Laramie-Saga (1) Der Anfang

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Jessica G. James

Laramie-Saga

Der Anfang

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die

Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

2. überarbeitete Auflage

Titel der Originalausgabe:

„Shermab-Ranch, Laramie“

Coverfoto © outdoorsman - Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Der Anfang

Nachdenklich stand Slim Tyler auf der Veranda seiner Ranch. Die milde Nachmittagssonne zeichnete leuchtende Reflexe in sein mittelblondes Haar, und der Blick seiner klaren, blauen Augen, in denen sich der weite Himmel über den Plains und die klaren Seen der Berge widerzuspiegeln schienen, streifte über das weite Land – sein Land, bestes „Wyoming-Cattle-Land“. Streifte über die sanften, hin und wieder durch eine Baumgruppe belebten Hügel weit hin bis zu den Bergen, hinter denen die endlosen Plains begannen.

Seine Gedanken kreisten um das Hauptthema der letzten Tage zwischen ihm und Jess Yates, seinem besten Freund und Partner – die Versteigerung der Miles-Ranch.

Vor längerer Zeit kam mit der Postkutsche ein Rundbrief des Bürgermeisters von Laramie, in dem diese Versteigerung bekannt gemacht wurde, und auch in etlichen Städten bis weit in den Süden hinein kündeten Aushänge von dem Vorhaben.

Ja, die Miles-Ranch. Ein gutes Stück Land mit saftigen Weiden und vor allem: Mit einem See und mit Wasserläufen, die selbst bei größter Hitze und Dürre niemals austrockneten. Sie grenzte direkt an die Tyler-Ranch – optimal für Slims immer größer gewordene Rinderherde und für die vor einiger Zeit begonnene Pferdezucht. Der alte Bill Miles war im vorigen Herbst gestorben, und seine nächsten Verwandten lebten in New Orleans. Keinem von ihnen stand der Sinn danach, sich in Wyoming anzusiedeln, und so beauftragten sie den Bürgermeister damit, den Besitz meistbietend zu versteigern.

Slim sprach, seit der Brief ihn erreichte, des Öfteren mit Jess über die Möglichkeiten, die sich durch die Ersteigerung bieten würden. Während Slim gerne den Miles-Besitz erworben hätte, stand sein Freund der ganzen Sache mit recht gemischten Gefühlen gegenüber. Natürlich brächte das neue Land nicht von der Hand zu weisende Vorteile, aber es wäre auch mit deutlicher Mehrarbeit und höheren Kosten verbunden.

Nun kam der Tag der Versteigerung immer näher. Samstag sollte es soweit sein, und gerade eben hatte der Rancher noch einmal mit Yates das Für und Wider erörtert. Jetzt war er hinausgegangen, um ganz für sich allein die Sache zu überdenken – so, wie er es immer tat, wenn wichtige Entscheidungen zu treffen waren.

Tyler genoss den langsam beginnenden Sonnenuntergang nach diesem wunderbaren, klaren Vorfrühlingstag. Es war noch nicht allzu lange her, da hätte er keine Zeit gehabt, so beschaulich am späten Nachmittag hier zu stehen. Jahrelang schuftete er an vielen Tagen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, doch schließlich zahlte die Arbeit sich aus. Die Ranch lief gut, und selbst ein bis zwei schlechte Jahre und größere Verluste würden keinen Ruin mehr bedeuten …

Irgendwann schweiften die Gedanken des Mannes ab von der Miles-Ranch; schweiften weit zurück. Er dachte daran, wie hier alles einmal begann, und das, was er nach dem frühen Tod seiner Eltern aus der kleinen, bescheidenen, ja, geradezu ärmlichen Ranch gemacht hatte, erfüllte ihn zu Recht mit Stolz. Das Schicksal machte es ihm nicht gerade leicht: Kaum aus dem Bürgerkrieg zurückgekehrt, stand Slim plötzlich ganz alleine da, nur auf sich gestellt mit der Aufgabe, den Ranchbetrieb weiterzuführen und dazu noch die Fürsorge für seine wesentlich jüngere Schwester Emely zu übernehmen. Allerdings bekam er Hilfe von Hinky, einem alten Freund seines Vaters, der sich den vielen Aufgaben rings um das Haus widmete, während Slim all die schwere, harte Arbeit draußen erledigte. Trotz des Fleißes der beiden Männer herrschte oftmals Ebbe in der Kasse, und mehr als einmal stand die Ranch vor dem Aus. Doch irgendwie hatte Tyler es immer wieder geschafft, den Betrieb weiterzuführen. Um zusätzlich etwas Geld zu verdienen, betrieb er für die Stagecoachline eine Relaisstation. Das bedeutete zwar noch mehr Arbeit, milderte aber wenigstens doch ein wenig die stets gegenwärtige Angst, alles, was ihm etwas bedeutete, aufgeben zu müssen.

Und weiter glitten die Gedanken des Ranchers, glitten zu Jess Yates, den er eines Tages mit einer Kugel im Rücken schwer verletzt in der Nähe eines Wasserlochs fand. Wie sich später herausstellte, wies seine Vergangenheit einige dunkle Flecken auf, und irgendein Schatten aus jener Zeit hatte ihn wohl eingeholt und auf feige Weise Rache genommen. Slim nahm ihn mit zur Ranch und pflegte ihn gemeinsam mit Hinky gesund. Jess Yates erholte sich rasch. Der junge, hitzköpfige Mann stammte aus Texas, und dem allgegenwärtigen Schicksal gefiel es, ihn weit durch das Land bis hinauf nach Kanada und wieder zurück zu treiben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit den unterschiedlichsten Jobs, die vom Pony-Express-Rider über Cowpuncher bis hin zum Minenarbeiter reichten, und wer sah, wie er mit Colt und Gewehr umging, dem drängte sich die Vermutung auf, dass es sich bei dem Gerücht, er hätte auch als „hired gun“ gearbeitet, vielleicht doch um mehr als nur ein Gerücht handelte. Jess war ausgesprochen temperamentvoll und leicht zu provozieren, ein Fighter durch und durch, ein Mann mit stahlharten Fäusten. Niemals versuchte er, einem Konflikt aus dem Wege zu gehen oder ihn auf diplomatische Weise zu lösen, und er hatte seine eigene, sehr direkte Vorstellung von Recht und Ordnung.

Nach seiner Genesung machte sich der Texaner auf der Tyler-Ranch nützlich wo er nur konnte, und er konnte viel. Hinky riet Slim, den schlanken, drahtigen Mann mit den lackschwarzen Haaren als Ranchhand einzustellen, aber der Rancher lehnte das ab. Ja, er verhielt sich Yates gegenüber zunächst ablehnend und misstrauisch, doch als eines Tages Indianer die Ranch überfielen und Jess der kleinen Emely das Leben rettete, bot Tyler ihm dann doch an, zu bleiben. Danach dauerte es nicht lange, bis die beiden Männer, so unterschiedlich sie auch – nicht nur vom Äußerlichen her – waren, enge Freunde wurden. Sie ergänzten sich gut, der souveräne, ruhige Rancher, der durch seine Kraft und seine Ausgeglichenheit Gelassenheit ausstrahlte, und der etwas jüngere, hitzköpfige Satteltramp.

Seit jener Zeit arbeiteten die beiden Männer gemeinsam hart für die Ranch, und eines Tages wurde Jess sogar Tylers Partner. Aber egal ob Partner oder nicht – die Verantwortung für die Ranch mit allem, was daran hing, hatte Slim zu einem Menschen werden lassen, der keinen Widerspruch duldete, und wenn er in ruhigem Ton mit nur etwas leicht erhobener Stimme sagte „no arguments“, dann gab es keinen Zweifel daran, dass er, und nur er, der Boss war. Dann widersprach ihm niemand, auch Jess nicht.

Der Fleiß der beiden Männer zahlte sich aus, und trotz mancher Rückschläge und Niederlagen ging es langsam immer weiter aufwärts. Eines Tages kam ihnen der Gedanke, die Pferde für die Gespanne der Stagecoachline nicht nur selbst auszubilden, sondern auch selber zu züchten, und mit der Zeit zeigte sich, dass es nicht nur für Kutschpferde, sondern auch für andere gut trainierte und für spezielle Aufgaben ausgebildete Pferde einen Markt gab. So kam zu der gesunden Rinderherde, die auf dem hervorragenden Weideland Tylers prächtig gedieh, eine immer bekannter werdende Pferdezucht hinzu.

Zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit gab es des Öfteren Situationen, in denen Jess wieder weiterziehen wollte, denn manches Mal tauchten Schatten aus seiner Vergangenheit auf, die eine Gefahr für die übrigen Bewohner der Ranch darstellten. Um die Menschen, die dem Texaner inzwischen so viel bedeuteten, nicht zu gefährden, wollte er fort, wollte zurück zu seinem ruhelosen Abenteurerleben. Jedes Mal aber gelang es Slim, den Freund von seinem Vorhaben abzubringen, und mehr als einmal war er ihm auch nachgeritten, um ihn wieder nach Hause zu holen. Und schon nach kurzer Zeit lernte der einst so rastlose Drifter den Begriff „Zuhause“ schätzen und lieben.

Slim konnte schon immer wirklich gut mit Schusswaffen umgehen, aber Jess zeigte ihm ein paar Tricks, die eben nur ein Gunfighter beherrschte, und so schoss der Rancher bald besser als fast jeder andere Mann. Zwar erreichte er nie ganz die Schnelligkeit seines Freundes, aber dadurch, dass er die ganze Sache – so wie es eben seine Art war – ruhig und überlegt, vor allem aber frei von Emotionen, anging, war seine Treffgenauigkeit in kurzer Zeit überall bekannt.

So vergingen ein paar Jahre, und eines Tages hatte Slim Geld genug – er konnte Emelys sehnlichen Wunsch, ein Mädchenpensionat in St. Louis besuchen zu können, erfüllen. Hinky war mit ihr fortgegangen, um im Osten ein paar alte Freunde wiederzusehen und auch, um für eine Weile ein ruhigeres, weniger arbeitsreiches Leben zu führen. Das alte, immer schon vorhandene Rückenleiden hatte sich mehr und mehr verschlimmert und ihm zum Schluss die Arbeit auf der Ranch nahezu unmöglich gemacht. Tja, und dann verliebte sich der gute, alte Hinky tatsächlich noch einmal, heiratete und blieb in Missouri …

 

Eine Zeit lang war es nun sehr ruhig auf der Ranch. Es war keine Emely mehr da, die alle möglichen Tiere anschleppte, um sie zu hegen, und es gab keinen Hinky mehr, über dessen Kochkünste, nein, Kochversuche wäre der bessere Ausdruck, gelästert werden konnte. Und es gab noch mehr zu tun als zuvor. Zusätzlich zu den vielen Außenarbeiten mussten die beiden Freunde nun auch noch kochen, waschen und putzen, mussten die Hühner versorgen und die Kühe melken, sie mussten Butter schlagen und den kleinen Gemüsegarten bestellen, kurzum, sie mussten all jene tausend Kleinigkeiten erledigen, die ihnen sonst Hinky und Emely abgenommen hatten.

Dann, eines Tages, änderte sich das Leben. Bei der Suche nach versprengtem Vieh fanden die beiden Männer einen völlig verstörten, etwa sechs Jahre alten Jungen. In seiner Nähe lagen die Leichen eines Mannes und einer Frau – wahrscheinlich seine Eltern. Sie nahmen den Jungen mit, und lange Zeit sprach der Kleine kein einziges Wort. Der zu Rate gezogene Arzt, Doc Brewster, erklärte Slim und Jess, dass er wohl einen schweren Schock erlitten haben müsse, und die Freunde fanden sich mit seinem Zustand ab. Das Kind fasste schnell Vertrauen zu den beiden, und eines Tages kritzelte es seinen Namen auf ein Blatt Papier: Ben Wilders. So gingen die Tage dahin, und irgendwann geschah dann so etwas wie ein kleines Wunder. Betsy, die zierliche Hündin, bekam Welpen, und bei deren Anblick strahlte der Junge voller Freude über das ganze Gesicht, um dann das Wort „puppies“ zu sagen. Von da an war der Bann gebrochen – Benny fand seine Sprache wieder, und er unterschied sich in nichts mehr von anderen gesunden, lebhaften Kindern. Irgendwann, als Slim die Situation passend erschien, fragte er Benny behutsam, was denn passiert sei, damals, bevor sie ihn fanden. Der Junge wurde blass, und Tränen stiegen in seine Augen. Dann erzählte er Slim und Jess, dass er mit seinen Eltern in einem Planwagen nach Montana wollte. Unterwegs wurden sie von Outlaws überfallen, die ihnen das Gespann und sämtliche Habe stahlen. Seine Eltern ermordeten sie kaltblütig, und ihn ließen sie, völlig verstört, mit einem Fass voll Wasser und einigen Vorräten zurück …

Tyler und Yates beantragten das Sorgerecht für Benny und erhielten es schließlich auch, weil – wahrscheinlich hatte wieder einmal das Schicksal die Hand im Spiel – Violet Copperfield auf die Ranch kam und ihre Haushälterin wurde. Ihrer seriösen und dabei so mütterlichen, liebevollen Art war es zu verdanken, dass der Bezirksrichter keine Einwände dagegen erhob, den Jungen bei ihnen aufwachsen zu lassen.

Oh ja, Violet – die gute Seele der Ranch. Eine wirkliche Lady, die eben jene Laune des Schicksals zu ihnen führte und die dann, zum großen Glück für sie alle, bei ihnen blieb. Ihre Kochkünste – ja, im Gegensatz zu Hinky verstand sie sich wirklich aufs Kochen – wurden von jedermann gelobt, und mit Geschick und Engagement machte sie aus der Ranch ein ausgesprochen gemütliches Heim. Mit ihrer immer sanften, ruhigen, freundlichen, heiteren, dabei aber doch energischen, resoluten Art wurde sie zum ruhenden Pol in dem manchmal recht turbulenten Männerhaushalt.

Das bescheidene Ranchhaus wandelte sich im Laufe der Jahre zu einem schmucken, gepflegten Gebäude. Slim und Jess erweiterten es und stockten es schließlich sogar um ein Geschoss auf, so dass sich nun die Schlafzimmer in der ersten Etage befanden. Auch die Stallungen und das Wirtschaftsgebäude wurden größer, und das „Bunkhouse“ war nun ebenfalls ein hübsches Haus, welches neben der Unterkunft für die Rancharbeiter auch ein paar Gästezimmer für Reisende der Stagecoachline bot. Ein bis zwei fest eingestellte, tüchtige Helfer lebten dort, die Slim und Jess bei den täglichen Arbeiten zur Hand gingen, so dass nun auch ab und zu mehrtägige gemeinsame Angel- und Jagdausflüge der beiden Männer möglich waren. Als besonders zuverlässig und arbeitsam erwies sich Kenneth Brown, den sie kurz „Ken“ nannten, ein kräftiger, netter Mann mit strohblonden Haaren, zu denen die rehbraunen Augen einen reizvollen Kontrast bildeten.

Alles war ein wenig beschaulicher geworden, nicht nur das Leben auf der Ranch. Dem Sheriff von Laramie, Martin Randell, gelang es – nicht zuletzt auch mit Hilfe von Slim und Jess, die oftmals als Deputies für ihn arbeiteten – Ruhe und Ordnung in die Stadt zu bringen. Übles Gesindel, Rustler und Gangster ließen sich seltener blicken, und bis auf ein paar Schlägereien zwischen betrunkenen Cowboys ging es meist recht friedlich zu – aber eben auch nur meist …

Und weiter schweiften die Gedanken des Ranchers in die Vergangenheit – und auf einmal waren seine Erinnerungen bei etwas, worin ihn das Schicksal bisher ziemlich vernachlässigt hatte: Er dachte an seine wenig glückliche Situation in Bezug auf Frauen …

Zu Anfang ließen ihm die Ranch und die Sorge für Emely keine Wahl – er konnte nicht noch zusätzlich die Verantwortung für eine Frau und vielleicht sogar Kinder übernehmen. Später gab es einige wenige, zum Teil sehr dramatisch verlaufende Begegnungen mit dem anderen Geschlecht. Er dachte an Abigale O’Connor, die Saloonsängerin: Eine Frau, die in ihm den Wunsch weckte, sie zu heiraten. Sie starb durch eine Kugel, die ihm galt … Er dachte an Wyomeah, das Indianermädchen, und er dachte an die wenigen anderen Frauen, die eine, meist recht kurze, Rolle in seinem Leben gespielt hatten.

Schließlich landeten seine Gedanken bei Lucille. Lucille, jener temperamentvollen, energischen, zierlichen Person mit der großen Persönlichkeit, die in Rawlins einen gut florierenden Saloon mit einem noch besser florierenden Etablissement betrieb. Die Erinnerung an sie hellte sein Gesicht zu einem unmerklichen Lächeln auf. Eines Tages, nach einem Viehtrieb, stand er an der Theke in ihrem Saloon, das Whiskeyglas in der Hand, und schaute leicht amüsiert und etwas versonnen dem Treiben um sich herum zu. Nahezu jeder Cowboy hatte sich eines der Mädchen gesucht, und auch Jess war herzlich von einer besonders hübschen Rothaarigen, mit der er sehr vertraut schien, begrüßt worden. Es herrschte eine ausgelassene, fröhliche Stimmung, und der Pianist spielte eifrig. Lucille sah Slim dort an der Theke stehen, und sie trat zu ihm mit den Worten „Na, Großer? So ganz allein? Gefällt dir keines der Mädchen?“ Ihre intelligenten, großen, graugrünen Augen blickten fragend zu ihm auf.

„Die Mädchen sind sehr hübsch“, hatte er geantwortet, und dann etwas zögernd, besorgt, die richtigen Worte zu finden, hinzugesetzt „aber solche Mädchen sind nichts für mich.“

Und auf ihre weiteren Fragen gab er ihr zu verstehen, dass er wenigstens eine Frau etwas näher kennen und sich zumindest schon einmal mit ihr unterhalten haben müsse … Der kräftige Mann mit dem freundlichen Gesicht gefiel Lucille ganz offensichtlich, und sie fragte „Und, kann man dich näher kennenlernen?“

Slim war von der selbstbewussten Art der zierlichen Frau sehr angetan.

„Ja“, kam lächelnd seine Antwort, „man kann“ – und dann, mit einem breiter werdenden Lächeln, welches seine makellosen, schneeweißen Zähne blitzen ließ, fragte er „Tanzt die Dame des Hauses mit ihren Gästen?“

Lucille erwiderte „Die Dame des Hauses tanzt selten, aber manchmal, mit speziellen Gästen, schon“, wobei sie ihn verheißungsvoll anblickte. Der Blick ließ Slims Herz höher schlagen.

„Und“, kam es von ihm, „tanzt die Dame des Hauses vielleicht mit mir?“

„Frag sie doch mal“, antwortete Lucille, und höflich bat der Rancher sie zum Tanz. Sie tanzten und sie unterhielten sich den ganzen Abend, und er spürte immer mehr, wie diese kleine Frau mit der großen Persönlichkeit ihn faszinierte. Später fragte er sie, ob sie ein Zimmer im Hause hätte, und sie sagte „Ja.“ Sie erklärte ihm aber auch, dass das Zimmer nur dazu diene, damit sie sich zwischendurch etwas ausruhen und frisch machen könne, und dass sie eigentlich in einem kleinen Haus auf der anderen Seite der Straße wohne. Slim bat darum, sie nach Feierabend nach Hause begleiten zu dürfen, und Lucille stimmte nicht nur zu, nein, sie lud ihn noch auf einen Kaffee und einen Sherry ein …

Es entspann sich eine Liebesbeziehung, in deren Verlauf der Rancher den Wunsch, Lucille zu heiraten, nicht mehr zurückhalten konnte. Plötzlich hatte er viel öfter als sonst in Rawlins zu tun, und selbst für Dinge, die sich gut mit einem Brief hätten erledigen lassen, ritt er in die entfernte Stadt.

Auf dem nächsten Viehtrieb dorthin sprach er mit Jess über seine Absicht. Sein Freund runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. Er sagte Slim, dass Lucille wirklich eine Schönheit wäre und er ihn nur allzu gut verstehen könnte, aber er sagte ihm auch klipp und klar, dass er von einer Heirat gar nichts hielt. Dann versuchte Yates ihm klarzumachen, dass Lucille so gar nicht zu dem Leben auf einer Ranch passte, worauf Slim erwiderte, dass er dann eben in die Stadt ziehen und den Job des Keepers in ihrem Saloon übernehmen würde. Starrsinnig, wie er war, verschloss er sich den Argumenten des Freundes, der ihm vor Augen führte, was das alles für Konsequenzen hätte und schlicht und einfach Slims und auch Lucilles Unglück wäre. Es entspann sich eine heftige Diskussion zwischen den Männern, in deren Verlauf einmal mehr Tylers Dickschädeligkeit zum Ausdruck kam.

In äußerst schlechter, gereizter Stimmung erreichten sie die Stadt, wo die Cowpuncher schon vor dem Haus von Lucilles Mädchen erwartet wurden – auch Jess von „seiner“ hübschen Rothaarigen. Selbst Lucille trat, nachdem es sich wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, wessen Rinder vor der Stadt angekommen waren, auf die Straße, um den Rancher zu begrüßen. Das vom Ärger verfinsterte Gesicht des großen Mannes erhellte sich bei ihrem Anblick, und zärtlich schloss er sie in seine Arme.

„Lucille – es tut so gut, dich wiederzusehen“, sagte er leise und liebevoll, und sie quittierte es mit einem Kuss mitten in aller Öffentlichkeit auf der Straße …

Lucille lud Slim in ihr Haus zum Essen ein, und später, als sie bei einem Sherry auf der Couch beisammen saßen, bat er sie, ihn zu heiraten. Die zierliche Frau atmete tief ein und aus, ihr hübsches Gesicht war sehr ernst, und sie erschien ein wenig blass.

„Slim …“, begann sie ruhig, „ich habe irgendwie damit gerechnet, dass du mich das eines Tages fragen würdest.“

„Aber“, fuhr sie fort, „so sehr wir uns auch mögen, so wissen wir doch beide, dass das niemals geschehen kann.“

Und noch ehe Slim einen Einwand erheben konnte, sprach sie weiter. „Du gehörst auf deine Ranch und in dein Leben dort draußen, und ich gehöre hierher. Ich gehöre in die Stadt, und ich gehöre in meinen Laden. Ich bin stolz auf das, was ich hier geschaffen habe. Es ist kein leichtes Geschäft, schon gar nicht für eine Frau. Und ich habe die Verantwortung für meine Mädchen. Keines von ihnen wäre in der Lage, meinen Platz einzunehmen, und ich will meinen Platz auch gar nicht räumen.“

Slims Gesicht schien wie versteinert. Das, was sie ihm sagte, war genau das, was Jess ihm vor Augen geführt hatte. Nur, im Gegensatz zu der Diskussion mit dem Freund, war er jetzt nicht mehr in der Lage, Gegenargumente anzuführen. Das, was Lucille gesagt hatte, und vor allem, wie sie es gesagt hatte, duldete keinen Widerspruch. Wortlos stand der Rancher auf und nahm seinen Hut. Seine vollen Lippen waren zusammengepresst, die Flügel seiner scharf geschnittenen Nase gebläht. Tief atmete er ein. An der Tür drehte er sich noch einmal zu ihr um, und seine blauen Augen konnten die Enttäuschung nicht verbergen …

Mit einem leisen „Sorry“ öffnete er die Tür.

„Slim“, rief sie sacht hinter ihm her, „Slim, bitte, geh so nicht fort“, aber da war er schon auf der Straße, und die Tür fiel ins Schloss.

Der Rancher ging in den Saloon und orderte Whiskey. Sein Kopf schwirrte, er war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen – alles um ihn herum lag in einer Art Nebel. Er registrierte nicht einmal Jess, der mit der hübschen Rothaarigen an einem der Tische saß. Der Barkeeper stellte ein Glas vor ihn und goss ein. Hart umfasste Tyler das Handgelenk des Mannes und bedeutete ihm, die ganze Flasche stehen zu lassen. Mit starrem Blick und unbewegtem Gesicht trank er hastig ein paar Gläser, dann gesellte er sich an den Spieltisch zu seinen Poker spielenden Cowboys. Er gewann haushoch. Er gewann fast den gesamten Lohn seiner Männer.

 

Einer von ihnen sagte: „Glück im Spiel, Pech in der Liebe“, und obwohl er es im Scherz meinte, stand Tyler so jäh und heftig auf, dass sein Stuhl mit lautem Gepolter umfiel. Wütend starrte er den Cowboy an. Jess hatte das Geschehen beobachtet und blitzschnell die Gefahr der Situation erkannt. Er wusste, was es bedeutete, wenn Slim zornig wurde und zuschlug. Eilig trat er hinter seinen Freund und legte ihm beruhigend die linke Hand auf die breite Schulter. „Easy, Slim“, kam es mit seiner unvergleichlichen warmen, tiefen Stimme, „easy.“

Und zu den Männern am Spieltisch sagte er in einem Tonfall, der sie alle vor falschen Reaktionen bewahrte: „Man soll einen angeschossenen Bären niemals reizen.“

Sein Mund lächelte bei seinen Worten, aber die stahlblauen Augen lächelten nicht mit, nein, sie blickten ernst und warnend. Er stand halb hinter Slim, die Rechte dicht über dem Colt, und jeder konnte sehen, dass er jederzeit bereit war, zu ziehen.

Der Cowboy, der nach seiner Bemerkung ebenfalls aufgestanden war, atmete tief durch. Seine zum Kampf bereite Haltung entspannte sich, und er setzte sich zurück auf seinen Stuhl.

Die Worte des Freundes und die Reaktion seines Gegen-übers besänftigten den Rancher ein wenig. Schwer atmend und immer noch mit Wut in den Augen raffte er das gewonnene Geld zusammen und nahm es auf. Dann warf er es heftig mitten auf den Spieltisch.

„Hier, ihr habt schwer genug dafür gearbeitet. Ich will es nicht. Und passt auf, dass ihr es nicht noch einmal so leichtfertig verliert!“

Jess verstärkte den Druck seiner Hand auf Slims Schulter, und nun drehte er ihn leicht zu sich herum. Komm, wir trinken was zusammen.“

Erleichtert sahen die Cowboys, dass ihr Boss der Einladung Yates’ folgte.

Später in der Nacht hörte der Texaner, wie leicht an die Tür des Nebenzimmers geklopft wurde.

Er hörte ein leises „Ich bin es, Lucille“, und er hörte, wie sein Freund aufstand, um die Tür zu öffnen. Die Dielen knarrten unter seinen schweren Schritten. Dann entspann sich ein Stimmengemurmel. Yates verstand nichts vom Wortlaut der Unterhaltung, aber er registrierte beruhigt, dass der Rancher nicht heftig oder gar laut reagierte. Schon nach kurzer Zeit wurde die Tür wieder geöffnet, und Lucilles leichter Schritt erklang dem Flur.

Am nächsten Morgen saß der Texaner schon am Frühstückstisch, als Slim den Raum betrat. Jess begrüßte ihn mit den Worten „Komm, setz dich. Der Kaffee ist gut. Lass uns unser Frühstück genießen.“

Tyler, noch ein wenig blass vom Alkoholgenuss des Vorabends, blickte ihn gewohnt freundlich an. Der Ärger der vergangenen Stunden schien gänzlich fortgewischt, und er sagte „Danke, Jess, aber Lucille hat mich zum Frühstück eingeladen.“

Mit diesen Worten ging er hinaus, und der Freund blickte ihm mit einem verstehenden, leicht schrägen Lächeln nach. Seit jener Zeit hatte Slim nicht mehr als früher in Rawlins zu tun, aber immer, wenn sie dorthin kamen, wurde er von Lucille herzlich begrüßt. Und selbst Jess vermochte nicht zu sagen, ob wirklich nur noch Freundschaft die beiden verband …

Ja, Slim und die Frauen. Damit stand es bei Yates völlig anders. Mehr als einmal brachte er deutlich zum Ausdruck, dass er sich niemals binden würde, und sein Ausspruch, er hätte vor nichts mehr Angst als sein Pferd zu verlieren oder heiraten zu müssen, war so etwas wie ein geflügeltes Wort auf der Tyler-Ranch. Die Ausstrahlung des Texaners zog Frauen in einer geradezu magischen Weise an. Kaum kamen die beiden Männer in einer Stadt in den Saloon, so dauerte es nicht lange, bis sich die Barfrau zu ihnen gesellte, meist mit deutlicher Tendenz in Richtung Jess. Das lag allerdings auch daran, weil die Frauen wussten, dass Tyler niemals mit einer von ihnen mitging.

Aber auch Yates hatte schicksalhafte Begegnungen mit dem anderen Geschlecht, und darüber hinaus gab es, darunter sogar sehr hübsche, „anständige“ Frauen, mit denen ihn ein rein freundschaftliches Verhältnis verband. Slim neckte ihn manches Mal damit, dass auch Jess anders denken würde, wenn ihn eines Tages die wirkliche Liebe erwischte, aber davon wollte er nun überhaupt nichts wissen, und wenn der Rancher es zu toll trieb, wurde er ernsthaft böse. Nein, zu diesem Thema wollte er ganz und gar nichts hören.

Tyler lächelte leicht, als er an diesen Punkt ihrer gemeinsamen Gespräche dachte.

Eines Tages wagte Violet noch einmal einen Vorstoß, Slim eine Heirat nahe zu legen. Sie wies auf ihr Alter hin und auf die Tatsache, dass sie nun doch ein wenig weibliche Hilfe im Haus gebrauchen könnte. Aber es war nun so gar keine passende Frau in Aussicht, und Slim, der die Absicht, die hinter Violets Äußerung stand, bewusst oder unbewusst ignorierte, hatte nichts Eiligeres zu tun, als eine Witwe mittleren Alters zu bitten, Violet an zwei Tagen in der Woche wenigstens bei den schwereren Hausarbeiten zu helfen …

Jäh wurde der Rancher aus seinen Gedanken gerissen. Jess war hinter ihn getreten und sagte lapidar „Milde Luft.“

Das war eine seiner typischen, knappen Gesprächseröffnungen, wenn er spürte, dass seinen Freund etwas bewegte oder bedrückte und der wortkarge Mann niemals von sich aus beginnen würde, darüber zu reden.

„Ja“, kam es kurz zurück.

„Worüber denkst du nach? – Noch über die Miles-Ranch?“

„Ja“, antwortete Slim nicht ganz wahrheitsgemäß.

„Und – was meinst du nun?“, fragte Jess.

„Ich meine noch immer, wir sollten bei der Versteigerung mitbieten. Du hast zwar Recht: Wir brauchen das Land nicht unbedingt, aber wenn wir es hätten, könnte es nicht schaden. Besonders die Bachläufe und der See wären nicht schlecht. Du kennst meinen Standpunkt.“

„Ja, ich kenne ihn“, erwiderte Jess. Ihre Blicke trafen sich, und über ihre ernsten Mienen spielte nun ein leises Lächeln. Sie verstanden sich wie immer ohne große Worte.

„Okay, dann reiten wir Freitag in die Stadt und übernachten dort, damit wir Samstagmorgen frisch und munter mitsteigern können.“

Die Freunde sprachen noch eine Weile auf der Veranda über ihr Vorhaben und einigten sich schließlich auf ein Limit, über das sie auf keinen Fall hinausgehen wollten, egal, was passieren sollte …

Der Freitag kam, und die beiden Männer brachen auf. Slim ritt seit einiger Zeit einen Rappen ohne das geringste weiße Abzeichen; nicht einmal ein einziges weißes Haar war zu finden. Er hatte ihn auf eine nicht ganz alltägliche Weise bekommen:

An einem heißen Sommertag ritt Tyler an den Fluss, der sich durch sein Land zog, um sich ein wenig abzukühlen. Gerade als er Weste, Hemd, Revolvergurt und Stiefel abgelegt hatte, bemerkte er flussaufwärts, dort wo sich die Wasserfälle in prachtvoller Kaskade die Felsen hinabstürzten, hoch oben auf den Felsen eine Bewegung. Angestrengt schaute der Rancher hinauf, und was er sah, trieb ihm das Blut schneller durch die Adern. Ein paar Männer warfen etwas von den Klippen; es schien so etwas wie ein größeres Bündel zu sein …

Es dauerte nicht lange, bis die Strömung das Bündel zu ihm trieb – es sah aus wie ein Mensch … Eilig sprang der Rancher ins Wasser und schwamm in kräftigen Zügen hinüber. Seine Augen hatten ihn nicht getäuscht – es war tatsächlich ein Mensch, und, wie er zu seinem Entsetzen bemerkte, es war ein gefesselter Mensch! Tyler packte ihn und brachte ihn ans Ufer. Es war ein ungefähr 16- bis 17jähriger Junge, ein Indianer, zusammengeschnürt wie ein Paket. Schnell griff Slim zum Messer und schnitt die Fesseln auf. Der Junge schien wie tot. Tyler begann, mit kräftigen Stößen seine Brust zu bearbeiten, und nach einer Weile spuckte der Indianer Wasser. Dann kam er, heftig keuchend und hustend, zu sich. Mit Angst erfüllten Augen blickte er den blonden Mann an und versuchte, wegzulaufen, aber der hielt ihn fest. Slim beherrschte die Sprache der Cheyenne etwas und redete leise und beruhigend auf den Jungen ein. Der beruhigte sich tatsächlich, und dann erzählte er eine geradezu haarsträubende Geschichte. Drei Männer hätten ihn auf dem Gebiet der Cheyenne gepackt und auf Tylers Land verschleppt. Sie hätten ihn auf das Übelste gedemütigt und gequält, um ihn dann schließlich gefesselt die Klippen hinabzuwerfen …