Als ich verlor, was ich niemals war

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Es fühlte sich richtig gut an!

Wieder in Suan Mokkh teilte mir Ajahn Po eine echte Mönchshütte zu, die hierzulande Kuti genannt wird. Sie stand auf zirka einen Meter fünfzig hohen Betonstelzen und man erreichte sie über eine Treppe. Die Kuti war aus Holz gebaut und das Dach mit Wellblech gedeckt. Der Innenraum war zirka zweieinhalb mal drei Meter groß und hatte vor der Treppe eine kleine Veranda mit einem Holztisch und einer Holzbank: mein neues Zuhause.

Ich glaube, ich fing langsam an, mich an das Wort ‚glücklich‘ zu gewöhnen, denn anders konnte ich mein Gefühl nicht beschreiben, das sich langsam in mir breit machte, obwohl eine alte Abneigung und eine gehörige Portion Misstrauen diesem Wort gegenüber immer noch im Hintergrund mitschwangen.

Aber war ich nicht hier, um mich zu ‚erneuern‘? Auch um meine Sichtweisen, Meinungen, Vorstellungen und mein festgefahrenes Bewertungssystem in ein neues Licht zu stellen?

Wollte ich nicht mein ganzes dreißigjähriges Leben neu bewerten und überlegen, wie es weitergehen sollte? Gab es irgendeinen Sinn in diesem Leben? Gab es hier irgendetwas zu finden, was wirklich von Wert war? Und viele andere Fragen kamen in mir auf.

Nein, ich hatte den Traum vor meinem ersten Retreat nicht vergessen! Wenn ich mich darauf einließ, fühlte ich immer noch die Hand, die etwas aus meinem Herzen herausriss, und diese unbeschreibliche Leichtigkeit und Freiheit, die ich daraufhin spürte.

Jetzt gab es einen neuen Rhythmus im Kloster und keine geregelten Meditationszeiten.

Als eines Tages Viriya, der bayrische Mönch, wiederkam, organisierte er täglich zwei Meditationssessions für die Westler, die wie ich noch eine Weile im Kloster geblieben waren. Abends wurden ab und zu Kassetten mit Vorträgen abgespielt, und ich schwang mich auf diesen Rhythmus ein.

Morgens, vor dem Frühstück, fegte ich gemächlich, aber sehr achtsam einige Wege und machte mir ein kleines Feuer unter der Hütte, auf dem ich mir heißes Wasser zubereitete. Das war erlaubt, ein kleines Feuer. Was nicht erlaubt war, war Rauchen, und ich muss gestehen, dass ich mir doch ab und zu eine ansteckte.

Die meiste Zeit des Tages lief ich durch den Wald, machte kleine Zeichnungen und übte mich weiterhin in Meditation und Achtsamkeit.

Es gab zwei Begriffe, an denen man in Suan Mokkh nicht vorbeikam: Achtsamkeit und Nicht-Anhaften. Das war es, worauf es hier ankam, und Ajahn Buddhadasa meinte sogar: „Wenn wir die Dinge festhalten und daran anhaften, werden sie zur Quelle des Leids – das ungeschickte Festhalten aufzugeben, ist der Schlüssel zur buddhistischen Praxis.

Ich liebte diese kurzen, klaren Anleitungen, und so übte ich mich in ihnen.

Ich versuchte wirklich alles zu beobachten und beobachtete auch, wie schnell ich wieder bei irgendwelchen Geschichten aus der Vergangenheit gelandet war. Wie war das noch mal mit der Geduld? Ich brachte die Achtsamkeit immer wieder zurück zu dem, was ich tat, denn alles sollte zur Meditation genutzt werden, und das beschränkte sich nicht nur auf das Sitzen.

Eines Tages lief ich die Wege entlang, es hatte geregnet und ich fand trotzdem ein trockenes Stückchen Holz, um damit Feuer machen zu können. Sehr achtsam beugte ich mich nach vorne, sah, wie die Finger meiner Hand bereit waren, dieses Hölzchen zu greifen, alles in achtsamer Beobachtung, als ich plötzlich verstand, was ich da tat: Ich nahm mir ein Stück Holz, das vorher einmal eine Funktion hatte. Vielleicht war es ein Zweig, an dem Blätter wuchsen und Blüten blühten, manch ein Vogel ruhte sich auf ihm aus, manche Schlange wickelte sich darum herum, abertausende von Regentropfen hatten ihn berührt, die Sonne hatte auf ihn geschienen, der Wind um ihn geweht, und nun lag es hier, direkt vor meinen Füßen, um einer weiteren Bestimmung zugeführt zu werden. Denn bald würde es zu Asche verbrannt werden, der Wind die Asche irgendwo hintragen, und doch ging nichts verloren.

Weiterhin verstand ich die ‚Unschuld‘ meines Tuns, denn ich nahm etwas Lebloses, musste nicht töten oder verletzen, um den Nutzen dieses Hölzchens voll auszuschöpfen.

Und diese Betrachtungen geschahen innerhalb von ein oder zwei Sekunden. Es war aber ein Verstehen, ohne zu denken. Später lernte ich, dass man so etwas Einsicht nennt oder die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Diese zwei Sekunden hinterließen einen nachhaltigen Eindruck in mir, auch wenn die Intensität und Tiefe in der Erzählung hier leider nicht vermittelt werden kann.

Nach solchen Erlebnissen, denn es sollten noch ähnliche kommen, war ich sehr ermutigt, weiterhin die Achtsamkeit zu üben und auch das Nicht-Anhaften, wozu es gleich am nächsten Tag eine gute Gelegenheit gab.

Ich hatte mir einen schönen Platz für meinen Gehpfad ausgesucht, zwischen zwei großen Bäumen im Halbschatten liegend, und ihn sehr ordentlich gefegt.

Als ich an diesem Nachmittag zu ‚meinem‘ Pfad ging, sah ich schon von Weitem, dass ein anderer darauf wandelte. ‚Das kann doch nicht wahr sein, sieht er denn nicht, dass er schon von jemand anderem angelegt und genutzt wird? Dieser Egoist! Ich glaub, es geht los …‘

Der Ärger über diese Unverschämtheit baute sich immer mehr auf, und als mich der darauf Wandelnde freundlich anlächelte, war ich sprachlos. Ich erinnerte mich an das Nicht-Anhaften, lächelte leicht gezwungen zurück und lief einfach weiter. Na, das hatte ich gut gemacht, dachte ich mir, gerade noch die Kurve gekriegt.

Ich ging zurück zu meiner Hütte, machte ein Feuer, kochte mir einen Kaffee und rauchte unerlaubterweise eine halbe Zigarette.

Achtsamkeit machte Spaß. Die kleinen Dinge wurden immer interessanter, und da ich beobachtet hatte, dass sich alles von klein nach groß entwickelte und aufbaute, wandte ich dieses Prinzip auch beim Feuermachen an. Ich legte kleine Hölzchen aufeinander, zündete sie an und legte immer größere darauf, bis das Feuer schließlich groß genug war, um Wasser zu kochen. Es war eine Geduldsübung.

Die Gehmeditation übte ich nun bei meiner Hütte und lief im Uhrzeigersinn um sie herum. Ich bemerkte den Schatten des Dachs auf dem Sand. Ich nahm einen Stock und zeichnete die Außenrisse des Schattens nach, um nach einigen Umrundungen meiner Hütte festzustellen, dass der Schatten sich weiterbewegt hatte, die von mir gezeichnete Linie aber nicht. Und so zeichnete ich immer wieder den neuen Schatten nach und ein tiefes Gefühl von Zeitlosigkeit und Hiersein durchflutete mich. Hier – immer nur Hier, das war es. Hätte ich dieses ‚Kunstwerk‘ auf Leinwand gemalt, hätte ich es ‚Zeitlinien‘ genannt.

Keine Gedanken gerade an irgendetwas, woran auch? Das, was ich gerade erlebte, war viel zu spannend, um es mit Gedanken zu kontaminieren. In dieser Zeitlosigkeit fühlte ich eine Stille, die sich für einen Teil in mir etwas beängstigend anfühlte. Aber dann war da noch dieser Beobachter in mir, der beides wahrnahm, sowohl die tiefe Stille als auch das Ängstliche, und von der Warte des Beobachters aus gab es nichts Beunruhigendes mehr. Ich war erfüllt von tiefer Freude und dem Gefühl, am richtigen Platz zu sein, und irgendwie ging es mit der Erleuchtung langsam, aber sicher voran, so dachte ich.

Ich machte es mir abends zur Gewohnheit, mich mit dem Wasser zu duschen, das bei Regen vom Dach meiner Kuti herablief und sich in einem Tonkrug von der Größe einer Tonne sammelte. Vor meiner Hütte war ein Pflanzenbeet angelegt, mit ein paar Trittsteinen darin. Ich stellte mich auf diese Steine und übergoss mich mit Regenwasser in der Absicht, Wasser zu benutzen, aber es nicht zu verschwenden, und wässerte damit gleichzeitig die Pflanzen. Das fühlte sich verdammt gut an, und ich fühlte mich eingebunden in den großen Kreislauf des Seins und des Werdens.

Diese Zufriedenheit war einem Teil in mir verdächtig – es kann doch nicht so einfach sein!?

Während einer unserer Gruppenmeditationen war ich mit dem Atem so sehr verbunden, dass ich jeden einzelnen Atemzug spürte, und plötzlich hörte ich eine Stimme von irgendwoher: „Du bist getragen von einer Welle fließender Existenz.

War das Gott, der zu mir sprach? Aber im Buddhismus glaubte man ja nicht an einen Schöpfergott, und ich erklärte es mir so, dass es die innere Weisheit war, die da zu mir sprach. Und die Erleuchtung rückte in fühlbare Nähe, so dachte ich.

Ein paar Tage später ging ich in eine der Toiletten, hockte mich auch hier sehr achtsam nieder und war dabei, Tage zuvor Gegessenes wieder auszuscheiden. In dem Moment ‚sah‘ ich den gesamten Kreislauf des Essens. Ich sah die Reisfelder und die Bauern, die sie bewirtschafteten, sah, wie sie ernteten, wie der Reis gekocht, in Teller abgefüllt, in Münder geschoben und in Körpern verdaut wurde. Ich verstand, wie das verdaute und ausgeschiedene Essen wieder zu Erde wurde, zum Dünger für Bäume und andere Pflanzen. Ich sah und verstand diesen ganzen Kreislauf.

Auch diese Einsicht dauerte nicht länger als ein, zwei Sekunden, und ich fühlte mich erfüllt, eingebunden, ja weise und auf alle Fälle auf dem richtigen Weg.

Auf der anderen Seite von Suan Mokkh sollte ein neues Meditationszentrum entstehen und so gingen wir zweimal die Woche dorthin, um zu arbeiten. Wir schleppten Sand und Zement, verteilten Erde, trugen Steine und folgten den Anweisungen von Ajahn Po, der das alles gut im Blick hatte.

Zum Arbeiten war ich eigentlich nicht hierhergekommen, dachte ich so bei mir, und fühlte mich in meiner Meditation etwas unterbrochen. Das Wort – Nicht-Anhaften – kam mir plötzlich wieder in den Sinn und ich erinnerte mich daran, dass Ajahn Buddhadasa einmal sagte: Wenn man nur seine Aufgaben erfülle, sei das schon das Ausüben des Dhamma.

Egal, ich arbeitete weiter und lernte so auch die anderen kennen.

 

Darunter war Pierre, ein ‚französischer‘ Schweizer. Er war fünfundvierzig Jahre alt, hatte in Frankreich seinen Verlag verkauft, lebte zurzeit auf Hawaii und war am Überlegen, ob er nach Thailand übersiedeln sollte. Er nahm es mit der Achtsamkeit sehr genau und füllte die Eimer und Schubkarren sehr langsam und bedächtig mit den Händen – denn es komme ja nicht darauf an, etwas schnell zu erledigen, sondern achtsam. Wie war das doch gleich wieder mit der Geduld? Wir lernten uns später gut kennen und wurden Freunde.

Ein weiterer in der Gruppe war Paul aus Österreich. Er war vor vier Wochen in Suan Mokkh angekommen und hatte ein Jahr lang in einem Zen-Kloster in Japan gelebt.

Die dortige Praxis drehte sich größtenteils um die Lösung rätselhafter Fragen, genannt Koans, die der Lehrer seinen Schülern stellte.

„Ein Koan kann man nicht durchs Denken lösen, sondern die Antwort muss aus deinem intuitiven Verständnis kommen“, meinte er. Einige der bekanntesten Koans lauten: ‚Wie klingt der Klang einer klatschenden Hand?‘ oder: ‚Wie sah dein Gesicht vor der Geburt deiner Eltern aus?‘

„Und darauf gibt es Antworten?“, fragte ich sehr erstaunt. „Ja“, meinte Paul, „der Sinn eines Koans ist es, das Denken anzuhalten und die Intuition zu schärfen, und aus diesem Raum kommen die Antworten.“

Ich wollte es ausprobieren und er meinte: „Okay, versuch’s mal hiermit: Ein Wildpferd rast auf dich zu. Halte es an!“ Alles klar.

Im Geiste sah ich nun dieses Wildpferd auf mich zurasen und versuchte, es anzuhalten. Ich warf ihm ein Lasso um den Hals. Falsche Antwort. Ich baute ein enges Gitter drumherum, auch die falsche Antwort. Dann erschoss ich es, ganz falsche Antwort, und Paul meinte, es könne Monate dauern, bis man eine Lösung aus dem Raum der Intuition bekommen würde.

Ich übte mich weiter in Meditation und eines Abends sah ich dieses Wildpferd wieder vor meinem inneren Auge auf mich zurasen und war sehr überrascht, was ich dann tat: Ich sprang einfach auf.

Wow, dachte ich, das ist die Lösung, einfach aufspringen. Und da es jetzt keine Trennung mehr zwischen dem Pferd und mir gab und ich immer da war, wo es war, hatte ich es auf diese Weise angehalten. Paul schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein.

Ab und zu hielt Ajahn Buddhadasa Vorträge, meist morgens, wenn er sich am fittesten fühlte; schließlich war er schon achtzig Jahre alt. Wir hörten ihm auf dem Boden sitzend zu, den Geräuschen des Dschungels lauschend, während Santikaro das Gesagte ins Englische übersetzte, und irgendwann fingen die Hühner und Hähne an zu gackern.

Ajahn Buddhadasa sprach immer wieder von der zentralen Bedeutung der Meditation und davon, dass man am Atem alle Gesetzmäßigkeiten des Universums erleben könne, nämlich das Entstehen, Verweilen und Vergehen.

Bei seinem Studium der buddhistischen Schriften hatte er ein Wort entdeckt, das Atammayata heißt, und er meinte, dass darin die gesamte Bedeutung der buddhistischen Lehre enthalten sei. Es bedeute in freier Übersetzung, dass der Geist einen Zustand erreichen könne, wo er von den Dingen der Welt nicht mehr verführt, hineingezogen oder sonst wie beeinflusst werden könne, und doch würde man das tun, was zu tun ist.

Alleine über dieses Wort hielt er damals insgesamt zehn Vorträge und machte durch viele Beispiele deutlich, wie wichtig es sei, an nichts anzuhaften, und dann sagte er etwas, was ich nie mehr vergessen sollte: „Es gibt nichts, das es wert wäre, zu sein, zu haben, zu werden oder festzuhalten.

Als ich das hörte, fühlte es sich an, als ob plötzlich eine riesige Last von mir genommen wurde. Hörte ich hier nicht genau das Gegenteil von dem, was in der westlichen Welt mit ihrer materiellen Orientierung gelehrt und gelebt wurde?

War ich nicht so erzogen worden, immer etwas zu haben oder zu werden, irgendetwas darstellen und vorzeigen zu müssen? Und hier hörte ich genau das Gegenteil!?

Ich sah mein ganzes Bemühen, irgendetwas sein zu wollen, und sei es nur der dynamische Jungunternehmer in Berlin, der immer etwas haben oder später etwas werden und sein wollte. Ich erinnerte mich an all die Eitelkeiten und Selbstdarstellungen als mühevoller Versuch, gut dazustehen, etwas darzustellen, etwas sein zu wollen, andere zu beeindrucken.

Und ja, die mir lieb gewordenen Dinge wollte ich schon festhalten, auf alle Fälle wollte ich sie nicht verlieren.

Aber dann schaltete sich mein Verstand ein und zweifelte diese Behauptung an. „Was soll das heißen: Es gibt nichts, das es wert wäre, zu sein, zu haben und zu werden? Natürlich gibt es Werte, wie das Gute im Menschen, Großzügigkeit und die Liebe zum Beispiel. Und hat es keinen Wert, gute Freunde, Partner oder Kinder zu haben? Auch ein gewisser Wohlstand und Lebensstil haben einen Wert. Die Position in der Gesellschaft oder im Beruf hat auch einen Wert. Und auch die Erfüllung von Träumen oder Zielen und Hoffnungen hat einen Wert.“

Das wurde auch nicht bestritten, und Ajahn Buddhadasa sagte mal, dass man sich an alledem erfreuen, aber nicht daran festhalten solle. Das war die eigentliche Kernaussage dieses Satzes.

Er machte uns darauf aufmerksam, ja fast schon warnend und sehr eindringlich, dass alles die Natur des Vergehens in sich trage und dass das Festhalten an Vergänglichem der sichere Weg ins Unglück sei. Und auch das weltliche Glück, das immer wegen etwas entstehe, sei vergleichbar mit einer Schlange und ihrem attraktiven bunten Schwanz: Sobald du den schönen Schwanz ergreifst, dauert es nicht lange und die Schlange wird dich beißen.

Ich spürte, dass er aus klarer innerer Überzeugung und direktem Einsichtsvermögen sprach, auch ohne die thailändische Sprache zu verstehen.

Ich machte mir über alles, was er sagte, Gedanken, erwog es, betrachtete es, und ja, ich musste nach reiflicher Überlegung allem zustimmen.

Im Buddhismus geht es nicht darum, Glaubenssätze zu übernehmen, sondern selbst zu eigenen Antworten und Erkenntnissen zu kommen. Und das, was man nicht versteht oder nachvollziehen kann, solle man seinem Rat zufolge nicht wegwerfen, sondern zur Seite legen und es ein anderes Mal wieder hervorholen, um es erneut zu bedenken und zu kontemplieren. Verwerfen kann man es später immer noch.

Ich fühlte eine tiefe Verbundenheit zu diesem Mann. Er sprach mir aus dem Herzen, er sprach zu meinem Herzen, er berührte mein Herz und er strahlte Weisheit und Herzenswärme aus.

Aber was für mich noch viel wichtiger war: Ich vertraute ihm!

Dann hatte er dieses tiefe, satte Lachen, was so schnell beendet war, wie es begonnen hatte. Wie eine Welle, die aufsteigt, im Wind tanzt und dann wieder zum Ozean wird.

Er strahlte eine innere Ruhe und Konzentration aus, die ich so noch nie bei einem Menschen erlebt hatte. Ich empfand eine tiefe Zuneigung und großen Respekt für diesen Mann.

Ich erkor ihn zu meinem ‚spirituellen Vater‘, und ich sollte, auch noch nach seinem Tod, sehr oft von ihm träumen.

Die Tage gingen dahin in ihrem eigenen Rhythmus. Sie waren erfüllt von Meditations- und Arbeitsperioden, und immer wieder schrieb ich meine kleinen Erkenntnisse auf, malte Bilder, meist abstrakte, die diese Erkenntnisse wortlos aufzeigen sollten. Ich liebte dieses Sein in dieser klaren, einfachen Natürlichkeit.

Achtsamkeit und Nicht-Anhaften waren das Mantra, das mich immerzu begleitete und woran ich mich ständig erinnerte. Ich fühlte einen Frieden und eine innere Klarheit in mir, war aber auch konfrontiert mit diesen Kräften, die man Herzenstrübungen nennt.

Ja, da war diese Gier in mir, und viele Erinnerungen kamen mir in den Sinn, wo mein Handeln von ihr bestimmt wurde, wo ich einfach nicht genug haben konnte von etwas, nicht, weil ich nicht satt war, nein, sondern weil ich es einfach haben konnte. Ja, in Berlin habe ich es oft wild getrieben. Habe mit Frauen geschlafen, obwohl ich wusste, dass es dabei nicht um Liebe ging, sondern einfach nur deshalb, weil es sich anbot.

Und immer wieder spürte ich diesen Ärger und einen knallharten Kritiker in mir, und ich war froh, dass das Prinzip des Entstehens, Verweilens, Vergehens auch hier seine Gültigkeit hatte.

Wie weit meine Achtsamkeit entwickelt war, merkte ich an kleinen Dingen.

Eines Nachts wachte ich auf und musste pinkeln. Ich kroch unter dem Moskitonetz hervor, stand auf, bewegte mich in stockdunkler Hütte auf das Regal zu, griff hinein und fand zielsicher die Streichhölzer, ganz im Dunkeln und ohne etwas zu sehen. Alles in meiner Hütte war auf seinem Platz und mit Achtsamkeit genau da abgelegt, wo es hingehörte, und deshalb konnte es auch gar nicht woanders sein.


Die erste ‚Erleuchtung‘

Es geschah an einem Morgen im April.

Als ich erwachte, fühlte ich eine starke innere Wachheit und Gegenwärtigkeit. Ich öffnete die Tür meiner Hütte und die Welt schien verändert. Die Farben der Bäume und Pflanzen, den leichten Wind auf meinem Gesicht nahm ich plötzlich in einer vorher noch nie erlebten Intensität wahr, und ich erinnerte mich an die Zeit in meiner Jugend, wo wir öfters LSD einnahmen, so ungefähr fühlte es sich an und doch total anders.

Keiner der aufkommenden Gedanken war in der Lage, mich in seine Geschichte hineinzuziehen, keine Herzenstrübung hatte die Chance, anzuwachsen, alle geistigen Bewegungen wurden sofort als das entlarvt, was sie waren. Dann lief ich durch den Wald und staunte über alles, was ich da sah. Ich verstand alles, ohne dieses Verständnis rational in Worte fassen zu können. Ich fühlte mich mit mir tief verbunden und spürte keine Trennung zu den Dingen da draußen.

Dann fand ich einen trockenen Ast, legte ihn irgendwo im Dschungel ab und fand ihn später mit einer sicheren Selbstverständlichkeit wieder. Meine Achtsamkeit war messerscharf.

Da lag dieser Dunghaufen und ich wusste, dass er genau da liegen musste und keinen Zentimeter weiter. Ich verstand das Wehen des Windes, das Bellen der Hunde und das Strahlen der Sonne. Ich verstand, dass alles an seinem Platz war und nur genau da sein konnte, wo es war, und keinen Millimeter weiter. Ich fühlte eine übergeordnete Gesetzmäßigkeit, die alles regulierte, und ich war mittendrin, gehörte dazu, war Teil des Ganzen, nein, ich war das Ganze.

Ich war beseelt und voller Energie. Das Wort ‚glücklich‘ fühlte sich zu beschränkt an, um damit mein Erleben zu beschreiben, alle Worte fühlten sich zu beschränkt an, um das wiederzugeben, was ich da erlebte. Ich fühlte mich leicht, gesammelt und sicher in diesem Sein, und vor allem gab es da keine Zeit, sondern nur diesen einen, unglaublich ewigen, zeitlosen Moment.

Ich konnte nicht darüber nachdenken, denn dieses intensive Erleben erfüllte jeden Winkel meiner Wahrnehmung, und so hatten Gedanken kaum eine Chance, eine Lücke zu finden.

Ich vermied es, anderen Menschen zu begegnen, wollte nicht gestört werden und verzichtete an diesem Tag auch aufs Essen – das wäre einfach zu profan gewesen.

Ich erlebte diesen Zustand ein paar Tage lang mit wechselnder Intensität, aber einer sehr gesammelten, einsichtsvollen und achtsamen Grundschwingung. Ich schlief nur wenige Stunden und meine Meditation war still, ruhig, konzentriert und gesammelt.

Dann wurde mir klar, was hier passiert war – ich war erleuchtet!

Als ich so einen Weg entlanglief, kam mir Viriya entgegen, schaute mich an und meinte zu mir: „Wir sind hier nicht in einer Flugschule!“ ‚Arschloch‘, dachte ich, ‚du neidest mir dieses Erlebnis doch nur, und obwohl du Mönch bist, hast du so was noch nicht erlebt, sonst würdest du das nicht sagen … Idiot.‘ Ich entgegnete ihm: „Ist das so?“ und lief einfach weiter.

Upps, was kamen denn da für Reaktionen aus meinem erleuchteten Geist? Egal, kann schon mal passieren, und ich sammelte mich wieder und genoss dieses Hiersein mit der Gewissheit, dass die Erleuchtung jetzt stattgefunden hatte, und wollte es mit jemandem besprechen und, ja, es mir bestätigen lassen.

Ich ging zu Ajahn Ranschuan, die vor ihrem Häuschen gerade ihre Wäsche aufhing, und erzählte ihr, was ich in den letzten Tagen so erlebt hatte und dass ich ja jetzt gehen könnte, weil das Ziel – Erleuchtung – wohl jetzt erreicht sei.

Sie schaute mich aus ihren freundlichen und sehr klaren Augen an und sagte dann mit viel Mitgefühl zu mir: „Hafte nicht daran an!“

Was?! Ich wollte Lob und Lobpreisung und Anerkennung, wollte die Bestätigung meiner Erleuchtung – und dann sagt sie sowas?

 

Sie meinte weiter, dass das alles sehr gut sei, was ich da erlebe, und ein Zeichen dafür sei, dass ich die Achtsamkeit gut entwickelt hätte und dass Achtsamkeit dann diese starke Konzentration hervorbringe, die ich gerade erlebte.

Dann meinte sie, ich solle mit dem ‚kontemplativen Blick‘ auf die Dinge schauen, mit dem Dhamma-Auge, denn es gehe ja darum zu verstehen, wie die Dinge wirklich sind, und dass ich der Weisheit die Möglichkeit geben solle, mir diese Einsichten zu bescheren. Auch gebe es andere Faktoren, wie liebende Güte, Mitgefühl und Gleichmut, die ebenfalls entwickelt werden müssten.

Wie weit meine liebende Güte und mein Gleichmut entwickelt waren, konnte ich an meiner Reaktion auf Viriya ablesen.

Später erzählte sie mir einmal, dass sie in einem Dschungel gelebt hatte, als sie nicht weit von sich entfernt einen Tiger durchs Unterholz streichen hörte. Aber sie empfand keine Angst. Aus ihren Augen spürte sie ein helles Licht strömen und sie fühlte eine Stärke und Kraft, die keinen Raum für Angst ließen.

‚Der Tiger hätte keine Chance gehabt‘, dachte ich bei mir, als sie mir das erzählte. Aber auch das seien einfach nur ‚Abfallprodukte‘ der Meditation und nicht das Ziel.

Ich ging etwas enttäuscht und doch irgendwie erleichtert zurück in meine Hütte.

Die Intensität meiner Erfahrung legte sich langsam wieder und ich fragte mich, wie lange ich das eigentlich ausgehalten hätte? Keine Ahnung!

Achtsamkeit und Nicht-Anhaften blieben das Mantra.


Penang – Katmandu

Unterwegs und doch immer hier

Mein Visum würde bald ablaufen, und ich beschloss, am übernächsten Tag den Nachtzug nach Penang in Malaysia zu nehmen, um es erneuern zu lassen.

Ich packte meinen Rucksack und verabschiedete mich von Ajahn Po, Viriya und Ajahn Ranschuan. Dann stand ich am Bahnhof in Chaiya und wartete auf den Zug aus Bangkok, der um zwei Uhr morgens ankommen sollte.

Ich hatte alle Zeit der Welt, war weder in Eile noch ungeduldig. Es genügte mir, einfach zu sein. Das Nicht-Anhaften übte ich weiter und in seinem Schlepptau bemerkte ich eine Art Vertrauen.

Ich vertraute darauf, dass alles so geschehen würde, wie es geschehen muss, und weshalb sollte ich mich da einmischen? Das hatte zur Folge, dass ich weder einen Sitzplatz noch eine Fahrkarte im Zug reservierte. Die Fahrt dauerte immerhin fünfzehn Stunden und manchmal länger, und auch ein Hotelzimmer in Penang hatte ich nicht gebucht.

Ich genoss es, sorgenfrei und planlos mit dem Leben zu fließen. Im Zug bekam ich dann den vorletzten Sitzplatz, in Penang das letzte Zimmer in meinem Hotel, und ich hatte das Gefühl, dass das Leben es gut mit mir meinte.

Wieder zurück in Suan Mokkh erreichte mich ein Telegramm von Anna. Sie werde in etwa einer Woche nach Katmandu fliegen und wolle wissen, ob und wann ich kommen würde.

Ach ja, Anna. Ich hatte sie nicht vergessen, aber auch nicht sehr oft an sie gedacht.

Es fühlte sich an, wie an ein anderes Leben erinnert zu werden, mein altes Leben.

Es war nun Anfang Mai und ich überlegte hin und her. Ja, ich wollte Anna wiedersehen und mir auch eine Auszeit vom klösterlichen Leben nehmen, und nach Katmandu wollte ich auch schon immer mal. Also entschloss ich mich, in einigen Tagen nach Bangkok zu fahren, um mich auf den Weg nach Nepal zu machen. Wir wollten zusammen auf dem bekannten Annapurna Treck wandern, der in der Nähe von Pokhara beginnt. Dazu hatte ich extra meine Wanderschuhe aus Berlin mitgenommen, die mich eigentlich die ganze Zeit in Thailand belasteten, auch eine warme Trekkingjacke hatte ich die ganze Zeit mit mir herumgeschleppt.

Aber schon ein paar Wochen vorher war während eines Retreats in unseren Schlafraum eingebrochen worden und die Jacke und die Schuhe wurden mir geklaut. Außerdem war ich barfuß in einen verrosteten Nagel getreten, die Wunde hatte sich entzündet und längeres Gehen bereitete mir Schwierigkeiten. Mit der Trekkingtour würde es also wohl nichts werden, für mich auf alle Fälle nicht.

Auch hier erkannte ich einen Zusammenhang zwischen langem Planen und den Vorkehrungen, die man traf, und dass alles anders kommen kann, als man es geplant hatte. Als mir die Sachen geklaut wurden, ärgerte ich mich überhaupt nicht darüber, denn ich war ja im Nicht-Anhaftungs-Modus, und wenn ich ehrlich bin, war ich sogar erleichtert, im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich musste den ganzen Kram nicht mehr mit mir herumschleppen. Dann erinnerte ich mich an ein altes Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann erzähle ihm von deinen Plänen.“

Das Ticket war schnell besorgt, Anna über meine Ankunftszeit informiert und aus dem Flugzeug sah ich zum ersten Mal die Gipfel des Himalayas, und „das ist der Mount Everest“, meinte eine der Flugbegleiterinnen noch.

Wir landeten in Katmandu, wo Anna in der kleinen Ankunftshalle auf mich wartete. Wir freuten uns beide, einander wiederzusehen, und hatten viel zu erzählen.

Sie war schon seit drei Tagen hier, hatte ein Hotelzimmer organisiert, und so erkundeten wir erst einmal die Stadt. Ich bemerkte, dass ich sehr bei mir war und nach all den Wochen keine Lust verspürte, mit Anna zu schlafen oder ihr sonst wie körperlich näher zu kommen. Wäre das nicht im Kontext meiner klösterlich-meditativen Erfahrung geschehen, hätte ich mir echte Sorgen gemacht. Aber Anna war auch nicht fit, sie hatte Durchfall und fühlte sich schlapp, und so fiel ihr meine Distanz nicht sofort auf.

Meinen zweiunddreißigsten Geburtstag feierten wir in Katmandu, und sie überreichte mir als Geschenk ein T-Shirt, worauf ein kleines, abstraktes Bild gestickt war, und ich erschrak zunächst, denn es sah genauso aus wie eine Zeichnung aus meinem Notizbuch.

Ja, die liebe Anna hatte mir diese Zeichnung ‚entwendet‘ und dem Sticker als Vorlage gegeben. Wir verstanden uns gut und verlebten ruhige und harmonische Tage in Nepal. Ohne mich wollte sie auch nicht auf den Annapurna Treck gehen. Wir blieben eine Woche in Pokhara, machten kleine Tagesausflüge, besuchten tibetische Klöster und fuhren wieder nach Katmandu.

Anna flog zurück nach Berlin, ich zurück nach Bangkok, um schließlich auch drei Tage später wieder in Berlin zu landen.


Berlin

Es war Ende Mai 1988, der Frühling war schon eine Weile da und ich musste mich wieder um Aufträge kümmern. Berlin fühlte sich fremd an. Ich war nicht am richtigen Ort, machte nicht die richtigen Dinge, so fühlte es sich zumindest an. Auf jeden Fall musste ich mich jetzt erst mal orientieren.

Anna orientierte sich auch neu. Bislang hatte sie Geschichte und Germanistik studiert, dieses Studium abgebrochen und schaffte dann auch die Prüfung zum Studium als Industriedesignerin an der Hochschule der Künste.

Bevor ich mich als Landschaftsgärtner selbstständig machte, hatte ich auch sechs Semester Industriedesign studiert, dieses Studium aber dann abgebrochen. Ich ging nur noch halbherzig zur Uni, war an den Projekten nicht mehr interessiert, störte mich immer mehr an einer gewissen Arroganz, die ich meinen Mitstudenten unterstellte, und die Aussicht, später für die Industrie zu gestalten, war nicht besonders attraktiv für mich. Als Semesterarbeiten entwickelte und baute ich immerhin einen Hocker, eine Lampe, lernte etwas über Bildhauerei, Malerei und Gestaltung und hatte eine tolle Projektwoche an der Nordsee mit meinen Mitstudenten und dem Bildhauer, Professor Günther Ohlwein.

Wir wohnten damals in der Mühle von Hannes Wader in Strukum und beschäftigten uns mit Windobjekten. Wir verbanden Holzstäbe miteinander und bespannten sie mit Papier, so dass sie aussahen wie Drachen, nur dass sie nicht in die Luft flogen, sondern auf dem Boden rollend vom Wind bewegt werden sollten. Sie wurden dann genauso vom Wind mitgenommen, wie ich es mir vorgestellt hatte.