Erfahre dein wahres Selbst

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Systeme

Alle Geschichten, die das Leben erzählt, spielen sich in Zusammenhängen ab, mit den dazugehörigen Situationen und Menschen und deren Rollen, die sie in diesen Systemen einnehmen.

Von einer systemischen Betrachtungsweise sprechen wir, wenn wir die Dinge als System betrachten, einzelne Teile in Zusammenhang zueinander und zum größeren Ganzen sehen. Ursachen für Probleme werden nicht bei den einzelnen Teilen, sondern in der Struktur des Systems gesucht. Denn Probleme und Konflikte resultieren meist aus zugrundeliegenden Strukturen und weniger aus individuellen Fehlern oder bösen Absichten. Systemisches Denken löst sich von richtig und falsch, gut und böse, unschuldig und schuldig.

Verbundene Hände

Während meiner Hospizhelferausbildung hatte ich ein sehr beeindruckendes Erlebnis:

Die Leiterin bat uns, in einem Kreis Aufstellung zu nehmen und die Hände gefaltet vor die Brust zu nehmen. Sie nahm einen langen Faden und verband alle Hände damit.

Dann bat sie einen der Teilnehmer, irgendeinen Finger seiner Hand zu bewegen.

Als mein Gegenüber einen Finger bewegte, spürte ich sofort über den verbundenen Faden seine Bewegung und alle anderen natürlich auch.

Ein wunderbares Beispiel, das fühlen und erleben lässt, dass jede Bewegung, die wir machen, Auswirkungen auf das Ganze hat und dass wir alle miteinander verbunden sind.

Manche Menschen halten, bewusst oder unbewusst,

ganze Familienverbände oder andere Strukturen

zusammen. Sie nehmen oft unbewusst einen Platz ein,

damit Systeme erhalten bleiben. Bewegt sich aber ein

‚Finger‘ auf der anderen Seite, spüren es alle.

Wie zum Beispiel diese Frau:

Als junges Mädchen bekam sie eine Nierenkrankheit. Alle Augen in diesem Familiensystem schauten auf dieses kleine Mädchen, besonders natürlich ihre Eltern.

Die Eltern, nie wirklich gemeinsam im Herzen verbunden und vielleicht manchmal sogar kurz vor der Trennung stehend, blieben zusammen, weil die vielen Aufgaben um Haus, Hof und Familie eine Trennung eigentlich unmöglich machten. Nehmen wir mal an, dass dieses Mädchen die Energie zwischen den Eltern genau so spürte und Angst hatte, dass es eine unglückliche Trennung geben könnte.

Systemisch betrachtet, könnte es so gewesen sein, dass dieses Mädchen durch ihre Krankheit einen Fokus entstehen ließ, der die ganze Aufmerksamkeit auf sich zog und die Eltern über die gemeinsame Sorge für ihre Tochter wieder auf dieser Ebene verband. Und auch der Rest der Familie, ihre Schwester, die Großeltern waren über die Sorge, aber auch über die Fürsorge, die sie nun entwickelten, miteinander verbunden.

Wir haben heutzutage das Phänomen der späten Trennungen.

Meist sind es die Frauen, die sich aus der Ehe verabschieden, oft erst dann, wenn die Kinder ihre eigenen Wege gehen können. Einige haben sich lange zurückgehalten, vieles ausgehalten, auch die jammernde Schwiegermutter, den schon lange nicht mehr spürbaren Mann, haben oft ihre Bedürfnisse, ihre Karriere hinten angestellt, sich untergeordnet, auch der Kinder wegen, und haben so Systeme erhalten.

So erging es auch Maria.

Sie war eingebunden in die Versorgung ihrer zwei Kinder, ihres Mannes, regelte den Umbau eines alten Hauses, erfuhr wenig Unterstützung durch ihren Mann, arbeitete noch halbtags und dann hing auch noch die Schwiegermutter an ihr, die über das Jammern und Lamentieren die Verbindung zu ihr suchte, und zwar jeden Tag.

Diese ‚brave‘ Frau ließ sich so in alle Richtungen zerren und drücken und verlor langsam den Kontakt zu sich selbst, den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen, verlor ihre Kraft und die Freude am Leben, und Angst wurde ihr alltäglicher Begleiter.

Schließlich ging sie in Therapie, nahm Tabletten, und es ging ihr trotzdem immer schlechter. Auch das Leben zu beenden kam ihr in den Sinn.

Irgendwann machte sie mutige Schritte und verabschiedete sich von diesem Familiensystem. Sie vollzog die schon zehn Jahre gefühlte Trennung von ihrem Mann und entzog sich ihrer Schwiegermutter als Empfängerin für ihr ständiges Gejammer.

Sie entdeckte ihre vernachlässigte Kraft und Freude und die Persönlichkeitsanteile, die sich so sehr danach gesehnt hatten, endlich Beachtung und Wertschätzung zu erhalten und gelebt zu werden. Die Lebensfreude kam zurück.

Die Angst ging nicht ganz, sondern setzte sich in einiger Entfernung auf einen Ast, um sie daran zu erinnern, auf ihrem Weg der Selbstbeachtung zu bleiben.

Ängste entstehen aus verschiedenen Gründen.

Es gibt eine Angst, die warnend darauf hinweist, dass irgendetwas nicht mehr stimmt, dass die Lebensenergie nicht fließt, wenn die Anpassung an bestimmte Systeme keine mögliche Entfaltung und Äußerung der Lebensenergie und der persönlichen Potentiale mehr gewährt.

Angst ist auch eine Reaktion unserer inneren Größe und Weite, wenn wir im Laufe des Lebens auf einen oder mehrerer kleine Teile reduziert werden.

Es wäre interessant, an dieser Stelle Menschen zu beleuchten, die sich das Leben nahmen und so aus Familiensystemen entschwanden. Vielleicht hatten sie nie einen Platz bekommen oder einnehmen können, oder einen Platz eingenommen, der zu bedrückend war und auf den viel abgeladen wurde.

Weihnachten ist auch eine interessante Zeit, denn es kommen Menschen zusammen, die einmal in diesem festen Familiensystem gelebt haben. Mittlerweile haben sie eine eigene Familie, leben in neuen Systemen, haben neue Rollen eingenommen und sind mit den alten eigentlich nicht mehr identifiziert. Jetzt treffen sich die einzelnen Familienmitglieder wieder in diesem System und spüren, dass sie energetisch wieder in die Rolle hineingedrängt werden, die sie damals innehatten. Dann wird der erwachsene Mann, der selbst schon zwei Kinder hat, einen verantwortungsvollen Beruf ausübt, wieder zu dem kleinen Jungen von vielleicht drei oder fünf Jahren. Man wird wieder zum kleinen Bruder, zur kleinen oder großen Schwester und beginnt langsam das zu fühlen, was man glaubte schon lange abgelegt zu haben.

Und wenn Mama dem vierzigjährigen Sohn auch noch ein paar warme Socken schenkt, kommen alte Gefühle hoch und Geschichten, die einfach nicht mehr zu einem passen.

Dann fühlt dieser Mann vielleicht etwas Altes, Bekanntes, aber irgendwie doch Fremdes und bekommt das Gefühl, kleiner zu werden, zu schrumpfen, und sieht die Welt plötzlich mit den Augen eines Vierjährigen.

Auch Klassentreffen, zu denen man nach 20 Jahren eingeladen wird, zeigen dieses Phänomen. Sehr schnell werden die Rollen wieder eingenommen, die man in dem Klassenverband innehatte, oder diese Rollen werden einem von den anderen einfach zugewiesen.

Der Klassenclown wird wieder zum Klassenclown, der Streber zum Streber und der Außenseiter zum Außenseiter.

Es ist leichter, ein altes, gewohntes und somit sicheres System wieder aufleben zu lassen, als neue unbekannte Begegnungen zuzulassen, wo ich noch nicht einmal weiß, welchen Platz ich da einnehmen werde.

Alle ‚Einzelteile‘ dieses Universums bewegen sich in Systemen: die Tierwelt, die Pflanzenwelt, die Welt der organischen und anorganischen Erscheinungen.

Es gibt die Planetensysteme, wo jeder kleinste Mond und jeder Stern eine wichtige Rolle spielt. Hier organisieren sich die Einzelteile nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten und haben keine eigenen Wahlmöglichkeiten.

Menschliches Zusammenleben spielt sich immer in Systemen ab und man kann nicht unabhängig davon sein. Es geht darum, zu erkennen, welche Rollen ich da einnehme und spiele, welche Rollen mir manchmal zugewiesen werden, ob sie mir guttun oder nicht, ob sie sich angenehm oder unangenehm anfühlen.

Und immer wieder sollte überprüft werden, ob ich in die Rolle überhaupt noch hineinpasse.

Der Baum am Rande des Dorfes

„Am Rande eines afrikanischen Dorfes stand ein sehr alter Baum. In diesem Dorf lebte ein alter, hochgeachteter Schamane, zu dem die Kranken kamen, um nach Beratung und Heilung zu fragen. Eines Tages kam ein Mann zu ihm, der sich vom Bösen besessen fühlte. Er hatte große Angst, war von Sorgen gebeutelt und fühlte starken Ärger, Wut und Hilflosigkeit. Sie kamen unerwartet, waren unberechenbar und lähmend. Der Schamane hörte sich das in aller Ruhe an und sagte ihm dann: ‚Am Rande des Dorfes steht dieser alte Baum. Ich habe das Böse in diesen Baum verbannt. Du darfst dich diesem Baum nicht mehr als 50 Meter nähern. Wenn du dich daran hältst, kannst du dich überall frei bewegen‘.

Der Mann hielt sich an diese Anweisung und das ‚Böse‘ war aus seinem Geist verschwunden und an diesen Baum angebunden.“

In Beziehungssystemen gibt es Menschen, denen die Rolle und Funktion dieses Baumes zugeschoben werden. In unserem Kulturkreis haben wir dafür den Begriff Sündenbock.

Ein Beispiel:

Auf Grund der Erfahrungen in ihrer Kindheit hatte eine Frau ein bestimmtes Männerbild entwickelt. Das kam folgendermaßen zustande: Ihren Vater hatte sie in ihrer Kindheit nur zweimal gesehen, sie fühlte sich später von ihm verlassen, und die Sichtweise auf Männer durch Mutter und Oma bestätigten ihr Gefühl, dass man sich auf Männer nicht verlassen kann und sie einen eines Tages sowieso verlassen werden.

Dieses Verlassenwordensein ließ sie nicht nur einen ‚Unwert‘ in sich fühlen, sondern auch eine große Wut auf Männer, mit den dazugehörigen Sichtweisen.

Das machte es ihr nicht leichter, Beziehungen mit ihnen einzugehen, denn das grundsätzliche Misstrauen war ein immer wiederkehrender Begleiter. Männer, die in ihr Leben kamen, mussten irgendwann als Stellvertreter für ihren Vater herhalten, und nachdem sie sie dann abgewertet hatte, blieb nichts ‚Gutes‘ mehr an ihnen übrig, sondern nur noch das ‚Böse‘.

 

Und so scheiterte eine Beziehung nach der anderen.

Die Ehe mit einem Mann, mit dem sie zwei Kinder hatte, die Beziehung zum nächsten, mit dem sie einen Sohn hatte, und die darauffolgenden Beziehungen scheiterten auch.

Mit dem Vater ihres gemeinsamen Sohnes, der mittlerweile bei ihm lebte, traf sie organisatorische Regelungen, und durch den Abstand kamen auch immer wieder sehr freundliche Begegnungen zustande: gemeinsames Kaffeetrinken, Austausch über Ereignisse des Lebens, alles mit einem gewissen, für sie sicheren Abstand, aber in freundlicher Atmosphäre.

Dann kam ein neuer Mann in ihr Leben, mit dem sie eine vorsichtige Beziehung anfing.

Sie sah das als eine große Chance, ihren Traum von Familie und Beziehung doch noch zu erfüllen. Und das veränderte schlagartig die Beziehung zu diesem zweiten Vater. Er erlebte von ihr nun diese plötzlichen Wutausbrüche, Anfeindungen, Abwertungen und Anschuldigungen aus der Vergangenheit.

Was passierte hier? Ihr war es wichtig (und das alles geschah natürlich ganz unbewusst), diesen neuen Mann ‚rein‘ zu halten von all den Abwertungen und negativen Sichtweisen, die wieder diese Beziehung und somit ihren Traum hätten zerstörten können. Sie musste also diese Abwertungen irgendwo unterkriegen und das geschah dadurch, dass sie nun den Vater ihres Sohnes abwertete. So konnte sie all das ‚Böse‘ an ihn anbinden und den neuen Mann davon frei und rein halten. Den ersten Mann, mit dem sie zwei Kinder hatte, hatte sie schon lange als ‚Arschloch‘ abgewertet, nun kam noch der zweite dazu.

So hatte sie nicht nur einen, sondern zwei Bäume am Rande des Dorfes, die sie von nun an mied.

Selbstwertschätzung

und Beziehungssysteme

Es bedarf einer klaren Entscheidung, aus unheilsamen und krankmachenden Beziehungssytemen auszusteigen, wenn sie nicht verändert werden können. Wenn gemeinsam keine zufriedenstellende Lösung gefunden werden kann und keiner das Gefühl hat, es bewege sich etwas, müssen gewisse Schritte gegangen werden.

Menschen, die uns gegenüberstehen, haben alle ihre Selbstbilder und Egostrukturen, ihre Gewohnheiten, Ängste und Bedürfnisse entwickelt, genau wie wir.

Manchmal kommt es in Beziehungen zu Konflikten und auch zu körperlichen und seelischen Bosheiten. Dafür entschuldigt sich der eine oder andere später und sagt: „Ich mache das auch nie mehr wieder, es tut mir leid“. Aber die Bosheiten passieren schon seit vielen Jahren, immer wieder. Ja, es stimmt, er oder sie wird es auch nicht wieder tun, nicht die Person, die da gerade spricht. Diese Bosheiten werden von einzelnen Persönlichkeitsanteilen ausgeführt, die in bestimmten Situationen die Führung übernehmen.

Die betroffene Person muss entscheiden, wann was zu tun ist.

Wenn sie sich entscheidet, aus der krankmachenden Situation auszusteigen, dann braucht es Mut, um sichere Schritte zu sich selbst zu gehen. Es braucht Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und in die Einschätzung der Situation. Es braucht eine innere Kraft, die hilft, alle diese Schritte gehen zu können. Es ist der mutige Sprung für diejenigen, so, wie es Picasso formulierte: ‚…die sich im Ungeborgenen geborgen fühlen…‘.

Es gibt allerdings keine Garantie für irgendetwas, was die Zukunft und die sich wechselnden Lebensereignisse betrifft. Aber man kann sich auf die eigene Kraft beziehen, sie ist da, vielleicht etwas verschüttet und vergessen, aber sie ist da! Und ein wichtiger Schritt zu ihr ist es, dass man sich selbst mag und mit sich einverstanden ist.

Das, was man an sich nicht mag oder womit man nicht einverstanden ist, bezieht sich nur auf einzelne Persönlichkeitsanteile. Mit einem sehr freundlichen und gütigen Blick auf sich selbst kommt man vielleicht zu einer inneren Klarheit, die zu weiteren eigenständigen Schritten führt.

Freude ist eine wichtige Kraftquelle, und es gibt Hinweise, wie wir unseren Geist freudvoll stimmen können. Vielleicht kann ich mich an innere Qualitäten erinnern, die nicht so offensichtlich sind, vielleicht einfach nur meine Ehrlichkeit und Gradlinigkeit, auch im Kontakt zu anderen.

Was ist es, was Sie an anderen schätzen? Genau diese Qualitäten schätzen Sie auch an sich selbst. Erinnern Sie sich an Ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit oder andere verbindende Qualitäten, dann entsteht Freude, und diese Freude verbindet Sie mit ihrer Kraft.

Auch die Fähigkeit, zu verzichten, ist eine Kraft in uns. Ich muss nicht immer alles nehmen, was ich nehmen kann, manchmal auch mit unlauteren Mitteln.

Wenn Sie sich an Ihre ethisch-moralische Überzeugungen erinnern, so ist auch das eine Kraftquelle. Gradlinigkeit im Sein und Handeln hält Ihre innere Kraft zusammen. Die Klarheit Ihrer Absichten auch: wenn kein zweites, unsicheres, kräftezehrendes Zweifeln, Bedenken und Hadern entsteht.

Aber auch diese Kräfte sind in uns, und wenn Sie sie bei sich entdecken, seien Sie sehr freundlich und nachsichtig mit sich selbst, und verurteilen Sie sich nie für diese Dinge, die Sie da in sich entdecken. Ordnen Sie Ihren ‚Werkzeugkasten‘ und entscheiden Sie, welche Werkzeuge wann und wo zu benutzen und einzusetzen sind.

Selbstachtung

Wenn mein Handeln mit meinen Werten übereinstimmt, fühle ich Selbstachtung.

Wenn ich zu mir stehe, auch wenn andere Menschen etwas von mir wollen, das ich nicht bereit bin zu geben, wenn ich mich nicht verbiege und auch ‚nein‘ sagen kann, weil dieses ‚Nein‘ aus einer inneren Überzeugung kommt, dann fühle ich Selbstachtung.

Es kann sehr schnell passieren, dass ich etwas tue oder sage, um anderen zu gefallen oder irgendeinen Vorteil zu ergattern.

Folge ich nicht meiner Überzeugung, lasse ich mich schnell von den ‚Wölfen hinreißen, mit ihnen zu heulen‘, passe mich an die Meinung der Mehrheit an, vielleicht auch, um andere ‚Stimmen‘ in mir nicht hören zu müssen, wie die Angst, die Sorge oder die Einsamkeit.

Manchmal mache ich mich bewusst klein, damit andere mich nicht angreifen oder ich nicht ins Kämpfen kommen muss. Manchmal mache ich mich auch deswegen klein, damit andere mir mein ‚Wohlsein‘ nicht neiden. Ich verleugne manchmal sogar gewisse Überzeugungen und Haltungen dem Leben gegenüber, und so weiter und so fort.

Bin ich dann aus der Situation wieder heraus, kann sich zuweilen ein schales Gefühl einstellen und ein Wundern über das, was ich da gerade sagte oder tat. Schlimmstenfalls verachte ich mich dann selbst für genau das, was ich eigentlich bei anderen auch verachten würde.

Aber es gibt auch die andere Möglichkeit: Ich stehe zu mir, spreche aus meiner Wahrheit heraus, folge meiner Überzeugung, beachte meine Bedürfnisse. Ich entspreche nicht den Sorgen, Ängsten, Hoffnungen oder Erwartungen anderer, sofern ich das nicht will oder es als unangemessen erachte.

Zu sich selbst, als dem Menschen, mit dem Sie immer zusammen sind, sollten Sie ein wirklich gutes Verhältnis haben: sich lieben, achten und wertschätzen mit allen Anteilen (oder Stimmen des Selbst), die es da in sich zu entdecken gibt.

Betrachten Sie sich als spirituelle Amazone oder Krieger, bereit, sich diesen Kräften zu stellen. Entdecken Sie in sich die Aussicht auf eine neue Freiheit, nämlich die Freiheit, nicht mehr auf unheilsame Kräfte reagieren zu müssen. Sie haben nur sich selbst. Sie leben mit sich selbst, auch wenn Sie Beziehungen nach da draußen haben.

Am Ende werden Sie sterben und dann mit sich selbst alleine sein.

Der einzige Ort, der Ihnen Kraft und Sicherheit gibt, liegt in Ihnen selbst.

Zusammenfassend:

In jedem System nehmen Menschen Rollen ein, ziehen Masken auf oder sie werden ihnen zugeordnet. Wenn das nicht durchschaut wird, lassen wir uns auf die verschiedenen Geschichten unseres Lebens reduzieren und vergessen die Weite, aus der wir kommen, die wir sind. Je mehr Bedürfnisse in einem System befriedigt werden, desto angenehmer fühlt es sich an und umso bereitwilliger spielen wir da mit.

Die Unbeständigkeit des Seins gibt uns die Dinge, aber nimmt sie uns auch wieder.

Manche dieser Veränderungen heißen Lebenskrisen. Sie ermöglichen ein Aufwachen aus dem Traum der persönlichen Identifikation mit einer Geschichte meines Lebens und laden zu neuem Hinschauen ein, vielleicht in den Zwischenraum, der die Grundlage für alle diese Geschichten ist.

Wer etwas sein, haben oder werden will, ist schon wieder direkt auf dem Weg in eine neue Falle. Und doch brauche ich diese verschiedenen Persönlichkeitsanteile oder Masken, um mich der Welt zu zeigen, um mit der Welt in Verbindung zu treten, um mich in ihr zu bewegen.

Ich darf nur nicht vergessen, diese Masken wieder abzusetzen, und schon gar nicht darf ich glauben, dass ich eine dieser Masken bin.

Worauf beziehe ich mich in mir, wenn ich ‚Ich‘ sage? Inwieweit verliere ich mich im Außen?

Finde ich den stillen, freudvollen ‚Ort‘ in mir? Wertschätze ich mich? Was habe ich eigentlich für eine Meinung von mir und über die Dinge, die ich tue, sage, fühle oder denke? Sage ich JA zu mir, mit allem, was ich da in mir finde? Bin ich meine beste Freundin, mein bester Freud geworden? Liebe ich mich?

EGO

Ich definiere diesen Begriff mit drei Worten, die sich aus den drei Buchstaben ableiten: Erlebte Geschichten Organisieren.

Geschichten sind immer Vergangenheit oder Zukunft, erlebte Geschichten, erdachte Geschichten.

Was mache ich, wenn ich Geschichten organisiere?

Ich setze mich in Bezug zu diesen Geschichten, indem ich darüber nachdenke, sie bewerte und einordne, eine Meinung darüber habe und sie wieder in Bezug zu anderen Geschichten setze und all den Menschen, die irgendwie damit zu tun haben, zu tun hatten oder haben werden. Und so kreiere ich Szenarien und Vorstellungen über die Zukunft, die wahrscheinlich nie so eintreffen, wie ich es mir erdenke.

Aber die meisten Menschen haben ein Bedürfnis nach Sicherheit und möchten das mögliche oder erhoffte oder auch gefürchtete Ereignis in der Zukunft kennen. Ich möchte wissen, was auf mich zukommt, damit ich jetzt schon eine mögliche Reaktion vorbereiten kann und vorbereitet bin.

Das Gleiche gilt für Geschichten aus der Vergangenheit, die ich aufgrund meiner selektiven Beobachtung bewerte, damit in Bezug trete und die ich bestimmt anders erlebt habe als Menschen, die auch dabei waren.

Jeder Mensch schaut durch seine Brille, durch seine Masken und die eigene individuelle Begrenztheit. Und in der Begrenztheit gibt es keine Weite und keine Offenheit und somit keine Öffnung, gegenwärtige Erlebnisse zu empfangen.

Mooji sagt dazu: „Triff niemals irgendwelche Vorbereitungen, um einem anderen Menschen zu begegnen. Begegne ihm immer wieder neu und frisch.“

Diese Aussage kann man auch auf andere Situationen ausweiten.

Immer wieder kann die Frage gestellt werden: Was ist die Quelle meines Handelns?

Mache ich Dinge aufgrund meiner Wünsche, wegen der Erwartungen anderer oder aufgrund der Erfüllung verschiedener Aufgaben?

Dann ergeben sich Fragen wie: Wer bin ich ohne Masken? Wer bin ich ohne Bezeichnung? Was ist mein ursprüngliches Gesicht? Was ist mein wahres Selbst?

Das sogenannte Ego braucht Geschichten, um sich selbst zu erkennen.

Das Gefühl, ich bin dieses oder jenes, braucht Geschichten, um dieses oder jenes zu sein.

Diese Geschichten finden nie im Moment statt.

Im Moment gibt es nur die Erlebnisse dieses Momentes. Das, was Sie gerade jetzt erleben: hier sitzen, ein Buch lesen, Geräusche hören, ein paar Gedanken, aus dem Fenster schauen, eine Bewegung der Hand und irgendwie ein Gefühl zu sein, mehr ist gerade nicht.

Aber wenn eine starke Bezugnahme auf das Ego besteht, dann brauchen Sie ständig diese gedanklichen Bewegungen, die diese Geschichten immer wieder reproduzieren und einen Bezug zur Person herstellen. Und so hat dieses „Ich-bin-dies“, „Ich-bin-das“ immer eine Anbindung. Die Person wird mit Geschichten verbunden.

Wenn wir in Form der Geschichten keine Bezugspunkte mehr haben für unsere Person, die unsere Selbstbilder bestätigen, und wenn es dann still wird in uns, hat das Ego vielleicht das Gefühl, nicht mehr zu sein oder sogar zu sterben.

Auch deswegen ist es so schwierig, im Moment zu bleiben.

Im erlebten Moment gibt es keine Geschichten.

Dann bin ich einfach nur. Nur das, und mehr nicht.