Laramie-Saga (6): El Rey, der Schrecken New Mexicos

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Dann, vor einiger Zeit – Jess reparierte gerade einen Zaun – näherte sich ein Reiter, und ein übermütiges: „Das glaube ich jetzt nicht! Jess!!! Jess Yates!!!“, erklang. Der Mann sprang aus dem Sattel, und nun erkannte Jess ihn: Es war tatsächlich Pete Canga!

„Pete – alter Kumpel! Wo kommst du denn her? Ich dachte, du wärest längst in diesem Gott verdammten New Mexico in der Sonne vertrocknet!“

„Wie du siehst, bin ich es nicht“, grinste Pete, und seine fast kohlschwarzen Augen funkelten. Er klatschte Yates gegen die Schulter, dann fuhr er fort: „Aber die Sonne in New Mexico war wirklich heiß, da habe ich gedacht, ich ziehe ein bisschen nach Norden. Aber dass ich dich treffe … Oh Mann, ich glaube es nicht!“

Dass er Jess hier treffen würde, war tatsächlich Zufall, aber dass sein Weg ihn zur Tyler-Ranch führte, war es nicht.

Pete Canga arbeitete immer noch für die Army. Er war ein unerschrockener Mann mit vielen Fähigkeiten, dazu ein hervorragender Reiter. Immer mehr hatte er das Vertrauen der Kommandanten gewonnen, und schließlich wurde er des Öfteren mit speziellen Aufgaben betraut, wie beispielsweise der Begleitung von Geldtransporten. Eines Tages rief General Jeremy Jackson Canga zu sich und ließ ihn wissen, dass er Jacksons altem Bekannten Slim Tyler in Wyoming einen Brief überbringen solle, in dem der General bei dem Rancher dreißig gut ausgebildete Pferde für besondere Zwecke orderte. Jackson kannte Tyler aus Zeiten des Bürgerkrieges, und er schätzte dessen Loyalität und Zuverlässigkeit. Nach dem Krieg korrespondierten die beiden Männer ab und zu miteinander, und so wusste der General von Tylers Erfolgen in der Pferdezucht und seinen Ausbildungsmethoden. Und nun fragte er also bei seinem Brieffreund an, ob er ihm dreißig – oder zur Not auch ein paar weniger – Reitpferde liefern und Canga gleich mitgeben könne. Jackson übergab Canga neben dem Brief eine ziemliche Summe als Anzahlung für die Tiere; den Rest würde die Army nach deren Eintreffen in New Mexico telegrafisch anweisen.

„Handle einen guten Preis für die Army aus“, sagte der General, „aber gib Tyler auch die Möglichkeit, ein bisschen was zu verdienen“, fügte er augenzwinkernd hinzu.

Unverzüglich machte Canga sich auf den Weg, auf den weiten Weg von New Mexico nach Wyoming. Und weil der Weg so weit war und Canga viele einsame Stunden lang grübeln konnte, reifte in ihm ein Plan. Er würde Tyler weder den Brief noch das Geld aushändigen, nein, er würde versuchen, irgendwie an die Pferde zu kommen, schlichtweg: Er würde sie stehlen. Dann würde er die Tiere zu General Jackson bringen, ganz so, als seien sie ihm anvertraut worden, und schließlich seinen Dienst für die Army quittieren. Einen kleinen Ausgleich für den Verlust bekäme Tyler ja durch die telegrafische Überweisung der restlichen Kaufsumme …

So also kam Pete Canga auf das Terrain der Tyler-Ranch, und nun standen sich er und sein alter Freund Jess Yates gegenüber – ein Aspekt, den Canga bereit war, sofort für sich zu nutzen.

Die beiden Männer gaben ihrer gegenseitigen Wiedersehensfreude noch ein wenig Ausdruck, dann meinte Yates: „Komm, Pete. Es ist bald Abendbrotzeit. Komm mit zur Tyler-Ranch und lerne die Leute kennen, mit denen ich jetzt lebe. Und lerne die vorzügliche Küche unseres guten Ranch-Geistes, Mrs. Copperfield, kennen. Es lohnt sich!“

Pete war hungrig, und die Einladung seines Freundes kam ihm sehr recht. Gemeinsam jagten die beiden, sich ausgelassene Rennen liefernd, zur Tyler-Ranch. Benny, der wie immer ein wachsames Auge darauf hatte, wer sich näherte, erspähte sie rasch und rief ins Haus hinein „Es ist Jess – und er bringt jemanden mit!“

Es dauerte nicht lange, da hielten die beiden Reiter vor dem Haus, und Benny übernahm die Pferde, um sie zu versorgen.

„Benny“, sagte Yates, „dies ist mein alter Freund Pete Canga. Wir sind früher zusammen geritten“, und zu Canga gewandt: „Dies ist Benny Wilders, mein und Slim Tylers Ziehsohn.“ Stolz schwang in seiner Stimme.

Der Junge, der nun fast schon ein junger Mann war, musterte den Fremden neugierig, dann begrüßte er ihn mit einem kurzen, freundlichen „Hello“ und verschwand mit den Pferden in Richtung Corral.

Pete erwiderte leicht amüsiert: „Was, du hast einen Ziehsohn? Oh Mann, ich glaube, wir haben uns eine ganze Menge zu erzählen.“

Der Rancher war vor kurzem heim gekommen und guckte, so, wie er es fast immer bei dieser Gelegenheit tat, gerade in der Küche in die Töpfe. Das, was er sah und was ihm da so appetitlich entgegenduftete, erfreute ihn jeden Tag aufs Neue, und er konnte es kaum erwarten, bis aufgetischt wurde. Gemeinsam mit Violet ging er zurück in den Essbereich, als Jess und Pete eintraten. Etwas überschwänglich stellte Yates seinen alten Freund vor, dabei deutete er beinahe enthusiastisch etwas von den Abenteuern an, die sie beide erlebt hatten. Violet strahlte. Sie hegte so etwas wie mütterliche Gefühle für „ihre Jungs von der Tyler-Ranch“, und sie freute sich, wenn es ihnen gut ging. Und dass es Jess gerade wirklich gut ging, war nicht zu übersehen.

Slim reagierte zurückhaltend. Er blickte dem Fremden voll in die Augen, und er sah, obwohl sie vergnügt und klar blitzten, so etwas wie Verschlagenheit darin. Sein „Hello, Mr. Canga“ klang verhalten.

„Hey Slim!“ Jess boxte Tyler spielerisch vor die Brust. „Komm, mach nicht so eine ernste Miene. Freu dich mit mir, dass Pete und ich uns wiedergetroffen haben. Du hast sicher Hunger. Nach dem Essen wird deine Laune besser.“ Der Rancher verzog leicht das Gesicht, dann wandte er sich an Violet:. „Sind Diana und Susan nicht da?“

„Nein, die beiden sind zur Carpenter-Ranch geritten. Miriam hat Bescheid geben lassen, dass die Garderobe, die sie gemeinsam in Tennessee bestellt haben, eingetroffen ist.“

Violet lächelte ihr charmantestes Lächeln, und der Schalk blitzte aus ihren Augen, als sie hinzufügte: „Ihr habt übrigens Glück, dass ich hier bin und Essen zubereitet habe. Für mich ist nämlich auch etwas dabei.“

„Oh“, Slim grinste breit über das ganze Gesicht. „Nicht, dass du demnächst hier in Südstaatlerinnen-Kleidern und mit einem kleinen, weißen Spitzensonnenschirm herumläufst.“

„Und?“, erwiderte Violet kokett, „Hast du Angst, dass mich vielleicht doch noch jemand heiratet?“

„Oh ja, Violet, davor habe ich immer Angst. Und du weißt genau, dass du kein Kleid aus Tennessee brauchst, um einem der älteren Herren aus Laramie den Kopf zu verdrehen.“

Yates grinste. Auch nach all den Jahren, die er nun auf der Tyler-Ranch lebte, verblüffte es ihn immer wieder, wie charmant sein doch so wortkarger und manches Mal auch ruppiger Boss sein konnte.

Tylers Kompliment verfehlte seine Wirkung nicht. Violet sandte dem Rancher einen koketten Augenaufschlag hinüber, dann beeilte sie sich, das Essen aufzutragen.

Bei der Erwähnung der Namen von Diana und Susan warf Pete Canga Jess einen fragenden Blick zu, den der aber ignorierte.

Das Abendessen war köstlich, und viel zu schnell verschwand bei lockerer Unterhaltung, an der sich Tyler allerdings auffällig wenig beteiligte, alles in den hungrigen Mägen. Zum Nachtisch gab es etwas von Violets geradezu legendärem Apfelkuchen, den sie an jenem Abend, sozusagen zur Feier des Tages, noch mit einem guten Schlag ihrer Schmand-Vanille-Soße krönte. Sie fühlte sich glücklich, weil Yates so heiter und ausgelassen war. Später begann sie, den Tisch abzuräumen.

„Hast du heute keine Hilfe?“, fragte Tyler, und er schien ein wenig missmutig. Er mochte es nicht, wenn Violet alles alleine machte – wozu bezahlte er Mädchen wie Josy?

„Ach, lass nur, Slim. Es ist in Ordnung. Josy hat mir den ganzen Tag im Haus und auch beim Kochen geholfen. Ich habe sie, kurz bevor du kamst, zur Baustelle geschickt. Irgendwann muss doch das Häuschen fertig werden. Ken und sie sind so liebe, fleißige Menschen. Mach dir keine Sorgen, dass Josy nicht genug tut!“

„Na gut“, grummelte der Rancher, „aber sag mir, wenn ich mit ihr reden soll.“

„Ja, natürlich. Aber das ist nicht nötig. So, und nun erledige ich den Abwasch, und dann werde ich ein wenig in meinem Zimmer lesen. Ihr Männer habt sicher noch viel zu erzählen, vielleicht auch Dinge, die nicht so ganz für die Ohren einer Frau geeignet sind.“ Sie lächelte verschmitzt.

„Ich nehme noch einen kleinen Drink“, sagte Tyler, „dann gehe ich auch schlafen. Ich möchte die Wiedersehensfreude zwischen Jess und Mr. Canga nicht stören.“ Damit warf er einen skeptischen Blick zu Pete hinüber. Benny verstand die Situation nicht ganz, aber er spürte, dass es vielleicht besser war, Jess und Pete allein zu lassen.

Kaum war Yates mit seinem alten Freund alleine, sagte der: „Manno, Jess, alter Junge. Dein Boss ist ja nicht gerade sehr umgänglich. Wie kommst du denn mit ihm klar?“

Jess grinste. „Bestens.“

Canga merkte, dass es keinen Zweck hatte, dieses Thema zu vertiefen, und so sagte er: „Weißt du was, Kumpel? Ich habe in meinen Satteltaschen noch zwei Flaschen vom besten mexikanischen Tequila, die ich mir für ganz besondere Gelegenheiten aufgehoben habe. Ich glaube, heute ist eine solche ganz besondere Gelegenheit. Wie ist es – hast du Lust, mit mir zu trinken – so wie früher?“

Yates’ Grinsen wurde breiter. „Klar“, sagte er, „für dich ist es bis zum Bunkhouse ja nicht weit, und ich werde die Treppe nach oben schon schaffen – irgendwie …“

Canga lachte und beeilte sich, eine der Flaschen hereinzuholen. Es war wirklich ein hervorragendes Destillat, das bald seine Wirkung zeigte. Das Gespräch zwischen den Männern wurde immer offener, immer freier, und schließlich meinte Pete „Hier sind vorhin ein paar Frauennamen gefallen. Dass Josy ein Hausmädchen ist, habe ich schon mitbekommen, aber wer sind Diana und Susan? Und vor allem – WO sind sie?“

 

„Nun“, erwiderte Yates, „Diana ist Slims Frau, und Susan …“, er zögerte ein wenig und war kurz davor, seinem alten Freund die ganze Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit, dass er schon, bevor Tyler Diana heiratete, Susan überredet hatte, seine Frau zu werden. Ja, tatsächlich musste er sie wirklich überreden, denn sie hatte ein paar Mal seinen Antrag abgelehnt, weil sie ihm seine Freiheit nicht nehmen wollte. Sie wollte, so wie sie es ausdrückte, „den Puma, nicht den Hauskater.“ Und als sie schließlich doch einwilligte, beschlossen die beiden, es – bis auf ganz wenige Ausnahmen – für sich zu behalten. Yates biss sich auf die Zunge. Nein, auch Pete sollte es nicht erfahren – jedenfalls jetzt noch nicht, und so vervollständigte er den Satz mit den Worten „Susan ist die Hauptperson in meinem Leben.“

„Wie – die Hauptperson …?“ Petes Stimme klang neugierig. „Du hast immer gesagt, du willst niemals heiraten, und ich habe deinen Spruch, dass du dich vor nichts fürchtest außer davor, dein Pferd zu verlieren oder heiraten zu müssen, noch gut im Ohr.“

„Ach, weißt du, Pete, so eine weibliche Komponente hat schon was für sich. Schließlich werde ich nicht jünger, und immer den Röcken nachjagen zu müssen … – komm, wir trinken auf die Frauen!“

„Ja, auf die Frauen“, sagte Pete, dann fuhr er fort „Aber nun sag doch, wo sie sind. Gehören Frauen nicht ins Haus? Und vor allem – gehören sie nicht zu ihren Männern?“

„Ach Pete, du reagierst genauso, wie die Spießbürger es in Laramie getan haben, aber auch die haben sich daran gewöhnt, dass das bei uns alles etwas anders läuft.“

Und dann erzählte er Canga die ganze Geschichte. Er erzählte davon, wie der Vater der Zwillinge, ein – so wie Jess es an diesem Abend ausdrückte – „stinkreicher“ Plantagenbesitzer aus Tennessee, gemeinsam mit seinem Sohn Jonathan in Wyoming aufkreuzte und bei einer Versteigerung Tyler die Miles-Ranch wegschnappte, und er erzählte die ganze übrige Geschichte. Er erzählte davon, dass die Zwillinge es genossen, einen Teil ihres Lebens auf der zu einem ungeheuer komfortablen, ja luxuriösen Anwesen umgebauten Ranch bei ihrem Bruder, dessen Frau Miriam und deren Kind, der entzückenden, kleinen Clarissa, zu verbringen. Und genau dort wären Diana und Susan nun. Ja, Yates erzählte eine Menge – nur, dass er verheiratet war, das erzählte er immer noch nicht. Nein, das bewirkte selbst eine halbe Flasche dieses starken Tequilas nicht.

Schließlich war die Flasche geleert, und Yates meinte: „So, es wird Zeit für mich, ins Bett zu gehen. Slim hat nichts dagegen, wenn ich mich mal besaufe, aber er hat was dagegen, wenn ich am nächsten Morgen nicht arbeiten kann.“

„Ganz schön streng, dein Boss“, meinte Pete, „ich dachte, du wärest auch sein Partner?“

„Ja, ich bin sein Partner. Aber glaube mir, Slim hätte keine Skrupel, mich auszuzahlen und auf der Stelle zu feuern, wenn ich nicht mehr so arbeiten würde, wie er es von mir kennt. Er ist sehr fürsorglich, wenn jemand krank ist oder so, aber wenn jemand nicht arbeiten kann, weil er gesoffen hat … No, da hört bei ihm der Spaß auf.“

Pete grinste verständnisvoll. „Du hast vorhin das Bunkhouse erwähnt. Meintest du damit, ich kann dort schlafen?“

„Klar kannst du. Meinst du, ich schicke meinen alten Freund nach einem so gemütlichen Abend zum Campen ins Freie? Komm, ich zeige dir dein Zimmer.“

Die Männer gingen hinüber, und Pete staunte über die Gemütlichkeit und die Geräumigkeit der Räume, die so gar nichts mit den üblichen Pritschenkammern gemein hatten.

„Wow“, entwich es ihm, „das ist ja richtig nett hier. Hier könnte ich es ein Weilchen aushalten. Meinst du, Tyler würde mich einstellen?“

Jess zuckte leicht mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Pete. Er war dir gegenüber ja doch ziemlich reserviert – auch wenn ich nicht weiß, warum. Ich rede morgen mit ihm. So, und nun schlaf gut – lass dir den Tequila bekommen!“

Am nächsten Morgen war Yates schon vor Tyler unten und hatte Kaffee gekocht. Der Rancher schmunzelte.

„Na?“, fragte er, „Kopfschmerzen?“

„Nein“, erwiderte Yates nicht so ganz wahrheitsgemäß, dann sagte er: „Pete würde gerne eine Weile für uns arbeiten. Ich weiß, dass er ein guter Helfer ist, und wir könnten noch jemanden bei der Herde gebrauchen. Was denkst du?“

Der Rancher wiegte bedächtig den Kopf. „Tja, Jess. Du hast recht, wir könnten noch jemanden gebrauchen, und ich glaube dir, dass Canga gut arbeiten kann. Aber ich mag ihn nicht. Es ist etwas in seinen Augen, das ich nicht mag …“

„Ach Slim, komm. Seine Augen sind fast so schwarz wie die Nacht. Vielleicht erscheinen sie dir deshalb so. Komm, stell ihn ein! Du weißt, es gibt Leute genug, aber es ist schwierig, fleißige, wirklich brauchbare Männer zu bekommen.“

„Okay“, knurrte der Rancher, „aber auf deine Verantwortung.“

„Yeah“, dehnte der Texaner, „natürlich.“

Wie aufs Stichwort erschien Canga. Er wirkte frisch und ausgeruht – der Tequila schien wirklich von bester Qualität gewesen zu sein.

Tyler bemerkte es wohlwollend. Er warf noch einmal einen Blick in Petes Augen und musste sich eingestehen, dass Yates’ Argumente ihm Canga nicht sympathischer machten. Trotzdem bot er ihm an, für ihn zu arbeiten – eine Offerte, die der Halbmexikaner gerne annahm.

Arbeitsmäßig erwies Pete sich als wirklich hervorragender Griff. Er war fleißig, und er verstand seinen Job. Der Rancher war zufrieden, aber trotzdem vertraute er ihm nicht.

So kam es nun, dass Yates trotz der Traurigkeit, die ihn bei der Nachricht von Cangas Tod überkam, doch Erleichterung empfand – Erleichterung darüber, dass sich Slims Misstrauen als unbegründet erwies.

Brians Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Slim, ich denke, du und Jess – ihr habt auf der Ranch genug zu tun. Wenn du willst, lasse ich zwei von meinen Leuten hier, jedenfalls so lange, bis sich die Tiere vollends wieder beruhigt haben. Deine neuen Männer sind wirklich gut, aber nach einer Stampede … Du weißt selber – das ist wie schwelendes Feuer.“

„Wenn du sie noch ein, zwei Tage entbehren kannst …“

„Klar kann ich, sonst hätte ich es dir nicht angeboten.“ Brian klapste dem Rancher kameradschaftlich gegen den Arm, dann gab er zweien seiner Leute die entsprechende Order. Mit den übrigen trat er den Heimweg an.

Tyler rief ihm nach: „Grüß Jon von mir, und – danke auch an ihn!“ Dann wandte er sich an Kenneth Brown. „Ich denke, Jack hat recht. Ihr seid jetzt genug, um die Sache hier zu regeln.“

„Klar, Boss“ erwiderte Brown.

Yates meinte: „Slim, reite du schon alleine zur Ranch zurück. Ich schaue noch eben nach den Pferden auf der Koppel südlich von hier. Ich glaube zwar nicht, dass sie irgendetwas von der Stampede mitbekommen haben und beunruhigt sind, aber besser ist besser.“

„Well, Jess, das ist eine gute Idee“, antwortete der Rancher, „und ich komme mit. Nach dem ganzen Trouble hier will auch mal wieder etwas Schönes sehen.“

Ein breites, fröhliches Grinsen zog über sein Gesicht, als er an die prachtvollen Pferde dachte, die dort auf der Koppel standen – ungefähr dreißig, alle in hervorragender Kondition und fertig ausgebildet – bereit, verkauft zu werden. In eines davon hatte Jess sich geradezu verguckt – in einen schlanken, aber doch muskulösen Hengst von besonderer Farbe. Das heißt, „besondere Farbe“ traf nicht genau zu, denn eigentlich war er ein Rappe. Aber eben nur eigentlich, denn wenn die Sonne auf sein Fell schien, schimmerte es leicht rötlich. Ja, man konnte es beinahe mit Dianas und Susans Haaren vergleichen, die ja auch fast ebenholzschwarz waren, aber eben auch nur fast, denn ein palisander-mahagonifarbener Schimmer verlieh ihnen einen ganz außergewöhnlichen Zauber. Als Tyler und Yates das wundervolle Tier einmal – fein gemeißelt wie eine Statue – ein wenig abseits von den übrigen Pferden auf einer kleinen Anhöhe ruhig dastehen sahen, gab der Texaner ihm den Namen „Sunset“, und der Rancher fand ihn sehr, sehr passend.

Fletcher Gaytes, einer der obersten Bosse der Stagecoachline, hatte vor einiger Zeit der Tyler-Ranch einen Besuch abgestattet und ein besonders gutes Reitpferd für sich persönlich bei ihnen geordert. Slim fühlte sich regelrecht geehrt. Es war schon etwas Besonderes, es war so eine Art Auszeichnung für seine Zucht, wenn ein Mann in der Position eines Fletcher Gaytes eines seiner Pferde ritt, und er fand, dass gerade Sunset das passende für Gaytes sei. Jess aber signalisierte Slim sehr deutlich, dass er es überhaupt nicht gerne sähe, wenn dieser junge Hengst die Tyler-Ranch verließe, zumal er einer von Flashs Söhnen war.

Und er stellte klar, dass er sich allenfalls vorstellen könne, das Tier auf der Carpenter-Ranch zu sehen. In den folgenden Tagen fragte Jess Jonathan, ob er es wolle, aber der wollte lieber den jungen schokoladenfarbenen Wildhengst, den Slim gerade für ihn ausbildete. Der Texaner fragte Susan, aber sie lehnte dankend ab mit der Bemerkung, sie sei mit drei eigenen Pferden und Braveheart, dem gefährlichen Pferd ihres Bruders, das für sie jedoch keine Gefahr darstellte und den sie – ebenso wie Diana – gerne einmal ritt, vollauf bedient. So beschloss Jess, Sunset auf jeden Fall auf der Ranch zu behalten – sozusagen in Reserve – entweder für sich selber oder aber für Ken. Kurzum, er beharrte darauf, dass das Tier keinesfalls einem Außenstehenden gehören solle. Tyler konterte zwar, dass immer noch er bestimme, welches Pferd er wem verkaufe und dass es wichtig sei, gerade bei einem Stagecoachlineboss Ehre einzulegen, aber er hätte sich in diesem Fall nie über Yates hinweggesetzt – und der wusste das tief in seinem Inneren auch genau. Trotzdem war er in Sorge, und er beschloss, Slim bei dem nun geplanten Besuch der Koppel noch einmal seine Meinung zu verdeutlichen.

Die Freunde ritten recht schnell, denn sie hofften, Susan und Diana würden zum Abendessen wieder auf der Tyler-Ranch sein, und sie freuten sich auf einen gemütlichen Feierabend. Bald erreichten die beiden Männer ihr Ziel, und ihr Blick schweifte über die weite, sanft geschwungene, saftig-grüne Koppel. Kein einziges Pferd war zu sehen, aber dafür sahen sie etwas anderes: Sie sahen den weit geöffneten Zaun und die Spuren der Herde, die nach Süden führten … Offenbar hatte sie jemand gestohlen … Yates atmete tief durch, er presste die Lippen zusammen, alle Farbe wich aus seinem Gesicht, und er stieß ein tief aus seinem Inneren kommendes, hartes „damned“ hervor.

Auch Tyler wurde bleich, und sichtlich bewegt sagte er leise: „Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Erst die Stampede, dann der Diebstahl solch wertvoller Pferde. Ich glaube, im Moment ist das Glück nicht so ganz auf unserer Seite. Aber komm, wir reiten erst einmal nach Hause. Unternehmen können wir jetzt doch nichts mehr – es wird bald dunkel, und die Spuren von 30 Pferden finden wir selbst nach ein paar Tagen noch.“ Dann setzte er hinzu: „Ich möchte wissen, welches Schwein uns das angetan hat.“

Yates schauderte, und irgendetwas tief in seinem Innern ließ ihn erahnen, dass er die Antwort wusste.

Sie wandten ihre Pferde und ritten heim. Als sie die Ranch erreichten, schweiften ihre Blicke wie gewohnt über die Corrals beim Haus. Voller Freude entdeckten sie Fairy und Spellbound Snowflake, die Pferde ihrer Frauen. Und dann entdeckten sie noch etwas: Da stand ein altes, zotteliges Muli. Etwas erstaunt schauten sich die Freunde an – wo kam dieses alte, zottelige Muli her? Wie kam es in ihren Corral? Im selben Moment eilte Benny aus dem Haus und nahm ihnen, noch bevor sie Flash und Thunder vor der Veranda anbinden konnten, die Pferde ab, um sie zu versorgen.

„Howdy, Slim, howdy, Jess, schön, dass ihr da seid.“

„Howdy, Benny“, erwiderten die Männer, und dann fragten sie beinahe zeitgleich mit einer Kopfbewegung in Richtung Corral „Was ist das da?“

Der Junge erwiderte flapsig: „Ein Muli. Ich dachte, ihr kennt so etwas?“

Yates verpasste ihm einen spielerischen Fausthieb. „Pass auf, Tiger“, sagte er, „sonst landest du in der Tränke!“

Slim grinste kurz, doch dann sagte er ernst: „Nun mal Spaß beiseite. Wo kommt es her? Es sieht aus wie das Muli von Old Straggly.“

„Old Straggly“ war ein eigenbrötlerischer Einsiedler, der weit oben, dort, wo die Berge am unwirtlichsten waren, in einer winzigen, nur mit dem Nötigsten eingerichteten Hütte ein karges, mehr als bescheidenes Leben führte. Er lebte von dem, was ihm die Natur schenkte – Beeren, Pilzen, Wildkräutern, Fischen, Präriehunden und Kaninchen, die er in seinen kleinen Fallen fing. In seinen größeren Fallen fing er Tiere, deren Pelze er ab und zu auf sein Muli packte, um sie in Laramie zu verkaufen. Den Erlös tauschte er gleich gegen ein paar notwendige Lebensmittel und einen kräftigen Rausch im Saloon ein. Dann war er auch gar nicht mehr menschenscheu und schweigsam, er konnte sogar herzhaft lachen, so herzhaft, dass seine wenigen verbliebenen dunkelbraunen Zähne sichtbar wurden. Er war kein Mann, den man gerne mochte, aber auch keiner, den man nicht mochte. Er war einfach er – ein Unikum.

 

„Ja“, erwiderte Benny, „es scheint wirklich seines zu sein. Es trug jedenfalls das gleiche Zaumzeug wie das von Old Straggly, als Diana und Susi es mitbrachten.“

„Wie“, fragte Tyler, „Diana und Susan haben es … mitgebracht?“

„Nun“, erwiderte der Junge, „sie haben erzählt, dass sie irgendwo zwischen der Carpenter- und der Tyler-Ranch eine kleine Rast einlegten, als es plötzlich auftauchte. Als die beiden weiterreiten wollten, folgte es ihnen – sie wurden es nicht mehr los. Da haben sie es mitgebracht.“

Der Rancher grinste breit: „Das kann ich gut verstehen – ein Muli mit Geschmack.“

Benny lachte über Slims Bemerkung. „Ich will es morgen zu Old Straggly bringen, er wird es sicher schon vermissen.“

„Ja, tu das“, erwiderte der Rancher, dann blickte er vielsagend zu Yates hinüber. Der verstand sofort – beinahe zur gleichen Zeit beschlich die Freunde der Gedanke, dass der Tote, der dort oben in den Bergen tief unten am Grund eines Canons lag, nicht Pete Canga war.

Yates schluckte. Zunächst wehrte er sich gegen das Bild, das sich allmählich in seinem Kopf zusammenfügte, wehrte sich gegen die Erkenntnis über das, was sich wahrscheinlich zugetragen hatte: Es war Pete Cangas Plan, die Pferde zu stehlen. Er war ein gerissener Bursche, und er hatte sein Vorhaben geschickt eingefädelt. Old Straggly musste sterben, damit es so aussah, als sei Pete bei dem Versuch, einen Teil der Rinder wieder einzufangen, in die Schlucht gestürzt. Die Stampede verursachte er selber, um seine Kameraden gut zu beschäftigen und er ungehindert den Diebstahl der Pferde durchführen konnte. Durch die Stampede waren die anderen viel zu beschäftigt, um seine Abwesenheit zu bemerken, und auch der Fall, dass sie, so wie es tatsächlich geschah, schwer verletzt oder gar sterben würden, passte perfekt in Cangas Plan. Tyler, Brown und Yates hätten sicher ein paar Tage damit zu tun, die Herde einzufangen, zurückzutreiben und die Zäune zu reparieren, bevor sie das Fehlen der Pferde bemerkten – ein guter Vorsprung für ihn.

Wenn das alles so stimmte, wie es dem Texaner gerade durch den Kopf schoss, dann …, dann war Slims Misstrauen Pete gegenüber also nicht unbegründet. Er biss sich auf die Unterlippe und schaute seinem Freund voll in die Augen.

„Weißt du, was ich befürchte?“, fragte er.

Slim erwiderte den Blick. Das Blau seiner Augen erschien dunkler als gewohnt, und ein kurzes, knappes „Ja“ war die Antwort. Er spürte Yates’ Gedanken, und er wusste, dass sein Freund das Gleiche dachte wie er. Einen Augenblick lang stand er wie versteinert. Es widerstrebte ihm, trotz des Misstrauens, welches er gegen Canga gehegt hatte, dem Mann ein solches Verbrechen zuzutrauen. Wäre er eines Tages mit zwei, drei guten Pferden auf und davon gewesen, na gut – aber das, was hier geschehen war …

Yates’: „Ich werde mir den Kerl schnappen, und die Pferde hole ich zurück – und zwar ich ganz alleine“, riss Tyler aus seinen Gedanken.

„Oh no, Jess“, kam die Antwort, „das wirst du nicht tun. Ich glaube nicht, dass er ganz alleine mit dreißig Pferden klar kommt. Er hat mit Sicherheit einen Komplizen. Du folgst ihm nicht alleine! Und jetzt komm, lass uns hineingehen.“

Yates wusste, dass es keinen Sinn hatte, Slim zu widersprechen. Ein „no arguments, Jess“ würde folgen, eine Äußerung, die niemals auch nur den geringsten Widerspruch duldete, und so gingen die Männer schweigend ins Haus.

Diana, Susan, Violet und Josy saßen gemütlich plaudernd im Wohnzimmer, als die beiden eintraten. Sie konnten sich vorstellen, wie hart die letzten beiden Tage waren, aber sie konnten sich nicht vorstellen, welch übles Verbrechen geschehen war.

Im gleichen Moment trat Benny, der Thunder und Flash versorgt hatte, ins Haus, und Violet fragte: „Soll ich auftragen?“

Tyler antwortete kurz und knapp „Ja“, dann fügte er hinzu: „Obwohl ich eigentlich keinen Hunger haben dürfte. Das, was alles geschehen ist, müsste mir eigentlich nachhaltig den Appetit verderben …“

Sofort war Diana an seiner Seite und schmiegte sich an ihn. Mitfühlend fragte sie: „Du meinst die Toten?“ „Ich meine, warum sie sterben mussten.“

„Ja, aber eine Stampede kann doch immer mal losbrechen, das weiß ich ja sogar inzwischen.“

Diana versuchte ein Lächeln. Natürlich war es ein schreckliches Unglück, aber normaler Weise reagierte ihr Mann auf solche Dinge zwar mitfühlend, jedoch nicht mit solch großer Betroffenheit, wie sie ihm nun anzumerken war. Sie fühlte, dass mehr geschehen sein musste, und sie blickte Tyler fragend an.

Slim spürte ihren Blick. Er ging zum Schrank und nahm den Whiskey heraus.

„Willst du auch einen, Jess?“, fragte er.

Yates bejahte, und Tyler goss ein. Er leerte sein Glas in einem Zug, dann folgte ein bedächtiges „Well“, und mit einem Blick zu Susan und Diana sagte er „Bevor ich alles der Reihe nach erzähle – euch beiden zunächst einmal danke, dass ihr euren Bruder um Hilfe gebeten habt.“

Diana lächelte: „Na ja, du selber wärest ja wohl nicht auf die Idee gekommen.“

Slim lächelte zurück. Wie klug seine Frau doch war, und wie gut sie ihn kannte. Dann begann er, von den Ereignissen zu berichten.

Während Slims Schilderung wurde Yates immer stiller, und als alles gesagt war, saß er auffallend blass und zusammengesunken am Esstisch. Jeder im Raum wusste, wie ihm zu Mute war. Er war es gewesen, der Tyler veranlasst hatte, Canga einzustellen, und er fühlte sich verantwortlich für das, was nun geschehen war. Susan rückte ihren Stuhl dicht an den seinen und streichelte sanft seinen Arm.

Violet trat hinter Yates und fuhr mit einer sanften, mütterlichen Geste über seinen Nacken.

„Komm, Josy, wir holen das Essen“, forderte sie die Jüngere auf.

„Ich habe keinen Hunger“, kam es von Yates; damit nahm er sein Glas und die Whiskeyflasche und ging hinauf in sein Zimmer. Susan folgte ihm.

Auch Tyler und seine Frau gingen an diesem Abend früher als gewöhnlich zu Bett. Slim arbeitete fast täglich hart, aber die beiden letzten Tage hatten ihn besonders viel Kraft gekostet, und dazu kam sein Gemütszustand.

Diana begann, sich bettfertig zu machen. Sie saß wie üblich auf dem Hocker vor dem dreiteiligen Spiegel und bürstete ihr dunkelpalisanderfarbenes Haar. Normaler Weise schaute der Rancher ihr im Schein der Petroleumlampe dabei zu und konnte es kaum erwarten, bis sie endlich fertig war und zu ihm unter die Decke schlüpfte. Heute war es anders. Zwar lag Slim – wie gewohnt – auf dem Rücken, aber er reagierte nicht, als seine Frau sich vom Hocker erhob. Diana glaubte zunächst, er schliefe bereits, erschöpft von den Ereignissen des Tages, doch als sie ihn anschaute, sah sie, dass er zwar mit offenen Augen dalag, aber sein Blick ins Leere ging. So löschte sie die Lampe, legte sich ins Bett und flüsterte leise: „Gute Nacht, Slim.“

Der Rancher antwortete zunächst nicht. Zu sehr hing er seinen Gedanken nach. Vier Männer mussten sterben, und er hatte dreißig seiner besten Pferde verloren … Nein, er machte Jess keinen Vorwurf. Er gab sich selber die Schuld, weil er nicht seinem Gefühl vertraut hatte … Diana streichelte ihm leicht über die Schultern und flüsterte noch einmal: „Good night.“ Slim wandte sich zu ihr, nahm sie sanft in die Arme und wünschte ihr ebenfalls eine gute Nacht. Diana küsste sacht seine Wange und erwartete, dass er sich bald zur Seite drehen und ein wenig von ihr abrücken würde, um in einen tiefen, festen Schlaf zu fallen. Er tat es nicht. Er lag auf dem Rücken und hielt sie in seinem Arm. Die Frau wusste genau, dass er so nicht schlafen konnte, und mit einem Mal war ihr völlig klar, was in ihm vorging. Leise hörte sie sich sagen: „Du reitest beim ersten Tageslicht.“