Chefarzt Dr. Norden 1173 – ArztromanText

Aus der Reihe: Chefarzt Dr. Norden #1173
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Chefarzt Dr. Norden – 1173 –

»Das lässt sich sehen.« Josef Moosbacher überflog noch einmal die Zahlen der Lieferverträge und nickte dabei mit einem zufriedenen Lächeln, das seine hellen Augen blitzen ließ. »Was sagst, Markus? Ab nächstem Monat wird der Name Kronenbräu auch in Hannover und Umgebung ein Begriff werden. Und was für einer …« Der Brauherr zwirbelte seinen in Ehren ergrauten Schnauz. Sein Blick suchte den seines Sohnes, doch Markus schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Stumm schaute er aus dem schmalen Seitenfenster der Cessna und betrachtete scheinbar mit großem Interesse die abgeernteten Stoppelfelder, die sie gerade im ländlichen Umfeld Münchens überflogen.

Der Himmel war klar wie Glas und babyblau an diesem Mittwoch im August. Nur ab und an segelten ein paar Wattewölkchen an der Privatmaschine vorbei und spielten Idylle weiß-blau.

Josef musterte seinen Älteren nachdenklich. Markus war in allem sein Ebenbild, oder doch fast. Sie waren gleich groß und ein wenig massig, fleißig und gute Geschäftsleute. Das dichte, dunkle Haar war bei Josef einem schimmernden Eisgrau gewichen, das ihn distinguiert erscheinen ließ. Das behauptete jedenfalls seine Jüngere, Elke. Sein Ein und Alles, seit seine geliebte Martha vor über zwanzig Jahren bei Elkes Geburt gestorben war. Sie war und blieb sein kleines Madel, zart und zerbrechlich nach einer durchkränkelten Kindheit. Nun eine hübsche junge Frau, fast feengleich mit Augen, so blau wie der Himmel über Bayern, mit glänzendem Blondhaar und einem zauberhaften Lachen. Dachte er an sie, dann ging ihm das Herz auf. Und er schob den Gedanken weit weg, dass sie erwachsen geworden war, dass sie irgendwann ihr eigenes Leben leben wollte, fernab von der imposanten Landvilla im Gebirglerstil, dem Wohnsitz der Moosbachers, nur einen Steinwurf entfernt vom Brauhaus, ihrem Broterwerb seit Generationen. Wenn Elke ihm nur noch eine Weile erhalten blieb, dann wollte er zufrieden sein. Die Familie zählte für Josef alles, sie kam immer an erster Stelle. Und wenn es da nicht stimmte, dann spürte er das. So war es auch jetzt.

»Bub, sag mir, was los ist«, bat er Markus, beugte sich ein wenig vor, sodass die Grandeln an seiner schweren Uhrkette aus Altsilber leise zu flüstern schienen, und legte ihm die große Rechte schwer auf die Schulter. Er spürte den teuren Loden und darunter Muskeln, denn Markus war sportlich. Schon in der Schule war er ein passionierter Ruderer gewesen und übte den Sport auch heutzutage noch aus, wenn die Geschäfte es zuließen, dass er sich ein wenig Freizeit nahm.

Ihr weitläufiges Grundstück hatte einen direkten Zugang zur Würm, mit Bootssteg komfortabel eingerichtet. Hier war der kleine Fluss breit und träge und bot unter dichter Ufervegetation Natur pur. Früher, als Bub, war Josef dort in heißen Sommern schwimmen gegangen. Doch das was so lange her, dass es schon fast nicht mehr wahr zu sein schien…

Markus wandte ihm das Gesicht zu, und er sah in den blauen Augen seines Sohnes, die den seinen erstaunlich ähnlich waren, tiefen Kummer. Die gesamte Geschäftsreise in den Norden war von einer unterschwelligen, kühlen Düsterheit beschattet gewesen. Josef, der für Emotionen jeder Art ein feines Gespür hatte, fragte sich schon, seit sie in Hannover abgeflogen war, woran das lag. Was war nur los mit seinem Sohn?

»Magst drüber reden? Was drückt dich?«, fragte er behutsam.

Der junge Moosbacher seufzte. »Ich mach mir meine Gedanken. Bevor wir losgeflogen sind, hatte ich Streit mit Evelyn. Das kommt in letzter Zeit öfter vor, wie du bestimmt mitgekriegt hast. Wir liegen uns einfach ständig in den Haaren.«

»Was Bestimmtes? Oder nur ein bisserl Eheroutine der unangenehmen Art?«, scherzte Josef mit einem schmalen Lächeln.

Markus hob die breiten Schultern. »Eigentlich steckt nix dahinter. Wenn ich im Nachhinein drüber nachdenke, kommt es mir ganz dumm und kindisch vor. Ich hab sogar das Gefühl, dass sie es drauf anlegt, verstehst?«

Josef wurde ernst. »Sie sucht den Streit?«

Er hatte seine Schwiegertochter nie sonderlich gemocht. Als Markus mit der kleinen Blondine aufgetaucht war, hatte er im Stillen gehofft, dass es nichts Ernstes sein würde. Sein Sohn glich ihm auch in dieser Beziehung. Josef war in jungen Jahren ein rechter Hirsch gewesen, vor dem kein Rock sicher war. Dann hatte er sich in Martha Maidenbauer verliebt, die bildschöne und selbstbewusste Tochter eines beruflichen Konkurrenten. Sie hatte ihn nach allen Regeln der Kunst an der Nase herum geführt und mit ihren spöttischen Kommentaren ständig auf die Palme gebracht. Die ersten Jahre mit ihr waren ein Leben auf dem Vulkan gewesen. Doch nach Kampfgeschrei und Leidenschaft hatten sich ihre Herzen in wahrer Liebe einander zugeneigt. Als sie gestorben war, hatte Josef auch sein Herz ins Grab geschickt. Seither war er Witwer mit den üblichen, standesgemäßen Gspuseln. Doch keine hatte sein Herz mehr berührt, seine Liebe war mit Martha gestorben.

Dass Markus an Evelyn hängen geblieben war, an dieser egoistischen und verwöhnten Person, oberflächlich und vergnügungssüchtig, wie sie war, erschien Josef schlimm genug. Dass sie nun auch noch die Ehe hintertrieb, seinen Sohn unglücklich machte, ging für seinen Geschmack eindeutig zu weit.

»Wenn ich’s recht bedenk, dann kommt es mir wirklich so vor. Früher war das anders. Evelyn ist nie zänkisch gewesen.«

Josef schwieg eine Weile, dann ließ er anklingen: »Könnte es denn sein, dass sie einen anderen hat? Will sie ausbrechen?«

Hatte er spontanen Widerspruch erwartet, sah er sich getäuscht. Markus schien ebenfalls schon in diese Richtung gedacht zu haben. Und das machte seinem Vater den Ernst der Lage bewusst. Die Ehe seines Sohnes schien in Gefahr zu sein.

Dass der Brauherr nicht unbedingt böse über eine Scheidung gewesen wäre, behielt er wohlweislich für sich. Hier ging es nicht um seine persönliche Antipathie gegen Evelyn, sondern darum, dass sein Sohn Kummer hatte, leiden musste. Und das tat auch ihm weh. Schließlich waren auch erwachsene Kinder noch Kinder, die beschützt werden wollten. So sah der Familienmensch Josef Moosbacher das jedenfalls.

Markus seufzte bekümmert. »Ich hab schon länger den Verdacht, dass da was ist.«

»Jemand Bestimmtes?«

»Frag mich net, warum, aber es schaut für mich so aus, als ob’s einer aus dem Betrieb wäre. Sie ist auffällig oft daheim, hat ihr ganzes Verhalten geändert. Net nur mir gegenüber.«

»Was meinst?«, forschte Josef nach.

»Da ist so einiges, was sie vor mir verbirgt. Und ich bring’s net über mich zu schnüffeln. Aber vor ein paar Tagen hab ich das auf dem Boden im Schlafzimmer gefunden. Sie hat’s wohl verloren und net bemerkt.« Markus griff in seine Jankertasche und reichte seinem Vater eine Rechnung für Getränke.

»Kasino München. Sie spielt?«

»Das war mir auch neu. Vielleicht spielt aber auch ihr Gspusi, und sie hat ihn begleitet. Vielleicht war’s zufällig eine Verabredung dort. So recht erklären kann ich’s mir net. Es wird mir nix anderes übrig bleiben, als sie zur Rede zu stellen.«

Der Brauherr nickte. Er betrachtete die Rechnung nachdenklich. »Und wenn da kein anderer ist? Könnte doch sein, sie will nur die Spielerei vor dir verheimlichen. Wäre dir das lieber?«

Markus lächelte schmal. »Ich weiß, Vater, du magst Evelyn net. In unserer Ehe ist auch gewiss net alles Gold, was glänzt. Aber ich hab meine Frau nach wir vor lieb. So einfach mag ich meine Ehe fei net verloren geben.«

»Verstehe.« Josef erwiderte das Lächeln seines Sohnes offen. »Wenn du es so willst, soll es mir recht sein. Du weißt, das Glück meiner Kinder steht für mich an erster Stelle.«

»Neben den Verkaufszahlen vom Kronenbräu?«

Er lachte. »Davor, Bub, davor!«

Nun meldete sich der Pilot aus dem Cockpit und informierte die Moosbachers, dass sie auf dem Anflug zum Privatflughafen waren.

»Wir sind bald daheim.« Josef legte die Verträge in seinen Aktenkoffer. »Ich werde …«

Mitten in seinen letzten Satz hinein drang unvermittelt ein lauter Knall, ganz ähnlich einer Explosion. Von einer Sekunde zur nächsten geriet die Maschine in Schieflage. Ein schriller Alarmton erklang, die Sauerstoffmasken fielen aus den Boxen über den Sitzen. Josef krallte sich automatisch fest, Markus schrie: »Was ist das, Sackerl Zement?«

Der Brauherr starrte, reglos vor Schreck, aus dem Fenster und sah die Landebahn rasend schnell auf sie zukommen. Markus war aufgestanden, wankte nach vorn und riss sie Tür zum Cockpit auf. »Anderl, was ist los?«, fuhr er den Piloten an, der hektisch einen Notruf absetzte und zugleich verzweifelt versuchte, die Maschine zu stabilisieren. Die Instrumententafel leuchtete wie ein Weihnachtsbaum. Markus, der ebenfalls einen Flugschein besaß, quetschte sich auf den Notsitz neben Anderl Hain, der knirschte: »Alle Kontrollen sind ausgefallen. Wir müssen versuchen, die Kiste auf Sicht runter zu bringen. Aber ich krieg sie net stabil, es geht einfach net …«

Markus übernahm den Steuerknüppel, während der Pilot einen Teil der Verkleidung löste, hinter der eine ganze Menge Technik zum Vorschein kam. Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte er.

»Ich kann hier nix überbrücken, jemand hat das Hauptrelais ausgebaut. Das ist Sabotage, das …«

Der junge Moosbacher zog den Steuerknüppel im scharfen Winkel nach oben, doch es war zu spät. Im nächsten Augenblick prallte die Cessna ungebremst auf die Landbahn. Mit ohrenbetäubendem Krachen brachen die Tragflächen, ein Teil des Rumpfs wurde eingedrückt, das Fahrgestell bohrte sich ins Innere der Maschine. Wie ein Geschoss schlidderte sie über die Landebahn hinaus, die Schnauze bohrte sich in den geschotterten Boden abseits des Asphalts. Noch einmal schien das kleine Flugzeug sich aufzubäumen, dann rutschte es auf die Seite und blieb liegen. Letzte Staubwolken stiegen träge in den weiß-blauen Sommerhimmel, dann war alles still.

 

*

Dr. Erik Berger, Leiter der Notfallambulanz in der Behnisch-Klinik, war gerade damit beschäftigt, einen Longboarder zu verarzten, der mit seinem Brett weit übers Ziel hinaus geschossen war, als sein Kollege Dr. Jakob Janssen den Behandlungsraum betrat und seinen Vorgesetzten wissen ließ: »Sie werden gleich im Schockraum gebraucht. Flugzeugabsturz in Erding, zwei Schwerverletzte in kritischem Zustand. Der Heli ist gerade gelandet.«

Dr. Berger nickte knapp. »Machen Sie das fertig.« Weg war er.

Nur wenige Minuten später wurden Markus und Josef Moosbacher in den Schockraum gebracht. Dr. Fred Steinbach, der die beiden während des Flugs betreut hatte, konnte wenig Gutes berichten.

»Zwei Schwerstverletzte, beide instabil. Multiple Frakturen, Verdacht auf innere Verletzungen. Blutdruck ist im Keller, ich gehe von mindestens einem Milzriss aus, der Ältere hatte auf dem Flug bereits einen Kardioarrest.«

Dr. Berger nickte knapp, dann wandte er sich an Schwester Inga, die ihm bei der ersten Untersuchung zur Hand ging. »Monitor anschließen, Blutdruck, EKG, Sättigung. Und schaffen Sie jemanden von der Chirurgie her, ich habe hier eine ganze Menge Arbeit für mindestens einen Kollegen.« Er schnaufte. »Verdammter Mist, das sieht aus wie auf dem Schlachtfeld …«

Schwester Inga bedachte ihn mit einem knappen Blick, sparte sich aber eine Erwiderung. Sie war die ruppige Art ihres Chefs mittlerweile gewohnt.

In der nächsten Stunde arbeitete Dr. Berger verbissen und mit nicht nachlassender Konzentration. Dr. Christina Rohde, die Chirurgin, operierte Josef Moosbacher, nachdem Erik Berger alles getan hatte, um die beiden Verletzten zu stabilisieren.

Mittlerweile waren nicht nur Feuerwehr und Rettungskräfte in Erding vor Ort gewesen, sondern auch Polizei und Presse.

Während man in der Behnisch-Klinik um das Leben von Vater und Sohn Moosbacher kämpfte, trafen die ersten Journalisten ein und belagerten sogleich den Eingang zur Notfallambulanz.

Schließlich erschien Dr. Daniel Norden, der Klinikchef, um ein Machtwort zu sprechen und dem Spuk ein Ende zu bereiten.

»Wie ist der Zustand der Moosbachers?« »War es ein Anschlag oder ein normaler Unfall?« »Sind schon Angehörige hier?« So wurde Dr. Norden mit Fragen bombadiert, die er allesamt überhörte. Stattdessen erklärte er mit gefasster Stimme: »Ich kann im Moment keinerlei Angaben machen und möchte Sie deshalb bitten zu gehen. Sie behindern unsere Arbeit.«

»Da vorn ist Evelyn Moosbacher!«, schrie einer aufgeregt, woraufhin die Meute hastig abzog. Dr. Norden betrat mit einem Seufzen die Notfallambulanz. Er kannte Josef Moosbacher gut, war seit Langem mit der Familie befreundet. Der Absturz ihrer Privatmaschine war auch für ihn ein Schock. Nun wollte er sich über den Zustand der beiden Verletzten informieren. Dass der Pilot bereits an der Unfallstelle verstorben war, wusste er schon. Dr. Janssen kam dem Chefarzt entgegen und fragte: »Ist die Presse endlich weg?«

»Ja, aber ich fürchte, nicht für lange. Sie haben sich auf die ersten Angehörigen gestürzt, die gerade angekommen sind. Wie geht es den beiden? Wissen Sie schon was?«

Der junge Assistenzarzt schüttelte den Kopf. »Der Chef hat den jüngeren Verletzten noch hier. Wenn Sie wollen …«

Daniel Norden nickte. Als er den Schockraum betrat, meldete gerade ein schriller Dauerton einen Herzstillstand. Er trat an den Behandlungstisch, wo Dr. Berger sich anschickte, Markus Moosbacher zu reanimieren. Wortlos ging Dr. Norden ihm zur Hand. Nach wenigen Minuten mussten sie ihre Bemühungen allerdings einstellen. Bedrückt fragte Dr. Norden nach dem alten Moosbacher.

Dr. Berger schüttelte nur den Kopf. Er wirkte sehr müde und niedergeschlagen. »Schwester Inga, notieren Sie den Zeitpunkt des Todes«, murmelte er automatisch, dann verließ er den Raum.

Draußen atmete Erik Berger einige Male tief durch, wandte sich danach an Daniel Norden und fragte: »Könnten Sie mit den Angehörigen reden? Sie wissen ja, mir liegt das nicht so.«

»Ist gut, ich übernehme das.«

»Danke.« Dr. Berger nickte knapp und wandte sich dann ab. Er tat sich schwer damit, Gefühle zu zeigen, versteckte sie lieber hinter Zynismus und Spott. Doch gleich zwei Patienten auf einen Schlag zu verlieren, das setzte auch ihm zu.

Dr. Norden verließ die Notfallambulanz und ging in die Halle, wo Evelyn Moosbacher von den Journalisten belagert wurde. Ein etwas unscheinbarer Mann stand neben ihr und versuchte, alle neugierigen Frager abzuwimmeln.

»Kommen Sie bitte mit, Evelyn«, bat Daniel Norden, woraufhin sie dem Mann zunickte, der ihr wortlos folgte.

Im Büro des Chefarztes erklärte sie: »Das ist Dr. Matthias Petzold, der Geschäftsführer unserer Brauerei. Er war so nett, mich hierher zu begleiten. Wie geht es meinem Mann und meinem Schwiegervater? Wissen Sie schon etwas, Daniel?«

Dr. Norden bot seinen Besuchern zunächst Platz an. Er wunderte sich im Stillen darüber, wie gefasst Evelyn war. In ihrem puppenhaft schönen Gesicht zuckte kein Muskel, ihre rehbraunen Augen blickten ihn kühl, beinahe gelassen an. Er hatte aus langjähriger Erfahrung mit Angehörigen eigentlich etwas anderes erwartet. »Es tut mir sehr leid, aber wir konnten die Verunglückten nicht retten, ihre Verletzungen waren einfach zu schwer. Mein Beileid.«

»Beide – tot?« Ihre Stimme zitterte leicht, doch ihr Blick blieb ruhig. »Das ist schrecklich.« Sie schlug die Augen nieder und murmelte: »Ich muss sofort nach Hause. Elke …«

»Soll ich Sie begleiten?«, schlug Daniel Norden spontan vor. Josefs Tochter Elke war bei seinem Sohn Danny in Behandlung, deshalb wusste er, dass sie sehr empfindlich und nicht belastbar war. Sie litt seit geraumer Zeit unter nervösen Herzbeschwerden. Vater und Bruder auf einmal zu verlieren, würde sie umwerfen.

Evelyn dachte einen Moment lang nach, dann lehnte sie Dr. Nordens Angebot aber ab. »Ich werde Ihrem Sohn Bescheid sagen. Nichts für ungut, aber Elke hat großes Vertrauen zu ihm.«

Gleich darauf hatte sie sich schon verabschiedet. Dr. Petzold folgte ihr wie ein Schatten.

Als Katja Baumann, Dr. Nordens Assistentin, die Besucher hinaus brachte, betrat Felicitas Norden das Büro ihres Mannes.

»Fee, gut, dass du kommst.« Er atmete auf und legte einen Arm um sie. »Ich kann ein wenig Aufmunterung jetzt brauchen.«

Sie schaute ihn mit ihren erstaunlich blauen Augen aufmerksam an und fragte: »Schlimm?«

»Dass Sepp tot ist, daran muss ich mich erst mal gewöhnen. Er war ein wirklich guter Freund, wie du ja weißt. Seine Spenden für unsere Klinik, seine mitfühlende Art, sein Humor … Ich könnte noch stundenlang so weitermachen.«

»Du hast ihn sehr gemocht.«

»O ja, er war bodenständig und hatte zugleich einen Sinn für die feinen Zwischentöne. Nach dem Tod seiner Frau hat er sich zudem für die medizinischen Forschung eingesetzt. Er war ein Mann mit vielen Seiten.«

»Ja, ich erinnere mich noch gut daran, als wir ihn vor ein paar Jahren auf der Wiesn getroffen haben. Er konnte auch eine echte Stimmungskanone sein.«

Daniel lächelte. »Stimmt. Sein Bier war der Hit auf der Wiesn, er war wirklich sehr erfolgreich als Brauherr.«

»Vielleicht zu erfolgreich?« Fee machte ein nachdenkliches Gesicht. »Wie oft kommt es eigentlich vor, dass so ein kleines Flugzeug einfach abstürzt?«

»Du meins … Na ja, die Cessna ist eine der sichersten Maschinen. Und Sepps Pilot hatte viel Erfahrung. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass es etwas anders als ein tragischer Unfall gewesen ist.«

»Die Polizei wird es herausfinden.« Fee küsste ihren Mann zart auf den Mund. »Ich muss wieder auf meine Station. Bis später.«

Daniel Norden widmete sich ebenfalls seinen Aufgaben, die für einen Klinikchef und Chefarzt in Personalunion entsprechend vielfältig waren. Doch wirklich konzentrieren konnte er sich nicht darauf. Fees Andeutung ging ihm nicht aus dem Kopf.

Er hielt es nach wie vor für undenkbar, dass jemand Sepp und seinem Sohn nach dem Leben getrachtet hatte. Als sie sich das letzte Mal gesehen hatten – bei einer Spendengala zugunsten der Krebsforschung im vergangenen Herbst –, hatte der Brauherr angedeutet, dass die Ehe seines Sohnes nicht wirklich glücklich sei. Daniel war allerdings der Meinung, dass Sepp seine Schwiegertochter einfach nicht leiden konnte. Die unterkühlte Blondine war eben nicht jedermanns Fall. Von beruflichen Feinden hatte er allerdings nicht gesprochen.

Wie auch immer; Daniel beschloss, am Abend mit seinem Sohn zu telefonieren. Er wollte wissen, wie es Elke Moosbacher ging.

*

Das wollte auch Désirée Norden, als sie am Abend erfuhr, was geschehen war. Sie kannte Elke Moosbacher aus der Schule, das Mädchen war zwar zwei Jahre älter als Dési, aber sie hatten zusammen im Schulchor gesungen.

Beim gemeinsamen Abendessen im Hause Norden erkundigte Dési sich deshalb genau, was passiert war. Ihr Zwillingsbruder Janni beschwerte sich: »Nicht schon wieder blutige Schilderungen am Esstisch, dabei vergeht mir der Appetit. Könnt ihr das nicht bitte später besprechen?«

Alex, der Sohn von Daniels Cousin Michael, mischte sich ein und bat um eine genaue Beschreibung. Er wohnte vorübergehend im Hause Norden, bis er ein passendes Zimmer gefunden hatte, denn er wollte in München Medizin studieren.

»Nun hör aber auf«, rügte Dési ihn, denn Janni wurde bereits verdächtig grün im Gesicht. »Es geht hier doch nicht um medizinische Details, sondern um Leute, die wir kennen und mögen. Ich werde Elke in den nächsten Tagen mal besuchen. Bestimmt kann sie Beistand gebrauchen. Jetzt hat sie ja nur noch ihre Schwägerin, diesen Eisblock.«

»Evelyn ist tatsächlich ziemlich unterkühlt«, gestand ihr Vater ihr zu. »Sie war dermaßen gefasst, als ich ihr die schlechte Nachricht überbringen musste, wie ich es praktisch noch nie erlebt habe.«

»Dass ihr Bruder diese Zicke geheiratet hat, war für Elke ein ziemlicher Schlag«, wusste Dési. »Sie hat ja keine Mutter, die ist bei ihrer Geburt gestorben. Deshalb gab es da immer nur ihren großen Bruder und den Vater. Na ja, sie hat sich so was wie eine Ersatzmutter erhofft, als Markus geheiratet hat. Aber Evelyn? Die ist so mütterlich wie eine Klapperschlange.«

»Ich vermute, die ist ihren Kindern gegenüber schon mütterlich«, warf Janni ein. »Wenn sie aus dem Ei schlüpfen …«

Dési verzog den Mund. »Okay, Herr Professor. Tatsache bleibt aber, dass Evelyn ein kalter Fisch ist. Und Elke hockt jetzt ganz allein da, die arme Seele.«

»Hat sie keinen Freund?«, fragte Alex.

Dési hob die Schultern. »Nicht, dass ich wüsste. Sie ist ziemlich schüchtern. Obwohl, diesen Thomas, den neuen Braumeister, den mag sie, glaub ich, ganz gern. Sieht auch nicht schlecht aus, der Junge.«

Fee horchte auf. »So? Interesse?«

»Rein platonisch. Was soll ich denn mit einem Bierbrauer? Ich trinke nur grünen Tee. Außerdem würde ich Elke nie ins Gehege kommen. Wir sind schließlich Freundinnen…«

Später am Abend telefonierte Daniel dann noch mit seinem ältesten Sohn, dem Leiter der Praxis Dr. Norden. Dr. Danny Norden, der attraktive Allgemeinmediziner, dessen Charme auch den schwierigsten Patienten nicht unberührt ließ, und der ebenso engagiert und empathisch wie sein Vater war, freute sich, von diesem zu hören.

»Ich kann mir schon denken, warum du anrufst, Papa«, sagte er. »Der Flugzeugabsturz in Erding war sogar in den Lokalnachrichten.«

»Eine schreckliche Geschichte. Hast du dich um Elke gekümmert? Evelyn war bei uns in der Klinik. Sie meinte, sie würde dich gleich verständigen, wenn sie heimkommt.«

Danny seufzte. »Sie liegt flach, Schock. Ich habe sie behandelt und hätte sie lieber zu euch gebracht, aber Evelyn hatte was dagegen. Sie will Elke angeblich selbst pflegen. Sie meinte, das würde sie ein bisschen ablenken.« Er konnte nicht verhindern, dass der letzte Satz ironisch rüberkam. Daniel verstand seinen Sohn nur zu gut.

»Und darauf hast du dich eingelassen?«, wunderte er sich.

»Ich sehe morgen wieder nach ihr. Wenn ihr Zustand sich nicht stabilisiert, werde ich sie zu euch in die Klinik schicken.«

»Gut. Halte mich bitte auf dem Laufenden. Ich denke, wir sehen uns dann bei der Beerdigung.«

»Wenn ich es schaffe. Bin momentan ziemlich eingespannt. Aber du kennst das ja, Papa. Bei euch alles gesund und munter?«

 

»Glücklicherweise. Mama und die Zwillinge schicken Grüße.«

»Mit Dank zurück.« Er zögerte einen Moment und gab dann zu: »Ich bin froh, dass du dich gemeldet hast. Lach bitte nicht, aber es hat mir einfach gut getan, deine Stimme zu hören.«

Daniel lächelte. »Verstehe ich schon. Wenn so was passiert, wird einem bewusst, was man selber jederzeit verlieren kann.«

»Man sollte eben nichts im Leben zu selbstverständlich nehmen.« Danny gähnte verhalten. »Bevor ich zu philosophisch werde, lege ich lieber auf. Bis bald, Papa.«

»Bis bald. Und … schlaf gut.« Daniel Norden schüttelte leicht den Kopf. Wie lange war es eigentlich her, dass er das zum letzten Mal zu seinem Ältesten gesagt hatte? Und ihm dabei über den Kopf gestrichen hatte? Ganz nebenbei, denn das war schließlich über viele Jahre zum täglichen Ritual geworden. Nun war es Vergangenheit. Aus Kindern wurden Leute. Und Danny schlief schon lange ohne den väterlichen Segen ein. Eigentlich schade. Daniel Norden lächelte schmal und dachte: Nur nicht philosophisch werden. Dann erhob sich, knipste die Schreibtischlampe in seinem Arbeitszimmer aus und gesellte sich wieder zu seinen Lieben.

*

»Was willst du denn schon wieder hier? Elke schläft.« Evelyn musterte Thomas Walters kühl. »Bilde dir nur nicht ein, dass du dich jetzt hier breitmachen kannst, wo die Chefs weg sind.«

Der hoch gewachsene, junge Mann mit dem dichten, dunklen Haar und den klaren, grauen Augen lächelte spöttisch. Als er beim Kronenbräu angefangen hatte, war Evelyn hinter ihm her gewesen. So wie hinter jedem halbwegs passabel aussehenden Angestellten des Brauhauses unter dreißig. Es schien ihr Spaß zu machen, ihren Mann zu betrügen. Oder vielleicht war sie auch ganz einfach nur gelangweilt. Er wusste es nicht, und es war ihm im Grunde genommen auch egal. Thomas interessierte sich nicht für verheiratete Frauen. Und Evelyn hätte ihn selbst dann nicht gereizt, wenn sie frei gewesen wäre. Sie war kalt und egoistisch, hatte keine Moral und kannte keine Skrupel. Von solchen Frauen hielt man sich wohl besser fern, wenn man sein Leben halbwegs genießen wollte. Und das tat Thomas. Er liebte seinen Beruf, war Braumeister mit Leib und Seele. Und es hatte nicht lange gedauert, bis er sich in die zarte und bezaubernde Elke Moosbacher verliebt hatte. Um dem Ruch zu entgehen, er wolle sich nur ins gemachte Nest setzen, hatte er sich aber zurückgehalten und sich mit einer lockeren Freundschaft begnügt.

Seit er Evelyns Avancen zurückgewiesen hatte, war sie ihm spinnefeind. »Nicht jeder denkt immer nur an seinen Vorteil«, erwiderte er nun gelassen auf ihren Vorwurf und ging lässig an ihr vorbei, die gelaugte Holzstiege hinauf in den ersten Stock, wo sich Elkes Räume befanden. Evelyn blickte ihm wütend und abschätzig hinterher.

Leise betrat Thomas Elkes Schlafzimmer. Das Fenster war abgedunkelt, im Raum herrschte ein pastellenes Zwielicht. Elke lag im Bett, war aber wach. Als sie Thomas bemerkte, bat sie: »Setz dich zu mir, ich möchte nicht allein sein.«

In ihrer Stimme schwangen Tränen mit, wie stets, seit sie am Vortag die schreckliche Hiobsbotschaft erfahren hatte. Vorsichtig setzte der junge Mann sich auf die Bettkante, nahm Elkes Hände, die eiskalt waren, behutsam in seine und versprach: »Ich bleib, bis du ein bisserl schlafen kannst.«

»Danke.« Sie seufzte zittrig. »Ach, Thomas, ich kann’s einfach net glauben. Ist es denn wirklich wahr? Warum nur? Warum lässt der liebe Herrgott so etwas zu? Ich begreif’s nicht.«

»Ich auch net«, gestand er ihr aufrichtig. »Denk nimmer dran, versuch einfach, an etwas Schönes zu denken. Es hat keinen Sinn, wenn du dich quälst. Das hätte dein Papa net gewollt.«

Elke weinte leise. Thomas ließ ihr Zeit, bis sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, dann schlug er vor: »Heut Abend gehen wir ein bisserl raus. Net lang, der Dr. Norden kommt ja gewiss noch mal vorbei, um nach dir zu sehen, gelt? Aber du brauchst frische Luft. Es ist so schönes Wetter.«

»Ich weiß nicht recht. Ich bin so müde, fühle mich ganz schwach, so als ob ich keinen einzigen Schritt tun könnte.«

»Dann verschieben wir den Spaziergang auf morgen, ganz wie du magst«, sagte er langmütig.

»Wenn der Dr. Norden nachher vorbeikommt, frage ich ihn einfach, was er davon hält, einverstanden?«

»Freilich, das ist eine gute Idee. So machen wir es.«

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