat-Tisch einen Gast einzuladen, mitunter einen, der sich auf der Durchreise befand. Meine Eltern haben diesen Brauch weitergeführt und am Freitagabend jemanden aus dem Stadttempel – unserer Synagoge – mit nach Hause genommen, auch wenn es ein Fremder war. Allerdings wussten wir meist schon vorher, wer eingeladen wurde: Oft waren es Gäste aus Israel, die sich freuten, beim Oberrabbiner zu Hause Schabbes feiern zu dürfen. Trotzdem bestand die Möglichkeit, dass mein Vater zusätzlich zu diesen schon eingeplanten Gästen noch einen weiteren Gast aus der Synagoge mitbrachte. Meine Mutter legte also zur Sicherheit ein Gedeck mehr auf, als wahrscheinlich benötigt werden würde, und goss ein bisschen mehr Wasser in die Suppe – auch das hat man schon in der alten Zeit im Schtetl genau so gemacht.

Schon in der Tora gibt es zu dieser Tradition eine schöne und lehrreiche Geschichte, die mich schon als Kind stark beeindruckte. Dort heißt es, dass unser Stammvater Abraham, der doch eine Zeit lang der einzige Jude auf der Welt war, mit seiner Gastfreundschaft auch „Mission“ betrieben habe. Denn wenn Wanderer an seinem Haus vorbeigingen, dessen Türen immer offen waren, hielt er sie an und bewirtete sie fürstlich. Danach fragte er die Gäste: „Nun, was ist jetzt mit der Bezahlung?“ In diesem peinlichen Moment zückten manche die Kreditkarte (ihr erlaubt mir die sanfte Modernisierung), wieder andere sagten, sie hätten leider kein Geld. Zu all ihnen aber sagte Abraham: „Ihr müsst nicht bei mir bezahlen, sondern euch beim lieben Gott bedanken, der die Welt erschaffen hat und auch das Essen, das ich euch serviert habe.“ Na, und schon war das „Missionsgespräch“ initiiert.

Diese Geschichte ist umso interessanter, wenn man weiß, dass wir Juden eigentlich gar keine Mission betreiben und grundsätzlich nicht versuchen, Anhänger anderer Religionen oder auch Atheisten von unserem Glauben zu überzeugen. Wir glauben vielmehr, dass jeder gute Mensch in den „Himmel“ kommen kann. Dennoch wollte sich Abraham die Gastfreundschaft offenbar nicht als Gelegenheit entgehen lassen, um Menschen ein wenig näher zu Gott zu bringen.

Anders verhält es sich natürlich, wenn ein religiöser Jude sieht, wie ein anderer Jude – zum Beispiel – den Schabbat nicht hält. Schon in der Tora, in der Bibel steht, dass man den anderen dann zurechtweisen sollte, aber freundlich. Die Details zu diesem Gebot füllen Bände, vielleicht schreibe ich mein nächstes Buch darüber.

Der wesentliche Grundsatz dabei ist, dass wir füreinander verantwortlich sind und daher nicht tatenlos zuschauen sollen, wenn ein anderer einen Fehler macht. Manche sagen auch, dass ich zum Beispiel meinen jüdischen Nachbarn, der jeden Schabbat mit dem Tennisschläger ins Auto steigt, statt mit mir zu Fuß zur Synagoge zu gehen, freundlich darauf hinweisen soll, mit mir in den Tempel zu kommen. Aber nach einigen fruchtlosen Versuchen darf und werde ich es aufgeben.

Es gibt eine altbewährte Technik, wie man einen Juden oder eine Jüdin auf andere Weise dazu bringen kann, den Schabbat einzuhalten. Statt die Person zurechtzuweisen, lädt man sie mit ihrer Familie zum festlichen Schabbatmahl ein. Dort spricht der Hausherr den Segen über den Wein, teilt die wunderbare Challe, das Schabbatbrot, aus, lässt den Besuch vom gefillten Fisch und der Suppe der Hausfrau essen und spricht mit ihm über die Schönheit des Schabbats, ohne den Gast auch nur mit einem Wort zu kritisieren. Dann werden auch Schabbatlieder gesungen.

So ähnlich erziehen wir auch unsere Kinder, und so haben unsere Eltern mich und meine Schwester die Liebe zum Schabbat gelehrt. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder den Schabbat einhalten, dann wird es vollkommen schiefgehen, wenn wir ihnen das nur sagen. Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Es ist keine exklusive jüdische Weisheit, dass Kinder vom Vorbild der Eltern und nicht durch Verbote lernen. Und so ist es vielen religiösen Juden und besonders Rabbinern gelungen, Juden, die schon sehr entfernt von der Observanz des Judentums waren, wieder zur Jüdischkeit zurückzubringen. Oder, wie man ebenfalls sagt, ihr Judentum zu stärken.

Ich wurde als Rabbiner, der regelmäßig Schiurim gibt – also Erwachsene unterrichtet –, oftmals von Juden und Jüdinnen angesprochen, die zu mir sagten: „Wir sind an jüdischem Wissen interessiert, wir waren in keiner jüdischen Schule. Wir würden gerne mehr über den Schabbat und die Koscher-Vorschriften, die Feiertage und die Bibel wissen. Aber wir sagen Ihnen gleich, wir werden diese Gebote nicht einhalten.“

Darf man solche Schüler überhaupt unterrichten? Wie so oft gibt es im Talmud zu dieser Frage zwei Lehrmeinungen. Ein Rabbi hat solche Schüler gar nicht unterrichtet. Ein anderer dagegen, und so halte ich es auch, nahm auch solche Schüler auf. Denn ich bin überzeugt, dass sie, wenn ich mit ihnen die Tora lerne, weisere Juden werden. Und das genügt mir.

Mein Vater verfuhr mit unseren Schabbat-Gästen aus Israel so ähnlich wie Abraham, auch wenn er dabei etwas ganz anderes im Sinn hatte: Nach dem gemeinsamen Essen am Freitagabend, zu dem er sie ja eingeladen hatte, sagte er oft ganz unvermittelt: „Jetzt müssen Sie aber etwas für Ihr Essen bezahlen.“

Ich glaube, unsere Gäste waren darüber noch mehr verdutzt als die Gäste des Abraham in der Tora, denn als Juden wussten sie nur zu gut, dass man am Schabbat kein Geld verdienen darf. Aber jedes Mal löste mein Vater ihre Verwirrung rasch auf: „Lehren Sie uns doch als Bezahlung ein neues hebräisches Lied aus Israel!“, bat er die Gäste. Alle in unserer Familie waren musikalisch, aber wir kannten damals nur die alten hebräischen und jiddischen Lieder. Youtube und Ähnliches gab es noch lange nicht, aber auch aktuelle jüdische Schallplatten erreichten Wien nicht immer oder zumindest nicht so schnell. Besonders meine Schwester und ich waren immer glücklich darüber, neue jüdische oder hebräische Lieder zu lernen, und durch diesen kleinen Trick meines Vaters hatten wir regelmäßig Gelegenheit dazu, denn die Gäste waren erleichtert, dass man von ihnen nicht wirklich Geld verlangte.

Das berühmte Schalom-Alechem-Lied haben wir sowieso an jedem Schabbat a cappella gesungen. In diesem Lied heißt es, dass wir Juden nicht nur Gäste an unserem Schabbat-Tisch empfangen, sondern auch Engel. Mit Schalom Alechem, auf Arabisch Salam aleikum, begrüßen wir diese Engel: „Friede sei mit euch.“

Wenn ich dieses Lied heute singe, erinnere ich mich wehmütig an die schönen Schabbat-Abende bei meinen Eltern. Später, mit meiner Frau Annette, der Rebbezen, und mit unseren Kindern, war es bei Tisch aber genauso schön, und mein jüngster Sohn singt sogar besser jüdische Lieder als ich – was nicht leicht ist, wie ich in meiner typischen Bescheidenheit hinzufügen möchte.

Den vielleicht ungewöhnlichsten Kindheits-Schabbes habe ich allerdings in Venedig erlebt: Wir waren dort mit der ganzen Familie auf Urlaub, und mir und meiner Schwester gefielen vor allem der Campanile, der hohe Turm am Markusplatz, wo der Doge früher wohnte und herrschte, ganz besonders gut. Unser Abreisetag fiel auf einen Samstag, aber natürlich verließen wir Venedig nicht während des Schabbats, sondern warteten auf den Einbruch der Dunkelheit, bevor wir uns im Zug auf den Heimweg machten.

Als wir am Stadtteil Mestre vorbeifuhren, sahen wir in der Finsternis plötzlich ein Feuer, das an der Spitze des Turmes einer Ölraffinerie brannte. „Papa, was ist das?“, fragte ich, und mein Vater antwortete in rabbinischer Genialität: „Der Doge macht Hawdole!“ So nennt man den Segen zu Ende des Schabbats, bei dem eine hohe Kerze angezündet wird.

ES WAREN NICHT NUR israelische Reisende, die damals, vor vielen Jahren, am Schabbat die Wiener Synagoge aufsuchten. Schon als mein Vater Oberrabbiner war, kamen oft auch amerikanische jüdische Touristen nach Wien, gingen nicht nur in die Staatsoper, zum Demel und zum Heurigen, sondern statteten auch dem Stadttempel am Schabbat ihren Besuch ab. Oft kam es vor, dass nach dem Gottesdienst, als wir schon bereit waren, nach Hause zu gehen, ein amerikanischer Jude zu meinem Vater ging und sagte: „Rabbi, I’m Mr. Grunwald (früher Grünwald) from Chicago, you know my Rabbi Friedlander?“

Mein Vater gab manchmal zu, dass er den Betreffenden nicht kannte, weil es in Amerika doch Tausende Rabbiner gibt. Manchmal aber sagte er auch höflich: „I think I met him once.“ Dann ging es oft so weiter: „Can I ask you a few questions?“ Mein Vater war zwar schon hungrig, weil er vor dem Gottesdienst nichts gegessen hatte, wollte aber nicht unhöflich sein und erklärte sich einverstanden. Dann fragte der Amerikaner in der Regel als Erstes: „How is the situation with antisemitism in Vienna?“

Und mein Vater antwortete diplomatisch ungefähr so: „Die SS marschiert nicht mehr in Wien, und die Regierungen sind uns meistens recht freundlich gesinnt. Aber es gibt natürlich auch ein paar Antisemiten – meistens die, die behaupten, keine zu sein.“

Das zumindest war es, was mein Vater eigentlich sagen wollte, aber weil er die Sache auch nicht unnötig in die Länge zu ziehen gedachte, sagte er stattdessen einfach: „Well, soso.“

Die nächsten Fragen waren einfacher zu beantworten:

„How many Jews live in Vienna?“

„About 7.000.“

„How many synagogues do you have?“

„About twelve.“

„Do you have a Jewish school?“

„Yes.“

„How many of the Jewish kids go there?“

„There are about 1.000 Jewish children in Vienna, and about half of them go to the Jewish school, the other half to public schools.“

Mein Vater sprach zwar nur wenig Englisch und machte das auch gerne zu einer Ausrede, um die Gespräche nicht zu lang werden zu lassen. Aber da die Fragen wirklich immer die gleichen waren, konnte er sie bald ebenso auswendig wie die korrekten englischen Antworten.

Irgendwann, nach dem zigsten Amerikaner, rief mich mein Vater, als ich schon ein junger Mann war, einmal zu einem dieser „Verhöre“ und sagte: „This is my son, Chaim. He is my interpreter and he will answer your questions.“ Damit hatte er die Amerikaner dauerhaft auf mich abgeladen, und ich habe fortan die gleichen Fragen mit dem gleichen Know-how beantwortet – und tue es im Prinzip noch heute.

Als ich meinen Vater fragte, warum sich die jüdischen amerikanischen Touristen eigentlich alle so sehr für unsere Gemeinde interessierten, erklärte er mir, wie es bei den Amerikanern daheim abläuft, wenn so ein Mr. Grunwald von seiner Reise in seine Gemeinde zurückkehrt. Dann geht er als Erstes zum Tempelvorstand und bietet dort an, einen tollen Vortrag in der Synagoge zu halten, in dem er über die jüdischen Gemeinden der Städte, die er besucht hat, berichtet. Der Gemeindesaal ist dabei voll – nicht, weil die Gemeindemitglieder den Vortrag von Herrn Grunwald hören wollen, sondern weil er den Zeitpunkt des Vortrages bewusst so gewählt hat, dass er nach dem wöchentlichen Bingospiel stattfindet.

„Und weißt du, was er dann ganz stolz während dieses Vortrages im Festsaal der Synagoge von Chicago verkündet? ‚Ich hatte ein sehr langes Interview mit dem Chief Rabbi von Vienna!‘“

Obwohl ich meinem Vater gerne Arbeit abnahm, gingen mir diese immer gleichen Informationsgespräche am Schabbat irgendwann auch schon ein wenig auf die Nerven. Da hatte mein Vater die nächste geniale Idee. Auf die Rückseite seiner Visitenkarte ließ er den folgenden Text drucken: Antisemitism: soso. Jews in Vienna: 8.000. Synagogues: 12. Jewish school: yes. Kids: 50 percent. Und wenn sich ihm in der Synagoge fortan ein amerikanischer Jude auch nur näherte, zückte er die Visitenkarte, drückte sie ihm in die Hand, wünschte einen guten Schabbes und machte sich mit mir auf den Weg zum Schabbat-Essen …

Ich habe trotzdem immer wieder mit amerikanischen Juden gesprochen, insbesondere mit solchen, die vor 1938 in Wien gelebt hatten. Viele von ihnen hatten Wien eigentlich nicht mehr sehen wollen, sich dann aber nach Jahrzehnten doch zu einem Besuch entschlossen.

Mehr geflohene jüdische Wiener, zumindest für ein paar Tage, nach Wien zurückzuholen gelang insbesondere, als ab den Achtzigerjahren unter Bürgermeister Helmut Zilk ein sehr rühriger Chef des sogenannten Jewish Welcome Service, Leon Zelman, aktiv war. Ein Jude, der aus Wien geflohen war und durch das Welcome Service nun wieder in der Heimat seiner Kindheit stand, sagte später einmal im Stadttempel zu mir: „Wissen Sie, ich habe meine Bar Mizwa in dieser Synagoge gehabt – aber sie war damals noch viel größer.“

 

Als kluger Rabbiner, der ich inzwischen war, antwortete ich dem Mann: „Nein! Sie war nicht größer – aber Sie waren kleiner.“

Er hat unter Tränen gelächelt. Weinen und lachen zugleich gehört nämlich zu dem, was wir Juden gut können.