Rentiersuche

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Aus der Reihe: Rentiersuche #1
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Inhalt

Rentiersuche

Ein außergewöhnlicher Wunsch

Bruchlandung

Mäuschen, sag mal Piep!

Vor Gericht

Obdachlos

Ein Hilferuf

Volle Fahrt voraus

Rentiersuche

Ein außergewöhnlicher Wunsch

Ich nehme an, dass die meisten von Euch wissen, wer ich bin, besonders die Kinder unter Euch. Um Euch einen Tipp zu geben: Ich bin uralt, was man an meinem langen weißen Bart unschwer erkennen kann, und trage einen roten Mantel sowie eine Zipfelmütze. Bekannt bin ich unter vielen Namen: „Père Noël“, „Väterchen Frost“, „Santa Claus“, aber die meisten in dieser Gegend nennen mich „Weihnachtsmann“.

Ich muss zugeben, dass mein Beruf außergewöhnlich und auf der ganzen Welt sogar einmalig ist. Das bedeutet nicht, dass ich mir keine interessantere Tätigkeit vorstellen könnte. Es gab eine Zeit, da habe ich meine Arbeit geliebt, aber inzwischen ist sie immer eintöniger geworden. Sie ist längst nicht mehr das, was sie mal war. Alles, was heutzutage noch auf den Wunschzetteln steht, sind Smartphones, Computer und Spielkonsolen. Niemand wünscht sich mehr Puppenhäuser, Zinnsoldaten oder Teddybären. Früher war es für mich die größte Freude, wenn ich nähen, löten, hämmern, sägen und mit bunten Farben lackieren konnte. Es erfüllte mich mit Stolz, wenn ich das Strahlen in den Augen der Kinder sah, die mein selbsterschaffenes Spielzeug freudig auspackten.

Doch bei diesem neumodischen elektronischen Krimskrams hört mein Geschick leider auf. Das kann ich nicht selbst machen. Diese Dinge muss ich wie jeder Normalsterbliche im Internet ersteigern. Bestellungen aufgeben, Rechnungen bezahlen, Lieferungen entgegennehmen und alles sauber dokumentieren – das ist mein Alltag.

Außerdem bin ich mir recht sicher, dass die Kinderaugen nicht mehr so strahlen wie früher. Das liegt bestimmt an diesen schädlichen Bildschirmen.

In den guten alten Zeiten haben mir die Kinder noch Milch und Plätzchen vor die Türen gestellt, aber seit sie den Glauben an mich verloren haben, habe ich ziemlich abgenommen. Die Älteren unter Euch, die sich noch aus früheren Zeiten an mich erinnern, würden mich wohl kaum wiedererkennen.

So viel zum Klagelied des Mannes, der alle Kinder glücklich machen wollte. Immerhin gibt es hin und wieder Ausnahmen, die mein bescheidenes Weihnachtsmann-Dasein zu etwas Besonderem machen. Von einer möchte ich hier berichten.

Letztes Jahr landete ein außergewöhnlicher Wunsch in meiner Hauptzentrale. Meine Sekretärin Mary platzte aufgeregt in mein Büro hinein und wedelte mit einem Stück Papier.

„Wir wissen nicht, was wir machen sollen!“, keuchte sie. „Das gibt’s nicht! Das kann man weder kaufen noch in Geschenkpapier verpacken oder abschicken.“

Sie reichte mir den Zettel, auf dem Folgendes geschrieben stand:

Lieber Weihnachtsmann,

ich denke, ich bin einer der wenigen Menschen, die noch wirklich an Dich glauben. Schon seit November rennen alle meine Freunde mit den verrücktesten Wünschen zu ihren Eltern. Ich habe mich allerdings dazu entschieden, Dir direkt zu schreiben, um Dir meine Geschichte zu erzählen. So können Mama und Papa den Brief nicht abfangen. Ich habe nämlich das Gefühl, dass sie meinen Wunsch gar nicht so toll finden. Er passt zwar nicht unter den Weihnachtsbaum, dafür ist er aber mein einziger Wunsch und ich kann ihn gut begründen:

Ich gehe in die dritte Klasse. Letzte Woche habe ich den Bus verpasst und musste zur Schule laufen. Ich habe ziemlichen Ärger bekommen, weil ich zu spät kam. Am nächsten Tag ist es mir tatsächlich noch mal passiert. Am dritten Tag habe ich eine Armbanduhr mitgenommen und bin extra früh zur Bushaltestelle gegangen. Aber der Bus kam nicht. Dass ich schon wieder zu spät kam, kannst Du Dir ja denken. Also rief meine Lehrerin bei meinem Papa an und erzählte ihm davon. Papa schaute im Internet nach, ob der Bus wirk-lich nicht gekommen war. Er fand heraus, dass sich die Busroute geändert hatte und er nun nicht mehr bei uns vorbeifuhr.

Seitdem muss ich eine halbe Stunde früher aufstehen und jeden Tag zu Fuß gehen. Aber mein Schulranzen ist viel zu schwer und ich bin noch unausgeschlafener als sonst.

Außerdem wünsche ich mir seit Langem ein Haustier. Aber meine Eltern erlauben es nicht. Sie sagen, es wäre eine unnötige Zeitverschwendung. Doch jetzt habe ich eine Lö-sung für beide Probleme.

Ich wünsche mir ein Rentier! Es könnte mich jeden Morgen zur Schule fliegen und meine Eltern können nichts dagegen sagen. Schließlich stehen sie auch nicht gern früher auf, nur um mich in die Schule zu schicken. Wenn Du also eines übrig hast, wäre ich Dir wirklich dankbar.

Viele Grüße an all die Wichtel, die in Deiner Werkstatt arbeiten!

Phillip

„Was soll ich damit anfangen?“, fragte ich Mary. „Das gehört in die Wunschzettelabteilung. Dafür muss doch irgendjemand zuständig sein.“

Sie schüttelte den Kopf. „Was fragst du mich das? Du bist doch der Boss und die Wunschzettelabteilung ist damit überfordert.“

„Also gut, ich kümmere mich darum“, murmelte ich in meinen Bart. Zwar hatte ich keine Idee, wie sich der Wunsch erfüllen ließe, aber ich wollte sie aus meinem Büro vertreiben. Ich brauchte Ruhe zum Nachdenken.

Früher hätte ich dem Jungen problemlos ein Rentier besorgen können, aber wie ich bereits erwähnte, haben sich die Zeiten geändert. Als ich vor acht Jahren mit meinem Schlitten in einem Baum hängen geblieben bin, ist er dabei ziemlich demoliert worden. Also rief ich einen Mechaniker, der den Schlitten wieder herrichten sollte. Natürlich entschied ich mich für denjenigen, der sich mit der neuesten Technologie bestens auskannte. Er wollte alles auf den aktuellsten Stand bringen. Er versprach mir sogar, dass der Schlitten noch schneller fliegen würde als zuvor. Damit hat er zwar recht behalten, aber nun ist es kein Schlitten mehr, der einem Weihnachtsmann würdig ist. Der Mechaniker hat einen Raketenschlitten daraus gemacht und dabei keinen Gedanken an die Umwelt oder den Klimawandel ver-schwendet. Die Rentiere sind längst überflüssig. Das haben mir die sanftmütigen Tiere natürlich übel genommen. Mir blieb keine andere Wahl, als sie alle gehen zu lassen. Seitdem laufen sie irgendwo beleidigt in der Wildnis umher und machen einen großen Bogen um mich und meine Angestellten.

Ich starrte auf Phillips Brief und fragte mich, ob er wohl mit einem Rentier aus Stoff zufrieden wäre. Es könnte ihn definitiv nicht zur Schule fliegen. Genau genommen könnte es überhaupt nichts, außer im Regal sitzen und grinsen. Doch was blieb mir anderes übrig?

Ich erinnerte mich daran, was einer meiner Elfen einst zu mir gesagt hatte: „Wünsche gehen nicht immer so in Erfüllung, wie wir es uns vorstellen.“

Auch wenn ein Stoffknäuel alles andere war als das, was sich der Junge wünschte, wäre es doch ein Rentier. Ich stand auf und holte meinen Werkzeugkoffer. Er war bereits ganz verstaubt, weil er seit Jahren nutzlos in der Ecke gestanden hatte. Wenn ich Phillip schon ein Stofftier schenken musste, sollte es wenigstens keine Massenware aus der Fabrik sein. Ich würde es persönlich anfertigen – mit Liebe und Hingabe.


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