Der weite Weg nach WestenText

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Meriwether Lewis


William Clark

Meriwether Lewis • William Clark

DER WEITE WEG NACH WESTEN

Die Tagebücher der Lewis und Clark Expedition

Herausgegeben von Hartmut Wasser


Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The Lewis and Clark Journals – An American Epic of Discovery (abridged version)

Herausgegeben von Gary E. Moulton, The Board of Regents of the University of Nebraska, USA, 2003

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist nicht gestattet, Texte dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder mit Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Bildvorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten

© by Edition Erdmann in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2020

Cover & Umschlag: Anja Carrà, Weimar; Karina Bertagnolli, Wiesbaden

Bildnachweis: Christopher Zariello by Unsplash

Gesamtherstellung: CPI books GmbH, Leck – Germany

eISBN: 978-3-8438-0642-8

Mehr über Ideen, Autoren und Programm des Verlags finden Sie auf www.verlagshausroemerweg.de und in Ihrer Buchhandlung.

INHALT

Geleitwort

Vorwort

Einführung

1.Die Expedition rückt vor

14. Mai – 24. August 1804

2.Der Mittlere Missouri

25. August – 26. Oktober 1804

3.Winter am Knife River

27. Oktober 1804 – 6. April 1805

4.Ins Unbekannte

7. April – 2. Juni 1805

5.Die Überwindung der Wasserfälle

3. Juni – 14. Juli 1805

6.Im Schatten der Rocky Mountains

15. Juli – 9. August 1805

7.Diese gewaltigen Berge

10. August – 10. Oktober 1805

8.Auf dem Columbia stromab

11. Oktober – 14. November 1805

9.Pazifischer Küstenwinter

15. November 1805 – 22. März 1806

10.Auf der Heimreise

23. März – 2. Juli 1806

11.Trennung und Wiedervereinigung

3. Juli – 12. August 1806

12.Auf nach Hause

13. August – 23. September 1806

Editorische Notiz

Literaturhinweis

Aktuelle Wegmarken der Lewis & Clark-Expedition von St. Louis zum Pazifik

GELEITWORT

Zwei Jahre lang, von 2004–2006, wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika an das zweihundertjährige Jubiläum der Lewis und Clark-Expedition erinnert. Das Corps of Discovery unter dem Kommando der Captains Meriwether Lewis und William Clark war beauftragt, »den direktesten und brauchbarsten transnationalen Wasserweg für Handelszwecke« zu erkunden. Diese Mission ist vom dritten Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, konzipiert und politisch durchgesetzt worden. Er hat auch die vielfältigen Aufgaben formuliert, die im Kontext dieser Mission erfüllt werden sollten. Die gefahrvolle Expedition von St. Louis den Missouri aufwärts und über die Rocky Mountains zum Pazifik ist ein Ereignis von nationaler, mehr noch: von weltgeschichtlicher Dimension gewesen, hat es doch den Aufstieg der jungen USA zur regionalen Vormacht und späteren Weltmacht angekündigt. Freilich hat das Jubiläum dieses großen Unternehmens hierzulande nicht die ihm zukommende Beachtung gefunden. Vor allem deshalb hat das Deutsch-Amerikanische Zentrum/James-F.-Byrnes-Institut gerne der Bitte des Erdmann Verlages entsprochen, die deutschsprachige Edition der Tagebücher von Lewis und Clark, einer kulturhistorischen Quelle von höchster Bedeutung, zu unterstützen. Dies umso mehr, als mit dem Politikwissenschaftler und Amerikanisten Hartmut Wasser ein ausgewiesener Kenner der Jefferson-Ära das vorliegende Projekt entwickelt und als Herausgeber die Verantwortung für seine Umsetzung übernommen hat. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch eine breite Leserschaft findet – das wäre der schönste Dank an alle, die zu seiner Verwirklichung beigetragen haben.

Ulrich Bachteler, Deutsch-Amerikanisches Zentrum Stuttgart – James-F.-Byrnes Institut e.V.


Thomas Jefferson

VORWORT

Zum zweihundertjährigen Jubiläum jenes kühnen Unterfangens, das als Lewis Clark-Expedition Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, legt die Edition Erdmann die Aufzeichnungen der beiden Captains Meriwether Lewis und William Clark vor, die das »Corps of Discovery« in den Jahren 1804–1806 von St. Louis den Missouri aufwärts zum Pazifik und wieder zurückgeführt haben. Damit wird nicht nur einem der großen Menschheitsabenteuer der Neuzeit Reverenz erwiesen, sondern auch eine kulturgeschichtliche Quelle in deutscher Sprache zugänglich gemacht, die in den schriftlichen Zeugnissen der Entdeckungsfahrten kaum ihresgleichen findet und als fester Bestandteil der amerikanischen Nationalliteratur gelten darf. Der Übersetzung liegt die auf lange Sicht gültige Kompilation der »Lewis and Clark Journals« zugrunde, die der Herausgeber der wissenschaftlichen Gesamtausgabe des Schrifttums aus den Reihen der Expeditionsmitglieder, Gary E. Moulton von der University of Nebraska, im Jahr 2003 vorgelegt hat. Sie enthält die Essenz der Tagebücher von Meriwether Lewis und William Clark, da und dort ergänzt um Aufzeichnungen anderer Teilnehmer an der »Tour der Leiden«. Mit der Rechtschreibung, gelegentlich mit der Grammatik, taten sich die Autoren schwer, Clark mehr als Lewis. Verlag, Herausgeber und Übersetzer haben der Versuchung widerstanden, die Eigentümlichkeiten ihrer Sprachgestaltung im Deutschen nachzuahmen oder produktiv fortzuspinnen; sie sind der Auffassung, dass der Inhalt der Tagebücher im Vordergrund des Interesses steht.

Seit 2003 zelebrieren die Amerikaner die zweieinhalb Jahre dauernde, zwölftausenddreihundert Kilometer umfassende Reise des »Corps of Discovery« mit Lewis und Clark – Festivals, Ausstellungen und Fernsehserien; seit 2003 nehmen Lewis und Clark-Publikationen Spitzenpositionen auf den Bestsellerlisten ein, haben sich Zehntausende auf den Weg gemacht, um die Lewis- und Clark-Route zu bereisen, mit dem Auto, dem Schiff, zuweilen auf Schusters Rappen. Sie alle beschwören bewusst oder unbewusst im Gedenken an die Captains und deren Truppe den Mythos des Westens, der auch der Mythos Amerikas ist: Pioniergeist, Wagemut, Flexibilität – Tugenden, auf denen die Nation gründet, Tugenden, die eine Gesellschaft »on the road«, stets auf der Suche nach neuen Grenzen, hervorgebracht haben. Die Jubiläumsfeierlichkeiten sind am 18. Januar 2003 im virginischen Monticello, dem Lebensmittelpunkt von Thomas Jefferson, dritter Präsident der USA und Spiritus Rector der Pazifikunternehmung, eingeläutet worden – auf den Tag genau zweihundert Jahre, seit er in einem vertraulichen Schreiben an den amerikanischen Kongress um die Bewilligung von zweitausendfünfhundert Dollar für eine Expedition »den Missouri hinauf und weiter zum Pazifik« ersuchte. Wenngleich der Aufbruch in die unbekannten Weiten des Westens erst am 14. Mai 1804 von Camp Dubois, oberhalb von St. Louis am Ostufer des Mississippi gelegen, erfolgt, werden die notwendigen Vorkehrungen für das große Abenteuer schon 1803 getroffen, könnte man seinen Beginn etwa auch auf den 26. Oktober 1803 datieren, als Lewis und Clark mit einigen Männern des »Corps of Discovery« zum ersten Mal gemeinsam das »keelboat« bei Louisville, Kentucky, besteigen und den Ohio abwärts zum Winterlager in Camp Dubois reisen. Zwar liegen für Teile des Jahres 1803 schon erste Aufzeichnungen von Lewis und Notizen von Clark vor; recht eigentlich beginnen aber die »Journals« als durchgängige Reisebegleitung mit dem 14. Mai 1804.

 

Der Herausgeber dankt der Verlegerin, Frau Kolb-Rothermel, für die spontane Bereitschaft, die Tagebücher der Captains Lewis und Clark im Rahmen der Edition Erdmann einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dass das Projekt verwirklicht werden konnte, ist auch der finanziellen Unterstützung durch das Deutsch-Amerikanische Zentrum in Stuttgart und seinem Direktor, Ulrich Bachteler, geschuldet.

Der Herausgeber

EINFÜHRUNG

»Das Ziel ihrer Mission ist es, den Missouri und einen mit ihm zusammenhängenden Fluss zu erkunden, der durch seinen Lauf und seine Verbindung zum Pazifischen Ozean, sei es der Columbia, Oregon oder Colorado … den direktesten und brauchbarsten transkontinentalen Wasserweg für Handelszwecke bietet …«, schreibt der amerikanische Präsident Thomas Jefferson am 20. Juni 1803 an seinen Privatsekretär Meriwether Lewis. Er hat kurz zuvor den neunundzwanzigjährigen Virginier, Captain des 1. US-Infanterie-Regiments, für die Leitung einer Expedition ausgewählt, die dem Missouri stromaufwärts folgen, die »Stony Mountains« überqueren und zum Pazifik führen soll. Seit vielen Jahren treiben den Autor der Unabhängigkeitserklärung, den Privatmann auf seinem Herrensitz Monticello und das Mitglied der »Amerikanischen Philosophischen Gesellschaft« mit Sitz in Philadelphia Pläne zur Erforschung der westlichen Regionen des nordamerikanischen Kontinents jenseits des Mississippi um, immer wieder versucht er, freilich lange Zeit ohne Erfolg, sie in die Tat umzusetzen. Als Delegierter Virginias im Kontinentalkongress hatte Jefferson im Winter 1783 bei seinem langjährigen Freund und hochdekorierten General des Unabhängigkeitskrieges, George Rogers Clark angefragt, ob er gegebenenfalls eine Expedition »zur Erforschung des Landes vom Mississippi bis nach Kalifornien« leiten würde. Drei Jahre später, inzwischen »Minister Plenipotentiary« (Gesandter) der USA am Hof Ludwigs XVI, unterstützte Jefferson das abenteuerliche – bald darauf fehlgeschlagene – Projekt eines jungen Landsmannes, John Ledyard, der an der dritten Weltumseglung James Cooks teilgenommen hatte, und jetzt auf dem Landweg quer durch das Russische Reich zum nördlichen Pazifik zu gelangen hoffte, um dann, auf welcher Route auch immer, vom äußersten Westen Amerikas her dessen Osten zu erreichen. Während seiner Amtszeit als »Secretary of State« im ersten Kabinett George Washingtons überzeugte er die philadelphische Philosophengesellschaft vom Nutzen einer Überlandexpedition in westlicher Richtung und schien am Ziel seines Wunsches angekommen, als der französische Botaniker André Michaux, der bislang im Auftrag seines Königs die »neue Welt« auf nützliches Pflanzen- und Saatgut durchsucht hatte, 1791 an die Sozietät mit der Idee eben einer solchen Expedition zum Pazifik herantrat. Auch dieses Unternehmen kam bloß unwesentlich über das Planungsstadium hinaus, ohne dass Jefferson deshalb der Resignation verfallen wäre.

Jetzt aber, 1803, als dritter Präsident der USA, kann der »Herr von Monticello« seine »West«-Visionen nachdrücklich verfolgen. Dass sich mitten in den Vorbereitungen der Glücksfall des »Louisiana Purchase« ereignet, vertraglich am 2. Mai fixiert und auf den 30. April vordatiert, der den USA die Verdoppelung ihres Staatsgebiets – 2,1 Millionen Quadratkilometer zwischen Mississippi und Rocky Mountains – für den Schnäppchenpreis von 15 Millionen Dollar beschert, ist keinesfalls, wie gelegentlich vermutet, ursächlich für die Realisierung des Projekts gewesen, hat es aber nach Kräften befördert und vielschichtiger dimensioniert. Ein komplexes Motivbündel lässt den Virginier die Promotion seines Lieblingsprojekts mit stupender Hartnäckigkeit verfolgen. Machtpolitische und wirtschaftliche Überlegungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Die dreizehn Kolonien, seit 1776 Kern der späteren Weltmacht USA, fühlen sich nach ihrer gemeinsamen Staatsgründung fürs Erste eingekreist von der »Alten Welt«, von den Großmächten der Zeit, von England, Frankreich und Spanien. Mit den Briten im Norden des Kontinents, dem imperialen Ambitionen nachhängenden Napoleon Bonaparte, seit 1800 im Wiederbesitz des vorübergehend spanischen Territoriums »Louisiana« im Westen, und Spanien im Süden und Südwesten, blieb die Existenz der jungen USA fragil, tat macht- und territorialpolitischer Zuwachs not, um der vielfach beschworenen Gefahr der Strangulierung zu entgehen. Vor allem die Mississippi-Region galt es, im Auge zu behalten. Thomas Jefferson hat um die ökonomische Bedeutung des großen Flusses gewusst, auf dem erste Pionier- und Siedlerscharen Felle, Getreide, Holz und Vieh in die geschäftige Handelsmetropole New Orleans oder weiter zur Mündung des Mississippi in den Golf von Mexiko verschifften. Wenn Spanien oder Frankreich die freie Schifffahrt sperrten, wenn sie amerikanische Handelsrechte in und um New Orleans herum aufkündigten oder verweigerten, würde der Separatismus in Staaten wie Kentucky oder Tennessee um sich greifen, war der Bestand der Union gefährdet. Amerikanische Präsenz in der Region schien deshalb geboten, Flagge zeigen auch in Form einer Expedition angesagt.

Ideologische Triebkräfte verstärken Jeffersons Drang nach Westen. Obwohl in seiner kulturellen Lebensart überzeugter Atlantiker, bleibt er als Virginier auch einem »Südstaatlertum« verhaftet, das sich im Drang nach Westen manifestiert, den Aufbruch in das Unbekannte als Chance für eine sich erweiternde Union versteht – im Gegensatz zu den »Neuengländern« des Nordostens, die darin Risiken für Überkommenes erblicken. Der »Herr von Monticello« predigt den Segen des Republikanismus, der solange bewahrt werden kann, wie freie Farmer auf eigenem Grund und Boden als eigenverantwortliche Individuen politische Bürgertugenden entfalten können: territoriale Expansion, Erkundung der »Terra incognita« diesseits und jenseits des Mississippi auch unter landwirtschaftlichem Aspekt geraten zu programmatischen Fixpunkten des Botschafters, Außenministers und Präsidenten Thomas Jefferson. So kräftig nährt die Ideologie des »Empire of Liberty« den Landhunger ihres Advokaten, dass selbst indianisches Schicksal in der Vision vom Westen »aufgehoben« ist: Eine vorläufige Lösung für die anhaltenden Konflikte zwischen »Rot« und »Weiß« mag in der Umsiedlung der im Osten lebenden und auf ihre Eigenständigkeit bedachten »red brethren« – später als »red children« apostrophiert – in Transmississippi-Regionen zu finden sein; östlich des großen Stromes neuer Siedlungsraum für die Weißen, westlich davon eine garantierte Schutzzone für indianische Stämme, jedenfalls solange die embryonale US-Armee den Ansturm von Abenteurern und Landsuchenden an der Trennlinie aufhalten kann. Nicht zuletzt beflügeln aber auch genuin wissenschaftliche Motive die einschlägigen Intentionen Jeffersons. Der »Aufklärer« und produktive Dilettant auf fast allen Feldern der Wissenschaften offenbart ein unbändiges Interesse an Erweiterung und Vertiefung gesicherter Kenntnisse von der Beschaffenheit »Louisianas«, umso mehr, als man mit Blick auf das jüngst erworbene Territorium vorerst auf schiere Vermutungen angewiesen war. Er will seine Vision vom »Westen« – ein »Garten Eden«, eine Region, die im Wesentlichen die Gegebenheiten der östlichen Hälfte des Kontinents widerspiegelte – von den Realitäten bestätigen lassen, hofft, nicht bloß den geistigen Horizont seiner Landsleute weiten zu können, sondern mit der Expedition dem Menschheitswissen zu dienen. Nicht zufällig lesen sich seine Instruktionen an Meriwether Lewis wie das Inhaltsverzeichnis einer Enzyklopädie des amerikanischen Westens. Jefferson legt großen Wert auf ethnografische Erkundungen; die einschlägigen Nachforschungen des »Corps of Discovery« dürfen auf Jahrzehnte hinaus als umfassendste Bestandsaufnahme der »Native Americans« westlich des Mississippi, ihrer Sprachen, Traditionen und Lebensformen gelten. Geografische und geologische Kenntnisse gilt es über »Louisiana« zu erlangen, Flüsse und Berge sind zu kartografieren, mineralogische Vorkommen festzuhalten, astronomische und meteorologische Beobachtungen aufzuzeichnen, das Wissen um Fauna und Flora zu mehren – und manches andere dazu.

Verwundert es da nicht, dass der Präsident mit Meriwether Lewis, der bis dato gewiss keine wissenschaftlichen Meriten zu verzeichnen hatte, im unfertig-unwirtlichen Weißen Haus nicht bloß an langen Abenden einschlägige Pläne schmiedet, sondern ihn auch mit Leitung und Durchführung der Expedition beauftragt? Einem Briefpartner vertraut Jefferson die Aussichtslosigkeit an, »eine Persönlichkeit zu finden, die neben einer völligen Beherrschung der Botanik, Naturgeschichte, Mineralogie und Astronomie über eine kräftige Konstitution, Charakterstärke, Umsicht, geeignete Verhaltensweisen für das Leben in der Wildnis und Vertrautheit mit Sitten und Wesensart der Indianer verfügt, die für dieses Unternehmen erforderlich sind.« Während der Ausersehene die letzteren Eigenschaften uneingeschränkt besitze, eigne ihm, obwohl kein ausgebildeter Naturwissenschaftler, darüber hinaus eine scharfe Beobachtungsgabe, die es ihm gestatte, bislang Unbekanntes im Reich der Natur zu erkennen und zu beschreiben. Junge, leidensfähige Männer, keine Schreibtischgelehrten waren bei der Expedition gefragt, und was Lewis fehlte, würde ihm so gründlich, wie es die Kürze der Zeit erlaubte, von Wissenschaftlern in Philadelphia privatim eingetrichtert. »Er hat sich«, so der Briefschreiber, »für jene Ermittlungen von Längen- und Breitengraden qualifiziert, die notwendig sind, um die Geografie der eingeschlagenen Route zu fixieren«; es fehlt nicht viel, und Lewis wäre der amerikanische Alexander von Humboldt geworden.

Unterweisung durch Gelehrte und Experten war eines; da gab der Übervater Jefferson ganz selbstverständlich die Richtung vor. Die organisatorische Vorbereitung des kühnen Projekts war ein anderes; da hatte Lewis selbst die wesentlichen Entscheidungen zu treffen. Auf seinen Rat hin wurde ein Kokommandeur ernannt; William Clark, vier Jahre älter als Lewis, erfahrener »Grenzer«, Soldat und Captain einer Kompanie, in welcher der Jüngere 1795/96 als Fähnrich gedient hatte, wird sich durch sein ausgeglichenes Wesen, seine soldatischen Tugenden und kartografischen Fertigkeiten sowohl als Stützpfeiler des »Corps of Discovery« erweisen, als auch zum wissenschaftlichen Ertrag des Unternehmens beitragen. Die beiden Captains haben ein kongeniales Team gebildet, sich in ihren Stärken und Schwächen vollkommen ergänzt; ohne solche Harmonie wäre die Expedition schon frühzeitig gescheitert.

Nach mehrmonatigen Vorbereitungen im Jahre 1803 und dem Transport lebenswichtiger Expeditionsgüter den Ohio hinab bezieht die Truppe ein Winterlager am Ostufer des Mississippi nahe St. Louis. Am 14. Mai 1804 bricht das »Corps of Discovery« zur Reise in unbekannte Territorien auf. William Clark schreibt in sein Tagebuch: »Ich ließ 4 Uhr nachmittags im Beisein vieler Leute aus der Umgebung ablegen. Wir fuhren unter einer sanften Brise vier Meilen den Missouri hoch bis zum oberen Ende der ersten Insel …« Die Expeditionsmitglieder, vermutlich 50 an der Zahl, zeitweilig dienende Hilfskräfte eingeschlossen, ahnten an jenem 14. Mai, dass sie eine gefahrenträchtige Reise antraten. Einer von ihnen, der spätere Sergeant Patrick Gass vertraute seinen Reiseaufzeichnungen ihre Stimmung an. »Es war uns aus sicheren Nachrichten bekannt, dass das Land, das wir durchreisen sollten, von zahlreichen mächtigen und kriegerischen Völkern bewohnt wurde … Wenn wir dem Gerücht und einer allgemeinen Tradition Glauben beimessen wollten, so würden wir auch auf unserem Marsch durch völlig unübersteigliche Berge aufgehalten. Allein dagegen war die gesamte Truppe von Mut und Entschlossenheit beseelt. Es herrschte allgemein ein festes Vertrauen in die beiden Anführer, und wir selbst waren von dem Gefühl der Ehre und der Pflicht so lebendig durchdrungen, dass auch nicht die geringste Furcht oder Besorgnis Zugang in unsere Herzen fand.« Nur ein Einziger aus der bunten Truppe, die im Frühjahr 1805 zur »permanent party« reduziert wird – 34 Personen, die den gesamten Weg zum Pazifik und zurück bestehen, die zwei Captains, drei Sergeants, Soldaten, französische Bootsleute, Waldläufer und Dolmetscher, eine junge Indianerin, Sacagawea mit Mann und Baby, die im Winter 1804/05 zum Corps stoßen, der schwarze Yorck, Sklave William Clarks – ist nicht zurückgekehrt; am 20. August 1804 stirbt Sergeant Charles Floyd, wahrscheinlich an einer Bauchfellentzündung.

 

Schwer beladen setzen sich an jenem 14. Mai 1804 ein »keelboat« (Flussbarke) und zwei Pirogen flussaufwärts in Bewegung, transportieren Handelswaren und Geschenkartikel (für die zu erwartenden Begegnungen mit indianischen Völkern), Nahrungsmittel, Waffen, Schießpulver, Arzneien, wissenschaftliches Gerät, Schreibutensilien, Whiskey und Tabak nicht zu vergessen, zehn Tonnen wohl alles in allem – drei Boote, die durch Rudern, Staken, Ziehen, günstigenfalls durch Segeln in Fahrt gehalten werden, wobei die Besatzungen, Tag und Nacht von Moskitoschwärmen bis aufs Blut gequält, angesichts von Sandbänken, Treibholz, Unwettern, tückischen Winden und widrigen Strömungsverhältnissen Schwerstarbeit verrichten müssen. Da verwundert die Disziplin der Truppe, die sich im Fortgang der Expedition stetig verfestigt. Vereinzelte Desertionsversuche, aufrührerisches Verhalten oder die Vernachlässigung von Dienstpflichten in der Frühphase des Unternehmens werden von den Captains und ad hoc einberufenen Standgerichten streng bestraft; die Abschreckung wirkt ebenso wie das Vorbild der beiden Befehlshaber und die sich ausbreitende Erkenntnis der Notwendigkeit verlässlicher Loyalität und opferbereiter Pflichterfüllung als Voraussetzung für das Gelingen des Projekts.

Mit kaum zu erschütterndem Optimismus bestehen Lewis und Clark selbst äußerste Widrigkeiten; und bis zum Sommer 1805 wähnen sie sich auf einer Tour, die in einer halbwegs exakt kalkulierten Zeitspanne zu bewältigen sei. Man würde auf der ersten Etappe bis zu den Dörfern der Hidatsa- und Mandan-Indianer reisen, dem äußersten Punkt in »Louisianas« Nordwesten (beim heutigen Bismarck, der Hauptstadt von North Dakota gelegen), der wenigstens einer Handvoll französischer Händler und Trapper noch halbwegs bekannt war; dort würde man den Winter verbringen – wie es denn in der Tat im selbst erbauten »Fort Mandan« geschehen ist. Im Frühjahr 1805 sollte das »keelboat« mit der naturwissenschaftlichen Ausbeute der vergangenen Monate, den bis dahin gefertigten Landkarten und Tagebuchaufzeichnungen nach St. Louis zurückgeschickt werden. Die »permanent party« würde mit den Pirogen und selbst gefertigten Kanus weiter stromaufwärts in absolute »Terra incognita« möglichst bis zum Ursprung des Missouris vorstoßen, dann entweder die Boote in ein oder zwei Tagesmärschen über die kontinentale Wasserscheide der »Stony Mountains«, einem bescheidenen Bergrücken vom Höhenmaß der Appalachen, tragen oder für die Überquerung Pferde von den dort beheimateten Indianern vom Stamm der Shoshonen erwerben. An der Westflanke der »Stony Mountains« fände sich jener Fluss, vermutlich der Columbia, auf dem das »Corps« spätestens im Sommer 1805 den Pazifik erreichen könnte. Anschließend wäre rasch die Rückreise zur neuerlichen Überwinterung in »Fort Mandan« anzutreten, um schließlich im Frühjahr 1806 wieder St. Louis zu erreichen.

Es ist viel passiert zwischen 1804 und 1806, was die Fragwürdigkeit, mehr noch: den illusionären Charakter dieser und anderer Annahmen und Vermutungen offenbart hat. Die Tücken des Missouris und Naturgewalten haben ein viel bescheideneres Vorankommen erzwungen, als es die Planungen vorsahen. Einige »Indian nations«, besonders die von allen Missouri-Indianern gefürchteten Sioux, betrachteten das »Corps of Discovery« als unerwünschten Eindringling – die Botschaft ließ die Sioux kalt, die Meriwether Lewis ihnen verkündete. »Der weiße Vater hat uns Kriegshäuptlingen aufgetragen, diese lange Reise zu unternehmen …, um mit euch und seinen anderen roten Kindern an diesen trüben Wassern (dem Missouri, der Verf.) Rat zu halten, euch seine guten Ratschläge zu übermitteln und jenen Weg zu weisen, den ihr gehen müsst, um glücklich zu werden …« Auch die anschließenden Drohungen – die roten Kinder sollten den Einflüsterungen schlechter Menschen widerstehen, »damit sie nicht durch einen falschen Schritt das Missfallen des Großen Vaters« auf sich zögen, »der sie zerstören könnte, wie Feuer das Gras der Plains vernichtet« – beeindruckten den kriegerischen Stamm nicht. Die Konfrontation nahm Ende September 1804 bedrohliche Ausmaße an, verzögerte die Weiterfahrt und hätte ohne das mutige Agieren der beiden Captains zum gewaltsamen Konfliktaustrag mit unvorhersehbarem Ausgang geführt. Die Kunde vom energischen Auftreten des »Corps of Discovery« verbreitete sich wie ein Lauffeuer stromaufwärts; von Indianern hatte die Expedition fürs Erste nichts mehr zu befürchten.

Mit nahezu fünfzig Indianerstämmen ist die Truppe während ihrer Reise in Berührung gekommen; Sprachbarrieren zwischen diesen »sovereign nations« (Jefferson) wie zwischen den Indianern und dem »Corps« haben alle Verständigungsbemühungen erschwert. Entbehrungen und Strapazen nehmen in den Wintermonaten 1804/05 zu, die man im selbst gezimmerten »Fort Mandan« in Nachbarschaft zu den fünf Mandan- und Hidatsa-Dörfern verbringt. Ohne die Maislieferungen der ansässigen Indianer, mit denen sich ein freundschaftlicher Verkehr anbahnte, hätte der Hunger die Truppe im Fort noch stärker geschwächt, deren Kräfte in Eiseskälte und Winterstürmen ohnehin rapide schwanden.

Dass sie sich nicht hat unterkriegen lassen, sondern sich in verringerter Zahl – ein Teil der Truppe kehrt mit dem »keelboat« nach St. Louis zurück – und voller Zuversicht im April 1805 mit den zwei Pirogen und sechs selbst gefertigten Kanus wieder dem Fluss anvertraut, signalisiert ein Tagebucheintrag von Meriwether Lewis: »Diese kleine Flotte, obzwar nicht ganz so eindrucksvoll wie die von Columbus oder Kapitän Cook, wurde von uns dennoch mit ebenso großem Vergnügen betrachtet, wie die zu Recht berühmten Abenteurer die ihrigen gesehen haben … Wir schickten uns jetzt an, ein Gebiet zu durchdringen, mindestens zweitausend Meilen weit, das noch kein Fuß eines zivilisierten Menschen je betreten hatte. Welches Gut oder Übel es für uns enthalten würde, musste sich im Fortgang unserer Reise erweisen …«

Bald aber muss die Hochstimmung wieder stärkste Belastungsproben ertragen. Verborgene Sandbänke, gefährliche Flusswirbel und tückische Winde treiben einzelne Boote an den Rand des Kenterns, Begegnungen mit Grizzlybären machen aus den Jägern rasch Gejagte; der Oberlauf des Missouris erweist sich als kaum noch schiffbar, die »Great Falls« des Stroms sind majestätisch schön, aber von solchen Ausmaßen, dass ihre Umgehung viele Tage verschlingt und die Männer bis zur totalen Entkräftung fordert. Spätestens im August 1805, als Meriwether Lewis auf der kontinentalen Wasserscheide am Lemhi-Pass, an der Grenze zwischen den künftigen Staaten Montana und Idaho, steht, »von wo aus ich immense Ketten hoher Berge, immer noch weiter westlich von uns, sah, deren Spitzen teilweise mit Schnee bedeckt waren«, muss das »Corps of Discovery« der Hoffnung Valet sagen, es gebe eine direkte Wasserstraße über den Kontinent via Missouri und Columbia. Die Begegnung mit den Shoshonen verläuft positiv und ermöglicht den Kauf von Pferden; aber Marsch und Ritt durch die Bitterroot Mountains, einer endlos erscheinenden Häufung von winterlichen Schluchten und Bergrücken, erweisen sich als wahres Martyrium. Erst nach Wochen erreicht die Truppe halb erfroren, fast verhungert, von Krankheit und Entbehrungen ausgezehrt, die Ebenen Idahos und verdankt ihr Überleben indianischer Hilfsbereitschaft, dem Wohlwollen der Nez Percé. Der Columbia – da und dort mit den rasch gefertigten Kanus nur unter Mühen passierbar, sein Mündungsgebiet, Anfang November 1805 erreicht, ganz und gar unwirtlich. »Fort Clatsop«, das improvisierte Winterlager, beim heutigen Astoria in Oregon gelegen, ersäuft fast im Regen; grassierende Krankheiten, die Monotonie des Lagerlebens und die unzulängliche Nahrung machen dem »Corps« schwer zu schaffen. Ende März 1806 tritt die Truppe den Heimweg an; vom Umstand abgesehen, dass kein Schiff gesichtet worden war, verboten auch die Fährnisse der Landroute ihre ursprünglich geplante Aufteilung. Wieder erweist sich die »Bitterroot«-Kette als nahezu unüberwindbares Hindernis; erst Ende Juni gelingt mit indianischer Hilfe die Überquerung. Die zeitweilige Trennung der Captains samt Truppe – Clark folgt dem Lauf des Yellowstone, Lewis erforscht den Marias River zur britisch-kanadischen Grenze hin, – beschwört neue Krisen herauf. So gerät Lewis mit einigen Soldaten an eine Gruppe von Blackfeet und muss Fersengeld geben, nachdem zwei Indianer beim Diebstahl ertappt und getötet worden sind. Die Wiedervereinigung der Truppe am Zusammenfluss von Yellowstone und Missouri setzt noch einmal ausreichend Kräfte frei, um schließlich am 23. September 1806 wieder St. Louis zu erreichen, wo die Verschollenen oder Totgeglaubten mit Jubel empfangen werden.

Ungefähr 8000 Meilen hatte die Truppe bei der Rückkehr nach St. Louis zurückgelegt, William Clark die Wegstrecke mit schlichter Technik und indianischer Mithilfe erstaunlich genau ermittelt. Die Kosten des Unternehmens hatten sich über die Jahre hinweg vervielfacht. Wo Jefferson beim amerikanischen Kongress ursprünglich um die Bewilligung von 2500 Dollar nachgesucht hatte, beliefen sich die Gesamtausgaben schließlich auf 38 000 Dollar. Ob dieses Geld gut angelegt war, ist noch einige Jahre lang zwischen den »Jeffersonians« und der oppositionellen »Föderalisten«-Partei umstritten geblieben.

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