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Aus der Reihe: Alpha Wächter #6
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Bär rührt

Bär rührt Copyright © 2019 von Kayla Gabriel

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln ohne ausdrückliche, schriftliche Erlaubnis der Autorin elektronisch, digital oder analog reproduziert oder übertragen werden, einschließlich, aber nicht beschränkt auf, Fotokopieren, Aufzeichnen, Scannen oder Verwendung diverser Datenspeicher- und Abrufsysteme.

Veröffentlicht von Kayla Gabriel als KSA Publishing Consultants, Inc.

Gabriel, Kayla: Bär rührt

Coverdesign: Kayla Gabriel

Foto/Bildnachweis: Images/Photo Credit: Period Images

Anmerkung des Verlegers: Dieses Buch ist ausschließlich für erwachsene Leser bestimmt. Sexuelle Aktivitäten, wie das Hintern versohlen, die in diesem Buch vorkommen, sind reine Fantasien, die für Erwachsene gedacht sind und die weder von der Autorin noch vom Herausgeber befürwortet oder ermutigt werden.

Inhalt

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Auszug

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Epilog

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Über den Autor

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Auszug

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern lief die große Sandsteintreppe hinab und zog im Gehen sein Shirt aus. Er entkleidete sich bis auf seine Boxerbriefs, denn ihm war es egal, ob Sophie nun einen Blick auf ihn erhaschte oder nicht. Er war im Moment überwältigt und empfindlich, weshalb er sich momentan nicht auch noch um sie Sorgen machen konnte.

Tatsächlich sollte er sich überhaupt keine Sorgen um sie machen. Das an sich war bereits das Problem.

Das Wasser hatte die perfekte Temperatur, als er hineintauchte, angenehm erfrischend. Die Sonne hatte die Oberfläche gewärmt, aber die tieferen Stellen waren noch schön kühl. Allein das Gefühl des Wassers auf seiner Haut war, als würde er einen lebensrettenden Atemzug machen gerade, als er dachte, er würde ertrinken.

Er schwamm ein Dutzend Runden, langsam und methodisch. Die Anstrengung brannte in seinen müden Muskeln, aber wirkte wie Balsam für seine überspannten Gedanken. Es war meditativ für ihn und er versank so weit in seiner eigenen Welt, dass ihn das Geräusch spritzenden Wassers mitten in der Bewegung erschrocken zusammenzucken ließ.

Ephraim tauchte wieder auf und entdeckte, dass Sophie ins Wasser watete in scheinbar nichts anderem als einem seiner T-Shirts. Die dünne Baumwolle war bereits im Bereich ihrer Brüste und Hüften feucht und klebte an den nassen Konturen ihrer Kurven.

Das war’s mit seinem meditativen Zustand. Sein ganzer Körper spannte sich an, sein Schwanz wurde sofort hart, als er beobachtete, wie sie näher kam. Sie schenkte ihm ein verlegenes Lächeln, tauchte unter die Oberfläche und schwamm zu ihm, sodass sie nur einen halben Meter entfernt von ihm wieder auftauchte und Wasser trat.

„Sophie…“, warnte er. „Ich denke nicht, dass du näher kommen möchtest. Ich bin gerade wirklich angespannt.“

Prolog

Ephraim stand auf einem felsigen Hügel, der das Tal überblickte, in dem sein Dorf lag. Seine langen dunklen Haare wirbelten wild um seine Schultern. Er drückte den Rücken durch, während er auf die weit entfernte Talöffnung starrte und beobachtete, wie sich ein Dutzend Dorfkrieger, die aus der Schlacht zurückkehrten, in einer langen Schlange näherten. Ephraim konnte ihre Gesichter aus dieser Entfernung zwar nicht sehen, aber ihre Bewegungen waren langsam und schwerfällig, wirkten beinahe niedergeschlagen.

Oder vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Immerhin war es schwer irgendetwas an den Kriegern wahrzunehmen, die im Kontrast zu der Last verblassten, die sie mit sich trugen: einen verhüllten Körper, der auf einer Trage aus Tüchern und dicken Ästen lag.

Ephraims Vater, ebenfalls ein Krieger, der im Kampf mit einem benachbarten Stamm gefallen war.

Die Krieger mit ihren großen Körpern und breiten Schultern zu beobachten, veranlasste Ephraim stets dazu, sich aufrechter hinzustellen, damit er älter und stärker wirkte. Mit seinen vierzehn Jahren maß er sich an dem Standard, den sein Vater und die anderen Dorfhelden setzten. Seine Brüder Elias und Egrel, die beide um mehr als ein Jahrzehnt älter waren, hackten wegen seiner schmächtigen Gestalt beständig auf ihm herum. Es schien sich nie etwas zwischen ihnen zu verändern: Elias der wilde Krieger, Egrel der gerissene Zauberer und der kleine Ephraim, der nie seinen tollpatschigen Füßen und heftiger Angst entwachsen würde.

Vielleicht wirst du nie erwachsen werden, du wirst einfach dein Leben lang an Mutters Rockzipfel hängen, lautete Egrels neuster Spott.

Ephraim realisierte, dass er seine Fäuste fest geballt hatte, nur weil er daran dachte. Sein Vater hatte ihm immer gesagt, er solle Egrels scharfe Zunge und Elias‘ stille Verachtung ignorieren, aber das war schwierig. Es machte immer den Anschein, als würden seine Brüder irgendeinen Groll gegen Ephraim hegen, als würde hinter ihrer brüderlichen Fopperei mehr stecken. Etwas Tiefergehendes, Hässlicheres.

Als Ephraim seinen Fokus wieder auf die Prozession der Krieger unter sich richtete, überlegte er, dass die Spannungen mit seinen Brüdern vermutlich aus einem Konkurrenzkampf heraus entstanden waren. Ephraim war der Lieblingssohn seiner Mutter und er hatte mehr als nur das dunkle gute Aussehen von seinem Vater geerbt – er besaß auch die Fähigkeit, sich in ein großes, haariges Biest zu verwandeln. Die gleiche Gabe hatte seinem Vater durch ein Leben zahlreicher, epischer Schlachten geholfen. Genau diese Fähigkeit hatte ihren Familienstatus angehoben und ihnen das beste Farmland des Tals eingebracht sowie eine große Anzahl Schafe und Rinder.

Eines Tages sollte Ephraim in die Fußstapfen seines Vaters treten und ein respektierter Krieger werden. Weder Elias noch Egrel konnten sich auf eine derartige Fähigkeit verlassen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, obgleich Elias talentiert im Umgang mit dem Schwert war und Egrel im Bereich der Tränke und Zaubersprüche.

„Also haben sie ihn gebracht?“

Ephraim wirbelte herum und entdeckte seine Mutter, die in der Tür ihres Cottage stand und sich Halt suchend gegen deren Rahmen lehnte.

„Komm, Mutter, ich bringe dich wieder hinein“, sagte Ephraim und durchquerte den Vorgarten, um ihr behilflich zu sein.

„Das war dein Vater, oder nicht? Er ist in ein Leichentuch gehüllt“, murmelte seine Mutter. Sie war federleicht, sodass Ephraim sie mehr oder weniger zu der notdürftigen Bettstatt trug, die sie neben dem Feuer errichtet hatten. Die Nächte waren zu dieser Jahreszeit kühl und ihre Gesundheit in schlechter Verfassung. Sie hatte sich sogar noch verschlechtert, seit man die Nachricht erhalten hatte, dass Ephraims Vater in einer Schlacht vor einer Woche tödlich verwundet worden war.

„Ruh dich aus, Mutter“, sagte Ephraim. „Ich werde deinen Spezialtee holen, damit du besser einschlafen kannst.“

„Ich möchte ihn sehen“, entgegnete sie, aber er konnte bereits erkennen, dass sie langsam einnickte. „Ich muss ihn sehen…“

Nachdem er sie auf das Lager gebettet hatte und sie tief und fest schlief, trat Ephraim wieder nach draußen. Elias und Egrel standen weniger als fünfzig Schritte vom Cottage entfernt und verstummten beide, als sie Ephraim erblickten.

„Brüder“, sagte er und beobachtete, wie sich ihre Haltung versteifte. Beinahe schuldbewusst. „Was wird mit Vaters Leichnam geschehen?“

„Die Krieger errichten bereits den Scheiterhaufen“, antwortete Egrel und deutete mit dem Kopf in Richtung Tal.

 

Es stimmte; Ephraim trat näher, um die Männer seines Vaters dabei zu beobachten, wie sie Holz stapelten, breit und hoch.

„Wird es eine Zeremonie geben?“, wunderte sich Ephraim. Normalerweise war der Tod eine Privatangelegenheit und jede Familie trauerte für sich, aber sein Vater war kein gewöhnlicher Dörfler.

„Zweifellos.“ Elias verlagerte sein Gewicht, die Augen nach unten gerichtet.

„Mutter wird hingehen wollen“, sagte Ephraim, in dessen Brust Trauer aufwallte.

„Sie ist zu krank“, schnappte Egrel sofort feindselig. „Ich werde nicht zulassen, dass du sie runter ins Dorf schleifst und ihren Gesundheitszustand noch verschlimmerst, nur um ihr einen Gefallen zu tun.“

Ephraims Mund öffnete und schloss sich. Egrel hatte einen grausamen Verstand und nahm von allen immer das Schlimmste an. Was konnte man darauf schon erwidern?

„Sie schläft jetzt“, informierte Ephraim ihn und wandte den Blick ab.

„Dann lass uns ins Dorf gehen.“ Elias war niemand, der auch nur ein Wort zu viel sagte, wenn es nicht nötig war. Und wie es schien, war er jetzt auch das Oberhaupt der Familie.

Ephraim nickte und folgte ihnen schweren Herzens.


Als sie nach der Zeremonie zurück den Hügel hinauf stapften, die Asche und Rauch des Scheiterhaufens noch in den Kleidern und Haaren, war Egrel der Erste, der die angespannte Stille zerbrach.

„Ich habe einen Zauberer aus einem entfernten Dorf gebeten, hierher zu kommen und sich Mutter anzusehen“, verkündete er und tauschte einen bedeutungsschwangeren Blick mit Elias aus. „Er sollte heute ankommen.“

„Einen Zauberer? Ihre Dienste sind sehr teuer. Wie sollen wir ihn bezahlen?“, fragte Ephraim stirnrunzelnd. „Unsere Herde ist zu dieser Jahreszeit am kleinsten. Wir können es uns wohl kaum leisten, so viele Schafe wegzugeben, wie er verlangen wird.“

„Wir werden eine Vereinbarung treffen“, erwiderte Egrel achselzuckend. „Mutters Gesundheit ist am wichtigsten, wie ihr mir sicherlich zustimmen werdet.“

Elias grunzte bloß, seine Miene so düster wie eine Gewitterwolke. Irgendetwas verschwiegen sie ihm, da war sich Ephraim sicher. Aber was?

Als sie das Cottage erreichten, wartete der Zauberer bereits auf sie. In viele Schichten wollener Mäntel gehüllt, die Kapuze nach hinten geworfen, sodass ein Schopf vollständig weißer Haare sichtbar war, die viel zu alt wirkten für sein jugendliches Gesicht, beobachtete er sie mit dunkel glänzenden Augen.

„Ich bin Egrel“, stellte sich Ephraims Bruder vor. „Das ist der Älteste, Elias. Und der Jüngste, Ephraim.“

„Ich bin Crane“, sagte der Zauberer und neigte den Kopf. „Ich habe nicht viel Zeit, also lasst uns beginnen.“

Ephraim und Egrel drückten sich im Hintergrund herum, während der Mann ihre Mutter untersuchte, ihre dünner werdenden blonden Haare nach hinten strich, ihr in die Ohren schaute und seine Finger auf ihre ausgetrocknete Zunge presste. So ging es einige Zeit weiter. Der Mann betrachtete ihre Handgelenke und Fußknöchel, stellte einige Fragen darüber, ob sie Fieber hatte oder in letzter Zeit irgendwelchen Fremden begegnet war.

Der Zauberer legte sie in das Bett und zog die Decke wieder über sie.

„Es handelt sich um eine Erkrankung des Geistes, eine der am schwierigsten zu heilenden“, verkündete er. Er warf Egrel einen bedeutungsvollen Blick zu. „Ich kann etwas zusammenbrauen, das sie heilen wird, aber die Zutaten sind sehr, sehr selten.“

„Tun Sie es“, sagte Egrel, ohne zu zögern.

Ephraim wollte offen fragen, wie hoch die Kosten sein würden, welche Art Vereinbarung Egrel und Crane und Elias getroffen hatten, aber er fürchtete sich. Er fürchtete, dass Crane seine Mutter nicht heilen würde, fürchtete, dass der Preis, auf den sie sich geeinigt hatten, zu schrecklich und schockierend sein würde. Immerhin gab es keine Möglichkeit Wissen rückgängig zu machen, wenn es einmal laut ausgesprochen worden war.

Der Mann setzte sich an den breiten Küchentisch, räumte die anderen Arzneien und Kräuter ihrer Mutter zur Seite und begann, verschiedene kleine Gläser und Fläschchen irgendwo aus den Tiefen seiner vielen Mäntel zu kramen. Er zog Mörser und Stößel heraus und zerrieb eine Anzahl verschiedener Zutaten, bis er irgendwann eine kleine Menge grünlicher Kräuterflüssigkeit erzeugt hatte, die er in eine Glasphiole füllte.

„Gebt das in ihren Tee, drei Mal täglich, bis es aufgebraucht ist. Lasst keine Dosis aus“, ordnete der Zauberer an und reichte Egrel die Phiole. Daraufhin sammelte er seine Sachen wieder ein, stopfte sie zurück in seine Mäntel und erhob sich.

Die dunklen Augen landeten erneut auf Ephraim, was ihm einen Schauder über den Rücken jagte. Crane zog eine Braue hoch und blickte zu Egrel.

„Ich werde meine Bezahlung jetzt mitnehmen“, erklärte er nüchtern.

Eine böse Vorahnung kroch über Ephraims Rückgrat den Bruchteil einer Sekunde, bevor Elias und Egrel nach vorne sprangen und jeder einen seiner Arme packten, sie fest hinter seinen Körper zogen und seine Handgelenke mit einem rauen Stück Seil fesselten.

„Was – ?!“, war alles, das Ephraim hervorbrachte, ehe Egrel einen scharf riechenden Stofffetzen auf seine Nase und Mund presste. Ephraim würgte wegen des Ölrückstandes, der dem Tuch anhaftete, aber seine gedämpften Proteste sorgten nur dafür, dass er den beißenden Geruch tiefer einatmete.

Seine Augenlider sanken nach unten, dann sein Körper, dann wusste er nichts mehr.


Das Erste, das Ephraim feststellte, als er seine Augen öffnete, war, dass er weit, weit weg von zu Hause war. Die Welt veränderte sich und schwankte in einem gnadenlosen Rhythmus unter ihm dahin. Da war ein lautes Geräusch. Es rauschte und zischte im Takt mit den Bewegungen des dunklen, beengten Raumes, in dem er lag.

Ein Schiff, wurde ihm bewusst. Er befand sich im Bauch eines Schiffes auf dem Weg zu unbekannten Landen.

Die nächste Realität, derer er sich bewusst wurde, war das Gefühl kühlen Metalls, das sich um seinen Hals und Handgelenke schmiegte. Er konnte das Sklavenhalsband und Handschellen nicht erkennen, sie schienen unsichtbar zu sein. Doch sie lagen schwer und eng auf seiner Haut und waren nur allzu real für ihn.

Als er schließlich den Mut fand, sein dunkles Plätzchen zu erkunden, entdeckte er einen Nachttopf, eine Flasche abgestandenen Wassers und eine Schachtel steinharter Kekse. Einen Tag lang konnte er das Essen oder Wasser nicht einmal anschauen, da sein Körper der grausamen Übelkeit zum Opfer fiel, die von den Bewegungen des Schiffes hervorgerufen wurde. Er hatte noch nie auch nur den Ozean gesehen. Tatsächlich hatte er noch nie sein Dorf verlassen, aber er wusste bereits jetzt, dass er das Meer hasste.

Obwohl er wartete, kam niemand.

Das Schiff schaukelte und schwankte und langsam gewöhnte er sich an das Gefühl und sein Körper passte sich an die neuen Umstände an.

Er teilte sich sein Wasser und Essen ein.

Denn immer noch kam niemand.

Eines Tages veränderte sich schließlich der stete Rhythmus des Schiffes. Die Wellen wurden härter, ruckartiger… und dann stoppte die Bewegung ganz. Eine Tür flog auf und Sonnenlicht strömte in den Bauch des Schiffes. Ephraims Erleichterung und Schrecken waren gleichgroß.

Ein unbekannter Mann mit dunkler olivfarbener Haut winkte ihn zu sich und redete in einer harschen und fremden Sprache auf Ephraim ein. Unsicher, was er sonst tun sollte, und weil er wusste, dass es keinen Ort gab, an den er sich in einem fremden Land wenden konnte, ließ sich Ephraim vom Schiff ziehen und auf einen Wagen laden, auf dem Schachteln und Säcke hoch gestapelt worden waren. Als wäre es nicht schon offensichtlich, dass er ein Besitz war, eine Ware…

Das unsichtbare Metall seines Halsbandes abtastend, schluckte Ephraim. Seine Augen waren weit aufgerissen und erfassten die geschäftigen Docks und die hoch aufragenden weißen Mauern einer großen Stadt. Der Wagen trug ihn direkt durch diese hellen Mauern, wobei er hunderte verschiedener Dinge passierte: Pferde, Menschen, Häuser, Stände, an denen Leute Essen und Tränke und Schwerter und eine unendliche Anzahl anderer Gegenstände verkauften.

Eine Stadt, dachte Ephraim. Das muss eine Stadt sein.

Am Ende von Ephraims Sichtfeld erhob sich ein Marmorpalast in den endlos blauen Himmel. Der Wagen stoppte weit entfernt von diesem vor einem dunklen Holzhaus, das mehrere Stockwerke hoch war, gepflegt und groß. Ein auffälliges Schild zierte die Eingangstür, das in einer Sprache beschrieben war, die Ephraim noch nie gesehen hatte. Es befand sich jedoch auch die Skizze einer verführerischen, lockenden Frau darauf.

Warum sollte Ephraim an solch einen Ort gebracht werden?

Der olivhäutige Mann riss ihn vom Wagen und schubste ihn zu der Eingangstür. Ephraim ging, wobei er sich jetzt hilfloser fühlte als in der Dunkelheit des Schiffbauches. Als er das Haus betrat, begrüßte ihn eine Wolke süßlichen, dichten Rauches. Es war so dunkel, dass er die Augen zusammenkneifen musste, um verschwommene Formen ausmachen zu können. Das Zimmer schien nur aus poliertem Holz und niedrigen Möbeln zu bestehen mit Kissen auf den Böden und einem weich aussehenden Stoff, der über den Fenstern drapiert worden war.

Ephraims Hascher bugsierte ihn durch den Raum in einen schwach beleuchteten Flur im hinteren Teil des Hauses. Ganz am Ende drückte der Mann eine Tür auf, stieß Ephraim in das schlicht möblierte weiße Zimmer und deutete auf ein niedriges, ordentlich gemachtes weißes Bett.

Ephraim nahm Platz, als sich die Tür auch schon wieder schloss und ihn allein zurückließ. Und erneut musste er warten; es hatte den Anschein, als würde der Großteil dessen, was er mittlerweile als sein neues Leben bezeichnete, aus Warten und noch mehr Warten zu bestehen. Es gab nichts, das er betrachten oder erkunden könnte, nicht einmal ein einziges Fenster in dem ganzen Raum.

Nach einer ganzen Weile trat schließlich der Zauberer selbst in das Zimmer.

„Da bist du ja“, sagte Crane, als wäre Ephraim irgendwie zu spät gekommen, als hätte er irgendeine Kontrolle über irgendeinen Aspekt seiner aktuellen Lebensumstände. Wenigstens sprach Crane Ephraims Sprache, was ein kleiner Trost war.

„Wo sind wir?“, wollte Ephraim wissen, dessen Stimme leicht brach, weil er sie so lange Zeit nicht verwendet hatte.

„Sind wir in diesem Alter?“, sagte Crane glucksend. „Das perfekte Alter, um in deinen Schuhen zu stecken, junger Mann. Um deine Frage zu beantworten, du bist in London.“

„London“, wiederholte Ephraim. „Wo liegt das?“

Crane lachte.

„Nur eine Welt entfernt von dem Ort, an dem ich dich fand.“

„Warum bin ich hier? Warum wollten Sie mich von meiner Familie wegholen?“ All die Fragen, die er die vergangenen Monate immer wieder im Kopf durchgegangen war, purzelten nun ungebeten aus seinem Mund.

„Du wirst zwar jetzt nicht der gleichen Meinung sein, aber ich denke, ich habe dich vor einem viel schlimmeren Schicksal bewahrt“, erklärte Crane und verschränkte seine Arme.

„Schlimmer, als ein Halsband zu tragen?“, fauchte Ephraim.

Zu seiner Überraschung kräuselten sich Cranes Lippen belustigt.

„Ich denke, ja. Ich denke, dich hätte ein recht unglückseliges Schicksal ereilt, hätte ich dich nicht als Teil des Handels mitgenommen. Dein Bruder… Egrel, so hieß er doch? Er hat dich gleich zu Beginn angeboten. Und der andere hat ihn nicht aufgehalten.“

„Sie lügen“, zischte Ephraim. „So etwas würden sie niemals tun.“

„Du warst dort“, erwiderte Crane, dessen Belustigung verblasste. „Und nenn mich nie wieder einen Lügner. Ansonsten wirst du es schwer bereuen.“

„Also bin ich jetzt ein Sklave, stimmt das? Warum möchten Sie mich als Sklaven?“, verlangte Ephraim zu wissen, obwohl er jede Menge Zeit gehabt hatte, um sich eintausend fürchterlicher Gründe auszudenken.

„Du bist viel mehr als das. Du bist ein Dschinn“, sagte Crane, der das Wort wie tschen aussprach.

„Ein Dschinni aus der Wunderlampe?“, schnaubte Ephraim, der diese Kindergeschichte recht gut kannte. „Ich bin nichts Derartiges. Ich bin ein Gestaltwandler, genau wie mein Vater.“

„Das bist du, ja. Aber jetzt bist du mehr. Du wirst schon sehen“, entgegnete Crane. Er zog einen dünnen Kreis glänzenden, geschmiedeten Goldes hervor. An dem Ring baumelten drei lange, elegante goldene Schlüssel. „Knie dich hin.“

 

Ephraim versuchte, seinen Mund zu öffnen, um zu protestieren, aber ein flammender Schmerz schoss durch seinen gesamten Körper. Cranes Befehl donnerte durch seinen Kopf und hämmerte auf seine Gedanken ein, bis er sich auf seinen Knien wiederfand und zu dem Zauberer aufsah.

„Was haben Sie getan?“, flüsterte Ephraim.

„Ich habe mir gewünscht, dass du kniest. Ich habe es laut ausgesprochen, während ich die Schlüssel in der Hand hielt“, erklärte er und ließ die Schlüssel in der Luft klimpern. „Du hattest keine andere Wahl. Du lebst jetzt, um zu dienen.“

„Ihnen dienen? Warum sollte ich das tun wollen?“, fragte Ephraim. Er erhob sich schwankend und mit hämmerndem Herzen auf die Füße. Sein Halsband fühlte sich so eng an wie noch nie und er zerrte mit ungeschickten, verzweifelten Fingern daran.

„Das wirst du niemals abkriegen“, informierte ihn Crane ruhig. „Du wirst einige Zeit demjenigen dienen, wem auch immer ich dich übergebe. Und dann dem Nächsten… und dann dem Nächsten. So wird es sein.“

„Es gibt keine Möglichkeit sich davon zu befreien, jemals?“, wimmerte Ephraim.

„Nur wenn dein Meister, derjenige, der die Schlüssel in Händen hält, seinen größten Wunsch aufgibt, um dir im Austausch die Freiheit zu schenken. Und denke nicht, dass du das durch Betteln oder Versprechungen erreichen kannst. Es muss aus freien Stücken heraus geschehen, denn du kannst niemals darum bitten, freigegeben zu werden.“ Crane neigte den Kopf. „Die Kräfte eines Dschinns werden aufgewogen mit seiner ewigen Knechtschaft. Das ist ein Gleichgewicht, mit dem du schon bald sehr vertraut sein wirst.“

Ein Klopfen erklang an der Tür und Crane rief über seine Schulter, dass derjenige eintreten möge.

Die Tür schwang auf, um eine große, dünne Frau hereinzulassen. Sie besaß ein scharf geschnittenes Gesicht und brennende braune Augen, konnte keinen Tag jünger als fünfundsechzig Jahre alt sein… und nichts von ihrem sorgfältig aufgetragenen Puder oder Rouge konnte das verbergen. Sie schenkte Ephraim ein langes, träges Lächeln, das unnatürlich scharfe, perlweiße Zähne entblößte.

„Ah, Bethesda“, sagte Crane. „Wie du es verlangt hast, habe ich den jungen Ephraim hier für sein Training zu deinem Haus gebracht. Ich möchte, dass er mit Samthandschuhen angefasst wird. Er ist noch sehr sanftmütig und es wird viele Abnehmer für ihn geben, nachdem deine Kundschaft ihr Interesse verloren hat. Hast du verstanden?“

Crane ließ die Schlüssel vor ihr in der Luft baumeln.

„Ja“, fauchte sie und entriss sie Crane mit finsterem Gesicht. Dann wandte sie sich abermals mit diesem grauenhaften Lächeln an Ephraim. „Du bist hübscher als ich erwartet habe. Bist du jemals einem Vampir begegnet, Darling?“

„F-fassen Sie mich nicht an!“ Ephraim trat instinktiv einen Schritt zurück, woraufhin Bethesdas Miene so dunkel wie die Nacht wurde.

Sie ließ die Schlüssel auf die gleiche Weise klimpern wie Crane zuvor, verspottete ihn.

„Setz dich auf das Bett.“ Diese wenigen Worte setzten seine Füße in Bewegung, zwangen ihn einen Schritt nach dem anderen nach hinten zu treten, bis das Bett gegen seine Waden drückte. Er sank langsam nach unten, um sich zu setzen. Wenn er versuchte, Widerstand zu leisten und sich abzuwenden, brannte jeder einzelne Nerv wie ein Wildfeuer. Bethesda grinste erneut und bleckte ihre Zähne. „Es wird schon nicht so schlimm werden. Nun, nicht nach dem ersten Mal.“

Bethesda streckte ihre Hand aus und schob ihre Finger in Ephraims lange Haare, packte sie mit festem Griff und riss seinen Kopf zur Seite. Sie entblößte seinen Nacken, wurde ihm bewusst. Bethesdas Lippen teilten sich. Als sich ihr Mund seinem Hals näherte, erlebte Ephraim den ersten wahrhaftigen Moment nackter Verzweiflung in seinem jungen Leben.