Dr. Daniel Classic 67 – ArztromanText

Aus der Reihe: Dr. Daniel Classic #67
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Dr. Daniel Classic – 67 –

Dr. Robert Daniel war gerade im Begriff, die Praxis zu verlassen, als das Telefon klingelte. Unschlüssig blickte er zurück. Die Sprechstunde hatte heute extrem lange gedauert – so lange, daß er seine Sprechstundenhilfe Sarina von Gehrau und seine Empfangsdame Gabi Meindl früher nach Hause geschickt hatte.

Mit einem tiefen Seufzer machte Dr. Daniel kehrt. Auch wenn es mittlerweile fast neun Uhr abends war, hätte er es doch nicht fertiggebracht, das klingelnde Telefon zu ignorieren. Die Tatsache, daß er vielleicht dringend gebraucht würde, hätte ihm den ganzen Abend über sicher keine Ruhe gelassen.

»Daniel«, meldete er sich.

»Waldsee-Klinik, Schwester Irmgard«, gab sich die Nachtschwester zu erkennen. »Ihre Frau sagte mir, daß Sie noch in der Praxis wären. Frau Marburg ist vor ein paar Minuten mit heftigen Unterleibsschmerzen in die Klinik gekommen, und Dr. Köh­ler ist nicht sicher, worum es sich handeln könnte.«

»Ich komme sofort«, versprach Dr. Daniel, legte den Hörer auf und verließ eilig die Praxis. Er kannte Sandra Marburg, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, daher wußte er, daß sie nicht wehleidig war. Wenn sie so starke Unterleibsschmerzen hatte, daß sie in die Klinik ging, konnte es sich nur um etwas Ernstes handeln.

Als Dr. Daniel wenige Minuten später die Eingangshalle der Steinhausener Waldsee-Klinik be­trat, fiel ihm ein, daß er seiner Frau Manon nicht Bescheid gesagt hatte. Aber das würde Schwester Irmgard ja gleich erledigen.

Mit langen Schritten ging Dr. Daniel in die Gynäkologie hin­über und betrat schließlich das Untersuchungszimmer, wo San­dra Marburg auf der Liege lag. Bei seinem Eintreten richtete sie sich ein wenig auf. Dr. Daniel fiel sofort die unnatürliche Blässe der jungen Frau auf.

»Es tut mir furchtbar leid, daß man Sie um diese Zeit noch in die Klinik gehetzt hat«, meinte Sandra bedauernd, »aber die Schmerzen waren so schlimm, daß ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe.«

»Mach dir keine Gedanken darüber, Sandra«, entgegnete Dr. Daniel. »Dafür bin ich schließlich Arzt.« Er trat zu der Untersuchungsliege. »Beschreibe mir die Schmerzen mal ein bißchen.«

Unschlüssig zuckte Sandra die Schultern. »Ich weiß nicht so recht… es tut schrecklich weh…« Sie deutete auf eine bestimmte Stelle ihres Unterleibs. »Hier etwa, aber es zieht sich inzwischen schon bis zur Schulter hinauf.«

Alarmiert horchte Dr. Daniel auf. »Wann hattest du zuletzt deine Tage?«

Sandra wurde sichtlich verlegen. »Sie müssen mich ja für schlampig halten… ich weiß es nicht. In den letzten Wochen gab es mit Claudia so viel Aufregung… sie hatte Windpocken, und danach kamen dann die Probleme, weil sie plötzlich nicht mehr im Kindergarten bleiben wollte… da wurde ich mit meinen persönlichen Dingen ein wenig nachlässig.«

»Das heißt, es könnte eine Schwangerschaft vorliegen«, folgerte Dr. Daniel, während er schon eine Ultraschalluntersuchung vorbereitete.

Sandra erschrak. »Denken Sie an… eine Fehlgeburt?«

Doch der Arzt schüttelte den Kopf. »Ich denke leider an etwas viel Schlimmeres – eine Eileiterschwangerschaft.« Er wandte sich der Nachtschwester zu, die fast unbemerkt den Raum betreten hatte. »Hat Dr. Köhler eine Urin- oder Blutuntersuchung machen lassen?«

Als Schwester Irmgard verneinte, ordnete Dr. Daniel einen Schwangerschaftstest an. Wäh­rend die Nachtschwester mit San­dras Urinprobe den Raum verließ, setzte sich Dr. Daniel auf die Kante der Untersuchungsliege.

»Ich nehme in der Zwischenzeit schon mal eine transvaginale Sonographie vor«, erklärte er. »Dadurch sparen wir Zeit. Du mußt deine Beine anwinkeln und dann ganz locker auseinanderfallen lassen. Diese Ultraschalluntersuchung von unten ist zwar nicht schmerzhaft, aber natürlich dennoch unangenehm. Versuch dich so gut wie möglich zu entspannen, dann geht es recht schnell.«

Vorsichtig führte Dr. Daniel den speziell geformten Schallkopf ein und betrachtete das Bild, das ihm auf diese Weise aus Sandras Unterleib gesendet wurde.

»Der Test ist positiv«, meldete Schwester Irmgard.

»Positiv?« wiederholte San­dra. »Heißt das, ich bin tatsächlich schwanger?«

Dr. Daniel, der wußte, daß eine Schwangerschaft für Sandra an sich kein Problem dargestellt hätte, schüttelte bedauernd den Kopf. »Nein, Sandra, leider nicht. Die Gebärmutter ist leer, das bedeutet, daß sich das befruchtete Ei im Eileiter eingenistet hat.« Behutsam zog er den Schallkopf zurück, dann sah er die Nachtschwester an, die abwartend in der halboffenen Tür stehengeblieben war. »Rufen Sie Dr. Parker an. Wir müssen sofort operieren. Wer hat Bereitschaft?«

»Frau Dr. Reintaler«, antwortete Irmgard.

Dr. Daniel nickte. »Das paßt ja ausgezeichnet. Sie mußt die Erste Assistenz übernehmen. Außerdem brauche ich die OP-Schwester. Beeilen Sie sich, Irmgard. Ach ja«, hielt er sie noch einmal zurück. »Wenn die Ärzte und Petra alarmiert sind, sagen Sie doch bitte meiner Frau Bescheid.«

»In Ordnung, Herr Doktor.«

Irmgard verschwand im Laufschritt, während sich Dr. Daniel seiner jungen Patientin zuwandte.

»Es tut mir leid, daß ich dich so überrumpeln mußte«, meinte er. »Aber in einem solchen Fall ist rasches Handeln entscheidend, denn wenn das befruchtete Ei den Eileiter erst gesprengt hat, dann kann er nicht mehr gerettet werden. Das würde bedeuten, daß ich ihn entfernen müßte, und dadurch würden deine Chancen für eine weitere Schwangerschaft um fünfzig Prozent sinken.«

Sandra nickte etwas halbherzig. »Aber… wenn ich schwanger bin… ich meine… das Baby ist doch da. Kann man es nicht irgendwie vom Eileiter in die Gebärmutter schieben?«

Bedauernd schüttelte Dr. Daniel den Kopf. »Nein, Sandra, so weit ist die Medizin leider noch nicht. Gelegentlich verkümmert eine Eileiterschwangerschaft einfach, aber da du Schmerzen hast, ist in deinem Fall nicht damit zu rechnen.« Er half Sandra auf eine fahrbare Trage und schob diese aus dem Untersuchungszimmer in den Operationssaal.

»Wann hast du zuletzt etwas gegessen?« wollte er wissen.

»Heute früh«, antwortete Sandra. »Mir war den ganzen Tag so schrecklich übel, daß ich keinen Bissen mehr hinuntergebracht habe.«

In diesem Moment trafen auch schon die OP-Schwestern Petra Dölling, der Anästhesist Dr. Jeffrey Parker und die Gynäkologin Dr. Alena Reintaler ein und wurden von Dr. Daniel in wenigen Worten informiert, dann wandte er sich Sandra noch einmal zu.

»Dr. Parker wird sich jetzt um dich kümmern«, meinte er. »Wenn du aufwachst, ist alles vorbei.«

Sandra nickte, doch dann fielen ihr plötzlich tausend Kleinigkeiten ein: Ihr langjähriger Lebensgefährte Florian, ihr Töchterchen Claudia… die Steuererklärung, die sie noch nicht abgeschickt hatte… die ungewaschene Wäsche, die im Keller lag…

»Das hat alles Zeit«, meinte Dr. Daniel lächelnd, berührte für einen Augenblick ihr Gesicht und blickte sie beruhigend an. »Du wirst jetzt ein bißchen schlafen.«

Da trat ein Arzt zu ihr, von dem sie wegen des Mundschutzes nur ein Paar strahlend blaue Augen sehen konnte.

»Ich bin Dr. Parker«, stellte er sich vor, und an den kleinen Fältchen, die sich um seine Augenwinkel bildeten, konnte sie erkennen, daß er sie anlächelte. »Keine Angst, Frau Marburg, ich werde Sie nur ein wenig schlafen schicken.« Er nahm von der OP-Schwester eine Infusionsnadel entgegen und setzte sie an einer Vene knapp hinter dem Handgelenk der Patientin an. »Nicht erschrecken, das tut jetzt ein bißchen weh.«

Sandra zuckte zusammen, als sie den schmerzhaften Stich spürte.

»Schon vorbei«, meinte Dr. Parker beruhigend, zog die Nadel zurück und schob die Infusionskanüle vorsichtig weiter in die Vene vor. »Ich verspreche Ihnen, daß ich Ihnen nun keine Schmerzen mehr zufügen werde.«

»War gar nicht so schlimm«, flüsterte Sandra tapfer, dann blickte sie zu dem Arzt auf. »Florian weiß nichts von dieser Operation. Er ist bei Claudia geblieben. Zuerst wollte er mich begleiten, aber… ich dachte, es wäre nicht so tragisch… doch jetzt… ich… ich habe Angst…«

»Völlig unnötig«, meinte Dr. Parker mit sanfter Stimme. »Dr. Daniel ist ein erstklassiger Arzt, aber ich glaube, das wissen Sie schon. Und was Ihren Mann betrifft – ich werde dafür sorgen, daß man ihm Bescheid sagt.« Er lächelte wieder, was Sandra an den Fältchen erkennen konnte, die sich erneut um seine Augen bildeten. »Jetzt besser mit der Angst?«

Sandra wirkte noch immer ziemlich besorgt. »Ich… ich werde doch wieder aufwachen, oder?«

»Natürlich«, versicherte Dr. Parker, während er die Spritze zur Narkoseeinleitung entgegennahm. »Dr. Daniel ist Direktor dieser Klinik und achtet zusammen mit dem Chefarzt darauf, daß nur erstklassige Ärzte eingestellt werden. Wenn ich Sie nach diesem Eingriff nicht wieder wachbekommen würde, wäre ich ein miserabler Anästhesist. Dann würde ich auch bestimmt nicht hier arbeiten. Sind Sie jetzt beruhigt?«

Das war Sandra noch immer nicht. »Es geht ja gar nicht um mich persönlich, sondern… um meine kleine Claudia…«

»Keine Angst, Frau Marburg«, wiederholte Dr. Parker. »Es wird alles gutgehen. Sie werden jetzt schlafen, und ich werde ganz genau auf Sie aufpassen.« Er drückte die Spritze auf die zuvor gelegte Infusionsnadel und preßte den Inhalt so direkt in die Vene. Fast augenblicklich war Sandra eingeschlafen.

Die OP-Schwester deckte ihren Körper mit sterilen grünen Tüchern ab – nur das Operationsfeld blieb frei. Dr. Parker verabreichte der Patientin ein Medikament zur Muskelerschlaffung. Danach würde in wenigen Augenblicken auch die Spontanatmung zum Erliegen kommen. Routiniert griff der junge Anästhesist nach dem Lanryngoskop, prüfte die Stimmbänder und schob vorsichtig aber zügig den Endotrachealtubus durch den Mund in die Luftröhre der Patientin. Die Maschine übernahm jetzt ihre Beatmung, und gleichzeitig mit dem Sauerstoff bekam Sandra auf diesem Weg Narkosegas in die Lunge. Das hatte den Vorteil, daß der Anästhesist genau dosieren konnte, wieviel Gas nötig war, um die Narkose der Patientin aufrechtzuerhalten.

 

»Tubus ist drin«, meldete Dr. Parker, als Dr. Daniel und Alena Reintaler an den OP-Tisch traten. »Sie können anfangen.«

Dr. Daniel streckte die rechte Hand aus und bekam von Schwester Petra das Skalpell gereicht.

»Das war knapp«, stellte Alena fest, als sie die Haken ansetzte, um Dr. Daniel freie Sicht auf das Operationsfeld zu verschaffen.

Dr. Daniel nickte. »Eine halbe Stunde später, und der Eileiter wäre von dem befruchteten Ei gesprengt worden.«

Gewissenhaft ging der Arzt zu Werke, doch obwohl er auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken konnte und auch schon so manche Eileiterschwangerschaft operativ behoben hatte, kostete es ihn diesmal wirklich Mühe, den betroffenen Eileiter zu retten.

»Ich hätte das nicht geschafft«, gab Alena freimütig zu, als Dr. Daniel den Eingriff erfolgreich beendet hatte. Dabei blickte sie voller Bewunderung zu dem Arzt auf.

Dr. Daniel winkte bescheiden ab. »Warten Sie nur, bis Sie einmal so lange Gynäkologin sind wie ich, dann schaffen Sie so etwas auch.« Er seufzte leise. »Obwohl ich zugeben will, daß das wirklich ein hartes Stück Arbeit war.«

Jetzt trat er vom OP-Tisch zurück und wandte sich Dr. Parker zu. »Bringen Sie die Patientin bitte auf Intensiv, Jeff. Ich will sichergehen, daß keine Komplikationen auftreten.«

»In Ordnung, Robert«, stimmte der junge Anästhesist zu, während er begann, Sandra zu extubieren. Um ihr die Spontanatmung zu erleichtern, bekam sie durch einen dünnen Plastik­schlauch, der vor ihre Nase gelegt wurde, Sauerstoff, dann schob Dr. Parker das fahrbare Bett, in dem Sandra jetzt lag, zur Intensivstation hinüber.

In der Zwischenzeit hatte sich Dr. Daniel die Hände gewaschen und kam nun auch, um nach seiner Patientin zu sehen.

»Allmählich müßte sie eigentlich zu sich kommen«, meinte Dr. Parker. »Die Narkose war nicht übermäßig stark.«

Dr. Daniel beugte sich über die junge Frau und tätschelte ihre Wange.

»Sandra! Kannst du mich hö­ren?«

Doch die Patientin blieb ohne Bewußtsein.

»Hat es während der Anästhesie irgendwelche Unregelmäßigkeiten gegeben?« wollte Dr. Daniel wissen.

Dr. Parker schüttelte den Kopf. »Überhaupt nicht, sonst hätte ich Ihnen das während des Eingriffs gesagt.«

Erneut versuchte Dr. Daniel die junge Frau zu wecken, wäh­rend der Anästhesist Blutdruck, Puls und Herzfrequenz kontrollierte, doch hier war alles in Ordnung. Es gab keinen Grund für Sandras anhaltende Bewußtlosigkeit.

»Ich hasse diese Notoperationen«, seufzte Dr. Parker. »Die Anästhesie ist jedesmal ein Vabanquespiel, wenn man den Pa­tienten nicht kennt.« Dr. Daniel spürte, daß er hinter seinem vordergründigen Ärger nur seine Sorge um Sandra verbarg. »Verdammt, ich habe ihr versprochen, daß sie wieder wach werden wird.«

»Das wird sie auch«, versicherte Dr. Daniel und beugte sich erneut über Sandra, doch erst als die Reize, mit denen er sie zu wecken versuchte, massiver wurden, zeigte die junge Frau eine Reaktion. Ihre Lider begannen zu flattern.

»Na endlich«, murmelte Dr. Daniel erleichtert, dann tätschelte er wieder die Wange seiner Pa­tientin. »Komm schon, Mädchen! Aufwachen!«

Mit sichtlicher Mühe öffnete Sandra die Augen, doch sie fielen ihr gleich wieder zu.

»Nicht wieder einschlafen!« verlangte Dr. Daniel recht energisch. »Komm, Sandra, schau mich an!«

Es schien die junge Frau erhebliche Anstrengung zu kosten, ihre Augen ein zweites Mal zu öffnen.

Dr. Daniel beugte sich tief zu ihr hinunter. »Erkennst du mich?«

Sandra öffnete den Mund, doch es kam nur ein heiseres Krächzen heraus.

»Du mußt nichts sagen«, erklärte Dr. Daniel. »Nicken oder Kopfschütteln genügt. Also, erkennst du mich?«

Sandra nickte schwach, dann fielen ihr die Augen wieder zu.

»Meine Güte, das war ein hartes Stück Arbeit«, stellte Dr. Parker fest, doch auch ihm war die Erleichterung deutlich anzusehen.

Dr. Daniel nickte. »Das kann man wohl sagen.« Er zögerte kurz, dann faßte er einen Entschluß. »Ich werde noch eine Weile hierbleiben und sie in regelmäßigen Abständen aufwecken.«

»Nicht nötig, Robert«, widersprach Dr. Parker. »Ich bleibe hier. Sie haben eine Frau zu Hause, die auf Sie wartet.«

Dr. Daniel mußte lächeln. »Ich nehme an, auf Sie wartet meine Tochter, oder irre ich mich?«

»Leider unterliegen Sie da tatsächlich einem Irrtum«, entgegnete Dr. Parker. »Meine geliebte Karina hat heute Nachtschicht in der Thiersch-Klinik. Um in ihre Nähe zu gelangen, müßte ich dort schon als Notfall eingeliefert werden.«

»Was wir nicht hoffen wollen«, fügte Dr. Daniel hinzu, dann nickte er. »In Ordnung, Jeff, ich überlasse Ihnen die Sorge um meine Patientin, aber nur, weil ich heute einen äußerst anstrengenden Tag hatte und mich wirklich nur noch nach meinem Bett sehne.«

»Machen Sie sich keine Sorgen«, meinte Dr. Parker. »Ich werde auf die junge Frau gut aufpassen.«

»Das weiß ich«, erwiderte Dr. Daniel und wandte sich zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um. »Es ist vielleicht nicht ganz der richtige Ort und wohl auch nicht der richtige Zeitpunkt, aber da Sie in absehbarer Zeit wahrscheinlich mein Schwiegersohn sein werden, sollten wir eigentlich allmählich auf das vertraute ›Du‹ umsteigen.«

Dr. Parker nickte lächelnd. »Von Herzen gern, Robert.«

»Gut.« Dr. Daniel zögerte, dann kehrte er noch einmal zu Sandra zurück. »Du wirst es nicht verstehen, Jeff, aber irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl, wenn ich jetzt einfach nach Hause gehe.«

»Das glaube ich aufs Wort, aber es ist wirklich unnötig. Sie haben… ich meine, du hast alles für sie getan, jetzt bin ich an der Reihe. Schlaf dich aus und komm morgen früh wieder her.«

Dr. Daniel seufzte leise, dann legte er dem jungen Anästhesisten eine Hand auf die Schulter. »Danke, Jeff. Wir sehen uns dann morgen.«

*

Der Anruf aus der Waldsee-Klinik hatte Florian Huber gegen halb zehn Uhr abends erreicht. Schwester Irmgard hatte ihm mitgeteilt, daß Sandra wegen einer Eileiterschwangerschaft unverzüglich operiert werden müsse.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, hatte die Schwester beruhigend hinzugefügt. »Ihre Lebensgefährtin ist bei Dr. Daniel in den besten Händen, gleich morgen früh können Sie sie besuchen.«

Nein, Sorgen machte er sich ganz bestimmt keine – denn seine Freundin war im Laufe der vergangenen Jahre immer gleichgültiger geworden.

Anfangs war es mit Sandra ja recht amüsant gewesen, doch dann war für Florian der erste Schock gekommen, als sie ganz unerwartet schwanger geworden war. Selbstverständlich hatte er sofort an Abtreibung gedacht, doch darüber hatte man mit Sandra natürlich nicht sprechen können. Sie wollte das Kind um jeden Preis austragen, und Florian war gezwungen gewesen, sich in die Vaterrolle zu fügen.

Eigentlich hätte er Sandra einfach sitzenlassen können, aber seine finanzielle Lage war damals nicht gerade berauschend gewesen. Er hatte noch mitten in der Ausbildung gesteckt, und da war ihm Sandras finanzielle Sicherheit ganz gelegen gekommen. Durch Fleiß und Sparsamkeit hatte sie sich ein kleines Vermögen geschaffen, dazu die Eigentumswohnung, die sie von einer Tante geerbt hatte – ja, mit San­dra ließ sich trotz Kind ganz gut leben.

Inzwischen sah es allerdings anders aus. Florian hatte hochtrabende Pläne, die er demnächst verwirklichen wollte… Pläne, die sich von denen Sandras grundlegend unterschieden.

Eileiterschwangerschaft. Nachdenklich runzelte Florian die Stirn. Allein das Wort Schwangerschaft war ihm schon unangenehm aufgestoßen, aber da eine Operation nötig war, konnte es sich wohl nicht um eine richtige Schwangerschaft handeln.

Die kleine Claudia weinte im Schlaf auf und riß Florian aus seinen Gedanken. Er warf einen ärgerlichen Blick zur angelehnten Kinderzimmertür.

»Halt die Klappe, dämliche Göre«, knurrte er unwillig, dann stand er auf und trat an das Bücherregal.

Nach kurzem Suchen zog er ein Gesundheitslexikon heraus und suchte nach dem Begriff »Eileiterschwangerschaft«.

Ein befruchtetes Ei kann sich auf jedem gut durchbluteten Gewebe festsetzen, las er halblaut. Daher kann ein Kind auch außerhalb der Gebärmutter zu wachsen beginnen. Bauchhöh­len­schwangerschaften sind relativ selten. Häufiger kommt es zu Eileiterschwangerschaften. Sie entstehen, wenn sich ein befruchtetes Ei auf dem Weg zur Gebärmutter im Eileiter einnistet. Eine Eileiterschwangerschaft muß ope­rativ beendet werden, wenn…

Florian schlug das Buch zu. Alles weitere interessierte ihn nicht mehr. Er hatte nur wissen wollen, ob er womöglich im Begriff war, ein zweites Mal Vater zu werden.

»Der werde ich ganz gehörig den Marsch blasen«, murmelte er. »Wollte die mir doch tatsächlich noch ein Kind unterjubeln.«

Er überlegte einen Moment und beschloß dann, hier seine Zelte abzubrechen. Mit wenigen Schritten war er beim Telefon und wählte eine Münchener Nummer.

»Hallo, Matthias«, begrüßte er seinen Freund. »Steht dein Angebot noch?«

»Na klar!« meinte der junge Mann erfreut. »In einem Vierteljahr geht’s ab nach Afrika.« Er lachte. »Mensch, Junge, ich freue mich, daß ihr mitkommt, dann wird Sabine dort unten nicht so einsam sein. Auf uns wird ja eine Menge Arbeit warten, immerhin…«

»Hör zu, Matthias, ich glaube, du unterliegst da einem großen Irrtum«, fiel Florian ihm ins Wort. »Ich werde allein mitkommen.«

Sekundenlang herrschte dann Schwei­gen am anderen Ende der Leitung.

»Wie bitte?« fragte Matthias dann zurück. »Du willst ohne Sandra…« Er stockte. »Mensch, Flori, das kannst du doch nicht machen. Du wirst vielleicht ein paar Jahre weg sein.«

Ungerührt zuckte Florian die Schultern. »Na und? Sandra wird schon ohne mich zurechtkommen.«

»Ihr habt ein Kind«, wandte Matthias ein. »Ich dachte immer, ihr würdet irgendwann heiraten.«

»Heiraten?« wiederholte Florian verächtlich. »Damit habe ich nichts am Hut. Eine Heirat würde für mich nur Verpflichtungen mit sich bringen. Nein danke. Und was das Kind betrifft: Claudia war nicht meine Idee. Sandra wollte sie unbedingt, nun soll sie auch zusehen, wie sie mit dem Balg zurechtkommt.«

»Florian!« Matthias war jetzt wirklich entsetzt. »Sag mal, bist du eigentlich noch zu retten? Du hast eine wundervolle Frau an deiner Seite, und Claudia… meine Güte, wenn ich ein so süßes Töchterchen hätte…«

»Dann heirate du doch San­dra«, schlug Florian ihm unwillig vor. »Hör zu, Matthias, wenn dein Angebot nur für mich als Familienvater gilt, dann kannst du das ganz vergessen. Ich gehe entweder allein nach Afrika oder überhaupt nicht.«

»Unsinn, Flori«, entgegnete Matthias etwas halbherzig. »Du weißt genau, daß wir dich im Forschungsteam gut gebrauchen könnten. Ich will ja nur nicht, daß du… ich meine… nun ja, daß du deine Beziehung zu Sandra deswegen aufs Spiel setzt.«

»Mach dir darüber mal keine Gedanken«, erwiderte Florian. »Das Kapitel Sandra ist für mich abgeschlossen.«

»Ich verstehe dich nicht«, entfuhr es Matthias.

»Das verlangt auch niemand von dir.« Florians Stimme wurde eisig. »Denk dir einfach, wir hätten uns auseinandergelebt. Heutzutage wird doch jede dritte Ehe geschieden. Da ich mit Sandra nicht verheiratet bin, können wir uns wenigstens diese Kosten ersparen.«

Er schwieg kurz, und es war auch besser, daß Matthias sein bösartiges Lächeln nicht sehen konnte, sonst hätte er seine Freundschaft zu Florian allmählich in Frage gestellt. »Man muß alles von der guten Seite nehmen. In einem Vierteljahr soll es also losgehen.«

»Ja, ich… ich werde bei Gelegenheit zu dir kommen, damit wir die Formalitäten regeln können.« Matthias war anzuhören, daß er mit seinen Gedanken noch nicht ganz bei der Sache war, was seine nächsten Worte auch bewiesen. »Überleg dir das mit Sandra noch einmal, Flori. Eine solche Frau findest du so schnell nicht wieder.«

»Überlaß das mir«, erklärte Florian kalt. »Was die Formalitäten betrifft – da komme ich besser zu dir… sagen wir nächste Woche?«

Florian wartete Matthias’ Zustimmung noch ab, dann verabschiedete er sich und legte zufrieden den Hörer auf. Ein Vierteljahr noch, dann würde er Sandra und Claudia endlich los sein! Seine finanzielle Lage war jetzt gesichert, so daß er diesen Schritt ohne Risiko wagen konnte. Er rieb sich vergnügt die Hände.

 

*

»Robert ist und bleibt ein Arbeitstier«, urteilte Irene Hansen, die ältere, verwitwete Schwester von Dr. Daniel, die ihm und seiner Familie den Haushalt führte.

Manon Daniel schüttelte den Kopf. »So darfst du das nun auch nicht sehen, Irene. Es war ein Notfall…«

Ihre Schwägerin winkte ab. »Wenn man Robert hört, dann gibt es nur Notfälle. Aber wozu rede ich überhaupt? Du bist ja aus demselben Holz geschnitzt.«

Manon lächelte. »Wir nehmen unseren Beruf eben beide sehr ernst, und obwohl ich jetzt nur noch halbtags als Allgemeinmedizinerin arbeite…«

Das erneute Klingeln des Telefons unterbrach sie.

»Daniel«, meldete sie sich.

»Frau Doktor, Gott sei Dank!« drang eine aufgeregte Frauenstimme an ihr Ohr. »Hier ist Degenhardt. Ich mache mir Sorgen um Frau Sägmüller. Seit dem frühen Nachmittag habe ich sie nicht mehr gehört, und als ich vorhin klingelte, um mich zu erkundigen, ob alles in Ordnung wäre, da hat sie nicht geöffnet.«

Martha Sägmüller war eine knapp achtzigjährige Frau, die vor einem halben Jahr wegen eines harmlosen Unfalls zur Beobachtung ins Kreiskrankenhaus eingeliefert worden war. Zum großen Entsetzen der Ärzte hatte man bei der Patientin dann jedoch Krebs im Endstadium diagnostiziert. Seitdem war sie Manons ganz besonderes Sorgenkind. Die arme Frau stand völlig allein auf der Welt und würde in absehbarer Zeit zwangsläufig von ihrer Krankheit besiegt werden. Chefarzt Dr. Breuer hatte sie eigentlich in der Klinik behalten wollen, doch Martha hatte das abgelehnt. Sie wollte bis zum unvermeidlichen Ende zu Hause bleiben, in den eigenen vier Wänden, die ihr seit Jahrzehnten vertraut waren. Manon hatte diesen Wunsch sehr gut nachvollziehen können und fuhr nun seit einem halben Jahr einmal täglich zu der todkranken Frau, um sie mit Schmerzmitteln zu versorgen und ein bißchen mit ihr zu plaudern. Auf diese Weise wurde sie wenigstens manchmal von ihrem Leid abgelenkt. Mehr konnte selbst Manon nicht für sie tun.

Auch heute früh war sie dort gewesen, und zu diesem Zeitpunkt war es Martha noch relativ gut gegangen.

Unmittelbar nach dem Gespräch mit Marthas Nachbarin hatte Manon den Hörer wieder abgenommen und die Nummer der Waldsee-Klinik gewählt.

»Schwester Irmgard, hier Daniel«, gab sie sich zu erkennen. »Schicken Sie mir schnellstens einen Krankenwagen in die Blaumeisenstraße 4. Ich komme auch gleich hin.«

»In Ordnung, Frau Doktor«, bestätigte die Nachtschwester.

Manon warf den Hörer auf die Gabel.

»Ich muß weg«, erklärte sie knapp. »Wenn Robert kommt… ich weiß nicht, wann ich zurück sein werde.«

Schon war sie draußen.

»Wie üblich«, seufzte Irene und schüttelte den Kopf. »Die beiden arbeiten sich noch mal zu Tode.«

*

Manon kam gleichzeitig mit dem Krankenwagen in der Blaumeisenstraße an. Schon seit mehreren Monaten besaß sie für alle Fälle einen Schlüssel zu Martha Sägmüllers Wohnung.

Jetzt sperrte sie in fliegender Hast die Tür auf und ging den beiden Sanitätern voran hinein.

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