Dr. Daniel Classic 65 – ArztromanText

Aus der Reihe: Dr. Daniel Classic #65
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Dr. Daniel Classic – 65 –

Dr. Daniel war erstaunt, als anstelle der nächsten Patientin seine Tochter Karina ins Sprechzimmer trat.

»Karinchen, bist du krank?« fragte er besorgt.

Lachend umarmte sie ihn und küßte ihn auf die Wange. »Unsinn, Papa.« Sie musterte ihn mit einem kecken Blick. »Oder darf ich nur zu dir kommen, wenn ich krank bin?«

»Nein, Liebes, natürlich nicht«, beeilte sich Dr. Daniel zu versichern. »Allerdings bekomme ich sowohl dich als auch deinen Bruder nur noch so selten zu Gesicht, daß ich schon automatisch an etwas Schlimmes denke, wenn ihr bei mir aufkreuzt.«

Zärtlich stupste Karina ihren Vater an der Nase. »Du übertreibst maßlos, Papa. Immerhin wohnen Stefan und ich hier in der Villa, und wenn du nicht ständig so im Streß stehen würdest, dann würdest du uns auch öfter sehen.«

»Ach so, jetzt liegt es wieder an mir«, meinte Dr. Daniel seufzend, aber er schmunzelte dabei. »Also, Karina, was gibt es so Wichtiges, daß du zu mir in die Sprechstunde kommen mußtest?«

»Ich wollte nur sichergehen, daß du heute wirklich pünktlich Feierabend machst«, antwortete seine Tochter.

»Ich werd’s versuchen«, versprach Dr. Daniel, dann runzelte er die Stirn. »Wieso? Liegt heute etwas Besonderes an?«

Nun war es Karina, die schmunzelte. »Nein, Papa, eigentlich nicht. Manon hat beschlossen, heute italienisch zu kochen, und wir wollen doch verhindern, daß das gute Essen verbrutzelt, nicht wahr?«

Der Gedanke an seine warmherzige Frau zauberte ein zärtliches Lächeln auf Dr. Daniels Gesicht.

»Wenn das so ist, werde ich natürlich pünktlich sein.«

»Prima.« Karina küßte ihn noch einmal auf die Wange, dann huschte sie rasch aus dem Sprechzimmer und kehrte in die im Obergeschoß liegende Wohnung zurück, wo Dr. Daniels Frau Manon, die hier in Steinhausen halbtags als Allgemeinmedizinerin tätig war, schon auf sie wartete.

»Und?« wollte sie dann wissen.

Karina grinste. »Es ist so, wie du vermutet hast: Dein Göttergatte hat seinen Geburtstag tatsächlich vergessen.«

Manon lachte. »Ich hatte nichts anderes erwartet. Ein Mann, der seine eigene Verlobung vergessen konnte, vergißt auch seinen Geburtstag.«

»Da hattest du ja unverschämtes Glück, daß er wenigstens an die Hochzeit dachte«, stellte Karina fest.

»Das hätte er vermutlich auch nicht, wenn wir in Steinhausen geblieben wären«, meinte Manon trocken. »Glücklicherweise konnte ich ihn aber schon vor der Hochzeit nach Sardinien entführen.« Sie seufzte leise. »Robert ist eben extrem pflichtbewußt.« Dann lächelte sie. »Aber das ist ja mit ein Grund, weshalb ich ihn so liebe.«

*

In aller Heimlichkeit hatten sich die Gäste ins Haus geschlichen und warteten nun einträchtig im Wohnzimmer auf das Geburtstagskind.

»Wann kommt Papa denn endlich?« fragte die kleine Tessa wohl schon zum tausendsten Mal.

»Ich weiß es nicht, Mäuschen«, antwortete Manon und nahm ihr Töchterchen auf den Arm. »Lange wird er sicher nicht mehr brauchen. Immerhin ist die Sprechstunde seit zwanzig Minuten zu Ende.«

»Was sind zwanzig Minuten für ein Arbeitstier wie Robert?« entgegnete Dr. Georg Sommer, der bereits seit der Studienzeit Dr. Daniels bester Freund war.

»Das sagst ausgerechnet du«, konterte seine Frau Margit, die ihr Adoptivtöchterchen Birgit auf dem Arm trug. »Du findest doch auch nie pünktlich aus deiner Klinik heraus.«

»Pst, er kommt«, meldete Karina, die an der Tür lauschte.

»Manon?« hörten sie Dr. Daniel rufen. »Ist denn niemand zu Hause?«

Die Schritte näherten sich dem Wohnzimmer, und in dem Moment, in dem er die Tür öffnete, schallte Dr. Daniel ein vielstimmiger Chor entgegen.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«

Dr. Daniel schien völlig erschlagen zu sein, was nicht nur an der Überraschung selbst, sondern auch an der Lautstärke, in der sie ihm dargebracht wurde, lag. Jedenfalls brachte er minutenlang kein Wort hervor.

Tessa ließ sich nun natürlich nicht mehr zurückhalten. Eifrig wieselte sie zu ihrem Vater, ließ sich hochheben und umarmte ihn dann stürmisch.

»Endlich, Papa!« rief sie glücklich. »Ich dachte schon, du kommst überhaupt nicht mehr!«

Ihren Worten folgte allgemeines Gelächter, dann bahnte sich auch Manon einen Weg zu ihrem Mann und küßte ihn zärtlich.

»Überraschung gelungen?« fragte sie mit einem sanften Lächeln.

»Voll und ganz«, stimmte Dr. Daniel zu, bevor er seiner großen Tochter mit dem Finger drohte. »Und du Früchtchen hast mir nichts gesagt.«

Karina grinste. »Hätte ich vielleicht zum Spielverderber werden sollen?«

»Jetzt kommt endlich«, mahnte Irene, Dr. Daniels verwitwete Schwester, die der Familie den Haushalt führte. »Sonst wird noch das ganze Essen kalt, dabei haben Manon und ich den halben Nachmittag geschuftet, um euch Rasselbande satt zu kriegen.«

»Rasselbande!« wiederholte Dr. Sommer mit gespieltem Entsetzen. »Hast du das gehört, Robert? Ich komme mir plötzlich vor wie ein Lausbub, aber nicht wie ein fünfzigjähriger Greis.«

»Erstens bist du kein Greis und zweitens schon zweiundfünfzig«, korrigierte ihn seine Frau trocken.

Dr. Sommer stöhnte wie unter einem Schlag. »Mußte das sein? Ich schwindle die beiden Jahre doch so gerne weg.«

»Alter Hallodri«, urteilte Dr. Daniel schmunzelnd. »Jünger wird keiner von uns, und zumindest ich für mein Teil trage an meinem Alter noch nicht sehr schwer.«

»Weil du vor lauter Streß gar keine Zeit hast, darüber nachzudenken«, entgegnete Dr. Sommer schelmisch. »Bei mir ist das jetzt anders. Immerhin habe ich einen dynamischen jungen Arzt an meiner Seite, der mir haufenweise Arbeit abnimmt.« Dabei zwinkerte er Dr. Daniels Sohn Stefan zu, der in Dr. Sommers Klinik gerade den Facharzt machte.

»So schön möchte ich es auch mal haben«, meinte Dr. Daniel. »Mir nimmt niemand Arbeit ab.«

Karina schmiegte sich kurz an ihn. »Warte nur, Papa, wenn ich erst meine Assistenzzeit bei Professor Thiersch hinter mir und meinen Facharzt in der Tasche habe, dann werden wir gemeinsam in deiner Praxis arbeiten.«

Dr. Daniel drückte sie liebevoll an sich. »Vorausgesetzt ein gewisser Anästhesist führt dich nicht schon vorher zum Traualtar.«

Dr. Jeffrey Parker, der sich zu Recht angesprochen fühlte, lachte: »Wäre schon möglich. Allerdings muß eine Ehe ja nicht unbedingt gegen eine weitere ärztliche Tätigkeit sprechen. Ich bin sicher, daß Karina als Frau Dr. Parker erst richtig über sich hin­­auswachsen würde.«

Auch Dr. Daniel mußte lachen. »So gesehen haben Sie vielleicht recht, Jeff, aber bis es soweit ist, werden noch einige Jahre ins Land ziehen.«

»Bis zur ›Frau Doktor‹ aber nicht mehr«, entgegnete Karina eifrig. »Immerhin bin ich schon dabei, meine Doktorarbeit zu schreiben.«

Unter fröhlichem Geplauder setzten sich alle an den großen Tisch im Eßzimmer, den Manon, Irene und Karina liebevoll gedeckt hatten. Nach dem wirklich köstlichen Mahl wurde noch mehrmals mit einem guten Wein auf das Geburtstagskind angestoßen. Schließlich waren Dr. Sommer und Margit die ersten, die sich verabschieden mußten. Die kleine Birgit sollte nicht zu spät ins Bett kommen, und von Steinhausen bis zur Sommer-Villa in Grünwald fuhr man eben doch eine gute halbe Stunde.

Auch Stefan und seine Freundin Darinka zogen sich zurück. Sie wollten den Abend in der kleinen Wohnung ausklingen lassen, die Darinka seit der Hochzeit ihrer Freundin Bianca allein bewohnte und wo sie sich nun schrecklich einsam fühlte. Ein Umstand, den Stefan immer häufiger zu bekämpfen versuchte, indem er sich dort öfter aufhielt als in der väterlichen Villa.

»Und was machen wir beide mit dem angebrochenen Nachmittag?« scherzte Dr. Parker und streichelte dabei mit einem Finger zärtlich über Karinas Wange.

»Angebrochener Nachmittag ist gut«, entgegnete sie. »Es ist gleich halb zehn, und ich habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir.«

Dr. Parker küßte sie. »So schlimm kann dein Professor doch gar nicht sein. Ich wette, daß ich unter unserem gestrengen Chefarzt weit mehr zu leiden habe.«

Da mußte Karina lachen. Sie kannte Dr. Wolfgang Metzler, den Chefarzt der Steinhausener Waldsee-Klinik, lange genug, um sich ein Urteil erlauben zu können.

»Wenn du Wolfgangs Strenge mal drei nimmst und eine gehörige Portion herzerfrischender Grobheit und Ruppigkeit dazuzählst, dann kannst du dir in etwa ausrechnen, wie Professor ­Thiersch mit seinen Ärzten umspringt.«

»Das kann ich nur unterstreichen«, stimmte Dr. Daniel zu, der ihre Worte gehört hatte. »Als Assistenzarzt bei Professor Thiersch geht man gewissermaßen durch die Hölle. Ich habe das am eigenen Leib erfahren, und eigentlich hätte ich mir für meine Tochter einen anderen Chefarzt gewünscht, aber sie wollte ja unbedingt in die Thiersch-Klinik.«

»Nirgends lernt man so viel wie dort«, entgegnete Karina, dann berührte sie den Arm ihres Vaters. »Wärst du uns sehr böse, wenn wir auch verschwinden würden?«

Lächelnd schüttelte Dr. Daniel den Kopf. »Unsinn, Karinchen. Natürlich bin ich euch nicht böse. Wenn Tessa im Bett liegt, werden Manon, Irene und ich meinen Geburtstag gemütlich ausklingen lassen.«

Karina verabschiedete sich sehr zärtlich von ihrem Vater, ehe sie mit Dr. Parker die Wohnung verließ.

»So, das junge Gemüse ist aus dem Haus«, stellte Dr. Daniel fest und versuchte die leise Wehmut, die in ihm aufstieg, zu unterdrücken. Obwohl Stefan und Karina längst erwachsen waren, fiel es ihm immer noch schwer, die beiden loszulassen.

»Ich werde noch das Geschirr wegräumen und dann auch schlafen gehen«, beschloß Irene.

 

»Laß das Geschirr und setz dich ein bißchen zu uns«, entgegnete Dr. Daniel, doch seine Schwester lehnte ab – nicht, weil sie ungern mit ihnen zusammengewesen wäre, sondern weil sie der Meinung war, ihr Bruder und seine Frau hätten ohnehin viel zu wenig Gelegenheit, einmal allein zu sein.

»Es kommt nicht oft vor, daß wir so gemütlich zusammensitzen können«, stellte Manon dann auch schon fest.

Zärtlich legte Dr. Daniel einen Arm um ihre Schultern. »Ich weiß, Liebling, verglichen mit Praxis und Klinik ziehst du immer den Kürzeren.«

Vertrauensvoll schmiegte sich Manon an ihn. »Ach was, Robert, so schlimm ist es doch gar nicht. Ich bin ja meistens auch sehr eingespannt – vormittags mit der Praxis, und nachmittags hält mich Tessa auf Trab. Aber bei all dem ist doch nur wichtig, daß man sich liebt und auf den anderen blind verlassen kann.« Sie lächelte schelmisch. »Auch wenn besagter anderer gelegentlich etwas vergißt, wie beispielsweise seinen Geburtstag.«

Dr. Daniel mußte lachen. »Solange ich nichts Wichtiges vergesse…« Er winkte ab. »Damit kann ich leben. Im übrigen habe ich ja dich…«

»Ach so, du hast mich also nur geheiratet, damit ich dich an deine Geburtstage erinnern kann«, scherzte Manon.

»Natürlich«, spielte Dr. Daniel sofort mit. »Oder hätte es noch einen anderen Grund geben sollen?«

»Du Scheusal«, murmelte Manon zärtlich und küßte ihn. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch – mehr als alles andere.«

*

Ein paar hundert Meter weiter, in der gemütlichen Dachwohnung von Dr. Jeffrey Parker gab es an diesem Abend ebenfalls eine innige Liebeserklärung.

»Als dein Vater heute von Hochzeit gesprochen hat…« Dr. Parker zog Karina in seine Arme. »Müssen wir denn wirklich noch warten? Ich meine… als Anästhesist habe ich ein gutes Auskommen, und du verdienst als Assistenzärztin auch schon ganz ordentlich. Karina, ich möchte dich heiraten.«

Zärtlich schmiegte sie sich an ihn. »Na ja, warum eigentlich nicht? Allerdings… einfach wird es nicht werden. Wir haben verschiedene Schichten und…«

»Die haben wir jetzt auch schon«, fiel Jeff ihr ins Wort.

Karina seufzte. »Weißt du, ich habe erlebt, wie schwierig sich die Ehe von Gabriela und Franz Teirich gestaltet hat. Gabriela war damals Anästhesistin in der Waldsee-Klinik, Franz Neurochirurg bei Thiersch. Die beiden haben sich kaum gesehen. Beinahe wäre ihre Ehe den Bach runtergegangen.«

»Ich weiß selbst, daß eine Ehe zwischen zwei Ärzten, die an verschiedenen Kliniken arbeiten, nicht einfach ist«, räumte Jeff ein. »Aber wenn wir warten, bis du deinen Facharzt hast und bei deinem Vater in der Praxis mit einsteigst… Karina, ich bin jetzt fünf­unddreißig. Ich bin es leid, allein zu leben. Das habe ich schon viel zu lange getan.«

Lächelnd blickte Karina in sein markantes Gesicht, streichelte mit den Fingerspitzen über seinen kurzgeschnittenen Vollbart und schmiegte sich in seine Arme.

»Vielleicht sollten wir fürs erste mal eine Verlobung ins Auge fassen«, schlug sie vor.

In Jeffs Gesicht ging die Sonne auf. »Wann?«

Liebevoll legte Karina ihre Arme um seinen Nacken. »Wie wär’s mit nächstem Wochenende?«

Jeff nickte, hielt aber mitten in der Bewegung inne. »Nächstes Wochenende bin ich nicht da.«

»Wenn Wolfgang dich für den Dienst eingeteilt hat, dann werde ich ein gutes Wort für dich einlegen«, meinte Karina lächelnd.

Zärtlich stupste Jeff sie an der Nase. »Hast du zu ihm denn so gute Beziehungen?«

»Dr. Metzler kann mir nicht widerstehen«, behauptete Karina keck, dann lachte sie. »Quatsch. Ich kenne Wolfgang schon seit Jahren, und wenn ich ihm sagen würde, daß wir uns verloben wollen, würde er den Dienstplan sicher ändern.«

Jeff schmunzelte. »Ich traue dir tatsächlich zu, daß du das schaffen würdest.« Es wurde ernst. »Mit dem Dienst hat es aber gar nichts zu tun. Ich habe mich für dieses Wochenende zu einem Taekwon-do-Seminar angemeldet.«

Erstaunt zog Karina die Augenbrauen hoch. »Taekwon-do? Du machst doch Karate.«

Jeff nickte. »Das eine schließt das andere nicht aus. Die asiatischen Kampfsportarten sind sich ähnlich, und es kann nie schaden, wenn man als Karateka auch in Taekwon-do Bescheid weiß. Ich habe in den vergangenen Jahren schon mehrere solcher Seminare besucht und jedesmal sehr viel gelernt. Umgekehrt kommt auch so mancher Taekwon-do-Käm­pfer zu unseren Karate-Seminaren.« Jetzt lächelte er Karina an. »Wenn du jedoch auf dem nächsten Wochenende als Verlobungstermin bestehst, werde ich das Seminar sausen lassen.«

»Aber nur ungern«, vermutete Karina, die ihren Freund gut genug kannte, um zu wissen, wieviel ihm sein Hobby bedeutete. »Außerdem ware es Unsinn. Wir können uns auch an jedem anderen Wochenende verloben.«

Liebevoll nahm Jeff sie in die Arme. »Weißt du, warum ich dich so liebe?«

Karina grinste. »Weil ich dir nicht widerstehen kann und du deswegen immer deinen Kopf durchsetzen kannst.«

»Das hat gesessen«, meinte Jeff und spielte den Niedergeschlagenen. »Bin ich wirklich so schlimm?«

»Noch viel schlimmer«, murmelte Karina und küßte ihn. »Aber ich liebe dich trotzdem.«

»Ich liebe dich auch«, gestand Jeff. »Weil du die wunderbarste Frau bist, die es gibt.«

*

Clarissa Steinberg hatte sich auf das Seminar gut vorbereitet. Vor wenigen Wochen hatte sie die Prüfung zum 3. Dan bestanden, was ihr Selbstbewußtsein ungemein gestärkt hatte.

Sie war gerade mit Dehnungsübungen beschäftigt, als Jeff Parker nach einer kurzen Verbeugung den Raum betrat. Mit geschmeidigen Bewegungen kam Clarissa auf ihn zu.

»Sieh an, welch nobler Gast«, erklärte sie.

Jeff war erstaunt. Weder die Wortwahl noch ihr Ton paßten hierher. In Übungsräumen – gleichgültig ob beim Karate oder Taekwon-do – herrschte ein respektvoller, wenn auch lockerer Umgangston. Angeberei war ebenso verpönt wie herablassende oder gar beleidigende Worte.

»Es kommt selten vor, daß der amtierende Bayrische Meister im Karate einen so kleinen Verein mit seiner Anwesenheit beehrt«, fuhr Clarissa fort, und wieder war Jeff von dem überheblichen Ton befremdet.

»Der Bayrische Meister bedeutet mir nichts«, entgegnete er äußerst gelassen.

Clarissa kräuselte die Lippen. »Wenn man den Titel hat.«

Einen Augenblick lang war Jeff versucht zu gehen, doch irgend etwas hielt ihn zurück. Er konnte es nicht erklären. Eigentlich hätte er diese Frau unsympathisch finden müssen, doch seltsamerweise war das nicht der Fall – ganz im Gegenteil. Sie faszinierte ihn – wie sie da stand in ihrem weißen Tobok, den schwarzen Gürtel vorschriftsmäßig gebunden und barfuß, wie es beim traditionellen Taekwon-do üblich ist. Sie war fast einen Kopf kleiner als Jeff, und ihrem zierlichen Körper hätte man die Kraft, die sich darin verbarg, nicht angesehen. Das lange, hellbraune Haar hatte sie straff nach hinten gekämmt und zu einem Knoten gebunden, was ihre feingemeißelten Gesichtszüge noch mehr zur Geltung brachte. Große, smaragdgrüne Augen gaben ihr einen Hauch von Exotik.

Jetzt drehte sie sich einfach um und ließ Jeff stehen – auch das war in asiatischen Kampfsportkreisen nicht üblich. Man verhielt sich dem anderen gegenüber höflich, und Jeff fragte sich, wie die junge Frau es mit dieser Einstellung bis zum 3. Dan gebracht hatte.

Mit einem unguten Gefühl nahm Jeff seinen Platz in der Aufstellung ein. Er war angespannt, das war ihm neu. Normalerweise bedeutete der Kampfsport für ihn Befreiung aus dem Streß, dem er durch seinen Arztberuf unterlag. Die Kraft und Konzentration, die er beim Karate brauchte, taten seinem ganzen Körper gut und verliehen ihm den nötigen Ausgleich für seinen Beruf.

Jetzt trat Clarissa vor die Gruppe der Seminarteilnehmer, stellte sich vor und begrüßte die Anwesenden auf die traditionelle Weise, dann begann sie mit den üblichen Aufwärmübungen, die Jeff vom Karatetraining bekannt waren. Unauffällig beobachtete er Clarissa und stellte fest, mit welcher Geschmeidigkeit sie sich bewegte. Ihr Körper schien mit sich im Einklang zu sein. Jeff war schon sehr gespannt auf den Verlauf des Seminars.

Er war dann auch der erste, den Clarissa zu sich bat, um einige Angriffstechniken des traditionellen Taekwon-do zu demonstrieren. Obwohl Jeff Karate betrieb, war er mit den koreanischen Ausdrücken des Taekwon-do gut vertraut und ahnte, welche Fußtechniken sie anwenden würde. Trotzdem reagierte er auf Clarissas Angriff zu spät, konnte weder ausweichen noch eine Abwehr andeuten, aber Clarissas Körperbeherrschung war vorbildlich. Nur Millimeter vor Jeffs Körper bremste sie ihre Attacke so abrupt ab, daß sie ihn nicht berührte. Das traditionelle Taekwon-do verlief grundsätzlich ohne Körperkontakt.

Der Angreifer mußte sich so unter Kontrolle haben, daß jeder Schlag rechtzeitig gebremst werden konnte.

»Wie haben Sie es mit dieser lausigen Reaktion bis zum Bayrischen Meister gebracht?« wollte Clarissa wissen, doch Jeff ließ sich nicht provozieren.

»Was würde Ihr Großmeister sagen, wenn er hören würde, welchen Ton Sie hier anschlagen?« konterte er gelassen.

Clarissa errötete und ließ Jeff wiederum stehen, ohne sich vor ihm zu verbeugen, wie es die Regeln eigentlich vorgeschrieben hätten. Während der restlichen Stunden würdigte sie Jeff keines Blickes mehr. Umso erstaunter war er, als sie nach Abschluß des Seminars vor der Umkleidekabine auf ihn wartete.

»Trinken Sie einen Kaffee mit mir?« fragte sie rundheraus.

Jeff zögerte kurz, dann nickte er. »Warum nicht?«

In dem nahegelegenen Café saßen sie sich zunächst schweigend gegenüber. Clarissa war es, die zuerst das Wort ergriff.

»Sie sind nicht leicht aus der Fassung zu bringen«, stellte sie fest.

Jeff nickte. »Ich wurde jahrelang darauf trainiert, mich nicht aus der Fassung bringen zu lassen – weder bei Karate noch in meinem Beruf. Ich bin Arzt.«

Clarissa zog die perfekt geschminkten Augenbrauen hoch. »Damit hätte ich nicht gerechnet.« Sie betrachtete Jeff eingehend. »Ich würde sagen… Herzchirurg.«

Der junge Arzt lachte. »Nein, ich bin Anästhesist.«

Wieder zog Clarissa die Augenbrauen hoch. »Und da braucht man so viel Selbstbeherrschung?«

Jeff wurde ernst. »Auch in der Anästhesie kann es um Leben und Tod gehen.«

Mit ihren feingliedrigen Fingern berührte sie Jeffs Hand. »Sie sind ein faszinierender Mann, wissen Sie das?«

Jeff antwortete nicht. Er war zu beschäftigt mit dem, was in seinem Inneren ablief. Seit er mit Karina zusammen war, hatte er an anderen Frauen kein Interesse mehr gehabt. Seine Liebe zu ihr hatte ihn voll ausgefüllt. Doch jetzt schien seine ganze Gefühlswelt aus den Fugen zu geraten, und er konnte sich nicht einmal einen Grund dafür denken.

Sicher, Clarissa war eine ausnehmend schöne Frau, aber es gab dennoch so vieles, was Jeff an ihr nicht gefiel – ihre herablassende Art, ihre Arroganz und ihre Sicherheit, mit der sie signalisierte, daß sie jeden Mann für sich einnehmen konnte. Immerhin hatte sie genau das bei Jeff geschafft. Er fühlte die erwachende Sehnsucht in sich… das drängende Verlangen, diese Frau an sich zu reißen und mit ihr auf den Schwingen der Liebe davongetragen zu werden.

Abrupt stand Jeff auf. »Ich muß gehen.«

Clarissas Smaragdaugen verengten sich katzenhaft. »Warum? Hast du Angst vor mir?«

Ihr vertrautes Du traf ihn mitten ins Herz. Er fühlte, wie er in seinem Entschluß wankend wurde.

»Nein, ich habe keine Angst.« Er hörte seine Stimme, als würde er diese ganze Szene als Außenstehender betrachten.

Auch Clarissa erhob sich und trat nah vor ihn hin. Ihr sinnlicher Duft vernebelte Jeffs Gehirn, trotzdem schaffte er es noch einmal, sich ihrem Bann zu entziehen. Energisch griff er nach seiner Trainingstasche.

»Ich habe noch Verpflichtungen«, behauptete er vage, zögerte kurz und reichte Clarissa dann die Hand. »Das Seminar war sehr interessant.«

Raffiniert lächelte sie ihn an. »Ich gebe montags, mittwochs und freitags Trainingsstunden.« Sie holte aus ihrer Sporttasche einen Zettel. »Hier stehen die genauen Zeiten drauf. Vielleicht hast du mal Lust…«

Jeff nickte knapp, steckte den Zettel ein und schwor sich, Clarissa Steinberg niemals wiederzusehen.

*

Jeff konnte die Veränderung, die seit dem Taekwon-do-Seminar in ihm vorgegangen war, vor seiner Freundin nicht lange verbergen.

»Sag mal, Liebling, was ist mit dir los?« wollte Karina schließlich wissen. »Wenn wir zusammen sind, bist du mit deinen Gedanken ständig woanders. Hast du Kummer?«

 

Jeff schüttelte den Kopf und nahm Karina zärtlich in die Arme. »Nein, mein Schatz, es ist nichts. Ich bin nur… ein bißchen überarbeitet, sonst nichts.«

Karina glaubte ihm kein Wort.

»Warum lügst du mich an, Jeff?« fragte sie traurig. »Du warst seit einer Woche nicht mehr in der Klinik. Manon hat dich krankgeschrieben…«

»Was soll das?« brauste Jeff ganz gegen seine sonstige Gewohnheit auf. »Spionierst du mir nach?«

Karina schüttelte den Kopf. »Das habe ich nicht nötig, Jeff. Ich konnte dir immer vertrauen, weil du ehrlich zu mir warst. Umso mehr hat es mich erstaunt, als mich Manon heute nach deinem Gesundheitszustand fragte.«

»Dazu hatte sie kein Recht!« entgegnete Jeff wütend. »Auch wenn sie deine Stiefmutter ist, gilt für sie immer noch die Schweigepflicht.«

Karina konnte nicht begreifen, daß das derselbe Mann war, der noch vor wenigen Wochen mit ihr über Verlobung und Hochzeit gesprochen hatte, der fröhlich und unbeschwert gewesen war… und so zärtlich.

»Du hast dich verändert, Jeff«, erklärte sie leise. »Seit du bei diesem Seminar warst.« Sie schwieg kurz. »Seitdem hast du auch nicht mehr von Verlobung gesprochen.«

»Was soll das nun wieder heißen?«

»Das wüßte ich gern von dir«, meinte Karina und berührte ihn sanft.

Doch Jeff wich ihrer Be­­rührung aus, indem er abrupt aufstand und zum Fenster ging. Er drehte Karina absichtlich den Rücken zu, weil er es nicht fertigbrachte, in ihre traurigen Augen zu sehen. Er wußte nämlich ganz genau, wie recht sie hatte: Er hatte sich verändert, und er wollte nicht mehr von Verlobung sprechen, weil er sich seiner Gefühle nicht mehr sicher war. Seit Wochen war in ihm eine ständige Unruhe, die sich sogar auf seine Arbeit gelegt hatte. Von seinem Chefarzt hatte er zwei schwere Zurechtweisungen einstecken müssen, woraufhin er zu Manon gegangen war und sich hatte krankschreiben lassen.

»Sie sind kerngesund, Jeff«, hatte die Ärztin ihm vorgehalten, seinem Wunsch aber dennoch entsprochen. »Eine Woche – mehr nicht. Und am Freitag will ich Sie noch einmal hier in der Praxis sehen.« Doch er war nicht gekommen, was Manons Frage nach seinem Gesundheitszustand, die sie an Karina gerichtet hatte, in gewisser Weise sogar rechtfertigte.

»Geh jetzt«, verlangte er unvermittelt. »Laß mich allein.«

Seine harten Worte trafen Karina mitten ins Herz. Langsam stand sie auf und trat von hinten an Jeff heran. Es kostete sie Mut, ihre Hände auf seinen Rücken zu legen, und sie spürte, wie er unter der Berührung dann zusammenzuckte.

»Ich liebe dich«, flüsterte sie. »Deshalb kann ich akzeptieren, daß du mit mir nicht über dein Problem sprechen kannst. Ich verstehe es nicht, aber ich akzeptiere es.« Sie schwieg kurz. »Du hast Freunde, Jeff. Wenn du mit mir nicht reden kannst, dann vielleicht mit einem von ihnen. Bitte…«

»Geh!« verlangte er noch einmal und haßte sich für die Grobheit, die er ihr gegenüber an den Tag legte. Warum konnte er ihr nicht sagen, was ihm förmlich das Herz zerriß? Warum konnte er nicht wieder zu der Ruhe und Ausgeglichenheit finden, die er in ihrer Gegenwart immer empfunden hatte? Warum konnte er sie nicht so lieben wie zuvor?

Mit einem Ruck drehte er sich um.

»Karina!«

Doch sie war schon weg. Aufstöhnend vergrub Jeff das Gesicht in den Händen.

*

Mit einer Verbissenheit, die sein Trainer nicht an ihm kannte, stürzte sich Jeff in das Karate-Training. Dabei unterliefen ihm so viele Fehler wie nie zuvor, weil er es nicht schaffte, sich zu konzentrieren. Vor seinen geistigen Augen stand Clarissa, die sich so geschmeidig und doch zugleich kraft­voll bewegte.

An diesem Abend konnte er einfach nicht anders: Er mußte nach München fahren, zu dem großen Übungsraum, in dem Clarissa trainierte. Von ihr unbemerkt, stand er in der halboffenen Tür und sah voller Faszination zu, wie sie ihre Hyongs übte. Jeder Schritt und jeder Fausthieb zeugten von Kraft und Konzentration. Ihr Kampfschrei kam kurz und laut, und unwillkürlich fragte sich Jeff, wie wohl ein Zweikampf mit ihr aussehen würde.

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