There will be no surrender

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Mitch Walking Elk

There will be no surrender

Ich werde mich nie ergeben

Ich widme dieses Buch meiner Mutter Na-ha-ni (Killing Woman) Evalina Tasso, die mir das Leben schenkte, meinen Vorfahren, die gelitten haben, damit wir leben können, und allen von uns, die heute leben und somit die Verantwortung tragen, das Leben zu erhalten und die Lehren des Schöpfers an die künftigen Generationen weiterzugeben.

aus dem Amerikanischen übersetzt von Martin Krueger

There will be no surrender

Ich werde mich nie ergeben

Die Autobiographie

von

Mitch Walking Elk

aus dem Amerikanischen übersetzt von Martin Krueger


Impressum

There will be no surrender, Mitch Walking Elk

TraumFänger Verlag Hohenthann, 2012

1. Auflage eBook November 2021

eBook ISBN 978-3-948878-14-6

Lektorat: Ilona Rehfeldt

Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag

Datenkonvertierung: Bookwire

Titelbild: Elisabeth Endres

Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,

Hohenthann

Printed in Germany

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

Erste Worte

Die Tsistsistas/Cheyenne

Geboren um zu kämpfen

In der Boarding School

In Helena

Im Steinbruch von Granite

Auf der Flucht

Big Mac

Im Gefängnis von Ohio

Sonnentanz in Süd-Dakota

Das American Indian Movement

Der erste Longest Walk

Endlich frei – meine Karriere

Töte einen Indianer – rette einen Zander

Lehren und Lernen

Respektiert unsere heiligen Zeremonien

Ein paar letzte Worte und Danksagung

Übersetzung der Dokumente

Nachwort des Übersetzers

Leben

Ich danke für all die Gaben

und ich stehe voller Bescheidenheit vor Dir,

weil Du wunderbar,

mächtig und voller Mysterien bist

Ich bitte nur darum, dass Du

in deinen zukünftigen Hinwendungen

sanft zu mir bist

Jedoch, sollte dies nicht der Fall sein,

möchte ich mit dem größtmöglichen Respekt

Folgendes zu Dir sagen

Ich werde mich niemals ergeben

Mitch Walking Elk

Life

I thank you for all your gifts

and I stand humbly before you

because you are awesome

powerful and mysterious

I ask only, that in your

future dealings with me

that you be gentle

However, should that not be the case

it is with the utmost respect

that I say to you

There will be no surrender

Mitch Walking Elk

Vorwort des Herausgebers

Dieses Manuskript liegt schon länger in unserer Schublade, aber erst jetzt sehen wir die Möglichkeit, es in würdiger Weise zu publizieren. Inzwischen haben wir eine große Leserschaft erreicht, sodass uns nun die Mittel und Wege offen stehen, dieses Buch auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dieses Buch hat es verdient, gelesen zu werden, denn es steht stellvertretend für viele Menschen indigener Herkunft. Die Vernichtung indigener Kulturen und die Unterdrückung des einzelnen Menschen geschehen tagtäglich und überall auf der Welt. Die Systeme sind dabei immer wieder gleich: Zwangsassimilation, Raub der Bodenschätze, Vertragsbrüche, Entfremdung zur indigenen Kultur, Alkohol, Perspektivelosigkeit. Dazu gründeten die USA im Jahre 1824 sogar ein eigenes Department, nämlich das „Büro für indianische Angelegenheiten“, das dem Kriegsministerium unterstellt war. Aufgabe des Büros war es, so wörtlich, „die Indianer zu vermenschlichen, zu zivilisieren und zu christianisieren“, was beinhaltet, dass die indigene Bevölkerung nicht als vollwertige Menschen gesehen wurden. Was folgte war eine rücksichtslose Vernichtung der indigenen Kultur. Heute sprechen indianische Vertreter sogar von „kulturellen Genozid“. Die Speerspitze dieses kulturellen Genozids war die von dem Offizier Richard Henry Pratt gegründete Internatsschule (Boarding School) in Carlisle, die zum Vorbild für weitere Internatsschulen wurde. Anfänglich auf freiwilliger Basis wurden die Kinder in der Folge auch gegen den Willen der Eltern weggenommen und in die Internate eingewiesen.

Die wenigsten Eltern gaben ihre Kinder freiwillig in die Obhut fremder Menschen, sondern mussten durch drastische Strafen „überredet“ werden, ihre Kinder fortzugeben. Essensentzug, Gefängnis, Schikanen waren weit verbreitete Mittel, um Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder dem „Man, who counts“ (dem Mann, der zählt) mitzugeben. Manche versteckten ihre Kinder oder verheimlichten die genaue Anzahl, um wenigstens einige vor der Gier des Weißen Mannes zu retten.

Einige der bedeutendsten Medizinmänner der heutigen Zeit gehen aus diesem Akt der Verzweiflung hervor: Kinder, die von ihren Eltern versteckt wurden, damit sie das Andenken ihrer Ahnen weitertragen konnten, während ihre Brüder und Schwestern dahinsiechten und vielleicht starben. Denn das Motto dieser Internate war eindeutig: „Den Indianer zu töten, um den Menschen zu retten. Schätzungen gehen heute davon aus, dass etwa ein Drittel aller Kinder diesen Terror nicht überlebten. Trotzdem wurde das System bis in die 1970er, teilweise achtziger Jahre weitergeführt. Die Schüler, die diese Boarding Schools überlebten, waren für ihr Leben gezeichnet, entwurzelt von der eigenen Kultur und Identität. Nur wenige schafften es, aus dem anfangs sicherlich gut gemeinten Ansatz ihr eigenes Leben zu gestalten und ein angepasstes Leben zu führen, wie es sich die Obrigkeit eigentlich vorgestellt hatte. Die negativen Folgen kann man heute auf den Reservationen erleben: Resignation, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Gewalt, Entfremdung von der eigenen Kultur …

Eigentlich muss es verwundern, dass es immer noch Menschen gibt, die diesem Sumpf entkommen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Mitch ist so ein Mensch. Vom System bereits als verwahrlostes, straffälliges Kind abgeschrieben, verbringt er erst seine Jugend und dann einen Teil seines Erwachsenenlebens in verschiedenen Besserungsanstalten und später als Krimineller in Gefängnissen. Doch er ändert sich. Das American Indian Movement prägt seine Einstellung und er entflieht dem Kreislauf aus Alkohol, Drogen und kriminellen Handlungen. Er wird zum Sonnentänzer und Pfeifenbewahrer und er entdeckt sein Talent in der Musik. Er schreibt Protestlieder und drückt in ihnen seinen Zorn auf das Weiße System aus. Eroberer und Zerstörer sind es, die ihm seinen Stolz und seine Identität genommen haben, und nun fordert er sie zurück. Mitch kämpft kompromisslos für das American Indian Movement, doch auch hier entwickelt er sich vom aktiven Kämpfer zum besonnenen Botschafter seines Volkes. Nicht anklagend, sondern erklärend zwingt er uns, ein großes Verbrechen zu verstehen, das an den indigenen Menschen begangen wurde und immer noch wird. Es schmerzt, was wir hier lesen, und immer wieder stellt sich uns die Frage „was wäre wenn“. Welchen Weg hätte Mitch nehmen können, wenn er eine behütete Kindheit gehabt hätte? Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er noch in den alten Traditionen seines Volkes hätte aufwachsen können? Es ist müßig, darüber nachzudenken, denn es ist, wie es ist. Trotzdem hilft uns seine Geschichte, zu begreifen, warum so viele indigene Menschen ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Wie oft neigt man zu vorschnellen Urteilen? Immer wieder hören wir den deutlichen Vorwurf: „Die wollen ja gar nicht anders!“ oder „Die sind ja selbst schuld!“. Die! Diese „die“ sind Menschen wie Mitch, die vielleicht nie eine wirkliche Chance in ihrem Leben hatten. Nicht alle finden die Kraft, sich aus den Fesseln zu lösen und einen guten Weg im Leben zu finden. Dieses Buch erzählt von einem Menschen, der sich nie aufgegeben hat und damit auch anderen Hoffnung geben kann.

Buno Schmäling

Erste Worte

Eigentlich habe ich diese Geschichte schon vor vielen Jahren begonnen, aber aus verschiedenen Gründen hatte ich nicht das Durchhaltevermögen und das Know-how sie zu Ende zu schreiben. Jetzt, wo ich sie nun schreibe, komme ich zur Erkenntnis, dass ich vorher einfach noch nicht lange genug gelebt hatte, um bestimmte Teile dieser Geschichte zu erzählen, die später wichtig sein könnten. Nun ist die Zeit dafür gekommen und ich erkenne, dass die Lebenserfahrung von wichtiger Bedeutung ist, wenn man seine persönliche Geschichte erzählen möchte. Beim Schreiben und Lesen von dem, was ich bisher zu Papier gebracht habe, fällt mir auf, dass es eine schwierige Geschichte ist. Aber es ist auch eine gute Geschichte, und mehr noch, es ist eine wahre Geschichte. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich bereits am Rande des Grabes stand, aber ich habe niemals aufgegeben, selbst dann nicht, als ich flach mit dem Gesicht nach unten auf der Erde lag oder ich einen vollkommen falschen Weg eingeschlagen hatte. In diesen Momenten wäre es besser gewesen, ich hätte den Kurs gewechselt und wäre letztlich in eine andere Richtung weitergegangen. Trotzdem habe ich es immer wieder irgendwie geschafft.

 

Im Indianerland gibt es eine Geschichte über einen Eimer voller Krebse. Jedes Mal wenn einer der Krebse versucht, über den Rand des Eimers zu entkommen, ziehen ihn die anderen Krebse wieder hinein. Das geschieht wieder und wieder, und natürlich schafft es auf diese Weise kein einziger Krebs zu entkommen. Sie sind in dem Eimer gefangen und sterben dann irgendwann.

Wenn man sich diese Fabel im Indianerland erzählt, dann sind mit den Krebsen „wir“ gemeint und das „Zurückziehen in den Eimer“ steht für die Unfähigkeit, sich aus dem Sumpf zu befreien oder dass wir unsere Situation immer nur als Ausrede benutzen, um uns selbst Steine in den Weg zu legen.

Was ich persönlich an dieser Krebsfabel so bedeutsam finde, sind nicht so sehr die Krebse, die die Fluchtversuche der anderen Krebse verhindern, indem sie sich gegenseitig immer wieder in den Eimer zurückziehen, sondern dass es immer wieder einen Krebs gibt, der überhaupt versucht zu entkommen.

Mit diesem Gedanken im Kopf beginne ich diese Erzählung und hoffe, dass ich andere „Krebse“ dazu inspirieren kann, nicht nur den Wunsch zu haben zu fliehen, sondern wirklich frei zu sein.

Während ich dies schreibe, sind einige bedeutsame Dinge im Bezug auf Indianer in der Welt passiert. Ein wichtiges Ereignis war, dass 140 Nationen die „nicht-verbindliche“ Erklärung der Vereinten Nationen unterzeichnet haben, in der sie erklären, die Rechte der eingeborenen Völker anzuerkennen. Vier Länder haben dagegen gestimmt, mit der Begründung, die Resolution würde den eingeborenen Völkern zu viele Rechte zugestehen, und dies wäre unvereinbar mit der aktuellen Gesetzeslage. Kanada, Australien, Neuseeland und die Vereinigten Staaten stimmten zuerst dagegen, aber unter dem Druck der Weltgemeinschaft oder aus anderen Gründen stimmte ein Land nach dem anderen doch zu Gunsten der Eingeborenen. Eine Gemeinsamkeit dieser vier Länder ist, dass sie alle Ureinwohner hatten, die innerhalb ihrer Grenzen lebten. In Australien gibt es die Aborigines, in Neuseeland die Maori und in den USA und Kanada viele Stämme, Volksgruppen oder Nationen, die man früher als Indianer bezeichnete, die aber heute, um politisch korrekt zu sein, „Native Americans“ genannt werden. Diese sind die indigenen Völker.

Meiner Meinung nach verleiht die anfängliche Ablehnung der Deklaration durch die erwähnten Regierungen den Klagen der Eingeborenen über erlittenes historisches Unrecht noch mehr Glaubwürdigkeit.

Das Ergebnis oder die Tatsache, dass diese Regierungen ihre ursprüngliche Stimme nun zu Gunsten der Eingeborenen geändert haben, muss erst noch abgewartet werden. Aufgrund dessen, dass die Resolution nicht verbindlich ist, ist sie zwar ein legales Dokument, allerdings, bildlich gesprochen, ohne Zähne, höchstens mit Milchzähnchen. Inwieweit die Weltgemeinschaft sie wirklich unterstützt, wie sie reagiert oder dagegen ist, muss ebenfalls abgewartet werden.

Die Ungerechtigkeiten haben sich über Generationen hinweg bis in die heutige Zeit fortgesetzt und jene, die heute begangen werden, sind nur die Spitze des Eisberges. Die Auswirkung dieses Unrechts kann man als Menschenrechtsverletzungen bzw. als Missbrauch der Schöpfung an sich bezeichnen, und sie hatte und hat katastrophale Folgen für Mensch und Tier, sowie für das Land und das Wasser.

Angesichts der Auswirkungen von mehr als 500 Jahren der Lügen, des Betrugs und des Völkermords, kultureller Assimilation und Gehirnwäsche, unangemessener Gesundheitsfürsorge, finanzieller Unterstützung, Zwangssterilisation von indianischen Frauen und Vertragsbrüchen ist die Haltung der US-Regierung unangemessen und inakzeptabel. Sie ist einfach nicht ehrlich, und es gab noch nicht einmal eine Entschuldigung für all das, was zum spirituellen, mentalen, emotionalen und letztlich auch zum physischen Verfall von Millionen von Ureinwohnern beigetragen hat. Und von denen, die noch übrig sind, tragen viele Traumas mit sich herum, ohne dies je zu bemerken. Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, dass wir, als Nachfahren der ursprünglichen Menschen aus diesem Teil der Welt, gezwungen sind, uns Tag für Tag damit auseinanderzusetzen. Ich spende all den Nationen Beifall, die den Respekt hatten, die Erklärung zu unterzeichnen und die damit die Rechte der indigenen Völker anerkannt haben, denn nach wie vor werden die Rechte indigener Menschen mit Füßen getreten.

Im Januar 2000 hat sich Präsident Bill Clinton offiziell bei den Menschen in Guatemala für die Beteiligung der Vereinigten Staaten an ihrem Bürgerkrieg entschuldigt, der drei Jahrzehnte lang andauerte. Nicht entschuldigt hat er sich für das Unrecht, das vor allen Dingen den dortigen Ureinwohnern angetan wurde: Die Vereinigten Staaten stellten das Militär, bildeten Personal aus, lieferten Waffen und unterstützten die Regierung von Guatemala finanziell in einem Krieg, in dem fast 200.000 Menschen starben. Vier Fünftel der Opfer waren Maya-Indianer. Zwischen 1978 und 1986 wurden mehr als 400 Dörfer der dortigen Indianer völlig zerstört und buchstäblich Tausende niedergemetzelt. Guatemala ist nur eines der Länder in Nord- und Südamerika, in denen die USA bei der Vernichtung der Ureinwohner ihre Hand mit im Spiel hatte. Eingeborene in Nicaragua, Panama, Mexiko und Peru hatten unter der militärischen Unterstützung der USA in diesen Ländern zu leiden. Grundsätzlich sollte sich jeder „Indianer“, der in die Streitkräfte der USA eintreten will, darüber informieren, wo und wie die Regierung der USA an der Tötung eingeborener Menschen in unserem Teil der Welt beteiligt ist. Vielleicht wird er sich dann anders entscheiden.

Derzeitig gehört Kolumbien zu den Hauptempfängern von US-Unterstützung in diesem Teil der Welt und die eingeborenen Menschen (die Indianer) dort leiden unter den Aktionen aller militärischen Kräfte, die dort involviert sind.

Sowohl die Streitkräfte der kolumbianischen Regierung selbst, als auch einige paramilitärische Verbände, die nichts anderes als eine Erweiterung der militärischen Kräfte der kolumbianischen Regierung sind, befinden sich gegenwärtig im Kriegszustand mit zwei Guerilla-Gruppen. Die größte von ihnen ist die „FARC“, die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens.

FARC ist auch verantwortlich für den Tod von Terrence Sreitas, 24 Jahre alt, aus Los Angeles, Kalifornien, einem Hawaiianer namens Lahe‘ena‘e Gay, 39 Jahre und der 41-jährigen Ingrid Washinawatok, einer Menominee aus Keshena, Wisconsin, und zahlreicher anderer Ureinwohner. All dies geschah am 4. März 1999. Das Trio war nach Kolumbien gereist, um die Uwa Indianer im Norden Kolumbiens mit dem Bau einer Schule zu unterstützen. Sie wurden am gleichen Tag getötet, als die Clinton-Regierung für die kolumbianische Regierung unter dem Namen „Plan Columbia“ eine Summe von 300 Millionen Dollar bereitstellte, um sie im Kampf gegen die Guerillatruppen zu unterstützen. Um ihren Bürgerkrieg zu finanzieren, hatten diese nämlich damit begonnen, Kokain zu produzieren und Leute zu entführen und gegen Lösegeld freizulassen.

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist der Ansicht, dass man es im Interesse der nationalen Sicherheit nicht zulassen könne, dass Regierungen, die den USA freundlich gesinnt sind, von Ländern jenseits der Grenze gestürzt werden. Und das schon gar nicht, wenn Amerika dort Öl- oder andere wirtschaftliche Interessen hat. Deshalb zögern auch sie nicht, in jede Regierung, die die Interessen der USA vertritt und sichert, Milliarden von Dollar wie in einen Trichter hineinzupumpen. Dass Menschen dabei umkommen, vor allem wenn es sich um Eingeborene (Indianer) handelt, ist nur von geringer Bedeutung.

Die USA geht dabei perfide vor und bildet zur Sicherung der eigenen Interessen sogar Rekruten aus, die dieses unsaubere Geschäft von der Pike auf lernen. Die mit US-Steuergeldern finanzierte „School of the Americas“ ist eine Rekrutenschule in Atlanta, Georgia. Sie befand sich ursprünglich in Panama, wurde aber später, als der Panamakanal an Panama zurückgegeben wurde, nach Ft. Benning, in Georgia verlegt. Sie bildet ausgewählte Soldaten aus Mexiko, Guatemala, Nicaragua, Peru, Ecuador, Kolumbien und anderen mittel- und südamerikanischen Ländern in der Bekämpfung von Aufständen, Guerillakriegen, dem Umgang mit hoch entwickelten Waffen und zur Informationsgewinnung aus. Zeitweise, wahrscheinlich tut man das noch immer, wurde ein Handbuch zur Folter (zum Zweck des Sammelns von Informationen) genutzt. Schließlich fiel das Handbuch in die Hände von Demonstranten und wurde veröffentlicht, was dem Militär sehr peinlich war. Gegenwärtig stammt die größte Zahl der Schulabsolventen aus Kolumbien, doch darüber hinaus erlangte es eine traurige Berühmtheit, dass Absolventen dieser Schule als Mitglieder von Todesschwadronen bekannt wurden, die Hunderte von unschuldigen Menschen in Mexiko, Guatemala, El Salvador etc. getötet haben.

Tatsache ist, dass Amerika nicht unschuldig ist und niemals unschuldig war. Man kann keine Verwüstungen anrichten, Todesschwadronen und Regierungen finanzieren und unterstützen, die unschuldige Leute umbringen und die Rohstoffe, ich nenne sie Geschenke der Erde, ausbeuten, ohne dass diese Dinge auf uns Amerikaner zurückfallen. Der Umstand, dass diese Geschenke nicht unbedingt direkt aus den Ländern kommen, in denen Menschen durch ihre Regierung zu Schaden gekommen sind, ist dabei irrelevant. Es reicht, dass Regierungen die Erde ausbeuten. Das ist die Welt, in der ich lebe, und ich fühle mich irgendwie privilegiert, dass mir diese zum Teil geheimen Informationen überhaupt zugänglich wurden.

Es ist die Geschichte eines Volkes am Beispiel des Überlebenskampfes eines einzelnen Mannes, der, während er mitten im Bauch der Bestie lebt, damit fertig werden muss, die Schäden, die die Kolonialisierung angerichtet hat, zu überwinden. Er muss die Fesseln der Assimilation abstreifen, obwohl er gleichzeitig in ihnen verfangen ist.

Dies ist eine persönliche Suche nach spiritueller Heilung. Gleichzeitig aber ist sie Teil einer lebendigen und wichtigen Widerstandsbewegung. Sie ist zwar lebendig, aber in Kämpfe verwickelt, zum einen innerhalb des indigenen Amerikas, und zum anderen in Amerika selbst.

Es ist eine Geschichte des Überlebens, die sich über mehrere Generationen des Völkermords hinzieht und die sich danach sehnt, endlich erzählt zu werden. Sie handelt von der Zerstörung einer Kultur und ihrer Menschen, von sexuellem, emotionalem und körperlichem Missbrauch, von Vernachlässigung, von Internaten, Gefängnissen, aber auch von Konzerttourneen durch Europa, Reisen nach Kanada, Mexiko und Südamerika, um indigene Menschen und ihre Belange zu unterstützen. All diese Dinge dienten als Übungsplatz für einen Menschen, dessen Geschichte in vielen Bereichen wie der Mikrokosmos für eine gesamte Nation ist.

Wir erlitten als Folge von Kolumbus Ankunft auf unserem Kontinent nichts als Leid, während andere Kulturen und ihre Repräsentanten ihren Vorteil daraus zogen und von ihr profitiert haben. Was in den amerikanischen Ländern geschehen ist und immer noch geschieht, ist purer Missbrauch und Ausbeutung. Und es ist längst nicht vorbei. Das, was in Amerika geschehen ist, hatte Konsequenzen und wird auch weiterhin Konsequenzen haben.

Wachstum kommt von dem, was noch nicht gewesen ist und dem, was noch nicht ist. Das ist eine einfache Tatsache. Die schwere Aufgabe wieder gesund zu werden, liegt auf „unseren“ Schultern und ist „unsere“ alleinige Verantwortung. Es wäre ein schwerwiegender Fehler unsererseits darauf zu warten, dass der Weiße Mann seine Fehler wiedergutmacht, wenn dort nur ein paar wenige Interesse haben, überhaupt darüber nachzudenken. Wir sind diejenigen, die die Kontrolle über unser Wohlbefinden übernehmen müssen, selbst dann, wenn die Ungerechtigkeiten andauern. Gesund werden bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir ihre Lebensweise vollständig übernehmen und unsere ablehnen. Indem wir das ihre übernehmen, mag es uns körperlich gut gehen und wir fühlen uns sicher, aber ich zweifele ernsthaft daran, dass es uns unser kulturelles und geistiges Wohlbefinden zurückbringt.

 

Das genaue Gegenteil könnte der Fall sein. Ist es nicht so, dass unser ganzer Planet unter der Technologie und dem so genannten Fortschritt zu leiden hat? Ist das Wasser, das wir trinken nicht ungenießbar ohne chemische Aufbereitung? Und die Luft, die wir atmen, in manchen Gegenden völlig vergiftet, und wir atmen sie dennoch? Selbst die Tiervölker ziehen sich vor der nahenden Technologie zurück und sterben trotzdem in diesem Prozess, denn es gibt keinen Ort mehr, an dem man sich zurückziehen kann.

Die natürliche Nahrungskette ist bereits bis zu einem Punkt geschädigt, dass es gewiss ist, dass alles, was wir konsumieren oder nicht konsumieren, uns irgendwann in der Zukunft krank machen und uns vielleicht sogar töten kann. Trotzdem essen wir, was uns angeboten wird, weil wir in unseren Gedankengängen bereits so eingeschränkt sind, dass wir nicht mehr wissen, was wir für uns selbst tun können.

Man hat uns zwar an Stelle unseres religiösen Weltbilds ein anderes angeboten, doch ist nicht der Geist, der in diesem Teil der Erde Tausende von Jahren existiert hatte, immer schwieriger zu finden? Ich habe erfahren, dass „gesund werden“ bedeutet, die ursprünglichen Gesetze und Lehren, die unseren Vorfahren in diesem Teil der Erde gegeben wurden, wiederzuerlernen und zu ihnen zurückzukehren, so weit wie es eben möglich ist.

In den 70er Jahren hielt Oren Lyons, der Glaubenshüter der Onondagas, einem Volk der Irokesenkonföderation eine Rede. Er sprach zu den Leuten von Ganienkeh, die unter Berufung auf verschiedene Verträge ein Stück Land in den Adirondack Mountains im Staate New York wieder in Besitz genommen hatten. Er sprach über die Prophezeiungen, die den Ureinwohnern in diesem Teil der Welt für die Zukunft unserer Nationen gegeben worden waren. Mit großer Ernsthaftigkeit und mit mahnenden Worten sagte er, dass „unsere Generation nicht diejenige sein wird, die sich zur Ruhe bettet“.

Mitch Walking Elk