Chefarzt Dr. Norden Staffel 6 – ArztromanText

Aus der Reihe: Chefarzt Dr. Norden Staffel #6
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Inhalt

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Weshalb bin ich hier?

Niemand sollte ohne Freunde sein

Ist es doch noch Liebe?

Eine Frage der Ehre

Der Ehrgeiz einer Mutter

Ein Held zum Verlieben

Während er um Hannes’ Leben bangt …

Tage der Angst

Du hast sie nie gewollt!

Ein großer Korb voller Luftballons

Chefarzt Dr. Norden – Staffel 6 –

Weshalb bin ich hier?

Lisa Wagner blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Staubgrau lag die Dämmerung des frühen Märzmorgens über dem weitläufigen, parkähnlichen Garten in einer der besseren Gegenden Münchens. Die Villa stammte aus der Zeit der letzten Jahrhundertwende. Ein reicher Tuchhändler hatte sie nach dem damaligen Geschmack für sich und seine Familie erbauen lassen. Das hieß hohe Räume, Stuck, knarrendes Parkett, Bleiglas und hier und da eine bunte Einlegearbeit aus Künstlerhand.

Der Tuchhändler hatte hier nur wenige Jahre gelebt, seine Frau war früh verstorben, eines der Kinder an Diphterie. Danach war er einsam gewesen, hatte das Haus verkauft, die Stadt verlassen. Ein arrivierter Kunstmaler hatte den Besitz erstanden, hier viele Jahre verbracht und war hoch betagt in seinem Schaukelstuhl auf der Veranda aus gesägtem Naturstein gestorben. Später war das Haus von wechselnden Regimes und Machthabern besetzt worden, abgewohnt, zerschlissen. Es hatte Jahre lang leer gestanden, war schließlich zu einem sehr moderaten Preis von Kai Wagner erstanden und grundsaniert worden.

Der begüterte Unternehmer hatte ein Schmuckkästchen daraus gemacht, umgeben von einem herrlichen Garten in englischen Stil.

Lisa hatte sich mit der Geschichte des Hauses beschäftigt, in langen, einsamen Stunden. Sie seufzte leise und fuhr sich mit einer unbewussten Geste über ihren rechten Unterarm. Ein unangenehmes Jucken hatte sich dort ausgebreitet. Sie strich über den Pulloverärmel aus feinstem Kaschmir, ohne ihn nach oben zu schieben und die bläulichen Verfärbungen zu offenbaren, die ihren Unterarm in Form von fünf Fingern überzogen.

Unvermittelt musste sie an das denken, was ihre Mutter immer gesagt hatte, wenn sie sich als Kind verletzt hatte. »Wenn’s juckt, dann heilt’s.«

Edith Hansen war eine einfache, aber kluge Frau gewesen, geboren und gestorben in Ulm, nach einem Leben mit Mann und zwei Kindern, Hausarbeit und ab und an einer Ferienreise in die Berge.

Es heilt nicht, Mama, dachte Lisa in einem Anflug von kalter Verzweiflung. Es kann nicht heilen …

Sie dachte an die wenigen Jahre mit Rolf, ihrer Jugendliebe. Rolf Schubert, der Junge von nebenan. Sie hatten sich verliebt und waren ein Pärchen gewesen, hatten am Samstagabend in der Disco Händchen gehalten und Zukunftspläne geschmiedet. Rolf hatte Mechaniker gelernt, war ganz verrück gewesen nach allem, was schnell und gefährlich war. Verliebt, verlobt, verheiratet. Und dann war Torben auf die Welt gekommen. Rolf hatte ihr hoch und heilig versprochen, endlich einen Kombi zu kaufen und sich von seinem Motorrad zu trennen. Ein letztes Mal noch eine Runde drehen, das hatte er gesagt mit Wehmut in den Augen. Eine letzte Runde im Novembernebel, bei schlechter Sicht und tückischer Straßenglätte. Und dann war Lisa Witwe geworden, mit Anfang zwanzig und einem Baby.

Lisas Eltern hatten sich gekümmert, auch Mark, ihr älterer Bruder war regelmäßig heim nach Ulm gekommen, um ihr zu helfen, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Damals, fünf Jahre war das nun her, hatte er noch in München studiert. In der Zwischenzeit war er Wasserbauingenieur, projektierte überall auf der Welt, zuletzt eine riesige Brückenanlage im westlichen Kenia. Lisa und Mark standen sich sehr nahe, noch näher jetzt, nachdem die Eltern kurz hintereinander gestorben waren und sie nur noch einander hatten. Trotzdem hatte Lisa sich einsam gefühlt in ihrer Heimatstadt, überall nur noch Erinnerungen, Vergangenheit. Sie wollte weg, irgendwo neu anfangen. Und dann hatte sie eine Stelle in der PR-Agentur Wagner in München angenommen. Der Ortswechsel hatte ihr gut getan, Torben hatte sich problemlos im neuen Kindergarten eingewöhnt. Nach und nach verblassten die Bilder ihres früheren Lebens, vernarbten die Wunden, die Schmerz und Trauer gerissen hatten. Und dann hatte Lisa sich wieder verliebt, in ihren Chef Kai Wagner. Der schlimmste Fehler ihres Lebens, wie sie nun wusste.

Kai war gut aussehend, charmant und begütert. Er besaß Geschmack, war gebildet. All das, was man sich nur wünschen konnte. Als er angefangen hatte, Lisa zu umwerben, hatte sie sich gefühlt wie im Märchen. Kai liebte sie. Er war ein wunderbarer Vater für Torben. Lisa tauschte ihr altes Durchschnittsleben gegen einen Traum, aus dem es jedoch schon sehr bald ein überaus bitteres Erwachen geben sollte.

Es fing wenige Monate nach ihrer Hochzeit mit Kleinigkeiten an. Lisa musste feststellen, dass ihr Mann kleinlich war, pingelig. Alles hatte genau so zu sein, wie er das wollte. Wenn nicht, reagierte er gereizt, auffahrend. Er bestimmte alles in ihrem Leben, jedes Detail. Sie durfte nicht mehr arbeiten, hatte zu Hause auf ihn zu warten, obwohl sie nicht mehr zu tun hatte, als Torben zur Schule zu bringen und abzuholen, seine Hausaufgaben zu kontrollieren. Die tüchtige Haushälterin Elfriede Kramer hatte alles im Griff, zudem kam mehrmals die Woche eine junge Frau für die groben Arbeiten. Lisa blieb nur, daheim auf ihren Mann zu warten, bis er, meist übellaunig und abweisend heimkam. Er ließ sie nicht mehr an dem Leben außerhalb der Villa teilhaben. Er schloss sie von allem aus. Im Gegenzug verlangte er von ihr über jede Minute ihres Tages Rechenschaft. Er entpuppt sich als Tyrann, krankhaft eifersüchtig und ein echter Kontrollfreak. Doch das war nicht alles. Lisa konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als ihm zum ersten Mal die Hand gegen sie ausgerutscht war. Es war nur eine leichte Ohrfeige gewesen. Doch sie wusste heute, dass Kai damit eine Grenze überschritten hatte. Das Land, das dahinter lag, hieß Demütigung, Gewalt, Verzweiflung.

Lisa stöhnte gepeinigt auf bei diesem Gedanken. Sie war in den vergangenen Monaten durch die Hölle gegangen. Unzählige Male hatte sie versucht, sich von ihrem Mann zu trennen. Sie war mit Torben fortgefahren, sie war weggelaufen, einmal sogar nachts und barfuß. Doch Kai hatte sie immer wieder zurückgeholt. Er duldete keine Flucht, er betrachtete sie mittlerweile als sein Eigentum. Lisa war zutiefst verzweifelt, sie sah keinen Ausweg. Einzig mit Mark hatte sie darüber gesprochen. Er hatte sie holen wollen, aber sie mochte ihn nicht in ihr Unglück hinein ziehen. Dachte sie an Kais Anfälle von Jähzorn, die immer heftiger wurden, fürchtete sie nicht nur für ihr eigenes Leben, sondern auch für jeden anderen, den sie um Hilfe anging. Elfriede Kramer stand auf ihrer Seite. Sie war schon lange im Haus, hatte die Dramen der beiden vorangegangenen Ehen miterlebt, von denen Lisa nicht einmal etwas geahnt hatte. Die Haushälterin hatte es gewagt, ihr bei jeder Flucht zu helfen, doch sie hatten nichts erreichen können. Es war wie ein Anrennen gegen Betonmauern.

Nun hatte sich etwas geändert. Am Vortag hatte Kai Torben wegen einer Kleinigkeit geschlagen. Das hatte für Lisa den Ausschlag gegeben, sich nun nachdrücklich um Hilfe zu bemühen. Es konnte so nicht weitergehen. Schlimm genug, was sie zu erdulden hatte. Doch sie würde es nicht zulassen, dass ihr Sohn nun ebenfalls zum Opfer wurde. Etwas musste geschehen!

»Fertig, Mama!« Torbens Stimme holte Lisa aus ihren trüben Gedanken. Die schlanke Blondine mit den tiefblauen Augen wandte sich vom Fenster ab, trat neben den Küchentisch, an dem der Junge eben seine Müslischüssel gelehrt hatte, wuschelte ihm die blonden Locken und sagte mit erzwungener Fröhlichkeit: »Schön, dann zieh deine Jacke an, wir müssen allmählich los.«

Elfriede Kramer betrat die Küche, die beiden Frauen tauschten einen einvernehmlichen Blick. Die rundliche Mittfünfzigerin besaß ein mütterlich mitfühlendes Herz. Sie hatte mit Kai Wagners beiden ersten Frauen gelitten, doch für Lisa empfand sie beinahe wie für ihre eigene Tochter. Und der kleine Bub war ihr ganz fest ans Herz gewachsen.

Die Haushälterin stellte das Frühstücksgeschirr aus dem Esszimmer ab, wo Kai Wagner stets allein aß, dann strich sie Lisa mit einem aufmunternden Lächeln über den Arm.

»Das wird schon. Denken Sie daran, Ihren Bruder anzurufen. Er müsste längst wieder in Ulm sein.« Sie schaute die junge Frau ernst an. »Sie dürfen keine Zeit mehr verlieren, Lisa.«

»Ja, ich weiß«, murmelte diese mit brüchiger Stimme.

Torben wartete bereits gestiefelt und gespornt in der weitläufigen Diele. Lisa zog ihren Mantel über und folgte dem Buben, der es nun eilig hatte. Torben ging gern in die Schule, er hatte viele Freunde und lernte leicht. Alles hätte so schön sein können, wenn … Ja, wenn sie sich nicht in Kai Wagner verliebt hätte und seine Frau geworden wäre.

 

Lisa nahm ihren Sohn an die Hand, sie verließen das Haus, spazierten durch die ruhige Allee. Die hohen Bäume waren noch kahl, die breiten Stämme feucht vom Nacht­regen. Doch die Knospen schwollen jeden Tag ein wenig mehr, und erste Meisen hüpften zwitschernd in den Ästen herum.

»Mama, guck mal, da vorne sind Nils und Lucy! Darf ich mit denen gehen? Sie sind in meiner Klasse, weißt du?«

»Ja, ich weiß, lauf nur«, sagte sie lächelnd.

Torben strahlte sie mit seiner Zahnlücke an, die sie immer wieder daran erinnerte, dass er bald die letzten Milchzähne verloren hatte. Ein weiterer Schritt ins Leben, weg von der Zeit an Mamas Rockzipfel, voller Neugierde auf das, was hinter dem Horizont der frühen Kindheit wartete und lockte.

»Bis heute Mittag, Mama!« Weg war, wuselte auf seinen noch kurzen Beinen zu den beiden anderen ABC-Schützen, die lachend und knuffend Richtung Schultor stiefelten. Unbeschwerte Kindheit. Was für ein Hohn. Bitterkeit stieg in Lisa auf. Sie war nun dafür verantwortlich, dass er wieder so wurde und blieb. Torben hatte die Ohrfeige klaglos weggesteckt, er war ein robustes Kind, das nicht so leicht erschrak. Doch das, was am Vortag geschehen war, durfte sich nicht wiederholen. Nie mehr.

Die junge Frau hatte die Grundschule erreicht, es klingelte eben zur ersten Stunde. Lisa blieb vor dem großen, geöffneten Tor stehen, schaute zu, wie die Kinder schreiend und lachend ins Gebäude strömten. Das Trampeln ungezählter Füße, das leiser wurde und schließlich verstummte. Dann senkte sich Stille über den Platz. Im nahen Park sang ein Buchfink sein Frühlingslied.

Mit einem leisen Seufzen kehrte Lisa nach Hause zurück.

Elfriede Kramer war damit beschäftigt, das Mittagessen vorzubereiten. Lisa setzte sich an den großen Küchentisch und begann, Kartoffeln zu schälen. »Das sollen Sie doch nicht tun«, mahnte die Haushälterin nachsichtig. »Rufen Sie lieber Ihren Bruder an.«

»Ich weiß nicht, ob das richtig ist.«

»Aber, Lisa, Sie brauchen Hilfe. Mehr, als ich Ihnen bieten kann. Sie brauchen jemanden, dem Sie ganz vertrauen können.«

»Ja, ich weiß.« Sie schloss die Augen, denn sie spürte nun Tränen in sich aufsteigen. Aber sie wollte nicht weinen, nicht mehr. Sie hatte viel zu viele Tränen vergossen. »Ich habe nur Angst, dass ich Mark auch in Gefahr bringe. Kai mag meinen Bruder nicht, das wissen Sie. Und wenn er mir nun hilft …«

»Was wollen Sie sonst tun?« Elfriede Kramer blieb sachlich, auch wenn sie wusste, dass es die junge Frau große Überwindung kosten würde, ihren geliebten Bruder in diese unglückliche Geschichte hineinzuziehen. Aber es musste sein. Lisa musste überzeugt werden. Nur dann konnte dieses Drama noch einen halbwegs guten Ausgang nehmen.

»Ich weiß nicht …« Sie atmete tief durch und nickte. »Ja, Sie haben vermutlich recht. Es gibt keinen anderen Weg. Ich werde wieder nach Ulm ziehen und die Scheidung einreichen.«

»Eine weise Entscheidung. Sie brauchen dabei aber Hilfe«, erinnerte die Haushälterin sie noch einmal eindringlich. »Jemanden, der Sie schützt, wenn Ihr Mann herausfindet, wo Sie sind. Jemanden, der Ihnen nach der Trennung beisteht.«

Lisa erhob sich mit einem Seufzen. »Ich rufe Mark an.«

Elfriede Kramer nickte und schaute ihr bekümmert hinterher. Es würde schwer werden, sie fort zu lassen. Das Haus würde dann wieder leer und trostlos sein. Doch es gab keinen anderen Weg.

*

Mark Hansen saß an seinem Schreibtisch in seiner geräumigen Wohnung mit Blick auf das Ulmer Münster und war damit beschäftigt, seine Unterlagen zu ordnen. Er war am Vortag aus Nairobi zurückgekehrt und litt noch unter dem Jetlag. Er konnte nicht schlafen, musste erst mal mit der Klimaumstellung zurecht kommen. Das beste Rezept war für ihn in einer solchen Situation, seinen Schreibtisch aufzuräumen. Er war zwei Monate in Kenia gewesen und hatte nun eine Woche Urlaub. Die brauchte er nach einem solchen Projekt erfahrungsgemäß, um wieder fit zu werden und seinen Bürojob auszufüllen, bis sein Boss mit einem neuen Projekt aufkreuzte. Er hielt große Stücke auf Mark, der ganz in seinem Beruf aufging und schon viel geleistet hatte.

Projekte in Afrika, Asien und Europa wechselten sich für die Hochtief Schuhmann ab. Mark hatte quasi auf allen Kontinenten seine baulichen Spuren hinterlassen. Er war auf Dämme, Brücken und maritime Bauwerke spezialisiert und liebte seine Tätigkeit.

Sein Privatleben litt unter seinem beruflichen Engagement. Er betrachtete Lisa und Torben als seine Familie. Eine eigene zu gründen, das wollte er schon, aber dafür hatten ihm bislang schlicht Zeit und Gelegenheit gefehlt. Er war nicht der Typ, der gern in Bars ging oder zu gesellschaftlichen Anlässen. Dating-Plattformen wie Tinder waren ihm fremd und peinlich. Wenn er nach einem langen Auslandsaufenthalt heimkam, rief er Lisa an. Ihre Stimme zu hören, ihr Lachen, das bedeutete für ihn Heimat.

Als das Telefon sich nun meldete, lächelte der junge Mann mit dem gut geschnittenen Gesicht und den erstaunlich blauen Augen.

»Lisa, ich habe gerade an dich gedacht. Wie geht’s euch?«

Eine kurze Pause entstand, die bereits nicht Gutes verhieß. Dann die Stimme seiner Schwester, sehr bemüht, ruhig und gefasst zu klingen. Doch er hörte die unterdrückten Tränen darin und machte sich sofort Sorgen. »Nicht gut. Es hat sich nichts geändert seit unserem letzten Gespräch, Mark. Es ist … eher noch schlimmer geworden. Viel schlimmer.« Sie verstummte, als ihre Stimme kippte.

Der junge Mann schwieg einen Moment, dann bat er behutsam: »Erzähl mir, was passiert ist. Erzähl mir alles, bitte.«

Lisa brauchte eine Weile, um das zu tun. Immer wieder musste sie Pausen einlegen, weil die Tränen sich nicht länger zurückhalten ließen, weil die Verzweiflung sie so massiv überwältigte, dass ihr einfach die Worte fehlten, sie ihr Leid nicht mehr ausdrücken konnte. Mark kannte das bereits.

Der junge Mann litt mit seiner Schwester. Und er spürte Zorn und Empörung, wenn er an seinen Schwager dachte. Diesen eingebildeten Schnösel, der ihn wie einen Bittsteller behandelt hatte, der sich ihm gegenüber stets hochnäsig und gönnerhaft gab. Wie hätte es ihm wohl gefallen zu wissen, dass Lisas Bruder über ihn Bescheid wusste, sein kleines, dreckiges Geheimnis kannte? Seine Schwäche, seine Minderwertigkeitsgefühle, die er mit Schreien und Schlagen zu kompensieren suchte? Gerne hätte Mark ihm all das einmal ins Gesicht gesagt. Doch es ging hier nicht um seinen gekränkten Stolz oder eine persönliche Abneigung, sondern nur um Lisa, darum, ihr Leben endlich wieder in Ordnung zu bringen.

Schließlich hatte sie ihre Schilderung beendet und war erschöpft verstummt. Mark lauschte in den Hörer, auf das flache, gequälten Atmen seiner Schwester, aus dem nur Angst und kalte Verzweiflung sprachen. Seine Hand krampfte sich um das Telefon, er fühlte sich hilflos, wie stets, wenn es um Lisas Leid ging, ohnmächtig und schwach. Zu weit weg, um sie tröstend in den Arm zu nehmen, unfähig, sie vor diesem Monster, das sie geheiratet hatte, zu beschützen. Ein Gefühl, das er ebenso hasste wie Kai Wagner, der nur Leid und Unglück in das Leben seiner Schwester gebracht hatte. In einem Anflug von naiver Sehnsucht wünschte er sich in eine bessere Vergangenheit, in eine Zeit, als er ein Schulbub gewesen war und die kleine Schwester vor den großen Rüpeln bewahrt, sie getröstet hatte, wenn sie sich die Knie aufgeschürft hatte, als er einfach für sie da gewesen war. Ganz selbstverständlich. Niemals hätte er sich vorstellen können, dass sich daran je etwas ändern könnte. Aber die Zeit änderte so vieles, das Meiste nicht zum Guten. Wie sehr hatte er Lisa nach Rolfs frühem Tod ein neues Glück gegönnt. Doch es war gründlich schief gegangen. Und nun blieb ihm nichts, als ihr dabei zu helfen, die Scherben zusammenzufegen und einmal mehr die Reset-Taste zu drücken. Wenn es denn möglich war.

»Ich komme morgen nach München und hole euch ab«, sagte er schließlich entschlossen. »Das kann keinen Tag so weitergehen, Lisa. Ihr müsst weg von dort.«

»Ja, ich weiß. Aber so schnell geht es nicht. Ich muss das erst vorbereiten, einen sicheren Platz suchen, an dem wir uns treffen können. Heimlich ein paar Sachen packen. Und einen geeigneten Moment abwarten.«

»Also wann?«, hakte er geduldig nach.

»Sagen wir, übermorgen. Du kannst morgen schon nach München kommen, wenn du willst. Ich rufe dich an und sage dir, in welcher Pension wir uns treffen. Dort kannst du dich dann einmieten, damit alles reibungslos abläuft.«

»Das klingt wie eine Flucht aus Alcatraz.«

»Es ist nichts anderes.« Lisa seufzte schwer. »Ich habe schon so oft versucht wegzugehen. Kai hat mich immer zurückgeholt. Und danach wurde es dann schlimmer und schlimmer. Diesmal darf nichts schiefgehen, hörst du? Ich möchte mir nicht mal vorstellen, was danach kommen würde.«

»Keine Sorge, es wird alles klappen, verlass dich auf mich.«

»Ja, das tue ich doch schon immer. Eigentlich ist es mir nicht recht, dass ich dich in diese Sache hineinziehen muss. Aber ich sehe einfach keine andere Möglichkeit.«

»Darüber müssen wir nicht reden. Ich helfe dir gern. Und ich werde erst wieder ruhig schlafen können, wenn du in Sicherheit bist. Ich nehme morgen den Spätzug, dann hast du noch genügend Zeit, mich wegen der Pension anzurufen, okay?«

Lisa lächelte ein wenig, schloss kurz die Augen und murmelte: »Okay. Ich bin trotz allem froh, dass du herkommst.«

»Übermorgen um diese Zeit werden wir in meiner Wohnung Kaffee trinken und über unseren konspirativen Plan lachen.«

»Das glaube ich nicht. Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht.«

»Du wirst es wieder lernen. Dann bis übermorgen, Lisa.«

»Ja, bis übermorgen.«

Mark lauschte noch einen Augenblick ihren letzten Worten nach, dann legte er das Telefon beiseite. Er blickte bekümmert vor sich hin, war nun bemüht, seine Gedanken ebenso zu ordnen wie eben noch seine Akten. Lisa und Torben konnten in seinem Gästezimmer wohnen, zumindest fürs Erste. Seine Wohnung war geräumig, es gab genügend Platz für sie alle. Er überlegte, ob er einen guten Scheidungsanwalt kannte, durchforstete sein Filoflex nach Adressen und wurde schließlich fündig. Der gute alte Simon Berger, ein Studienfreund von ihm. Er hatte Lisa sehr gemocht, war sogar ein wenig in sie verliebt gewesen. Er würde den Fall übernehmen, sie mit einer dicken Abfindung von dem Monster befreien und ihr vielleicht auch wieder neuen Lebensmut geben. Soviel Mark wusste, war er noch nicht verheiratet.

Der Ingenieur lächelte schmal. Schon seine Mutter hatte ihm immer vorgeworfen, ein Johnny Kontrolleti zu sein. Er plante zu sehr in die Zukunft und verlor sich manchmal in Details. Bei seinen Projekten war das nicht unbedingt ein Nachteil, im wahren Leben aber manchmal doch.

Wie auch immer, am nächsten Tag ging die Reise nach München. Mark musste noch einiges vorbereiten, schließlich sollte seine Rettungsaktion ohne Pannen über die Bühne gehen.

»Es wird schon werden«, sagte er, wie um sich selbst ein wenig aufzumuntern. Was sollte auch schief gehen? Noch ehe Kai Wagner ahnte, was los war, würden sie bereits im Zug nach Ulm sitzen.

Mark Hansen ahnte nicht, dass alles ganz anders kommen sollte.

Dr. Daniel Norden hat dem Kollegen Berger Urlaub verordnet, trotzdem taucht Erik Berger ständig in der Notaufnahme auf und nervt seine Vertretung, Dr. Christina Rohde. Da erteilt Daniel Norden ihm vorübergehend Hausverbot, womit Erik überhaupt nicht zurecht kommt. Ihm fällt zu Hause die Decke auf den Kopf … Um sich ein wenig zu zerstreuen, sucht er eines Abends ganz gegen seine Gewohnheiten einen Club auf. Da hat das Schicksal ihm einen bösen Streich gespielt, denn was ihm hier widerfährt, war weiß Gott nicht vorauszusehen. Erik gerät in Lebensgefahr und erfährt in dieser Situation etwas, was er nie erwartet hätte: dass jemand sein Leben für ihn riskiert!»Ja, das ist so okay. Der Kunde war zufrieden. Aber bei dem neuen Projekt musst du noch nacharbeiten, Silvia. Tut mir leid, das ist so noch längst nicht vorzeigbar.«

»Okay, Chef, wie du meinst. Schiebe ich eben mal wieder ein paar Überstunden«, sagte die junge Angestellte.

»Braves Mädchen.« Kai Wagner lächelte ihr charmant zu und kehrte dann in sein eigenes Büro zurück. Der große, sportliche Unternehmer mit dem dichten, dunklen Haar und den rehbraunen Augen blickte eine Weile aus der verspiegelten Stirnseite des Raums auf die abendliche Münchner City. Sein Büro wie die ganze PR-Agentur war hypermodern gestylt, sollte die Kundschaft gleich beim ersten Besuch beeindrucken und für ihn einnehmen. Er pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zu all seinen Mitarbeitern, legte große Wert auf ein entspanntes, lockeres Betriebsklima. Der sympathische Strahlemann, den man einfach gern haben musste, das war sein sorgsam aufgebautes Image. Wie es dahinter aussah, ging keinen was an.

 

Ein kleines, hartes Lächeln legte sich um seine schmalen Lippen, als er an diesen Spruch dachte, den sein Vater bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vom Stapel gelassen hatte.

»Wie’s drinnen aussieht, geht keinen was an, Jungchen.« Der begüterte Geschäftsmann mit den eisblauen Augen hatte eine Vorliebe für solche Lebensweisheiten gehabt. Besonders als krönende Belehrung nach einer unvorbereitet heftigen Ohrfeige oder einem gemeinen Schlag mit einem seiner unzähligen Spazierstöcke, die fast alle ein harter Knauf als Silber geziert hatte. Fein ziserliert, in ihrer wuchtigen Wirkung auf den blassen, ängstlichen Knaben aber nicht zu unterschätzen.

Hubert Wagner war ein passionierter Jäger gewesen, ein Weiberheld, wie er das gerne selbstgefällig ausgedrückt hatte. Und das Hascherl mit dem schönen Erbe, Kais Mutter, hatte nie den Mund aufgetan und die veilchenblauen Augen vor jedem Schlag verschlossen, ob dieser nun auf den Sohn oder sie selbst niedergegangen war.

Kai hatte viele Jahre die unverhältnismäßig brutalen Züchtigungen des Vaters ertragen, nicht schweigend wie die Mutter, meist weinend und dem Hohn und Spott des Alten zudem ausgesetzt. Dann war er vierzehn geworden, hoch aufgeschossen, hatte nach dem Stimmbruch angefangen, Sport zu machen. Irgendwann hatte der Alte es nicht mehr gewagt, die Hand gegen ihn zu heben. Mit seinem Bierbauch und dem vom Bluthochdruck geröteten Gesicht war er schließlich in den Fünfzigern einer koronaren Verstopfung zum Opfer gefallen, standesgemäß auf seinem Lieblingshochsitz in seinem Revier, in der Rechten noch die geladene Flinte, in der Linken den versilberten Flachmann.

Kai hatte bittere Tränen an seinem Grab geweint, und nur er hatte gewusst, dass er den Jahren nachweinte, in denen er diesen Schinder hatte ertragen müssen. Warum nur hatte seine Pumpe nicht viel früher den Geist aufgegeben?

Die Mutter war wenige Jahre später in einem Sanatorium bei Meran verstorben, dement und bar aller bösen Erinnerungen.

Dann endlich war Kai frei gewesen. Begütert, beruflich erfolgreich, blendend aussehend. Die Münchner Schickeria hatte ihm zu Füßen gelegen, die Frauen waren hinter ihm her wie der Teufel hinter der armen Seele. Er hatte viele erobert, er hatte zweimal geheiratet. Doch er hatte nichts empfunden, keine Freude, keine Liebe, keine Lust. Nur den Wunsch, etwas von den Hieben und Schmerzen weiterzugeben, die der kleine, blasse Knabe im Jagdzimmer der elterlichen Villa empfangen hatte.

»Wie’s drinnen aussieht, geht keinen was an.«

Er lachte kalt und spöttisch auf. Selbst heute noch, nach all den Jahren, wäre es ihm eine Lust gewesen, es seinem Vater heimzuzahlen, einmal nur einen von dessen glatt polierten Gehstöcken aus Erle oder Rosenholz auf seinem massigen Rücken zu zertrümmern. Doch der Alte war fort. Und die Sammlung seiner Stöcke hatte Kai im offnen Kamin seines Elternhauses zu Asche verbrannt.

Der Unternehmer kehrte an seinen Schreibtisch zurück, um noch einige Telefonate zu führen. Dabei betrachtete er das Foto von Lisa und Torben, das in einem schweren Silberrahmen aus der Zeit des Jugendstils steckte. Lisa, die süße Lisa. Ihr Blick hatte etwas in seinem Herzen berührt. Das war niemals zuvor geschehen. Er wusste nun, dass es Schmerz gewesen war, Verlust und Trauer. Sie hatte ihren ersten Mann sehr früh und plötzlich verloren. Die Tränen hatten einen Schatten auf ihrer Seele hinterlassen, einen Schmerz in ihren Augen, dem er sich spontan verwandt gefühlt hatte. Er hatte sie heiraten müssen, es war ihm einfach ein Bedürfnis gewesen.

Als die hübsche kleine Sekretärin und ihr pflegeleichter Sohn in sein Haus gekommen waren, da hatte er tief im Herzen in beinahe naiver Inbrunst darauf gewartet, dass sich etwas ändern würde. Dass er endlich in der Lage sein würde, zu fühlen, zu empfinden, so wie alle anderen. Dass Lisas zarte, schmale Hände den Eispanzer schmelzen würden, der sein Herz umgab.

Aber das heimlich ersehnte Wunder war nicht geschehen. Kai hatte erkennen müssen, dass hinter dem Eispanzer nichts war, nur weiteres Eis, Kälte und Gefühllosigkeit. Sein Herz war lange gestorben, tot und gefühllos lag es wie ein Stein in seiner Brust. Diese Erkenntnis hatte wieder seinen alten Freund geweckt; den Jähzorn.

Vor Jahren, kurz nach seiner ersten Scheidung, hatte er sich in Therapie begeben, um diesen unkontrollierbaren, weißglühenden Kerl endlich aus seinem Kopf zu verbannen. Er hatte über Monate in seiner Kindheit gewühlt, mit beiden Armen tief in Herzblut und Innereien, ohne aber etwas zu erreichen. Der Therapeut war der Meinung gewesen, dass er zu schnell aufgab, doch Kai hatte schließlich keinen Sinn mehr in dieser ergebnislosen Selbstzerfleischung gesehen. Er hatte sich damit abgefunden, dass der andere er war, dass er zu ihm gehörte. Geboren aus dem Schmerz der frühen Kindheit, war er mit seinem Denken und Fühlen untrennbar verwachsen. Es gab keinen Ausweg, keine Heilung. Schnitt man die Geschwulst weg, blieb nichts übrig. Das war die nackte Wahrheit.

Und als auch Lisa versagt hatte, ihn enttäuscht, zu schnell zurückgezuckt war, nachdem sie einen kleinen Blick hinter die Fassade geworfen hatte, da musste er dem alten Freund die Zügel lassen, um wieder klar denken zu können.

Die Angst in Lisas Augen, der Schmerz, die Verzweiflung, sie waren anders als alles zuvor. Sie verschafften ihm keine Befriedigung, kein Gefühl der Macht und Überlegenheit. Sie schmerzten ihn in zunehmendem Maße. Je härter er zuschlug, desto tiefer verletzte er sich selbst. Es gab keinen Ausweg. Er liebte Lisa, aber er würde diese Liebe niemals leben können.

»Wie’s drinnen aussieht …«

Wenig später verließ Kai Wagner seine Firma, um nach Hause zu fahren. Er stoppte seinen dunkelblauen Jaguar Roadster vor einer kleinen Bar am Stachus, um schnell noch zwei Whisky zu kippen. Der Alkohol entspannte ihn ein wenig, brachte das Mühlrad in seinem Kopf zwar nicht zum Stehen, verlangsamte seine Umdrehungen aber zumindest.

Als er dann darauf wartete, dass das übermannshohe Tor aus kunstvoll geschmiedetem Eisen vor seiner Auffahrt lautlos aufschwang, spürte er bereits wieder, wie sein weißglühender Freund sich regte. Ärger stieg in ihm auf. Er biss die Zähne zusammen, gab etwas zu heftig Gas, was der schwere Motor mit einem unangenehm hohen Kreischen kommentierte. Plötzlich sah er seinen Vater in der Auffahrt stehen, im grünen Loden, beide Arme in die Hüften gestemmt, und den Mund zu einem hähmischen, bösen Grinsen verzogen.

Kai gab Gas und musste dann vor den Garagen eine Vollbremsung hinlegen. Er atmete tief durch, doch sein Herz schlug viel zu schnell und der Zorn, der ihn erfüllte, wurde zu einem spitzen, schmerzhaften Kratzen, so als ziehe jemand in seinem Hals eine Nadel hin und her. Er knallte die Autotür zu, dass es sich anhörte wie ein Schuss. Dann stampfte er mit geballten Fäusten ins Haus. Und in diesem Moment hätte man ihn tatsächlich mit seinem Vater verwechseln können.

*

Mark Hansen nahm den Intercity, der am nächsten Abend kurz nach zehn in Ulm abfuhr. Er hatte vor zwei Stunden noch einmal mit seiner Schwester telefoniert und wusste nun, dass sie sich in einer kleinen Pension am Stachus treffen würden. Pension Mecking. Er hatte den Namen und die Adresse in sein Filoflex geschrieben, um sie ja nicht zu vergessen. Während der Zug durch den Frühlingsabend rauschte, dachte Mark an ein anderes Telefonat, das er noch am Vorabend mit seinem Studienfreund Simon Berger geführt hatte. Simon war erfreut gewesen, von ihm zu hören, sie hatten sich eine ganze Weile nett unterhalten, bis Mark auf den eigentlichen Grund seines Anrufs zu sprechen kam. Er kannte Simon gut genug, um ganz ehrlich zu ihm zu sein, und der hatte sich sehr betroffen gezeigt.

»Klar übernehme ich den Fall«, war seine spontane Reaktion gewesen. »Aber ich dachte, deine Schwester wäre mit diesem KFZ-Fritzen verheiratet, wie war doch gleich sein Name …«

»Rolf Schubert. Nein, der ist vor ein paar Jahren mit dem Motorrad tödlich verunglückt. Lisa ist nach München gezogen, um neu anzufangen. Sie hat zuerst als Sekretärin für Wagner gearbeitet und sich dann in ihn verliebt. Er ist so ein Frauentyp, weißt du, kann jeder den Kopf verdrehen. Es dauert, bis sie hinter seine Fassade sehen können. Und dann ist es meist schon zu spät, um unbeschadet da heraus zu kommen. Für ihn war es bereits die dritte Ehe. Lisa wusste nichts davon, auch nicht, dass er seine beiden ersten Frauen krankenhausreif geprügelt hat, bevor sie die Scheidung einreichten.«