Freut euch, der Herr ist nahe!

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Inhalt

1  Zum Geleit

2  Teil 1: Advent I. Andachten 1. Der widerspenstige Gott – Andacht im Chor der Kirchengemeinde 2. Christus geht auch durch die Gefängnisse 3. Der Gorilla an der Krippe – Andacht im späten Advent II. Gottesdienste 1. Mache dich auf und werde Licht (Jes. 60, 1) – Gottesdienst zum 1. Advent 2. Ach, dass du den Himmel zerrissest (Jes. 63, 19b) – Gottesdienst zum 2. Advent 3. In Erwartung – Gottesdienst zum 3. Advent 4. Freut euch, der Herr ist nahe! – Gottesdienst zum 4. Advent

3  Teil 2: Weihnachten 1. Die Weihnachtsmaus – Familiengottesdienst an Heiligabend 2. Gottes Himmel ist bunt – Christvesper mit Krippenspiel 3. In der Mitte der Nacht – Christmette 4. Heilige Nacht – Gottesdienst am 1. Weihnachtstag 5. Licht – Gottesdienst in leichter Sprache am 2. Weihnachtstag 6. Ein Faden von Gold – Gottesdienst am 1. Sonntag nach Weihnachten

4  Teil 3: Jahreswechsel und Epiphanias 1. Auf der Schwelle – Gottesdienst zum Jahresende 2. Engel für Alltage – Gottesdienst am Neujahrstag 3. Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen (Psalm 91, 11) – Gottesdienst am 2. Sonntag nach Weihnachten 4. Das Licht scheint in die Finsternis – Gottesdienst am Epiphaniastag

5  Quellennachweise

Zum Geleit

Die Advents- und Weihnachtszeit erlebe ich jedes Jahr neu als eine ganz eigene Zeit, wie ein Hineingehen in einen besonderen Raum. Besondere Düfte, Lieder und Erinnerungen, der Geschmack von Zimt und Lebkuchen gehören dazu. Türen gehen auf und das Lachen von Engeln klingt im Wind.

Das vorliegende Buch legt eine Spur durch diese besondere Zeit. Es bietet Gottesdienstentwürfe für die Advents- und Weihnachtszeit, die der Vorfreude, aber auch der Schwere Raum geben. Auf vielfältigen Wegen wird die Botschaft weiter getragen, dass Gott kommt und Menschen nah sein will. Da wird von Menschen erzählt, denen Weihnachten sich erst erschließen muss; eine Weihnachtsmaus rettet das Weihnachtsfest, im Krippenspiel entdecken Engel, dass der Himmel bunt ist, Wollfäden spinnen die Bedeutung von Weihnachten in den Alltag weiter und ein Engelsorchester hilft auf dem Weg ins neue Jahr. Ein Gottesdienst in leichter Sprache zeigt beispielhaft, dass die Gewissheiten, die durch das Leben tragen, mit federleichten Schritten daher kommen können. Die Sprache der Gebete ist lebensnah und dennoch schön.

Die Gottesdienste in diesem Buch wurden in den Kirchengemeinden in Hemsbach und Laudenbach an der badischen Bergstraße gefeiert und erprobt und sind den Menschen dort gewidmet.

Pfarrerin Monika Lehmann-Etzelmüller

Teil 1: Advent

I. Andachten
1. Der widerspenstige Gott – Andacht im Chor der Kirchengemeinde

• Lied: Macht hoch die Tür (EG 1, 1-4)

• Ansprache

Wissen Sie eigentlich, was unser Adventsgesang und goldener Nagellack gemeinsam haben?

Das war so: Vor einigen Tagen traf ich sie vor den Toren der Schule. Ich hatte eben meine winterlich vermummte Tochter verabschiedet, da kam sie: eine Frau, offenbar eine Muslima, ein Kopftuch, ein weites schwarzes Gewand, so brauste sie im Auto heran. Direkt vor mir stieß sie die Autotür auf und das erste, was ich sah, waren ihre Füße, die aus dem Auto krabbelten. Sie trug Flip Flops an den nackten Füssen, die Zehen waren goldfarben lackiert. Das sah hinreißend aus, bildete aber auch einen seltsamen Kontrast zu dem in Eisschockstarre erfrorenem Boden. Ich sah an mir herunter: Meine Füße steckten in dicken Winterstiefeln, oben schauten die extrawarmen Wollsocken heraus. Sie sah meinen verdutzten Blick, sah erst an mir, dann an sich herunter und lachte. Es ist schon wieder so kalt, da muss man einfach widerspenstig bleiben, sagte sie. Wir lachten uns an, dann lud sie ihre Tochter ab, stieg wieder ins Auto und brauste davon. In Gedanken malte ich mir aus, wie sie jetzt nach Hause kommt und widerspenstig dem kalten Winter trotzt, vielleicht mit ihren fröhlich goldfarben lackierten Füssen durch eine wohlig geheizte Wohnung tanzt, in der viele Blumen blühen, und dass sich ihr verbeulter Fiat draußen in der Garage in ein Kamel verwandelt, das vom Wüstensand träumt.

Im Winter auf die Kälte zu pfeifen, den kleinen Tiegel mit dem goldfarbenen Lack aus dem Spiegelschrank nehmen und einfach mal die Flip Flops anziehen, das ist widerspenstig. Ist der Advent nicht überhaupt eine Zeit, die zum Widerspenstig sein reizt? Blumen blühen im Schnee. Statt die vollen Einkaufszentren noch weiter zu verstopfen, kann ich eine Adventsgeschichte lesen, einen Stern basteln oder Zimtsterne backen oder: in den Chor gehen und singen! Ich kann mich der Hektik verschließen, die alle verbreiten und einfach nichts tun. Widerspenstig sein, das tut mal richtig gut.

Im Advent ist Gott widerspenstig. Alle Erwartungen bürstet er gegen den Strich. Er kommt zu uns, aber nicht als ferne Majestät, die in Palästen wohnt, sondern als ein Kind, das im Leib der Mutter dem Leben entgegen getragen wird. Er schickt keine Herolde aus, die die Nachricht vom Umsturz bringen, er schickt einen Stern, der über den Himmel wandert. Er schickt Engel, deren Stimmen im Wind wispern und die nur die hören, die draußen allein im Dunkeln sind, wo es ganz still ist. Advent ist die Widerstandszeit Gottes.

Und was haben nun der Tiegel mit Goldlack und das Singen von Adventsliedern und Musizieren im Advent gemeinsam? Das ist doch klar: Die Adventsmusik ist der goldene Nagellack der Kirchenmusik. Wer singt, ist widerspenstig. Das gemeinsame Singen ist der Feind jeder Vereinzelung. Singen ist sich Stemmen gegen die Sprachlosigkeit, gegen die Kälte und gegen eine Vorbereitung auf Weihnachten, die sich nur noch im Äußerlichen verliert. Wir singen Gott herbei, weil wir ihn so nötig brauchen, für uns und für diese Welt, in der es oft so kalt ist. Wer Adventslieder singt, der will nicht, dass die Welt so bleibt wie sie ist, diese Erde, auf der noch immer einzelne Menschen und ganze Völker durch Finsternis gehen. Wir loben Gott, aber die Töne bleiben oft verhalten und leise, es ist nicht immer Jubel, das Lob im Advent ist ein Trotzdem-Loben. Es ist nicht alles gut, aber trotzdem lobe ich dich, Gott, mit meinem Lied. Singen ist widerspenstig sein. Weil die Lieder manchmal etwas herbei singen, was noch gar nicht da ist, aber im festen Vertrauen, dass es kommt. Ja, der widerspenstige Gott kommt.

• Lied: Macht hoch die Tür (EG 1, 5)

• Gebet

Ja, die Tür will ich öffnen für dich,

die Tür meines Herzens, die oft so verschlossen ist.

Die Tür meiner Wohnung für andere.

Die Tore sollen weit aufschwingen,

Jesus,

für dich.

• Segen

• Musik zum Ausgang

2. Christus geht auch durch die Gefängnisse

• Lied: Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16)

• Ansprache

Christus geht auch durch die Gefängnisse. Dietrich Bonhoeffer hat das aus dem Gefängnis an seine Verlobte geschrieben1. Sie machte sich Sorgen, wie er diese Tage überstehen würde. Unerträglich muss man sich diese Zeit im Nazigefängnis doch ohnehin schon vorstellen für den Pfarrer, der sich in seiner Tätigkeit für den Widerstand gegen die Diktatur verdächtig gemacht hatte und nun gefangen gehalten wurde. Und nun auch noch Weihnachten, ein Weihnachtsfest, von dem die Verlobten gehofft hatten, es vielleicht doch noch gemeinsam feiern zu können, in Freiheit.

Das wird wohl ein stilles und sehr ernstes Weihnachten werden, aber Christus geht auch durch die Gefängnisse, antwortet Dietrich Bonhoeffer seiner Verlobten. Er ist nicht nur da, wo Menschen unbesorgt und fröhlich Weihnachten feiern können, gewärmt von der Liebe ihrer Familie, geborgen und heiter im Licht besonderer Tage. Da ist er auch, ganz bestimmt, Gott ist da in der Tiefe unseres Glückes, und wer solches Glück erlebt, soll dem Stern seiner Freude folgen und zur Krippe gehen. Aber Christus geht auch durch die Gefängnisse. Er geht auch an die Orte, wo es ganz dunkel ist, wo das Licht nicht hinreicht. Die Krippe stand nicht in einem Königspalast, wo Reichtum und Macht glänzten oder auf dem Marktplatz, wo die Menschen miteinander fröhlich waren. Das Kind wird in einem Stall geboren, draußen am Rand der Gesellschaft, bei denen, die bangen müssen um ihr Brot, das Dach, das sie schützt, die Liebe, die sie trägt, die Zukunft, die ihnen schwindet. Er wurde geboren bei denen, die ganz viel Sehnsucht haben nach einer Wende in ihrem Leben, die schon nicht mehr an den neuen Anfang glauben und die Hunger haben, Hunger nach Brot und nach Leben. Zu ihnen gehen die Engel mit einer Botschaft, die sich der Angst entgegenstemmt: Siehe, ich verkünde euch eine große Freude; euch ist der Retter geboren, – und zwar gerade euch, höre ich mit.

 

Christus geht auch durch die Gefängnisse. Er geht auch durch die Häuser, wo Menschen alle Kräfte sammeln müssen für das erste Weihnachtsfest ohne den geliebten Menschen, der alle Freude mit sich genommen hat. Christus geht auch durch die Wohnungen, wo Paare sich anschweigen und Kinder sich ängstlich ducken. Christus geht auch durch die Krankenhäuser, wo Menschen mit ihrer Krankheit, ihren Schmerzen, ihrer Angst ringen. Christus geht auch an die ganz stillen Orte, wo Menschen alleine mit sich sind, die Seele voll Sehnsucht nach vergangener Zeit.

Christus geht auch durch die Gefängnisse. Er kommt auch zu mir. Er kommt auch in meine Sorgen, in meine Ängste, in meine Not. Vielleicht ist das dann ein ganz stiller Advent, den ich da erlebe. Nicht die lärmende Fröhlichkeit der Weihnachtsmärkte und nicht die Eile großer Vorbereitungen. Ein ganz stiller Advent, in dessen Tiefe etwas zu glühen beginnt: ein Funke, der Licht und Wärme gibt. Nicht mehr. Aber doch wenigstens das. Mein Advent. Christus geht auch durch die Gefängnisse. Christus geht auch durch mein Haus. Er kommt auch zu mir.

• Gebet

Mein Herz ist ein Kind,

wenn deine Schritte sich entfernen

und ich mich bang frage, wann du wieder kommst.

Mein Herz ist ein Kind, Gott,

wenn die Angst kommt,

sie lauert wie früher

die Monster unter dem Bett.

Mein Herz ist ein Kind, Gott,

wenn ich mich nach einem Wort sehne,

der den Panzer meiner Erstarrung sprengt.

Mein Herz ist ein Kind, Gott,

wenn mir der Glaube zerbricht,

dass es gut werden kann.

Mein Herz ist ein Kind.

Bergen will ich mich

nahe an deinem Herzen,

Mutter Gott.

• Lied: Von guten Mächten (EG 65, 1. 5. 7)

• Segen

• Musik zum Ausgang

1 Der Brief Dietrich Bonhoeffers vom 13.12.1943 ist nachzulesen in: Dietrich Bonhoeffer/Maria von Wedemeyer: Brautbriefe Zelle 92, hrsg. v. Ruth Alice von Bismarck/Ulrich Kabitz, München 1997, S. 95.

3. Der Gorilla an der Krippe – Andacht im späten Advent

• Lied: Es kommt ein Schiff geladen (EG 8)

• Ansprache

Im Allgemeinen heißt es, die Advents- und Weihnachtszeit sei eine Zeit des Friedens. Das klappt bei Ihnen? Wie schön. Bei meinen Kindern und mir nicht. Es fängt schon mit den Diskussionen an, ab welcher Menge der Verzehr von Dominosteinen lebensbedrohlich wird. Auch bei Weihnachtsliedern sind wir uns nicht einig. Schon mehrmals habe ich versucht, meine Tochter davon zu überzeugen, dass das Lied „Maria und Josef verliefen sich im Wald“ nicht wirklich zum Stammrepertoire der klassischen Weihnachtslieder gehört. Doch das juckt sie nicht im mindesten.

Unser Dauerbrenner ist aber die Weihnachtskrippe. Diese Krippe hat mein Mann in unsere Ehe gebracht, völlig nichtsahnend von den daraus entstehenden Komplikationen. Die Krippe stammt aus seiner niedersächsischen Heimat und sieht eigentlich nicht nach Bethlehem aus, sondern, nun ja, nach Brunsbüttel-Schmedeswurth. Sie ist von dichtem Wald umgeben und des Öfteren schauen dessen Bewohner, Reh, Hirsch, Hase und Eichhörnchen, im Stall vorbei. Wir haben uns angewöhnt, dass die Krippe am ersten Advent feierlich hervorgekramt wird und nach und nach treffen die Bewohner ein, als Erstes der Ochse als mutmaßlicher Dauerbewohner. So dachte ich mir das. Doch immer öfter kam es vor, dass, sobald ich der Krippe den Rücken zukehrte, seltsame Gestalten sich dort niederließen. Der Elefant ging ja irgendwie noch, aber der Pinguin, der Gorilla, das Stinktier und das Walross, das es sich in der noch leeren Krippe gemütlich machte, das fand ich doch eher unpassend. Doch so oft ich auch einen Platzverweis erteilte und das Getier in die Wildnis zurückschickte, sie tauchten sofort wieder auf, wenn ich der Krippe den Rücken kehrte. Bald herrschte im Stall eine Artenvielfalt und bedrängende Enge wie auf der Arche Noah. Es tauchten noch andere Dinge auf, die meiner Ansicht nach nichts im Stall von Bethlehem zu suchen hatten. Das Dach des Stalles wurde mit Schnullern dekoriert; das Innere mit Windeln ausgelegt und Milchflaschen wuchsen neben den Bäumen empor, um die die endlich eingetroffenen Heiligen Drei Könige sich ängstlich herummogeln mussten. Die Schafe bekamen ein Gatter aus Legosteinen. Nur der Stern schwebte unbedrängt über der seltsamen Szenerie – an ihn kam meine Tochter nicht ran. Wieder mal mache ich mich seufzend und erklärend an die Arbeit. Zwei Kulleraugen gucken mich vorwurfsvoll an und meine Tochter sagt: „Mama, du hast selbst im Kindergottesdienst gesagt, an die Krippe dürfen alle kommen. Also auch Pinguine, Gorillas und Stinktiere.“ Ich stottere noch ein mattes „Von einem Gorilla war aber nie die Rede“ heraus, aber ich weiß: Ich habe verloren. Und das ist ja wirklich mein Lieblingsweihnachtsgedanke: An die Krippe darf jeder kommen, gerade so wie er ist, voller Freude und Jubel, voller Sorgen und Kummer, mit der Angst und mit der Krankheit, mit den Zweifeln und mit der Not. Zum Jesuskind darf man kommen, wie man ist. Unsere Gäste schauen jetzt manchmal etwas indigniert auf unsere seltsame Weihnachtskrippe, aber na ja, was soll man schon sagen, wenn sie in einem Pfarrhaus steht, wird es schon seine Richtigkeit haben. Hat es auch. Endlich ist Frieden.2

• Gebet

Ich komme zu deiner Krippe,

schon bin ich auf dem Weg.

Ich komme zu dir und meine Hände sind leer.

Müde ist mein Herz geworden,

zu müde, um staunen zu können.

Ich geb´ dir mein Herz, füll es mit Frieden.

Ich gebe dir meine Unruhe, gib du mir Ruhe.

Ich bringe dir meine Angst, lass neuen Mut wachsen

im Blick deiner Augen, die mich sehen.

Ich bringe dir das Dunkel, denn dein Stern leuchtet über dem Weg.

Ich bringe dir die Erinnerungen, die weh tun,

zu deiner Krippe trage ich sie.

Was schmerzt halte ich in das Leuchten des Mondglanzes.

Meine Hände sind leer, Kind,

aber du füllst sie mir mit Gutem.

• Lied: Ich steh an deiner Krippen hier (EG 37, 1. 6-7)

Während des Liedes bekommt jede und jeder einen Strohhalm mit, der an einem Ende in Goldfarbe getaucht wurde.

• Segen

• Musik zum Ausgang

2 Diese Andacht wurde bereits veröffentlicht in: Der andere Advent 2012/13.

II. Gottesdienste
1. Mache dich auf und werde Licht (Jes. 60, 1) – Gottesdienst zum 1. Advent

• Musik zum Eingang

• Gesprochener Ruf: Freut euch ihr Christen. Freuet euch sehr. Schon ist nahe der Herr!

• Eingangslied: Wir sagen euch an den lieben Advent (EG 17)

Dazu wird die erste Kerze am Adventskranz angezündet. Ein Vorsänger oder eine Vorsängerin singt die Strophen ohne Orgelbegleitung; die Gemeinde antwortet, begleitet von der Orgel, mit dem Kehrvers „Freut euch, ihr Christen“.

• Votum

• Liturgischer Gruß

• Psalmgebet: Psalm 24 (EG Baden 711.2)

• Gloria: Macht hoch die Tür (EG 1,1)

• Eingangsgebet

Jesus, wir machen uns auf den Weg zu dir

und du kommst uns entgegen.

Wir folgen dem Stern unserer Sehnsucht,

am Himmel flammt er auf,

wir folgen dem Flüstern der Engel, die uns rufen:

Kommt und seht,

eine junge Frau ist hoch schwanger,

ein Kind wird geboren.

Wir folgen der Stille, die im Dunkeln leuchtet,

Wir folgen deinem Blick, der uns liebevoll anschaut.

Wir suchen nach dir.

Komm uns entgegen auf dem Weg.

• Adventskyrie (EG 178.6), im Wechsel gesungen

• Gnadenzusage

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer (Sach. 9,9).

• Gloria

• Loblied: Macht hoch die Tür (EG 1,5)

• Tagesgebet

Gott, es ist Winter geworden.

Die Kälte nistet zwischen den Steinen

und du kämmst die letzten Blätter aus den Ästen.

Die Nacht braucht immer länger,

um das Dunkel wegzuschicken,

damit das Licht kommt

auf grauen Stiefeln.

Auch mein Licht wird kleiner,

es flackert im Wind.

Darum komm, Jesus,

mit dem sanften Licht der Sterne,

mit dem zärtlichen Flüstern von Engelsflügeln,

komm mit Worten gegen die Angst.

• Lesung: Matthäus 21, 1-9

• Lobspruch: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn (Vers 9).

• Glaubensbekenntnis

• Hauptlied: Die Nacht ist vorgedrungen (EG 16)

• Predigt zu Jes. 60, 1

Heute am ersten Advent beginnt ein Weg. Der Weg zum Stall nach Bethlehem. Mache dich auf – das verstehe ich so: Mache dich auf den Weg. Advent verfliegt immer so schnell, so höre ich es oft. Die Zeit rast. Schwupp, steht Weihnachten vor der Tür. Da ist es gut, einen Anfangspunkt zu setzen, so wie Sie es heute tun, wenn Sie in den Gottesdienst kommen. Ich mache einen Anfang. Jetzt gehe ich los.

Der Advent ist ein Weg. Ich nehme mir vor, diesen Weg bewusst zu gehen und zu gestalten, statt mich treiben und hetzen zu lassen. Vorsätze gehören nicht nur zu Neujahr. Die Psychologen sagen, das Wichtigste an Vorsätzen ist, dass sie realistisch bleiben. Also nicht: Jetzt wird alles anders. Eher: An diesen konkreten Situationen will ich etwas ändern. Dazu braucht es gar nicht viel. Ich verabrede mich konkret, um mit meiner besten Freundin über den Weihnachtsmarkt zu schlendern, und sage nicht: irgendwann. Ganz bewusst plane ich Zeit ein, um Adventliches zu tun: lesen bei Plätzchen und Kerzenschein, ein Konzert besuchen, selbst und nur für mich allein mein liebstes Adventslied singen, die alten Geschichten lesen, jemanden mit einem Geschenk überraschen, der bestimmt nicht damit rechnet, einem Menschen, den ich aus den Augen verloren habe, einen Brief schreiben.

Mache dich auf den Weg. Kleine Schritte reichen.

Kürzlich sagte ein Jugendlicher zu mir: Ich verstehe diese Worte ganz anders als du. Nicht: Mache dich auf wie: Mache dich auf den Weg, sondern: Mache dich auf. Mach dein Herz auf. So habe ich das nie gesehen. Aber das ist Advent. Da kommt doch einer. Nicht nur zu den Menschen in Jerusalem. Er kommt zu dir. Du musst nicht erst dein Leben aufpolieren. Du musst kein anderer werden. Er kommt zu dir, wie du bist: in die Sorgen, in die Zweifel, in die Ängste. Du musst nichts tun, nur aufmachen. Wenn du ihn einlädst: Komm, o mein Heiland Jesu Christ, komm auch zu mir – dann wird er kommen.

Mache dich auf.

Mach dein Herz auf.

Mach dein Leben auf für andere.

Singen wir die Worte doch einmal in diesem Sinn: Mache dich auf und werde Licht (EG Baden 545 wird einmal gesungen).

Mache dich auf und werde Licht.

Wenn ich in diesen Tagen unterwegs bin, dann freue ich mich an den Lichtern. Vor einer Woche waren die Fenster noch dunkel, die Bäume ungeschmückt, aber jetzt strahlt alles im Glanz vieler Lichter. Das ist schön, warm und tröstlich. Jedes Licht in einem Fenster sagt: Es soll licht und hell werden. Für mich und für dich, die du draußen vorbei gehst.

Werde Licht, das holt das Licht von außen nach innen in die Menschen hinein. Auch du sollst ein Licht sein, ein Licht werden.

Advent ist Zeit, in der das Herz verwundbarer wird, durchlässiger die Herzwände. Es ist Zeit, in der wir spüren, dass wir dieses Licht brauchen, es für unseren Weg und unser Leben erbitten, für unsere Herzen, die oft so verdunkelt sind, so verwundet und so verzagt. Im Advent nehmen wir bewusster als sonst im Jahr wahr, was wir brauchen und was andere brauchen.

Advent ist Zeit zum Üben, üben, wie man Licht wird. Viele Menschen üben, in dem sie genauer hinsehen, was sie selbst brauchen. Von Kollegen und mir selbst weiß ich: Im Advent gibt es viele Bitten um Seelsorgegespräche. Die Bereitschaft, sich Verwundungen und auch den eigenen Wünschen an das Leben zu stellen, ist größer. Viele Menschen sagen dann nicht nur: Ich will nicht mehr den Streit, die Gleichgültigkeit, die ständige Überforderung. Sie fragen auch: Was will ich dann? Im Advent wird es heller, wenn das gelingt, wahrzunehmen, was uns fehlt und neue Wege einzuschlagen, denn beides gehört ja zusammen: Mache dich auf und werde Licht.

 

Im Advent nehmen wir bewusster wahr, was wir selbst brauchen, aber auch was andere Menschen brauchen. Es ist, als wären die Augen offener für die Not der anderen. Den Nachbarn sehen, der so traurig und müde wirkt. Die Menschen sehen, die sehr allein sind und sich über einen Besuch freuen. Das Kind sehen, das das Lachen offenbar verlernt hat. Im Advent teilen wir, in dem wir die Aktion „Brot für die Welt“ durchführen. Viele Gruppen gehen in Altersheime, an Krankenbetten und auf Pflegestationen, und sie bringen buchstäblich Licht mit. Im Advent üben wir, Licht zu sein, damit wir es auch im neuen Jahr nicht vergessen.

Wir singen: Mache dich auf und werde Licht.

Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt.

Dennoch wäre es eine Überforderung, dieses Vorhaben, Licht zu werden, Licht zu sein. Die Dunkelheit ist in uns oft größer als das Licht. Jede Tagesschau, jedes Heute Journal zeigt uns die Dunkelheit auf unserer Erde. Aber in diese dunkle Welt fallen immer wieder Zeichen der Nähe Gottes wie Lichtfunken. Wir können nur Licht werden, weil wir auf ein Licht zugehen, das größer ist als wir selbst. Von seinem Licht werden wir beglänzt.

Es ist Anfang Advent. In der Jugendgruppe hat die Pfarrerin nachgefragt, wer denn in diesem Jahr an Heiligabend das Weihnachtsevangelium vorliest. Kim hat sich gemeldet und Benjamin. Die Pfarrerin nickt zustimmend und überlegt schon, wie sie die Geschichte aufteilen könnte. Da meldet sich noch Jan. Die Pfarrerin zögert. Denn Jan kann nicht gut lesen. Wenn er liest, beginnen die Buchstaben zu hüpfen und die Plätze zu tauschen. Jedes Wort ist ein Kampf. Oft werden seine Mitschüler ungeduldig. Jan hat auch schon erlebt, dass andere ihn auslachen. Aber jetzt will er das Weihnachtsevangelium lesen. Die Kirche wird voll sein, gibt die Pfarrerin zu bedenken. Vielleicht macht dich das ganz nervös. Auch die anderen Jugendlichen reagieren verwundert und verhalten. Aber Jan bleibt dabei. Die Pfarrerin merkt, wie ernst es ihm ist. Sie gibt nach. Sie schlägt ihm vor, vorzulesen, was der Engel verkündet: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch eine große Freude. Jetzt ist es Jan, der sich freut. Er will üben und dann in der vollen Weihnachtskirche vorlesen, was der Engel den Hirten und der weihnachtsfrohen Gemeinde zu sagen hat. An Heiligabend ist die Kirche voll. Alle Plätze sind besetzt. Hinten stehen noch welche. Viele Kinder sind da und auch die Erwachsenen sind voll gespannter Erwartung, darum ist es unruhig. Kim beginnt zu lesen: Es begab sich aber zu der Zeit, als ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging… Dann übernimmt Benjamin: Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde… Jan tritt an das Mikrofon. Er hat geübt, aber dann kommt er ins Stocken. Die Buchstaben hüpfen und tauschen die Plätze. Ganz langsam geht er von Wort zu Wort. Bei „widerfahren“ bleibt er stecken und fängt noch einmal an. Da wird es ganz ruhig in der Kirche. Selbst die Kinder merken auf. Alle schauen Jan an. Jeder versteht, dass gerade etwas Besonderes passiert. Dass da einer mit jedem Wort ringt, aber ihnen unbedingt etwas sagen will. Etwas Wichtiges. Die Botschaft eines Engels. Der Engel stottert und verheddert sich mit seinen Flügeln in den Buchstaben, aber er gibt nicht auf. Jeder begreift, dass da einer sich durch die Buchstaben tastet, damit sie es erfahren: Ihr müsst euch nicht fürchten. Denn der Heiland ist geboren. Ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Alle hören wie gebannt zu und begreifen, dass sie gerade ein wertvolles Geschenk bekommen, von Jan, dem das Lesen so schwer fällt. Es ist, als würde der Himmel ein bisschen aufgehen und das Licht hereinschicken mit jedem Wort, das zögernd über Jans Lippen kommt.

Wir singen: Mache dich auf und werde Licht.

Eigentlich geht der Vers noch weiter als der Kanon. In dem Vers, der beim Propheten Jesaja steht, heißt es: Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn erscheint über dir.

Was die Herrlichkeit Gottes ist, wird in der Bibel kaum beschrieben, weil sie unbeschreiblich ist. Aber es wird gezeigt, wie sie auf die Menschen wirkt. Als Mose Gottes Herrlichkeit sehen will, schützt Gott ihn im Schatten seiner Hand, damit er nicht vergeht, aber ein heller Glanz bleibt auf seinem Gesicht zurück (Exodus 33, 18-23; 34, 29). Mose verbirgt sein Gesicht, als Gott in seiner Herrlichkeit sich nähert. Elia verbirgt sich in einer Höhle, als Gott vorbeigeht und verhüllt sein Gesicht, als er Gott in einem sanften zärtlichen Windhauch erfährt (1. Könige 19, 11-13).

Wenn wir uns auf den Weg zum Stall machen, dann erfahren wir, dass die Herrlichkeit Gottes an Weihnachten eine andere werden wird. Da zeigt sie sich nicht Ehrfurcht gebietend, zerstörerisch gar. Sie zeigt sich in den verletzlichen Zügen eines Kindes. In diesem Kind wird sich die Herrlichkeit Gottes umkehren. Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein, so werden wir dann singen.

Machen wir uns auf den Weg. Wir singen: Mache dich auf und werde Licht – nun als Kanon.

Dazu wird die Gemeinde in vier Gruppen eingeteilt. Die Gruppe, die jeweils den Anfang singt, das erste: „Mache dich auf und werde Licht“ steht dazu auf, damit der Aufbruch auch leibhaftig wird.

Die Predigt kann auch als vier Impulse für Adventsandachten unter der Woche verwendet werden.

• Fürbitten

Du kommst, damit die Türen geöffnet werden und die Tore weit aufschwingen.

Wir bitten dich für alle Trauernden, dass sich ihnen Türen öffnen zu Trost und Hilfe,

wir bitten dich für Kranke, dass für sie Türen ins Leben aufgehen,

wir bitten dich für alle Verbitterten und Ratlosen,

für Enttäuschte und Suchende,

dass die Tore vor ihnen weit aufschwingen

und neue Wege sich vor ihnen auftun,

lege uns neue Wege vor die Füße, wenn wir nicht wissen, wohin.

Öffne Türen ins Leben für die Kinder unserer Gemeinde,

dass sie bekommen, was sie brauchen, an Liebe, Zuwendung und Unterstützung

und dass sie unter deiner Hut und Acht ihren Weg finden.

Öffne die Türen unserer Herzen,

dass Licht hinein fällt und Mitgefühl und Aufmerksamkeit einziehen.

Öffne die Türen, dass wir dich einlassen

in unser Herz,

in unser Leben,

in unsere Beziehungen,

in unsere Häuser.

• Vaterunser

• Schlusslied: Tochter Zion (EG 13)

• Segen

• Musik zum Ausgang