Frei und nicht allein

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Frei und nicht allein
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Marina Bonzelet

Frei und nicht allein

Elfen und Priester


Marina Bonzelet (geb. 1990) schreibt Geschichten, seit sie genügend Buchstaben dafür gelernt hat. Sie bezeichnet sich selbst als Phasen-Schreiberin, wodurch ihre Geschichten oftmals lange in der Schublade liegen. Neben ihrer Arbeit als Buchhändlerin, ist sie begeisterte Bloggerin und gibt ihren Senf zu allem möglichen auf ihrem Blog „Mein Senf für die Welt“ dazu. „Frei und nicht allein“ ist ihr erster Roman.

Impressum

Text/Buchsatz: Marina Bonzelet

Umschlaggestaltung: Kim Leopold (ungecovert – Buchcover und mehr) unter Verwendung von Stockmaterial von www.123rf.de (Jan Stopka, Andriy Popov, Knut Hebstreit) und www.shutterstock.de (Marco Govel, Phatthanit)

Lektorat/Korrektorat: Elisabeth Slafzinski

Senf-Fee Grafik: Tatjana Kirsten

Verlag: Marina Bonzelet

Bahnhofstr. 8

53925 Kall

mail@darkfairyssenf.com

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Für Philipp und Lina.

Und für alle anderen,

die Teil der Umzugs-Madness waren.

Zwischen uns tanzen die Funken

Wie kleine Lichter in der Nacht

Ich hab' mich an dir betrunken

Hab' nicht lange nachgedacht

Mein rasend' Herz beginnt zu flimmern

Ich hab' auf den Moment vertraut

Und du brennst mit Feuerfingern

Mir dein Zeichen in die Haut.

Spiel mit dem Feuer

– Saltatio Mortis

Kapitel 1 – Shoppingtour

„Wenn das hier schiefgeht, bring ich dich um!“

„Leere Drohungen, meine Liebe. Du liebst mich!“

„Tzz... das hättest du wohl gerne!“

Nemus lachte auf und bog in eine noch dunklere Gasse ein. Seine Partnerin Silva folgte ihm mit geringem Abstand. Gemeinsam hatten die beiden in der Nacht eines der reichsten Adelshäuser der Stadt überfallen. Jetzt begann bereits der Morgen zu dämmern.

„Das sieht doch nett aus!“, meinte Nemus plötzlich und deutete auf ein Wirtshaus in der breiteren Straße, die sich hier mit der Gasse kreuzte.

„Und du bist wirklich sicher, dass wir nicht die Stadt verlassen sollten?“, entgegnete Silva unsicher und pustete sich eine ihrer welligen, dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Klar. Wer würde schon vermuten, dass der rothaarige Dieb in der Stadt bleiben würde.“ Nemus zuckte mit den Schultern und ließ sich in einem Hauseingang in der dunklen Gasse nieder.

„Du hast ja Recht... Moment... rothaarig? Weder du noch ich haben rote Haare. Seit diesem einen Vorfall hast du mir versprochen, bei der Arbeit nicht mehr betrunken zu sein!“ Silva blickte ihn streng an und ließ sich neben ihm auf dem Boden nieder.

„Meine Liebe... als sähe ich nicht, dass dein wundervolles Haar schwarz wie die Nacht ist. Aber das aller Familienmitglieder im Hause Von Sechtem ist es ebenso. Da wird man wohl darauf kommen, dass die roten Haare vor der Geldschatulle vom Einbrecher sind.“

Silva schüttelte ungläubig den Kopf. „Und wo hast du die roten Haare hergenommen?“

„Molly.“

„Molly?“

„Jep.“

„Warte... war das diese dickbusige Wirtsfrau aus der letzten Stadt?“

„Eben jene.“

„Du hast ihr Haare abgeschnitten?“

„Wo denkst du hin? Sie mochte es heftig und im Eifer des Gefechts...“ Nemus grinste frech und gestikulierte mit den Händen.

„Schon gut. So genau wollte ich es gar nicht wissen“, unterbrach Silva. „Du hast also eine falsche Fährte gelegt. Du gerissener Elf, du!“

„Danke für die Blumen. Ich wusste doch du liebst mich“, gab Nemus grinsend zurück.

Silva boxte ihm gegen den Arm und lehnte dann ihren Kopf gegen seine Schulter. „Ich bin müde“, brummte sie und schloss die Augen.

„Ich weiß, aber wir müssen warten, bis die Tore öffnen. Wenn wir vorher in einem Wirtshaus aufschlagen und zwei Zimmer mieten, ist das dann doch etwas auffällig und wirft nur unnötige Fragen auf. Wenn wir doch in der Stadt sind, wo haben wir dann bisher die Nacht verbracht? Wieso mieten wir im Morgengrauen etwas Neues?“

„Ja ja... schon gut.“

Es war bereits vollständig hell, als Nemus Silva anstupste, um sie zu wecken.

„Hey, Schlafmütze! Aufstehen. Die Tore sind bereits seit einer Stunde geöffnet und die Stadt erwacht. Zeit für ein gemütliches Bett.“

Silva streckte sich ausgiebig und ließ sich dann von dem Elf aufhelfen. Gemeinsam schlenderten sie aus der Gasse und auf das Wirtshaus zu. Während Silva geschlafen hatte, hatte Nemus bereits den Geldbeutel an seinem Gürtel mit Münzen aus ihrer Beute aufgefüllt. Er konnte dem Wirt schlecht ihr Diebesgut präsentieren. Silva betrat als Erste das Wirtshaus. Nemus, der anderthalb Köpfe größer war als sie, folgte auf dem Fuße. Um diese Zeit saßen lediglich einige Reisende im Schankraum, die heute aufbrechen wollten. Silva steuerte auf die Theke zu.

„Zwei Zimmer und ein ordentliches Frühstück für uns beide“, orderte Silva beim Wirt, der sie skeptisch musterte. Nemus konnte es ihm nicht verübeln. Ihre letzte Gelegenheit für ein ordentliches Bad war bereits eine Weile her. Sie waren schmutzig und ihre Kleidung hatte auch schon bessere Tage gesehen.

„Keine Angst, wir haben lediglich eine lange Reise hinter uns. Hier ist Geld für die ersten zwei Nächte“, erklärte Nemus und warf dem Wirt seinen Geldbeutel vor die Nase.

„Oh, natürlich, verzeiht. Aber man kann ja nie wissen...“, entschuldigte sich der Wirt sogleich unterwürfig.

„Ja ja, schon gut. Was ist jetzt mit dem Frühstück?“, warf Nemus genervt ein. „Ach, und ich hätte gerne ein Doppelbett für mich. Ich werde es brauchen“, schob der Elf mit einem anzüglichen Grinsen hinterher.

„Aber natürlich sofort.“ Damit verschwand der Wirt durch eine Tür und brüllte nach irgendjemandem.

Nemus drehte sich mit dem Rücken zur Theke, lehnte sich leicht dagegen und musterte die anderen Gäste im Schankraum. Silva tat es ihm gleich und nickte schließlich in Richtung der hintersten Ecke, in der noch ein Tisch frei war und an dem sie weitestgehend ungestört sein würden. Nemus nickte knapp und folgte seiner Begleiterin dann an den Tisch. Bis der Wirt ihr Frühstück - eine Platte mit Rühreiern und Speck, dazu einen Korb mit frischem Brot sowie einen Krug mit verdünntem Wein - brachte, schwiegen die beiden.

„Was meinst du, wie lange wir hierbleiben?“, fragte Silva schließlich, bevor sie sich eine Gabel voll Rührei in den Mund schob.

„Weiß nicht. Hast du es denn eilig?“

„Ich frag nur.“ Silva zuckte mit den Schultern.

Nemus schenkte ihr sein Lächeln, mit dem er schon unzählige Frauenherzen gebrochen hatte. Silva beeindruckte dies allerdings wenig. Sie hob lediglich eine Augenbraue und sah ihn auffordernd an.

„Wir sind gerade zu einem ganz schönen Batzen Geld gekommen. Zeit, dass wir das Leben mal ein wenig genießen.“

„Du hast Recht. Und wenn das Frühstück repräsentativ für diesen Laden ist, halte ich es hier sicher eine Weile aus“, gab Silva zurück, angelte sich noch einen Streifen Speck und ließ ihn mit einem Grinsen in ihrem Mund verschwinden.

Nach dem Frühstück ließen die beiden sich ihre Zimmerschlüssel geben und gingen nach oben. Gegen einen Aufpreis hatte Nemus tatsächlich ein Zimmer mit einem Doppelbett für sich bekommen. Silvas Zimmer war gleich nebenan.

„Ich hätte um ein Zimmer am anderen Ende des Flures bitten sollen“, brummte Silva und warf einen Blick an Nemus vorbei in dessen Zimmer. Nemus lachte und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Du bist ja bloß neidisch.“

„Tzz. Als hätte ich Probleme jemanden zu finden. Ich vögel nur eben nicht ganz so viel durch die Gegend wie du.“

„Stimmt, du trinkst und spielst lieber“, entgegnete der Elf und überlegte. „Na gut. Wie wäre es damit? Jedes Mal, wenn jemand bei mir ist und dein Zimmer dadurch unbenutzbar wird, trinkst du auf meine Rechnung“, fügte er dann grinsend hinzu.

„Das klingt annehmbar, auch wenn es dich arm machen wird“, entgegnete Silva und grinste ebenfalls.

„Wohlan denn, dann begebe ich mich nun zu Bett.“ Nemus vollführte eine galante Verbeugung und verschwand in seinem Zimmer.

„Manchmal benimmst du dich echt wie ein richtiger Elf“, seufzte Silva kopfschüttelnd und begab sich zu ihrem Zimmer.

„Jetzt werd‘ mal nicht beleidigend!“, rief der Elf noch und warf dann die Tür zu.

Erst am Nachmittag wurde Nemus durch ein lautes Klopfen geweckt. Er schaute sich verschlafen um und musste feststellen, dass er quer auf dem Bett liegend und vollständig bekleidet eingeschlafen war. Noch bevor er sich überhaupt aufgesetzt hatte, riss Silva die Tür auf.

„Guten Morgen, Prinzessin“, flötete sie. „Los auf! Zeit, dass wir uns standesgemäß einkleiden. Und natürlich meine ich gemäß dem Stand unseres Geldes.“ Sie strahlte.

Ächzend setzte Nemus sich auf. Voller Tatendrang stand seine Partnerin im Zimmer, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihre braunen Augen funkelten belustigt.

„Klingt nach einem Plan“, gähnte Nemus und deutete auf seinen Rucksack, den er einfach in eine Ecke geworfen hatte. „Dann lass uns mal aufteilen.“

Silva nickte, warf dem Elfen seinen Rucksack zu und nahm ihre eigene Tasche von der Schulter. Sie schloss die Tür und kam dann zum Bett herüber, wo Nemus bereits die Beute aus seinem Rucksack kippte. Als er fertig war, leerte auch sie ihre Tasche aus. Gemeinsam betrachteten die beiden den kleinen Haufen aus Schmuck und Münzen.

 

„Na, wenn sich das mal nicht gelohnt hat“, meinte Nemus mit glänzenden Augen.

„Wir teilen erst mal nur die Münzen auf. Den Schmuck machen wir zu Geld, sobald wir jemanden dafür gefunden haben und teilen dann noch mal“, entschied Silva.

Nemus nickte nur, sortierte den Schmuck aus dem Haufen heraus und ließ ihn in einen Lederbeutel fallen, den er zuvor aus seinem Rucksack gefischt hatte.

Silva und Nemus teilten das kleine Vermögen zu gleichen Teilen auf. Sie hatten zwar nicht vor, getrennte Wege zu gehen, aber zur Sicherheit und der Gerechtigkeit halber, verfuhren sie mit ihrer Beute immer so.

Allein für die Münzen hätte der Einbruch sich bereits gelohnt. Schon seit etwa zwei Wochen befanden sich die beiden in der Stadt und hatten ihren Einbruch gründlich vorbereitet. Sie hatten sich genau für die Nacht entschieden, bevor Von Sechtem seine Angestellten und Handelspartner bezahlen wollte und seine Geldschatulle daher bis zum Rand gefüllt gewesen war.

Als sie fertig waren, schob Nemus einen Teil seines Anteils in seinen Geldbeutel, den er nach dem Frühstück vom Wirt zurückbekommen hatte. Der Rest verschwand in einem Leinensäckchen, welches er ebenfalls aus seinem Rucksack hervorzauberte. Silva schüttelte grinsend den Kopf, während sie einfach alles in ihre Tasche zurückschob.

„Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Beutel du in deinem Rucksack versteckst.“

„Tja, Ordnung muss sein. Davon abgesehen waren das doch schon alle“, meinte Nemus schulterzuckend und ließ das Leinensäckchen sowie den Lederbeutel mit dem Schmuck unter seiner Matratze verschwinden. Den Rucksack warf er wieder achtlos in die Ecke. Gemeinsam verließen sie das Zimmer und Nemus verschloss die Tür.

Nemus und Silva schlenderten durch die Straßen. Die letzten Städte, in denen sie gewesen waren, waren im Vergleich zu dieser beinahe lachhaft klein. Sie beide genossen das bunte Treiben und die Anonymität hier. Silva war nun auch immer mehr davon überzeugt, dass Nemus Recht hatte und sie ruhig eine Weile hierbleiben konnten.

„Lass uns erst mal schauen, ob wir nicht bei einem Krämer passende Kleidung finden, bevor wir zu einem Schneider gehen. Das geht schneller“, schlug Silva vor und sah zu dem Elfen auf, der interessiert die Auslagen der Geschäfte musterte, an denen sie vorbeikamen.

„Einverstanden. Aber du weißt, wie wählerisch ich bin.“ Nemus grinste zu Silva hinab und ließ im Vorbeigehen unbemerkt einen Apfel in seiner Manteltasche verschwinden. Ein Stück weiter zog er ihn wieder hervor und biss herzhaft hinein.

Noch während Nemus den Apfel aß, fanden sie einen Krämer, der in seinem Geschäft auch Kleidung verkaufte. Silva, die zwar verglichen mit Nemus klein war, hatte doch nach menschlichen Maßstäben eine durchschnittliche Größe. Daher hatte sie Glück und fand gleich bei diesem ersten Krämer eine kurzärmelige, schulterfreie weinrote Bluse, die ihr wie angegossen passte. Während sie sich gemeinsam mit dem Krämer durch die übrige Kleidung wühlte, um ein Mieder zu finden, ließ der Elf in aller Seelenruhe eine Handvoll Münzen sowie zwei breite Armbänder aus dunkelbraunem Leder in seiner Tasche verschwinden.

Nemus lehnte gelangweilt neben der Tür und pulte Schmutz unter seinen Fingernägeln hervor, als ihm plötzlich ein Stiefel gegen die Brust flog. Dicht gefolgt von einem zweiten Exemplar. Mit erhobener Augenbraue hob er den Kopf und sah ein breites Grinsen auf Silvas Gesicht sowie einen leicht geschockten Ausdruck bei dem Händler.

„Was bin ich? Ein Fußabtreter?“, fragte Nemus und bückte sich nach den Stiefeln. Als er sie aufhob, stutzte er. „Die haben Elfen gefertigt“, stellte er überrascht fest.

„Da habt ihr Recht, mein Herr. Daher sind sie auch leider deutlich teurer als die andere Kleidung hier“, beeilte sich der Händler zu sagen. „Verzeiht, aber ich denke, sie liegen nicht ganz in Eurem preislichen Rahmen…“

Aber noch während der Händler dies sagte, hatte Nemus seine ausgetretenen Stiefel bereits ausgezogen und schlüpfte in die Elfenstiefel aus weichem, braunem Leder.

„Ich nehme sie“, sagte er bestimmt.

„Mein Herr, seid Ihr sicher, dass Ihr… also…“ Verzweifelt blickte der Krämer auf Nemus‘ alte Stiefel und dann auf seine heruntergekommene übrige Erscheinung.

Wortlos schüttete Nemus den Inhalt seines Geldbeutels auf den Tresen. Die Augen des Händlers begannen zu leuchten.

„Vergebt mir. Ich hatte gedacht… also… Ihr saht nicht…“

Genervt winkte Nemus ab. „Wie viel?“

Der Händler nannte seinen Preis.

„Ein fairer Preis.“ Gelassen schob Nemus dem Händler die Münzen zu, schließlich hatte er auf andere Weise bereits einen Rabatt erhalten. „Meine alten Stiefel könnt Ihr behalten.“

„Ich nehme dann die Bluse. Was schulde ich Euch?“ Mit der betreffenden Bluse in der Hand trat Silva auf den Händler zu.

Kaum hatten die beiden den Laden verlassen und waren um die nächste Ecke gebogen, zog Nemus die Lederarmbänder hervor und band sich je eines um seine Handgelenke.

„Nett“, kommentierte Silva und hielt ihm auffordernd eine Hand unter die Nase.

„Tzz, ich mache die ganze Arbeit und dann muss ich mit dir teilen“, seufzte der Elf theatralisch und ließ die Hälfte der eingesteckten Münzen in Silvas Hand fallen.

„Was heißt hier, du machst die ganze Arbeit? Ich denke nur einfach, dass dir das Mieder nicht stehen wird.“ Grinsend zog Silva ein kleines Stoffbündel aus ihrer Tasche und faltete es auseinander. Zum Vorschein kam ein schwarzes Schnürmieder aus festem Stoff, das Silvas ohnehin wohlgeformten Rundungen weiter betonen würde.

Noch eine ganze Weile lang schlenderten sie durch die Stadt, bis sie einen weiteren Krämer fanden, bei dem Silva eine enganliegende, schwarze Hose und schwarze Stiefel erstand. Nemus entdeckte einen dünnen, schwarzen Mantel mit einer großen Kapuze. Dieser fiel zwar recht locker um seine schlanke Gestalt, betonte diese aber eigenartigerweise sogar.

Als der Krämer sah, wie unzufrieden Nemus mit der sonstigen Auswahl war – und wie schwer es für ihn sein würde, aufgrund seiner Statur passende Kleidung zu finden, die ihm zusagen würde – schickte er die beiden zum Markt in der Südstadt. Dort böte regelmäßig ein elfischer Schneider seine Ware feil.

Nemus bedankte sich überschwänglich - in Gedanken fügte er auch ein „Danke“ für seinen neuen Ledergürtel hinzu, welchen er elegant unter dem soeben erstandenen Mantel hatte verschwinden lassen.

„Ich hoffe, dieser Schneider kann dir weiterhelfen“, überlegte Silva. „So wie du aussiehst, kann ich mich sonst nicht mehr lange mit dir blicken lassen.“

Nemus grinste. Er wusste zu schätzen, dass Silva ihm ebenso eine neue Garderobe gönnte, wie sie sich über ihre freute.

„Ich muss zugeben: Du siehst umwerfend aus, meine Liebe.“ Der Elf ließ seinen Blick über Silvas Erscheinung gleiten. Bei dem letzten Krämer hatte sie sich in einem Hinterzimmer bereits umgezogen. Ihre schwarzen Haare fielen in Wellen über ihre nun freien Schultern. Wie erwartet betonte das Mieder genau die richtigen Stellen. Ebenso unterstrich die Hose ihre Hüften und ihren Hintern in äußerst vorteilhafter Weise.

Silva boxte Nemus gegen den Arm und meinte: „Meine Augen sind hier oben, Nemus!“ Vage deutete sie auf ihr Gesicht.

Der Elf grinste nur noch breiter und löste seinen Blick von ihren Brüsten. „Entschuldige, manchmal vergesse ich eben, wie hübsch du bist. Davon abgesehen ist es jetzt schon zwei Wochen her, seit ich mich das letzte Mal vergnügen konnte.“

Silva schüttelte seufzend den Kopf. „Alter Lustmolch“, brummte sie.

„Ich langweile mich halt schnell“, meinte Nemus entschuldigend und zuckte mit den Schultern.

„Ja ja, schon gut. Ich kenn‘ dich doch. Und wenn du erst mal nicht mehr so schmuddelig aussiehst, suchen wir dir eine nette Beschäftigung für heute Abend.“

„Das ist ein Wort!“ Nemus klopfte Silva auf die Schulter und beschleunigte seinen Schritt. Amüsiert schüttelte Silva erneut den Kopf. Die Aussicht auf Sex ließ den Elf wirklich schneller rennen, als alle Wachen des Landes zusammen.

„Nemus, warte auf mich!“, rief Silva schließlich, um ihren Begleiter nicht aus den Augen zu verlieren.

Als sie den südlichen Markt erreichten, stellten Nemus und Silva überrascht fest, dass der Schneider scheinbar nicht der einzige Elf war, der hier Handel trieb.

Allerdings war das bei genauerer Betrachtung auch nicht weiter verwunderlich. Zwar lebten die Elfen lieber unter ihresgleichen, aber viele pflegten freundschaftliche Beziehungen zu den Menschen. Und elfische Waren erzielten stets gute Preise, da auch die Menschen die handwerklichen Fähigkeiten dieses Volkes zu schätzen wussten.

Nemus ließ seinen Blick über den Markt schweifen. „Vielleicht sollten wir lieber wieder gehen. Ich finde sicher auch woanders etwas zum Anziehen.“

„Ach, Blödsinn! Komm schon.“ Silva packte Nemus am Handgelenk und zog ihn mit sich.

Der Elf ließ sie gewähren, auch wenn er sich unter Elfen eher unwohl fühlte. Es gab schließlich einen Grund, warum er mit einer Menschenfrau unterwegs war. Silva wusste, dass Nemus lieber wieder gegangen wäre, aber sie wusste auch, dass sie hier nun mal die besten Aussichten hatten, etwas Passendes für ihn zu finden. Während sie zwischen den Marktständen umherstreiften, kam Silva nicht umhin, immer wieder stehen zu bleiben und die äußerst kunstfertigen Waren zu bestaunen.

Gerade begutachtete sie die Auslage eines elfischen Goldschmieds, der mit einem anderen Kunden ins Gespräch vertieft war.

Plötzlich unterbrach der Händler seine Unterhaltung und meinte mit schneidender Stimme: „Legt es zurück!“

Erschrocken riss Silva den Blick von dem Schmuck los.

„Aber ich habe doch gar nichts ange…“, setzte sie an, unterbrach sich aber dann, als sie sah, dass der Goldschmied nicht sie, sondern Nemus fixierte. Mit klopfendem Herzen blickte sie zu ihrem Begleiter auf. Noch nie hatte sie erlebt, dass Nemus dabei erwischt wurde, wenn er etwas einsteckte.

Der Angesprochene erwiderte den Blick grimmig, beinahe herausfordernd. „Ich weiß nicht wovon Ihr sprecht.“

Die Stimme des Händlers wurde drohender: „Ich sagte: Legt es zurück.“

Der andere Kunde hatte sich inzwischen zurückgezogen. Die Spannung, die in der Luft hing, war beinahe mit Händen greifbar.

Nemus verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Wie gesagt. Ich weiß nicht wovon…“

„Haltet mich nicht zum Narren! Das Armband. Legt es zurück und ich sehe davon ab, die Wachen zu rufen“, grollte der Goldschmied.

Nemus ließ die Arme sinken und ballte die Hände zu Fäusten. Er biss die Zähne so stark aufeinander, dass sich die Kiefermuskeln in seinem schlanken Gesicht abzeichneten.

Vorsichtig legte Silva eine Hand auf den Unterarm des Elfen. „Nemus, bitte…“, flüsterte sie.

Der Elf blickte zu ihr hinab. Seine Augen streiften dabei kurz über seine rechte Manteltasche. Sonst rührte er sich nicht. Während sie die eine Hand auf seinem Arm liegen ließ, griff Silva mit der anderen in Nemus‘ Manteltasche und zog ein feingliedriges goldenes Armband hervor. Sie reichte es dem Händler.

„Bitte verzeiht. Wir werden jetzt gehen und Euch nie wieder behelligen.“

Der Händler schien keine Einwände zu haben und so zog Silva Nemus mit sich fort.

Nach einer Weile ließ Silva ihren Begleiter los und blieb stehen. Sie wandte sich zu ihm um und musterte ihn. Als sie seinen abweisenden Gesichtsausdruck sah, entschied sie, den Vorfall nicht anzusprechen.

Stattdessen meinte sie: „Komm, wir suchen diesen Schneider und dann verschwinden wir von hier, in Ordnung?“

Nemus zuckte mit den Schultern und versuchte sich an einem Lächeln, das ihm allerdings gründlich misslang. „In Ordnung. Hauptsache, ich finde noch was Passendes.“

Kurz darauf hatten sie den Schneider gefunden und Silva erklärte ihr Anliegen.

„Ihr habt Glück, heute habe ich tatsächlich einige Kleidungsstücke dabei, die Euch gefallen könnten.“ Der Schneider zog eine Kiste unter seinem Stand hervor und öffnete diese. „Meist habe ich nur Kleidung und Stoffe für die Menschen dabei, aber auch wir Elfen handeln hier natürlich hin und wieder untereinander.“

 

Er maß Nemus mit einem kritischen Blick, suchte kurz in der Kiste und zog dann eine Hose aus weichem, hellbraunem Leder hervor. Sie hatte einen breiten Bund und eine Schnürung vorne. Er warf Nemus die Hose zu. Dieser begutachtete sie kurz und hielt sie sich dann vor die Hüfte. Der Schneider nickte zufrieden.

„Die sollte Euch passen. Wenn nicht, könnt Ihr gerne morgen wieder herkommen und ich werde Sie für Euch ändern.“

„Wunderbar. Habt Ihr vielleicht auch noch ein Hemd für meinen Freund?“, fragte Silva, als Nemus weiter stumm blieb.

Wieder kramte der Schneider in der Kiste und beförderte schließlich ein dunkelgrünes Seidenhemd ans Licht. Das Hemd hatte beinahe die gleiche Farbe wie Nemus‘ Augen und würde ihm daher sicher fantastisch stehen. Es wies ebenfalls eine Schnürung auf, mit der sich der Ausschnitt variieren ließ.

Als Nemus es in die Hand nahm und sich vorhielt, konnte Silva ein kurzes Funkeln in seinen Augen sehen. Sie bestätigte seinen Eindruck mit einem knappen Nicken.

Nemus verhandelte gar nicht erst lange mit dem Schneider über den Preis, sondern zahlte, was dieser verlangte und machte sich dann mit seiner neuen Kleidung unterm Arm und Silva an seiner Seite auf den Rückweg.

Je weiter sie sich von dem Markt – und damit von den Elfen – entfernten und in die immer noch belebten Straßen eintauchten, desto mehr fiel die Anspannung von Nemus ab.

„Lass uns zum Wirtshaus zurückgehen und schauen, ob wir dort ein Bad nehmen können“, schlug Silva vor.

„Gerne. Ein Bad wäre jetzt genau das Richtige. Ich muss doch meine strahlende Schönheit wieder hervorkitzeln“, entgegnete Nemus und grinste.

Silva lachte auf. „Jetzt bist du wieder ganz der Alte! Dann hoffen wir mal, dass deine Schönheit nicht vielleicht doch schon verloren gegangen ist, unter all dem Schmutz.“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht, oder? Irgendeinen Vorteil muss es schließlich haben, ein Elf zu sein!“, rief Nemus empört aus und reckte stolz das Kinn. Unbewusst fuhr er über sein linkes Ohr, in dem am oberen Rand knapp unter der Spitze zwei silberne Ohrringe blitzten.

„Wenn es da auch sonst nicht viele gibt…“, murmelte er kaum hörbar.

Als Silva ihn fragend ansah, setzte er ein breites Grinsen auf und schüttelte den Kopf. „Ach nichts. Also wie war das mit dem Bad?“

Zurück im Wirtshaus ließen sich Silva und Nemus an der Theke nieder und bestellten zwei Bier. Als der Wirt diese vor ihnen abstellte, hielt Nemus ihn auf, bevor er wieder gehen konnte: „Sagt, kann man hier ein Bad nehmen?“

Die Augen des Wirts leuchteten auf. „Aber sicher, mein Herr. Ich habe eines dieser neumodischen Bäder einrichten lassen.“

Als Nemus ihn lediglich skeptisch musterte und eine Augenbraue hochzog, hellte sich das Gesicht des Wirts noch mehr auf. Er schien mächtig stolz auf sein Bad zu sein.

„In einem Raum, den ich sowieso nie gebraucht habe, habe ich eine Wanne einbauen lassen, die von unten mit einem Feuer beheizt werden kann. So bleibt das Wasser praktisch unbegrenzt heiß. Es wird erst kalt, wenn man das Feuer löscht. Mein Sohn ist dafür zuständig, das Feuer immer am Laufen zu halten solange jemand baden möchte. Die Feuerstelle ist durch einen Kriechgang von außen erreichbar.“

Bei der Erwähnung des heiß bleibenden Wassers hatte Silvas Gesicht einen seltsam gierigen Ausdruck angenommen. Nemus war dies nicht entgangen und er ahnte Schreckliches in Bezug auf die Dauer ihres Bades.

„Leider habe ich nur ein solches Bad, sodass immer nur einer es benutzen kann. Außerdem muss ich leider eine kleine Gebühr von Euch verlangen. Aber seid versichert: Sie liegt nicht höher, als die der örtlichen Badehäuser.“

„Sagt uns einfach, was Ihr bekommt und ob das Bad gerade frei ist.“

Nemus bezahlte den Wirt, welcher sogleich seinen Sohn schickte, um das Feuer anzufachen.

„Also, ich würde vorschlagen ich…“, setzte Nemus an.

„Ich gehe zuerst!“, fuhr Silva eilig dazwischen und sprang von ihrem Hocker auf.

„Das hättest du wohl gerne“, meinte Nemus grimmig. „Wenn ich dich zuerst gehen lasse, komme ich heute vermutlich gar nicht mehr an die Reihe, so wie du eben geschaut hast.“

„Gut, dann lass uns eine Münze werfen.“

Noch während Nemus ungläubig auf das Ergebnis des Münzwurfes starrte, war Silva schon dem Wirt gefolgt und ließ sich das Bad zeigen. Seufzend bestellte Nemus ein weiteres Bier.

„Silva, du bist schon seit über einer Stunde da drin! Ich will auch endlich baden!“, rief Nemus genervt.

„Du bist dran, wenn du dran bist. Ich werde jetzt sicher nicht zur Tür kommen!“, entgegnete Silva schnippisch und ließ sich wie zur Untermalung ihrer Worte noch ein Stück tiefer ins Wasser gleiten.

„Du weißt schon, dass du mit dem besten Schlossknacker diesseits des Meeres sprichst?“, fragte Nemus und funkelte die Tür an. Sie war alles, was zwischen ihm und einem Bad stand.

„Nur diesseits des Meeres? Bitte. Tu, was du nicht lassen kannst...“

Silva hatte kaum zu Ende gesprochen, da klickte es im Schloss, die Tür flog auf und Nemus betrat den Baderaum. Da stand er so wie Gott ihn schuf vor ihr – nun ja, nur eben insgesamt etwas schmuddeliger und dezent verhüllt von seinem neuen Mantel. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er tatsächlich das Schloss knacken würde.

„Ernsthaft jetzt? Was soll das werden?“, fragte Silva empört, als Nemus zu der von unten beheizbaren Wanne herüberkam und hineinlugte. „Ich bitte dich, da ist doch locker Platz für uns beide“, meinte er grinsend.

„Nemus...“, grollte Silva drohend, aber da hatte der Elf den Mantel schon abgestreift und war zu ihr ins Wasser gestiegen.

„Keine Angst. Ich will nur baden. Du weißt doch: Ich trenne stets Arbeit und Vergnügen.“

„Ach ja? Seit wann?“, schnaubte Silva, machte ihm dann aber doch etwas Platz und ließ sich wieder tiefer in das heiße Wasser sinken. „Davon abgesehen: Warum hast du es überhaupt so eilig mit dem Baden?“

„Mich gelüstet nach fleischlichem Vergnügen. Und ob du's glaubst oder nicht: Selbst mir fällt es schwer, ungewaschen jemanden zu finden“, grinste Nemus und schloss genießend die Augen.

Langsam konnte Nemus verstehen, warum Silva bereits so lange hier war. Das heiße Wasser war herrlich und tat unglaublich gut. Der Elf seufzte zufrieden.

Silva hatte Nemus schließlich allein gelassen und war schon einmal vorgegangen. Sie saß mit einem Bier an der Theke. Der Schankraum war jetzt am Abend gut besucht und Silva zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass Nemus auf seine Kosten kommen würde. Gerade als Silva ihren Blick schweifen ließ, kam der Elf die Treppe herunter. Bis auf den Mantel trug er seine komplette neue Garderobe. Silva hatte Recht gehabt: Das Hemd stand ihm fantastisch. Nemus hatte die Schnürung lockergelassen, sodass ein Teil seiner hellen, haarlosen Brust zu sehen war. Der Elf entdeckte sie an der Theke und kam auf sie zu, während ihm einige Blicke folgten.

„Na, gefällt dir was du siehst?“, neckte er grinsend und bestellte ein Bier.

„Zumindest siehst du besser aus, als noch heute Morgen. Und davon abgesehen… Wie kann man nur eine so verdammt makellose Haut haben?“, entgegnete Silva brummend.

Nemus lachte. „Sei nicht neidisch, meine Schöne. Das ist das Elfenblut.“

Der Elf lehnte sich mit dem Rücken gegen die Theke und ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Hier ist ja ganz schön was los.“

Silva nahm ihr Bier in die Hand und drehte sich auf ihrem Hocker ebenfalls herum. „Ich schlage die junge Frau hinten in der Ecke vor. Sie reist mit ihrem Vater.“ Unauffällig nickte Silva in die entsprechende Richtung. Nemus folgte ihrem Blick. Ihm gefiel, was er sah.

„Eben habe ich einen Wortwechsel mitangehört, dass er heute Abend noch geschäftlich unterwegs sein würde und dass sie unter keinen Umständen dieses Wirtshaus verlassen solle. Sie war nicht sehr begeistert, hat sich aber gefügt. Sie wollte wohl auch das Großstadtleben genießen. Oh, und morgen wollen sie in der Frühe aufbrechen“, führte Silva ihre Beobachtungen weiter aus.

Ein Lächeln schlich sich auf Nemus‘ Gesicht. „Du bist die Beste!“

Er drehte sich zum Wirt um. „Ab jetzt geht alles, was sie trinkt, auf meine Rechnung.“

Der Elf nahm sein Bier, gab Silva einen flüchtigen Kuss auf die Wange und schlenderte zu der jungen Frau in der Ecke hinüber.

„Darf ich mich zu Euch setzen?“