Mami 1994 – FamilienromanText

Aus der Reihe: Mami #1994
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Mami – 1994 –

Sehnsüchtig blickte Susanne Witt ihrem Mann Lothar nach, bis sein Wagen hinter der nächsten Kurve verschwunden war. Es war Montagmorgen, und Lothar war zu seiner Tour aufgebrochen, die ihn wie stets bis zum Wochenende von seiner hübschen Frau fernhalten würde.

Seufzend wandte sich Susanne ab und ging zurück zum Haus. Das schmucke Einfamilienhaus hatten sie und Lothar sechs Jahre zuvor bezogen – als sie beide noch glaubten, bald Eltern zu werden. Doch die Jahre waren vergangen, ohne daß Susanne schwanger geworden war. Die verschiedenen Ärzte, die das Ehepaar konsultiert hatte, konnten sich die Ursache für die Kinderlosigkeit nicht erklären, und so hatten sich die Witts dazu entschlossen, ein Kind zu adoptieren.

»Guten Morgen, schöne Frau!« rief plötzlich jemand neben Susanne, und ein schlanker gutaussehender Mann Mitte Dreißig winkte ihr fröhlich über den Gartenzaun zu.

»Hallo, Peter!« rief sie zurück. »Wie geht es dir?«

»Gut, wie immer, wenn ich dich sehe«, gab er scherzend zurück. »Was hältst du von einer Tasse Kaffee?«

Susanne zögerte nur einen kurzen Augenblick, bevor sie zustimmend nickte. Auf sie wartete nur der Haushalt. »In Ordnung, ich komme.«

Peter Hofmeier war freier Grafiker, Junggeselle und besaß das Haus neben den Witts. Im Laufe der Jahre hatte sich zwischen den Nachbarn eine enge Freundschaft entwickelt. Für Susanne war Peter schnell zum guten Geist geworden, denn er kümmerte sich um kleinere Reparaturen und den Garten, wenn Lothar unterwegs war.

In Peters Haus sah es nicht so ordentlich aus wie bei seinen Nachbarn; doch Peter war der Meinung, daß es wichtigere Dinge im Leben gab als Putzen und Aufräumen. Trotzdem fühlte sich Susanne wohl bei Peter. Sie mußte in der Küche erst einmal einen Stuhl von einem Stapel Zeitungen befreien, bevor sie Platz nehmen konnte, doch das störte sie nicht.

»Dein Göttergatte ist schon wieder fort, nicht wahr?« fragte er und stellte eine weitere Tasse auf den Tisch. »Warum bittet er seine Firma nicht darum, ihm ein Gebiet in der Nähe zu geben, dann wärst du nicht so oft allein.«

Susanne hob die Schultern. »Du kennst doch Lothar. Er ist besessen davon, der beste Pharmareferent des Konzerns zu werden. Das gelingt ihm aber nur, wenn er das größte Gebiet betreuen kann.«

»Also, für mich wäre das nichts, den ganzen Tag Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken aufzusuchen und denen Medikamente schmackhaft zu machen.«

Schmunzelnd erwiderte Susanne: »Dafür könnte ich mir Lothar nicht vorstellen, wie er zu Hause am Schreibtisch sitzt und Werbeplakate entwirft.«

»Nun, jedem das seine.« Peter grinste. »Wie wäre es mit einem frischen Brötchen?«

Susanne hob die Hände. »Nein, danke. Ich habe bereits mit Lothar gefrühstückt. Woran arbeitest du denn gerade?«

»Ich habe einen großen Auftrag von einer Firma bekommen, die Tiefkühlpizza herstellt. Ich kann dir später mal meine ersten Entwürfe zeigen, wenn es dich interessiert.«

»Gern.« Sie hatte keine Eile, zurück in ihr eigenes Haus zu kommen. Ja, wenn sie ein Kind hätte, sähe die Sache anders aus, dann hätte sie wenigstens eine Aufgabe.

Als hätte Peter ihre Gedanken gelesen, fragte er: »Hast du schon etwas vom Jugendamt gehört?«

Traurig schüttelte sie den Kopf. »Nein, es scheint keine Kinder mehr zu geben, die zur Adoption freigegeben werden. Und dabei warten wir doch schon fast zwei Jahre!«

»Du darfst den Kopf nicht hängen lassen«, tröstete Peter. »Ich habe gehört, daß manche Paare fünf bis zehn Jahre warten müssen, bevor man ihnen ein Kind vermittelt.«

Leise stöhnte Susanne auf. »O Gott, bis dahin sind Lothar und ich doch viel zu alt für eine Adoption. Du weißt doch, wie streng die Vorschriften sind.«

Susanne war vor wenigen Monaten zweiunddreißig geworden und Lothar hat seinen fünfunddreißigsten Geburtstag erst eine Woche zuvor gefeiert. Die Zeit lief ihnen davon und es gab nichts, was sie dagegen tun konnten...

*

Bedrückende Stille empfing Susanne, als sie eine Stunde später ihr Haus betrat. Mechanisch räumte sie den Frühstückstisch ab, stellte den Geschirrspüler an und die Waschmaschine aus.

Wie schön hatte sie sich ihre Zukunft ausgemalt, als sie und Lothar damals in das neu gebaute Haus eingezogen waren. Die Zimmer waren groß und hell, und Susanne hatte sich spontan dazu entschlossen, mindestens drei Kinder haben zu wollen. Zuvor hatte sie noch ihren Beruf als Buchhalterin ausgeübt, doch Lothar war der Meinung gewesen, daß sie mit Arbeit und dem Haus schnell überfordert sein würde. Und da sich das Ehepaar ohnehin Kinder wünschte, war es Susanne nicht schwergefallen, ihren Beruf an den Nagel zu hängen.

Finanzielle Sorgen hatten die Witts trotzdem nicht. Lothar war mittlerweile zum Gebietsleiter befördert worden – außerdem hatte er das Geld für den Hausbau geerbt, so daß es bereits bezahlt war.

In einsamen Momenten wie an diesem Vormittag bereute Susanne allerdings, daß sie nicht mehr arbeitete. Die Hausarbeit war immer schneller erledigt, als ihr lieb war, und leider war es nicht immer Sommer, so daß sie sich auf die Terrasse legen oder um die Blumenbeete kümmern konnte.

Nachdem Susanne die Betten gemacht hatte, verweilte sie vor der Tür, hinter dem das Kinderzimmer lag. Die anderen beiden freien Zimmer im Obergeschoß hatten sich die Witts als Gäste- und Nähzimmer eingerichtet, nachdem festgestanden hatte, daß sie niemals eigene Kinder haben würden.

Zögernd öffnete Susanne die Tür und trat in das noch völlig leere Zimmer. Gern hätte sie es mit bunten Möbeln ausgestattet, doch Lothar hatte sie gebeten, damit noch zu warten, bis sie ein Kind zur Adoption bekamen. Vielleicht handelte es sich bei diesem Kind um einen Jungen von zwölf Jahren, der sich in Kleinkindermöbeln nicht wohl fühlte – oder gar um ein Baby, für das man eine Wickelkomode und ein Himmelbettchen brauchte.

Seufzend sah sich Susanne um. Es war ihr egal, wie alt das Mädchen oder der Junge sein würde, Hauptsache, in dieses Zimmer zog ein Kind, das mit seinem Lachen die stummen Wände erfüllte.

Lothar litt verständlicherweise nicht so stark unter der Kinderlosigkeit wie seine Frau, denn durch seinen Beruf, den er über alles liebte, wurde er genügend von der Tatsache abgelenkt, niemals Vater werden zu dürfen.

Die Witts hatten wochenlang beratschlagt, bis sie sich entschlossen hatten, einen Adoptionsantrag zu stellen. Man behandelte sie beim Jugendamt überaus zuvorkommend – trotzdem war Susanne den Tränen nahe gewesen, als sie wieder zu Hause war. Auf mehrere Jahre Wartezeit sollte sie sich einstellen, hatte man gesagt und weiterhin, daß viele Ehepaare irgendwann den Antrag zurückzogen, weil sie die Hoffnung auf eine Adoption aufgegeben hatten.

An all dies dachte Susanne an diesem Vormittag. Sie fühlte sich immer besonders deprimiert, wenn Lothar gerade fortgefahren war. Im Laufe der Woche gewöhnte sie sich dann an das Alleinsein und freute sich auf Freitag, wenn ihr Mann zurückkam.

Obwohl sie und Lothar nicht viel unternahmen, war es für Susanne schön, ihn zu Hause zu wissen. Meistens erledigte er die Schreibarbeiten, die er während der Woche nicht geschafft hatte, sah fern oder trank mit Peter Hofmeier ein Bier.

Inzwischen war es Mittagszeit, und lustlos bereitete sich Susanne eine leichte Mahlzeit. Sie kochte gern, doch für sich allein machte es keinen Spaß. Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie daran dachte, wie herrlich es doch wäre, für ein Kind zu kochen.

Den Rest des Tages verbrachte Susanne damit, neue Gardinen für das Schlafzimmer zu nähen, und als sie abends zu Bett ging, war sie unzufrieden mit sich und ihrer Umwelt...

*

»Da fehlt nur eine neue Dichtung«, sagte Peter, nachdem er den tropfenden Wasserhahn begutachtet hatte. »Ich hole schnell eine aus meinem Hobbyraum.«

Susanne nickte dankbar. Schon seit Wochen ging ihr das monotone Tropfen der Küchenarmatur auf die Nerven, und obwohl Lothar bereits mehrmals versprochen hatte, sich darum zu kümmern, hatte er es immer wieder vergessen.

Mit wenigen Handgriffen war die neue Dichtung eingesetzt, und Susanne stellte erstaunt fest, daß sogar sie selbst diese Reparatur hätte machen können.

Das Angebot, ein kühles Bier zu trinken, nahm Peter gern an. Er setzte sich Susanne gegenüber an den Küchentisch, prostete ihr zu und sagte verschmitzt lächelnd: »So einfach habe ich mir noch nie ein Bier verdient.«

»Eigentlich wäre es ja Lothars Aufgabe gewesen, den Wasserhahn zu reparieren«, gab sie in lockerem Ton zurück. »Aber du siehst ja selbst, wie erschöpft er immer ist.«

Peter nickte. »Du weißt doch, wo du mich finden kannst, Susanne. Als ihr damals hergezogen seid, habe ich dir meine Hilfe angeboten, und so soll es auch bleiben.«

Bevor sie antworten konnte, klingelte das Telefon. Bevor sie an den Apparat ging, warf sie einen Blick auf die Uhr. Lothar konnte es nicht sein, um diese Zeit besuchte er doch meistens seine Kunden.

Zu Susannes riesengroßer Überraschung war es Gisela Herrmann, die zuständige Beamtin des Jugendamtes.

»Gut, daß ich Sie erreiche, Frau Witt«, sagte sie. »Ich glaube, ich kann Ihren Wunsch nach einem Kind endlich erfüllen.«

Susannes Herz schien einen Schlag auszusetzen. Diese Nachricht kam so unvorhergesehen, daß sie erst einmal schlucken mußte, bevor sie mit heiserer Stimme fragte: »Sie meinen, Sie haben ein Kind gefunden, das mein Mann und ich zu uns nehmen können?«

»Ja, es handelt sich um einen kleinen Jungen, acht Wochen alt. Seine Mutter ist eine blutjunge, alleinstehende Frau, die ihren Sohn eigentlich selbst aufziehen wollte. Doch die Sache ist ihr schnell über den Kopf gewachsen, und sie hat dankbar unser Angebot angenommen, den Kleinen bei liebevollen neuen Eltern aufwachsen zu lassen.«

 

»Ein Baby«, murmelte Susanne. » Ich kann es nicht fassen!«

Frau Herrmann lachte verhalten. »So wie Ihnen geht es den meisten Paaren, wenn ich ihnen solch eine schöne Mitteilung machen kann. Wann können Sie und Ihr Gatte denn zur genaueren Besprechung kommen?«

Fieberhaft überlegte Susanne. Vermutlich würde Lothar erst am Freitag nachmittag wieder zurückkommen, und dann war es schon zu spät für den Besuch bei der Behörde.

Doch Gisela Herrmann konnte ihre Bedenken schnell zerstreuen und versprach: »Ich werde auf Sie warten, immerhin geht es um etwas Wichtiges.«

»Wo ist der Kleine denn jetzt? Kann ich ihn nicht schon zu mir nehmen?«

»Leider darf ich Ihnen den Jungen erst übergeben, wenn Sie und Ihr Mann einige Unterschriften geleistet haben. Das Kind ist derweil in einer staatlichen Einrichtung untergebracht – aber keine Sorge, es wird dort gut behandelt.«

Neugierig war Peter aus der Küche gekommen. Als er Susanne jetzt leichenblaß und mit hängenden Schultern dastehen sah, eilte er auf sie zu und umfaßte ihre Taille.

»Susanne!« rief er erschrocken. »Was ist denn nur geschehen?«

Erst jetzt erkannte er, daß die Tränen, die in ihren Augen schimmerten, keine Tränen der Trauer waren, und er stutzte.

»Lothar und ich bekommen einen kleinen Jungen«, sagte sie schließlich mit belegter Stimme. »Entschuldige bitte, aber das ist alles ein bißchen zuviel auf einmal.«

Erleichtert atmete Peter auf und führte sie zurück in die Küche, wo er sie auf einen Stuhl drückte. »Auf einmal? Erzähl doch etwas mehr darüber.« Es war offensichtlich, daß er sich ebenfalls freute, und bereitwillig gab Susanne Auskunft.

»Das Baby ist gerade zwei Monate alt«, sagte sie verträumt und gab wieder, was Frau Herrmann über die Mutter des Kleinen gesagt hatte. Unvermittelt sprang sie auf. »Meine Güte, ich muß Möbel fürs Kinderzimmer kaufen und Wäsche und...«

Mühsam gelang es Peter, sie wieder zu beruhigen. »Dafür hast du noch Zeit genug, ich werde dir dabei gern behilflich sein. Zunächst solltest du jedoch versuchen, Lothar zu erreichen.«

Susanne strich sich verwirrt über das dunkelblonde lange Haar und lächelte verlegen. »Natürlich, ihn betrifft es ja ebenso. Schade, daß er tagsüber fast immer sein Handy ausgeschaltet hat.«

»Dann schick ihm doch eine Kurzmitteilung«, schlug Peter vor und trank den letzten Schluck Bier. »Er wird sich bestimmt schnell mit dir in Verbindung setzen.«

Den ganzen Nachmittag über wagte sich Susanne nicht aus dem Haus, aus Angst, Lothars Anruf zu verpassen. Eigentlich mußten seine Anzüge aus der Reinigung abgeholt werden, doch das hatte Zeit bis später.

Statt dessen verbrachte Susanne die Stunden mit Träumereien. Endlich war dieses Kind, auf das sie seit Jahren wartete, zu einer realen Person geworden – zu einem winzigen, acht Wochen alten Säugling, den seine Mutter nicht haben wollte...

*

Der sich sonst so gut beherrschende Lothar wirkte nervös, als er neben seiner Frau das Büro betrat. Gisela Herrmann kam ihnen mit strahlendem Gesicht entgegen und sagte: »Nun kann nichts mehr schiefgehen.«

Sie bot den Witts Plätze an und erklärte noch einmal in kurzen Sätzen, woher der Kleine – der noch keinen Namen hatte – stammte, und welche Formalitäten bis zur endgültigen Adoption zu erledigen waren.

»Können wir den Jungen jetzt besuchen?« fragte Lothar. »Meine Frau redet von nichts anderem mehr.«

Frau Herrmann lächelte leicht. »Um diese Zeit schlafen die kleinen Würmchen im Kinderheim bereits. Aber morgen können Sie sich den Kleinen ansehen.«

»Wir müssen noch einiges besorgen, bevor wir das Baby ganz zu uns nehmen.« Susanne warf Lothar einen schnellen Seitenblick zu. »Gleich morgen früh, wenn die Geschäfte öffnen, werden wir kaufen, was wir benötigen.«

Lothar nickte zustimmend.

»Gut. Möglicherweise können Sie das Kind bereits Anfang nächster Woche zu sich holen.« Zufrieden klappte Frau Herrmann den Aktenordner zu. »Ich werde im Kinderheim Bescheid geben, daß Sie die erforderlichen Unterschriften geleistet haben.«

»Am Montag bin ich schon wieder unterwegs«, sagte Lothar enttäuscht. »Läßt es sich nicht einrichten, das Kind schon morgen oder übermorgen nach Hause zu holen?«

»Selbstverständlich, wenn Sie bis dahin alles für den Kleinen vorbereitet haben.« Die Beamtin machte eine kurze Pause. »Zunächst sollten Sie sich aber mit ihm vertraut machen. Es gibt Paare – zugegeben, nicht sehr viele – die enttäuscht sind, weil das Kind, das sie adoptieren könnten, dunkelhaarig anstatt blond ist oder umgekehrt...«

Fassungslos schüttelte Susanne den Kopf. »Zu diesen Leuten gehören wir nicht. Bei einem leiblichen Kind kann man sich doch auch nicht die Haarfarbe aussuchen.«

»Schön, daß Sie so denken.« Frau Herrmann stand auf und reichte Susanne die Hand. »Dann wünsche ich Ihnen alles Gute. Hier auf diesem Zettel steht die Adresse des Kinderheimes, in dem der Kleine untergebracht ist, sein Nachname lautet übrigens Winter. Im Laufe des Nachmittags werde ich mich dann zu Ihnen gesellen; dann können wir auch alles Weitere besprechen.«

Auf dem Heimweg redete Susanne nur über das Baby, das sie am nächsten Tag in den Armen halten durfte. »Hoffentlich vergessen wir nichts. Zuhause habe ich eine Liste mit all den Dingen liegen, die wir noch brauchen.«

»Gut, daß wir bereits die Möbel haben«, erwiderte Lothar. »Peter ist wirklich ein unbezahlbarer Freund.«

Am Tag nach Frau Herrmanns Anruf hatte er Susanne angeboten, sie beim Kauf zu begleiten. Sie fanden eine reizende Kinderzimmer-Einrichtung, die allerdings zum Selbstaufbauen war. Mit Feuereifer hatte sich Peter noch am selben Nachmittag daran gemacht, Bettchen, Kommode, Schrank und Regale zusammenzubauen.

»Ja, ohne ihn wäre ich schön aufgeschmissen«, sagte Susanne ernst. »Peter ist ein guter Freund – ich weiß gar nicht, was ich ohne ihn machen sollte.«

Lothar zwinkerte ihr zu. »Da kann man ja fast eifersüchtig werden.«

Zärtlich kniff sie ihn in die Seite. »Du weißt doch genau, wie ich es meine, Peter könnte mir niemals gefährlich werden. Achte lieber auf den Verkehr, damit wir heil ankommen und unser Sohn nicht schon vorher Waise wird.«

»Unser Sohn.« Lothar holte tief Luft. »Das klingt schön. Zu dumm, daß ich mir im Augenblick keinen Urlaub nehmen kann. Es gefällt mir nicht, den Jungen nur am Wochenende zu sehen.«

»Vielleicht solltest du doch dein Einsatzgebiet wechseln«, schnitt Susanne vorsichtig das heikle Thema an. »Du kannst es dir ja in Ruhe überlegen.«

Zu ihrer Enttäuschung winkte er sofort ab. »Ausgeschlossen. Ich habe mich bereits so weit hochgearbeitet, daß ich bald Vorgesetzter von über einhundert Mitarbeitern bin – das kann ich doch nicht alles einfach aufs Spiel setzen.«

Susanne entgegnete nichts, sondern lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Sie wußte, daß Lothar sich nicht umstimmen lassen würde... Es sei denn, daß er sich freiwillig dafür entschied, weil er mehr Zeit mit seinem Adoptivsohn verbringen wollte.

Ein zufriedenes Lächeln umspielte Susannes Mundwinkel. Es würde sich schnell zeigen, was ihm wichtiger war – Karriere oder Familie...

*

Susanne konnte kaum die Tränen zurückhalten, als eine rundliche Krankenschwester ihr behutsam das schlafende Baby in die Arme legte. Selbst Lothar, der dicht neben ihr stand, hüstelte verlegen.

Der kleine Junge hatte im Schlaf die Hände zu winzigen Fäustchen geballt. Susanne beugte sich über das Köpfchen und küßte den zarten blonden Flaum.

»Ist er nicht reizend?« fragte sie mit gesenkter Stimme, und als ob der Junge geahnt hatte, daß über ihn geredet wurde, öffnete er die Augen und blinzelte die beiden Erwachsenen erstaunt an.

»Er hat blaue Augen«, sagte Lothar ergriffen. »Er ist wunderschön.«

»Oh, die meisten Babys haben blaue Augen«, erklärte die Schwester schmunzelnd. »Erst im Laufe der Monate stellt sich die endgültige Augenfarbe ein.«

Inzwischen war auch Frau Herrmann eingetroffen. »Wie ich sehe, haben Sie sich schon mit dem Knirps bekannt gemacht. Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie Sie ihn nennen wollen?«

»Ja, meine Frau und ich haben gestern lange darüber nachgedacht«, gab Lothar zurück. »Uns beiden gefällt der Name Patrick besonders gut.«

Gisela Herrmann nickte. »Ein hübscher Name. Natürlich muß er noch beim Standesamt eingetragen werden. Haben Sie ein Körbchen zum Transport mitgebracht?«

»Wir dürfen Patrick wirklich heute schon mitnehmen?« fragte Susanne, und in ihrer Stimme schwang Ungläubigkeit.

»Warum nicht? Der Junge ist gesund – das einzige, was ihm fehlt, ist Mutterliebe.«

Und so kam es, daß das Baby Patrick noch am selben Tag Einzug in das schmucke weiße Haus der Witts hielt...

*

Susanne ging in ihrer neuen Aufgabe völlig auf. Auch Lothar benahm sich wie jeder andere junge Vater und war stolz auf Patrick. Die Formalitäten, die erforderlich waren, damit der Kleine für immer bei Susanne und Lothar Witt bleiben durfte, stellten keine Schwierigkeiten dar.

Als Susanne das letzte, alles entscheidende Dokument in den Händen hielt, brach sie vor Erleichterung und Freude in Tränen aus. Nun stand fest, daß Patricks Nachname fortan Witt lautete und seine Eltern dieselben Rechte und Pflichten hatten, als wäre der Junge ihr leibliches Kind.

Wie üblich war Lothar an diesem Tag unterwegs, und Susanne lud spontan Peter Hofmeier abends zu einem Glas Sekt ein. Er hatte einen Narren an dem mittlerweile dreimonatigen Baby gefressen und betreute den Kleinen jedesmal, wenn Susanne Besorgungen machen mußte oder einen Arzttermin hatte.

Mit strahlendem Lächeln hob Susanne die Sektflasche hoch. »Hoffentlich kannst du sie öffnen, ich habe immer Schwierigkeiten damit.«

Grinsend nahm er ihr die Flasche ab und erwiderte augenzwinkernd: »Ach, deshalb hast du mich eingeladen.«

Sie stieß ihn ganz leicht mit dem Ellenbogen in die Seite. »Du Dummkopf. Allein hätte ich gar keine Lust, Sekt zu trinken. Willst du die Adoptionsurkunde mal sehen?«

»Mit dem größten Vergnügen – immerhin bin ich Patricks angehender Patenonkel.«

Sie seufzte glücklich. Für sie hatte nie außer Frage gestanden, daß Patrick getauft werden sollte; doch bis zu diesem Tag hatte sie zuviel Angst gehabt, daß mit der endgültigen Adoption doch noch etwas schiefgehen könnte und die Vorbereitungen für die Taufe vorerst auf Eis gelegt. Peter hatte sich als Pate angeboten, und sowohl für Susanne als auch Lothar war es selbstverständlich gewesen, das Angebot des guten Freundes anzunehmen.

»Schade, daß Lothar heute nicht dabei sein kann«, sagte Susanne, nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatte. »Er rief vorhin nur kurz an, weil ich auf seinen Anrufbeantworter gesprochen habe.« In ihrer Stimme klang Traurigkeit. »Er verpaßt jetzt soviel – jeden Tag lernt Patrick etwas Neues.«

Peter musterte sie aufmerksam. »Hat er sich noch immer nicht entschließen können, sein Arbeitsgebiet zu wechseln?«

»Nein, er behauptet, das würde seine Karriere um Jahre zurückwerfen. Dabei kann es doch nicht so erfüllend sein, die Verantwortung für einen Haufen Mitarbeiter zu übernehmen. Was meinst du?«

Er zuckte die Achseln. »Da fragst du den Falschen. Für mich gibt es nichts Schöneres, als zu Hause in meinem Arbeitszimmer unterm Dach zu sitzen und an meinen Entwürfen zu arbeiten. Jeden Tag dieselbe Routine..., das wäre nichts für mich.«

In diesem Augenblick wünschte sich Susanne, daß Lothar Peters Auffassung von Arbeit teilen würde. Doch Lothar war ehrgeizig, er hatte noch große Pläne.

»Mit der Zeit leidet die Familie«, murmelte Susanne gedankenverloren und starrte in die goldene perlende Flüssigkeit in ihrem Glas. »Mein Leben ist zwar durch den Jungen ausgefüllt, aber Patrick braucht seinen Vater genauso wie mich. Manchmal frage ich mich, ob Lothar zufällig hier ist, wenn der Kleine das erste Mal ein Wort sagt, wenn er seine ersten tapsigen Schritte macht oder die ersten Zähnchen bekommt.«

Behutsam legte Peter seine Hand auf ihre. »Das muß dich nicht traurig machen, Susanne. Lothar wird sich ärgern, wenn er soviel verpaßt, und das geschieht ihm dann recht. Du und auch ich werden jedes Entwicklungsstadium des Jungen hautnah erleben.« Er nahm seine Hand fort und goß Susannes Glas wieder voll. »Und jetzt möchte ich ein fröhliches Gesicht sehen, immerhin kann dir Patrick jetzt niemand mehr wegnehmen.«

 

Sie lächelte. »Ja, du hast recht. Habe ich dir eigentlich erzählt, daß ich von Alpträumen heimgesucht wurde, nachdem wir Patrick aus dem Waisenhaus geholt hatten?«

Er hob erstaunt den Kopf. »Alpträume? Nein, das hast du mit keiner Silbe erwähnt. Wovon handelten sie?«

»Na ja, im Nachhinein ist es mir etwas peinlich, darüber zu reden. Ich träumte immer wieder, daß Patricks leibliche Mutter letztendlich Anspruch auf den Kleinen erhoben hat und wir ihn wieder hergeben mußten.« Sie schüttelte sich. »Es war grausam.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen«, stimmte er zu. »Ich denke, diese Art von Angstträumen sind normal, wenn man ein Kind adoptieren möchte.«

Sie drehte den Stiel des Glases zwischen ihren Händen. »Ich fragte mich oft, wie Patricks Mutter ist. Wie mag sie aussehen, und wie alt ist sie?«

»Ich glaube nicht, daß du dir darüber deinen hübschen Kopf zerbrechen solltest«, erwiderte Peter ernst. »Diese Frau gehört zu Patricks Vergangenheit – und dieses Dokument hier beweist, daß du seine neue Mama bist.«

Sie stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und bettete den Kopf in die Hände. »Schon, aber die Tatsache bleibt, daß ich Patrick nicht zur Welt gebracht habe. Vielleicht bereut seine richtige Mutter längst, daß sie ihr Kind fortgegeben hat und weint sich jede Nacht die Augen aus dem Kopf.«

»Für Patrick ist es allemal besser, in einem intakten Elternhaus aufzuwachsen als bei einer alleinstehenden Frau, die den Jungen kaum ernähren kann. Glaub mir, sie wird sich gründlich überlegt haben, bevor sie sich zur Adoption entschlossen hat.«

Sie lehnte sich wieder zurück und lachte plötzlich. »Ich bin eine schöne Gastgeberin, nicht wahr? Da lade ich dich ein, mit mir auf die Adoption anzustoßen – und ich habe nichts Besseres zu tun, als dich mit meinen düsteren Gedanken zu belasten.«

Er winkte ab. »Ich möchte nicht nur ein Freund zum Feiern sein, sondern auch an deinen Problemen teilhaben.

Wahrscheinlich versuchen sich alle Eltern eines Adoptivkindes die leibliche Mutter vorzustellen, das ist ganz normal. Doch mit der Zeit wirst du vergessen, daß du Patrick nicht selbst zur Welt gebracht hast und erstaunt feststellen, daß du an seine wahren Eltern überhaupt nicht mehr denkst.«

»Ja, das nehme ich auch an. Aber nun wollen wir uns über die Taufe unterhalten«

Das große Ereignis sollte mit der ganzen Verwandtschaft gefeiert werden, das stand für Susanne und Lothar bereits fest. Und jetzt, da die Adoption amtlich war, konnte man sich endlich ernsthafter mit dem Thema auseinandersetzen...

*

Sorgfältig steckte Lothar das Dokument wieder in den Umschlag zurück und sagte zufrieden: »Jetzt kann uns den Jungen niemand mehr wegnehmen.«

Susanne hatte Patrick auf dem Schoß und fütterte ihn mit Milchbrei. Er entwickelte einen ungeheuren Appetit, und amüsiert beobachteten seine Eltern, wie er seinen kleinen Mund schon weit öffnete, wenn Susanne den Löffel erneut füllte.

Lothar griff über den Tisch nach Patricks Händchen. »Wenn du größer bist, spielen wir zusammen Fußball. Na, wie würde dir das gefallen?«

Der Kleine betrachtete ihn mit großen Augen, jedoch ohne die Miene zu verziehen. Mit Befremden stellte Susanne fest, daß Patrick jedesmal über das ganze Gesicht strahlte, wenn Peter sich mit ihm beschäftigte. Es war traurig, aber wahr: Der Kleine sah Peter öfter als seinen Vater!

»Nächste Woche lasse ich beim Einwohnermeldeamt Patricks Papiere ändern«, sagte sie schnell. »Und dann müssen wir zum Pfarrer wegen des Tauftermins.«

Lothar fuhr sich stöhnend über das Haar. »Muss ich denn unbedingt dabei sein? Du weißt doch, wie schwierig es ist, früher von meiner Tour zurückzukommen.«

»Dein Sohn sollte dir in diesem Punkt ausnahmsweise wichtiger als dein Job sein«, entgegnete sie heftig. »Du kannst dich nicht immer nur in deine Arbeit vergraben.«

Er hob die Hände. »Schon gut, ich werde versuchen, es einzurichten.«

Doch Susanne wußte genau, daß er diese Worte nur halbherzig gesprochen hatte...

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