Chefarzt Dr. Norden 1175 – ArztromanText

Aus der Reihe: Chefarzt Dr. Norden #1175
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Chefarzt Dr. Norden – 1175 –

Dr. Daniel Norden, der Chefarzt der Behnisch-Klinik, nahm die OP-Haube ab und warf sie in den Wäscheständer. Seine junge Patientin hatte die Operation gut überstanden und wurde nun auf die Intensivstation gebracht.

Yvonne Banthien war für Daniel keine Fremde. Als einstiger Hausarzt der Familie kannte er sie seit ihren frühesten Kindertagen. Inzwischen war sie längst erwachsen, hatte geheiratet und eine kleine Tochter geboren. Noch wusste niemand aus ihrer Familie, dass sie zu den Verletzten eines schweren Zugunglücks gehörte.

In den frühen Abendstunden war ein Regionalzug mit einem Güterzug zusammengestoßen. Es hatte unter den Passagieren viele Verletzte und leider auch einige Todesfälle gegeben. Wie die anderen Krankenhäuser im Umland hatte auch die Behnisch-Klinik Unfallopfer aufgenommen, um die sich nun die Mitarbeiter kümmerten.

Daniel ging hinunter in die Notaufnahme. Inzwischen war hier schon wieder Ruhe eingekehrt. Alle Verunglückten waren versorgt und befanden sich nun in den unterschiedlichen Abteilungen der Behnisch-Klinik. Daniel wechselte noch ein paar Worte mit Dr. Berger, dem Leiter der Aufnahme, und machte sich dann auf den Weg, um im Haus nach dem Rechten zu sehen. Nötig war das eigentlich nicht. Auf den Stationen herrschte Ordnung, jeder wusste, was er zu tun hatte. Doch nach diesem ereignisreichen Tag war es Daniel wichtig, mit seinen Mitarbeitern zu sprechen und sich persönlich davon zu überzeugen, ob es ihnen und den Patienten gutging.

Sein letzter Gang führte ihn im Anschluss auf die ITS.

Dr. Schulz, der die Anästhesie und Intensivmedizin leitete, sah von seinem Computermonitor auf, als der Chefarzt der Behnisch-Klinik ins Dienstzimmer kam.

»Haben Sie Zeit für einen Rundgang?«, fragte ihn Daniel.

»Ja, das passt gut. Ich wollte ohnehin nach meinen Patienten sehen.«

Die ITS der Behnisch-Klinik war mit sechs Betten eher klein. Trotzdem dauerte der Rundgang fast zwei Stunden und endete schließlich am Bett von Yvonne Banthien.

»Sie schläft immer noch?«, fragte Daniel.

»Ja, sie macht keine Anstalten, aus der Narkose aufzuwachen. Dr. Lenz war schon zum neurologischen Konsil hier. Er vermutet ein mittelschweres Schädelhirntrauma. Blutungen im Gehirn konnten er aber sicher ausschließen.«

»Gut. Dann wird uns im Moment nichts anderes übrigbleiben als abzuwarten.«

Mehr konnte Daniel hier nicht tun. Deshalb beschloss er, der Kinderstation einen Besuch abzustatten, um nach Fee zu sehen. Dr. Felicitas Norden war nicht nur die Frau des Chefarztes, sondern auch die Leiterin der Pädiatrie. Genau wie Daniel liebte sie ihre Arbeit und vergaß darüber oft die Zeit und den dringend benötigten Feierabend.

Fee begrüßte Daniel mit einem so lieben Lächeln, dass er die vielen Dramen, die das Zugunglück verursacht hatte, für kurze Zeit vergessen konnte.

»Irgendwie hatte ich es im Gefühl, dass du dich hier blicken lassen würdest.« Schmunzelnd deutete sie auf die beiden Kaffeegedecke und die Thermoskanne, die auf ihrem Schreibtisch standen.

Daniel gab Fee einen zärtlichen Kuss. »Danke, mein Schatz. Die Aussicht auf einen heißen Kaffee in deiner Gesellschaft macht mich sehr glücklich. Allerdings hätte ich mich auch gefreut, wenn du nach Hause gefahren wärst, um dich etwas auszuruhen. Die letzten Stunden waren hart.«

»Ja, das waren sie, Dan. Und ich bin wirklich froh, dass sie vorbei sind.«

»Erik Berger erzählte mir, dass du in der Notaufnahme ausgeholfen hast.«

Fee winkte ab. »Berger hatte alles im Griff. Auf meine Hilfe war er gar nicht angewiesen.«

»Ich denke schon. Er meinte, du hättest dich um die Angehörigen gekümmert, die im Warteraum um ihre Liebsten bangten. Und um die, für die er keine guten Nachrichten hatte.«

Fee nickte traurig. »Ulla und Rainer Hoffmann.« Sie wusste genau, wen Daniel meinte. Die Hoffmanns hatten heute einen schmerzvollen Verlust erlitten, und ihre große Verzweiflung war an Fee nicht spurlos vorübergegangen. Sie war deshalb froh, dass sie mit Daniel darüber reden konnte.

»Sie haben ihre Tochter Franziska verloren. Ihr einziges Kind, ihr Ein und Alles. Franziska war erst vor zwei Wochen nach München gezogen, um als Klavierlehrerin an einer Musikschule zu arbeiten. Das Verhältnis zwischen ihr und ihren Eltern muss sehr innig gewesen sein. Obwohl Franziska hier eine eigene kleine Wohnung hatte, ist sie oft nach der Arbeit zu ihren Eltern gefahren, die in der Nähe von Kirchheim leben.« Fee verzog bekümmert den Mund. »Sie waren froh, dass Franziska dann immer den Zug nahm. Er sei sicherer als das Auto, meinten sie.«

»Was meinst du, werden sie den Verlust irgendwann überwinden?«

»Kann man den Verlust eines Kindes jemals überwinden?« Fee schüttelte den Kopf. »Man lernt vielleicht, damit klarzukommen und weiterzuleben. Aber überwinden? Nein, das glaube ich nicht.«

Daniel schwieg dazu. Er empfand so wie seine Frau. Seine Gedanken waren längst zu den eigenen Kindern geeilt, und ihn schmerzte die Vorstellung, dass das Schicksal auch sie hätte treffen können.

»Ich habe gehört, dass Yvonne Banthien unter den Verletzten war«, wechselte Fee nun das Thema, das sie beide so traurig stimmte. »Wie schlimm ist es?«

»Sie hatte eine Milzruptur, die wir übernäht haben. Der hohe Blutverlust hatte ihr etwas zu schaffen gemacht, aber davon wird sie sich erholen. Welche Auswirkungen das Schädelhirntrauma hat, erfahren wir wohl erst, wenn sie wieder wach ist. Momentan mache ich mir etwas Sorgen, weil sie sich damit sehr viel Zeit lässt. Sie hätte längst aus der Narkose aufwachen müssen.«

Fee dachte an das kleine, blonde Mädchen zurück, dem sie oft in Daniels Praxis begegnet war.

»Wir haben sie praktisch aufwachsen sehen, Dan. Sie war so süß und wunderschön mit ihren großen blonden Locken. Unser Danny meinte immer, sie sehe aus wie ein Engelchen.«

Daniel lachte leise. »Ja, daran erinnere ich mich. Und dabei war Yvonne schon damals alles andere als ein Engelchen.«

»Ihr dürfen wir wohl kaum die Schuld dafür geben. Beatrice hatte ihr frühzeitig beigebracht, dass sich die Welt nur um sie zu drehen hat.« Fee seufzte. »Beatrice hätte nie ein Kind adoptieren dürfen. Vielleicht wäre aus Yvonne ein besserer Mensch geworden, hätte sie eine liebevolle und anständige Mutter gehabt. Aber so braucht sich niemand zu wundern, dass aus der kleinen, süßen Yvonne so ein Biest wurde. Ein Biest wie ihre Adoptivmutter.«

Daniel zog die Augenbrauen hoch. »Du bist immer noch auf Beatrice sauer?«

»Natürlich bin ich das! Und das kannst du mir ja wohl kaum verdenken. Wochenlang hat dir Beatrice schöne Augen gemacht. Dass du eine Familie hast, war ihr völlig egal gewesen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dich zu erobern, und ließ einfach nicht davon ab. Erst als du drohtest, ihre Behandlung an einen anderen Arzt abzugeben, hat sie dich in Ruhe gelassen.«

»Ja, und zwar so endgültig, dass sie von sich aus die Praxis gewechselt hat. Glaub mir, niemand war darüber glücklicher als ich.«

»Doch, ich«, erwiderte Fee so grimmig, dass Daniel lachen musste.

»Das Lachen wird dir noch vergehen, mein Lieber, wenn Beatrice hier aufkreuzt, um ihre Tochter zu besuchen. Sollte sie es wieder bei dir versuchen, werde ich mich diesmal nämlich nicht in Zurückhaltung üben.«

»Dann wäre es also gut, sie vor dir zu warnen, mein Liebling. Sofern ich sie irgendwann mal erreiche. Noch weiß sie gar nichts von Yvonnes Unfall. Auf ihrem Handy konnte ich ihr nur eine Nachricht hinterlassen. Und bei ihrem Festnetzanschluss springt sofort der AB an mit der fröhlichen Ansage, dass sie sich zurzeit auf einer Kreuzfahrt in der Karibik amüsiert.«

»Das ist gar nicht gut, Dan.« Fee wurde ernst. »Du brauchst hier einen Angehörigen, der Yvonnes Angelegenheiten regelt, solange sie es nicht selber kann.«

Seufzend gab ihr Daniel recht. »Mir wird deshalb nichts anderes übrigbleiben, als Roman anzurufen. Auch wenn die Ehe nur noch auf dem Papier besteht und sich die beiden spinnefeind sind, ist er im Moment der nächste Angehörige für sie.« Daniel sah auf seine Uhr. »Jetzt ist es allerdings zu spät für den Anruf. Morgen früh reicht völlig aus. Und mit ein bisschen Glück meldet sich Beatrice bis dahin, und wir brauchen Roman nicht damit zu behelligen.«

*

Gegen Mittag entschied Theresa Banthien, nicht mehr länger zu warten. Ihr Sohn hatte genug Zeit gehabt, um Daniel Nordens Nachricht zu verdauen. Jetzt musste er endlich eine Entscheidung treffen.

Sie verließ das alte Verwalterhaus, in das sie gezogen war, als Yvonne und Roman heirateten. Auf dem ehemaligen Gut Banthien gab es schon lange keinen Verwalter mehr. Als der Gutsbetrieb vor mehr als dreißig Jahren eingestellt wurde, war auch der letzte Verwalter in den Ruhestand gegangen. Nach umfangreichen Modernisierungsarbeiten war aus dem hübschen Häuschen im Gutspark ein komfortables Gästehaus geworden und später Theresas Domizil.

Für Theresa war es nach der Hochzeit ihres Sohnes selbstverständlich gewesen, aus dem Herrenhaus auszuziehen und mit dem Gästehaus vorliebzunehmen, das ihr alle Annehmlichkeiten bot, die sie gewohnt war. Roman hatte das weder verlangt noch von ihr erwartet, aber Theresa hatte auf ihren Auszug bestanden.

»Jung und Alt verträgt sich nicht«, hatte sie damals scherzhaft gesagt, obwohl sie eigentlich »Yvonne und Theresa vertragen sich nicht« meinte. Es hatte zwischen diesen ungleichen Frauen nie einen offenen Streit gegeben. Der Umgang ließ sich als ausgesprochen höflich und distanziert beschreiben. Trotzdem war Theresa gegangen.

Yvonne war nicht die Frau, die sie sich für ihren einzigen Sohn gewünscht hatte. Aber sie hatte seine Wahl akzeptiert und das Feld geräumt, bevor es zu unschönen Auseinandersetzungen zwischen ihr und ihrer prätenziösen Schwiegertochter kommen konnte.

 

Diese Entscheidung hatte sich als sehr klug erwiesen. Theresa gefiel es in ihrem neuen Refugium bald so gut, dass sie sich nicht überwinden konnte zurückzuziehen, als Yvonne nach nicht mal einem Jahr Ehe verschwand und ihren Ehemann mit dem Baby allein zurückließ.

Theresa ging den schmalen Pflasterweg durch das parkähnliche Gelände bis zum Herrenhaus. Seit drei Jahrhunderten ragten dessen Mauern in den Himmel, und seit mehr als drei Jahrzehnten gehörten sie zu Theresas Leben dazu. Sie hatte sich hier sofort heimisch gefühlt, als sie als junge Braut des Hausherrn Einzug gehalten hatte. In diesen Gemäuern, das hatte sie auf Anhieb gewusst, würde das Glück wohnen. Sie hatte sich nicht getäuscht, zumindest nicht in Hinblick auf ihre eigene Ehe. Bei Roman sah das leider ganz anders aus.

»Wissen Sie, wo mein Sohn ist?«, fragte Theresa, als sie im weitläufigen Vestibül auf Wally traf.

Die Haushälterin nickte und deutete mit dem Kopf auf die Treppe, die ins obere Geschoss führte. »Er ist mit der Kleinen hochgegangen. Unsere Süße hat ein wenig gequengelt. Ihr Sohn meinte, dass sie müde sei.«

Theresa stieg die breite Treppe hinauf. Im rechten Flügel des Hauses lagen die privaten Wohn- und Schlafräume ihres Sohns und ihrer Enkeltochter. Auch Romans heimisches Arbeitszimmer hatte er hier oben untergebracht, damit er in Elisas Nähe sein konnte. Er fuhr zwar täglich nach München rein, um wichtige Termine in seiner Firma wahrzunehmen, aber meistens kam er schon am frühen Nachmittag zurück und erledigte die restlichen Arbeiten von hier aus.

Theresa fand ihren Sohn in Elisas Zimmer. Die Kleine war soeben eingeschlafen. Das zärtliche Lächeln, mit dem er seine Tochter ansah, verschwand aus seinem Gesicht, als seine Mutter hereinkam. Er musste kein Genie sein, um zu wissen, warum sie gekommen war. Wortlos ging er an ihr vorbei. Auf dem Flur wartete er auf sie und schloss dann möglichst geräuschlos die Kinderzimmertür.

»Wir reden unten«, sagte er leise und ging voran.

Theresa betrachtete ihren Sohn. Er hatte sich vor die große Terrassentür gestellt und sah nach draußen. Ein wehmütiges Lächeln erschien um ihren Mund, als ihr auffiel, wie sehr er sie an ihren geliebten Arthur erinnerte. Wie sein viel zu früh verstorbener Vater war auch Roman hochgewachsen. Er hatte dunkles, fast schwarzes Haar und markante Gesichtszüge. Alle Banthien-Männer galten als geradlinig, charakterstark und aufrichtig. Entscheidungen fällten sie nie vorschnell, sondern klug und mit Bedacht.

»Was willst du jetzt machen?«, fragte Theresa ungeduldig.

»Was erwartest du denn? Dass ich an ihr Bett eile und ihre Hand halte?«

»Roman, bitte! Sarkasmus steht dir nicht und bringt uns zudem nicht weiter. In der Klinik warten sie darauf, dass sich ein Angehöriger blicken lässt, um die Papiere zu unterschreiben. Ich weiß, dass das eigentlich Beatrices Aufgabe ist. Aber niemand kann sie erreichen. Und da du noch immer Yvonnes Ehemann bist …«

»… ist es meine Pflicht, mich um sie zu kümmern.« Roman lachte bitter auf. »Denkst du, das weiß ich nicht? Keine Sorge, ich habe mich nie vor meiner Verantwortung gedrückt und ich werde es auch diesmal nicht tun. Ich fahre in die Behnisch-Klinik und mache das, was von einem Ehemann erwartet wird. Aber sobald Beatrice auftaucht, bin ich verschwunden. Dann geht mich das Ganze nichts mehr an.«

Roman drehte sich zu seiner Mutter um, und Theresa sah den altbekannten Schmerz in seinen Augen, der ihn seit Yvonnes Verrat nicht mehr verlassen wollte.

»Natürlich, mein Lieber«, sagte Theresa weich. »Lass uns losfahren, damit wir es hinter uns bringen.«

»Du kommst mit?«, fragte er erstaunt, und Theresa meinte, Erleichterung aus seinen Worten herauszuhören.

»Ja. Oder hattest du gedacht, dass ich dich jetzt alleinlasse?«

*

Daniel wartete geduldig, bis Theresa und Roman die Schutzkleidung, die auf der Intensivstation Vorschrift war, angezogen hatten. Normalerweise nutzte er diese Minuten, um die Besucher auf den Anblick ihrer Lieben vorzubereiten. Die vielen Geräte und Apparaturen, an denen die Patienten angeschlossen waren, konnten einen Außenstehenden in Angst und Schrecken versetzen und sie zusätzlich belasten. Doch in diesem Fall war das nicht erforderlich. Roman sorgte sich nicht um Yvonne. Er war nur hier, weil er keine andere Wahl hatte.

Die Ehe der beiden hatte von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden. Niemand hatte so recht daran glauben können, dass sie Bestand haben würde. Als gute Freunde der Banthiens waren Fee und Daniel zur Hochzeit geladen gewesen. Daniel erinnerte sich, dass Fee bis zuletzt gehofft hatte, dass Roman zur Vernunft käme und die Hochzeit absagte.

»Warum läuft er bloß mit offenen Augen in sein Unglück?«, hatte sie immer wieder geklagt. »Er liebt sie genauso wenig wie sie ihn. Die Zeiten, in denen man heiratete, nur weil ein Kind unterwegs ist, sind doch längst vorbei.«

»Da denke ich nicht anders als du, Feelein. Aber Roman hält es nun mal für das Richtige.«

»Ich glaube eher, dass ihm Yvonne die Pistole auf die Brust gesetzt hat. Sie ist mindestens so gewissenlos wie ihre Mutter. Sie scheut sich bestimmt nicht, ein ungeborenes Baby als Druckmittel zu benutzen. Entweder die Hochzeit oder er bekommt sein Kind nie zu sehen.«

Daniel hatte das damals nicht ganz so drastisch gesehen wie Fee. Sicher, Yvonne galt allgemein als berechnend und kaltherzig, aber so weit würde selbst sie nicht gehen. Doch es dauerte nicht lange, bis Daniel seine Meinung änderte. Nur wenige Wochen nach der Geburt der kleinen Elisa verließ Yvonne ihre Familie, kaufte sich von Romans Geld ein hübsches Apartment in der City und lebte dort ein ausschweifendes Partyleben, als würde es weder einen Ehemann noch ein Baby geben. Mit Roman blieb sie nach wie vor verheiratet. Ihr kostspieliges Leben finanzierte er. Fee war davon überzeugt, dass Yvonne weiterhin das Baby benutzte, um alles, was sie wollte, durchzusetzen. Und diesmal widersprach Daniel seiner Frau nicht.

»Danke fürs Kommen«, sagte Daniel zu Theresa und Roman, als sie gemeinsam den Flur entlanggingen, der zu Yvonnes Zimmer führte.

»Du weißt, dass mir nichts anderes übrigblieb«, erwiderte Roman schroff und ruderte im selben Moment zurück. »Tut mir leid, dass ich meinen Frust ausgerechnet bei dir ablade.«

»Schon gut, Roman. Ich habe vollstes Verständnis für deine Situation. Das hier ist bestimmt nicht einfach für dich.« Er lächelte Theresa an und sagte warm: »Und für dich sicher auch nicht, Resa.«

»Ich denke, Roman hat es ungleich schwerer als ich.«

Sie waren vor Yvonnes Zimmertür stehengeblieben, und Roman zog die Stirn kraus. »Es hat mir nichts ausgemacht, die ganzen Formulare zu unterschreiben, die du mir vorgelegt hast, Daniel. Aber ich verstehe nicht, was ich bei Yvonne soll. Du sagtest doch, dass sie immer noch bewusstlos ist. Was soll ihr mein Besuch also bringen?«

»Es ist allein deine Entscheidung, ob du sie besuchst«, erwiderte Daniel. »Ich bin der Letzte, der dich zu etwas überreden möchte, was du aus tiefstem Herzen ablehnst. Aber Yvonne ist immer noch nicht aus der Narkose erwacht, und wir machen uns langsam Sorgen. Je länger diese Bewusstlosigkeit andauert, umso ungünstiger ist die Prognose.«

»Glaubst du denn wirklich, dass es Yvonne helfen könnte, wenn wir zu ihr gehen?«, fragte Theresa.

»Das kann dir niemand sicher beantworten. Natürlich wäre es denkbar, dass Yvonne nichts von eurem Besuch mitbekommt. Aber es wäre genauso gut möglich, dass sie eure Anwesenheit spürt und dass es ihr guttut, eine vertraute Stimme zu hören.«

Theresa sah ihren Sohn an, und als er die stumme Bitte in ihren Augen sah, nickte er zustimmend. Mit einem tiefen Atemzug betrat er das Krankenzimmer, in dem seine Ehefrau lag. Die vielen Gerätschaften, Infusionsständer und Monitore, die zu beiden Seiten des Bettes standen, erregten mehr Aufmerksamkeit als die schmale, zerbrechlich wirkende Person in dem großen Klinikbett.

»Den Beatmungsschlauch konnten wir noch in der Nacht entfernen«, erklärte Daniel. »Ihr Blutdruck war nach der OP ein wenig niedrig, hat sich jedoch inzwischen auf Normalwerte eingepegelt. Insgesamt geht es ihr gut.«

»Aber sie ist immer noch nicht wach«, stellte Theresa fest und sah Daniel dabei fragend an.

»Nein, bisher reagiert sie auf keinerlei Ansprache oder andere Reize. Das hängt mit dem Schädelhirntrauma zusammen, das sie bei dem Unglück erlitten hat.«

Theresa seufzte leise auf. »Mir wäre wohler, wenn Beatrice endlich käme. Sie sollte hier sein, nicht wir.«

Daniel stimmte seiner guten Freundin zu: »Ja, aber im Augenblick seid ihr das Beste, was Yvonne hat. Ich versuche weiterhin, Beatrice zu erreichen. Doch solange ich damit keinen Erfolg habe, bin ich froh, dass wenigstens ihr gekommen seid.«

Während Theresa weiter mit Daniel sprach, trat Roman näher an Yvonnes Bett heran. Er hätte nicht zu sagen vermocht, was er bei ihrem Anblick empfand. Es war eine Mischung aus Groll, Wut und Ärger. Aber da gab es noch mehr, was er spürte: Mitleid. Ganz sicher hatte Yvonne sein Mitgefühl nicht verdient. Dafür wog die Schuld, die sie trug, viel zu schwer. Aber trotzdem tat sie ihm leid, als er sie so bleich in ihrem Bett liegen sah, angeschlossen an Schläuche und Instrumente, von deren Bedeutung er nichts wusste. Sein Blick glitt über ihre aparten Gesichtszüge, die ihm heute so fremd vorkamen. Das konnte nur am Fehlen des Make-ups liegen, das Yvonne sonst gern und reichlich auftrug.

»Ihre Haare sind so kurz«, sagte er leise. »Sie hat ihre langen, blonden Haare immer geliebt. Ich hätte nie gedacht, dass sie sie jemals abschneiden würde.«

Daniel gab ihm lächelnd recht. »Ja, ich war auch etwas überrascht. Allerdings habe ich sie das letzte Mal auf eurer Hochzeit gesehen. Wie lange ist es bei dir her?«

»Ich weiß nicht … Vielleicht ­sieben oder acht Monate. Wir sprechen nicht mehr miteinander. Das überlassen wir den Anwälten.« Roman musterte eingehend Yvonnes Gesicht. »Sie sieht anders aus als sonst. Irgendetwas an ihr ist fremd.«

»Das liegt an der Krankenhausumgebung«, sagte Daniel. »Dazu noch das fehlende Make-up und die neue Frisur …«

»Ja, natürlich.« Roman wusste, dass Daniel recht hatte. Diese Frau, die auf seltsame Weise an sein Herz rührte, war noch immer die selbstsüchtige und skrupellose Person, die er geheiratet hatte.

Er griff nach der Bibel, die auf dem kleinen Nachtschrank lag.

Bevor er fragen konnte, sagte Daniel: »Eine unserer Lernschwestern hat sich heute die Zeit genommen und Yvonne daraus vorgelesen. Vielen Menschen gibt die Heilige Schrift Trost und Hoffnung.«

»Aber nicht Yvonne. Sie war nie religiös.« Er legte die Bibel wieder ab. »Natürlich mag sich das geändert haben. So wie ihre Frisur«, spöttelte er.

Als ein betretenes Schweigen einsetzte, drehte er sich vom Bett weg. »Ich muss jetzt endlich in die Firma. Falls noch etwas sein sollte, ruf mich bitte an, Daniel. Wenn ich irgendwie helfen kann, werde ich es natürlich tun. Ich hoffe jedoch, dass das nicht nötig sein wird und sich Beatrice endlich um ihre Tochter kümmert.«

Das hoffte Daniel auch. Doch sein Bauchgefühl sagte ihm, dass Roman noch lange nicht aus seiner Pflicht als Ehemann entlassen war.

*

Roman saß am nächsten Tag in seinem Büro und starrte auf den Computerbildschirm, ohne zu wissen, was er dort sah. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Er wollte nicht an Yvonne denken, das stand ihr einfach nicht zu. Und ihr stand auch kein Mitgefühl zu, und dennoch besaß sie beides: sein Mitgefühl und seine Gedanken. Er verstand nicht, warum es so war. Warum sah er sie immer, wenn er die Augen schloss, bleich und allein in diesem Krankenhauszimmer liegen? Und warum fühlte er sich für sie verantwortlich? Außer Abscheu durfte er nichts für sie empfinden! Und trotzdem … Yvonnes Anblick, der so vertraut und gleichzeitig so fremd war, ließ ihn nicht mehr los. Wenn er an sie dachte, sah er nicht die wunderschöne, aber herzlose Yvonne, sondern ein normales, verletzlich wirkendes Mädchen, das ganz allein war.

Gegen Mittag gab er auf, so zu tun, als könnte er sich auf seine Arbeit konzentrieren. Er verließ sein Büro und wies seine verdutzte Sekretärin an, den nächsten Termin abzusagen. Als er vom Parkplatz fuhr, fragte er sich, was er hier eigentlich tat. Warum war er schon wieder auf dem Weg in die Behnisch-Klinik? Gestern war es unvermeidbar gewesen. Nicht nur, weil seine Mutter sonst keine Ruhe gegeben hätte. Nein, er hatte sich verpflichtet gefühlt, kurz nach Yvonne zu sehen und den Ärzten die nötigen Vollmachten zu geben. Aber jetzt? Jetzt war seine Anwesenheit dort gar nicht mehr erforderlich …

 

Bis er vor der ITS ankam, hatte er sich eingeredet, dass er das nur für Yvonne tat, weil sie Elisas Mutter war, auch wenn sie diese Bezeichnung kaum verdiente.

»Roman? Was machst du denn hier?«

Er schrak auf, als er plötzlich seiner Mutter gegenüberstand, die gerade die Intensivstation verließ.

»Äh … Ich dachte, ich nutze die Mittagspause, um nachzufragen, ob sich Beatrice schon gemeldet hat.« Selbst in seinen Ohren hörte sich das nach einer lahmen Ausrede an. Immerhin hätte er dafür auch das Telefon benutzen können.

»Und was hat dich hergeführt?«, fragte er schnell, um von sich abzulenken.

»Der gleiche Grund. Ich hatte ohnehin in der Nähe zu tun und dachte, ich schau mal rein. Beatrice hat übrigens noch nichts von sich hören lassen. Daniel hat ihr schon mehrere Nachrichten hinterlassen, aber sie ruft nicht zurück.«

»Vielleicht hört sie ihre Nachrichten gar nicht ab. Wie geht es Yvonne? Ist sie aufgewacht?«

»Nein.« Theresa war anzusehen, dass ihr das Sorge machte. »Ich habe zwei Stunden an ihrem Bett gesessen und aus der Bibel vorgelesen. Währenddessen habe ich sie ganz genau beobachtet.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich konnte nicht die kleinste Reaktion bei ihr erkennen. Wahrscheinlich hat sie gar nicht mitbekommen, dass ich bei ihr war.«

»Du hast ihr vorgelesen? Zwei Stunden lang?«

»Nun ja, einer muss sich ja um sie kümmern. Und du brauchst mich gar nicht so entsetzt anzusehen. Du machst dir genauso viele Sorgen um sie wie ich. Nur deswegen bist du nämlich gekommen.«

Roman seufzte. »Ja, das stimmt. Kannst du mir erklären, warum das so ist? Yvonne hat mich hintergangen und betrogen. Sie bedroht und erpresst mich und macht keinen Hehl daraus, dass sie nie etwas für mich empfand und nur an meinem Geld interessiert war. Und trotzdem kommen wir hierher und setzen uns an ihr Bett.«

»Wir sind die Guten in diesem Spiel.« Theresa gab ihrem Sohn einen Kuss auf die Wange. »Wir machen das, weil es sich für uns richtig anfühlt und weil sie sonst niemanden hat, der ihr beistehen könnte. So sind wir nun mal, Roman. Nimm es einfach hin.«

»Ja, aber das bedeutet nicht, dass ich das gut finden muss. Und sobald es Yvonne besser geht oder Beatrice auftaucht, haben wir nichts mehr damit zu tun.«

Theresa konnte ihm da nur zustimmen. Als sie sich von Roman verabschiedete, sagte sie: »Du könntest ihr auch ein wenig vorlesen. Vielleicht …«

»Nein! Ich werde ihr ganz bestimmt nicht vorlesen«, fiel Roman seiner Mutter ins Wort. »Ich rede nur kurz mit dem Arzt und verschwinde dann wieder.«

Weil Dr. Schulz noch keine Zeit für ihn hatte, ließ sich Roman von der Schwester in Yvonnes Zimmer bringen.

»Am besten setzen Sie sich zu ihr ans Bett und halten ihre Hand«, sagte Schwester Vera, die nichts von den Eheproblemen ahnte. »Sprechen Sie mit ihr. Vielleicht dringt irgendetwas zu ihr durch.«

Roman überlegte kurz, ob er die freundliche Schwester über den Zustand seiner Ehe aufklären sollte, unterließ es dann aber. Er setzte sich auf den Stuhl, auf dem zuvor seine Mutter gesessen hatte, und ergriff pflichtschuldig Yvonnes Hand. Kaum dass die Schwester das Zimmer verlassen hatte, ließ er sie los, als hätte er sich verbrannt.

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