Transkulturalität - Prozesse und Perspektiven

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Jürgen Erfurt

Transkulturalität - Prozesse und Perspektiven

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Umschlagabbildung: Luftaufnahme der Durchzüge, die durch Linien verbunden sind. Foto: Orbon Alija. Stock-ID: 1180187740

© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

utb-Nr. 5542

ISBN 978-3-8252-5542-8 (Print)

ISBN 978-3-8463-5542-8 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

 Kapitel 1: Transkulturelle Verflechtungen1.1 Das Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main: eine ethnografische Annäherung1.2 Transkulturalität als Prozess und als Perspektive1.3 Gegenstand und Ziele des Buchs1.4 Aktualität des Buchs

 Kapitel 2: Kultur und Kulturen im Konfliktmanagement2.1 Problemskizze, Leitfrage und Argumentation2.2 Das „Neldesche Gesetz“: Kein Kontakt ohne Konflikt2.3 Was ist Kultur?2.4 Bi-, Multi-, Interkulturalität als Konzepte des Konfliktmanagements2.5 Im Schatten von Multikulturalismus und Interkulturalität: ‚Kultureller Genozid‘ an der autochthonen Bevölkerung2.6 Kulturalität und die Kulturalisierungsregimes im Spätkapitalismus2.7 Auf dem Weg zu Transkulturalität: Schlüsselbegriffe2.7.1 Ungleichheit2.7.2 Differenz2.7.3 Emergenz2.8 Transkulturalität

 Kapitel 3: Transkulturalität – Migration oder Neuerfindung des Konzepts?3.1 Problemskizze und Argumentation3.2 Fernando Ortiz: Grundlegung aus der Perspektive der Anthropologie3.3 Ángel Rama und Mary Louise Pratt: Von der Anthropologie zur Literaturwissenschaft3.4 Vice Versa: Transkulturalität als dritter Weg in Québec3.5 Wolfgang Welsch: Transkulturalität als philosophisches Konzept3.6 Synoptische Darstellung zur Begriffsgeschichte von Transkulturalität3.7 Transkulturalität im Paradigma des Spatial turn3.8 Transkulturalität als Bedrohung?

 Kapitel 4: Konzepte und Felder transkultureller Forschung4.1 Gegenstand und Einordnung4.2 Mischung und Hybridität4.3 Diaspora und diasporische Lesart4.4 Erinnerung in Bewegung4.5 Migrantisches Schreiben – Literaturen ohne festen Wohnsitz4.6 Sprachbiografie4.7 Generation4.8 Translatio4.9 Vernetzung der Konzepte

 Kapitel 5: Transkulturalität, Sprache und Mehrsprachigkeit5.1 Problemskizze, Leitfrage und Thesen5.2 Sprache und Kultur5.3 Sprache und Sprachen5.4 Transkulturalität ante litteram und die Sprachen5.4.1 Hugo Schuchardts Kreolstudien5.4.2 Hugó Meltzls komparatistische Studien5.4.3 Jules Ronjats Untersuchungen zum bilingualen Sprachenlernen5.4.4 Uriel Weinreichs Forschungen zu Sprachkontakt und Minderheitensprachen5.5 Sprachausbau und die Restrukturierung sprachlicher Repertoires5.5.1 Fallstudie 1: Mehrsprachigkeit in Moldova5.5.2 Fallstudie 2: Sprachliches Lernen in einer frankophonen Grundschule in Vancouver5.6 Sprache und Mehrsprachigkeit in transkultureller Perspektive5.7 Sprachliche Verhältnisse im frühen 21. Jahrhundert

 Kapitel 6: Entflechtungen von Transkulturalität6.1 Verflechtungen und Entflechtungen6.2 Operationalisierung transkultureller Forschung

  Literaturverzeichnis

  Register

  Register

Vorwort

„Sie bombardieren uns hier im Seminar mit immer neuen Forschungsansätzen zu Transkulturalität. Können Sie uns denn nicht ein Buch empfehlen, wo man nachlesen kann, was eigentlich die Grundlagen dafür sind und wie sich diese Ansätze einordnen lassen?“ So vehement, wie eine der Studierenden des Masterstudiengangs „Moving Cultures“ ihre Kritik an diesem Seminar vortrug und andere KommilitonInnen ihr prompt darin beipflichteten, so recht hatte sie mit ihrem Ruf nach Orientierungswissen und so hilflos war ich in dieser Situation, denn ein solches Buch konnte ich ihr weder in DeutschDeutsch, noch in EnglischEnglisch, FranzösischFranzösisch oder SpanischSpanisch als den anderen Sprachen des Studiengangs empfehlen. Auch irritierte mich nicht wenig die Frage nach einem Buch. Hatten wir nicht im Semester zuvor, im Wintersemester 2016/17, als Jan Rupp, anglistischer Literaturwissenschaftler aus Heidelberg, und ich, romanistischer Sprachwissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt am MainFrankfurt am Main, gemeinsam die Einführungsvorlesung hielten, eine Vielzahl von Materialien bereitgestellt, die unseres Erachtens auch gut zur Orientierung taugten? Aber so recht befriedigen konnte sie dieser Hinweis nicht; und auch nicht jener auf einige nützliche Texte, die meine KollegInnen in diesem Masterprogramm in ihren Lehrveranstaltungen nutzten. Und erst recht nicht der Hinweis, dass ein solcher Studiengang darauf spekulieren würde, dass sich mit der Zeit aus den unterschiedlichen Forschungsansätzen und Lehrmeinungen in den Köpfen der Studierenden ein Bild davon zusammensetzen würde, was es mit Transkulturalität auf sich habe.

Doch zeigt sich in diesem Ruf nach Orientierungswissen auch die Crux eines solchen Fächergrenzen überschreitenden und arbeitsteilig organisierten Studienprogramms, die immer wieder darin besteht, dass hier ganz unterschiedliche Logiken, Motivationen und Fachkulturen aufeinandertreffen. Und je nachdem, wie intensiv sich die Beteiligten sowohl mit den daraus resultierenden neuen und sie begeisternden Forschungsperspektiven als auch mit den sich in der Lehre abzeichnenden Lücken und Problemen befassen, stellt sich früher oder später, Ermüdung einkalkulierend, auch die Frage danach, auf welches Vorwissen und auf welche bisherigen Positionen rekurriert werden kann – und dies sowohl auf der Seite der Studierenden als auch der der Lehrenden. Dabei ist die Skepsis gegenüber „Kanonwissen“ mindestens ebenso groß, wie es eine Nachfrage nach Basiswissen, Orientierungswissen oder Prüfungswissen gibt. Zugleich artikuliert sich darin aber auch die Notwendigkeit, im Sinne einer KooperationKooperation über Fächer und Fachbereiche hinweg, die jeweiligen Anknüpfungspunkte an die Thematik der Transkulturalität dadurch zu identifizieren, dass die Fluchtlinien der Argumentation deutlich herausgearbeitet werden.

Diesen Zwiespalt vor Augen, verfolgt dieses Buch zwei Anliegen. Es nähert sich problemorientiert dem Gegenstand von Transkulturalität, indem es eine möglichst große Breite an philologisch-kulturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Positionen in Betracht zieht und diese in die Forschungsfelder zu Transkulturalität einordnet. Eine Voraussetzung dafür war und ist die langjährige KooperationKooperation des Autors mit FachkollegInnen anderer Disziplinen und in anderen Wissenschaftskulturen, die es im Übrigen auch mit sich bringt, sich Rechenschaft über die ReichweiteReichweite – und Begrenztheit – des eigenen Tuns abzulegen. Hier knüpft das zweite Anliegen unmittelbar an. Als Sprachwissenschaftler geht es mir darum, für LeserInnen, die keine SprachwissenschaftlerInnen sind, die Bedeutung von Sprache im Kontext von transkulturellen Verflechtungen sichtbar zu machen und zu zeigen, wie Sprache, methodisch kontrolliert, in die Analyse transkultureller Prozesse und Strukturen einfließt. Für SprachwissenschaftlerInnen wiederum soll die Beschäftigung mit Transkulturalität sowohl disziplinexterne Sichtweisen und Analyseansätze sichtbar machen als auch Veranlassung dazu sein, die Zusammenhänge von Sprache und KulturKultur zu reflektieren und insbesondere eine Auseinandersetzung darüber zu führen, wie mit dem Instrumentarium der SprachwissenschaftSprachwissenschaftLinguistik kulturelle Verhältnisse durchdrungen werden können und die Sprache selbst als kulturelles Phänomen in ihrer KulturalitätKulturalität verstanden und analysiert werden kann.

 

Der institutionelle Rahmen, welchem dieses Buch seine Entstehung verdankt, ist der viersprachige Masterstudiengang MCTE1 an der Goethe-Universität Frankfurt am MainFrankfurt am Main. Von AnglistInnen und RomanistInnen 2012 initiiert, stützt sich das Programm dieses Studiengangs auf eine breite inter- und transdisziplinäre KooperationKooperation mit Lehrenden anderer Institute und Fachbereiche quer durch die Universität. Vieles, was in dieses Buch eingeflossen ist, geht auf Anregungen aus dieser Kooperation zurück. Das konkrete Forschungsmaterial freilich stammt aus den Projekten, an denen ich in den letzten zwanzig Jahren gearbeitet habe.

So ist es mir ein besonderes Anliegen, den KollegInnen zu danken, mit denen ich gemeinsam diesen Studiengang aufbauen und gestalten konnte und über die Jahre hinweg in wechselnder Besetzung auch die Einführungsvorlesung gehalten habe: Astrid Erll, Frank Schulze-Engler und Roland Spiller.

Dank gebührt den MitarbeiterInnen meiner Forschungsgruppe am Institut für Romanische Sprachen und Literaturen, in deren Rahmen viele Forschungslinien und -details zu Fragen der Mehrsprachigkeit, des sprachlichen Lernens und der SoziolinguistikSoziolinguistik zur Diskussion standen, die auf die eine oder andere Weise in dieses Buch Eingang gefunden haben: Valérie Fialais, Ludovic Ibarrondo, Atobé Kouadio, Tatjana Leichsering, Marie Leroy, Peter Reimer, Mona Stierwald, Reseda Streb und Anna Weirich.

Ebenfalls danken möchte ich KollegInnen, die über die Jahre hinweg die verschiedenen Forschungsprojekte unterstützt und begleitet oder auch das europäische NetzwerkNetzwerk zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses auf dem FeldFeld, Feldtheorie der Mehrsprachigkeit mitgetragen haben: Klaus Bochmann (Leipzig/Halle), Gabriele Budach (Luxemburg), Véronique Castellotti (Tours), Christine Hélot (Strasbourg), Georg Kremnitz (Wien) und Danièle Moore (Vancouver).

Eine große Hilfe beim Abfassen dieses Buchs waren mir die Anregungen, Einwendungen und Kritiken von Anna Weirich und Helga Bories-Sawala, die frühere Fassungen von fast allen Kapiteln gegengelesen sowie von Astrid Erll, Georg Kremnitz, Marie Leroy, Philine Erfurt Sandhu, Larisa Schippel, Mona Stierwald und Reseda Streb, die eines oder mehrere Kapitel kommentiert haben. Kathrin Heyng vom Verlag Narr Francke Attempto hat als Lektorin den Weg des Manuskripts zum Buch sorgsam und unterstützend begleitet. Joachim Gessinger hat die Abbildungen in die richtige Form gebracht. Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank. Und auch hierbei gilt, dass alle im Text verbliebenen Mängel und Fehler einzig dem Autor anzulasten sind.

Berlin, im Januar 2021

Kapitel 1: Transkulturelle Verflechtungen
1.1 Das BahnhofsviertelBahnhofsviertel in Frankfurt am MainFrankfurt am Main: eine ethnografische Annäherung

Hauptbahnhof Frankfurt am MainFrankfurt am Main. Wer hier ankommt, ist eine oder einer von etwa 460.000 Reisenden und Besuchern1, die täglich den Bahnhof frequentieren: Zigtausende PendlerInnen, die in die Stadt kommen oder sie verlassen; Reisende, die hier in die unterirdisch verkehrenden Züge der S- und U-Bahn umsteigen oder sich zu Fuß, per Rad, Bus, Straßenbahn oder Taxi auf den Weg in oder durch die Stadt begeben; Fernreisende, für die der Kopfbahnhof ein Ort des Umsteigens und der Weiterreise ist, zum Flughafen Frankfurt oder an andere Orte.2 Meist herrscht Gedränge. Besonders groß ist es auf dem Querbahnsteig, wo der Schritt der Eiligen gebremst wird von anderen Reisenden mit großem oder kleinem Gepäck, von Wartenden oder von den KundInnen der zahlreichen Imbissstände. Mobilität und Stau gehören auch hier zusammen. An die weitgespannte Bahnsteighalle schließt sich die große neoklassizistische Empfangshalle an, die – soviel Geschichte sei hier schon einmal eingeflochten – die Bombardements der Stadt im Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter relativ unbeschadet überstanden hat. Nach Osten hin öffnen sich die Türen zum Bahnhofsvorplatz und zu einem Stadtviertel, das als BahnhofsviertelBahnhofsviertel Sinnbild für urbane Wandelprozesse, soziale Konfliktlagen, kulturelle DiversitätDiversitätkulturelle und Modernisierungsschübe unterschiedlichster Art ist.

Knapp zwei Drittel der Einwohner dieses zweitkleinsten Stadtviertels von Frankfurt am MainFrankfurt am Main, das gerade einmal einen halben Quadratkilometer groß ist, haben MigrationsbiografienMigrationsbiografie, 65 Prozent seiner laut Stadtverwaltung Ende 2019 registrierten 3552 Einwohner.3 So gering die Einwohnerzahl in diesem Quartier auch sein mag, an Dynamik und Geschäftigkeit steht es dem Kommen und Gehen auf dem Bahnhof kaum nach. Groß ist die Menge der Büro- und Geschäftsflächen, der Praxen und Kanzleien, der Hotels, Gaststätten, Bars und Cafés, die sich in den vielen Gründerzeithäusern wie auch in den gesichtslosen Lückenbebauungen der 1950er Jahre eingerichtet haben. Die Kaiserstraße, am Ende des 19. Jahrhunderts direkt auf den Bahnhof zuführend mit prachtvollen Häusern bebaut, ist heute, im Zuge von Gentrifizierungsprozessen des Viertels, wieder ein Ort für noble Geschäfte und aufwendige Gebäudesanierungen, darunter auch des Hauptbahnhofs selbst.4 Wer vom Hauptbahnhof kommend durch die Kaiserstraße in die Innenstadt unterwegs ist, durchquert auf kurzem Weg das BahnhofsviertelBahnhofsviertel, so wie die vielen Angestellten, die in Business-Kostüm und Anzug in den Bank- und Geschäftstürmen am Rande des Viertels ihrer ArbeitArbeit nachgehen und auch die Klientel der umliegenden Gastronomiebetriebe bilden.

Seinen bisweilen äußerst zweifelhaften Ruf bezog das BahnhofsviertelBahnhofsviertel indessen aus dem Leben in den Parallel- und Seitenstraßen zur Kaiserstraße: nördlich von ihr in der Taunus- und Niddastraße und den Querstraßen der Mosel-, Elbe- und Weserstraße, oder südlich von ihr, in Richtung Mainufer, in der Münchener Straße, der Gutleutstraße und der vielbefahrenen Wilhelm-Leuschner-Straße sowie den Hinterhöfen zwischen diesen Straßenzügen. Das Leben in diesen Straßen ist so vielfältig wie sonst kaum noch einmal in Frankfurt. Und ambivalent noch dazu, so dass sich die verbreiteten Etiketten als „Rotlichtviertel“, als Viertel des Drogenhandels, der Beschaffungskriminalität und der „Drückerstuben“5, als Migrantenviertel, als Szene- und Partyviertel allesamt zwar auf bestimmte soziale Milieus beziehen lassen, das Leben in diesem Viertel aber auch mit ganz anderen Augen gesehen werden kann. Begeben wir uns also auf den Weg durch dieses Viertel.

Abb. 1.1:

BahnhofsviertelBahnhofsviertel Frankfurt am MainFrankfurt am Main6

Parallel zur Kaiserstraße, entlang der Münchener Straße konzentrieren sich die Lebensmittelgeschäfte und Supermärkte der EthnoökonomieEthnoökonomie, Läden für asiatische Produkte, Schnellrestaurants mit Döner-, Kebab- und anderen Gerichten, Reise- und Touristikagenturen und – Tür an Tür mit ihnen – einige der angesagten Bars und Kneipen der Stadt.

Als ich nahe der Ecke Münchener Straße/Elbestraße ein Bistro besuche, weist ein Plakat am Eingang auf eine Ausstellung im Hinterraum hin. Ausgestellt werden Bilder und Zeichnungen von Frauen, die nach 2015 als GeflüchteteGeflüchtete aus Syrien und Afghanistan nach Frankfurt am MainFrankfurt am Main kamen. Die FluchtFlucht aus ihren Herkunftsländern hat bei ihnen traumatische Spuren hinterlassen. Angeleitet von einer Künstlerin und einer Psychotherapeutin reflektierten diese Frauen ihre Erfahrungen im Malen und Zeichnen von Bildern. Kunsttherapie einerseits, Dokumentation globaler Verwerfungen und transnationaler Fluchterfahrungen andererseits, ausgestellt in einer kleinen Galerie im Stehbistro eines türkischen Inhabers im Frankfurter BahnhofsviertelBahnhofsviertel. Und auch das ist bemerkenswert: Im Gästebuch hatten sich am Tag zuvor SchülerInnen einer benachbarten Schule eingetragen, die sich die Ausstellung ansahen.

Von dieser Galerie sind es nur wenige Schritte in der Elbestraße zu dem Ort, an dem die internationale Kunstszene einen ihrer Standorte in Frankfurt etabliert hat, kurz die „Basis“ genannt. Die „Basis“ ist ein Haus voller Ateliers und Arbeitsräume für junge KünstlerInnen und Kreative. Gleich um die Ecke, nur drei Minuten zu Fuß von hier entfernt, in der Gutleutstraße, befindet sich das zweite der vier Atelierhäuser des Vereins „basis e.V.“. Allein an diesen beiden Standorten sind es etwa 100 KünstlerInnen aus der ganzen Welt, die ein Atelier bezogen haben.7 Seit 2006 stellt die „Basis“ preisgünstige Arbeitsräume zur Verfügung, kuratiert die Ausstellungen der KünstlerInnen und unterhält ein internationales Austauschprogramm. „VernetzungVernetzung“ und „Vermittlung“ sind wiederkehrende Schlüsselworte in der Programmatik der „Basis“, Vernetzung innerhalb globaler Kunstprozesse einerseits und Vermittlung künstlerischer Inhalte und der Rolle der Kunst in der Gesellschaft andererseits.

In den späten 1990er Jahren, als das BahnhofsviertelBahnhofsviertel mit Meldungen über Drogen, Prostitution, Kriminalität und Verfall noch immer und immer wieder in den Schlagzeilen stand und die Mieten auch deshalb hier noch erschwinglich waren, zogen die ersten KünstlerInnen und Kreativen in leerstehende Räume ein. Der Magistrat der Stadt griff diese Entwicklung auf und förderte die Nutzung von Immobilien als Arbeits- und Ausstellungsräume für innovative Gegenwartskunst. Die „Basis“ ist einer der Akteure auf diesem FeldFeld, Feldtheorie; die Kunstgalerien im Viertel, die nahe gelegene Städel-Kunstschule auf der anderen Mainseite sind weitere. Zielte die Stadtentwicklungspolitik der frühen 2000er Jahre auf eine Aufwertung des Bahnhofsviertels und zeigten sich mit dem „Frankfurter WegFrankfurter Weg“ Erfolge in der Drogenpolitik und der Kriminalitätsprävention, um nur diese zwei Aspekte zu erwähnen, so drehte sich in den letzten Jahren der Wind im Bahnhofsviertel spürbar in Richtung Gentrifizierung.8 Für schmale Budgets, nicht nur der jungen Kreativen, wird der Platz zunehmend enger.

Mitten im baulich stark verdichteten BahnhofsviertelBahnhofsviertel, auf halbem Wege zwischen Kaiserstraße und Mainufer, liegt entlang der Moselstraße der Schulhof und das Gebäude der Karmeliterschule, eine Grundschule für die Klassen 1 bis 4, die noch mehr als das Stadtviertel insgesamt von sprachlicher und kultureller DiversitätDiversitätkulturelle geprägt ist. Wenn in Frankfurt am MainFrankfurt am Main seit Anfang der 2000er Jahre die Zahl der Schulanfänger mit MigrationsbiografienMigrationsbiografien jährlich zunächst bei über 50 Prozent und heute bei deutlich über 60 Prozent9 liegt, so ist dieser Prozentsatz in der Karmeliterschule signifikant höher. Die Karmeliterschule ist deshalb auch einer der ersten beiden Akteure eines Modellprojekts zur Förderung von MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit, das unter dem Titel „mitSprachemitSprache“ vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkAAmt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA))10 und dem Staatlichen Schulamt 2001/02 aufgelegt wurde. In den folgenden Jahren kommen weitere fünf Grund- und weiterführende Schulen hinzu sowie, von 2009 an, auch fünf Frankfurter Kitas. Das Förderprogramm „mitSprache“ wendet sich an Schulen, in denen 80 und mehr Prozent der SchülerInnen MigrationsbiografienMigrationsbiografien haben und viele dieser Kinder in Familien aufwachsen, in denen kein oder kaum DeutschDeutsch gesprochen wird. Für die jeweilige Schule bedeutet das, mit einem hohen Maß an sprachlicher Diversität Diversitätsprachlicheumgehen zu müssen, für die Kinder wiederum, dass die schulischen Lernkontexte in Deutsch quer liegen zu ihren familiär praktizierten HerkunftssprachenHerkunftssprachen bzw. den Sprachen der MigrationMigrationArbeits-, Bildungs-, Heirats-, Pendel-. Genau in diesem Spannungsbogen setzt das Konzept des Modellprojekts „mitSprache“ an. Es legt den Akzent auf ein Bündel von Aktivitäten, die anderes bewirken wollen als dem Prinzip sprachlicher Assimilation – alles was zählt ist die Beherrschung des Deutschen – zu folgen. So wird einerseits die AneignungAneignung des Deutschen als ZweitspracheZweitsprache im Zusammenhang mit der Förderung der Mehrsprachigkeit der Kinder gesehen, andererseits setzt „mitSprache“ auf die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern sowie auf die Fortbildung des Lehr- und Erziehungspersonals zu Fragen der sprachlichen DiversitätDiversitätsprachliche und des Lernens in mehreren Sprachen (vgl. AmkA 2007, Küpelikilinc/Taşan 2012, Leichsering 2009, 2014). Studierende der Goethe-Universität Frankfurt am Main, die in der Karmeliterschule hospitierten, zeigten sich immer wieder beeindruckt vom Engagement und Ideenreichtum der LehrerInnen, von der wertschätzenden und freundlichen Atmosphäre in der Schule und den Lernfortschritten der Kinder.

 

Einige Jahre zuvor hatte das AmkAAmt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA) bereits das Programm „Mama lernt DeutschDeutsch“ (1997ff.) konzipiert, das später um den Zusatz „Papa auch“ erweitert wurde. Während die Kinder in der Schule sind, so die Grundidee, sollen die Mütter von einem niedrigschwelligen stadteilbezogenen Angebot zur sprachlichen Basisorientierung profitieren können (vgl. Lochmann/Loreth 2008). Von diesen beiden Programmen, „mitSprachemitSprache“ und „Mama lernt Deutsch – Papa auch“ gingen starke Impulse für die gesamte Integrationsdiskussion auf kommunaler Ebene in DeutschlandDeutschland aus. Beide Programme hatten über viele Jahre hinweg in der Karmeliterschule einen festen Platz, bis „mitSprache“ als Modellprojekt, trotz positiver Evaluation und ohne, dass ein entsprechendes Folgeprogramm existierte, 2013 eingestellt wurde.

Kehren wir von der Karmeliterschule zurück zum Hauptbahnhof und begeben uns in den von der Kaiserstraße aus nördlich gelegenem Teil des Bahnhofsviertels. Dieser Teil erstreckt sich über die Taunusstraße und die Niddastraße zur Mainzer Landstraße. Die breite sechsspurig befahrene Mainzer Landstraße hebt sich mit ihren Neubauten und Hochhäusern deutlich vom Stadtbild des Bahnhofsviertels ab. Zu beiden Seiten ist sie von den modernen Gebäuden zahlreicher Banken und Dienstleistungsunternehmen gesäumt. Deren Aktivitäten hat der PopArt-Künstler Claes Oldenbourg so fabelhaft ironisch in der Monumentalplastik „Inverted Collar and Tie“, vulgo „Fliegender Schlips“ gespiegelt, die sich vor einem der Bankhochhäuser befindet. Die Stadtentwicklungsplanung ihrerseits hat dafür gesorgt, dass hier und entlang der Taunusanlage das BahnhofsviertelBahnhofsviertel und das Bankenviertel quasi nahtlos ineinander übergehen. Geschäftswelten deutlich verschiedener Art befinden sich seither in direkter Nachbarschaft. In der Taunusstraße wird dies besonders augenfällig. Das Rotlichtmilieu mit seinen zahlreichen Bordellen und Laufhäusern, mit den Bars, Schmuddel- und Zuhälterkneipen und den Etablissements der Sexindustrie11 reicht bis zur Kreuzung Taunusstraße/Weserstraße und stößt auf der gegenüberliegenden Straßenseite an die glitzernden Fassaden der Hochhäuser von Banken und von Verwaltungsgebäuden international tätiger Unternehmen.

Noch in den 1990er Jahren war für viele in Frankfurt das BahnhofsviertelBahnhofsviertel gleichbedeutend mit Rotlicht- und Drogenviertel. Es galt als „Nuttenviertel“, wie es auch noch D. Cohn-Bendit zitierte (vgl. AmkAAmt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA) 2009, 13), als er sich vehement für die Gründung des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten einsetzte. Über die Jahre hinweg verfolgte dieses Amt eine weitsichtige IntegrationspolitikIntegrationspolitik, die zu einer anderen Wahrnehmung der Probleme im Bahnhofsviertel führte. Und wo auch ein Verein wie „Doña Carmen e.V.“, mit Sitz in der Elbestraße, auf seiner Internetseite über Zusammenhänge von MigrationMigrationArbeits-, Bildungs-, Heirats-, Pendel-, Prostitution und Menschenrechten in DeutschDeutsch, EnglischEnglisch und SpanischSpanisch aufklärt. Bedarf an weiteren Sprachen bestünde gewiss.

Die Ansiedlung des Rotlichtmilieus im BahnhofsviertelBahnhofsviertel lässt sich durchaus auch anekdotisch als eine Geschichte transnationaler VerflechtungenVerflechtungen erzählen. Frankfurt am MainFrankfurt am Main war im Zweiten WeltkriegWeltkriegZweiter schwer zerstört. Wie die schon erwähnte große Empfangshalle des Hauptbahnhofs blieb jedoch das Bahnhofsviertel insgesamt relativ intakt. Viele der dort befindlichen Hotels wurden durch die US-Besatzungsstreitkräfte zur Unterbringung von Militärpersonal genutzt. Während die ArmutArmut unter der Stadtbevölkerung groß war, waren die amerikanischen Soldaten vergleichsweise wohlhabend. Aufgeschlossen für Vergnügungen aller Art, brachten sie nicht nur den Jazz nach Frankfurt (vgl. Schwab 2005), sondern organisierten sich mit ihrem Geld auch das „horizontale Gewerbe“. Doch wie der literarisch und filmisch mehrfach verarbeitete Mord an der Prostituierten Rosemarie Nitribitt zeigt, durchzog die Prostitution auch damals schon alle sozialen Milieus.

Im BahnhofsviertelBahnhofsviertel unterwegs, muss aus jener Zeit noch eine andere Geschichte erzählt werden, deren Schauplatz sich gleich um die Ecke in der Niddastraße befindet. Wieder stellt der Zweite WeltkriegWeltkriegZweiter eine Zäsur dar. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Leipzig neben London und New York das führende Zentrum des Welthandels mit Pelzen und Rauchwaren.12 Die Handelshäuser und Kürschner am Leipziger Brühl, in der Nikolai- und Ritterstraße erwirtschafteten einen erheblichen Anteil an den Steuereinnahmen der Stadt. Als sich bei Kriegsende abzeichnete, dass Leipzig dem sowjetischen Sektor und Frankfurt am MainFrankfurt am Main dem amerikanischen Sektor zugeordnet wird, verlagerten schon im Juni 1945 die ersten Pelzhandelsfirmen ihren Sitz vom Leipziger Brühl nach Frankfurt am Main. Viele weitere folgten in den späten 1940er Jahren. Anfangs waren die Firmen noch im Bahnhofsviertel verstreut und zogen dahin, wo Geschäftsräume zu finden waren: in der Kaiserstraße, Taunusstraße, Münchener Straße, Mainzer Landstraße. Als Anfang der 1950er Jahre mit der Neubebauung von Grundstücken mehrere Geschäftshäuser in der unteren Niddastraße in Richtung Hauptbahnhof bezogen werden konnten, konzentrierte sich von da an der Pelzhandel an Frankfurts neuem Brühl. Der Marshall-Plan tat sein Übriges, um das Frankfurter Bahnhofsviertel zu einem neuen Zentrum der Pelz- und Rauchwarenindustrie werden zu lassen und Leipzig den Rang abzulaufen. Die Nähe zum Hauptbahnhof erwies sich – nicht anders als für das Rotlichtviertel – als logistischer Standortvorteil, um die Waren auf kurzem Weg versenden zu können. Die räumliche Nähe zu den Banken wiederum galt für eine Branche, die hochwertige Produkte herstellt und vertreibt, als weiterer Standortfaktor, wiewohl die Gebäude mit ihren Höfen und Hinterhöfen, in denen das Geschäft boomte, eher grau und düster aussahen und wenig mit dem Flair zu tun hatten, das den luxuriösen Produkten anhaftete.

Anfang der 1980er Jahre kam das Wachstum der Branche zum Stillstand; die Moden begannen sich zu drehen. Tierschützer traten auf den Plan. Die Logistik orientierte sich mehr auf den Frankfurter Flughafen als auf den Hauptbahnhof. Die Herstellung von Pelzwaren der unteren Preissegmente wurde mehr und mehr ins Ausland verlagert. In der Produktion von Pelzwaren des oberen Preissegments hingegen spielten die damaligen „Gastarbeiter“ aus Griechenland eine zentrale Rolle. Ein großer Teil von ihnen kam als Pelznäher nach Frankfurt, die eine besondere Technik des Nähens von Nerzen beherrschten und darin den NäherInnen vor Ort deutlich überlegen waren. 1985 gab es in Frankfurt rund 700 in das Handelsregister eingetragene Pelzbetriebe des Kürschnerhandwerks mit griechischen Wurzeln, die vor allem in dem an das „Pelzdreieck“ angrenzenden Block zwischen Nidda-, Mosel-, Elbe- und Taunusstraße angesiedelt waren. Hier befanden sich 65 bis 70 Prozent aller griechischen Pelzbetriebe Deutschlands, zwei davon waren Niederlassungen aus der griechischen Herkunftsregion Kastoria. Aufgrund ihrer besonderen Leistungsfähigkeit stellten sie mit knapp 90 Prozent das Gros der in Frankfurt für die Pelzindustrie arbeitenden Kürschnereien. Etwa 4000 Angehörige der griechischen Gemeinschaft in Frankfurt am MainFrankfurt am Main arbeitete zu dieser Zeit in der Pelzindustrie.13

Die wirtschaftliche Dynamik der griechischen Gemeinschaft in Frankfurt am MainFrankfurt am Main und auch Formen der Pendelmigration zwischen Griechenland und DeutschlandDeutschland dürften die wesentlichen Gründe dafür gewesen sein, für die Kinder der griechischen Familien schulischen Unterricht in griechischer Sprache einzufordern. Noch galt es dabei die Widerstände zu umgehen, die aus der dumpfen und realitätsfernen Immigrationspolitik der alten Bundesrepublik einer Anerkennung der Herkunftssprachen von „Gastarbeitern“ im Wege standen. 1977 erreichte die griechische Gemeinschaft in Frankfurt am Main – und damit sehr viel eher als andere Gemeinschaften von ArbeitsmigrantInnen – die Gründung einer sog. deutsch-griechischen KlasseKlasse, -nverhältnisse an der staatlichen Holzhausenschule im Frankfurter Nordend, einer Grundschule, in der vom griechischen Konsulat finanzierte LehrerInnen im Anschluss an das tägliche reguläre Schulprogramm Unterricht in griechischer Sprache erteilten. Die Billigung dieses Konzepts einer frühen Form bilingualen Lernens war im Grunde darauf ausgelegt, die Rückkehr der Familien nach Griechenland dadurch zu erleichtern, dass die Kinder bereits in Frankfurt schulischen Unterricht in GriechischGriechisch erfahren hatten. Von einem integrierten Curriculum, von einer Verbindung des Unterrichts in den beiden Sprachen oder von einem wechselseitigen Bezug zwischen griechischer und deutscher KulturKultur war dieses Konzept allerdings noch weit entfernt.

Erst 1997, als die MobilisierungMobilisierung der italienischen Gemeinschaft dazu führt, an der Mühlbergschule im Stadtteil Sachsenhausen die erste italienisch-deutsche Grundschulklasse an einer staatlichen Schule in Frankfurt einzurichten, können wir von einem Schulversuch sprechen, der tatsächlich auf bilinguales und bikulturelles Lehren und Lernen ausgerichtet ist. Das Konzept der ‚reziproken ImmersionImmersion, reziproke, two-way-immersion‘ (vgl. Kap. 5), nach welchem Kinder aus beiden Sprachgemeinschaften vom ersten Schultag an gemeinsam unterrichtet werden und beide Sprachen gleichberechtigte Unterrichtssprachen sind, macht seither in Frankfurt Schule. Neben ItalienischItalienisch und DeutschDeutsch auch für FranzösischFranzösisch und Deutsch, jeweils von der Grundschule bis zum Abitur. 14 Dass es bislang keine staatliche Schule und kein Curriculum für TürkischTürkisch und Deutsch und somit für die Sprachen der größten Migrantengruppe in Frankfurt gibt – das Kurdische hierbei ausgenommen –, lässt sich wohl nur mit dem Widerstand der hessischen Kultusbehörden erklären. Städte wie Berlin, Hamburg oder Köln zeigen, wie es besser geht.