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Karin Bojs

Meine europäische Familie

Warum wir alle miteinander verwandt sind

Aus dem Schwedischen von

Maike Barth und Inge Wehrmann


Impressum

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

„Min europeiska familj – De senaste 54000 åren“ bei

Albert Bonniers Förlag, Stockholm, Schweden.

Originalausgabe © 2015 Karin Bojs

Veröffentlicht durch Vermittlung der Kontext Agency, Schweden.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung

durch elektronische Systeme.

Der Konrad Theiss Verlag ist ein Imprint der WBG.

© 2018 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der

WBG ermöglicht.

Satz: Mario Moths, Marl

Einbandabbildung: Vorfahren und Zeitgenossen des Homo Sapiens im Neanderthal Museum,

Mettmann & Neanderthal Museum

Einbandgestaltung: Andreas Heilmann, Hamburg

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Printed in Europe

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-27329-4

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): 978-3-534-74645-3

eBook (epub): 978-3-534-74646-0

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Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Impressum

INHALT

Die Trauerfeier

DIE JÄGER

Das Trollkind – Vor 54.000 Jahren

Neandertaler in Leipzig

Die Flötenspieler

Die Ersten in Europa

Die Mammuts in Brünn

Cro-Magnon

Der erste Hund

Doggerland

Das Ende der Eiszeit

Dunkle Haut, blaue Augen

Das Klima und der Wald

Bin ich Samin?

Wir bekommen Keramik

Die Bauern kommen

DIE BAUERN

Syrien

Mit dem Boot nach Zypern

Das erste Bier

Bauern segeln gen Westen

Die Häuser auf den Gräbern der Toten

Konflikte in Pilsen und Mainz

Aussaat und Sonnenaufgang

Bauern gehen in Schonen an Land

Ötzi

Falbygden

Jägergene und Bauerngene

DIE INDOEUROPÄER

Der erste Hengst

DNA-Stränge – Verbindungen nach Osten

Streitäxte

Glockenbecher-Kultur, Kelten und Stonehenge

Die Himmelsscheibe in Halle

Felsritzungen

Eisen und Pest

Bin ich Wikingerin?

Die Mütter

Das Erbe von Hitler und Stalin

Der Baum und die Quelle

DNA – Fragen und Antworten

Dank

Quellen, Literaturhinweise und Reisetipps

DIE TRAUERFEIER

WÄHREND ICH AN DIESEM BUCH ARBEITETE, starb meine Mutter, Anita Bojs. Viele Freunde und Bekannte kamen zur Trauerfeier – weitaus mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte. Die Verwandtschaft bestand jedoch nur aus einer kleinen Schar, wir hatten alle auf der vordersten Bank Platz: mein Bruder und ich mit unseren Partnern sowie drei feingemachte Enkelkinder.

Es war Frühsommer und im Park vor der Vasakirche in Göteborg blühte der lila Flieder. Gemeinsam sangen wir den Psalm „Den blomstertid nu kommer“ und danach „Härlig är jorden“. Das hatte ich wegen einiger Zeilen ausgewählt, die ich besonders tröstlich finde: „Zeitalter kommen, Zeitalter gehen, Geschlecht folgt auf Geschlecht“.

Bei der nachfolgenden Gedenkfeier hielt ich eine Rede. Dabei wandte ich mich vor allem an die Enkelkinder. Ich wünschte mir, dass sie stolz auf ihre Großmutter und auf ihre Herkunft sein sollten, trotz der Umstände.

Die Großmutter, die sie gekannt hatten, war gealtert und vom Leben gezeichnet gewesen. Ihre viel versprechende Karriere war bereits mit fünfzig zu Ende gegangen. Schon damals blickte sie auf eine lange Geschichte gravierender Probleme zurück: Krankheit, Scheidung, Konflikte, Missbrauch …

Darum erzählte ich ihren Enkelkindern und den anderen Gästen der Gedenkfeier ein wenig aus der ersten Lebenshälfte meiner Mutter. Von der Einserstudentin, die am Karolinska Institut Medizin studieren durfte, obwohl sie eine Frau war und aus einfachen Verhältnissen stammte. Von ihrem Zuhause über der Grundschule in der Arbeitersiedlung, wo meine Großmutter Lehrerin war. Meine Mutter kam aus einem armen Elternhaus, das dafür jedoch umso reicher war an Gemeinschaft, Musik, Kunst, Literatur und Wissensdurst.

Ich zitierte aus einem Tagebuch, das ich bei ihren Sachen gefunden hatte. „Streng geheim“ stand in kindlicher Schrift auf dem Umschlag. Darin erzählte sie von den Sommerferien bei ihrer Großmutter – meiner Urgroßmutter Karolina Turesson – in Värmland, nur vierzig Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt. Damals tobte der Zweite Weltkrieg, doch aus heutiger Sicht wirkt die Schilderung der Spiele mit den Cousinen auf dem Steg am glitzernden See Värmeln trotzdem heiter und friedvoll.

Ich habe weder meine Großmutter noch meine Urgroßmutter kennengelernt. Wegen der vielen Probleme in unserer zerrütteten Familie habe ich überhaupt nur selten irgendwelche Verwandten getroffen.

Vielleicht habe ich deshalb so viel darüber nachgegrübelt, wer all diese Menschen waren und woher sie kamen. Schon als ich zehn war, wollte ich mehr darüber wissen.

Meinen Großeltern väterlicherseits, Hilda und Eric, bin ich immerhin ein paar Mal begegnet. Die Besuche bei ihnen gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. In ihrem Haus in Kalmar roch es so gut. Überall hingen Gemälde und mein Großvater hatte eigenhändig Bilder auf Türen, Wände und Möbel gemalt. Beide erzählten immer gerne von ihrer eigenen Kindheit, aber selten einmal von Verwandten, die früher gelebt hatten.

 

Jetzt, als Erwachsene, kann ich bei der Suche nach der Herkunft von Berta, Hilda und Eric auf die Unterstützung findiger Wissenschaftler zurückgreifen. Als Jugendliche kam mir Ahnenforschung immer ein bisschen albern vor. Doch heute weiß ich sie sehr viel besser zu schätzen. Mir ist klar geworden, dass das Interesse für unsere Vorfahren ein wichtiger Bestandteil vieler Kulturen der Welt ist. In zahlreichen schriftlosen Kulturen sind die Menschen in der Lage, ihre Abstammung über mindestens zehn Generationen auswendig aufzusagen. Ungefähr den gleichen Zeitraum überblicken erfolgreiche Familienforscher in Schweden. Auch die Bibel zeichnet lange Abstammungslinien nach, deren älteste vor über zweitausend Jahren aufgeschrieben wurden und schon lange davor mündlich tradiert worden waren.

Seit biblischer Zeit haben sich die Methoden der Ahnenforschung weiterentwickelt. Gerade jetzt erleben wir auf diesem Gebiet eine technische Revolution, einen regelrechten Quantensprung. Vor fünfzig Jahren begannen einige Wissenschaftspioniere mit dem Vergleich von Blutgruppen und einzelnen genetischen Markern, um Verwandtschaftsverhältnissen und historischen Völkerwanderungen auf die Spur zu kommen. Das DNA-Molekül war erst wenige Jahre zuvor entdeckt worden und nur eine kleine Gruppe von Forschern verfügte über das entsprechende Wissen. Erst 1995 gelang die Untersuchung der vollständigen DNA eines winzig kleinen Bakteriums. Seitdem ist die Entwicklung in schwindelerregendem Tempo vorangeschritten. Tatsächlich spielen sich im Bereich der Biotechnologie dramatischere Veränderungen ab als in der Datentechnologie, auch wenn die Verbesserungen von Computer, Telefon und Internet im Alltag sichtbarer sind. In der Datentechnologie spricht man vom „Mooreschen Gesetz“, nach dem sich die Leistung der Prozessoren jedes zweite Jahr verdoppelt. Die Kapazität zur Decodierung einer DNA-Sequenz wächst jedoch sehr viel schneller.

Seit einigen Jahren ist man in der Lage, innerhalb weniger Stunden das gesamte Erbgut eines Menschen zu analysieren. Wissenschaftler können sogar die DNA von Personen untersuchen, die seit Zehntausenden – und in einigen Fällen Hunderttausenden – Jahren tot sind. Eine Analyse, die noch vor zehn Jahren viele Millionen kostete, ist jetzt für ein paar Euro zu haben. Dank der gesunkenen Preise ist diese Technologie auch außerhalb wissenschaftlicher Kreise angekommen, und sogar Privatpersonen nutzen DNA als Hilfsmittel bei der Familienforschung. Mithilfe kleiner Variationen in der DNA-Sequenz kann man unbekannte Cousinen und Cousins, auch zweiten und dritten Grades, aufspüren und sogar Verwandte, die vor sehr langer Zeit gelebt haben – in der letzten Eiszeit oder noch früher.

Während der letzten 18 Jahre habe ich als Wissenschaftsjournalistin die Entwicklung der DNA-Technik aus nächster Nähe mitverfolgt, die meiste Zeit als Redakteurin bei der Tageszeitung Dagens Nyheter. Ich habe die Revolutionierung von Kriminaltechnik, medizinischer und biologischer Forschung erlebt sowie den Einzug der DNA-Technologie in die Archäologie und die Geschichtswissenschaft.

Dieses Buch ist der Versuch, die einzelnen Aspekte miteinander zu verknüpfen: die allerneuesten Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung zur Frühgeschichte Europas und meine private Familiengeschichte. Für meine Recherche bin ich in zehn Länder gereist, habe mehrere Hundert wissenschaftlicher Studien gelesen und an die siebzig Forscher befragt.

Allmählich werden Fäden sichtbar, die meine Urgroßmutter Karolina, meine Großmutter Hilda und meinen Großvater Eric mit lange zurückliegenden Ereignissen verknüpfen. Die meisten dieser Fäden teile ich mit der Mehrheit der europäischen Bevölkerung.

Beginnen wir mit etwas, das unseren Verwandten in der Nähe des Sees Genezareth vor ungefähr 54.000 Jahren widerfuhr.

DIE JÄGER

Annika gebar Märta, die Karin gebar.

Karin wurde Mutter von Annika, deren Tochter wiederum Karin hieß.

Karins Tochter war Kajsa, die Karolina zur Tochter bekam.

Karolina gebar Berta, die Anita gebar.

Anita gebar Karin.

DAS TROLLKIND – VOR 54.000 JAHREN

DIE FRAU, DIE MEINE VERWANDTE WERDEN SOLLTE, ging mit schnellen Schritten den Berg hinab. Sie eilte zum See im Tal hinunter. Heute nennen wir ihn den See Genezareth. Zu jener Zeit war er sehr viel größer. Heutige Geologen haben ihm wegen seiner länglichen Form nachträglich den Namen Lisan gegeben, der Zunge bedeutet. Welchen Namen die Frau und ihre Gruppe für diesen See hatten, wissen wir nicht.

Sie war jung und schlank, ihr Haar war schwarz und kraus und ihre Haut dunkelbraun. Abgesehen von einer Kordel um die Hüften hatte sie nichts am Leib. Von der Hüftkordel baumelten Ketten aus rot und grün gefärbten Schneckenhäusern herab, die rhythmisch im Takt ihrer Schritte schwangen. Zwischen ihren nackten Brüsten hing ein Amulett an einem Lederriemen – eine kleine Vogelfigur aus Gazellenhorn.

Oben auf dem Berg war die Frau einem Mann begegnet. Sein Samen war jetzt in ihrem Unterleib.

Der Mann war ungefähr so groß wie die Frau, aber sehr viel schwerer und kräftiger. Es ist möglich, dass er bei ihrer Begegnung Gewalt anwendete, wogegen sie sich schwerlich hätte wehren können. Sein Gesicht ähnelte nicht den Gesichtern der Menschen, die die Frau bisher getroffen hatte. Seine Nase war viel größer und breiter und das ganze Gesicht wirkte wie nach vorn geschoben.

Seine Augen waren braun, genau wie ihre, aber seine Haut war heller und sein Haar hing glatt herab. Vor allem roch er sonderbar. Das merkte sie erst, als er ihr sehr nahe kam. Er besaß einen stechenden, fremden Geruch.

Obwohl der Mann und die Frau so verschieden waren, wuchs ein Kind im Körper der Frau heran. Als die Zeit der Geburt nahte, war es Winter geworden. Ihre kleine Gruppe hielt sich immer noch am Strand des Sees Lisan auf, aber sie waren viele Kilometer weiter nach Süden gewandert, zurück in Richtung des alten Landes, aus dem sie gekommen waren. Sie errichteten an einer Felswand einige einfache Unterstände und hofften, von den Geschöpfen, die offenbar in dem neuen Land lebten, in Frieden gelassen zu werden. Den Anderen. Oder den Trollen, wie sie sie auch manchmal nannten.

Es fiel ein kühler Regen. Keine roten Tulpen standen mehr an den Berghängen, nur einige trockene Disteln säumten noch das Seeufer.

Die Geburt war schwierig, aber sowohl die Frau als auch das Kind überlebten. Es war ein Junge – ein ungewöhnlich großer und kräftiger Junge. Meine Verwandte wickelte ihn in eine Gazellenhaut und legte ihn vorsichtig auf ein Bett aus trockenen Grashalmen.

Nach drei Tagen hielt die Schamanin eine Zeremonie ab. Sie tanzte wild, bis sie Kontakt zu den Göttern hergestellt hatte. Währenddessen saß der Rest der Gruppe rund um das Feuer und sang. Als die Schamanin aus der Welt der Götter zurückkehrte, hatte sie einiges über die Zukunft des Kindes zu berichten. Sie sagte, dass der Junge viele Nachkommen haben werde. Sie würden in alle Himmelsrichtungen wandern und sich über alle Gegenden verbreiten, ohne Ende. „Er soll der Sohn der Götter heißen und die Götter sollen dir Kraft geben, damit du ihn aufziehen kannst“, sagte die Schamanin zu der jungen Mutter.

So sprach sie sonst niemals über Neugeborene. Aber die Schamanin war eine kluge Frau. Sie erkannte, dass die Frau, die meine Verwandte werden sollte, einen besonderen Auftrag brauchte, wenn das Kind überleben sollte. Die Gruppe durfte keine Kinder mehr verlieren, sonst hätten sie in dem neuen Land keine Zukunft.

Glücklicherweise erwies sich der Junge als gesund und kräftig. Er aß mit gutem Appetit. Nach der Muttermilch bekam er geschabtes Fleisch und Kräuter. Er trank das Wasser aus den Bächen und bekam nicht einmal Bauchschmerzen.

Doch er sah nicht so aus wie andere Kinder. Seine Haut war heller. Sein Kinn war kleiner und fiel schräg zum Hals hin ab. Seine Augenbrauen waren kräftiger. Als sein Haar länger wurde, hing es glatt herunter. Hinter dem Rücken der Mutter nannten die Mitglieder der Gruppe das Kind „das Trolljunge“. Sie sagten es liebevoll, doch sie hegten ihre eigenen Vermutungen über seine Herkunft.

Allmählich wagten sie sich wieder in die Berge im Norden zurück, trotz der Anderen. Die Gegend, die wir heute Galiläa nennen, bot günstige Lebensbedingungen – sie war reich an Gazellen und Auerochsen und anderem Wild. Sie fanden eine schöne große Kalksteinhöhle, die ihnen im Winter Schutz bot.

Nur selten bekamen sie einen der Anderen zu Gesicht und fast immer nur aus großer Entfernung. Ab und zu kamen sie in Hörweite. Die Anderen redeten seltsam und ihre Sprache war völlig unverständlich. Ihrer Kleidung fehlte jeder Schmuck.

Der Trolljunge begann erst spät zu sprechen und interessierte sich nicht wie die anderen Kinder für Geschichten. Aber er konnte mindestens genauso gut mit Feuerstein, Holz und Häuten umgehen wie seine Altersgenossen. Man brauchte ihm nur zu zeigen, wie er es machen sollte.

Um diese Zeit wurden die Winter ungewöhnlich kalt, nass und hart. Viele Kleinkinder wurden krank, einige starben. Aber der Trolljunge wuchs und wurde immer stärker.

Die Gruppe kümmerte sich gut um ihn. Sie bedachten ihn mit besonderer Fürsorge, wie immer bei denen, die ein bisschen anders waren. Außerdem – aber das sagten sie niemals laut – befürchteten sie, dass jemand kommen und ihn ihnen wegnehmen könnte.

Einige Jahre später starb die Frau, ohne etwas über den Mann verraten zu haben, dem sie an jenem Frühlingstag begegnet war, als die Tulpen an den Berghängen rot blühten.

Doch die Worte der Schamanin gingen in Erfüllung. Das Trollkind bekam tatsächlich eine große Zahl Nachkommen, die in alle Himmelsrichtungen wanderten und sich über alle Gegenden verbreiteten, ohne Ende.

NEANDERTALER IN LEIPZIG

DIE MEISTEN VON UNS HABEN EINIGE TROLLJUNGE unter ihren Ahnen. Ein kleiner Teil unseres Erbguts stammt von „Den Anderen“, die wir heute Neandertaler nennen.

Bei Menschen, die wie ich aus Europa stammen, betrifft das knapp zwei Prozent der gesamten DNA. Das ist ein Verhältnis, als ob ein Neandertaler der Großvater meiner Ur-Ur-Großmutter wäre. Ein Trolljunges, das einen Neandertaler als Vater hat, könnte dann der Vater meiner Ur-Ur-Großmutter sein.

So verhält es sich natürlich nicht. Der Großvater meiner Ur-Ur-Großmutter lebte im 19. Jahrhundert. Die Kreuzung zwischen Neandertalern und modernen Menschen geschah aber sehr viel früher, vor ungefähr 54.000 Jahren.

Doch die Erbanlagen haben sich über die Jahrtausende erhalten. Das hängt damit zusammen, dass die Bevölkerung damals sehr klein war. Dadurch konnten einige wenige Kreuzungen mit Neandertalern so große Auswirkungen bekommen. Außerdem waren einige der Erbanlagen der Neandertaler recht nützlich. Sie erhöhten die Chancen, zu überleben und wiederum eigene Kinder zu bekommen.

Unser sexueller Austausch mit den Neandertalern muss im Nahen Osten stattgefunden haben – einem Korridor, den alle Menschen auf ihrem Weg von Afrika in andere Teile der Welt durchquerten. Es kann sehr gut in Galiläa passiert sein, denn archäologische Funde belegen, dass moderne Menschen und Neandertaler dort zur gleichen Zeit lebten. Oder es ist ein wenig weiter nördlich geschehen, zum Beispiel im heutigen Libanon.

Die Neandertaler waren die Ersten in diesem Gebiet. Ihre Vorfahren waren mehrere Tausend Jahre vor uns aus Afrika ausgewandert. Spuren der Neandertaler finden sich von Spanien im Westen bis nach Sibirien im Osten. Einer der ersten Funde wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Neandertal in Deutschland gemacht, daher der Name „Neandertaler“.

Seit dem Fund im Neandertal und bis vor wenigen Jahrzehnten betrachteten die meisten Forscher die heutigen Europäer als eine Art Enkel der Neandertaler. Man nahm an, dass wir uns hier über lange Zeit von anderen Völkern isoliert entwickelt und dadurch ein typisch europäisches Aussehen mit heller Haut und glatten Haaren herausgebildet hatten. Menschen in Afrika und Asien hätten demzufolge ihre eigenen Entwicklungsgeschichten; Asiaten sollten beispielsweise auf andere Urmenschen wie den Pekingmenschen und den Javamenschen zurückgehen.

 

Diese Annahmen werden die „Multiregionale Hypothese“ genannt und sie sind größtenteils falsch. Dennoch enthalten sie einige Körnchen Wahrheit. Die neue DNA-Technik hat diese Körnchen sichtbar gemacht.

Mehr als jeder andere hat der in Schweden geborene Svante Pääbo durch die Untersuchung alter DNA zur Erforschung der frühen Geschichte des Menschen beigetragen.

Heute ist er einer der bekanntesten Forscher der Welt und leitet die Abteilung für Evolutionäre Genetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die er selbst mit begründet hat.

Während der Arbeit an diesem Buch besuche ich das Institut zweimal. Es liegt in einem großen, eigens hierfür errichteten Gebäude, durch dessen Glaswände Licht hereinflutet. In einem Atrium glitzert Wasser in einem von Grünpflanzen umgebenen Teich. Die Kletterwand im Eingangsbereich wurde nach Anweisungen von Svante Pääbo errichtet und erstreckt sich über alle vier Geschosse. Junge Forscher trainieren an dieser Wand, bevor sie zu Feldstudien nach Afrika reisen, um in Baumkronen lebende Affen zu beobachten. Neben der Kletterwand steht ein Flügel, den der Chor zum Üben nutzt. All das deutet schon den besonderen Charakter des Instituts an. Die Wissenschaftler arbeiten in verschiedenen Forschungsgebieten wie Psychologie, Paläontologie und Linguistik, um zu verstehen, wie wir uns zu den Menschen entwickelt haben, die wir heute sind. Die hauptsächlichen Forschungszweige des Instituts sind jedoch die Molekularbiologie und die DNA-Forschung.

Das Labor für die Gewinnung alter DNA liegt im Keller, damit keine unerwünschten Verunreinigungen eindringen können. Hier unten arbeiten Svante Pääbo und seine jungen Kollegen an der Weiterentwicklung der Technik. Mittlerweile haben sie zahlreiche Konkurrenten in verschiedenen Ländern, aber die Gruppe in Leipzig ist immer noch führend in der Welt. In der Woche, in der ich das Institut zum zweiten Mal besuche, veröffentlichen sie gerade eine Studie über die DNA eines ungefähr 400.000 Jahre alten Urmenschen in Spanien, der somit aus einer Zeit stammt, in der sich der Neandertaler noch gar nicht entwickelt hatte.

Svante Pääbo arbeitet im Bereich der Spitzenforschung, die Technik und Wissenschaft vorantreibt. Berühmt gemacht haben ihn jedoch die Neandertaler, und dank seiner immer höher aufgelösten Analysen der Neandertaler-DNA ist er auch einem breiten Publikum bekannt geworden.

Als ich sein Büro betrete, empfängt mich als Erstes das Skelett eines Neandertalers, das zwischen Schreibtisch und Sitzgruppe eingezwängt ist. Es besteht aus Nachbildungen verschiedener Knochen, die bei Ausgrabungen gefunden wurden. Der Neandertaler ist klein und von kräftigem Körperbau. Svante Pääbo dagegen ist groß und schlank und hat ein längliches Gesicht.

Zeitungen in aller Welt berichteten seitenweise sowohl über seine Forschung als auch über seinen ungewöhnlichen familiären Hintergrund als heimlicher außerehelicher Sohn von Sune Bergström, Nobelpreisträger und Rektor des Karolinska-Instituts. In seiner interessanten Autobiografie Der Neandertaler und wir hebt Svante Pääbo vor allem die Rolle seiner aus Estland geflohenen Mutter, der Lebensmittelchemikerin Karin Pääbo, hervor. Als er dreizehn Jahre alt war, nahm sie ihn auf eine Reise nach Ägypten mit, wo er von den Mumien fasziniert war. So kündigte sich seine Karriere als Forscher an.

Svante Pääbo wuchs in dem Stockholmer Vorort Bagarmossen auf, lernte Russisch in der Dolmetscherschule des Militärs (einer der schwierigsten Ausbildungsgänge der Streitkräfte) und studierte Ägyptologie und Koptisch an der Universität Uppsala. Nach ein paar Jahren wechselte er von der Ägyptologie zur Medizin und begann nach vier Jahren Medizinstudium in der Zellbiologie zu forschen.

Seine Arbeit bestand in der Erforschung eines Virusproteins. Daneben versuchte er heimlich, DNA von tausendjährigen Mumien zu isolieren. Sein Chef ahnte nichts davon, bis Svante Pääbo seinen ersten wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er erschien in einer ostdeutschen Zeitschrift, weil Pääbo die ersten Mumien aus einem Museum in Ostberlin bekommen hatte.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es sich bei dem, was Svante Pääbo für sensationelle Mumien-DNA gehalten hatte, wahrscheinlich überwiegend um Verunreinigungen durch heutige Menschen handelte. Doch die Idee war geboren: Er hatte bewiesen, dass DNA in mehrere Tausend Jahre altem Gewebe überleben kann.

Im Westen nahm niemand von dem ostdeutschen Artikel Notiz. Ein Jahr später veröffentlichte Pääbo jedoch einen Beitrag in der britischen Zeitschrift Nature, der großes Aufsehen erregte. Unter anderem erhielt Pääbo einen Brief von Allan Wilson von der Universität Berkeley in Kalifornien, der damals einer der führenden Spezialisten für Evolution und DNA war. Wilson bat darum, in „Professor Pääbos“ Labor arbeiten zu dürfen. Svante Pääbo war damals gerade dreißig Jahre alt geworden. Er hatte seine Doktorarbeit noch nicht abgeschlossen und es stand ihm selbstverständlich kein eigenes Labor zur Verfügung.

Stattdessen wurde vereinbart, dass Svante Pääbo in Allan Wilsons Labor in Kalifornien forschen durfte. Dort hatten Wilson und seine Mitarbeiter begonnen, DNA-Technik zu benutzen, um Licht ins Dunkel der menschlichen Frühgeschichte zu bringen.

1987 konnten sie die erste Studie veröffentlichen, die mithilfe der DNA-Technologie belegt, dass der Ursprung aller heute lebenden Menschen in Afrika liegt. Unsere gemeinsame Urahne war eine Frau, die vor ungefähr 200.000 Jahren in Afrika lebte und „mitochondriale Eva“ genannt wird. Der Name „Eva“ ist natürlich eine Anspielung auf die biblische Schöpfungsgeschichte. Mitochondrien sind spezielle Strukturen in Zellen, die kleine Mengen DNA enthalten. Anfangs stützten sich alle DNA-Analysen zum Ursprung der Menschheit ausschließlich auf mitochondriale DNA. Die ist nämlich weitaus leichter zu untersuchen als DNA aus dem Zellkern, da die meisten Zellen Tausende Mitochondrien enthalten, aber nur einen Zellkern. Allerdings kann man mit Mitochondrien-DNA ausschließlich Herkunftsnachweise in weiblicher Abstammungslinie führen, weil wir unsere Mitochondrien nur von unseren Müttern erben.

Schon 1987 war die Technik also ausgereift genug, um der mitochondrialen „Eva“ auf die Spur zu kommen, auch wenn die Arbeitsmethoden aus heutiger Perspektive äußerst umständlich anmuten. Die jungen Wissenschaftler in Allan Wilsons Labor besuchten Entbindungsstationen in Kalifornien und sammelten Mutterkuchen von Frauen aus unterschiedlichen Teilen der Welt ein. Mühevoll extrahierten sie daraus die DNA und berechneten die Resultate mit ihren primitiven Computern.

Linda Vigilant, die heute mit Svante Pääbo verheiratet ist, war Doktorandin bei Allan Wilson. Sie führte einige Jahre später eine Folgestudie zur mitochondrialen „Eva“ durch. Die Computer waren immer noch so leistungsschwach und langsam, dass die Berechnungen eine Woche dauerten. Aber die DNA-Technik hatte große Fortschritte gemacht. Ein kalifornischer Wissenschaftler hatte eine Kopiermethode entwickelt, die PCR genannt wird und einige Jahre später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Mithilfe dieser Kopiermethode konnten die Wissenschaftler nun statt der Mutterkuchen einzelne Haare als Arbeitsmaterial nutzen. Anthropologen in verschiedenen Erdteilen halfen bei der Beschaffung von Haaren aller möglichen Ethnien. Und die Ergebnisse der ersten Studie bestätigten sich: Vor ungefähr 200.000 Jahren lebte in Afrika eine Frau, von der alle heute lebenden Menschen abstammen. Sie ist unser aller gemeinsame Urahne.

Einige Jahre später, 1995, konnten amerikanische Wissenschaftler Erkenntnisse über das männliche Gegenstück der mitochondrialen „Eva“ veröffentlichen. Es wird „Adam des Y-Chromosoms“ genannt. Die verbesserte DNA-Technik und die immer leistungsfähigeren Computer hatten es ermöglicht, Y-Chromosomen von Männern aus verschiedenen Erdteilen zu vergleichen. Y-Chromosomen enthalten sehr viel mehr DNA als Mitochondrien und werden nur vom Vater auf den Sohn vererbt. Sie können also nur für Stammbäume in der direkten männlichen Linie verwendet werden. Die Ergebnisse zeigen, dass vor ungefähr 200.000 Jahren ein Mann lebte, der der Urahn aller heute lebenden Männer war. Auch dieser Adam des Y-Chromosoms lebte in Afrika.

Damit war die Sache klar. Die Multiregionale Hypothese war tot. Die Wiege des modernen Menschen stand in Afrika.

Die DNA-Technik verbesserte sich stetig. Nicht zuletzt von Svante Pääbo selbst wurden Schritt für Schritt Methoden entwickelt, mit denen man mehrere Tausend Jahre alte Proben analysieren kann. Bei der Untersuchung fossiler Tiere lernte er, die Proben sauber zu halten. Die Schwierigkeit bestand darin, Verunreinigungen durch Staub, alte Bakterien und durch die Berührung heutiger Menschen zu vermeiden.

Nach seiner Zeit in Kalifornien erhielt er einen Ruf als Professor an ein zoologisches Institut in München. Dort schärfte er seinen zwei Doktoranden ein, das Labor jede Nacht mit ultraviolettem Licht zu bestrahlen, sich jeden Morgen auf direktem Wege zu ihrem Speziallabor zu begeben, ohne andere Labors mit DNA-Proben zu durchqueren, sowie zahlreiche weitere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.

Im Sommer 1997 veröffentlichte Svante Pääbo eine DNA-Analyse des berühmtesten Neandertalers der Welt – eben jenes Skeletts, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Neandertal gefunden worden war und allen Neandertalern ihren Namen gegeben hatte. Dieses Mal waren die Resultate viel verlässlicher als die der alten Mumie zwölf Jahre zuvor.

Die Analyse basierte auf Mitochondrien-DNA und lieferte den eindeutigen Beweis, dass die Neandertaler nicht die Vorgänger der modernen Europäer gewesen sein können. Wir sind nicht ihre Urenkel, zumindest nicht in direkter mütterlicher Abstammungslinie. Unseren Verwandtschaftsgrad könnte man eher mit zwei Gruppen Cousinen vergleichen, die vor sehr viel längerer Zeit aus einem gemeinsamen Ursprung hervorgegangen sind.

Diese Studie erlangte weithin große Beachtung. Svante Pääbo wurde zum Stern am Wissenschaftshimmel, vor allem in Deutschland, wo die Neandertaler seit ihrer Entdeckung im 19. Jahrhundert einen ganz besonderen Status besaßen.

Leider muss ich zugeben, dass ich die Nachricht von dieser bahnbrechenden Studie verpasst habe. Nur wenige Monate vorher hatte ich als Wissenschaftsredakteurin bei der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter angefangen. Noch kannte ich nicht alle Zeitschriften, die ein Wissenschaftsredakteur im Blick haben muss, und ich stand auch nicht in den entsprechenden Verteilern, um Informationen aus erster Hand zu bekommen oder zu Pressekonferenzen eingeladen zu werden.

Doch traf ich Svante Pääbo einige Wochen später in Oslo bei einem Seminar über die neue Gentechnik und bei einem gemeinsamen Abendessen wurde mein Interesse für sein Forschungsgebiet ernsthaft geweckt. Seitdem habe ich ihn häufig interviewt, seine Vorträge besucht und in Dagens Nyheter berichtet, wenn seine Forschungsergebnisse in den führenden wissenschaftlichen Zeitschriften der Welt erschienen.

Nach den ersten Mitochondrienanalysen ging er dazu über, Kern-DNA zu untersuchen. Das ist wie gesagt deutlich komplizierter. Doch wenn es gelingt, erhält man ein sehr viel vollständigeres Bild, da die Mitochondrien nur einige Tausendstel Prozent unserer gesamten DNA enthalten und darüber hinaus nur in mütterlicher Linie vererbt werden können. Der Rest unserer DNA befindet sich im Zellkern, und diese DNA erben wir von beiden Elternteilen.