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Titel der amerikanischen Originalausgabe

GUARDSMAN OF GOR © 1981 by John Norman

Published in agreement with the author, c/o BAROR INTERNATIONAL INC., ARMONK, NEW YORK, USA

Deutsche Übersetzung: Deborah Barnett

© 2022 by Basilisk Verlag, Reichelsheim

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlagillustration und Logo: Timo Kümmel

Umschlaggestaltung: Timo Kümmel

Satz und Layout: Factor 7

ISBN 978-3-947816-08-8

eISBN 978-3-947816-09-5

Besuchen Sie uns im Internet:

www.basilisk-verlag.de

Inhalt

1 Schiffe des Voskjard

2 Nacht

3 Die Kette wird im Norden durchbrochen

4 Der Keil; Rammbock und Scherklinge

5 Ich sehe die Tamira; ich betrachte die Tuka

6 Wir warten auf Unterstützung von Callisthenes, die nicht kommt; die dritte Flotte Voskjards; wieder ertönen unsere Kampfhörner

7 Ich sehe erneut die Tamira; ich gehe schwimmen

8 Ich verrichte ein Geschäft auf der Tamina; ich kehre zur Tina zurück und bringe einige Dinge mit, die ich interessant finde

9 Ich erwerbe ein weiteres Mädchen; ich frische eine Freundschaft mit zwei alten Bekannten auf

10 Was an unserem Bug hing; wie wir Kliomenes begrüßten

11 Miles aus Vonda und ich beobachten Sklavinnen, indem wir uns den abgeschirmten Balkon oberhalb des zentralen Quartiers der Sklavinnen zunutze machen

12 Wir begrüßen die Flotte Voskjards; der Kurier von Ragnar Voskjard; die Flotte von Policrates

13 Callimachus und ich sind Passagiere auf dem Flaggschiff von Policrates; Policrates wird nach Victoria reisen

14 Ragnar Voskjard trifft auf Policrates; Ragnar Voskjard lernt, dass er nicht der Erste auf dem Fluss ist

15 Victoria

16 Das Beiboot

17 Das Münzmädchen; ich weise sie zurück

18 Der Knebel und die Kapuze

19 Ich werde ein Fest planen; eine Sklavin soll an dem Unterhaltungsprogramm teilnehmen

20 Das Fest; nach dem Fest

21 Der Sklavenring; die Peitsche wird geküsst; schwarzer Wein; eine Sklavin bekommt einen Namen; Ekstase

1Schiffe des Voskjard

Die meisten goreanischen Schiffe haben einen konkav geschnittenen Bug, der anmutig im Wasser versinkt. Eine solche Konstruktion erleichtert das Platzieren von Rammspitzenhalterung und Rammspitze.

Ängstlich, fast wie hypnotisiert, beobachtete ich, wie die erste der grauen Galeeren aus dem Nebel auftauchte, sich schnell bewegte wie etwas Lebendiges und gegen die Kette schlug.

Um mich herum ertönten Kampfhörner. Ich hörte sie in der Ferne widerhallen, die Töne, die zuerst von der Mira und der Talender aufgenommen wurden.

Das Aufeinandertreffen der Kette mit der Galeere verursachte ein lautes Geräusch, zum einen das schlagende Geräusch der Kette, zum anderen ein knirschendes, kratzend und schwer, als die Kette buchstäblich aus dem Wasser gehoben wurde. Fasziniert sah ich die Kettenglieder – schwarz, triefend von Wasser, schimmernd –, die am Bug entlangglitten, das Holz splittern ließen und die Farbe abscheuerten. Dann schwenkte die Galeere durch den Aufprall, der von der Kette gestoppt wurde, nach achtern. Ich sah, wie Ruder brachen.

»Die Kette hält stand!«, rief Callimachus freudig erregt.

Eine weitere Galeere traf auf die Kette.

»Sie hält!«, schrie Callimachus. »Sie hält!«

Ich bemerkte, wie etwas an mir vorbeisauste. Es war schnell. Ich hatte es beinahe nicht bemerkt.

»Entflammt das Pech!«, rief Callimachus. »Katapulte bereit! Löst die Speere! Bogenschützen, auf eure Positionen!«

Ich sah mittschiffs gegenüber unserer Galeere auf dem Schiff des Feindes zwei Bogenschützen. Sie trugen den kurzen, stämmigen Schiffsbogen und waren ungefähr vierzig Yard entfernt.

Gebannt sah ich ihnen zu. Sie schienen so unwirklich. Aber sie waren der Feind.

»Duck dich!«, rief Callimachus. »Schütze dich!«

Ich ging hinter der Reling in die Hocke. Erneut hörte ich zweimal etwas durch die Luft gleiten und erkannte es jetzt als dünnes, fliegendes Holz. Ein Pfeil bohrte sich in den Stamm hinter mir und zu meiner Linken. Das Geräusch war solide, autoritär. Der andere Pfeil prallte funkensprühend von der Verankerung der Reling ab und fiel ins Wasser.

Ich hörte, wie sich die Bogensehnen auf unserem Schiff lösten und das Feuer erwidert wurde.

»Feuer einstellen!«, befahl Callimachus.

Als ich meinen Kopf anhob, sah ich, wie die feindliche Galeere sich rudernd wieder ausrichtete und rückwärts rudernd von der Kette entfernte.

Ungefähr in fünfzig Yard Entfernung hörte ich eine weitere Galeere auf die Kette prallen. Ein Jubeln war über das Wasser hinweg zu hören. Erneut, so schien es, hatte die Kette dem Angriff standgehalten.

Hinter der Kette hörte ich die Signalhörner.

Callimachus befand sich jetzt oben auf dem Vordersteven. »Löscht das Pech!«, rief er.

Ich versuchte, durch den Nebel hindurch etwas zu erkennen. Es schienen sich keine feindlichen Schiffe mehr an der Kette aufzuhalten.

Callimachus, ungefähr zwanzig Fuß über mir, die Hände am Mast, spähte angestrengt in den Nebel. »Langsam!«, rief er zwei Steuerleuten an den Rudern zu. Ein plötzlicher Windstoß zerrte an dem Nebel. Ich hörte die Ruder und das Quietschen der Ruderhalterungen. Der Rudermeister setzte die Ruder außenbords in das Wasser.

»Schaut!«, rief Callimachus und deutete nach steuerbord. Der Wind hatte einen weiten Spalt in die Nebelschwaden gerissen.

Ich hörte Jubelschreie hinter mir. An der Kette, nach hinten gekippt, der gewölbte Bug komplett aus dem Wasser gehoben, das Hinterschiff überflutet, befand sich eine Piratengaleere. Männer waren im Wasser. Hinter diesem Schiff lag eine weitere Piratengaleere, außer Gefecht.

»Sie werden wiederkommen!«, rief Callimachus.

Aber dieses Mal, so dachte ich, werden sie nicht so waghalsig die Kette angreifen.

Das nächste Mal, so vermutete ich, würden sie versuchen, sie zu durchtrennen. Und diese Situation musste verhindert werden. Sie mussten an der Kette gestellt werden.

»Verpflegung für die Männer!«, befahl Callimachus. »Frühstückt gut, Männer, denn es gibt viel Arbeit für den Tag!«

Ich steckte mein Schwert wieder in die Scheide. Voskjard hatte die Kette nicht durchbrechen können.

Ich glaubte, dass wir westlich der Kette bleiben würden. Ich war hungrig.

»Sie kommen, Männer!«, rief Callimachus vom Vordersteven. Ich ging zum Bug, um nachzusehen. Der Nebel, jetzt zur achten Ahn, hatte sich weitgehend aufgelöst. Es hingen nur noch einige vereinzelte Schwaden über dem Wasser.

»Entfacht das Pech!«, befahl er. »Seid bereit mit den Katapulten! Bogenschützen, auf eure Positionen!«

Augenblicklich roch ich das verbrannte Pech. Es stand im starken Kontrast zu dem reichen, organischen Geruch des Flusses. Jetzt konnte ich einige Galeeren sehen, ungefähr dreihundert Yard entfernt, die auf die Kette zufuhren. Außerdem hörte ich das Quietschen der Katapulte, als sie gespannt wurden. Die Bogenschützen nahmen ihre Position hinter den geflochtenen Schutzschirmen ein. Auf dem Deck verteilt, standen hier und da Eimer, gefüllt mit Sand oder Wasser.

Ich hörte, wie Pfeile aus ihren Köchern gezogen wurden, schussbereit hinter den Schutzschirmen. Es befanden sich fünfzig Pfeile in den Köchern. Irgendwo bewegte sich ruhig und kontinuierlich ein Schleifstein über den Kopf einer Axt.

Ich sah, wie Callimachus seine Hand hob. Hinter ihm würde ein Offizier das Signal weiterleiten. Unter den Stufen des Vorderstevens, unter dem Steuerdeck, würde der Rudermeister Ausschau halten. Die Ruder befanden sich bereits außenbords. Ich bezweifelte, dass eine der Galeeren so dumm sein würde, seitwärts auf die Kette aufzulaufen.

 

Ich konnte meinen Augen fast nicht trauen. War es, weil die Flagge von Victoria über unserem Vordersteven wehte?

Ich sah, wie die Hand von Callimachus nach unten fiel, fast wie ein Messer. Augenblicklich wurde das Signal weitergeleitet, die Tina schoss nach vorne.

In weniger als einer Ehn erreichte sie die Kette. Der eiserne Rammbock glitt knirschend über die Kette und traf das gegnerische Schiff in der Mitte. Die Planken des Rumpfes zersplitterten. Männer schrien auf. Durch den Aufprall wurde ich von den Beinen gerissen. Ich hörte noch mehr Holz splittern, als wir uns rückwärtsrudernd von dem Schiff entfernten, der Rammbock bewegte sich in der Wunde. Ich hörte, wie das Wasser in das andere Schiff schoss, ein schnelles, schweres Geräusch. Es würde sinken. Ein schwerer Stein, von irgendeinem Katapult, schlug auf dem Deck neben mir ein, abgefeuert von einer anderen Galeere. Ein Speer, geteert und brennend, löste sich aus seiner Verankerung und flog Richtung Vordersteven. Pfeile flogen durch die Luft. Dann zogen wir uns zurück und entfernten uns ungefähr fünfundsiebzig Fuß von der Kette. Einige Männer hielten sich an der Kette fest. Ich hörte einen Mann irgendwo hinter mir stöhnen. Ich zog den Speer aus dem Vordersteven und warf den noch immer brennenden Speer über Bord.

Hier und da entlang der Kette konnten wir weitere Galeeren sehen, die sich seitwärts an die Kette stellten und Männer in kleinen Booten, die mit Werkzeugen an den großen Kettengliedern sägten.

Binnen weniger Augenblicke hob und senkte sich die Hand von Callimachus. Erneut bohrte sich der Rammbock tief in die Planken eines feindlichen Schiffes. Und wieder zogen wir uns zurück.

Eine Tonkugel, entflammt mit Pech, schoss über unser Deck und schlug ein. Eine weitere fiel zischend ins Wasser zu unserer Steuerbordseite. Unsere eigenen Katapulte erwiderten das Feuer mit Pech und Steinen. Mit Sand löschten wir das Feuer.

»Sie werden sich jetzt zurückziehen«, sagte Callimachus zu einem Offizier, der neben ihm stand. »Wir werden sie mit dem Rammbock nicht mehr erreichen können.«

Noch während er sprach, konnte ich beobachten, wie einige der Piratenschiffe sich zurückzogen, noch immer seitlich zur Kette gedreht, aber weit genug entfernt, sodass unser Rammbock sie nicht mehr erreichen konnte.

Vor unserem Bug konnten wir ein Piratenschiff durch das schlammige Wasser des Vosk gleiten sehen. Kleine Boote erreichten die Kette.

Wir bewegten uns wieder nach vorn. Pfeile hagelten auf unser Deck.

»Bogenschützen!«, rief Callimachus.

Wir selbst ließen einen wahren Pfeilregen auf das am nächsten gelegene Beiboot niederprasseln. Zwei Männer fielen vom Boot ins Wasser. Andere sprangen freiwillig und schwammen zum Bug des nahe gelegensten Piratenschiffes.

»Lasst sie nicht in die Nähe der Kette!«, befahl Callimachus den Bogenschützen. Wir drehten und wollten ein weiteres Beiboot bedrohen, das jedoch nicht auf uns wartete, sondern sich hinter die nächste Galeere zurückzog.

Ich beobachtete die Flugbahn einer mit brennendem Pech gefüllten Schale, die einen Rauchschweif hinter sich herzog und dann mit einem zischenden Geräusch ganz in unserer Nähe im Wasser landete.

»Feuer einstellen! Ruhig!«, rief Callimachus. Später befahl er: »Zurückrudern!«

Ab und an wurde ein Stein oder eine Kugel aus Pech in unsere Richtung geschleudert, aber keines dieser Geschosse erreichte uns.

Callimachus suchte die Kette mit dem Fernglas ab. »Seht, Leute«, rief er, »wie wenig Respekt sie vor uns haben!«

Ich und einige Männer gingen zum Bug. Ungefähr fünf Beiboote passierten die Kette.

»Auf Position, Männer!«, lachte er.

Ich hatte keine feste Position und blieb daher am Bug stehen. Die anderen, in erster Linie Ruderer, kehrten auf ihre Plätze und zum Heck zurück. Die Männer in den Beibooten trugen Schwerter und Enterhaken. Dachten sie wirklich darüber nach, uns anzugreifen? Unsere Galeere, wie die meisten der goreanischen Konstruktionen, war lang und flach gebaut, aber die Verschanzung ragte noch immer über die einfachen Beiboote.

Die Tina stach auf die Kette zu. Wir fuhren über das erste Beiboot hinweg, zerstörten es. Heck und Bug wurden in die Luft gehoben; die Mannschaft schrie und sprang ins Wasser. Ein weiteres Boot stieß mit den Rudern auf unserer Steuerbordseite zusammen und kenterte. Die anderen drei flohen zurück zur Kette.

Ich erkannte, dass ihre Aktion dazu gedient hatte, uns abzulenken und zu beschäftigen, während weitere Beiboote hinter geflochtenen Abschirmungen, wie jenen, welche die Bogenschützen verwenden, entlang der Kette befestigt lagen. Hinter diesen Abschirmungen sah man schemenhafte Gestalten mit Sägen an der Kette arbeiten. Die Ablenkung war jedoch zu kurz gewesen.

Wieder fuhr die Tina auf die Kette zu und drehte sich breitseits zur Kette. »Feuer!«, rief Callimachus. Pfeile trafen auf die schweren Korbabschirmungen und, obwohl sie etwa einen Fuß in das Material eindrangen, richteten sie wenig Schaden an.

Die Schäfte der Pfeile wurden von dem schweren Korbmaterial abgefangen. Zudem beschützten die Piratengaleeren jetzt ihre Beiboote und konterten mit heftigem Gegenfeuer. Die geflochtenen Abschirmungen unserer Bogenschützen waren ebenfalls mit Federn und Holz übersät.

Ein schwerer Stein brach einen Teil der Reling am Vordersteven der Tina weg.

»Näher! Näher!«, schrie Callimachus.

Ich hörte das Zischen und Schnappen unserer Katapulte, die verdrehten Leinen lösten sich. Als das größte abgefeuert wurde, konnte ich die Vibration unter meinen Füßen auf dem Deck spüren. Flammendes Pech flog in unsere Nähe. Pfeile schwirrten wild durch die Luft. Plötzlich erschien ein Arm über der Reling und ein wassertriefender Mann kletterte an Bord. Ich empfing ihn mit meinem Schwert, kämpfend und tretend zwang ich ihn wieder über Bord. Brennendes Pech explodierte jetzt aus einem Gefäß aus Ton, welches über das Deck schlidderte. Kampfhörner waren aus allen Richtungen zu hören. Nicht mehr als ein Dutzend Fuß entfernt, konnte ich ein Beiboot der Piraten hinter der Kette ausmachen, geschützt durch die geflochtenen Abschirmungen. Steine und Pech flogen zwischen den Schiffen hin und her und explodierten. Deutlich konnte ich die Augen der Piraten erkennen, nicht mehr als ein paar Fuß entfernt, durch die Kette und nur wenig Wasser voneinander getrennt. Ein Mann mit dem Bogen in der Hand erhob sich hinter der Reling des feindlichen Schiffes. Doch er fiel nach hinten, ein Pfeil steckte in seiner Brust.

Ich hörte die Kette an der Seite der Tina entlangschaben. Wir glitten an der Kette entlang und die Ruder auf unserer Steuerbordseite schlugen die geflochtenen Abschirmungen eines Beibootes, das sich zu nahe an der Kette befand, zur Seite und schwemmten Männer ins Wasser.

Ich sah Piraten auf der Galeere gegenüber, die wild ihre Fäuste in unsere Richtung schüttelten.

Die Tina drehte nun ab, jetzt, wo die Kette von den Piraten befreit war. Im Wasser schwammen die Wracks zweier Beiboote. Eine geflochtene Abschirmung trieb halb versunken hinter der Kette. Ich hörte, wie die Männer hinter mir die Flammen auf der Tina löschten.

»Zurückrudern!«, befahl Callimachus. Und die Tina entfernte sich von der Kette, ihr Bug zeigte in Richtung der Kette.

Die Piratengaleeren hatten sich ebenfalls von der Kette zurückgezogen. Es war nahe der zehnten Ahn, dem goreanischen Mittag.

Callimachus kam vom Vordersteven, ließ seinen Offizier auf seinem Posten zurück. Er benutzte seinen Helm als Gefäß, füllte ihn mit Wasser und spritzte etwas davon in sein Gesicht.

»Wir haben die Kette verteidigt«, sagte ich an Callimachus gewandt. Er wischte sich sein Gesicht mit einem Tuch ab, das ihm einer seiner Männer reichte.

»Für den Moment«, erwiderte er.

»Denkst du, Voskjard wird sich jetzt zurückziehen?«, wollte ich wissen.

»Nein«, sagte er und drückte seinem Nebenmann das Tuch in die Hand.

»Was werden wir jetzt machen?«, fragte ich nach.

»Ausruhen«, erwiderte er.

»Wann denkst du? Wird Voskjard einen neuen Versuch wagen?«, fragte ich.

»Was denkst du?«, wollte er von mir wissen.

»Heute Nacht«, gab ich ihm zur Antwort.

»So wird es sein!«, stimmte er mir zu.

2Nacht

In der Dunkelheit schlich die Tina langsam die Kette entlang. Das Geräusch der Ruder, die sanft ins Wasser glitten, war fast nicht zu hören.

»Sie sind irgendwo da draußen«, mutmaßte Callimachus.

»Noch immer?«, fragte ich nach.

»Natürlich«, erwiderte er.

Zwei Schiffslaternen, die an Stangen befestigt waren und über dem Bug an Steuerbord- und Backbordseite hingen, warfen ein gelbliches Licht aufs Wasser. Im Licht der Laterne auf der Steuerbordseite war die Kette hier und da oberhalb des Wassers sichtbar, da man die dunklen Kettenglieder an bestimmten Masten sehen konnte; normalerweise jedoch ist sie nicht sichtbar und liegt unter der Wasseroberfläche.

»Still!«, befahl Callimachus plötzlich. »Innehalten!«, rief er leise dem Rudermeister zu, der hinter ihm auf dem Vordersteven stand. Die Ruder der Tina wurden angehoben und halb nach innen gezogen. Das Schiff driftete dennoch weiter in südliche Richtung, entlang der Kette.

»Was hast du gehört?«, wollte ich wissen.

Wir sahen über die Seite des Schiffes zur Kette, die hier ungefähr sechs Inch über dem Wasser hing, und über das Wasser, das im Schein der Laterne flackerte.

»Sie waren hier«, sagte Callimachus. »Da bin ich mir sicher. Komm nicht ins Licht.«

Sofort zog ich mich zurück.

»Es ist hoffnungslos«, sagte er düster. »Sie kommen und gehen, wie es ihnen beliebt und ziehen sich zurück, wenn wir näher kommen.«

»Es gibt fast nichts, was wir dagegen tun können«, erwiderte ich.

»Löscht die Laternen!«, befahl Callimachus. »Wartet! Schilde und Schwerter! Schilde und Schwerter, Männer!«

Fast im gleichen Augenblick, als er die Anweisung gegeben hatte, flogen Enterhaken über die Reling und vergruben sich im Holz. Wir sahen, wie sich die Eisen anspannten, als die Männer an den Seilen hochkletterten. Doch als die dunklen Schemen über die Reling kamen, wurden sie sogleich von schreienden und fluchenden Männern empfangen, die sie mit ihren Schilden zurückdrängten und den Stahl in ihre Körper gruben. Die Piraten waren Beibooten entstiegen, mussten nach oben über die Reling klettern. Welle auf Welle versuchten die Piraten, auf unser Deck zu springen. Doch die Vorteile waren auf unserer Seite. Nur einer erreichte das Deck, und wir warfen seinen leblosen Körper, durchbohrt an Dutzenden Stellen, zurück in den Vosk. Danach zogen sich seine Kameraden zurück.

Callimachus wischte das Schwert an seinem Umhang ab. »Zusätzlich haben sie uns auch noch beleidigt«, grinste er. »Glauben die etwa, wir wären nur Kaufleute, die nicht wüssten, wie man sich verteidigt, um uns so kühn und töricht anzugreifen?«

»Als du einen Mann niedergestreckt hast«, sagte ich, »hast du vor Freude aufgeschrien.«

»Habe ich das?«

»Ja«, bekräftigte ich.

»Auch du hast vor Freude geschrien, als du deine Klinge in den Körper eines Mannes gestoßen hast«, bemerkte Callimachus.

»Das kann nicht sein«, entgegnete ich.

»Hast du aber«, grinste er.

»Daran kann ich mich nicht erinnern!«

»Im Eifer des Gefechts«, sagte Callimachus, »ist es schwer, sich an alles zu erinnern, was stattfindet.«

»Du schienst erfreut zu sein«, fuhr ich fort.

»War ich auch«, erwiderte er. »Auch du, so schien es, warst es.«

»Nein, das kann nicht sein.« Doch ich war verunsichert.

»Aber so ist es«, beharrte Callimachus.

»Ich glaube nicht, dass ich mich selbst kenne«, bekannte ich.

»Du bist ein Mann. Vielleicht ist es an der Zeit, dass du dich selbst kennenlernst.«

»Wir waren genauso kämpferisch wie sie«, stellte ich verwundert fest. »So schnell, so böse.«

»So scheint es«, stimmte Callimachus mir lächelnd zu.

Ich schwieg.

Er legte mir die Hand auf die Schulter. »Ich glaube, wir haben den Männern von Ragnar Voskjard etwas Respekt vor ehrlichen Männern beigebracht.«

»Ja«, erwiderte ich. »Lass es uns so betrachten.«

 

»Fragst du dich nicht manchmal«, wollte Callimachus wissen, »warum ehrliche Männer, ehrliches Volk, wie wir es sind, erlauben, dass Piraten wie diese existieren dürfen.«

»Warum?«

»Damit wir jemanden haben, den wir töten können«, sagte er.

»Sind wir dann so verschieden von ihnen?«, fragte ich.

»Ich glaube nicht«, sagte Callimachus. »Wir haben mit ihnen viel gemeinsam.«

»Was genau?«

»Dass wir Männer sind.«

»Es ist nicht das Töten«, sagte ich, »denn das Ausführen ist nicht genug.«

»Nein«, stimmte er mir zu. »Die Jagd, das Risiko und das Töten sind gestillt.«

»Man muss aus einem Grund kämpfen«, entgegnete ich.

»Es gibt immer Gründe, damit Männer kämpfen können!«

»Ich bin beunruhigt«, gestand ich.

»Löscht die Laternen!«, befahl Callimachus plötzlich. »Die Piraten könnten noch in der Nähe sein.«

»Lass unser Beiboot zu Wasser«, schlug ich Callimachus vor. »Mit umhüllten Rudern könnten wir unseren Bereich der Kette patrouillieren.«

»Warum sollten wir das tun?«

»Unser Schiff kann, selbst mit erloschenen Laternen, die Kette nicht so still und leise erreichen wie ein Beiboot. Die Piraten an der Kette müssen sich nur zurückziehen.«

»Das Beiboot müsste westlich der Kette sein, damit es sich den Piratenbooten weniger verdächtig nähern kann«, warf Callimachus ein.

»Natürlich«, stimmte ich zu.

»Warum willst du das tun?«, fragte er.

»Na, um die Kette zu verteidigen«, erwiderte ich.

»Tatsächlich.« Callimachus lächelte. »Du hast Blut geleckt«, fuhr er fort. »Du willst mehr!«

»Solche Gedanken sind zu schrecklich, um sie zu haben«, erwiderte ich.

»Ein Schwert muss trinken, bis sein Durst gestillt ist«, sagte Callimachus. Es ist ein goreanisches Sprichwort.

»Ich denke nicht so«, entgegnete ich.

»Betrachte deine Gefühle«, sagte Callimachus. »Findest du, dass du dich so verzweifelt der Kette verpflichtet fühlst und dich daher in ein Unterfangen stürzen willst, das dich in Lebensgefahr bringt? Ist die Motivation jene, dass du lediglich eine gefährliche Pflicht erfüllen möchtest, die niemand dir auferlegt hat?«

»Nein«, antwortete ich.

»Was ist es dann?«

»Ich stand dem Feind gegenüber«, erwiderte ich. »Ich bin begierig darauf, ihm wieder gegenüberzustehen.«

»Das dachte ich mir«, erwiderte Callimachus. »Ich werde ein Beiboot zu Wasser lassen und nach Freiwilligen suchen.«

»Wer ist da?«, rief eine Stimme in der Dunkelheit.

Wir legten die Ruder auf den Ruderdollen ab.

»Bereit«, sagte ich leise zu dem Mann, der mich begleitete. Wir fuhren aus westlicher Richtung auf die Kette zu. Das Beiboot war über die Kette gehoben worden, als die Tina quer gestanden hatte, ungefähr vor einer Viertelahn. Wir waren sogar an Piratenschiffen vorbeigefahren, die sich nur wenige Yards von uns entfernt hatten und auf dem Fluss vor Anker lagen.

»Wer ist da?«, rief jemand.

»Jetzt!«, sagte ich. Plötzlich standen fünf Männer hinter mir auf, den Bogen in der Hand. Die Pfeile wurden fast aus nächster Nähe auf das andere Boot abgefeuert, als wir dagegenstießen. Männer schrien, Werkzeuge wurden weggeworfen. Ich und fünf weitere Männer enterten das andere Boot mit gezogenen Schwertern, schlugen und hieben zu. Keiner von uns sprach. Die Schreie und Rufe kamen nur von den Piraten. Mehr als einer rettete sich, indem er über Bord sprang. Ich warf den Körper eines Piraten auf eine Ruderbank und rollte ihn dann über die Reling ins Wasser.

»Was geht da draußen vor sich?«, rief eine Stimme von einem Piratenschiff, etwas von der Kette entfernt.

Währenddessen drückten wir mit dem Ruder einen Piraten nach unten, der versuchte, das Boot zu erreichen.

»Was geht da draußen vor sich?«, rief die Stimme erneut, als wir langsam wegfuhren.

»Fort mit euch! Fort mit euch!«, schrie eine verängstige Stimme in der Dunkelheit.

»Rudert rückwärts!«, befahl ich. Dann sagte ich: »Ruhig!« Das Beiboot ruhte auf dem Wasser und schaukelte in der Dunkelheit leise hin und her.

»Wir wissen, dass ihr da draußen seid«, rief ein Kerl in die Dunkelheit in der Nähe der Kette. »Wir sind bewaffnet! Nähert euch auf eigene Gefahr! Gebt euch zu erkennen!«

Ich lächelte, nahm seine Angst wahr. Doch ich gab keine Befehle.

»Gebt euch zu erkennen!«, rief die Stimme.

Wir schwiegen. Ich sah keinen Sinn darin, anzugreifen. Wir hatten nicht mehr das Überraschungsmoment auf unserer Seite und drei Beiboote in der Nacht eingenommen. Dass eine Gefahr an der Kette lauerte, war den Piraten jetzt mehr als bewusst. Sie hatten gedacht, sie könnten ungestraft ihre Arbeit verrichten und hatten herausgefunden, dass wir entschlossen waren, dies nicht zuzulassen.

Wir schwiegen weiter.

»Wir kehren zum Schiff zurück«, sagte die Stimme in der Dunkelheit. »Zurück zum Schiff!«

Wir ließen das Beiboot steuerbord vorbeifahren, nur einige Yards entfernt, dem Geräusch der Ruder nach zu urteilen. Danach ließ ich das Beiboot entlang der Kette fahren, wo ich die Kette untersuchte. An einem der großen Kettenglieder konnte ich eine raue Aushöhlung ausmachen, die entstanden war, als ein Werkzeug sich daran zu schaffen gemacht hatte, ausgehöhlt zu einer spitzen, geometrischen präzisen Spalte, zu eng, um hineinfühlen zu können. Ich tastete zu beiden Seiten an dem Kettenglied und der Spalte entlang. Sie war diagonal, ging auf die Mitte des Kettengliedes zu und war ungefähr einen Inch tief.

»Was ist es?«, flüsterte ein Ruderer, der mich begleitete, hinter mir und zu meiner Rechten.

»Sie müssen hier etwa eine Viertelahn gearbeitet haben«, erklärte ich.

»Wie schlimm ist es?«, fragte er.

»Die Kette wurde geschwächt.«

»Was sollen wir jetzt machen?«

»Wir werden die Kette weiter patrouillieren«, erwiderte ich.

»Hast du das gehört?«, fragte einer der Männer, der mich begleitete.

»Ja«, erwiderte ich.

»Ein Fisch?«, fragte der nächste Mann.

»Taucher, denke ich«, gab ich ihm zur Antwort.

»Was machst du?«, fragte der voherige.

»Kommt in fünf Ehn zu mir zurück!«, befahl ich.

Ich legte meine Waffe mit der Scheide auf dem Boden des Beibootes ab, ebenso meine Sandalen und die Tunika.

»Gebt mir ein Messer!«, verlangte ich.

»Hier«, sagte einer meiner Gefährten. Ich nahm das Messer zwischen meine Zähne und ließ mich leise über die Seite des Beibootes ins Wasser gleiten. Ich trieb im Wasser. Das Beiboot war durch die umhüllten Ruder, deren Holz mit Fell an den Hebelpunkten umwickelt war, fast lautlos; die Ruderdollen waren ähnlich verhüllt. Es bewegte sich von mir weg. Das Wasser des Vosk war kalt und dunkel. Einige Ehn später kehrte das Beiboot zurück und ich wurde an Bord gehievt.

»Hier ist dein Messer«, sagte ich an den Mann gewandt, der es mir geliehen hatte.

»War es ein Fisch?«, wollte ein anderer wissen.

»Nein«, erwiderte ich.

»Das Messer ist klebrig«, stellte der Mann fest, dem ich es zurückgegeben hatte.

Ich spuckte in den Vosk. »Spül es ab!«, wies ich ihn an.

»Wie viele waren es?«, fragte ein weiterer Mann.

»Zwei«, erwiderte ich. »Sie waren nicht geduldig. Sie sind zu früh an die Arbeit zurückgekehrt.«

»Was sollen wir machen?«, fragte einer.

»Zur Tina zurückkehren«, erwiderte ich. »Wir werden unseren Schlaf brauchen. Morgen gibt es Krieg!«

»Ist die Kette kaputt?«, fragte ein Mann.

»Ja!«

»Wirklich?«, hakte er nach.

»Ja«, wiederholte ich.

»Das kann an hundert weiteren Stellen auch der Fall sein«, hörte ich.

»Das denke ich auch«, stimmte ich ihm zu.

»Dann wird die Kette morgen nicht mehr standhalten.«

»Ich denke nicht«, bestätigte ich.

»Vielleicht sollten wir fliehen, solange wir noch können.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Lass die Mannschaft und ihre Kommandeure diesbezüglich die Entscheidungen treffen«, erwiderte ich.

»Hast du die beiden Taucher getötet?«

»Ja.«

»Dann wird Voskjard nicht erfahren, dass die Kette an dieser Stelle geschwächt ist«, fuhr der Mann fort.

»Nein, das werden sie nicht erfahren!«

»Aber es wird noch weitere Stellen geben«, sagte der Mann.

»Natürlich«, stimmte ich ihm zu.

»Es ist unmöglich, die Kette zu beschützen!«, resignierte der Mann.

»Früher oder später, wenn nicht diese Nacht, wird sie durchtrennt werden«, sagte ein anderer.

»Voskjard wurde ausgetrickst«, bemerkte einer der Männer. »Es wird behauptet, dass er kein geduldiger Mann sei!«

»Wir sind keine Matrosen«, sagte ein weiterer Mann. »Bei einer offenen Schlacht auf dem Fluss werden wir kaum eine Chance gegen die schnellen Schiffe des Voskjard haben!«

»Wir haben die Schiffe aus Port Cos auf unserer Seite«, warf ein Mann ein.

»Das sind zu wenige«, vermutete jemand. »Wahrscheinlich werden sie sich sobald die Kette durchtrennt ist, zurückziehen, um Port Cos zu schützen.«

»Falls Voskjard sich mit Policrates vereinigt«, sagte noch einer, »und wenn die Kräfte aus Port Cos und Ars Station weiter zerstritten sind, wird keine Stadt entlang des Flusses sicher sein.«

»Die Piraten werden den Vosk besetzen«, merkte der nächste Mann an.

»Wir müssen fliehen«, warf der vorherige ein.

»Entscheidungen in dieser Angelegenheit können am Morgen, von den Kommandeuren und ihren Mannschaften getroffen werden«, sagte ich.

»Aber einzelne Männer könnten fliehen«, warf jemand ein.

»Ich werde den ersten Mann, der seinen Posten verlässt, töten!«, drohte ich.

»Was für ein Mensch bist du?«, fragte man mich.

»Ich weiß es nicht.«

»Befehlige uns!«, rief ein anderer Mann.

»Wendet!«, sagte ich. »Kehrt zur Tina zurück! Wir werden morgen weiter über diese Angelegenheiten nachdenken.«