Dr. Brinkmeier Classic 16 – ArztromanText

Aus der Reihe: Dr. Brinkmeier Classic #16
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Dr. Brinkmeier Classic – 16 –

»Mei, ist das heut ein schöner Morgen!« Anna Stadler ließ ihren Blick über die liebliche Landschaft des Berchtesgadener Landes schweifen, die in den schönsten Sommerfarben glänzte, und lächelte dann Dr. Max Brinkmeier zu. »Hoffentlich hält sich das Wetter, dann können wir unsere Kraxeltour so recht genießen.«

Der Landarzt von Wildenberg nickte. »Ja, das hoffe ich auch. Lange genug hat es schließlich gedauert, bis wir uns endlich mal wieder Zeit für eine längere Tour genommen haben.«

»An mir liegt’s net«, betonte die bildhübsche Blondine, die in Wildenberg die Apotheke führte. »Du hast allerweil so sehr im Streß gesteckt, Max.«

»Stimmt schon. In den letzten Wochen war viel los in der Praxis. Aber jetzt ist es ein bissel ruhiger geworden. Und wenn die Ferienzeit kommt, werden wir vielleicht öfter mal mit dem Toni Schwarz in den Berg eini steigen können.«

»Das würde mir recht gut gefallen«, sinnierte Anna und maß den Mann an ihrer Seite mit einem verstohlenen Seitenblick. Von Kindesbeinen an kannten die beiden sich jetzt, und Anna hatte Max immer gern gehabt. Als er zum Studieren in die Stadt gegangen war, hatte sie noch Zöpfe getragen, aber gemocht hatte sie den hochgewachsenen feschen Burschen mit dem sandblonden Haar bereits damals. Da Max’ Vater die Landarztpraxis in Wildenberg geführt hatte, war Anna überzeugt gewesen, daß Max nach dem Studium in sein Heimattal zurückkehren würde. Doch wie groß war die Enttäuschung, als der junge Arzt sich entschieden hatte, Deutschland den Rücken zu kehren und in die Entwicklungshilfe zu gehen. Zehn Jahre hatte Max in Afrika gelebt und gewirkt, dort ebenso die Frau seines Herzens gefunden wie seinen Lebenssinn. Eigentlich hatte Anna es einem Zufall zu verdanken, daß sie nun an Max’ Seite in dessen Jeep saß und zum Kinderheim St. Bartholomä fuhr, wo ein kleiner Patient auf den Landarzt wartete. Denn wäre Josef Brinkmeier nicht krank geworden und hätte die Praxis vorzeitig aufgeben müssen, würde Max jetzt noch in Ruanda leben. Er hatte sich schwer trennen können, hing vor allem noch immer seiner Liebe zu Dr. Julia Bruckner nach, die er einfach nicht vergessen konnte. Anna hatte Max von Herzen lieb, aber sie akzeptierte seine Gefühle, gab sich mit einer herzlichen Freundschaft zufrieden. Doch die Hoffnung, eines Tages das Herz des feschen Landarztes zu erobern, die hatte sie noch längst nicht aufgegeben.

»Mal schauen, was der kleine Ralf heut macht«, meinte Max in ihre Gedanken hinein. Er steuerte den Besucherparkplatz an und stieg aus, Anna folgte ihm. Der imposante barocke Klosterbau, zwischen Wildenberg und dem Nachbarort Schlehbusch gelegen, beherbergte ein Waisenhaus und auch ein katholisch geführtes Internat. Dr. Brinkmeier betreute die kleinen Waisen seit einer Weile medizinisch, eine Aufgabe, die dem kinderlieben Mediziner sehr lag. Und Anna, die die Kleinen fest ins Herz geschlossen hatte, begleitete ihn, wann immer es möglich war.

An diesem warmen und sonnigen Sommermorgen hielten die kleinen Kinder sich im Garten auf und spielten. Eine junge Nonne führte den Landarzt und seine Begleiterin in einen Innenhof, wo Ralf Hagenau recht einsam auf einer Schaukel saß. Der Hausmeister des Klosters hatte eine Spielecke abseits des Gartens für den Jungen eingerichtet, denn Ralf war Allergiker und durfte zu dieser Jahreszeit nicht in den Garten. Als er seine beiden Besucher bemerkte, flog ein Lächeln über sein rundes Gesichtchen. Anna Stadler drückte den Buben zur Begrüßung an sich und hörte zu, was er zu erzählen hatte. Es war ein Phänomen, das auch die Schwestern von St. Bartholomä immer wieder überrascht registrierten, wie unbefangen und zutraulich die Kinder mit dem jungen Landarzt und seiner Begleiterin umgingen. Der Mediziner, der sich vorher um die Waisen gekümmert hatte, war dagegen nicht sehr beliebt gewesen. Da waren die Tränen stets reichlich geflossen, und der Arzt war froh gewesen, wenn er das Waisenhaus wieder verlassen konnte. Bei Anna und Max war das ganz anders.

»Ich mußte heut gar nicht niesen. Darf ich vielleicht bald zu den anderen? Im Garten ist es viel schöner als hier. Und ich fühle mich ziemlich allein«, erzählte der Bub niedergeschlagen.

»Die Behandlung hat schon angeschlagen«, stellte auch Max Brinkmeier fest, der bei Ralf eine Desensibilisierung durchführte. »Er hat wirklich kaum noch Symptome.«

»Dann darf ich?« Kurz blitzte Hoffnung in den klaren Augen des Kindes auf, das sich wie ein Außenseiter fühlte und unter diesem Zustand sehr litt. Leider mußte Max den Jungen aber enttäuschen.

»Wir haben doch darüber gesprochen, daß diese Behandlung ziemlich lange dauert«, erinnerte er Ralf. »Vielleicht kannst du im nächsten Sommer im Garten mit den anderen spielen. Aber bis dahin mußt du schon noch ein bissel Geduld haben.«

»Erst im nächsten Jahr? Dann komme ich doch zur Schule und habe zum Spielen nimmer so viel Zeit«, murmelte der Bub bedrückt. »Ich würde jetzt so gerne rüber gehen...«

Anna wechselte einen fragenden Blick mit Max, doch dieser schüttelte angedeutet den Kopf. Er verstand sehr gut, daß sie Mitleid mit Ralf hatte. Doch er wollte die Therapie jetzt nicht gefährden. Die junge Frau überlegte kurz, dann fragte sie den Landarzt: »Und wenn er einen Mundschutz trägt, dann könnte Ralf doch wenigstens seine Freunde kurz besuchen. Was meinst?«

»Ich weiß nicht, Anna, wir gefährden den Therapieerfolg. Ich möchte mich eigentlich nicht darauf einlassen.«

»Was ist denn das – ein Mundschutz?« wollte der Junge da neugierig wissen.

Dr. Brinkmeier seufzte leise, während seine Begleiterin zufrieden schmunzelte, holte er einen Mundschutz aus seinem Arztkoffer und reichte ihn dem Jungen. Ralf hatte ein wenig Mühe, ihn richtig aufzusetzen. Aber dann zeigte er sich richtig stolz und fragte: »Darf ich damit kurz zu Silberpfeil? Ich hab’ ihn schon ein paar Tage nimmer gesehen.«

»Wer ist denn Silberpfeil?« forschte Anna Stadler nach.

»Ein Pony. Ich möchte mich gerne darum kümmern, aber im Stall muß ich manchmal auch niesen. Und da hat die Schwester gesagt, es ist zu gefährlich. Aber mit dem Mundschutz geht’s, oder?«

Dr. Brinkmeier mußte lächeln. »Na schön, dann gehen wir mal nach deinem Silberpfeil schauen. Kannst du denn schon reiten?«

»Noch net, aber wenn man sich um ein Pony kümmert, dann darf man reiten lernen.« Ralf machte ein ganz sehnsüchtiges Gesicht. »Das würde ich so gerne, das wäre bestimmt ganz toll!«

»Als dann, auffi geht’s zum Silberpfeil«, meinte Anna unternehmungslustig. »Ich hab’ Pferde nämlich auch gern.«

Die Ponys standen in einem Offenstall, dem sich eine große Weide anschloß. Diese lag in einer sanften Talmulde, in der sogar ein kleiner Bach murmelte. Insekten summten von Blüte zu Blüte, Vogelgezwitscher und der makellos blaue Himmel machten die Idylle perfekt. Anna schaute sich lächelnd um, Max stellte fest: »Ein bissel wie im Paradies, net wahr?«

»Ich kann dir nicht widersprechen.« Sie folgte Ralf, der auf eines der Ponys zusteuerte. Das kleine Pferdchen begrüßte den Buben mit hellem freudigem Wiehern. Die beiden schienen sich bereits angefreundet zu haben. Leider dauerte es nicht lange, bis Ralf anfing zu niesen. Der Mundschutz hatte nicht geholfen.

»Komm, gehen wir wieder zurück«, bat Max das Kind und streckte ihm die Hand hin. Der Kleine war ganz niedergeschlagen. Er trottete neben dem jungen Mann her und murmelte: »Ich wäre so gerne noch beim Silberpfeil geblieben. Und ausreiten würde ich auch gerne, aber das geht ja net...«

Anna musterte das Kind mitleidig. Sie wollte Ralf helfen, denn es tat ihr in den Seele weh, ihn so enttäuscht und niedergeschlagen zu sehen. Doch leider fiel ihr nichts anderes ein, als dem Jungen zu versprechen, daß er schon bald länger bei seinem Pferd würde bleiben dürfen. Er schien das nicht ganz zu glauben, aber ein kleines Lächeln entschädigte Anna.

»Du solltest Ralf keine falschen Hoffnungen machen«, mahnte Max sie, als sie zurück nach Wildenberg fuhren. »Wir wissen doch beide, daß eine Desensibilisierung mehrere Jahre dauern kann. Und der Junge ist gegen ein breites Spektrum von Pflanzen allergisch. Das wird noch eine Menge Arbeit...«

»Ja, ich weiß. Aber er hat mir so leid getan. Diese Kinder haben so wenig, sie müssen auf eine Familie verzichten und auf Menschen, die sich nur um sie kümmern, sie liebhaben. Die Schwestern tun natürlich, was sie können, eine Familie zu ersetzen, das ist aber unmöglich. Und wenn es dann etwas gibt, das den Kindern am Herzen liegt, sollte man ihnen das nicht auch noch verbieten müssen. Das ist schrecklich.«

»Ich verstehe dich schon, Anna. Aber wir helfen Ralf nicht, wenn wir ihm jetzt etwas erlauben, das ihm auf die Dauer nur schaden wird«, mahnte der junge Mann sie. »Du hast eben ein goldenes Herz und möchtest alle Menschen glücklich sehen.«

»Ich glaube, du willst mich auf den Arm nehmen«, beschwerte sie sich. »Schließlich bin ich kein Engerl, sondern ein ganz normaler Mensch. Ich kann mir nur gut vorstellen, wie diese Kinder sich fühlen. Ich bin zwar keine Waise, aber wenn die Eltern Geschäftsleute sind, dann muß man oft genug zurückstecken und auf einiges an Zuwendung verzichten, weil einfach nicht genug Zeit da ist.«

»In einem Doktorhaus ist es nicht viel anders.« Max schenkte Anna ein Lächeln. »Trotzdem sind wir ganz gut geraten, meinst net? Und was die Kinder von Sankt Bartholomä angeht; ich glaube, so lange sie dich haben, können sie sich net beschweren...«

*

Als Anna Stadler die Apotheke betrat, wurde sie bereits sehnsüchtig erwartet. Susi Angerer, ihre Mitarbeiterin, deutete auf Alois Burgmüller. Der Ortsvorstand von Wildenberg saß in einer Ecke des Ladens, wo man sich normalerweise den Blutdruck messen ließ, und blätterte im Apothekerblatt.

 

»Der sitzt da schon seit einem geschlagenen Stünderl umeinand. Verlangt die Chefin und niemand anders.«

»Was will er denn?« fragte Anna, während sie ihren weißen Kittel überzog. »Hat er nix gesagt?«

»Nur, daß er dich sprechen will, Chefin.« Susi grinste frech. »Vielleicht will er mal wieder eine Flirtoffensive starten...«

Anna verdrehte die Augen. Alois war seit geraumer Zeit Witwer und schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, sie zu erobern. Daß sie ihn nicht leiden konnte, war dabei wohl kein Hinderungsgrund, jedenfalls nicht, wenn man Alois Burgmüller hieß und über einen ausgeprägten Dickschädel verfügte.

»Als dann, auf in den Kampf«, murmelte die hübsche Blondine.

Auf dem breitflächigen Gesicht des Ortsvorstehers ging die Sonne auf, als Anna auf ihn zukam. »Na endlich! Ich hab’ schon geglaubt, ich warte umsonst. Wo warst denn so lange, Annerl?«

Sie überging seine Frage, wollte ihrerseits wissen: »Wieso hast dich nicht von der Susi bedienen lassen? Sie kennt sich genauso gut aus wie ich, Alois. Es bestand gar kein Grund, auf mich zu warten.«

»Na, das will nicht net. Ich möchte die bestmögliche Beratung. Und die traue ich eben nur dir zu, Annerl«, schmeichelte er.

»Bitt schön nenn mich net so«, bat sie unwillig. »Also schön, was quält dich? Wie kann ich dir helfen?«

»Ja, mei, wennst mal wieder mit mir essen gehst, das würde mir schon viel helfen in meinem Zustand, meinem schlechten. Weißt, ich fühle mich im Moment wirklich net gut und...«

»Also, Alois, wenn das jetzt wieder eine neue Masche sein soll, um mich einzuladen, hättest dir den Weg sparen können. Ich mag net mit dir ausgehen und auch nicht meine Freizeit mit dir verbringen. Bitte schön, merk dir das endlich!«

»So. Ja, da kann man wohl nix machen. Wenn man net Max Brinkmeier heißt, ist man bei dir schlecht angeschrieben, net wahr?« Er wirkte ebenso enttäuscht wie beleidigt. »Aber ich sag dir was: Du machst einen großen Fehler, wennst dein Herz an diesen Mann hängst. Der ist es net wert, weil er immer noch an eine andere denkt. Ich dagegen meine es ehrlich. Ich habe dir allerlei zu bieten, Anna. Warum willst mir nur keine Chance geben? Das verstehe ich wirklich nicht!«

»Weil ich dich net leiden mag, Alois, deshalb. Und ich habe keine Lust, das immer und immer wieder zu diskutieren. Also, hast gesundheitliche Beschwerden oder bist nur zum Reden da?«

»Mein Herz macht mir ein bissel zu schaffen, nix Ernstes. Wennst vielleicht was Pflanzliches zur Stärkung hast...«

»Ein Weißdorn wäre da gut. Am besten in Verbindung mit Knoblauch, der fördert die Durchblutung. Warte einen Moment, ich schau mal nach, was wir da haben.« Sie trat hinter die Verkaufstheke, blickte in einige Ausziehschränke und wurde schließlich fündig. Alois gab sich plötzlich verschämt.

»Eigentlich ist es ja ganz überflüssig, so schlecht fühle ich mich auch wieder net. Aber es heißt doch, man soll auf seine Gesundheit achten, net wahr?« Er lächelte schmal.

»Gewiß soll man das. Wennst Beschwerden hast, solltest aber lieber zum Max Brinkmeier gehen und dich untersuchen lassen. So ein pflanzliches Präparat, das unterstützt auf die Dauer die Herzfunktion, aber eine akute Krankheit läßt sich damit natürlich nicht behandeln.«

»Ich bin ja auch net krank, nur ein bissel gestreßt. Und wennst nix dazu tun magst, daß es mir bessergeht, dann mache mich ich jetzt auf den Heimweg.« Er schaute sie fragend an. Und da sie seinen Blick nur leicht mißbilligend erwiderte, räumte Alois nun tatsächlich das Feld. Anna atmete erleichtert auf, während Susi Angerer feststellte: »Der Burgmüller gibt fei nie auf. Ob er tatsächlich was am Herzen hat? Sein Blutdruck war jedenfalls viel zu hoch, den hab’ ich ihm nämlich gemessen.«

»Dann sollte er sich vom Max untersuchen lassen.« Anna dachte kurz nach. »Ich werde den Max heut abend darauf ansprechen.«

»Heißt das, du bist zum Nachtmahlen im Doktorhaus, Chefin?«

»Freilich. Aber das ist kein Grund, sich gleich wieder was zu denken, Susi. Am Wochenende unternehmen wir eine Kraxeltour, und dazu gibt es noch einiges zu besprechen, verstehst?«

»Ja, gewiß. Zum Beispiel, wo man übernachten mag. So ganz zünftig in der freien Natur oder lieber in einer Hütten...«

»Das überlassen wir dem Toni Schwarz, der führt die Gruppe nämlich. Und bevor du noch weitere romantische Anwandlungen kriegst, gehst bitt schön ins Lager und packst die neuen Stellagen um. Ich komm dir nachher helfen.« Die junge Apothekerin wandte sich um, als ein Kunde den Laden betrat, während Susi brummelig im hinteren Bereich der Apotheke verschwand...

An diesem Abend hatte Afra, die Hauserin im Doktorhaus, sich große Mühe mit dem Essen gegeben. Und ihre Lammkottelets mit feinem Gemüse und Kräutern kamen auch besonders gut an. Von allen Seiten hörte sie nur Lob, bis es ihr zuviel wurde und sie murrte: »Sorgt halt dafür, daß die Anna net nur ein Gast bei uns ist. Dann macht es mir auch wieder Freude, zu kochen. Für so zwei Mannsbilder allein rentiert sich die Müh’ ja kaum.« Damit verließ sie die Stube und schloß die Tür vernehmlich hinter sich. Während Max schmunzelnd den Kopf schüttelte, meinte sein Vater:

»Darfst es der Afra net übel nehmen, Madel. Sie will uns halt allerweil verheiraten, weil sie heimlich eine Ader fürs Romantische hat. Auch wenn sie das partout net zugeben mag.«

»Beim Vater wäre es im vergangenen Jahr beinahe soweit gewesen«, scherzte der junge Landarzt. »Wenn ich nur an diese Valeska Kaiser denke, deine hartnäckige Verehrerin...«

Brinkmeier senior fand das gar nicht lustig. Seine Miene verfinsterte sich, während er seinen Sohn bat: »Erwähne diesen Namen nie wieder in meiner Gegenwart, sonst kannst mich gleich wieder am Herzen behandeln.«

»So schlimm war die Dame ja nun auch wieder net.«

»Na, gewiß nicht. Sie war schlimmer.«

»Apropos Herz: Ich glaube, der Alois Burgmüller hat Beschwerden und will es net zugeben«, meldete sich nun Anna zu Wort. Sie berichtete von ihrem Gespräch mit dem Bürgermeister. »Es war ihm irgendwie peinlich. Aber wenn er keine Schmerzen hätte, wäre er bestimmt nicht in die Apotheke gekommen.«

»Das kann ja auch andere Gründe haben«, gab Josef zu bedenken, froh, daß sie das Thema gewechselt hatten. »Ich mein, daß der Lois dich verehrt, Madel, ist in Wildenberg kein Geheimnis.«

»Schon. Aber die Susi hat gesagt, sein Blutdruck ist zu hoch. Vielleicht solltest ihn mal untersuchen, Max.«

»Wundern tät es mich net, wenn er jetzt Beschwerden bekäme«, meinte der junge Landarzt. »Ich hab’ ihm schon einige Male geraten, abzuspecken. Doch davon will er ja nix wissen.«

»Wenn er das nächste Mal sein Rheumasalberl haben will, untersuchst ihn einfach«, riet Josef seinem Sohn. »Dann hast Gewißheit. Ich glaube, das wäre am geschicktesten.«

»Na, vielleicht schaue ich schon früher bei ihm vorbei. Aber vorher wollen wir unsere Kraxeltour genießen, net wahr, Anna? Warte, ich hole rasch die Wanderkarte, dann können wir schon mal die Route durchgehen.«

Die junge Frau nickte. Nachdem Max die Stube verlassen hatte, merkte sein Vater an: »Scheint so, als ob er sich arg auf eure Tour freuen tät, er redet schon tagelang von nix anderem.«

»Ich freu mich auch, mal rauszukommen. Und bei dem schönen Wetter ist das doch wirklich herrlich.«

»Meinst, das ist alles, was den Max bewegt?« fragte Josef sie skeptisch. »Wir sind früher oft zusammen gekraxelt. Da war er aber nie so aufgekratzt...«

*

»Grüß dich, Melissa. Na, hast net ausgeschlafen? Schaust recht mitgenommen aus. Oder hast vielleicht einen Kummer?«

Die hübsche junge Frau mit dem langen dunkelblonden Haar, den ebenmäßigen Gesichtszügen und den klaren blauen Augen winkte ab. »Kummer hab’ ich schon eine ganze Weile. Und dieser Kummer heißt Thomas, wenn du verstehst, was ich meine, Moni. Seit ich mich von ihm getrennt habe, macht er mir im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle heiß.«

Die rundliche Kindergärtnerin schaute ihre schlanke Kollegin betroffen an. »Der Kerl belästigt dich immer noch? Das darf doch aber net wahr sein. Wie lange ist das jetzt her, daß du Schluß gemacht hast, ein Vierteljahr?«

»Schon etwas länger. Leider kann er das aber net hinnehmen. Ständig lauert er mir auf und bekniet mich mit Liebesschwüren und Heiratsanträgen. Ganz egal, was ich sage oder tue, er läßt net locker. Das ist langsam schon fast beängstigend. Ich glaube, er hat da einen Realitätsverlust, was uns beide angeht.«

»Am besten meldest es der Polizei. Die können dir bestimmt helfen. Von solchen Kerlen hört man ja immer wieder. Und manchmal werden die sogar richtig gefährlich.«

»Der Thomas sicher net. Er ist nicht der Typ, der gewalttätig wird. Aber sein stures Verhalten, das kann einem schon ganz schön auf den Nerv gehen. Ich hab’ überhaupt keine Lust mehr, abends auszugehen, weil ich immer fürchten muß, daß er mir auflauert und mir eine Szene macht.«

»Das kannst aber auf Dauer net so weiterlaufen lassen. Oder willst dich für den Rest deines Lebens von diesem Kerl nerven lassen? Du mußt was dagegen tun«, riet Moni ihr mit Nachdruck.

»Am Wochenende fahre ich für ein paar Tage in die Berge, dann habe ich meine Ruhe vor ihm«, war Melissa überzeugt. »Daß er mir folgt, halte ich doch für eher unwahrscheinlich...«

Als die junge Frau an diesem Abend heimkam, lag ein großer Rosenstrauß vor ihrer Wohnungstür. Am liebsten hätte sie die Blumen ignoriert, aber sie wollte keinen Ärger mit der strengen Hausmeisterin und nahm den Strauß deshalb mit in die Wohnung. Als sie die Rosen in die Spüle legte, rutschte eine Karte heraus. Melissa verzog den Mund. Sie rechnete mit einer neuerlichen Liebeserklärung, doch diesmal stand etwas anderes auf der Karte: Fahren wir zusammen nach Wildenberg? Ich bin ebenso narrisch aufs Kraxeln wie Du, Liebes, das weißt Du doch!

Die junge Frau starrte eine Weile auf die Karte und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Wie war es nur möglich, daß Thomas über ihre Pläne Bescheid wußte? Sie hatte niemandem außer ihrer Kollegin Moni etwas davon erzählt...

Das Klingeln des Telefons ließ Melissa zusammenzucken.

»Hallo, Liebes, ich bin’s. Hast meine Rosen bekommen?«

»Thomas, was soll das? Ich habe dich schon hundertmal gebeten, mich nimmer zu belästigen«, brauste sie da auf. »Ich will keine Blumen von dir, ich will überhaupt nix mehr von dir!«

»Hast schlechte Laune? Sei halt net so. Ich weiß, ich hab’ vieles falsch gemacht. Aber wir könnten es doch noch einmal miteinander versuchen. Wir hatten doch auch schöne Zeiten.«

»Das will ich ja gar net bestreiten. Aber du bist mir einfach zu bestimmend. Du hast mich wie dein Eigentum behandelt, und das mag ich net. Bitte, Thomas, sieh es ein: Es hat keinen Sinn mit uns beiden. Auf Dauer würde es nicht gutgehen, das haben wir doch schon einmal mitgemacht.«

»Aber ich habe mich geändert!« versicherte er ihr da. »Ich mache sogar eine Therapie bei einem Psychologen, damit ich nimmer so besitzergreifend bin. Das alles tu ich ja nur wegen dir, Melissa. Weil ich ohne dich net leben kann.«

»Ich bitte dich, Thomas, das ist doch Unsinn. Wir haben schließlich alles versucht, aber es hat nicht hingehauen. Jetzt laß uns als Freunde auseinander gehen und das Ganze vergessen.«

»Kommt net in Frage. Ich will dich zurück«, beharrte er.

»Aber ich dich net. Und wennst nicht aufhörst, mich allerweil zu nerven, dann muß ich dich anzeigen, hörst? Das wird deinem Chef ganz gewiß net gefallen.« Sie wußte, daß Thomas großen Wert darauf legte, immer einen guten Eindruck zu machen, vor allem auf seinen Vorgesetzten. Und sie schien den richtigen Ton angeschlagen zu haben, denn der junge Mann gestand ihr nun zu: »Also schön, wie du willst. Ich mag dich net drängen. Fahren wir dann also net zusammen nach Wildenberg?«

Sie verdrehte die Augen. »Nein, gewiß net! Und jetzt leb wohl, Thomas, und laß mich endlich in Ruhe!«

»Wie du willst«, murmelte er niedergeschlagen. Melissa hatte bereits aufgelegt, als er noch hinzufügte: »Aber nachkommen darf ich doch, oder? Das ist schließlich nicht verboten...«

*

»Na, wieviel sind es diesmal? Ist die Gruppe schon komplett?« Sepp Schwarz schaute seinen Sohn fragend an, der gerade ein Telefonat beendet hatte. Toni, der fesche Bergführer und Jungbauer auf dem elterlichen Erbhof, überflog die Liste mit Namen und erwiderte: »Acht bis jetzt. Ich denke, das reicht. Bei der Tour sollte die Gruppe net zu groß sein.«

 

»Gehts auf den Untersberg?«

Toni nickte. »Über die Westwand, das ist ein recht schwieriger Einstieg. Und das Teilstück unter dem Gipfelkreuz ist auch net ohne. Da muß sich einer auf den anderen verlassen können. Zwei Tage Trockentraining Minimum vor dem Aufstieg.«

»Wenn sich einer verletzt, mußt dir keine Gedanken machen«, spöttelte der Erbhofbauer. »Hast ja den Doktor gleich dabei.« Er spielte auf Max Brinkmeier an, sein Sohn winkte ab. »Da feit si nix. Ich achte schon darauf, daß keinem was geschieht. Den Aufstieg mache ich schließlich nicht zum ersten Mal. Und der Max war schon als Bub dabei, der ist ein exzellenter Kraxler.«

»Was meinst, ist die Stadlerin jetzt mit ihm verbandelt oder net?« sinnierte Sepp, doch sein Sohn ging nicht darauf sein. Die markante Miene des Burschen verschloß sich, seine Augen wurden dunkel vor Kummer, als er feststellte: »Das geht mich wirklich nix an, und interessieren tut es mich gleich zweimal net.«

»Sei halt net so stur, Bub. Bloß weil du mal eine Enttäuschung hast erleben müssen, heißt das doch noch lang net, daß was net stimmt mit der Liebe. Schau halt deine Mama und mich an, wir sind schon fast dreißig Jahr beisammen und haben und noch net gegenseitig den Hals umgedreht.«

Nun mußte Toni doch lächeln. »Ist schon recht, Vater, ich weiß, du willst mich aufmuntern. Aber das braucht es gar net. Ich mag halt momentan nix von der Liebe wissen. Die Laura hat mich sehr enttäuscht. Ich hab’ dran gedacht, sie zu der Meinen zu machen. Dabei hat sie es gar net ernstgemeint und hatte an jedem Finger drei Verehrer.«

»Sei froh, daß du es rechtzeitig erfahren hast und net erst nach der Hochzeit«, riet sein Vater ihm mit Nachdruck. »Man täuscht sich halt manchmal. Aber man kann auch dem richtigen Menschen begegnen, da braucht es nur ein bissel Glück...«

Der fesche Bursch war allerdings anderer Meinung. Doch er mochte nicht mit seinem Vater diskutieren, der wollte ihn doch nicht verstehen. Für Sepp Schwarz war es ein Schmarrn, sich zu viele Gedanken zu machen. Daß sein Sohn die Dinge immer so ernst nahm, sich gleich zurückzog, wenn ihn jemand verletzte, und er einen Hang zum Grübeln hatte, war dem Bauern fremd.

Aber Toni konnte eben nicht anders. Für ihn war das Flirten und Schöntun eher unwichtig. Obwohl er ausschaute wie ein ausgemachter Hallodri, war und blieb der junge Bergführer doch eine ernste Natur. Er schloß sich nicht leicht an andere Menschen an. Doch wenn er einmal Vertrauen gefaßt hatte, dann war Toni treu wie Gold. Und es traf ihn besonders hart, dieses Vertrauen mißbraucht zu wissen.

Am frühen Abend verließ der Bursch nach getaner Arbeit den Erbhof und drehte noch eine Runde durch die Natur. Toni war fest verwurzelt in seinem Heimattal. Hier kannte er jeden Stock und Stein, und hier fühlte er sich einfach daheim. Nie wäre er auf die Idee gekommen, Wildenberg zu verlassen. Als er sich wieder dem Erbhof näherte, sah er in der Ferne ein Paar, das eng umschlungen dem gleichen Feldweg folgte, den auch Toni genommen hatte. Er brauchte nicht zweimal hinzusehen, um zu wissen, daß dies seine ehemalige Liebste war. Offenbar hatte sie sich rasch getröstet. Es tat Toni weh, das zu sehen. Aber es bekräftigte ihn auch in seinem Entschluß, daß er von der Liebe nichts mehr wissen wollte. Dieses Kapitel war für ihn endgültig abgeschlossen. Dabei konnte der junge Bergführer nicht einmal ahnen, wie bald er seine Meinung wieder ändern würde...

*

Max Brinkmeier betrat die Praxis und begrüßte die langjährige Sprechstundenhilfe Christel Brenner freundlich. Diese machte ein überraschtes Gesicht. »Ich dachte, der Senior übernimmt heut die Sprechstunde. Du willst doch die Kraxeltour mitmachen, oder?«

»Schon, aber bis dahin ist noch genug Zeit. Das schaffe ich schon. Schickst mir gleich den ersten Patienten rein?«

»Freilich, wie du meinst, Chef.«

Kurt Taschner, der Lehrer von Wildenberg, war der erste auf der Liste. Er klagte wieder einmal über verstopfte Nebenhöhlen.

»Das ist ein Elend, jetzt hat es mich auch noch im Sommer erwischt«, beschwerte er sich.

»Kann man denn da nix machen, Doktor? Vielleicht ein Medikament...«

»Ich glaube, wir sollten mal einen Allergietest vornehmen. Ich werde nämlich den Verdacht net los, daß deine Beschwerden da herrühren, Taschner. Aber fürs erste drainiere ich, damit du den unangenehmen Druck gleich los wirst.«

»Ja, das ist eine Wohltat«, seufzte der Pädagoge leidend. »Ich hab’ mir schon die letzte Nacht um die Ohren schlagen müssen, hab’ einfach keine Ruhe finden können. Und das nach der Ratssitzung, die eh immer recht lange dauert.«

»Gab’s was Neues?« fragte der Landarzt, während er per Kanüle mit einer speziellen Lösung den zähen Schleim abfließen ließ.

»Net unbedingt. Das gleiche Hickhack wie immer. Aber der Bürgermeister war gestern nicht in Form. Er hat sich vom Hochwürden mit ein paar Worten aus dem Konzept bringen lassen. Das hat es fei noch nie gegeben. Und ausgeschaut hat er zudem recht mitgenommen. Ich vermute, es ist was mit dem Herzen.«

Max Brinkmeier horchte auf, denn es war schließlich nicht das erste Mal, daß er davon hörte. »Wie kommst zu der Einschätzung, Taschner? Hat der Burgmüller was verlauten lassen?«

»Das nicht. Aber er hat andauernd Tabletten geschluckt und sich ans Herz gefaßt, wenn die Diskussion ein bissel hitziger wurde. So hat er sich fei noch nie benommen.«

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