Das Werk der Artamonows

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»Er wird kein zärtlicher Mann werden.«

Einmal, als sie die Treppe herunterkam, hörte sie unten im Flur die Stimme der Tochter:

»Geht ihr wieder auf Bärenjagd?«

»Wir haben die Absicht. Warum?«

»Es ist so gefährlich. Ein Bär hat doch mal Alexej verwundet!«

»Das ist seine eigene Schuld! Man darf eben nicht hitzig werden. – Sie denken also an mich?«

»Ich habe von Ihnen gar nichts gesagt.«

»So eine Schelmin!« dachte die Mutter, lachend und seufzend. »Und er ist ein Einfaltspinsel.«

Ilja Artamonow sagte ihr immer beharrlicher: »Beeile dich mit der Hochzeit, sonst beeilen sie sich selbst.«

Sie sah, daß Eile not tat. Das Mädchen schlief des Nachts schlecht und konnte ihr körperliches Sehnen nicht mehr verbergen. Zu Ostern brachte sie sie wieder ins Kloster, und als sie einen Monat später heimkehrte, sah sie, daß ihr bis dahin vernachlässigter Garten schön gepflegt war: die Wege waren gejätet, die Baumflechten entfernt, die Beerensträucher beschnitten und festgebunden, und alles war von einer erfahrenen Hand ausgeführt. Als sie den Weg zum Fluß hinunterging, bemerkte sie, daß Nikita, der Bucklige, den vom Frühlingshochwasser unterwaschenen Zaun ausbesserte. Unter dem langen, bis an die Knie reichenden Leinenhemd ragte kläglich der knochige Buckel in die Höhe, der den großen Kopf mit den schlichten hellen Haaren fast verbarg; Nikita hatte sie mit einem Birkenzweig festgebunden, damit sie ihm nicht ins Gesicht fielen. Er erschien inmitten des saftigen Grüns grau und erinnerte an einen alten Einsiedler, der sich bis zur Selbstvergessenheit von der Arbeit hinreißen läßt; er schwang die in der Sonne silbern schimmernde Axt, hieb geschickt einen Pfahl zurecht und sang leise, mit der dünnen Stimme eines Mädchens etwas Kirchliches. Hinter dem Zaun schimmerte grünlich das seidige Wasser, auf dem goldene Sonnenreflexe wie Karauschen spielten.

»Gott zum Gruß!« sagte Uljana mit einer ihr selbst unerwarteten Rührung. Nikita strahlte sie mit dem sanften Leuchten seiner blauen Augen an und erwiderte freundlich:

»Gott zur Hilfe!«

»Hast du den Garten so hergerichtet?«

»Ja.«

»Das hast du aber schön gemacht. Liebst du Gärten?«

Er erzählte kniend in kurzen Worten, sein Herr habe ihn mit neun Jahren zum Gärtner in die Lehre gegeben, und jetzt sei er neunzehn.

»Er ist bucklig, scheint aber nicht böse zu sein«, dachte Uljana.

Als sie am Abend mit ihrer Tochter oben Tee trank, erschien Nikita mit einem Blumenstrauß in der Hand und mit einem Lächeln auf seinem gelblichen, häßlichen, unfrohen Gesicht.

»Belieben Sie diesen Strauß anzunehmen!«

»Wozu das?« staunte die Bajmakowa und betrachtete mißtrauisch die hübsch zusammengestellten Blumen und Gräser. Nikita erklärte ihr, er hätte bei seiner Herrschaft jeden Morgen der Fürstin Blumen bringen müssen.

»So?« sagte die Bajmakowa und hob, leicht errötend, stolz den Kopf.

»Sehe ich denn aus wie eine Fürstin? Sie war wohl sehr schön?«

»Sie sind es ja auch!«

Die Bajmakowa dachte, noch heftiger errötend:

»Am Ende hat der Vater es ihm beigebracht?« –»Nun, also ich danke für die Ehre«, sagte sie, lud Nikita aber nicht zum Tee ein, und als er fort war, dachte sie laut:

»Er hat schöne Augen, – die sind nicht vom Vater, sondern wohl von der Mutter.«

Und sie seufzte:

»Es scheint unser Schicksal zu sein, mit ihnen zu leben.«

Sie redete Artamonow nicht allzusehr zu, mit der Hochzeit bis zum Herbst zu warten, damit das Jahr seit dem Sterbetag ihres Mannes um wäre, sondern erklärte mit Entschiedenheit dem Gevatter:

»Laß du aber dabei deine Hand aus dem Spiel, Ilja Wasiljewitsch! Ich will alles nach unserer schönen, alten Sitte machen. Das ist auch für dich gut: du kommst dadurch mit einemmal unter unsere angesehensten Leute und wirst von allen beachtet werden.«

»Nun,« brummte Artamonow stolz, »man sieht mich auch ohnehin von weitem.«

Sein Hochmut verletzte sie, und sie sprach:

»Man liebt dich hier nicht.«

»Nun, dann wird man mich eben fürchten!«

Und er fügte lächelnd, mit Achselzucken, hinzu:

»Auch Pjotr kommt mir immer mit dieser – Liebe. Ihr seid wunderliche Leute … «

»Ich werde auch schon merklich von dieser Abneigung berührt.«

»Beunruhige dich nicht, Gevatterin!«

Artamonow hob seine lange Pranke und preßte die Finger so fest zur Faust zusammen, daß sie rot wurden.

»Ich verstehe es, die Menschen klein zu kriegen! Man wird nicht lange um mich herumspringen, – ich komme auch ohne Liebe aus … «

Sie schwieg und dachte mit banger Unruhe:

»Was ist er für ein wildes Tier.«

Nun war ihr gemütliches Haus von den Freundinnen der Tochter, Mädchen aus den besten Familien der Stadt, bevölkert; sie trugen alle altertümliche Brokatsarafane, mit weißen, blasenförmigen Ärmeln aus Mull und dünnem Leinen, mit Einsätzen und mordwinischer Seidenstickerei, und mit Spitzen an den Handgelenken. Sie hatten ziegenlederne oder Saffianschuhe an und hatten sich Bänder in die langen Mädchenzöpfe geflochten. Die Braut erstickte schier in dem schweren Sarafan aus Silberbrokat mit vergoldeten, durchbrochenen Knöpfen vom Kragen bis zum unteren Saum und in dem Umhang aus Goldbrokat, mit weißen und blauen Bändern um die Schultern. Wie zu Eis erstarrt sitzt sie in der vorderen Ecke der Stube, wischt sich mit dem Spitzentuch das schweißige Gesicht und führt laut den Chor an:

»Über die Wiesen, die grü–ünen,

Über die Blumen, die blauen,

Strömt das Frühlingsgewässer,

Die kühle, ach, die trübe Flut … «

Die Freundinnen fallen klangvoll und einig in das ersterbende Stöhnen der Mädchenklage ein:

»Mich, Jungfrau, schickt man

Wasser zu holen,

Barfuß und unbeschuht,

Ach, nackend und ohne Kleid … «

Alexej lacht und schreit, unsichtbar in dem Haufen der Mädchen:

»Das ist ein komisches Lied! Man hat das Mädchen in Brokat gesteckt wie eine Pute in einen Blecheimer, und ihr schreit: nackend und ohne Kleid!«

Nikita sitzt in der Nähe der Braut; sein neues, blaues Wams ist ihm häßlich, lächerlich vom Buckel in den Nacken gerutscht, seine blauen Augen sind weit geöffnet und blicken Natalia so seltsam an, als fürchtete er, das Mädchen würde sich gleich in nichts auflösen und verschwinden. In der Tür steht, den Rahmen ganz ausfüllend, Matriona Barskaja, rollt die Augen und läßt ihren tiefen Baß ertönen:

»Ihr jammert zu wenig beim Singen, Mädchen!«

Sie macht einen weiten Pferdeschritt und schärft streng ein, wie man nach altem Herkommen zu singen hat, und wie man mit Zittern und Zagen sich zur Trauung vorbereitet.

»Es heißt; ›beim Manne sitzest du wie hinter einer steinernen Mauer‹. Merkt es euch aber: die Mauer ist stark, man kann sie nicht durchhauen, sie ist hoch, man kann nicht hinüberspringen!«

Doch die Mädchen hören ihr nicht recht zu; im Zimmer ist es eng und heiß, sie stoßen die Alte weg und laufen auf den Hof hinaus in den Garten. In ihrer Mitte erscheint, wie eine Biene unter Blumen, Alexej in einem goldfarbenen Seidenhemd und in Pluderhosen aus Plüsch; er ist lustig und lärmt wie ein Betrunkener.

Die Barskaja wirft gekränkt die dicken Lippen auf, glotzt ringsum und begibt sich, den Saum ihres Damastrockes vorn hochhebend, nach oben zu Uljana, der sie prophezeit:

»Deine Tochter ist fröhlich, das ist gegen Vorschrift und Sitte. Fröhlicher Anfang bedeutet ein böses Ende.«

Die Bajmakowa stöbert besorgt im großen, eisenbeschlagenen Koffer herum, vor dem sie kniet; neben ihr, auf der Erde und auf dem Bett ist, wie in einer Jahrmarktsbude, ein Durcheinander von Damast- und Taffetstücken, von Moskauer Kattun, Kaschmirschals, Bändern und gestickten Handtüchern, ein breiter Sonnenstrahl fällt auf die grellen Stoffe, und sie leuchten in bunten Farben wie eine Wolke im Abendrot.

»Es gehört sich für den Bräutigam nicht, vor der Trauung im Hause der Braut zu wohnen. Die Artamonows sollten ausziehen … «

»Das hättest du vorher sagen sollen, jetzt ist es zu spät«, brummt Uljana, über den Koffer geneigt, um ihr gekränktes Gesicht zu verbergen, und sie hört die Baßstimme:

»Es hieß von dir, du wärest klug, darum schwieg ich. Ich dachte, du kämst von selbst darauf. Was macht es mir? Für mich handelt es sich nur darum, die Wahrheit zu sagen; wenn die Menschen sie auch nicht annehmen wollen, rechnet der Herrgott es mir doch an.«

Die Barskaja steht wie ein Monument da, ohne den Kopf zu bewegen, als wäre er eine bis an den Rand mit Weisheit gefüllte Schale. Da sie keine Antwort erhält, schiebt sie sich zur Tür hinaus, während Uljana in dem farbigen Feuer der Gewebe kniet und sehnsüchtig und ängstlich flüstert:

»Herr – hilf! Nimm mir nicht den Verstand.«

Wieder ein Rascheln an der Tür, sie steckt eilig den Kopf in den Koffer, um die Tränen zu verbergen. Nikita erscheint:

»Natalia Jewsewna schickt mich, um nachzufragen, ob Sie nicht irgendwelche Hilfe benötigen.«

»Ich danke, mein Lieber … «

»Olgunka Orlowa hat sich in der Küche mit Sirup begossen.«

»So, was du nicht sagst? Ein kluges Mädelchen, –das wäre eine Braut für dich … «.

»Wer würde mich denn nehmen ? … «

Und im Garten unter der Linde sitzen am runden Tisch beim Bier Ilja Artamonow, Gawrila Barski, der Taufpate der Braut, Pomialow, der Lederhändler Shitejkin, ein Mensch mit leeren Augen, und der Stellmacher Woroponow. An den Stamm der Linde gelehnt, steht Pjotr, seine dunklen Haare sind reichlich eingefettet, und der Kopf erscheint wie aus Eisen, – er lauscht ehrerbietig der Unterhaltung der Älteren.

 

»Ihr habt andere Sitten«, sagt der Vater nachdenklich, und Pomialow prahlt:

»Wir sind ja hier das erbeingesessene Volk, wir sind Großrussen!«

»Auch wir sind nicht von heute.«

»Wir haben uralte Gebräuche … «

»Es sind viele Mordwinen und Tschuwaschen da … «

Kreischend, lachend und sich drängend liefen die Mädchen in den Garten, umringten den Tisch als ein bunter Kranz von Sarafans und begannen das Preislied:

»Heil, Ilja Wasiljewitsch,

Verehrter Gevatter,

Auf der ersten Stufe brichst du dir ein Bein,

Auf der zweiten Stufe brichst du dir das zweite,

Aber auf der dritten brichst du dir den Kopf.«

»Das soll ein Preislied sein!« rief Artamonow erstaunt, sich an seinen Sohn wendend. Pjotr lächelte vorsichtig, betrachtete die Mädchen und zupfte sich am Ohr.

»Hör' nur zu!« rief Barski lachend.

»Noch zu wenig ist's für ihn,

Für den Mädchenräuber … «

»Noch zu wenig?« rief Artamonow erregt und sichtlich verlegen und klopfte mit den Fingern auf den Tisch.

Und die Mädchen singen erregt:

»Man schleife dich mit der scharfen Egg'

Man stürze dich vom Berg auf Gestein,

Auf daß du uns nicht betrügst,

Und nicht lobst, nicht preist,

Die fernen, fremden Länder,

Die menschenleeren Dörfer, –

Sie sind mit Kummer besät

Und mit Tränen begossen … «

»Das ist es also!« rief Artamonow beleidigt. »Nun, Mädchen, seid nicht böse, ich werde aber doch mein Land preisen: wir haben sanftere Sitten, und unser Volk ist freundlicher. Wir haben sogar einen Spruch: ›Die Swapa und Usosha fließen in den Sejm, Gott sei gepriesen, aber nicht in die Oka!‹«

»Na warte nur, du kennst uns noch nicht«, sagte Barski halb prahlend, halb drohend. »Nun, beschenke die Mädchen!«

»Wieviel soll ich ihnen geben?«

»Soviel du ihnen im Herzen gönnst.«

Als Artamonow den Mädchen aber zwei Silberrubel gab, sagte Pomialow zornig:

»Du hast eine lockere Hand, du Protz!«

»Es ist schwer, es euch recht zu machen!« schrie Ilja auch zornig, und Barski brach in ein dröhnendes Gelächter aus, während Shitejkins Lachen kurz und scharf die Luft durchdrang.

Der Polterabend endete beim Morgengrauen. Die Gäste waren gegangen, fast alle im Hause schliefen. Artamonow saß mit Pjotr und Nikita im Garten, glättete sich den Bart und sprach leise, während seine Augen durch den Garten schweiften und über die rosigen Wolken glitten:

»Ein herbes Volk! Ein unfreundliches Volk! Petrucha, du mußt alles tun, was deine Schwiegermutter will; wenn es auch Weiberdummheiten sein sollten, es muß trotzdem geschehen! Begleitet Alexej die Mädchen? Den Mädchen ist er angenehm, den Burschen aber nicht. Barskis Söhnchen wirft ihm böse Blicke zu … jawohl! Du mußt freundlicher sein, Nikita, du verstehst das. Du mußt deinem Vater als Kitt dienen; wenn durch mich irgendwo ein Sprung entsteht, mußt du ihn verschmieren.«

Er blickte mit einem Auge in die große Holzkanne und fuhr mürrisch fort:

»Sie haben alles ausgesoffen; sie trinken wie Pferde. Was meinst du, Pjotr?«

Der Sohn ließ den seidnen Gürtel, ein Geschenk der Braut, durch die Hände gleiten und sagte leise:

»Im Dorf ist es einfacher und ruhiger zu leben.«

»Ja … es ist am einfachsten, wenn man den Tag durchschläft … «

»Sie ziehen die Hochzeit so hinaus … «

»Gedulde dich.«

Endlich brach der große und schwere Tag für Pjotr an. Pjotr sitzt in der Vorderecke der Stube und weiß, daß seine Stirne finster zusammengezogen und gerunzelt ist, er fühlt, daß ihn das in den Augen der Braut nicht verschönt; er kann aber die Brauen nicht voneinander trennen, als wären sie mit einem festen Faden zusammengenäht. Er blickt die Gäste unfreundlich an und schüttelt das Haar; Hopfen wird auf den Tisch und auf Natalias Brautschleier gestreut, auch sie läßt den Kopf hängen und schließt müde die Augen; sie ist sehr bleich, ängstlich wie ein Kind und zittert vor Scham.

»Bitter!« brüllen zum zwanzigsten Male die roten, haarigen, grinsenden Fratzen.

Pjotr wendet sich mit steifem Hals wie ein Wolf um, hebt den Schleier und stößt die trockenen Lippen und die Nase gegen ihre Wange, wobei er die Atlaskühle ihrer Haut und das ängstliche Zittern der Schulter fühlt; Natalia tut ihm leid, und auch er schämt sich, während der dichte Ring der angeheiterten Menschen brüllt:

»Der Bursche versteht es nicht!«

»Richtig auf die Lippen!«

»Ach, ich würde schon richtig küssen … «

Eine betrunkene Frauenstimme kreischt:

»Ich werde dich das Küssen schon lehren!«

»Bitter!« brüllt Barski. Pjotr beißt die Zähne zusammen und berührt die feuchten, zitternden Lippen des Mädchens. Sie ist ganz weiß und scheint wie eine Wolke in der Sonne hinzuschmelzen. Sie sind beide hungrig, man hat ihnen seit gestern nichts zu essen gegeben. Von der Aufregung, von dem scharfen Alkoholgeruch und von zwei Gläsern Donschaumwein fühlt Pjotr sich trunken und fürchtet, seine junge Frau könnte es merken. Alles ringsum wogt und verschwimmt zu einem bunten Haufen, um dann nach allen Seiten zurückzufluten und sich in die roten Blasen unangenehmer Fratzen zu verwandeln. Der Sohn betrachtet zornig und flehend den Vater, Ilja Artamonow ist zerzaust und feuerrot und schreit, in das rosige Gesicht der Bajmakowa blickend:

»Gevatterin, wir wollen mit Met anstoßen! Dein Met ist so süß wie die Hausfrau selbst … «

Sie streckt den vollen weißen Arm aus, das goldene Armband mit den bunten Steinen funkelt in der Sonne, und auf der hohen Brust schillern wie Wassertropfen die Perlen. Auch sie hat getrunken, in ihren grauen Augen spielt ein schmachtendes Lächeln, und die halbgeöffneten Lippen bewegen sich verführerisch. Nach dem Anstoßen trinkt sie und verneigt sich vor dem Gevatter, der entzückt den zottigen Kopf schüttelt und brüllt:

»Was du für eine Art hast, Gevatterin! Ein fürstliches Gehaben, Gott strafe mich!«

Pjotr begreift dunkel, daß der Vater sich ungehörig benimmt; er fängt wachsam im betrunkenen Brüllen der Gäste Pomialows höhnische Rufe, die vorwurfsvolle Baßstimme der Barskaja und Shitejkins dünnes Lachen auf. »Das ist keine Hochzeit, sondern ein Gericht«, denkt er und hört:

»Schaut, wie dieser Teufel die Uljana betrachtet, ach, ach!«

»Es kommt noch zu einer Hochzeit, aber ohne Popen … «

Diese Worte dringen ihm für einen Augenblick ins Ohr, er vergißt sie aber sogleich, wenn Natalia ihn mit dem Knie oder dem Ellbogen berührt und in seinem ganzen Körper ein unruhiges Sehnen hervorruft. Er bemüht sich, sie nicht anzublicken und hält den Kopf unbeweglich; er kann aber mit seinen Augen nicht fertig werden, die hartnäckig zu ihr hinüberschielen.

»Wird das bald ein Ende haben?« flüstert er. Natalia antwortet ebenso:

»Ich weiß nicht.«

»Man muß sich ja schämen … «

»Ja«, hört er und freut sich, daß seine junge Frau ebenso wie er fühlt.

Alexej ist bei den Mädchen, sie schmausen im Garten; Nikita sitzt neben dem langen Popen, der einen nassen Bart, und kupferfarbige Augen im pockennarbigen Gesicht hat. Vom Hof und von der Straße schauen die Stadtbewohner zu den offenen Fenstern herein, Dutzende von Köpfen bewegen sich in der blauen Luft und lösen einander jeden Augenblick ab; die geöffneten Mäuler flüstern, zischen, schreien; die Fenster scheinen Säcke zu sein, aus welchen diese lärmenden Köpfe sofort wie Melonen ins Zimmer rollen werden. Nikita fällt besonders der Kopf des Erdarbeiters Tichon Wialow auf; dessen Gesicht hatte breite Backenknochen, rote Flecken und war mit rötlichem, dichten Haar bewachsen. Die auf den ersten Blick farblos erscheinenden Augen flimmerten seltsam und zwinkerten, es bewegten sich aber nur die Pupillen, während die Wimpern regungslos blieben. Auch die dünnen, eigensinnig aufeinander gepreßten Lippen des nicht zu großen, vom krausen Schnurrbart nur leicht verhüllten Mundes waren regungslos. Die Ohren lagen aber häßlich an dem Schädel an. Dieser Mensch stützte sich mit der Brust auf das Fensterbrett und lärmte und schimpfte nicht, wenn man ihn wegzustoßen versuchte, sondern er schob die andern mit einer leisen Bewegung der Achseln und Ellenbogen weg. Seine Schultern waren hoch gewölbt, der Hals verschwand in ihnen und der Kopf wuchs gleichsam aus der Brust heraus, so daß auch er bucklig erschien, und Nikita glaubte in seinem Gesicht etwas Einnehmendes und Gütiges zu sehen.

Ein krummbeiniger Bursche schlug unerwartet und laut ins Tamburin und strich mit dem Finger fest über das Leder; das Tamburin weinte und dröhnte, jemand pfiff und breitete eine zweireihige Harmonika auf den Knien aus, und sogleich drehte sich und stampfte mitten im Zimmer der kleine, rundliche und lockige Brautführer Stepascha Barski und schrie im Takt der Musik:

»He, ihr Mädchen, meine Gegnerinnen,

Schelminnen und Reigentänzerinnen!

Hört ihr meiner Münzen helles Klingen,

Tretet vor und stellt euch vor mich hin!«

Sein Vater richtete sich in seiner ganzen riesigen Größe auf und brüllte:

»Stepascha! Blamiere nicht die Stadt, zeig' es jenen Hühnchen!«

Da sprang Ilja Artamonow auf, schüttelte den wie einen Besen zerzausten Kopf, das Blut strömte ihm ins Gesicht, die Nase war rot wie eine Kohle, und er brüllte Barski ins Gesicht:

»Wir sind keine Hühnchen, wir stammen aus Kursk! Wir wollen noch sehen, wer beim Tanzen den kürzeren zieht! Aljoscha!«

Alexej strahlte, als wäre er lackiert, betrachtete lächelnd den Driomower Tänzer und ging, auf einmal erbleichend, unfaßbar schnell und auf Mädchenart kreischend los.

»Er kennt keine Reime!« schrien die Driomower, und sofort ertönte Artamonows verzweifeltes Brüllen:

»Aljoscha, ich bringe dich um!«

Ohne stehenzubleiben und im Herumwirbeln innezuhalten, steckte Alexej zwei Finger in den Mund, pfiff gellend und sprach klangvoll: »Bei dem Herren, bei Mokejen Waren fünferlei Lakaien, Aber jetzt ist Herr Mokej Selber auch nur ein Lakai!«

»Da habt ihr's!«, brüllte Artamonow triumphierend.

»Oho!« rief der Pope vielsagend und schüttelte mit erhobenem Finger den Kopf.

»Alexej wird euren Burschen in Grund und Boden tanzen«, sagte Pjotr zu Natalia. Sie antwortete schüchtern:

»Er ist so leichtfüßig.«

Die Väter hetzten die Söhne wie Kampfhähne aufeinander, sie standen halb betrunken Schulter an Schulter beieinander, der eine war groß und plump wie ein Mehlsack, und aus seinen schmalen, roten Ritzen unter den Brauen flossen reichlich die Tränen trunkenen Entzückens. Der andere hatte sich gestrafft, als wäre er im Begriff loszuspringen, bewegte die langen Arme, streichelte sich die Hüften und seine Augen blickten wie wahnsinnig. Pjotr sah, daß sich der Bart des Vaters auf den Backenknochen bewegte und sagte sich:

»Er knirscht mit den Zähnen. Gleich haut er auf jemanden los… «

»Der Artamonowsche tanzt häßlich!«, ertönte die Trompetenstimme der Matriona Barskaja. »Er tanzt kläglich! Ohne Figuren!«

Ilja Artamonow lacht ihr ins dunkle, wie eine Pfanne runde Gesicht und in die breite Nase hinein, – Alexej hat gesiegt, Barskis Sohn wankt zur Tür, während Ilja die Bajmakowa grob bei der Hand packt und befiehlt:

»Nun, Gevatterin, komm heraus!«

Sie wehrt bleich mit der freien Hand ab und versucht zornig und bestürzt sich loszureißen:

»Was hast du! Ziemt es sich denn für mich ? Was fällt dir ein?«

Die Gäste verstummten schmunzelnd, Pomialow wechselte mit der Barskaja einen Blick, und seine Worte zischten schmalzig:

»Nun, das macht nichts! Erfreue uns, Uljana, tanze! Gott wird verzeihen… «

»Ich nehme die Sünde auf mich!« schrie Artamonow. Er schien nüchtern zu werden, zog die Stirne kraus, als hätte er einen Kampf zu bestehen, und bewegte sich gleichsam gegen seinen Willen. Die Bajmakowa wurde ihm entgegengeschoben, die angeheiterte Frau wankte, stolperte, richtete sich dann auf, warf den Kopf zurück und drehte sich im Kreise.

Pjotr hörte erstauntes Geflüster:

»Ach, du mein Gott! Der Mann hegt noch nicht einmal ein Jahr unter der Erde, sie hat aber schon die Tochter verheiratet und tanzt selber!«

Er sah seine Frau nicht an, fühlte aber, daß sie sich für die Mutter schämte und murmelte:

»Der Vater sollte nicht tanzen.«

»Auch die Mutter sollte das nicht tun«, erwiderte sie leise und traurig. Sie war auf die Bank gestiegen und blickte über die Köpfe der einen dichten Kreis bildenden Menschen hinweg, sie verlor das Gleichgewicht und hielt sich mit der Hand an Pjotrs Schulter fest.

 

»Vorsicht«, sagte er freundlich, ihren Ellbogen stützend.

Durch die offenen Fenster schwebte über den Häuptern der Zuschauer der Widerschein der Abendröte herein, und in diesem rötlichen Licht drehten sich der Mann und die Frau wie Blinde. Im Garten, im Hof und auf der Straße hörte man lachen und schreien, im schwülen Zimmer wurde es aber immer stiller. Das straff gespannte Leder des Tamburins erklang in seltsam dumpfen Tönen, die Harmonika dröhnte, und die beiden flogen noch immer, wie von Flammen erfaßt, krampfhaft im engen Kreise der Burschen und Mädchen herum. Diese sahen dem Tanze schweigend und ernst zu, als handelte es sich um eine außerordentlich wichtige Angelegenheit, die gesetzten Leute waren teilweise in den Hof gegangen, und es blieben nur die Benebelten und die vor Trunkenheit gänzlich Unbeweglichen zurück.

Artamonow stampfte noch einmal auf und hielt inne:

»Nun, du hast mich ganz atemlos gemacht, Uljana Iwanowna!«

Die Frau zuckte zusammen, blieb auch plötzlich wie vor einer Mauer stehen und sagte, sich vor allen im Kreise verneigend:

»Nehmt es mir nicht übel.«

Sie fächelte sich mit dem Taschentuch und verließ sogleich das Zimmer, in das sich statt ihrer die Barskaja hineinschob:

»Das Paar muß jetzt getrennt werden! Nun, Pjotr, komm zu mir; Bräutigamsführer, faßt ihn bei den Händen!«

Der Vater stieß die Führer weg und umschlang die Schultern seines Sohnes mit den langen, schweren Armen:

»Nun geh', Gott gebe dir Glück! Wir wollen einander umarmen!«

Er schob ihn fort, die Führer faßten ihn unter den Armen, die Barskaja ging voran und murmelte, nach allen Seiten ausspuckend:

»Pfu, pfu! Keine Krankheit, kein Kummer, kein Neid, keine Unehre, pfu! Feuer, Wasser Zur rechten Zeit, nicht zum Unheil, zum Glück!«

Als Pjotr ihr in Natalias Zimmer folgte, in dem ein prunkvolles Bett vorbereitet war, ließ sich die Alte schwer auf einen Stuhl mitten im Zimmer sinken.

»Höre und vergiß es nicht!« sprach sie feierlich. »Da hast du zwei halbe Rubel, leg sie unter die Fersen, in die Stiefel; wenn Natalia kommt und dir die Stiefel ausziehen will, laß es sie nicht tun … «

»Wozu ist das ?« fragte Pjotr finster.

»Das ist nicht deine Sache. Dreimal weigerst du dich, beim viertenmal erlaubst du es ihr; sie wird dich dreimal küssen, dann gib ihr die Münzen und sprich: 'ich schenke es dir, meine Sklavin, mein Schicksal!' Vergiß es nicht! Zieh dich dann aus und leg dich mit dem Rücken zu ihr hin, sie wird dich aber bitten: 'laß mich zu Bett gehen!' Dann mußt du schweigen und ihr erst beim drittenmal die Hand hinstrecken. Hast du verstanden ? Nun, und dann… «

Pjotr blickte erstaunt in das breite, dunkle Gesicht seiner Lehrmeisterin. Sie leckte sich, mit geblähten Nüstern, die Lippen, wischte sich mit dem Tuch das fette Kinn und den Hals und sprach deutlich rohe, schamlose Worte, indem sie zum Abschied wiederholte: »Glaube ihrem Schreien und Weinen nicht«, dann wankte sie aus dem Zimmer und ließ einen Schnapsgeruch zurück, Pjotr bekam aber einen Zornanfall, – er riß sich die Stiefel von den Füßen, schleuderte sie unter das Bett, entkleidete sich rasch und sprang auf das Lager wie auf ein Pferd. Er biß die Zähne zusammen und fürchtete, infolge der allzu großen Kränkung, die an ihm würgte, in Tränen auszubrechen.

»Diese Teufel!«

Auf den Daunenbetten war es heiß; er sprang auf die Erde, trat ans Fenster und riß es auf, aus dem Garten klang ihm betrunkenes Schreien, Lachen und Mädchengekreisch entgegen; im bläulichen Dunkel, zwischen den Bäumen irrten schwarze menschliche Gestalten herum. Die dünne Spitze des Nikolausturmes stach wie ein Finger aus Messing in den Himmel; es war kein Kreuz darauf, man hatte es zum Vergolden abgenommen. Hinter den Häuserdächern schimmerte traurig die Oka, über der ein Stück des Mondes dahinschmolz – und in der Ferne lagen die schwarzen Massen endloser Wälder. Ihm fiel ein anderes Land ein, – die weite Erde goldener Äcker; er seufzte, auf der Treppe wurde gestampft und gekichert; er sprang wieder ins Bett, die Tür ging auf, es raschelten seidene Bänder, Schuhe knarrten, jemand weinte unter Aufschluchzen; es klappte der vorgelegte Türhaken. Pjotr hob behutsam den Kopf, im Dunkel stand eine weiße Gestalt an der Tür, bewegte gemessen die Hand und verneigte sich fast bis zur Erde.

»Sie betet. Und ich habe nicht gebetet.«

Er hatte aber nicht den Wunsch zu beten.

»Natalia Jewsejewna,« begann er leise, »fürchte dich nicht. Ich habe selbst Angst. Ich bin ganz matt.«

Er strich sich mit beiden Händen die Haare glatt, zupfte sich am Ohr und murmelte:

»Das ist alles nicht nötig, das Stiefelausziehen und all das. Das ist Unsinn. Mir tut das Herz weh, und sie kommt mit diesen Possen. Weine nicht!«

Sie schritt vorsichtig seitwärts zum Fenster hin und sagte leise:

»Sie feiern immer noch … «

»Ja.«

Sie fürchteten sich vor etwas, wagten nicht einander nahezukommen, waren beide müde und wechselten lange überflüssige Worte. Beim Morgengrauen knarrte die Treppe, jemand tastete mit der Hand die Wand entlang, Natalia ging zur Tür.

»Laß die Barskaja nicht herein«, flüsterte Pjotr.

»Das ist die Mutter«, sagte Natalia, die Tür öffnend.

Pjotr setzte sich auf dem Bett auf und ließ die Beine herabhängen. Er war mit sich unzufrieden und dachte voll Bangigkeit:

»Ich bin nichts wert, ich habe es nicht gewagt, ich werde noch erleben daß sie mich auslacht … «

Die Tür ging auf, Natalia sagte leise:

»Die Mutter ruft dich.«

Sie lehnte sieh an den Ofen und war von den weißen Kacheln kaum zu unterscheiden. Pjotr ging zur Tür hinaus, ihn empfing im Dunkel das gekränkte, erschrockene und leidenschaftliche Flüstern der Bajmakowa:

»Was fällt dir denn ein Pjotr Iljitsch? Was treibst du, willst du mich und meine Tochter dem Spott preisgeben? Es tagt ja schon, man wird euch bald wecken kommen, man muß den Leuten das jungfräuliche Hemd zeigen, damit sie sehen, daß meine Tochter ehrbar ist!«

Sie hielt im Sprechen Pjotr mit der einen Hand an der Schulter fest und stieß ihn mit der andern weg, indem sie entrüstet fragte:

»Was bedeutet das denn? Hast du keine Kraft oder keine Lust ? Ängstige mich nicht, schweige nicht … «

Pjotr sprach mit dumpfer Stimme:

»Sie tut mir so leid. Ich fürchte mich.«

Er sah das Gesicht der Schwiegermutter nicht, es kam ihm aber so vor, als hörte er die Frau kurz auflachen.

»Nein, geh nur, geh und erfülle deine Pflicht als Mann! Bete zum Märtyrer Christophor. Komm, ich will dir einen Kuß geben … «

Sie umschlang fest seinen Hals und küßte ihn mit süßen, klebrigen Lippen, wobei ihm warmer Weingeruch entgegenwehte. Er kam nicht dazu, ihren Kuß zu erwidern, – sein lautes Schnalzen traf nur noch die Luft. Als er in die Kammer zurückkehrte, schloß er hinter sich die Tür und streckte entschlossen die Hände aus. Das Mädchen trat vor und geriet in den Ring seiner Arme, wobei sie mit zitternder Stimme sagte:

»Sie ist ein wenig angeheitert.«

Pjotr hatte andere Worte erwartet. Er murmelte, indem er sich rückwärts dem Bette näherte:

»Fürchte dich nicht. Ich bin nicht schön, aber gut… «

Sie schmiegte sich immer fester an ihn und flüsterte:

»Die Füße wollen mich nicht mehr tragen … «

… Man feierte in Driomow gern Feste. Die Hochzeit dauerte fünf Tage; man trieb sich vom Morgen bis zur Mitternacht herum, ging in Haufen über die Straßen und von einem Haus ins andere, vom Wirbel der Weindünste erfaßt. Ein besonders reichlicher und protziger Schmaus fand bei Barskis statt, aber Alexej prügelte ihren Sohn dafür durch, daß er den Backfisch Olga Orlowa irgendwie beleidigt hatte. Als Vater und Mutter Barski sich bei Artamonow über Alexej beklagten, staunte dieser:

»Kommt es denn nicht überall vor, daß die Burschen miteinander raufen?«

Er beschenkte die Mädchen freigebig mit Bändern und Naschwerk und die Burschen mit Geld, bewirtete Väter und Mütter bis zur Bewußtlosigkeit mit Getränken und umarmte und zerrte alle herum:

»Ach, ihr Leute! Leben wir oder nicht?«

Er randalierte und trank viel, als löschte er ein innerliches Feuer, wurde aber vom Trinken nicht berauscht und magerte in diesen Tagen sichtlich ab. Er hielt sich abseits von Uljana Bajmakowa, seine Kinder bemerkten jedoch, daß er sie von Zeit zu Zeit zornig und herausfordernd betrachtete. Er prahlte sehr mit seiner Kraft: erzog mit den Garnisonsoldaten um die Wette an einem Stock, überwand beim Ringen einen Feuerwehrmann und drei Maurer, worauf der Erdarbeiter Tichon Wialow zu ihm kam und nicht bat, sondern verlangte: