Vom Kreuz zum Leben

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Inhalt

Zum Geleit

Teil 1: Passionszeit

Das Warten der Samenkörner – Andacht zum Beginn der Passionszeit

I. Gottesdienste in der Passionszeit

1. Invokavit: Masken – Einstimmung in die Passionszeit

2. Reminiszere: Mamas Bibel

3. Okuli: Hauptsache gesund?!

4. Lätare: Freuet euch – mitten in der Passionszeit!

5. Judika: Wüstenwege

6. Palmsonntag: Hörst du, wie sie rufen?

II. Passionsandachten und Gottesdienste in der Karwoche

1. Montag: „Wut“

2. Dienstag: „Verrat“

3. Mittwoch: „Angst“

4. Gründonnerstag: Der Abend ist herbeigekommen

5. Karfreitag: Lichtfunken

6. Karsamstag: Er wälzte einen großen Stein vor des Grabes Tür

Teil 2: Ostern

1. Osternacht: Warten auf das Licht

2. Ostermorgen: Frühmorgens, da die Sonn aufgeht

3. Ostersonntag

4. Ostermontag: Auf dem Weg nach Emmaus

5. Quasimodogeniti: Leben aus der Kraft von Ostern

Zum Geleit

Dieses Buch bietet Ihnen abwechslungsreiche Entwürfe für Gottesdienste in der Passions- und Osterzeit. Es spannt einen Bogen vom Beginn der Fastenzeit bis zum ersten Sonntag nach dem Osterfest. Dazu gehören Gottesdienste zu jedem Sonn- und Feiertag, ebenso aber auch Passionsandachten sowie Impulse für Gottesdienste zu besonderen Zeiten, wie die Osternacht, Karsamstag und eine Feier auf dem Friedhof am Ostermorgen.

Mein Anliegen ist, Gottesdienste mit einer lebensnahen und doch reflektierten Theologie in einer zugänglichen Sprache zu feiern. Die Predigten bedienen sich verschiedenster Formen, zugleich wird Raum für kreative Elemente eröffnet. Anregungen für Gottesdienste mit Kindern und mit Jugendlichen sind Teil meines Buches. Ich bin mir sicher, dass die Entwürfe für Kolleginnen und Kollegen sowie Diakoninnen und Diakone, Prädikantinnen und Prädikanten ein nützlicher Begleiter durch diese intensive Zeit des Kirchenjahres sein werden.

Alle Gottesdienste wurden in der Luthergemeinde in Hemsbach entwickelt und gefeiert. Den Menschen in meiner Gemeinde gilt mein besonderer Dank.

Pfarrerin Monika Lehmann-Etzelmüller

Teil 1: Passionszeit
Das Warten der Samenkörner – Andacht zum Beginn der Passionszeit

 Begrüßung

 Eingangslied: Wir danken dir, Herr Jesu Christ (EG 79) oder Kleines Senfkorn Hoffnung (Text: Alois Albrecht, Musik: Ludger Edelkötter)

 Impuls

Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, dann wandert mein Blick oft durch das Fenster nach draußen. Mein Blick sucht den Garten nach den ersten Zeichen des Frühlings ab. Noch ist alles karg und winterlich; die Bäume schlafen noch und träumen vom Frühling.

Jedes Jahr neu erlebe ich diese Wochen als eine besondere Zeit. Die Wärme der Advents- und Weihnachtszeit ist verblasst, die Aufbruchsstimmung des Jahresanfangs ist verweht, und der Winter wird mir lang. Ich habe Sehnsucht nach Farben, nach Sonne und Wärme, nach dem Erwachen der Bäume und den Liedern der Vögel. Gerade an den Tagen, an denen die graue Wolkendecke sich gar nicht öffnen will, geht es mir so. Für viele Menschen wird es in diesen Wochen auch in der Seele dunkler, alles geht nicht mehr so leicht von der Hand. Das Aufstehen fällt schwer, der Schlaf bringt nicht die rechte Erholung. Die Freude stiehlt sich davon.

Wenn ich so in den Garten schaue, fällt mir wieder ein, wie wir im November die Blumenzwiebeln in der Erde vergraben haben. Was für eine hoffnungsvolle Arbeit ist das doch! Lange Zeit sieht man nichts, die Wochen vergehen, Kälte und Frost ziehen über das Land, und die Blumenzwiebeln liegen in der Erde und warten ihre Zeit ab. Eines Tages bricht die Erde auf und Halme streben der noch müden Sonne entgegen.

Genauso wie die Blumen noch in der Erde schlafen, gibt es auch in meiner Seele vieles, was jetzt nicht sichtbar, aber doch da ist. Es ist noch viel mehr da als die jetzige Müdigkeit, als das nur gedämpfte Licht. Ich bestehe nicht nur aus der Dunkelheit, die mich gerade quält, oder dem Stillstand, der mich lähmt. Da sind auch Zukunft, Kraft, Aussicht auf Licht, Freude, ganz viel Lebensfreude. Wie Blumensamen schläft sie in der Tiefe, und sie wartet darauf, wieder zu neuem Leben zu erwachen. Mit diesem Bild wird endlich die Hoffnung wieder spürbar. Was mich auch belastet und hemmt, es muss nicht für immer sein. Das lässt aufatmen: Ja, so soll es sein. Was mich auch niederdrückt, ich kann es überwinden. Ich habe noch ein anderes Leben in mir, das mich ins Licht ruft. Schon beginnt es zu erwachen und der Sonne entgegenzuwachsen.

Vor wenigen Tagen hat die Passionszeit begonnen. Auch sie ist eine karge Zeit. Viele Menschen verzichten in dieser Zeit auf etwas, das ihnen sonst lieb ist: Süßigkeiten, Kaffee, das Glas Wein am Abend, Stunden vor dem Fernseher. Andere nehmen sich etwas vor, das ihnen gut tut: jeden Tag einen Spaziergang, mehr Zeit zum Schlafen oder Freunde treffen. Der Verzicht und die Konzentration helfen, sich wieder des Wesentlichen bewusst zu werden: Wo ist die Mitte meines Lebens? Was hält mich? In den Gottesdiensten denken wir über das Leiden und Sterben Jesu nach und tragen in sein Leid das Leid auch unseres Lebens ein. Gerade das Aushalten dieser besonderen Zeit lässt neue Kräfte wachsen. Alles drängt ins Licht.

Ich brauche die Zeiten der Kargheit in meinem Leben. Sie zeigen mir, was ich wirklich zum Leben brauche, und sie lehren mich, sorgsam mit mir selbst umzugehen. Wenn ich durch diese Zeit gehe, dann weiß ich: Kargheit, Dunkel und Lähmung werden vergehen. Denn ich gehe Ostern entgegen: neues Leben inmitten des Dunkels, neue Kraft gegen alle Resignation.

Garten im Spätwinter

Ich berühre die Erde.

Karg ist sie.

Dort warten die Samenkörner,

sie werden wachsen, Gott, aus deiner Kraft.

Lass auch mich wachsen.

Ich berühre die Rinde,

die Rinde der Bäume im Garten,

darunter pocht ihr Leben.

Bäume sollen am Weg sein,

ihr Schatten und ihr Schutz.

Ich höre die Vögel,

ihr Singen am Morgen,

bevor die Sonne kommt.

Lass auch mich ein Lied machen,

aus meiner Sehnsucht ein Lied.

Ich spüre die Sonne,

ihre Wärme, ihr Licht.

Lass mich dein Licht sehen,

das nicht vergeht,

auch auf dunklem Weg

leuchtet es.

Gib mir Sonne, Gott, und gib mir Bäume,

gib mir Wasser, gib mir Brot,

gib mir Wachsen, gib mir Reifen,

lass mich wohnen, du mein Gott,

nah bei dir

im Haus deiner Freundlichkeit.

 Schlusslied: Ich sing dir mein Lied (deutscher Text: Fritz Baltruweit und Barbara Hustedt, Melodie: aus Brasilien)

 Segen

Gott segne dich.

Er lasse in dir wachsen

Kraft zum Leben,

Mut, neu aufzubrechen,

Freude, Gott ein Lied zu singen.

So segne dich Gott.

I. Gottesdienste in der Passionszeit
1. Invokavit: Masken – Einstimmung in die Passionszeit

Besonderes: Dekorieren Sie die Kirche mit Masken und Kostümen, zum Beispiel auf Schaufensterpuppen. Basteln Sie im Konfirmandenunterricht oder im Jugendtreff Masken, zum Beispiel aus Pappmaché und ermutigen Sie die Jugendlichen, ihre Masken mitzubringen und vorzustellen.

Zum Ein- oder Ausgang können Karten mit dem Gedicht „Wer bin ich?“ von Dietrich Bonhoeffer verteilt werden. Diese sind günstig beim Gottesdienstinstitut der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu erhalten.

 Musik zum Eingang

 Eingangslied: Liebster Jesu, wir sind hier (EG 161) oder Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken (EG 88,1-2.5-6)

 

 Votum – Liturgischer Gruß

 Gebet in zwei Gruppen mit gemeinsam gesungenem Ruf: Meine Hoffnung und meine Freude (aus Taizé, Musik: Jacques Berthier; Ö 641) 1

Am Morgen des Tages kommen wir zu dir, guter Gott,

und alles, was wir auf dem Herzen haben, bringen wir zu dir:

Die Freude dieser Woche,

manche Sonnenstrahlen,

gute Gespräche und Begegnungen,

Lieben und Geliebtwerden,

Freude über gelungene Arbeit.

Die Blumen, die für uns blühen,

das Rascheln der Blätter,

die Stille des Morgens und die Ruhe der Nacht.

Alle: Meine Hoffnung und meine Freude …

Zu dir bringen wir unseren Kummer und unsere Sorge,

alles, was nicht gelungen ist,

Zurückweisung und Kränkung,

Ängste und den schweren Weg.

Dass wir uns voreinander verbergen,

einander nicht wirklich sehen,

wegsehen von der Not anderer,

die Angst, nicht zu genügen,

die Leere und die Zweifel an uns und an anderen.

Dich bitten wir, Gott:

Lass ein Lied der Freude in unserem Herzen sein.

Und lass uns das Gute sehen, das du uns schenkst.

Vertreibe die Schatten

und nimm die Last von unseren Schultern.

Lass heilen, was uns schmerzt, und

führe uns auf gutem und freundlichem Weg.

Alle: Meine Hoffnung und meine Freude …

 Eingangsgebet

Gott, still will ich werden,

still wie ein Kind im Arm der Mutter,

das ihren Herzschlag mit in den Schlaf nimmt,

in die Träume ihr Lied.

Still will ich werden,

so still wie die Erde,

die wartet, dass das Eis bricht

und der Winter vorbeizieht

und dabei träumt von Farben und von Leben.

Still will ich werden,

so still, dass ich das Flüstern in meinem Herzen höre,

das Überhörte,

das nie Gesagte,

das ganz Leise.

Still will ich werden,

um dich zu hören,

deine Stimme unter den vielen,

die zärtlich ist und vertraut,

sanft wie der Windhauch am Morgen.

In der Stille, Gott,

lass mich deine Stimme hören.

 Kyrieruf – Gnadenzuspruch

 Bittlied: Ehre sei dir, Christe (EG 75,1) oder Gott ist gegenwärtig (EG 165,1)

 Tagesgebet

Vor dir, Gott,

nehme ich die Maske ab,

hinter der ich mich ängstlich verberge,

im Licht deiner Liebe,

in deinem liebevollen Blick

wage ich die zu sein, die ich bin,

mit allen Ängsten,

mit allen Sehnsüchten,

mit allen Zweifeln,

nur ich und du.

Du schaust mich liebevoll an,

liebst auch das, was dunkel ist in mir.

Das macht mich frei.

 Lesung: Matthäus 4,1-11

 Glaubensbekenntnis

 Hauptlied: Wenn das Brot, das wir teilen (HN 632) 2

 Predigt

In den letzten Tagen sind sie mir häufig begegnet: Piraten und Prinzessinnen, Clowns und Gespenster, Zauberer und Dschungelbewohner. Es ist eine schöne Gelegenheit, in der Fastnachtszeit eine Maske aufzusetzen und einmal ein ganz anderer zu sein. Masken gehören nicht nur zu diesen wenigen Tagen, bevor der Aschermittwoch kommt und dem Spaß ein Ende macht. Masken sind auch sonst Teil unseres Lebens. Masken gehören zu unserer Art, uns der Welt zu präsentieren, sind Tarnung oder Schutz.

In der Zeitung ist immer öfter zu lesen, dass die Anzahl der Krankheitstage unter Arbeitnehmern stetig sinkt. Das heißt wohl nicht, dass die Menschen weniger krank sind, sondern dass sie zur Arbeit gehen, obwohl sie krank sind. Die Angst, sonst den Job oder an Ansehen zu verlieren, ist groß. Bei der Arbeit wollen viele nach außen zeigen, dass sie fit, dass sie leistungsbereit und flexibel sind, manchmal bis zur Selbstaufgabe. Die Schwächen, die Verunsicherungen und die Müdigkeit werden dann versteckt unter einer Maske ständigen Funktionierens. Ich kenne nicht wenige Menschen, die irgendwann unter der Last ihrer Rolle zusammengebrochen sind.

Nicht nur im Beruf, auch im täglichen Umgang miteinander tragen wir Masken. Es müssen ja nicht alle wissen, wie es mir gerade geht. Wir fürchten das Gerede der Leute, und wir wissen, wie rasch und unbarmherzig ihr Urteil sein kann. Dann reißen wir uns eben zusammen. „Der Mund kann lachen, wenn das Herz auch traurig ist“, heißt es im Buch der Sprüche. 3 Lächeln, obwohl ganz viel Traurigkeit im Herzen ist. Aufgaben anpacken, obwohl die Müdigkeit so groß ist. Freundlichen Smalltalk machen, obwohl es ganz anderes zu sagen gäbe. Der Mund kann lachen, wenn das Herz auch traurig ist. Eine Maske hilft zu überleben, wenn meine Umgebung mir kalt und unbarmherzig erscheint. Aber ich werde arm und einsam, wenn ich niemanden mehr habe, bei dem ich die Masken fallen lassen kann und vor dem ich schwach, elend und schutzlos sein darf.

Wir stehen am Anfang der Passionszeit. In den nächsten Wochen werden wir Jesus begleiten auf seinem Weg. Der Weg führt hinauf nach Jerusalem. Er führt zum Kreuz. Auf diesem Weg wird Jesus vielen Menschen begegnen. Jesus hatte die besondere Gabe, Menschen hinter ihren Masken zu erkennen. Ihnen hat er Mut gemacht, die Maske abzunehmen und ihr unverstelltes Angesicht zu zeigen – und gerade darin zu erkennen, dass Gott sie liebt und annimmt, wie sie sind. Hinter dem scheinbar geldversessenen Zöllner holte er den Menschen hervor, der Sehnsucht hat nach einem neuen Anfang. In der verachteten Frau, die ihm die Füße salbt, pries er einen Menschen, der rückhaltlos zu lieben vermag. Dem manchmal großmäuligen Petrus zeigte er einen anderen Petrus, der Angst haben und versagen darf – und dennoch einer ist, auf den Gott zählt. Selbst in dem, der ihn verraten und verkaufen wird, vermochte er den Gescheiterten zu erkennen und ihn Bruder zu nennen. Hinter den Masken sieht Jesus Menschen, die sich danach sehnen, angenommen und geliebt und etwas wert zu sein. Wie wertvoll sie sind, zeigt er ihnen darin, dass er sein eigenes Leben in die Waagschale wirft.

An diesem Jesus, der sein Leben in die Waagschale wirft, sind diese Menschen heil geworden. In ihnen finde ich die Sehnsucht, angenommen zu sein, auch wenn ich arm, hilflos, ohne eigene Verdienste, schuldig, krank an Leib und Seele bin. Die Sehnsucht, alle Masken der Perfektion fallen lassen zu dürfen und doch angesehen zu werden mit Augen voller Liebe und nicht voller Urteil. Gäbe es unsere Kirche überhaupt ohne diese Sehnsucht? Die Güte, die Qualität einer Gemeinde wird sich auch daran messen lassen müssen, wie die Menschen in ihr miteinander umgehen. Müssen wir Masken tragen voreinander? Dürfen wir sie nie ablegen? Darf man sich unter uns auch ein Stück preisgeben mit seiner Schwäche, mit seinen Fehlern und Unzulänglichkeiten, ohne die Achtung, die liebevolle Anteilnahme der anderen zu verlieren? Kann ich mich preisgeben und doch gewiss sein: Ich werde aufgefangen? Wie viel hängt davon ab! Und wäre das nicht ein wunderbares Projekt für die Passionszeit, mir vorzunehmen, mich den Menschen um mich her unverstellter und wahrhaftiger zuzumuten. Was würde wohl geschehen, wenn ich die Maske abnehme?

Wer bin ich? Wer bin ich, wenn alle Masken fallen? Dietrich Bonhoeffer hat dazu im Gefängnis ein Gebet geschrieben. Dort heißt es:

… „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würge mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? …

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, oh Gott.“ 4

Wer bin ich?

Wer bin ich? Bin ich der eine, der mutig und tapfer mit der Last seines Lebens, der Krankheit, der Einsamkeit umgeht, oder bin ich der andere, der bei einem anderen weinen können will wie ein Kind bei der Mutter?

Bin ich die eine, die immer so selbstsicher und tough auftritt, immer vorweg, den anderen immer eine Nasenlänge voraus, oder bin ich die andere, die mit der tiefen Verunsicherung in sich lebt und mit ihr kämpft?

Bin ich der eine, auf den sich alle immer verlassen können, oder bin ich der andere, der tief im Herzen danach fragt: Wo bleibe ich?

Bin ich die eine, der nie etwas zu viel wird, oder bin ich die andere, die in sich so viel Ausgebranntsein findet?

Bin ich der eine, der mit dem Leben allein so gut klarkommt, oder bin ich der andere, der kaum weiß, wohin mit seiner Zeit, mit seiner Sehnsucht, mit seiner Liebe?

Wer bin ich? Dietrich Bonhoeffer hat eine Antwort auf seine Frage gefunden: „Dein bin ich, oh Gott.“ Für mich spricht viel Ermutigung, viel Trost und auch viel Liebe aus diesen Worten. Ich gehöre nicht anderen Menschen, nicht ihren Meinungen, nicht ihrem Bild, nicht ihren Verurteilungen. Ich gehöre Gott. Ich gehöre nicht nur der Arbeit, die ich tue, nicht den Aufgaben, die mich bedrängen. Ich gehöre aber auch nicht der Traurigkeit, der Einsamkeit, dem Versagen, der Schwäche, die ich in mir finde. „Dein bin ich, oh Gott.“ Wie viel Befreiendes spricht aus diesem kurzen Bekenntnis. Mit ihm legen wir Gott alles in die Hand, was wir sind. Gelassener können wir dann umgehen mit den Erwartungen anderer. Unser Wert hängt nicht von ihrem Urteil ab. Mutiger können wir werden, den Menschen unserer Umgebung etwas zuzutrauen, wenn wir die Masken abnehmen. Ehrlicher können wir werden mit dem, was wir selbst brauchen, um leben zu können, mit den Grenzen, mit den Schwächen, mit den Ängsten. „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, oh Gott.“

 Predigtlied: Vertraut den neuen Wegen (EG 395)

 Fürbitten

Jesus,

unter den Masken hast du die Menschen erkannt,

dein liebevoller Blick hat ihnen Mut gemacht,

die Masken abzunehmen und in das heilende Licht deiner Liebe zu kommen.

Darum bitten wir dich für alle, die sich hinter Masken verbergen,

für Jugendliche, die ganz cool sind und sich nach Anerkennung sehnen,

für Menschen, die alles haben und denen dennoch die Sehnsucht am Herzen nagt,

für die, die ihre Überforderung verstecken

oder sich im Hamsterrad ständiger Erwartungen müde laufen.

Wir bitten dich für die, die sich nicht mehr trauen zu zeigen, was sie brauchen.

Dass sie wieder lernen, Ich zu sagen.

Wir bitten dich für die müde Gewordenen,

für alle, die der Druck, funktionieren zu müssen,

krank zu machen droht oder schon krank gemacht hat.

Jesus, vor uns liegt die Passionszeit,

Zeit in der wir dir nahe sein wollen.

Wir wollen diesen Weg mit dir gehen

und an deiner Seite bleiben.

Gemeinsam wollen wir unterwegs sein,

als Menschen, die einander Weggefährten sind

und ihre Hoffnung teilen wie Brot.

Du, der du hinter den Masken Menschen erkannt hast,

lass uns Mut fassen, unsere Masken abzunehmen,

dass wir uns einander zumuten, auch mit dem Dunkel, das in uns ist,

mit unseren Verletzungen, unserer Angst, unserer Schuld und unserem Ärger.

 

Nicht verurteilend wollen wir aufeinander blicken, sondern uns liebevoll anschauen.

Versammelt unter dem liebevollen und väterlichen Angesicht deines Vaters beten wir als Gottes Kinder:

 Vaterunser

 Schlusslied: Ach bleib mit deiner Gnade bei uns (EG 347)

 Segen

Gott segne dich mit Menschen,

bei denen du alle Masken abnehmen kannst,

er segne dich mit einem weiten und liebevollen Herzen,

das andere nicht verurteilt, sondern sie annimmt, wie sie sind.

Gott schenke dir Mut,

die Maske abzunehmen und dein Gesicht zu zeigen.

 Musik zum Ausgang

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