Dr. Daniel Classic 64 – ArztromanText

Aus der Reihe: Dr. Daniel Classic #64
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Dr. Daniel Classic – 64 –

Völlig fassungslos starrte Andreas Brügge seine Schwester Carolin an.

»Du bist verrückt«, brachte er dann endlich hervor.

»Ganz und gar nicht«, widersprach Carolin und warf mit einer energischen Handbewegung ihr dichtes, dunkelblondes Haar zurück. »Von Männern habe ich die Nase gestrichen voll. Dieses Kapitel ist abgeschlossen – und zwar endgültig.«

»Carolin, sei doch vernünftig«, versuchte Andreas seine Schwester zu beschwichtigen. »Nicht alle Männer sind so wie Jürgen…«

»Und wie Kurt, Benno und Tobias«, fügte Carolin sarkastisch hinzu, dann schüttelte sie den Kopf. »Du kannst mich nicht mehr umstimmen, Andy. Mein Entschluß steht fest. Ich brauche keinen Mann, um glücklich zu werden. Wenn ich ein Kind habe, genügt mir das.«

Mit gespreizten Fingern fuhr sich Andreas durch das dichte Haar und seufzte dabei tief auf.

»Ich gebe ja zu, daß du mit deinen Freunden bisher unheimliches Pech hattest«, räumte er ein. »Aber weißt du denn, was es bedeutet, ein Kind allein großzuziehen? Irgendwann wird es Fragen stellen. ›Warum haben alle meine Freundinnen einen Papa, nur ich nicht?‹ Was willst du ihm dann antworten?«

»Das werde ich mir überlegen, wenn es soweit ist«, entgegnete Carolin.

Andreas seufzte noch einmal. »Dir ist nicht zu helfen, Schwesterherz.« Er betrachtete sie mit Dackelblick. »Es gibt noch andere Männer, glaub’ mir. Schau mich doch an. Ich bin…«

»Du bist mein Bruder«, fiel Carolin ihm trocken ins Wort, dann mußte sie plötzlich lächeln und umarmte Andreas. »Wenn du das nicht wärst, würde ich dich vom Fleck weg heiraten, Andy. So aber…« Sie zuckte die Schultern. »Ich werde mich auf die Suche nach einem Mann machen, von dem ich ein Kind möchte, und wenn ich es habe, dann…«

»Dann wird dein Leben schwieriger sein als je zuvor«, vollendete Andreas.

Doch Carolin winkte ab. »Alter Schwarzseher. Ich werde mit meinem Kind sehr glücklich sein.« Sie grinste. »Im übrigen hat das Kleine den besten und liebsten Onkel, den es sich nur wünschen kann. Wozu braucht es dann also noch einen Vater?«

Andreas wußte, daß es keinen Sinn hatte, die Diskussion mit Carolin weiter fortzusetzen. Seine Schwester hatte schon immer einen Dickkopf gehabt. Irgendwann würde sie merken, daß das Leben als alleinerziehende Mutter seine Schattenseiten hatte. Hoffentlich war es dann aber nicht schon zu spät.

*

So gelassen und unbedarft wie sich Carolin ihrem Bruder gegenüber gegeben hatte, war sie bei weitem nicht. Sie wußte sogar ziemlich genau, wie viele Probleme auf sie zukommen würden, trotzdem stand ihr Entschluß fest. Sie würde sich nie wieder von einem Mann verletzen lassen.

Natürlich hätte sie ein Leben als Junggesellin führen können. Singles waren heutzutage ja in, doch Carolin war jetzt sechsundzwanzig und wünschte sich nichts sehnlicher als ein Kind. Ein Leben als Mutter – etwas Schöneres konnte sie sich nicht vorstellen, und dabei versuchte sie die Sehnsucht nach einer glücklichen Ehe zu unterdrücken.

Wie schön hatte sie sich immer alles vorgestellt. Wie sie in einem duftigen weißen Brautkleid an der Seite ihres zukünftigen Mannes zum Traualtar schreiten würde…

Rasch schüttelte Carolin diese Gedanken ab. Ihr Traum würde sich niemals erfüllen, und vielleicht wollte sie es jetzt auch gar nicht mehr. Die Kostproben von einem Leben zu zweit, die sie bisher genossen hatte, waren sehr bitter gewesen. Männer waren egoistisch und rücksichtslos – zumindest jene, die sie kennengelernt hatte. Keine Spur von Zärtlichkeit und Sensibilität… Machogehabe war für Männer anscheinend erste Bürgerpflicht.

»Aber nicht mit mir«, knurrte Carolin. »Der nächste Mann, den ich mir angeln werde, ist für mich auch nur ein Mittel zum Zweck. Er soll mir zu einer Schwangerschaft verhelfen und sich dann zum Teufel scheren.«

*

»Was ist denn los, Bianca?« wollte Darinka Stöber von ihrer Freundin wissen.

Die beiden jungen Frauen hatten sich bei ihrer Arbeit in der Steinhausener Waldsee-Klinik kennengelernt und sich schon nach kurzer Zeit entschlossen, die Wohnung, die Bianca Behrens vorher allein gemietet hatte, zu teilen. Die gemeinsame Zeit hatte sie noch mehr zusammengeschweißt, so daß es zwischen ihnen keine Geheimnisse gab.

Jetzt seufzte Bianca tief auf. »Es geht um Rüdiger.«

Unwillkürlich verzog Darinka das Gesicht. Sie hatte Biancas neuen Freund von Anfang an nicht gemocht. Sie fand, daß er ein äußerst schwieriger Mensch war – labil, leicht beleidigt und sehr egoistisch. Noch heute fragte sich Darinka, wie sich Bianca ausgerechnet in Rüdiger Steinhof hatte verlieben können.

»Ich weiß schon, daß du ihn nicht magst«, erklärte Bianca jetzt, doch sie sagte es nicht ungeduldig oder gar böse, sondern so, als würde sie Darinkas Abneigung plötzlich verstehen.

»Ist es aus zwischen euch?«

Bianca nickte, hielt aber mitten in der Bewegung inne. »Sagen wir, ich habe vor zwei Tagen versucht, die Beziehung zu beenden.« Sie seufzte leise. »Anfangs war Rüdiger so lieb und zärtlich, aber in den letzten Wochen wurde er immer…« Sie suchte nach dem richtigen Wort und fand es nicht. »Ich hatte das Gefühl, als würde er mich einengen… mich mit Haut und Haaren vereinnahmen. Ich sollte keinen Schritt mehr unternehmen, ohne ihm Bescheid zu sagen. In der vergangenen Woche hat er während meiner Dienstzeit zehnmal angerufen, nur um sich zu vergewissern, daß ich mich noch in der Klinik aufhalte. Und als ich ihm vorgestern sagte, daß ich morgen mit dir und meinen anderen Kolleginnen zum Italiener gehen wolle, hat er es mir rundweg verboten.«

»Wie bitte?« fragte Darinka fassungslos, dann schüttelte sie den Kopf. »Das ist ja wirklich allerhand. Unser monatliches Pizzaessen ist doch schon fast Tradition.«

Bianca nickte. »Das habe ich ihm auch zu erklären versucht, aber daraufhin wurde er richtig wütend und drohte sogar, mich zu verprügeln, wenn ich nicht gehorchen würde.«

Aus weitaufgerissenen Augen starrte Darinka ihre Freundin an, dann tippte sie sich an die Stirn. »Der hat sie wohl nicht mehr alle.«

Bianca seufzte wieder. »Das war ja nicht der erste Auftritt dieser Art. Wenn ich außer der Reihe Dienst habe, kostet es mich jedesmal alle Nerven, ihn davon zu überzeugen, daß ich mich nicht mit einem anderen treffe, sondern wirklich zur Arbeit gehen muß. Und ich kann darauf warten, bis sein Kontrollanruf erfolgt.« Sie winkte ab. »Na ja, das ist alles Vergangenheit. Vorgestern ist er entschieden zu weit gegangen, und ich habe einen Schlußstrich gezogen… zumindest habe ich es versucht. Weißt du, was seine Antwort war?« Sie wartete Darinkas Erwiderung gar nicht erst ab, sondern fuhr fort: »Er hat gesagt, er würde sich umbringen, wenn ich ihn verlassen würde.«

»Der spinnt doch«, urteilte Darinka trocken.

»Ich weiß nicht so ganz«, murmelte Bianca nachdenklich. »Ich glaube, er hat ein paar schwere Enttäuschungen erlebt.«

»Wenn er sich jedesmal so verhalten hat wie dir gegenüber, dann hat er das ganz sicher«, meinte Darinka. Forschend schaute sie ihre Freundin an. »Du wirst doch nicht mit ihm zusammenbleiben, nur weil er dir mit solchen Drohungen kommt.«

Ratlos zuckte Bianca die Schultern. »Wenn er es tatsächlich tun würde, müßte ich mir ein Leben lang Vorwürfe machen.«

Das leuchtete Darinka ein.

»Was wirst du tun?« fragte sie.

Wieder zuckte Bianca die Schultern. »Keine Ahnung. Wahrscheinlich bräuchte Rüdiger eine Therapie, aber ich habe nicht den Mut, ihm das zu sagen. Ich glaube, er würde dann ausrasten.« Sie strich ihr halblanges, dunkles Haar zurück. »Ich fürchte, mit dem Jungen habe ich mir ein echtes Problem aufgehalst.«

»Sprich mal mit Dr. Daniel«, riet Darinka ihr spontan. »Er kann dir bestimmt helfen.«

Doch Bianca schüttelte den Kopf. »Nein, Darinka, ich glaube, mit dieser Geschichte muß ich schon allein fertigwerden.«

*

Carolin Brügge hatte ein paar Tage mit sich gerungen, ehe sie den Weg zur Praxis von Dr. Robert Daniel gefunden hatte. Nun saß sie ziemlich nervös im Wartezimmer und war plötzlich gar nicht mehr sicher, das Richtige zu tun.

»Frau Brügge, bitte.«

Mit einem freundlichen Lächeln schaute die junge Sprechstundenhilfe Sarina von Gehrau herein. Hastig stand Carolin auf und folgte ihr auf den Flur. Dort blieb sie unschlüssig stehen.

»Ich weiß nicht…«, murmelte sie. »Vielleicht brauche ich gar nicht…«

Erstaunt sah Sarina sie an. »Was ist los, Frau Brügge?«

Carolin atmete tief durch. »Nichts, es ist… nichts. Vergessen Sie’s.«

Diese Antwort erstaunte Sarina noch mehr. Sie kannte Carolin Brügge von etlichen Besuchen in der Praxis und wußte, daß sie aufgeschlossen, selbstbewußt und charakterfest war. Ihre jetzige Unschlüssigkeit paßte überhaupt nicht zu ihr.

Allerdings war Sarina nicht die einzige, der das veränderte Verhalten der jungen Frau auffiel. Auch Dr. Daniel wurde sofort stutzig, als Carolin so zögernd auf ihn zukam und ihm die Hand in einer Weise reichte, als würde sie im nächsten Augenblick aus dem Zimmer flüchten.

»Bitte, Frau Brügge, nehmen Sie Platz«, bot Dr. Daniel an, und wieder reagierte die junge Frau sehr merkwürdig. Sie setzte sich nur auf die äußerste Kante des Sessels, bereit, jederzeit aufzuspringen.

»Was führt Sie zu mir?« wollte Dr. Daniel wissen und bemühte sich angesichts der Verfassung seiner Patientin um einen besonders einfühlsamen Ton.

»Ich… Herr Doktor…«, begann Carolin gedehnt, dann platzte es plötzlich aus ihr heraus: »Würden Sie an mir eine künstliche Befruchtung vornehmen?«

Dr. Daniel war wie vor den Kopf gestoßen. Das war das letzte, was er erwartet hatte.

 

»Wie bitte?« fragte er überrascht.

Carolin sackte förmlich in sich zusammen. »Ich wußte, daß es ein Fehler war.« Sie winkte ab. »Vergessen Sie, was ich gesagt habe.« Damit stand sie auf und wollte das Sprechzimmer schon wieder verlassen, doch Dr. Daniel hielt sie zurück.

»Augenblick, Frau Brügge«, meinte er. »Ich glaube, Sie müssen mir das alles etwas näher erklären.«

Carolin zuckte die Schultern. »Wozu? Sie machen es ja doch nicht.«

»Wer sagt das?« fragte Dr. Daniel, dann begleitete er Carolin zu ihrem Sessel zurück. »Bitte, nehmen Sie wieder Platz und dann sagen Sie mir, wie Sie auf eine solche Idee gekommen sind.«

Mit einer anmutigen Handbewegung strich Carolin ihr langes, dichtes Haar zurück. Sie war eine sehr attraktive junge Frau mit feingeschnittenen Zügen und großen dunklen Augen, die ihrem Gesicht einen ganz besonderen Ausdruck verliehen.

»Ich möchte ein Kind«, antwortete sie schließlich. »Und zwar nur ein Kind.«

Dr. Daniel brauchte ein paar Sekunden um zu begreifen, was sie damit ausdrücken wollte.

»Ach so, Sie möchten nicht heiraten«, meinte er, dann lehnte er sich auf seinem Sessel zurück. »Ich nehme an, Sie haben gerade eine große Enttäuschung hinter sich.«

»Nicht nur eine«, entgegnete Carolin bitter. »Alle Männer sind doch gleich.« Sie errötete, als ihr bewußt wurde, daß sie jetzt ja auch einem Mann gegenübersaß. »Sie habe ich damit natürlich nicht gemeint.«

Dr. Daniel mußte schmunzeln. »Ich habe mich auch gar nicht betroffen gefühlt, weil ich mir schon denken kann, von was für Männern Sie sprechen, aber ich versichere Ihnen, daß nicht alle gleich sind. Es gibt rücksichtslose, egoistische Menschen und zwar sowohl bei Männern wie bei Frauen.«

Carolin seufzte tief auf. »Ich hatte im Laufe von neun Jahren vier feste Freunde, und jedesmal, wenn eine Beziehung beendet war, mußte ich feststellen, daß ich einem egoistischen, rücksichtslosen Mann auf den Leim gegangen war. Umgerechnet sind das hundert Prozent – also alle.«

»Dann hatten Sie ausgesprochenes Pech«, sagte Dr. Daniel.

»So könnte man es auch ausdrücken«, meinte Carolin. »Allerdings lege ich es nicht darauf an, auch noch ein fünftes Mal Pech zu haben. Ich habe mich endgültig entschlossen, allein zu bleiben. Trotzdem möchte ich auf ein Baby nicht verzichten.«

Dr. Daniel überlegte, wie er auf Carolins Bitte reagieren sollte. Ihr Anliegen war äußerst ungewöhnlich, aber er wollte auch nicht einfach ablehnen. Ebensowenig konnte er ihrer Bitte einfach entsprechen.

»Wir sollten uns vielleicht auf einen Kompromiß einigen, Frau Brügge«, schlug Dr. Daniel daher vor. »Ich nehme an, die Beziehung zu Ihrem letzten Freund ist erst vor kurzem zerbrochen?«

Carolin nickte. »Vor genau drei Wochen, aber das tut nichts zur Sache. Ich werde meine Entscheidung auch nicht geändert haben, wenn drei Jahre vergangen sind. Ich möchte ein Kind, aber keinen Mann.«

»Mag sein, daß Sie Ihrem Entschluß wirklich treu bleiben werden«, entgegnete Dr. Daniel. »Allerdings würde ich Ihnen dennoch vorschlagen, mit der künstlichen Befruchtung noch ein wenig zu warten. Lassen Sie ein paar Wochen vergehen. Wenn Schmerz und Enttäuschung nachlassen, könnte es nämlich durchaus sein, daß Sie doch wieder für eine Beziehung offen sind, die durch diese überstürzte Schwangerschaft nur behindert würde.«

Carolin zögerte, dann nickte sie. »Also schön, ich werde noch warten, aber ich kann Ihnen schon jetzt versichern, daß ich nie wieder zu einer Beziehung bereit sein werde.«

*

»Wo warst du so lange?« schnauzte Rüdiger Steinhof die junge Bianca an, als sie in seiner kleinen Wohnung eintraf. »Dein Dienst ist schon seit einer Stunde beendet. Von der Klinik bis zu deiner Wohnung sind es kaum fünf Minuten, und fürs Duschen und Umziehen brauchst du höchstens eine halbe Stunde. Du hättest also spätestens vor zwanzig Minuten hier sein müssen.«

»Rüdiger, bitte…«, begann Bianca besänftigend, doch der junge Mann redete sich in Rage.

»Mit wem hast du dich hinter meinem Rücken getroffen? Los, gib’s zu, du gehst fremd!«

»Das ist doch Unsinn!« wehrte Bianca ab. »Ich habe mich mit niemandem getroffen…«

»Du lügst!« fuhr Rüdiger sie an und schlug sie ins Gesicht.

Bianca taumelte und griff mit einer Hand an ihre brennende Wange. Im nächsten Augenblick riß Rüdiger sie ungestüm in seine Arme.

»Das wollte ich nicht, Liebling«, beteuerte er. »Bitte, verzeih mir, ich wollte dir nicht weh tun, aber… ich habe solche Angst, dich zu verlieren. Ich brauche dich. Du bist der einzige Mensch in meinem Leben, den ich wirklich brauche.«

Energisch löste sich Bianca aus seiner Umarmung. »Rüdiger, so geht’s nicht. Du kannst nicht über mich bestimmen… mir Zeitpläne aufstellen, wann ich hier sein muß, und mir Dinge unterstellen, die ich niemals tun würde. Wenn ich einen Freund habe, brauche ich nebenbei keinen anderen Mann, und wenn du zu mir kein Vertrauen hast, dann ist es besser, wir beenden unsere Beziehung.«

»Nein!« fuhr Rüdiger auf. »Das kommt nicht in Frage! Du gehörst mir!«

»Ich gehöre niemandem«, widersprach Bianca. »Rüdiger, vielleicht solltest du…« Sie zögerte. Wie würde er auf ihren Vorschlag reagieren? »Ich meine, du bist so schrecklich eifersüchtig… grundlos eifersüchtig. Was würdest du davon halten, dich einmal untersuchen zu lassen? Im Kreiskrankenhaus gibt es einen hervorragenden Arzt – Dr. Berg.«

Mit zornblitzenden Augen fuhr Rüdiger hoch. »Das ist der Irrenarzt! Du willst mich zu einem Irrenarzt schicken!«

»Nein, Rüdiger, Dr. Berg ist Psychiater«, entgegnete Bianca. »Psychiatrie hat nichts mit Verrücktsein zu tun. Du bist auch gar nicht verrückt. Du neigst lediglich zu… Überreaktionen. Schau mal, du gerätst schon in Panik, nur weil ich zwanzig Minuten später komme, als es nach deiner Berechnung hätte der Fall sein müssen.« Sie schwieg kurz. »Natürlich hätte ich vor zwanzig Minuten hier sein können, wenn mein Dienst pünktlich zu Ende gewesen wäre. Aber als Krankenschwester habe ich nun mal keinen Acht-Stunden-Tag, und ich kann nicht um sechs Uhr sagen, jetzt habe ich Feierabend, wenn eine Frau noch darauf wartet, von mir eine Spritze zu bekommen.«

»Das dauert nicht zwanzig Minuten«, erwiderte Rüdiger starrköpfig.

»Es war ja auch nicht das einzige, was ich noch zu erledigen hatte.« Besänftigend griff sie nach seinen Händen. »Rüdiger, bitte, sprich mit Dr. Berg – nur ein einziges Mal. Er kann…«

Ohne Vorwarnung schlug Rüdiger wieder zu. Bianca stolperte unter der Wucht des Schlages und fiel auf die Knie. Rasch rappelte sie sich wieder auf und taumelte zur Tür.

»Ich gehe!« rief sie Rüdiger zu. »Und ich werde nie wiederkommen. Es ist aus!«

»Ich bringe mich um, wenn du gehst!« drohte Rüdiger.

Bianca drehte sich um und sah ihn an. »Wenn ich nicht gehe, bringst du vielleicht mich um… oder uns beide.« Sie schwieg einen Moment. »Rüdiger, du bist krank. Geh zu Dr. Berg und laß dich behandeln.«

»Niemals!« Er ging zwei Schritte auf sie zu und sah dabei aus, als würde er sie noch einmal schlagen.

Bianca machte auf dem Absatz kehrt, stürzte aus der Wohnung und rannte die Treppe hinunter. Ohne sich noch einmal umzusehen, lief sie nach Hause, und erst als sie vor der Wohnungstür stand, wagte sie einen ersten Blick nach hinten, doch Rüdiger war ihr nicht gefolgt.

Schweratmend schloß sie die Tür auf, stolperte in die Wohnung und ließ sich kraftlos auf den nächstbesten Stuhl sinken, dann begann sie hilflos zu schluchzen.

»Bianca, um Himmels willen…«

Die junge Krankenschwester blickte direkt in die besorgten Augen ihrer Freundin. Hinter Darinka stand Stefan, der Sohn von Dr. Daniel, der seit einiger Zeit Darinkas Freund war.

»Meine Güte, wie sehen Sie denn aus?« fragte er erschrocken, dann schickte er Darinka, um den Erste-Hilfe-Koffer zu holen.

»Er hat mich geschlagen«, schluchzte Bianca. Jetzt, wo die Gefahr vorbei war, begann sie am ganzen Körper zu zittern, während Sturzbäche an Tränen aus ihren Augen quollen.

Ohne viele Umstände zu machen, nahm Stefan die junge Krankenschwester auf die Arme und trug sie in ihr Bett.

»Schön liegenbleiben«, befahl er, als sie sofort aufstehen wollte.

»Ich muß aber…«, begann Bianca hektisch, doch Stefan hielt sie fest.

»Sie müssen liegenbleiben und sich von mir erst mal verarzten lassen«, vollendete er ihren Satz, dann lächelte er. »Oder trauen Sie mir das nicht mehr zu, seit ich in der Sommer-Klinik statt in der Waldsee-Klinik arbeite?«

Bianca nahm seine Worte überhaupt nicht wahr. Wieder begann sie laut zu schluchzen. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub.

»Bleib bei ihr«, bat Stefan seine Freundin. »Ich muß schnell in die Apotheke. So hat das Ganze keinen Sinn.«

Es dauerte nur knapp zehn Minuten, bis Stefan wieder zurück war. Gewissenhaft zog er eine Spritze auf, schob Biancas Rock hoch und zog den Slip ein wenig herunter, dann injizierte er das Beruhigungsmittel. Die junge Krankenschwester wimmerte leise und versuchte mit einer Hand, Stefan wegzudrücken, was ihr aber nicht gelang.

»Ganz ruhig, Bianca.« Seine Stimme war tief und warm. »Gleich werden Sie sich besser fühlen.«

Das Medikament wirkte rasch und ließ Bianca einschlafen.

»Dieser Mistkerl«, knurrte Darinka wütend.

»Biancas Freund?« fragte Stefan zurück, während er den

Bluterguß unter dem rechten Auge der jungen Frau behandelte.

Darinka nickte. »Wenn du mich fragst, er hat nicht alle Tassen im Schrank. Bianca hätte längst Schluß mit ihm machen sollen.«

»Vielleicht hat sie es heute getan, und das ist das Resultat«, vermutete Stefan, dann richtete er sich auf. »Ich fürchte, sie wird zumindest morgen daheim bleiben müssen. Das Auge wird vermutlich noch weiter zuschwellen.«

»Soweit ich den Dienstplan im Kopf habe, hat Bianca die nächsten beiden Tage ohnehin frei«, erwiderte Darinka.

Stefan nickte. »Das ist gut.« Er blickte auf die schlafende Frau hinunter. »Wo wohnt ihr Freund?«

Entsetzt starrte Darinka ihn an. »Du willst doch wohl nicht zu ihm hingehen?«

»Doch, genau das habe ich vor.«

Darinka nannte die Adresse, die sie schon vor Wochen von Bianca erfahren hatte. Überrascht zog Stefan die Augenbrauen hoch.

»Rüdiger Steinhof?« vergewisserte er sich, dann schüttelte er den Kopf. »Das glaube ich nicht.«

»Kennst du ihn?«

»Und ob ich ihn kenne.« Stefan nickte. »Wir sind zusammen zur Schule gegangen.« Er schwieg einen Moment. »Zugegeben, in den letzten Jahren habe ich ihn nur noch sehr selten gesehen, aber daß er sich so verändert haben soll, kann ich nicht glauben. Rüdiger war nie ein gewalttätiger Mensch.« Entschlossen trat er zur Tür. »Ich spreche mit ihm. Wenn er sich tatsächlich so verändert hat, dann muß das ja einen Grund haben – oder er gehört in ärztliche Behandlung.«

*

Stefan hatte mit seinem Besuch kein Glück, denn Rüdiger war nicht zu Hause. Unschlüssig blieb der junge Arzt vor der Wohnungstür stehen und entdeckte plötzlich, daß sie einen Spalt offenstand. Er drückte sie ein wenig weiter auf und streckte den Kopf hindurch.

»Rüdiger?« rief er fragend, doch er bekam keine Antwort.

Stefan zögerte kurz, dann trat er ein. Wenn Rüdiger in einem Anfall von Wut und Eifersucht Bianca geschlagen hatte, dann war ihm auch eine weitere Kurzschlußhandlung zuzutrauen.

Suchend blickte sich Stefan um. In der Wohnung herrschte ein wüstes Durcheinander, doch Rüdiger konnte er nirgends entdecken. Unverrichteterdinge verließ Stefan die Wohnung wieder und kehrte zu Darinka und Bianca zurück.

Die junge Krankenschwester schlief, doch sogar im Traum mußte sie das gerade Erlebte noch verfolgen, denn ihre Hände zuckten unruhig über die Bettdecke.

»Und?« fragte Darinka drängend. »Konntest du etwas erreichen?«

Bedauernd schüttelte Stefan den Kopf. »Er war nicht zu Hause.«

Darinka erschrak sichtlich. »Ob er sich tatsächlich etwas angetan hat?«

Obwohl Stefan dieser Gedanke auch gekommen war, runzelte er die Stirn. »Wie kommst du darauf?«

»Bianca hat kürzlich verlauten lassen, daß Rüdiger gedroht habe, sich umzubringen, falls sie ihn verlassen würde.«

Verwundert schüttelte Stefan den Kopf. Alles, was er in der vergangenen halben Stunde über Rüdiger erfahren hatte, stand in krassem Gegensatz zu dem Menschen, den er damals kennengelernt hatte. Sollte sich Rüdiger tatsächlich so verändert haben?

 

Das Klingeln des Telefons riß ihn aus seinen Gedanken. Impulsiv hob er den Hörer ab und meldete sich.

Sekundenlang herrschte Schweigen am anderen Ende, dann erklang eine etwas unsichere Frauenstimme. »Ist das nicht der Anschluß von Frau Bianca Behrens?«

»Doch«, antwortete Stefan. »Frau Behrens hat ein Beruhigungsmittel bekommen und schläft. Ich kann sie jetzt nicht wecken. Soll ich etwas ausrichten?«

»Ja, hier spricht Schwester

Ingrid vom Kreiskrankenhaus«, gab sich die Anruferin jetzt zu erkennen. Unwillkürlich hielt Stefan den Atem an. Da fuhr die Krankenschwester auch schon fort: »Herr Rüdiger Steinhof wurde vor einer Viertelstunde hier eingeliefert und bat dringend darum, seine Verlobte zu verständigen. Er hatte einen Verkehrsunfall.«

»Ich komme sofort«, beschloß Stefan kurzerhand, bedankte sich für den Anruf und legte auf. Er drehte sich zu Darinka um. »Rüdiger hatte einen Unfall, und nach allem, was ich jetzt weiß, vermute ich, daß er ihn absichtlich herbeigeführt hat.«

Erschrocken schlug Darinka eine Hand vor den Mund. »Meine Güte. Ist er schwer verletzt?«

Stefan zuckte die Schultern. »Keine Ahnung, aber da er noch sagen konnte, daß man Bianca verständigen solle, kann es nicht ganz so schlimm um ihn stehen.« In Erinnerung an das kurze Telefongespräch runzelte er die Stirn. »Ist Bianca mit ihm verlobt?«

Heftig schüttelte Darinka den Kopf.

»Ganz bestimmt nicht!« versicherte sie mit Nachdruck.

Stefan warf einen Blick auf die Uhr. »Ich fahre ins Kreiskrankenhaus. Wenn Bianca erwachen sollte, bevor ich wieder hier bin, dann sagst du ihr bitte kein Wort von dem Unfall. Erst muß ich wissen, was da wirklich passiert ist. Ich will nicht, daß sich Bianca womöglich unnötig aufregt.«

»Ich werde nichts sagen«, versprach Darinka.

Stefan küßte sie flüchtig, dann verließ er die Wohnung und schließlich auch das Haus. Rasch bestieg er sein Auto und fuhr los. Als er am Kreuzbergweg vorbeikam, nahm er unwillkürlich den Fuß vom Gas. Sollte er seinen Vater verständigen und ihn um seine Begleitung bitten? Er war nahe daran, ließ es aber bleiben, als er einen Blick auf die Uhr warf. Es war gleich Mitternacht. Da konnte er seinen Vater unmöglich aus dem Bett scheuchen. Der Ärmste hatte tagsüber schon genügend Streß am Hals.

»Ein Glück, daß ich morgen dienstfrei habe«, murmelte sich Stefan zu, während er wieder beschleunigte. Knapp zehn Minuten später hielt er in der Kreisstadt vor dem Krankenhaus an, stieg aus und betrat die Klinik gleich durch die Notaufnahme.

»Ich bin Dr. Daniel«, stellte er sich vor. »Junior«, fügte er erklärend hinzu. »Wer ist der behandelnde Arzt von Rüdiger Steinhof?«

»Chefarzt Dr. Breuer kümmert sich persönlich um den jungen Mann«, gab die Krankenschwester Auskunft.

Stefan bemühte sich nicht, sein Erstaunen zu verbergen. »Dr. Breuer ist mitten in der Nacht hierhergekommen, um einen Unfall-Patienten zu betreuen?« Normalerweise gehörte so etwas zu den Routinearbeiten in der Nachtschicht des jeweiligen Arztes, und es war sicher kein Grund, den Chefarzt anzufordern, es sei denn…

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