Pandemie und Pannenwirtschaft

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Pandemie und Pannenwirtschaft
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Inhalt

Impressum 3

Prolog 4

Zitat 7

Frühjahr 2020 8

Woche vom 16.03. – 20.03.2020 12

Woche vom 23. – 27.03.2020 16

Woche vom 30.03. – 03.04.2020 19

Woche vom 20.04. – 24.04.2020 23

Woche vom 27.04. – 8.05.2020 27

Woche vom 11.05. – 15.05.2020 34

Woche vom 18.05. – 25.05.2020 39

Die letzten Wochen des Schuljahres 2019/20 und der letzte Schultag am 26.06.2020 43

Sommerferien 2020 49

Der erste Schultag am 12.08.2020 51

22.09.2020 62

8.10. – 22.11.2020 66

23.11. – 17.12.2020 73

18.12.2020 84

07./08.01.2021 97

11.01. – 19.02.2021 104

22.02. – 12.03.2021 121

15.03. – 26.03.2021 123

Osterferien vom 29.03. – 09.04.21 133

12.04. – 18.04.2021 143

Pandemie und Pannenwirtschaft ab 19.04.2021 147

26.04. – 01.05.2021 169

03.05. – 10.05.2021 181

Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.

© 2022 united p. c. Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-7103-5272-0

ISBN e-book: 978-3-7103-5412-0

Umschlagfoto: www.pixabay.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag

www.united-pc.eu

Prolog

Geboren wurde ich als ältestes von 3 Kindern in den frühen 60 er Jahren des letzten Jahrhunderts in einer Kleinstadt, nicht weit von Dünnthal entfernt, in einer Region im westlichen Teil der Bundesrepublik, der einst von Napoleon und seinen Kriegstruppen heimgesucht wurde. Die sprachlichen Relikte aus dieser Invasionszeit wurden von Generation zu Generation weitergegeben und erreichten irgendwann durch meine Vorfahren auch mich, trafen meinen Rezeptivnerv und ich entwickelte daraus ein Interesse an romanischen Sprachen, die ich später zum Teil meines Berufs machen sollte.

Bis 1982 ging ich an meinem Geburtsort zur Schule und machte das Abitur am dortigen Gymnasium und direkt danach begann ich mein Magisterstudium der Romanistik und Übersetzungswissenschaft an der Fachhochschule zunächst in Bayern.

Ende des Jahres 1983 ging ich für vier Monate nach Venezuela /Südamerika, um den Makel des Volkshochschulspanisch loszuwerden. Ich kam bei einer Tante unter, die damals schon seit 25 Jahren dort lebte, mit ihrem Mann einen Werkzeughandel in San Cristóbal mitten in den Anden an der kolumbianischen Grenze gegründet hatte. Diese schickte mich unter anderem zu Freunden auf die Finca „Costa Rica”, wo ich mit Landarbeitern Kaffeekirschen pflückte, ausgedehnte Touren zu Pferd durch das Hochland der Cordillere unternahm, fürstlich wohnte und am Wochenende die Landarbeiter bekochte und dabei Grundzüge der schlesischen und karibischen Küche kennenlernte.

Im Wintersemester 1986 schloss ich das Studium mit dem Diplom ab, hängte noch ein kaufmännisches Praktikum bei einem international tätigen Hersteller von Heiztechniksystemen in der benachbarten Großstadt an, übersetzte hier ein Jahr lang Bedienungsanleitungen für Gasthermen.

Ab 1988 arbeitete ich als „Freelance“-Übersetzerin nach meiner Vereidigung beim OLG der benachbarten Millionenmetropole und als kaufmännische Angestellte im Betrieb meines Mannes.

Nach der Geburt meiner Kinder entschloss ich mich 2007, in den Berufsalltag zurückzukehren und mein unterbrochenes Lehramtsstudium zu Ende zu bringen. Zunächst arbeitete ich als Vertretungslehrkraft für Französisch und Spanisch zunächst an einem Gymnasium, dann an einer Realschule.

2010 trat ich eine feste Stelle an einer Schule in einer Kleinstadt mit Großstadtwunschdenken an, die an die Verpflichtung zur Absolvierung eines einjährigen Referendariats gekoppelt war. Ich blieb bis 2017 dort und ließ mich dann aus privaten Gründen an eine Schule an meinem jetzigen Wohnort versetzen.

Ab dem Schuljahr 2020/21 hatte ich 2 Auslandsschuljahre in Lateinamerika geplant. Durch Corona wurde ich leider an der Umsetzung des Plans gehindert.

Sämtliche Namen von Personen, Schulen und Orten (sofern sie in Deutschland liegen) in diesem Buch sind erfunden! Nur die Handlung entspricht den Tatsachen.

Es war meine Absicht, den Schulalltag in der Pandemie ungeschönt darzustellen, die Sorgen und Nöte aller Beteiligten zu spiegeln.

Ich habe dabei Manches mit persönlichen Erlebnissen vermischt bzw. untermalt, um den unterhaltenden Charakter des vorliegenden Buches zu unterstreichen.

Sollten sich etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen herausstellen, so sind diese rein zufällig.

Dünnthal, im Frühjahr 2021

Zitat

Der Inhalt des nachstehenden Zitats von Ruth Bader Ginsburg, der Vorsitzenden Richterin des Supreme Court in den USA, findet auch für mich und meine Berufsauffassung Anwendung, daher leite ich meine Aufzeichnungen damit ein.

Will man Anwalt werden und einfach nur seinen Beruf ausüben, gut, dann verfügt man über gewisse handwerkliche Fertigkeiten. Man ist so etwas wie ein Klempner zum Beispiel. Will man in seinem Beruf aber wirkliche Erfüllung finden, wird man etwas über sich selbst hinaus tun wollen, etwas, das Wunden heilt, etwas , das den Menschen, die nicht so viel Glück hatten wie man selbst, das Leben ein wenig erträglicher macht.

(„Rathbun Lecture on a Meaningul Life” an der Stanford University, 6. Februar 2017)

Aus: Ruth Bader Ginsburg „300 Statements der berühmten Supreme-Court-Richterin“ Herausgegeben von Helena Hunt, übersetzt von Stefanie Retterbush

Btb-Verlag, 2. Auflage, Erstveröffentlichung Oktober 2020 S. 133

Frühjahr 2020

Ich arbeite an der PISA-Schule in Dünnthal, einem Stadtteil einer westdeutschen Stadt mit 200.000 Einwohnern. Ein riesiges Unternehmen für die Produktion von Autoteilen hat sich hier angesiedelt und beliefert von hier aus die Kunden weltweit.

Unsere Schule hat ca. 1800 SchülerInnen, 45% Migrationsanteil und wird auf Standortfaktor 3 eingestuft. Sie liegt am Anfang einer Wohnstraße, im rechten Winkel zwischen einer verkehrsreichen Straße, die den Stadtteil von Ost nach West durchquert, und einer ehemaligen Hauptverkehrsader, die aber mittlerweile verkehrsberuhigt ist. In unmittelbarer Nähe haben wir einen See, der nach unserer chinesischen Partnerstadt benannt ist, eingebettet von grünen Hügeln, die im Winter zum Schlitten fahren einladen, so denn Schnee liegt, einer Schrebergartenanlage, einem kleinen Wäldchen mit einem weiteren kleinen Weiher, der schon an das nächste Wohngebiet angrenzt.

An unserer Schule arbeiten 200 KollegInnen, ca. 11 Referendare und Referendarinnen, 1 Schulsozialarbeiterin und 1 Schulsozialarbeiter, 9 Sonderpädagogen und div. IntegrationshelferInnen. Hinzu kommen die Mitarbeiter der schuleigenen Mensa mit Angestellten in der Verwaltung, in der Küche und in der Essensausgabe und natürlich die Sekretärinnen des Schulsekretariats sowie diverse Hausmeister.

Wir kämpfen alle schon den ganzen Winter mit hartnäckigen Erkältungskrankheiten, SchülerInnen werden krank zur Schule geschickt, weil zu Hause keine Betreuung stattfinden kann, KollegInnen kommen krank zur Schule, teils wegen verpflichtender Berufsauffassung, teils auch auf der Flucht vor häuslichen Viren.

In der Schule herrscht ein Krankenstand von 33%, die letzten KollegInnen, die sich noch auf den Beinen halten können, werden dadurch auch noch zur Vertretung herangezogen.

In Wuhan/China ist erstmals im Dezember 2019 von einem grassierenden Virus die Rede, welches auf einem Markt mit lebendigen Tieren übertragen worden sein soll, worüber man heute immer noch mutmaßt und keine genauen Kenntnisse vorliegen und außerdem ist Wuhan gaaaaaanz weit weg!

 

Die ersten Fälle kommen näher, in China wird Wuhan weiträumig abgeriegelt, das öffentliche Leben heruntergefahren. In Österreich feiern angeblich sportbegeisterte Skifahrer beim Après-Ski und in Westdeutschland feiert man eine Kappensitzung, ca. 80-100km von meinem Wohnort entfernt. Zu diesem Zeitpunkt sind Landesregierung und Bundesregierung noch der Ansicht, dass das Virus uns nichts anhaben kann. Man beruft sich mit dieser Haltung auf das Robert-Koch-Institut.

Am 13. März 2020 begehe ich mit meiner Klasse den „Tropentag“. Wir wollen die Unterrichtsreihe „Leben in unterschiedlichen Landschaftszonen“ abschließen. Ich habe dazu meine Hängematte mitgebracht und viele Fotos mit Palmen. Die SchülerInnen malen auch selbst welche und essen dabei von mir mitgebrachte Physalis, Drachenfrüchte, Bananen und Passionsfrüchte, die viele von ihnen das erste Mal probieren. Trotz aller Lockerheit herrscht eine angespannte Stimmung, weil sich in den Medien seit Mitte der Woche hartnäckig das Gerücht hält, dass am kommenden Montag, den 16. März die Schulen im Land aufgrund der stetig steigenden Infektionszahlen schließen würden. KollegInnen schleichen in angestrengter Erwartung durch die Flure, die Schulleitung hält sich bedeckt, die SchülerInnen sind nervös und mir ist auch nicht wohl…. Irgendwie herrscht Endzeitstimmung!

Dann kommt die befürchtete Durchsage, auf die das Kollegium Tage vorher in einer seltsamen Dienstbeprechung, wobei sich die KollegInnen mit der Teilnahme abwechseln müssen, in unserer Aula vorbereitet worden war: KollegInnen aus Klassenräumen mit gerader Raumzahl sollten sich zuerst einfinden, dem/der Kollegen/Kollegin aus dem Nachbarraum mit der ungeraden Raumzahl Bescheid geben, damit er/sie die eigene Klasse beaufsichtige bis er/sie zurückkäme und den Kollegen/die Kollegin ablöste, die/ der sich dann ihrerseits/seinerseits auf den Weg in die Aula machte, um das verwirrende Prozedere der Vorbereitung zur Schulschließung zu erfahren, welches am Tag XY einsetzen sollte.

Ich weiß nicht, wie viele von uns dachten dieser Tag läge noch in weiter Ferne.

Die Durchsage „Liebe Schülerinnen und Schüler, liebes Kollegium, ich bitte um Entschuldigung für die Störung, aber ich habe eine wichtige Durchsage…“ ist der Schulgemeinde wohl vertraut. Sie kommt um 12.00h!

„Die Landesregierung NRW und allen voran das Schulministerium haben soeben beschlossen, dass aufgrund der steigenden Infektionszahlen in der Bevölkerung der Schulbetrieb im Land ab kommenden Montag bis auf weiteres eingestellt wird. Ich bitte die Klassenleitungen darauf zu achten, dass die SchülerInnen alle wichtigen Bücher, Arbeitsunterlagen und Ordner mit nach Hause nehmen und somit der Distanzunterricht ab Montag beginnen kann. Es wird eine Übergangsphase bis Mitte nächster Woche gewährt, da berufstätigen Eltern Vorlauf gegeben werden muss, um die Betreuung ihrer Kinder zu organisieren, sich auf das Homeschooling vorzubereiten und selbst am Arbeitsplatz Absprachen mit den KollegInnen und dem Chef zu treffen. Das heißt am kommenden Montag habt Ihr nochmals Gelegenheit, restliche Dinge abzuholen“.

Somit ist es raus! Die Klassen werden geräumt, KollegInnen packen am eigenen Arbeitsplatz ihre Sachen ein und verlassen mit den SchülerInnen gesenkten Blickes das Schulgebäude natürlich mit der Gewissheit, dass man sich zunächst am 16. März nochmals kurz wiedersehen würde. Fast jeder/jede glaubt auch in diesem Moment noch, dass, wenn die Schulen schnell geschlossen würden, man schnell wieder zur Normalität zurückfinden würde. Das will man uns jedenfalls glauben machen!

Wenn zu dieser Zeit schon sicher gewesen wäre, was uns im März 2021 erwartet, dann hätten manche Studienanfänger für das Lehramt ihre Pläne nochmals überdacht, mancher Kollege/ manche Kollegin – unter anderem auch ich – hätte sein/ihr Vorhaben für die letzten Berufsjahre vielleicht relativiert.

Woche vom 16.03. – 20.03.2020

Am Montag morgen gehe ich nochmal zur Schule, schaue, wen ich aus meiner Klasse noch unbetreut in Empfang nehmen soll, wer im Chaos seines Schubfaches, seines Regalfaches oder seines ansonsten favorisierten Fleckchens in der Klasse nach wichtigen Dokumenten und Notizen sucht und wer mich zum tausendsten Mal fragt, wie lange das Ganze denn nun dauern soll!

Manche SchülerInnen kommen mir entspannt vor und ich frage mich, ob es nicht doch so ist wie „in die Ferien zu gehen“….

Einige KollegInnen überholen sich gerade selbst in dem Bestreben, die Welt noch zu retten und man habe ja schließlich einen Auftrag!

Schließlich haben die meisten von uns nur einen schemenhaften Plan davon, was in den nächsten Wochen unterrichtsbedingt auf uns zu kommt: wie hinlänglich bekannt, liegt die Digitalisierung in den Schulen weitestgehend auf Eis.

Im Eiltempo wurde vor den letzten Sommerferien noch über die Anschaffung von LOGINEO als Lern- und Kommunikationsplattform auf der LehrerInnenkonferenz abgestimmt und locker Fortbildungen vereinbart und man hatte sie sogar schon auf dem eigenen Laptop… wer redet denn von Dienstlaptop?!? Es galt dann im Galopp Mailadressen und allgemeine Daten hineinzuhämmern.

So, damit stehen wir nun in Woche 1 des Lockdowns vor den SchülerInnen und versichern gebetsmühlenartig, dass sie an alle erforderlichen Daten herankämen, dass man noch Lernapps installieren würde und man ja auch schließlich jederzeit erreichbar sei.

Schnell wird noch ein Padletsystem hinterhergeschoben, von dem sich die SchülerInnen Aufgaben herunterladen sollen, damit sie über die Woche versorgt sind und die KollegInnen wissen nun, wie man den Sonntag noch gestalten kann: Aufgaben für die Woche auf 70 Klassenpadlets plus Oberstufe verteilen, Arbeitsblätter hochladen, aber bitte im PDF-Format und nicht zu viele!!!

Und dann die bange Frage: Wie halte ich Kontakt zu den SchülerInnen? Anrufen? E-Mails schreiben? Hausbesuche? WhatsApp-Gruppen?

Manche Schülerin und mancher Schüler haben sich nicht getraut zu sagen, dass man zu Hause keinen PC besitzt oder, dass sich drei schulpflichtige Kinder zu Hause einen PC teilen müssen und dass auch niemand anwesend ist, der Hilfestellung geben kann! Ganz zu schweigen von dem Vorhandensein eines Druckers…. Und Handy???? Für manche SchülerIn ist ein iPhone gerade gut genug, andere besitzen gar kein mobiles Telefon.

UND: WhatsApp ist erst für SchülerInnen ab 16 Jahren erlaubt. Klar, manche Eltern fühlen sich bemüßigt daraufhin zu weisen, man kann schließlich nicht wissen, ob LehrerInnen alles wissen, auch wenn man in der 5. Klasse bereits eine WhatsApp-Gruppe zur Unterstützung der Klassengemeinschaft mit Duldung oder auch auf Wunsch der Eltern gegründet und die ersten Probleme, die sich daraus ergaben, gelöst hat.

Dann entschließe ich mich auch noch, Videokonferenzen einzuberufen mit meinen SchülerInnen, damit ich sie nicht ganz aus den Augen verliere und sie im Fremdsprachenunterricht wenigstens auch mal zum Sprechen kommen.

Lasse ich ein Skypekonto einrichten? Mache ich mich über Microsoft TEAMS oder ZOOM schlau? Meine Kollegin macht mich als erstes darauf aufmerksam, dass man das doch wegen der Datensicherheit alles gar nicht darf (als ob in der Schule all das passiert, was passieren DARF!). Begeisterte Eltern rufen mich an und bieten mir ihre Unterstützung an, andere schicken mir wortlos einen Link von den „Tagesthemen“ aufs Handy mit einem Bericht darüber, dass in den USA ein auswärtiger Schüler eine Videositzung über ZOOM „gesprengt“ hat….

Man weiß nicht, wie man es am besten falsch macht!

Zum Abholen fehlender Unterlagen, noch herauszugebender Klausuren und Klassenarbeiten vereinbare ich mit meinen SchülerInnen einen Außentermin: meine Gartenmauer, die meinen Vorgarten umgibt auf einem Grundstück, das in einer gemischten Wohngegend liegt, indem sich auch Kleingewerbe befindet, das regelmäßig frequentiert wird: Hausgerätehandel und Zeitungskiosk.

Ich platziere zum verabredeten Zeitpunkt und, wenn das Wetter es zulässt , die Materialien auf dem Abschlusspfosten, rufe die SchülerIn/ den Schüler an, begebe mich zum Haus, warte oder beschäftige mich auf der Terrasse und winke kurz über das Tor hinweg, wenn der Bote/die Botin oder auch die SchülerIn/der Schüler erscheint. Klappt prima und allen ist geholfen. Nachdem fünf Personen dort etwas abgeholt haben, fragt mich mein hilfsbereiter und allerbester Nachbar auch nicht mehr, ob ich auf dem Mäuerchen etwas vergessen hätte!

Später werde ich mich auch auf das Fahrrad oder ins Auto setzen und Sachen verteilen: bei 200 SchülerInnen eine Beschäftigung, die zeitmäßig deutlich über einen Abend hinausgeht!

Gegen Ende der ersten Woche des ersten Lockdowns dann die erste Gewissheit: es gibt SchülerInnen, die die Situation mit Schulferien verwechseln. Eine Schülerin, die wir seit drei Tagen versuchen zu erreichen, treffen wir telefonisch in Mainz an. „ Familienbesuch“, wie es heißt! Meine Kollegin klärt sie darüber auf, dass es auch so etwas wie Reisebeschränkungen gibt und sie (die Schülerin) doch bitte zurückkommen möge!

Daraufhin stelle ich mir die Frage, ob ich vielleicht den Distanzunterricht verbindlicher gestalten sollte, mehr Präsenz in Form von Telefonanrufen zeigen oder doch mehr Aufgaben geben sollte. Schwierig, denn ich darf lt. Erlass des Ministeriums keine Sonderleistung abrufen bzw. diese auch nicht oder schon gar nicht bewerten. In der Oberstufe merke ich zudem, dass SchülerInnen den Präsenzunterricht bereits nach einer Woche schmerzlich vermissen und mit der Fertigstellung der Aufgaben warten, bis ich die Lösungen zu den Aufgaben hochgeladen habe. Das soll sich in den nächsten Wochen noch fortsetzen.

Woche vom 23. – 27.03.2020

Schon die zweite Woche im Lockdown, die Infektionszahlen gehen weiter nach oben, wieder ein Sonntag um, an dem man nur Aufgaben auf Padlets eingestellt hat, Aufgaben hinterher telefoniert hat, die die SchülerInnen bis zum letzten Wochenende hätten abgeben sollen (viele haben es getan, andere jedoch nicht!).

Der Montag beginnt mit einer WhatsApp-Anfrage „Können wir gleich mal telefonieren?“. Ich lerne in den nächsten Wochen, diese Frage zu fürchten. Sie kommt von einer Kollegin, die es sicher nicht böse meint und natürlich auch ein Anliegen hat. Sie meint, die SchülerInnen weiter bemuttern zu müssen, zu fragen, ob sie auch abends schön brav früh genug ins Bett gehen und morgens vor Beginn der Erledigung der Hausaufgaben die Zähne geputzt haben.

Auch mir gegenüber empfinde ich den Anruf als Kontrolle. Sie will mich fragen: „Bist Du schon bei der Arbeit?“ und „Hast Du alle SchülerInnen erreicht?“ und „Haben auch bei Dir alle ihre bearbeiteten Aufgaben abgegeben?“ und „Machst Du heute einen Videocall?” und „Wir dürfen aber darin keine Bewertung der Aufgaben vornehmen!“ und „ Hast Du schon mit Peters Mutter gesprochen? Ich konnte ihn nicht erreichen.“ Und „Andere Klassenleitungen machen sich offensichtlich nicht so viel Arbeit mit den Aufgaben, die sie einstellen, wie wir beide!“ Ich setze diese Reihe in einer der nächsten Wochen fort.

Im Laufe der Woche sickern immer mehr Verfügungen des Schulministeriums durch: man ist gehalten, Aufgaben mit Augenmaß zu stellen, KEINE Benotung vorzunehmen und auch keine Prüfungen oder Klassenarbeiten online durchzuführen.

Vor allem in der gymnasialen Oberstufe sind die KollegInnen und SchülerInnen sehr verunsichert, sitzt uns/ihnen doch die Abiturprüfungsordnung und der Ablaufplan der Abiturprüfungen im Nacken.

Ende der Woche konkretisiert sich dann: KEINE Klausuren in der EF und der Q1 bis auf weiteres! Ich dachte, dass das sowohl für die Gesamtschulen als auch für die Gymnasien gelten würde, werde aber bereits wenige Tage später eines Besseren belehrt.

Es kommen immer mehr Mails zum weiteren Verlauf des Lockdowns. Es wird an einem Plan für die Notbetreuung der SchülerInnen gearbeitet, deren Eltern selbst in „systemrelevanten“ Berufen arbeiten: PflegerInnen, ÄrztInnen, KassiererInnen, VerkäuferInnen in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften, OptikerInnen, PhysiotherapeutInnen etc.

Ich lerne hierbei zwei Dinge: Was ist Systemrelevanz? Wer ist systemrelevant? Und wie gehen wir mit den Antworten auf diese Frage um? Meine Berufstätigkeit ist offensichtlich systemrelevant, diejenige meines Mannes (Betriebswirt und im Vertrieb eines Unternehmens tätig, das Arbeitsplatten und Fliesen aus gesinterten Steinen anfertigt und vertreibt) nicht! Diejenige meiner Nachbarin (Leiterin einer Kita) ist es, diejenige ihres Mannes (Bundespolizist derzeit im Kurzurlaub von einem Auslandseinsatz in Afghanistan zu Hause) ist es auch, diejenige meines ältesten Sohnes (Berufsausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei einem spanischen Hersteller für Arbeitsschutz in der benachbarten Metropole) ist es offensichtlich auch, diejenige meines jüngsten Sohnes (Student der Germanistik und Geografie) in der ältesten Stadt Deutschlands ist es offensichtlich nicht!

 

Er sollte jetzt eigentlich an meiner Schule ein dreiwöchiges Eignungs- und Orientierungssemester durchführen, worauf wir beide uns sehr gefreut hatten. Durch die Schulschließung wurde daraus leider nichts!

Doch was ist Systemrelevanz? Bei „Google” finde ich folgende Definition: „Unternehmen, kritische Infrastrukturen oder Berufe werden als systemrelevant bezeichnet, die eine derart bedeutende Rolle in einem Staat spielen, dass ihre Insolvenz- oder Systemrisiken nicht hingenommen werden können oder ihre Dienstleistung besonders geschützt werden muss.”

Viele KollegInnen stellen jetzt auch in ihrem eigenen familiären Umfeld den Unterschied zwischen systemrelevant und NICHT systemrelevant fest und sehen sich plötzlich in der Situation, selbst ihre Kinder betreuen und beim Homeschooling begleiten zu müssen.