Laramie-Saga (5): Die Stadt der Verlorenen

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Jessica G. James

Laramie-Saga

Die Stadt der Verlorenen

5. Buch

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Laramie-Saga

An einem jener wundervollen klaren, sonnigen Frühlingstage schickte Slim Tyler sich an, zu seiner Ranch zurückzukehren. Er hatte den morgendlichen Kontrollritt über jenen Teil seines Landes, auf dem er selber nach dem Rechten schaute, beendet und alles zu seiner Zufriedenheit vorgefunden. Die Zäune, die das hervorragende „Wyoming-Cattle-Land“ umgaben, waren – bis auf ein paar Kleinigkeiten – intakt, das Vieh und die Pferde befanden in gewohnt guter Kondition, die Wasserstellen schimmerten klar im Sonnenlicht.

Es war genau einer jener Tage, wie sie der große, kräftige Mann besonders liebte, und er freute sich auf das köstliche Mittagessen, welches Violet Copperfield, die treue Seele des Hauses, wie üblich bereithalten würde. In bester Laune ritt er dahin, als er auf seine beiden Vorleute Kenneth Brown und Jess Yates stieß, die ebenfalls von ihren Kontrollritten zurückkehrten. Natürlich war Jess Yates mehr als nur Vormann auf der Tyler-Ranch – er war Slims Partner und sein bester Freund. Den Rancher freute es, die beiden zu sehen, aber diese Freude erhielt rasch einen leichten Dämpfer. Yates berichtete erbost, dass es wohl ein wilder Hengst geschafft hatte, auf die weitläufige Weide mit den jungen Stuten zu gelangen, mit denen sie ihre planmäßige Pferdezucht erweitern wollten, und der wahrscheinlich zumindest einen Teil ihrer diesbezüglichen Pläne zunichtemachte. Der Bericht verärgerte Tyler zwar ein klein wenig, aber ihm ernsthaft die Laune verderben – nein, das konnte er an diesem herrlichen Tag nicht.

„Well, Jess“, sagte der Rancher in der ihm eigenen, ruhigen, besonnenen Art, „dann müssen wir eben abwarten, was für Fohlen dabei herauskommen.“ Und mit einem Schmunzeln fügte er hinzu „Er wird nicht alle Stuten gedeckt haben, sie sind ja nicht alle zur gleichen Zeit rossig“, worauf Yates’ Zorn wenigstens zum Teil verflog und das Blau seiner Augen nicht mehr so ganz eiskalt stählern wirkte. Als Slim dann noch vorschlug, sich mit ihm am Nachmittag zum Angeln an einem ruhigen Abschnitt des Flusses, der sich durch Tyler-Land zog und es neben den zahlreichen, fröhlich dahinplätschernden Creeks und ein paar verträumten Seen besonders wertvoll machte, zu treffen, war auch er wieder bei bester Stimmung.

„Okay, Slim“, war Yates’ nun von einem fröhlichen Grinsen begleitete Antwort, „das ist deine beste Idee seit langem. Ich verfolge inzwischen mit Ken die Spur des Hengstes. Vielleicht ist er nicht allzu weit gelaufen, und wir bekommen ihn zu Gesicht. Dann wissen wir, mit wem wir es zu tun haben. Bringst du mein Angelzeug mit?“

Damit trieb Yates seinen Rappen Flash rasch voran, und Brown folgte ihm auf der Stelle. Der Rancher blickte den beiden nach, bis er nur noch eine Staubwolke sah.

Sein Blick glitt über das weite Land mit den endlosen Weiden und den sanften Hügeln, blieb ab und zu an einer Baumgruppe oder einer der kleinen, schroffen Felsenformationen hängen, schweifte weiter bis zu den in diesem Licht bläulich schimmernden Bergen, hinter denen die endlosen Plains begannen.

Dann stupste er gut gelaunt seinem schweren, muskulösen Schwarzen ganz leicht die Sporen in Flanken – ein Zeichen, dem das temperamentvolle Tier nur allzu gerne nachkam. Thunder pumpte Luft in die mächtigen Lungen, versammelte sich einen Augenblick lang auf die ihm eigene Weise und galoppierte dann an, wobei er wie üblich einen Moment benötigte, um sein eigenes Gewicht und das seines Reiters in Bewegung zu bringen. Slim drückte den hellbraunen Stetson etwas tiefer in die Stirn und genoss den kraftvollen Lauf seines Pferdes, ganz in dem Bewusstsein, dass es ihn schnell zu seiner Ranch bringen würde, denn er freute sich nicht nur auf Violets leckeres Essen und auf den Nachmittag mit Jess, nein, er freute sich auch auf seine entzückende Frau Diana.

Bald hatte Tyler die Hügel erreicht, zwischen denen eingebettet sein Anwesen in der Mittagssonne lag. Er hielt für einen Moment an und schaute voller Zufriedenheit über die Gebäude und die Corrals. Die Mittagskutsche war soeben eingetroffen, und sein und Yates‘ Ziehsohn Benny Wilders, der nun beinahe schon ein junger Mann war, bat die beiden wohl einzigen Fahrgäste gerade zu einer Erfrischung ins Haus, um dann routiniert das Pferdeteam zu wechseln. Ja, es war einer dieser Tage, an denen Slim sich ausgesprochen wohl und glücklich fühlte.

Der Rancher drückte seinem Hengst wieder sacht die Sporen in die Flanken und legte das letzte Stück des Weges im leichten Galopp zurück. Benny bemerkte sein Kommen und kündigte es in der gewohnten Weise mit einem lauten „It’s Slim“ im Haus an. Leon, der junge spanische Doggenrüde, erhob sich – leicht schweifwedelnd – aus dem Sonnenfleck, in dem er friedlich gedöst hatte, um seinen Besitzer zu begrüßen. Der Rancher sprang aus dem Sattel, band sein Pferd locker an dem dafür vorgesehenen Geländer vor der Veranda des Wohnhauses an, warf Benny ein fröhliches „Howdy“ zu und ging ins Haus.

Im Essbereich des geräumigen Wohnzimmers saßen die Passagiere der Kutsche inzwischen bereits vor einer Tasse Kaffee und einem Stück von Violets ausgezeichnetem Marmorkuchen. Tyler grüßte höflich und stellte sich dabei kurz vor. „Hallo, ich bin Slim Tyler. Willkommen auf meiner Ranch. Lassen Sie sich nicht stören – ich bin in wenigen Augenblicken bei Ihnen.“

Der kurze Moment hatte Slim genügt, um die Fremden unauffällig zu taxieren. Sie waren ausgezeichnet gekleidet und wirkten trotz der sicherlich strapaziösen Fahrt mit der polternden Kutsche sehr gepflegt. Beide sahen nicht so aus, als verdienten sie ihr Geld mit körperlicher Arbeit. Der Rancher überlegte kurz, was sie wohl in Laramie wollten, dann begab er sich auf direktem Weg in die Küche, aus der – wie immer um diese Zeit – ein einladender Duft nach Essen wehte. Seine gute Laune verbesserte sich noch um eine Spur. Auf gewohnt liebevolle Art begrüßte er Violet Copperfield und nutzte die Gelegenheit, um in die Töpfe zu schauen. Das, was er sah, entsprach genau dem, was der appetitliche Geruch verhieß. Violet sagte „Unsere Gäste wollten nichts weiter essen, sondern nur Kaffee und ein Stück Kuchen.“

Slim verzog sein Gesicht zu einem schelmischen Lächeln, als er antwortete „Umso mehr bleibt für mich.“

Violet lächelte zurück. Natürlich war es viel Arbeit, für die allesamt guten Esser auf der Ranch und für den einen oder anderen Gast zu kochen, aber sie genoss die Anerkennung, die ihr ihre hervorragende Kochkunst immer wieder aufs Neue einbrachte.

Tyler fuhr fort „Ich warte aber mit dem Essen, bis die Kutsche weitergefahren ist, dann habe ich mehr Ruhe.“ Damit wandte er sich von den Töpfen ab, um wieder in den Wohnraum zurückzukehren. Die beiden Männer standen auf, und einer von ihnen sagte: „Mr. Tyler, der Kutscher hat uns erzählt, dass es von hier aus einen Verbindungsweg zur Carpenter-Ranch gibt. Man müsse nicht erst nach Laramie fahren, um dort hin zu gelangen. Ist das richtig?“

Der Rancher wusste nicht, warum ihm die durchaus höflich gestellte Frage nicht gefiel und warum ihn so etwas wie ein unangenehmes Gefühl beschlich. Eine Spur knapper als erforderlich antwortete er: „Wer will das wissen?“

Der Fremde musterte ihn einen Augenblick lang irritiert, doch er ließ sich nichts anmerken, als er erklärte: „Terence Midler – und das hier ist mein Kollege Neill Torben. Wir sind Bankinspektoren aus New York, und wir haben den Auftrag, persönlich unsere Filialen hier im Westen in Augenschein zu nehmen und auch zu entscheiden, ob in dem einen oder anderen Kaff vielleicht noch eine weitere Bank entstehen soll. Nun, und bei der Gelegenheit möchte ich die Carpenters besuchen – sie sind alte Freunde von mir noch aus jener Zeit, bevor ich nach New York gegangen bin. Ursprünglich stamme ich auch – genau wie die Carpenters – aus Tennessee. Ich glaube, Mr. Tyler, damit habe ich Ihre Frage mehr als hinreichend beantwortet.“

Der Tonfall Terence Midlers nahm, während er Auskunft gab, einen leicht schnarrenden, arroganten Klang an, der Tyler ziemlich missfiel, obwohl es an dem, was der Fremde sagte, absolut nichts auszusetzen gab. Der Rancher spürte, wie seine eben noch so hervorragende Stimmung abkühlte und er begann, unbewusst so etwas wie Antipathie zu empfinden. Sein Körper straffte sich, und er blickte dem Mann voll in die Augen. „Ja, das haben Sie, Mr. Midler.“

„Schön. Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Gibt es von hier aus einen Verbindungsweg zur Carpenter-Ranch?“

 

Tyler überlegte einen Augenblick. Egal, aus welchem Grund die Männer dort hin wollten – es würde nichts schaden, wenn sie von seiner Ranch aus starten würden. Das Carpenter-Land wurde seit der Ermordung Charles Carpenters und erst recht nach der Entführung der kleinen Clarissa streng bewacht, und Jonathan Carpenters Leute nahmen ihre Aufgabe verdammt ernst. Slims Laune stieg für einen Augenblick wieder, als er sich den Empfang vorstellte, der Midler und Torben erwartete. Ungewollt huschte ein kaum merkliches Feixen über sein Gesicht, welches Midler fälschlicher Weise als leichtes, freundliches Lächeln deutete.

„Nun, Mr. Tyler? Gibt es diesen Weg? Und – wenn ja, würden Sie meinem Kollegen und mir Pferde leihen, um dort hin zu kommen – vielleicht haben sie ja noch bessere als die Ponys, die im Corral stehen?“

Der Rancher schluckte. Er wusste, dass die Mustangs in keiner Weise mit den eleganten Reitpferden der Südstaatler zu vergleichen waren, aber die Tiere, die in seinen Corrals und auf seinen Koppeln standen, gehörten zu den besten, die es hier im Westen gab. Er spürte, wie Verärgerung in ihm aufstieg. Nein, er wollte diesem Mann eigentlich kein Pferd leihen, und er wollte ihm gerade entsprechend antworten, als die Tür aufflog und seine Frau Diana in der ihr eigenen temperamentvollen Art hereinschneite. Gekonnt warf sie ihren hellbeigen Stetson in der gleichen Weise wie die Männer der Tyler-Ranch auf einen der Haken neben der Tür. Sie war ein wenig verschwitzt, ein wenig staubig, und sie war einfach bezaubernd schön wie immer. Ihr Erscheinen enthob Tyler – wenigstens für den Moment – einer Antwort, denn Diana stürmte auf ihn zu, um ihn mit einem flüchtigen, aber doch sehr herzlichen Kuss auf den Mund zu begrüßen. Slim hätte sie am liebsten in die Arme geschlossen, festgehalten und auf der Stelle noch viel mehr mit ihr gemacht, aber da drehte sie sich schon mit einem freundlichen „Howdy“ den beiden Fremden zu. Diana erblickte Midler und wurde kreidebleich.

„Terence?“, fragte sie ungläubig, beinahe fassungslos und ein wenig stammelnd.

Der Fremde stand einen Moment wie vom Donner gerührt.

„Diana! – Ich glaube es nicht – Diana, du hier? Mein Gott, du bist in all den Jahren noch schöner geworden. Aber nun sage mir: Was tut so ein Prinzesschen wie du an einem Ort wie diesem? Was, um alles in der Welt hat dich auf diese … Ranch … hier geführt?“

Er sprach das Wort „Ranch“ mit einer derartigen Verachtung aus, dass sich Tylers Verärgerung zu Wut steigerte. Was bildete sich dieser Südstaatler ein? Slim war stolz auf das, was er erreicht hatte, war stolz darauf, dass er aus der ärmlichen Ranch seiner Eltern diese gut laufende Rinder- und Pferdezucht geschaffen hatte, war stolz auf die ständig erweiterten Gebäude und den guten Zustand, in dem sich alles befand …

Er sog tief die Luft ein, so dass sein breiter Brustkorb noch etwas breiter wurde, und blies sie hörbar aus. Wer ihn kannte, wusste, dass es sich um eine Art Wutschnauben handelte und es nun klüger war, Tyler in keiner Weise mehr zu reizen.

Diana schaute den Fremden noch immer ungläubigfasziniert an, und bevor sie antworten konnte, tat der Rancher es.

„Offensichtlich kennen Sie Diana ja bereits“, sagte er, und nun hatte seine Stimme den gleichen arroganten Ton wie vorher die von Midler, „aber der Umstand, dass sie meine Frau ist, scheint neu für Sie zu sein.“

„Sie ist WAS?“, erwiderte der Fremde, „Diana Carpenter ist Ihre Frau? Sie wollen doch nicht allen Ernstes behaupten, eine Carpenter hätte einen … Cowboy geheiratet?“

Dunkle Wolken traten in Tylers Augen, und sein an sich freundliches Gesicht verfinsterte sich. Mit einem raschen Schritt trat er auf Midler zu und fasste ihn hart bei den Revers seiner eleganten, dunklen Jacke. „Verlassen Sie augenblicklich meine Ranch!“, ranzte er, „Sofort!“ Dabei schubste er den Mann unmissverständlich in Richtung Tür. Sofort war Diana bei dem Fremden und stellte sich zwischen ihn und Tyler.

„Slim!“, rief sie vorwurfsvoll, „Was tust du? Terence Midler ist ein alter Freund der Carpenters. Wie kannst du ihn so behandeln?“

Der Rancher empfand so etwas wie einen Schlag. Was war in seine Frau gefahren? Wie konnte sie sich auf die Seite dieses Dandys stellen? Noch ehe er Gelegenheit hatte, sich irgendwie zu äußern, hörte er Dianas Stimme. Sie klang warm und weich, und in ihr schwang jener zärtliche Unterton, den sie sonst nur hatte, wenn sie Slim galt.

„Terence – bitte entschuldige Slims Verhalten. Er ist manches Mal ein wenig jähzornig, und er hat es sicher nicht so gemeint!“

„Doch“, knurrte Tyler, „ich habe es genauso gemeint. Raus hier, und zwar ganz schnell!“

Terence Midler ergriff seinen schwarzen Hut, der auf einem der Garderobenhaken neben der Tür hing. „Kommst du, Neill?“, wandte er sich an seinen Kollegen, der zwischenzeitlich, offensichtlich verblüfft über den Verlauf des Geschehens, aufgestanden war. Dann drehte er sich zu Diana, ergriff ihre Hand und verneigte sich zu einem perfekten Handkuss. Er schaute in ihre wunderschönen Augen, die in geheimnisvollem Jade-Türkis schimmerten und verabschiedete sich galant.

„Es hat mich überaus gefreut, dich wiederzusehen, auch, wenn die Dinge ein wenig eskaliert sind. Ich denke, wir treffen uns bald auf der Carpenter-Ranch?! Bei der Gastfreundschaft hier …“, damit warf er Slim einen vernichtenden Blick zu, „werden Mr. Torben und ich es allerdings vorziehen, mit der Kutsche bis Laramie zu fahren und uns dort Pferde zu mieten, um eurer Ranch einen Besuch abzustatten. Du musst mir unbedingt alles erzählen, was sich in den Jahren, in denen wir getrennt waren, zugetragen hat. Vor allen Dingen auch, wie du hierher gekommen bist.“ Mit einem verächtlichen Gesichtsausdruck schaute er sich im Raum um, dann schritt er stolz und aufrecht an Tyler vorbei aus dem Haus, einen sichtlich verlegenen und ziemlich unangenehm berührten Neill Torben im Gefolge.

„Auf Wiedersehen, Mrs. Tyler, Mr. Tyler“, grüßte jener höflich und setzte mit einem gewinnenden Lächeln hinzu: „Und bitte richten Sie Mrs. Copperfield mein Kompliment und meinen herzlichen Dank für den vorzüglichen Kuchen aus“. Dann verließ auch er das Haus.

Der Rancher wandte sich an seine Frau. „Erklärst du mir, wer das war? Du bist bei seinem Anblick weiß wie die Wand geworden!“ Tyler schien ein wenig nervös, ein Zustand, der bei ihm eher die ganz große Ausnahme war.

„Das war Terence Midler“, kam die ruhige, völlig gefasste Antwort.

„Das habe ich mitbekommen. Aber wieso reagierst du derartig heftig auf ihn? Was spielt er für eine Rolle in deinem Leben?“

Tyler spürte, wie ungewollt so etwas wie Eifersucht in ihm aufstieg.

„Nun, Terence Midler ist der Cousin von … Ronald Midler, und er sieht ihm noch immer zum Verwechseln ähnlich. Als er eben vor mir stand, habe ich geglaubt, einen Geist zu sehen …“

Die Erinnerung an ihren in den letzten Tagen des Bürgerkrieges gefallenen Verlobten ließ Dianas Augen feucht schimmern – ein Umstand, der Slim veranlasste, seine Frau sofort tröstend in die Arme zu schließen. „Hush, Kleines“, flüsterte er beruhigend und küsste sacht ihr Haar. Diana schmiegte sich kurz an seine Brust und seufzte, dann löste sie sich ein wenig von ihm und sprach weiter.

„Aber das ist noch nicht alles. Terence und Ronald, nun ja, sie waren beide in mich verliebt, und sie haben beide um mich geworben. Terence war eigentlich mein Favorit, er war sozusagen meine Jungmädchenliebe, meine erste Schwärmerei. Doch dann ging er nach New York, um Banker zu werden, und Ronald verstärkte seine Bemühungen um mich. Anfangs haben Terence und ich uns noch geschrieben, doch als er erfuhr, dass ich mich mit Ronald verlobt habe, hat er mir Glück gewünscht und sich danach nie mehr gemeldet – auch nicht, als Ronald gefallen war. Ich habe ihn bis zum heutigen Tag aus den Augen verloren. Ich wusste nicht einmal, ob er noch lebt …“

Tyler blies hörbar die Luft aus. „Das sind ja Neuigkeiten“, meinte er und wusste nicht so recht, wie er sich nun verhalten sollte. „Ich habe mich mit Jess zum Angeln verabredet“, sagte er dann, „ich mache mich mal auf den Weg zum Fluss.“ Seinen Hunger schien er völlig vergessen zu haben, und das kam nicht oft vor.

Nachdenklich ging Slim in die Scheune, um das Angelzeug zu holen und stieg in den Sattel. Noch immer tief in Gedanken versunken, erreichte er den Fluss. Er setzte sich auf eine Felsenplatte am Ufer und ließ flache Steine über das Wasser tanzen, als er hinter sich die warme, ruhige Stimme Yates’ hörte. „Na, Pard, schon da? Hast du dein Mittagessen ausfallen lassen?“

Die Frage war als Scherz gemeint, denn Tyler hatte eigentlich immer einen geradezu gesegneten Appetit und genoss seine Mahlzeiten. „Ja“, kam als Antwort eines jener typischen, unverwechselbaren und fast immer knappen „Jas“, und dieses hier klang so merkwürdig, dass Jess fragend die Stirn runzelte. „Was ist passiert?“, forschte er und ließ sich neben dem Rancher auf der Felsenplatte nieder.

„Well, Jess …“, und nun erzählte Tyler seinem Freund die ganze Geschichte, nicht ohne dabei etliche Steinchen über das Wasser zu treiben.

„Das ist in der Tat eine merkwürdige Situation“, sagte Yates, als der Rancher geendet hatte, „da bin ich mal gespannt, wie es weitergeht.“

„Ich auch Jess, ich auch.“

„Was meinst du“, fragte Yates, „eigentlich wollten wir ja angeln. Hast du noch Lust dazu“?

„Ja“, kam die kurze und knappe Antwort, und der Texaner musste ein wenig über seinen Freund lächeln. Wortlos ging er zu Thunder hinüber, um das Angelzeug zu holen, und bald saßen die beiden wieder nebeneinander am Fluss. Sie schwiegen eine Weile, jeder in seine Gedanken versunken, doch dann meinte der Rancher „Was ist mit dem wilden Hengst, der unseren Zuchtstuten einen Besuch abgestattet hat? Du hast noch gar nichts von ihm erzählt. Habt ihr ihn gesehen?“

„Yeah, haben wir.“

„Und?“

„Nun, ich denke, so wie er aussieht, brauchen wir uns um die Fohlen keine Sorgen zu machen.“

Nun trat ein erfreutes Leuchten in Slims Augen, und er sagte mit einem schelmischen Unterton „Ich mag es zwar nicht, wenn meine Zuchtpläne durchkreuzt werden, aber was nicht zu ändern ist, ist nicht zu ändern. Wie sieht er denn aus?“

Yates erwiderte ebenso vergnügt: „Gut, wirklich gut. Er hat Ähnlichkeit mit Jonathans Braveheart – ich denke, es ist auch ein Sohn von Ol’Mighty.“

„Nicht schlecht“, kam die Antwort des Ranchers, „bin mal gespannt, was dabei herauskommt.“

Nun schwiegen die Freunde wieder, und es war wie immer, wenn keiner von ihnen etwas sagte: Es war kein Schweigen, weil ihnen der Unterhaltungsstoff ausgegangen wäre, nein, es war dieses Selbstverständnis, diese Vertrautheit, die keiner Worte bedurfte, um einander zu verstehen.

Jess mochte in dieser Situation nichts davon erzählen, wie Ken und er den Hengst in vollem Galopp verfolgt hatten. Sie entdeckten ihn im gleichen Moment wie er sie, und er stürmte mit einer ungeheuren Schnelligkeit davon, hinter sich Yates und Brown, in denen der Ehrgeiz erwachte, ihm auf den Fersen zu bleiben. Als Jess sah, wie der Wildling sich dem Carpenter-Land näherte, veranlasste er Ken, sein Pferd durchzuparieren. Verschwitzt, mit strahlenden Gesichtern, blickten sie dem muskulösen Tier nach, welches kurze Zeit später, nachdem es spürte, dass es nicht mehr verfolgt wurde, stehenblieb. Es drehte die feinen Ohren in ihre Richtung – jeden Muskel gespannt, bereit, sofort wieder loszustürmen. Jess kam der Gedanke, den Hengst vielleicht bei Gelegenheit einzufangen und für seinen Schwager Jonathan Carpenter zu zähmen. Vielleicht wäre dieser Wildling ja ein Ersatz für dessen feines Tennessee Walking Horse namens Joker, welches bei einem dramatischen Unfall sein Leben verlor. Nach Jokers Tod hatte Slim für Jonathan den jungen wilden Hengst Braveheart eingefangen und begonnen, ihn nach der seit einiger Zeit auf der Tyler-Ranch praktizierten Methode, bei der die Pferde nicht mehr gebrochen, sondern wirklich gezähmt wurden, auszubilden. Doch dann kam es auf Jonathans Junggesellenabschied, der auf der Tyler-Ranch gefeiert wurde, zu einem üblen Zwischenfall. Ein brutaler Kerl misshandelte das Tier und machte Slims bisherige Arbeit zunichte. Braveheart reagierte auf diese Misshandlung anders als es die meisten anderen Pferde getan hätten – er zeigte sich nicht verängstigt und eingeschüchtert, nein, er wurde aggressiv. Er wurde so aggressiv, dass er eine wirkliche Gefahr für Menschen, die ihn nicht genau kannten und zu behandeln verstanden, darstellte, eine Gefahr, die einen seiner Peiniger und auch einen Gangster schon das Leben kostete.

 

Slim hatte damals dem feinen dunkel-schokoladenfarbenen Tier die Freiheit geschenkt, aber der üble Bursche, der ihm schon so viel Leid angetan hatte, fing ihn wieder ein und stellte ihn als „Killerpferd“ auf Rodeos zur Schau. Tyler entdeckte Braveheart beim Rodeo in Laramie, und weil er das Tier damals noch nicht mit seinem Brand versehen hatte, konnte er nicht beweisen, dass es eigentlich sein Pferd war. Jonathan kaufte den Hengst für die unglaubliche Summe von eintausend Dollar frei … Damals wollte Slim ihm anschließend sein Brandzeichen aufdrücken und ihn dann erneut in die Freiheit entlassen, weil er niemals ein zuverlässiges Reitpferd sein würde. Aber Jonathan bat Tyler so intensiv und so lange, bis der sich tatsächlich noch einmal darauf einließ, den Versuch zu unternehmen, das Tier auszubilden. Tatsächlich gelang es ihm auch, zum Teil jedenfalls. Braveheart wurde ein wundervolles Reitpferd mit herrlichen Gängen und sofortiger Umsetzung der gegebenen Hilfen, dabei schnell, wendig und ausdauernd. Aber er blieb gefährlich – alles, was er als Aggression auslegte, löste einen heftigen Angriff aus. Und so durften ihn nur Menschen reiten, die um seine Eigenart wussten und auf ihn einzugehen vermochten – besonders schien er Diana und Susan zu lieben, aber auch Jonathan kam gut mit ihm zurecht. Vorsichtshalber ritt er den Hengst aber nur im freien Gelände; niemals nahm er ihn, um in die Stadt zu reiten.

Versonnen, jeder in seine Gedanken versunken, blickten Tyler und Yates auf das ruhig dahinfließende Wasser, und es dauerte nicht lange, da signalisierte ein Ruck an Slims Angel den ersten Biss. Es war eine große Forelle, die er an Land zog und die sich kraftvoll dagegen wehrte. Gerade als der Rancher sie am Ufer hatte, tauchte Kenneth Brown auf.

Schnell sprang er aus dem Sattel, um seinem Boss behilflich zu sein und den Fisch durch einen gezielten Schlag mit dem Griff seines Bowies fachgerecht zu töten. Routiniert griff er zu der Stelle seines Gürtels, an der normaler Weise das Messer hing und stellte fest, dass es fehlte. Ken atmete tief durch. Gestern Abend hatte er bemerkt, dass die Schlaufe der Messerscheide nicht in Ordnung war, und er wollte das nach dem Abendessen eigentlich gleich in Ordnung bringen. Natürlich war es ein absolutes Muss, solche Dinge unverzüglich zu reparieren – jeder auch noch so kleine Gegenstand der Ausrüstung musste zur eigenen Sicherheit völlig intakt und wirklich jederzeit einsatzbereit sein – manches Mal konnte sogar ein Leben davon abhängen. Ken wusste das so gut wie jeder andere Mann hier im Westen. Aber es war einfach so – nachdem seine Verlobte Esther ihn wegen eines wohlhabenden, gutaussehenden dandyhaften Typs, der sich später als Verbrecher entpuppte, verließ, gab es eine Zeit, in der er völlig den Halt verlor. In diesen Wochen war er alles andere als ein Vorbild an Zuverlässigkeit und Loyalität; er vernachlässigte seine Aufgaben und begann zu trinken. Tyler war drauf und dran, ihn zu entlassen. Zum Glück änderte Brown sein Verhalten unter Dianas Einfluss, die er sehr verehrte, wieder. Manches Mal aber war er eben doch noch nicht so ganz der Alte, und dann ließ ihn seine Gedankenverlorenheit solche Alltäglichkeiten wie eine nicht intakte Schlaufe einfach vergessen. Der Verlust des Messers schmerzte Ken ziemlich – es war ein wirklich wertvolles Bowie – der Ehrenpreis für den Gesamtsieg in allen Disziplinen beim letzten Rodeo… Brown war ziemlich froh, dass sein Boss selber schnell routiniert die Forelle tötete und nichts bemerkt hatte – vielleicht wäre eine seiner kurzen, treffenden Anmerkungen gefallen, und Ken hatte keine Lust, sich an seine noch immer etwas lädierte psychische Verfassung erinnern zu lassen. Der Rancher war sicher kein Gefühlstrampel, aber Brown reagierte auf alles, was ihm die Gedanken an die hinter ihm liegende Zeit zurückbrachte, sensibel. Zu tief saßen der Schmerz und die Enttäuschung, die Esther ihm zugefügt hatte.

Der Fang des großen Fischs nahm Tylers und auch Yates’ Aufmerksamkeit voll in Anspruch, so dass beide wirklich nichts von Kens vergeblichem Griff nach seinem Messer bemerkten. Brown registrierte es erleichtert und sagte: „Na, das ist ja ein feiner Beitrag zum Abendessen, hoffentlich beißen noch ein paar!“

„Ich hoffe es auch, Ken“, erwiderte Yates, „ich habe nach der wilden Verfolgungsjagd heute Morgen einen Mordshunger. Daran ändert auch der kleine Imbiss nichts, den ich inzwischen hatte.“ Seine Augen blitzten temperamentvoll bei der Erinnerung an das Geschehen am späten Vormittag. Tyler stutzte ein wenig, und ein unmerkliches Schmunzeln erhellte sein Gesicht. Lapidar und ein klein wenig scheinheilig-ahnungslos spielend fragte er „Was für eine Verfolgungsjagd?“

Beinahe beiläufig und etwas verlegen darüber, dass er nicht gleich alles erzählt hatte, berichtete nun der Texaner, wie Ken und er dem Hengst nachgejagt waren. Seine Idee, ihn für Jonathan einzufangen, behielt er allerdings auch jetzt noch für sich, und die Tatsache, dass es nun auch an seiner Angel ruckte, bot die Gelegenheit, das Thema – für den Moment jedenfalls – zu beenden. Geübt zog er ebenfalls seinen Fang ans Ufer. „Na, wenn das so weitergeht, gibt es heute Abend reichlich Fisch“, zwinkerte er, „ich glaube, Violet kann zufrieden sein.“

***

Auf der Tyler-Ranch ging Diana in die Küche, um Violet zu begrüßen. Die gute Seele der Ranch hatte so ziemlich alles von dem, was sich im Wohnraum abspielte, mitbekommen. Violet verfügte über eine hervorragende Menschenkenntnis; sie hatte so etwas wie hoch sensible Antennen für Stimmungen, und es war ihr ein Leichtes, die Irritation der Jüngeren zu bemerken. Verständnisvoll lächelnd sagte sie „Das unerwartete Wiedersehen mit Mr. Midler hat dich ja ziemlich beeindruckt.“

„Ja, Violet, das hat es. Ich hätte niemals geglaubt, ihm noch einmal zu begegnen. Ich wusste nicht einmal, ob er noch lebt.“

„Hast du ihn sehr geliebt?“, fragte Violet einfühlsam.

Diana schien diese Frage absolut nicht zu überraschen, und ganz selbstverständlich antwortete sie: „Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich kann es dir nicht sagen. Ich war ja damals beinahe noch ein Kind, und das, was ich für Ronald und auch für Terence empfunden habe, war mehr so etwas wie Schwärmerei. Natürlich – später habe ich Ronald geliebt, und es war furchtbar, als uns die Nachricht von seinem Tod erreichte. Du weißt selber, dass es sehr, sehr lange gedauert hat, bis ich meine tiefe Melancholie überwinden konnte. Aber ob ich auch Liebe für Terence empfunden habe – nein, ich kann es nicht sagen.“

Violet nickte verständnisvoll, dann fragte sie „Möchtest du etwas essen? Ich habe jedenfalls Hunger, und Benny wartet sicher auch schon darauf, dass ich ihn hereinrufe.“

„Nein, Violet. Danke. Ich möchte mich ein wenig hinlegen und meine Gedanken ordnen. Ich weiß nicht, was ich tun soll – ob ich zur Carpenter-Ranch reite …“

Diana brach den Satz ab, und Violet spürte, wie aufgewühlt sie war.

„Ja, geh nur. Leg dich ein wenig hin.“ Damit ging sie hinaus, um Benny zum Essen zu rufen.

***

Die Postkutsche mit Terence Midler und Neill Torben erreichte planmäßig Laramie. Midler machte sich auf den Weg zum Mietstall, um Pferde zu besorgen. Torben ging in der Zwischenzeit zum Postamt und erkundigte sich, ob ein Brief für ihn oder Midler eingetroffen sei. Ja, es gab Post für ihn, es gab eine Nachricht vom obersten Direktorium der Bank, für die sie beide tätig waren. Rasch öffnete er das versiegelte Schreiben und überflog die Zeilen. Der Inhalt schien ihm sehr zu gefallen, denn ein beinahe triumphierendes Lächeln huschte über sein hübsches Gesicht, als er den Brief ziemlich rasch in die Innentasche seines Jacketts steckte.

Er verließ die Post und traf auf Midler. „Hey Terence“, rief er gut gelaunt, „hast du feine brauchbare Pferde für uns bekommen?“

„Brauchbare gibt es schon, der Mietstallbesitzer will uns die besten heraussuchen“, kam die Antwort, „aber von fein sind sie weit entfernt. Da müssen wir hier wohl ein wenig umdenken und Abstriche machen. Na, Hauptsache, die Gäule sind zuverlässig … War Post von der Direktion da?“ Neill Torben antwortete wie aus der Pistole geschossen, und er log ohne das kleinste Zögern. „Nein, es war nichts da.“